Was ist neu

seltsam

  1. Gustaf

    I Gustaf trat aus dem Wald. Kurz war er geblendet. Von dem sonnengebleichten Weizen, der sich vor ihm erstreckte, und mit seiner vom Gestrüpp zerkratzten Hand beschattete er die Augen, seine müden Augen. Weiter, querfeldein, unter den Füßen knirscht das Stroh und am Himmel zerfasern die...
  2. Die Illusion, der Traum und die Wirklichkeit

    Ich öffne die Augen und sehe: nichts. Die Schwärze der Nacht hüllt sich um meinen Blick wie dunkler Samt, weich und warm. Ein behagliches Gefühl breitet sich in mir aus, obwohl ich heute alleine bin, meine Liebste weit entfernt von mir. Mein Herz gibt mir Kraft und ich sehne das Wiedersehen...
  3. Zwei Welten

    Sie schwebte durch die Finsternis, nur ein schwacher Lichtpunkt war zu sehen. Immer wieder gingen ihr die gleichen Bilder durch den Kopf: Der Freizeitpark. Die Achterbahn, der Looping. Lachende und schreiende Menschen. Alles stürzte zur Seite. Der Lichtpunkt wurde größer, schien näher zu kommen...
  4. Das Seil

    Er hatte den gebückten Gang jener Menschen, die innerlich gebrochen sind. Die Arme vor der Brust verschränkt, die Schultern nach vorne gezogen, die Schritte schwer, als schleppte er die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern. Der Mund bewegte sich unentwegt, eine Litanei, klagend und seufzend...
  5. Fließende Schatten

    Eine Stadt, die auf keiner Karte einen Namen hatte. Tim erwachte schwerfällig, sein Geist folgte träge. Seine Augenlider klebten aneinander, der Blick trüb und grau. Die Welt war zur Seite gekippt. Er leckte zögerlich über seine rissigen Lippen und schmeckte etwas Metallisches. Er roch alte...
  6. Schweigen im Wind

    Erstaunt verknotete sich mein Magen, als ich auf der Düne zum Stehen kam. Im kühlen Wind kniete eine Frau und wirbelte Sand in alle Richtungen. Mein Hund raste hinunter und tat es ihr gleich, aber ich wollte weiter gehen. Und bleiben. Auf einer Fläche so groß wie zwei Picknickdecken waren Löcher...
  7. Familienzeit

    Weihnachten mit der Familie Kühne. Ein großes Schweigen. Der Sohn starrt auf das Handy, die neue Freundin. Die Tochter starrt auf die Narben auf ihrem Unterarm, der Ex-Freund. Einzig die Mutter starrt die beiden an und kaut an den Fingernägeln. Seit er weg ist, läuft nichts mehr rund...
  8. Die Jagd

    Lussi steht am Dorfbrunnen und kaut auf einem Stumpen. Daneben Gander und Niederberger, unrasiert und in grünen Faserpelzjacken. Sie haben die Arme verschränkt. Ruth dreht den Kopf weg, als sie an ihnen vorübergeht. Warst du einkaufen?, ruft Lussi. Sie hebt die Papiertüten in die Höhe. Darf ich...
  9. Der Schlund

    Wie auf Schienen lenkte ich das Auto die Serpentinen hinunter und nur gelegentlich warf ich einen Blick auf meine Kollegin. Sie saß auf dem Beifahrersitz und studierte aufrichtig konzentriert die Broschüre der Fortbildung, die wir besuchen wollten – Palliativmedizin in der Neurologie. „Sonntag...
  10. Die perfekte Frau

    David zog seine Bifi unter dem Bett hervor, riss die Verpackung auf und verschlang den Inhalt mit zwei Bissen. Das war der schönste Moment des Tages. Manchmal versuchte er ihn lange hinauszuzögern, denn alles, was danach kam, war Langeweile. Seine Mutter musste den Verstand verloren haben, als...
  11. Notbewegungshelfer

    „Notbewegungshelfer“. Ich wiederhole das Wort auf meinem Passierschein innerlich mehrmals. Das bin ich jetzt also. Irgendwie entspricht das dem Hauptinhalt meines gesamten Berufslebens. Vom Grundsatz her betrachtet, helfe ich anderen Individuen dabei, sich zu bewegen. Nur hat sich die Anzahl der...
  12. Heimfahrt

    Da stand er, ganz einsam auf seine Rückkehr wartend. Der Blaue, er hatte tapfer ausgeharrt, während seine morgens noch rücksichtslos dicht gedrängte Nachbarschaft den Nachmittag hindurch immer gefräßiger werdende Betonlücken hinterlassen hatte. Spät abends im Laternenlicht erinnerte er Lars...
  13. Der Schuss

    Spät ist es geworden, beinahe zu spät. Die Sonne ging schon langsam unter und immer noch hatte er es nicht getan. Er schaute nach links und rechts. Keiner, der ihn beobachtete. Gut so. Unter Druck war er noch nie besonders effektiv. Sein Blick richtete sich wieder nach vorne. „Ruhig atmen“...
  14. Serie Doktor Brändli und das grosse Rennen gegen den wildgewordenen Suppentopf

    Doktor Brändli war heute schneller wach als sonst. Ihm war, als hätte er auch pfeilschnell geträumt. Er war noch ganz ausser Atem. Es war so ein Tag, an dem man das Gefühl hatte, der untergehende Mond - nein, der abstürzende Mond - hätte der aufgehenden Sonne einen Tritt versetzt und dabei...
  15. Roller

    Sonntag Morgen war immer gut. Man fand alles Mögliche, was die Leute bei der “Samstag-Shopping-Hektik” verloren hatten. Er war sehr früh auf den Beinen, schälte sich aus seinem Schlafsack unter der Brücke und begab sich auf “Schatzsuche”, noch bevor die Stadtreinigung anrückte und eventuell...
  16. Copywrite Treppe runter

    Als ich aus der Haustür trete, erstreckt sich unter mir ein Wald. Die Straße vor dem Haus, der Asphaltgeschmack in der Luft; sie sind verschwunden. Mir weht der Geruch von Sommerregen und Erde entgegen. Ich blinzle. So weit ich sehen kann, dicht bewaldete Berghänge, Dunstschleier, die in...
  17. Der letzte Tag

    Heinz Kasupke wachte auf. Das Morgenlicht, das durch das Fenster schien, war noch schwach, ließ ihn aber schon Konturen erkennen: den großen Schrank am Fußende, links daneben den Tisch mit den drei Stühlen. Er wusste, wo er sich befand und das beruhigte ihn. Heinz richtete sich auf. Der Rücken...
  18. Copywrite Ein Nachmittag aus dem Leben eines Chamäleons

    »Was in Bangladesch passiert, bekommt auch keiner mehr mit«, sagt Nick. »Wahrscheinlich nicht, ist kein Thema mehr«, antworte ich. »Hauptsache, wir können uns immer neue Klamotten kaufen. Woher die kommen und wie giftig das alles ist … Scheiß drauf, ist ja nicht bei uns, oder?« Wir sitzen auf...
  19. Der Walhai

    Julito spurtet zum Ufer. In der rechten Hand trägt er seinen Bambusstock, mit der linken umklammert er den Reiskuchen, den er am Abend zuvor vom Tisch stibitzt, eingewickelt und unter seinem Kissen versteckt hat. Am Ufer angekommen, atmet er tief durch. Er riecht das Meer, die Algen, das Salz...
  20. Schlaf ist heilig

    Es war Sommer und der grüne Bär Jojo hielt seinen nächtlichen Winterschlaf. Er war tief in die himmlische Umarmung des Schlafes versunken und träumte von einem Bett, das noch gemütlicher und einladender war als seines. Sein leises Schnarchen jedoch verstummte jäh, als ein wesentlich schrilleres...
Anfang Bottom