Was ist neu

Landung auf dem Alex

Mitglied
Beitritt
11.07.2021
Beiträge
304
Zuletzt bearbeitet:

Landung auf dem Alex

Ich mag kein Science Fiction. Wenn man sowieso schon die Scheiße am Kochen hat, baut mich eine Story, wo ein Meteorit auf die Erde zurast auch nicht gerade auf.
Aber genauso ist es geschehen. Ein Meteorit traf die Erde und alles wurde vernichtet außer...

Eine Stadt blieb erhalten. Ihr könnt euch schon denken, welche ich meine. Nur ein gewisses B an der Spree blieb verschont. Ein paar Städte im Speckgürtel waren auch unversehrt geblieben. Aber spätestens bei Fürstenwalde fing jetzt der Ozean an, der den ganzen Erdball bedeckte.

Der Planet Erde wurde vom Planeten B abgelöst, ein dicker, frecher, wichtigtuerisch aufgeblähter Planet, der ständig von seiner Umlaufbahn abwich und Kapriolen schlug.

Das gut daran war, dass der B-liner jetzt nicht mehr in überfüllten Zügen an die Ostsee fahren musste. Jetzt konnte er sich schon in Nauen auf seinem ersehnten Meeresstrand räkeln.

„Wovon ernähren sich denn die Bewohner?“, interessiere ich mich. Natürlich vom Fischfang. Sushi wurde ein Grundnahrungsmittel wie früher in Japan, als es noch nicht am Grund des Ozeans lag. Der Speiseplan sah jetzt ungefähr so aus: Breakfast: gedörrte Algen; Mittags: Seeteufel in Aspik. Abends gab es Brathering und Haifischflossensuppe.

Jetzt waren die B-liner endlich das, wofür sie sich schon immer gehalten hatten, der Mittelpunkt der Welt.

Und waren jetzt etwa alle traurig und am Boden zerstört? Im Gegenteil. Alle waren mopsfidel.

Die Kosmonauten von der CSS hatten das Unglück natürlich auch überlebt. Als sie zurückkamen, mussten sie aus Platzmangel auf dem Alex landen.
Als der Erste aus seiner Raumkapsel kullerte, hielt ihm ein Straßenzeitungsverkäufer die neueste Ausgabe hin. „Leider habe ich kein Geld bei. Nimmst du auch Mondgestein?“ „Nehme ich, immer her damit.“ Beim Latte Macciato-Stand hatte er leider nicht so viel Glück. Und dabei hatte er schon ein anderthalb Jahre keinen Kaffee mehr getrunken.

Dort wollte man Bares sehen. „Wollen sie grande?“ „Was heißt hier grande. Ich will normale“, wunderte er sich.
Die Antwort kam prompt: „Das macht drei neunundneunzig.“ Da waren die Preise inzwischen in astronomische Höhen geklettert.
Als er losgeflogen war, hatte der Latte noch bei zweizwanzig gelegen.

„Wann soll denn das gewesen sein? Vielleicht siebenundfünfzig“, wundere ich mich. „Siebenundfünfzig gab es noch gar keinen Latte in Deutschland. Den lernten die Leute erst durch das Wirtschaftswunder kennen, als sie sich ein Auto kaufen konnten und damit nach Italien fuhren“, bekomme ich als Antwort. Jetzt wollten alle nur noch so ein neumodisches Gesöff trinken, und Omas Kaffeekanne von Kaiser´s, die mit dem blauen Muster, war passé.

Jetzt waren die B-liner allein im All, aber sie machten sich keine Gedanken über Stringtheorie, Rotverschiebung oder Grünverschiebung, und auch schwarze Energie und schwarze Materie bekümmerte sie wenig. „Ich globe bloß, was ich sehe“, diesen Satz legte schon Kurt Tucholsky oder war es Brecht Herrn Keuner in den Mund.

Entschuldigung, Herr Tucholsky, das habe ich mir eben gerade ausgedacht.

Da traf es sich gut, dass es schon von alters her so üblich war, dass B die hervorragendsten Geister Deutschlands, ach was sage ich, der ganzen Welt, beherbergte. Jeder Zweite, dem man auf die Schulter klopft, ist hier ein Hölderlin, jeder Dritte ein Immanuel Kant.
Andere Städte haben schon immer neidisch zu uns rüber geschaut ob der geistigen Höhen, auf denen wir uns hier bewegen.

Sogar den Münchenern, die im Café Stefanie saßen, das schon Stefan George beherbergte, war klar, dass sie der überbordenden Konkurrenz der Berliner Intelligenz nicht gewachsen waren, und ihr nichts aber auch gar nichts entgegenzusetzen hatten.

Berlin war zu einer Arche Noah geworden, die in den Unendlichkeiten des Ozeans schipperte, beladen mit der Creme de la Creme der Menschheit. Auf das sie den Kern für eine neue Zivilisation bildete, wenn das Wasser irgendwann mal abtrocknete.

 

Hehe, ja, fand ich witzig. Ich mag den Text, auch wenn ich bei Satire echt picky bin. Zwei Sachen, keine Ahnung, ist wahrscheinlich Geschmacksfrage. Das mit dem Latte ist mir zu erwartbar. Das ist einfach DAS Berlin-Cliché :lol: bzw. eigentlich ja der Flat White oder Matcha Latte. Oder das Thema Milchersatz. Die zweite Sache: Am Ende ist das schon einiger essayistisches Literaturtalk. Das ist Geschmacksfrage, denke ich.
Insgesamt gerne gelesen und geschmunzelt. Ich mag die Seitenhiebe, aber auch den deutlich wohlwollenden Blick auf die B-Liner. Eigentlich eher eine Hommage, die dann aber statt der Kaffeesache für mich noch andere Attribute finden könnte. Meine fünf Cent 💶

 

Hallo @Carlo Zwei ,
freut mich, dass Du mit dieser Art von Humor etwas anfangen kannst.
Das mit dem Latte lasse ich natürlich. Gilt ja als Symbol für Berlin. Warum eigentlich? Wird dieses Getränk nur hier so hochgehalten? Mir schmeckt er jedenfalls. Wird aber von bestimmten Prenzlauer Bergern völlig abgelehnt. An einem Intellektuellencafé hängt ein Schild, dass sie sich davon distanzieren. Nur Kaffee pur. Ich glaube, dass war das BAIZ in der Schönhauser, der Nachfolger von dem Café von Bert Papenfuß.
Mit dem holperigen Ende gebe ich Dir recht. Das war von Anfang an mein Problem. Mir ist regelrecht der Ideenfaden abgerissen. Außerdem wollte ich den Bayern mal zeigen, wo hier in Punkto Kunst der Hammer hängt. Natürlich in B. Scherz. München war ja in Vorkriegszeiten ein ähnliches Zentrum für Dichter und Maler wie Berlin. Heute auch noch? Die Künstler können sich doch die Mieten nur schwer leisten. Ich war da noch nie. Habe bloß viel darüber gelesen. Leonhard Frank: "Links, wo das Herz ist". Daher ist mir das Café Stefanie ein Begriff. Daran ist wohl kein schreibender Bajuware vorbeigekommen.
Gruß Frieda

 

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom