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Atemgrenze

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15.06.2024
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Atemgrenze

An den windigen Tagen war immer eine Bewegung in den biegsamen Stämmen der Weiden. Es sah aus, als würden sie im Kreis um den Teich herum tanzen. An den feinen Astspitzen berührten sich ihre Schatten. Ein Rauschen ging durch die Blätter und die Wasserläufer spreizten ihre langen Beinchen weiter ab, um nicht davongeblasen zu werden. Meistens bewegten sie sich kaum. Wie Spinnen in ihren Netzen warteten sie darauf, dass ein Insekt ins Wasser fallen würde. Du meintest, sie würden die Schwingung spüren auf der Oberfläche des Wassers und so auf ihre Beute aufmerksam werden. Von dir weiß ich, dass Wasser eine Haut hat und dass wir sie nicht berühren können mit unseren Menschenfingern, nur die Wasserläufer können das mit ihren feinbehaarten Beinchen, von denen das Wasser abperlt in mikroskopisch kleinen Tröpfchen.

„Diese Fliegen machen mich wahnsinnig“, sagt sie. Eine von uns beiden sagt es immer. Immer dann, wenn uns die Worte fehlen und die Reibungsgeräusche der aneinanderschlagenden Flügel den Raum erfüllen, murmelt eine von uns beiden, wie unerträglich doch diese verdammten Fliegen sind. Dass sie einen in den Wahnsinn treiben, wie sie sich gegen das Fenster werfen, wieder und wieder, immer langsamer, bis ihnen die Kraft ausgeht. Dann ist es leicht, sie zu fangen.

Mommo packt eine von ihnen am Flügel und legt sie in eines der offenen Fangblätter der Venusfliegenfalle. Die Fliege ist zu klein und ihr Zucken zu schwach, um die Falle auszulösen, also tippt Mommo mit dem Finger gegen die Fühlhärchen der Pflanze.

Die meisten der Fallen sind bereits geschlossen. Wenn man den Finger darauflegt, kann man auf den Blattlappen noch die leichte Vibration eingeschlossener Flügel spüren. Mommo hat mir verboten, die toten Fliegen, die sich nach und nach am Fensterbrett sammeln, ins Aquarium zu werfen. An den Flügeln haften Krankheiten, sagt sie und wäscht sich die Hände, bevor sie eine Handvoll Futterflocken auf die Wasseroberfläche streut. Flocken, die aussehen wie winzige, hauchdünne Laubblätter, rot, orange und gelb. Nach wenigen Sekunden werden sie grau und sinken. Sobald die Fische die letzten Reste verschluckt haben, wird das Wasser wieder kristallklar. Doch Mommo legt den Kopf schief, kneift die Augen zusammen. Für sie verschwindet der trübe Schleier im Wasser nicht. Ich weiß, je länger sie hinsieht, desto deutlicher kann sie ihn sehen, wie er sich langsam ausbreitet, alles berührt. Ich merke, wie ihr Körper sich anspannt, bis sie die Schultern sinken lässt, schnaufend. Wieder und wieder muss alles von vorn beginnen. Vom Balkon hole ich Schlauch und Kübel – sie liegen dort, um zu trocknen, doch sie trocknen nie –, lege beides vor Mommos Füßen ab. Sie klappt den Deckel auf, taucht das eine Schlauchende in das Aquarium, das andere Ende umschließt sie mit den Lippen, saugt daran. Wenn ich Mommo beobachte, kommt es mir vor, als wäre jeder ihrer Handgriffe bereits vorgezeichnet in der Luft. Alle Handgriffe sind vorgezeichnet in der Luft, auch meine. Wir können uns ihnen nicht entreißen. Wir sind nicht wie du.
Bevor das Wasser in ihren Mund strömen kann, hört Mommo auf zu saugen und lässt den Schlauch in den Kübel sinken. Er windet sich anfangs ein bisschen, wendet den Kopf träge in alle Richtungen, wie eine Schlange. Das Wasser fließt ab und die Fische sinken langsam, als würden sie plötzlich schwerer werden. Dann klemmt Mommo den Schlauch ab und der Wasserspiegel kommt etwa zwei Handbreit über dem Grund zum Stillstand.

Ich trage den vollen Kübel ins Badezimmer, kippe den Inhalt in die Badewanne. Während ich neues Wasser einfließen lasse, drehe ich den Hebel erst für eine Weile bis zum Anschlag nach links, dann bis zum Anschlag nach rechts. Mit den Fingern mische ich kaltes und heißes Wasser, bevor ich das Thermometer in den Kübel tauche. 26 Grad sollen es sein. Glaswelse seien sehr empfindlich, meint Mommo. Wenn die Temperatur nicht genau stimmt, schickt sie mich zurück ins Badezimmer.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer bemerke ich, dass der Kübel irgendwo undicht ist. Eine Spur zieht sich durch das Zimmer, am Boden vermischt sich das Wasser mit dem Schmutz, grünliche Schlieren schwimmen darin. Im Zimmer riecht es nach Algen und noch nach etwas anderem. Fliegen setzen sich auf schmutziges Geschirr, tauchen ihre Saugrüssel in die Essensreste. Ich stelle den Kübel vor dem Aquarium ab. Mommo taucht prüfend den Finger ins Wasser, nickt und beginnt, es mit einer Kelle ins Aquarium zu schöpfen. Langsam kehrt wieder Leben in die Fische, während der Wasserspiegel steigt und sie an Raum gewinnen. Mommo verfolgt ihre Bewegungen, verschüttet Wasser, ohne es zu merken.

„Mommo“, sage ich. Es dauert eine Weile, bis sie reagiert: „Hm?“ „Mommo. Schau dich um. Siehst du nicht, wie es hier aussieht?“ Sie antwortet nicht, dämmert langsam weg, während sie Wasser aus dem Kübel schöpft, diese dumme Aufgabe verrichtet, die nach tausendfacher Wiederholung nicht mehr ihrer geistigen Anwesenheit bedarf. Ich überlege kurz, beginne damit, den Tisch abzuräumen, um die verschmierte Kunststoffplatte abzuwischen. Wohin nur mit all den Dingen, die nirgendwohin gehören? Mommo stellt sich mir in den Weg, nimmt mir einen alten Teller aus der Hand und legt ihn zurück. Sie sieht mich an, kurz wird ihr Blick so weich, wasserweich, dass ich es nicht aushalte und zu Boden schaue, zu den Lachen, im weißen Licht der Zimmerlampe schimmern. „Ach du“, sagt sie, streichelt meine Wange. „Es hat doch keinen Sinn.“ Zitternd hält sie mir den halbvollen Kübel entgegen und bittet mich, etwas heißes Wasser nachzufüllen, damit die Temperatur wieder stimmt. Sie wechselt das Wasser jeden Tag, manchmal mehrmals hintereinander, und ich weiß, alles, was sie tut, tut sie aus Angst. Du weißt, alles, was wir tun, tun wir aus Angst.

Gelegentlich schickt sie mich in die Tierhandlung. Bis ich mit dem Bus in der Stadt bin und wieder zurück, vergeht fast ein ganzer Tag, und ich freue mich über diese Ausflüge, die mir für einige Stunden auf andere Gedanken bringen. Ich weiß, auch du freutest dich immer, wenn wir Mommo begleiten durften, um Fischfutter, Filterwatte und Seemandelbaumblatt-Extrakt, dieses bitter riechende Zaubermittel, zu besorgen. Staunend standen wir vor der Aquarienwand und bewunderten die bunten Fische. Sie erinnern mich an Öl in einer Lavalampe: wie sie, in Erwartung, gefüttert zu werden, aufstiegen, sobald man sich der Scheibe näherte. Du zogst an Mommos Ärmel und betteltest darum, dir einen Fisch aussuchen zu dürfen, nur einen, einen kleinen wenigstens, doch Mommo erlaubte es dir nie. Neue Fische bedeuteten ein Risiko für das bestehende System: eingeschleppte Krankheiten, Revierkonflikte. Außerdem, meinte sie, hätte sie bereits mehr als genug Fische. Fast jeden Monat legten ihre Glaswelse Eier. Sie hafteten an Pflanzen und Steinen und waren mit bloßem Auge kaum erkennbar, nur Mommo entdeckte sie. Bereits acht Jahre alt wären die ältesten Fische im Schwarm, behauptete sie, nicht ohne Stolz. Acht Jahre: älter als ich damals war und fast so alt wie du.

Es fing an mit einem einzigen gelben Punkt etwas unterhalb der Kiemen: Der Glaswels – Mommo meinte, es wäre eines ihrer ältesten Männchen – sank auf den Grund des Beckens und fraß kaum noch, bis die anderen Fische begannen, an seinen Flossen zu zupfen. Es dauerte einen halben Tag und eine Nacht, bis sich die Punkte auf dem Körper des Fisches ausbreiteten. Mommo entdeckte sie auch auf den Kiemen und Flossen der anderen Fische, immer mehr, je länger sie durch die Scheibe blickte. Die Fische reagieren empfindlich auf die kleinste Veränderung, meinte sie, auf Veränderungen, die so klein sind, dass kein Mensch sie wahrnehmen würde. Auch sie wusste nicht, woran es lag. In der Nacht hörten wir, wie sie weinte. Es war das erste Mal, dass wir Mommo weinen hörten. Und ich weiß noch, dass ich zu dir unter die Decke kroch. Dass wir uns gänsehäutig aneinanderschmiegten. Auch ich habe damals geweint. Nicht wegen der Fische, sondern wegen Mommo. Am Morgen wirkte sie gefasst. Mit dem kleinen grünen Nylonnetz fischte sie den Todgeweihten aus dem Wasser und legte ihn auf ein Schneidbrett. Und ich sah weg und hielt mir die Ohren zu, um den Schnitt nicht zu hören. Ein einziger wasserdünner Blutstropfen schimmerte auf der Messerklinge, als Mommo sie gegen das Licht hielt.

Sie begann, das Wasser öfter zu wechseln. Manchmal stand sie mitten in der Nacht auf und wir wurden geweckt vom Brausen des Wasserhahns, wenn sie wieder den Kübel auffüllte im Badezimmer. Je klarer das Wasser im Aquarium wurde, desto durchsichtiger wurden auch die Glaswelse, und desto mehr muss man sich anstrengen, um sie zu sehen. „Ich verstehe das nicht“, sagtest du zu Mommo. „Weshalb tust du dir das an? Wozu dieser ganze Aufwand, wo doch deine Fische fast unsichtbar sind?“ Zierfische seien immerhin dazu da, dass man sie ansehe, meintest du. Doch Mommo hörte dich nicht. Sie tauchte beide Hände ins Wasser und schloss die Augen, während der durchsichtige Schwarm durch ihre Finger glitt. Ich bemühte mich, das Wasser, das sie rund um das Aquarium verschüttete, mit einem Handtuch aufzuwischen, trug den schweren Kübel für sie, wenn ihr Rücken schmerzte, doch du weigertest dich, ihr bei dieser sinnlosen Aufgabe in irgendeiner Form behilflich zu sein.

Es ist schlimmer geworden, seit du nicht mehr bei uns bist. Ich weiß nicht, wie lange sie die Wohnung schon nicht mehr verlassen hat. Manchmal versuche ich, sie zu einem Spaziergang zum Teich zu überreden. Ich sage ihr, dass ich ihr die Wasserläufer zeigen möchte. Dass es dort auch Fische gibt. Aber sie ist nicht zu überreden. „Du solltest da nicht mehr hingehen“, sagt sie, und ich nicke, „Ja“, sage ich. „Ich weiß. Aber.“ Während ich mir die Schuhe schnüre, sieht sie mich an, wie sie dich immer angesehen hat, mit diesem sorgenvollen Blick, in dem zugleich ein stiller Vorwurf ist. So viel Zeit ist inzwischen vergangen, auch wenn ich mich kaum erinnern kann an die Zwischenzeit.

Die Fische im Teich sind nicht zu vergleichen mit den durchsichtigen Fischen in Mommos Aquarium, obwohl auch sie unsichtbar sind. Die Fische im Teich haben die Farbe des trüben Wassers angenommen. Ich denke an den weichen Schlamm in ihren Bäuchen, ihre glitschigen Körper, den Schauder, den sie mir über den Rücken jagten, wenn sie meine Beine streiften unter Wasser. Aber ich habe nie mehr als ihre Umrisse gesehen, und auch du konntest mir nicht sagen, wie sie aussehen. Wenn man unter Wasser die Lider öffnet, könne man nicht einmal die Hand vor Augen erkennen, meintest du. Ich mochte dieses dunkle Wasser nicht, in dem sich selbst bei Tag ein dunkler Himmel spiegelte. Die Sonne verwandelte sich darin in einen Mond. Und ich starrte ihn an, den Wassermond im Spiegel, während ich darauf wartete, dass du auftauchen würdest. Ich wusste, etwas gab es da unten, das eine Anziehungskraft auf dich ausübte. Wie lange kann ein Mensch die Luft anhalten?

Dann plötzlich zerbarst der Spiegel und du tauchtest direkt vor mir auf: dein Körper voller Schlamm, Algen im Gesicht, die kurzen Haare klebten dir auf der Stirn, brüllend formtest du die Hände zu Klauen. Ich schrie hell auf und spielte Entsetzen vor, um dich nicht zu enttäuschen, während ich heimlich aufatmete. (Ich bin eigentlich nie schreckhaft gewesen, weißt du? Angst bekomme ich nur, wenn es zu lange still ist.

Du lehntest das Handtuch ab, das ich für dich bereithielt. Der Schlamm würde nur Flecken verursachen, sagtest du, und wälztest dich stattdessen wie ein Tier im Gras, bis der gröbste Schmutz sich von deiner Haut gelöst hatte. Mommo hat sich Sorgen um dich gemacht, weil du, wie sie sagte, immer eine Neigung dazu hattest, die Welt zu vergessen. Aber du meintest, die Welt zu vergessen sei eine gute Sache. Dann zwinkertest du ihr zu und küsstest sie auf die Wange, während sie müde den Kopf schüttelte.

Es ist merkwürdig, früher wusste ich immer, was du sagen würdest, so, als wärst du anwesend in meinem Kopf. Seit du nicht mehr da bist, trage ich dein Schweigen in mir.

Als du dich neben mich ans Ufer setztest, sagte ich dir, ich würde Mommo verstehen. Dass auch ich mir Sorgen machte, du würdest verschluckt werden von diesem dunklen Wasser, doch du hast uns beide ausgelacht. Du hast darüber gelacht, wie ähnlich wir uns sind, Mommo und ich. Es ärgerte mich. Ich wusste, dass du recht hattest, doch ich wollte nicht wie Mommo sein. Lieber wollte ich sein wie du. Also beschloss ich, mir keine Sorgen mehr zu machen um dich. Aber immer, wenn ich dir dabei zusah, wie du den Teich betrachtetest, diesen Geruch so tief einsogst, als hättest du tatsächlich eine Sehnsucht danach, verschluckt zu werden, zog sich etwas in meiner Brust zusammen. Du legtest dein nasses Gesicht auf meinen sonnenwarmen Bauch, und ich ekelte mich ein wenig vor dem fischigen Geruch, den deine Haare verströmten, und vor den kleinen Algenfetzen, die darin trockneten. Dann bist du eingeschlafen. Und wenn du die Luft anhieltest im Schlaf, wusste ich, dass du wieder vom Tauchen träumtest. Bis zur Atemgrenze bist du getaucht. Bis zur Atemgrenze und darüber hinaus.

Die offenstehenden Fangblätter der Venusfliegenfalle sehen aus wie die weit aufgerissenen Schnäbel hungriger Nestvögel, aber still. Manchmal streue ich heimlich ein paar von Mommos teuren Fischfutterflocken hinein und tippe gegen die Fühlhärchen, damit sich die Fallen für ein paar Tage schließen. Weißt du, eigentlich bin ich froh über die Fliegen. In der Stille, die nach ihrem Verschwinden einsetzen wird, würde man noch viel schneller wahnsinnig werden. Nur merken werden wir es vielleicht nicht mehr. Es wird ein stiller, unsichtbarer Wahnsinn sein.

Ich weiß nicht, wie es mit Mommo weitergehen soll. Sie ist alt geworden, älter als sie in Wirklichkeit ist. Und weiß ist sie geworden, als würde Kreidestaub sie umschweben. Manchmal will ich etwas sagen und bringe kein Wort heraus, doch ich weiß, dass sie meine Lippen liest, ich weiß, dass sie mehr über mich weiß, als ich ihr zumuten kann. Jede Zärtlichkeit zeichnet sie mit Kreidestaub auf meine Haut, wenn ich mich am Abend zu ihr setze nach getaner Arbeit. Manchmal schließt sie ihre Finger um meine, und ich wundere mich darüber, wie leicht ihre Hand ist, federleicht. Während sie mit dem Daumen über meinen Handrücken streicht, immer und immer wieder, sage ich ihr, dass alles gut wird. Wieder und wieder sage ich es ihr. In unseren Ohren mischt sich das Surren der Filterpumpe mit den leiser werdenden Geräuschen der Fliegen und Mommo schließt die Augen. Das Wasserlicht spiegelt sich auf ihrer Wange. Schön ist das Aquarium in der Nacht, wenn die Fische schlafwandelnd ihre Bahnen um sein blaues Herz ziehen.

Um 22 Uhr schaltet sich das automatische Licht aus. Ich berühre sie vorsichtig an der Schulter: „Mommo, es ist schon spät.“ Sie lächelt, als hätte sie bereits geträumt, blinzelt schläfrig. Ich führe sie ins Bad. Während sie sich die Zähne putzt, gehe ich noch einmal ins Wohnzimmer zurück und öffne die Balkontür. Wegen des verschütteten Wassers riecht der Wohnzimmerteppich nach Moos und nach Algen und ich muss an den Teich denken. In der kalten Nachtluft, die hereinströmt, intensiviert sich der Geruch. Wie ein Gespenst kommt er später, wenn ich nicht schlafen kann, zu mir ins Zimmer und ich atme tief, um es ganz nah an mich zu lassen. Auch wenn ich Angst vor ihm habe.

Ich habe dir versprochen, keine Angst zu haben.

 

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