Was ist neu

sonstige

Genre: sonstige

  1. Die Stadt

    Ein sanfter Wind fährt über seine Haut – seine Gänsehaut. Dort oben auf der Dachterrasse steht er und blickt und lauscht in die Ferne, in die Stadt, ins Nachtdunkel, ganz allein. Er verschränkt seine Arme hinter seinem Rücken, schnauft tief ein, dann aus, und starrt ekstatisch dem Atemnebel...
  2. Pad Thai

    Ich kann meinen Blick nicht abwenden. Mit diesen kleinen Händen? Ich versuche mir das vorzustellen. Vincent hebt seine Dose Chang und prostet Atiwat zu. Er zeigt auf ein großes, ausgeblichenes Poster an der Wand. „Rama!“, ruft er und nickt lachend. „Rama, ja ja!“ Er prostet in Richtung des...
  3. H i e r

    . Ich habe doch die Stühle gar nicht aus dem Fenster geworfen. Sie will wissen, warum ich sie hinausgeworfen habe. Aber ich war das nicht. Aus welchem Grund sollte ich die hinauswerfen, frage ich sie zurück. Das weiß sie auch nicht, sagt sie. Jetzt gehe ich zurück ins...
  4. Die Entfernung

    Aoife gräbt. Den Mund hat sie mit einem Seidenschal bedeckt, ihre Hände sind geschwollen und voller Blasen. Ich sage, sie müsse aufhören, es seien zu viele. Darum geht es nicht, antwortet sie, weist mit der Schaufel zum Himmel. Wir sind Menschen, das dürfen wir nicht preisgeben. Ich nicke und...
  5. Sonntagsausflug ins All

    Wer als Kind in einer sehr beengten räumlichen Situation aufgewachsen ist, hat vermutlich zwei Möglichkeiten der Erinnerung. Für einige mag dieser Rückblick beängstigend, bedrückend und bis ins hohe Alter hinein bedrängend sein. Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein. So wie bei mir...
  6. Ragamuffin

    Wir fahren aus dem Stadtzentrum. Uptown tauchen Straßenlampen das Wageninnere abwechselnd in Licht und Dunkelheit. Zwischen meinen Füßen kullern Red-Stripe-Flaschen gegeneinander. Die Klimaanlage klappert. Atmet schalen Biergeruch und die abgestandene Luft eines heißen Tages. Anthony lässt eine...
  7. Nahe der Stromlinie

    Es ist mitten in der Nacht, als ein Erdbeben der Stufe 4,5 die isländische Halbinsel Reykjanes erschüttert. Wir liegen in unserem Zelt und schlafen. Bis zum nächsten Morgen. „Didn't you really notice that?“, fragt die Inhaberin des Campingplatzes, als wir in ihrem kleinen Café ein paar Waffeln...
  8. Wunden lecken

    Seit zwölf Jahren und dreiundvierzig Nächten schreibe ich kurze Geschichten. Es war die Nacht des Geburtstages meines Vaters. Am Schreibtisch hielt ich fest, was mir wichtig erschien: wie die Freunde meiner Eltern miteinander gesprochen hatten, welche Gebärden und Gesten sie dabei machten, wie...
  9. Endspurt

    Blaue Augen huschten unruhig durch die verregnete Gasse. Talems Finger tasteten nach der Glock in seinem Holster, während wir auf einer Bank sassen. Dabei verhielt sich die Menschenmenge wie üblich. Trostlos bahnte sie sich den Weg zwischen den baufälligen Häusern. Nichts deutete auf einen...
  10. Ausschnitt eines Abends

    „Ich geh nicht mit und damit Punkt“, sage ich. „Gut“, antwortet Michael, aber es ist kein wirkliches „gut“, es ist ein „gut“, das ihm Zeit verschaffen soll. Wir sitzen zusammen auf unserer kleinen Terrasse. Er auf dem Stuhl neben der Terassentür, ich rechts davon in unserem Acapulco Sessel im...
  11. Das Lied des Mihalis

    Der Ort, der Held und die Sache Auf der Insel Korfu, wo das Dorf Paleo Perithia an den Hängen des Pantokrators liegt, gibt es einen Pfad, der eine gute Wegstunde lang ist, der an Kalkfelsen vorbei und zwischen Dornenstauden hindurch zu einem schmalen Tal führt, in dem eine Wiese liegt und ein...
  12. Weltenbummler

    "Bumm bumm pow", sagt der Eritreer, und zielt mit seinen schmutzigen Fingern auf mich, als wären sie eine Pistole. Er lehnt in seinem üblichen Adidasanzug in der offenen Tür des Aufzuges und grinst. Obwohl es hier wie ïmmer nach Pisse, von Mensch oder Tier, stinkt, rieche ich auch seinen alten...
  13. Stachelig

    Als Kind fand ich im Herbstlaub vor dem Zaun einen Igel. Ich nahm ihn auf, legte seinen dichten Stachelpelz auf meine Hand, wiegte ihn sachte auf dem Rücken. Wenn ich stillhielt und eine Weile wartete, rollte er sich auseinander, Arme und Beine angelegt, Augen geschlossen, der weiche Bauch...
  14. Zwei Zigaretten in der Psychiatrie

    Sie sitzt auf roten Fliesen. Die einzelnen Kacheln sind genau genommen braunrot, weiße Striche unterteilen sie voneinander. Paulina sitzt mit dem Rücken zur Wand. Quasi parallel zur Ein- bzw. Ausgangstür. Auf dem „Laufsteg“ der Psychiatrie. Ein langer Weg, der von der Tür zur eigentlichen...
  15. Palmendieb

    Ich gehe durch die Straßen und schmatze mit den Lippen, um die Aufmerksamkeit der Kunden zu gewinnen. Es klingt wie früher, wenn Tante Amaia ihren feuchten, blutroten Mund auf meine Backe gedrückt hat, damit ich ein anständiger Junge werde, der sich auch genug anstrengt und sich ja von der...
  16. 23 Tage

    Tag 1: Ich habe aufgehört, mit irgendjemandem über meine Probleme zu reden, da sowieso alle schon genervt von mir sind. Mein Leben existiert nicht mehr, weil ich am Ende meiner Kräfte bin. Heute fange ich an, ein Tagebuch über meinen Untergang zu schreiben. Ich habe mich aufgegeben. Tag 2...
  17. Grand Bourdon

    Ich hörte das Klopfen an der Tür und blies die Kerze aus. Duchamps Schuhe klackerten auf dem polierten Holzboden. Sein Schatten bewegte sich im Licht der Laterne durch den Türschlitz, als er erneut klopfte. Diesmal mit Nachdruck. "Monsieur Walker, sind Sie da?", fragte er. "Monsieur Walker, ich...
  18. Schicksalsfäden

    Zwei Stühle waren es, die das Schicksal nutzte. Der erste ein schöner, handwerklich gelungen. Ein gefährlicher Stuhl. Die Rückenlehne und die geflochtene Sitzfläche hatten noch ausgesehen wie neu. Nur die Beine unter der Rückenlehne waren angebrochen, der Riss kaum zu sehen. Es hatte doch eine...
  19. Alaska

    Schnee ist laut, wenn es leise ist. Wenn es Nacht ist und kalt und nur ein bisschen Wind durchs Tal zieht, dann pfeift Schnee und weht und rieselt. In den schönsten aller Nächte ist er grün wie der Himmel und die Wipfel der Hemlocktannen. Es ist so still, dass die Schneewehe Spuren auf dem...
  20. Ella und Herbert

    Ella hob die Nase aus ihrem Versteck und schnupperte. Glücklich seufzte die Maulwurfmutter auf. Da waren die Grashalme, ganz nah und noch mit Perlen behangen vom Tau des jungen Tages. Die Süße des Lavendels sowie würziger Thymian. Und über all das legte sich der Duft der Rosenbüsche wie eine...
  21. Frau Epoillak

    Ich strich mit der Handfläche über den Buchdeckel, veränderte die Geschwindigkeit und erzeugte so ein Geräusch, das an das Anrollen und Brechen von Wellen erinnerte. Leise und sanft. Die Schramme bildete einen Kontrast zur glatten, kühlen Oberfläche. Ich öffnete die Augen und las den in oranger...

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