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Beim Besuch der Toten

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06.02.2021
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Beim Besuch der Toten

Der Aufzug rauscht schleifend in die Tiefe. Kurz schliessen sich meine Augen. Als sie sich erneut öffnen, hat sich nichts geändert. Meine Hoffnung in eine andere Realität gerutscht zu sein, hat sich nicht erfüllt. Der rundliche Mann mit dreitage Bart steht immer noch in seiner blauen Montur neben meinem Bruder und blickt wartend vor sich hin. Er ist mir nicht unsympatisch und doch würde ich ihn gerne eintauschen. Ich will ihn nicht, sagt meine Innerstimme, denn in seiner Anwesenheit spiegelt sich mein Grund hier zusein wieder. Meine Finger fummeln an dem Reisverschluss meines Winteranoraks herum, krabbeln ständig, wie zwei verstörte Tier, auf und ab.
Ich bemerke ein Klopfen, schon ziehen sich die Türen zurück, geben uns den Weg frei und wir treten in die weiten Gänge des Kellers hinaus. Verbrauchte Luft strömt uns entgegen. Der Linoleumboden zieht mit jedem weiteren Schritt unter unseren Füssen vorüber. Ich konzentriere mich auf das Muster möchte vergessen, dass unsere Schritte unsicher und unstet sind, als ob sie jeden Moment abbrechen müssten. Ich kämpfe dagegen an. Wir kommen nur langsam vorwärts.
Der Mann in Blau lässt sich nicht beirren, überwindet das Zögern, reisst eine Tür auf und bittet uns herein. Stühle stehen in Reih und Gleid. Kein Tisch, dafür eine weisse Vase mit einer einzigen Blume in der Mitte.
»Heute müsst ihr nicht warten, … nein, ihr könnt geradewegs mitkommen«, ruft er mit gedämpfter Stimme und einem fernen Akzent, der mich aufhören lässt. »Kein Hindernis, keine Zeremonie.«
Wortlos nickend folgen wir ihm in den dahinterliegenden Raum mit den zwei langen Fünferreihen von weißgrauen Klappen. Beim Eintreten sehe ich innere Bilder von Inspektoren beim gerichtsmedizinischen Begutachten von Leichen. Plötzlich fühle ich mich wie in einem Film. In weite Ferne gerutscht, ohne Körpergefühl, stolpere ich ein paar Schritte vor. Ein Frösteln streicht über meine Haut. Die Stille steht und ist zum Greifen festgefroren. Die vorherrschende Kälte wirkt erstickend. Ein Würgreiz stellt sich ein. Ich öffne den Reißverschluss, ringe nach Atem. Mein Bruder tritt näher heran und der Bärtige sucht auf den Namensschildern neben den Klappen nach meiner Mutter, greift sich unruhig ins Gesicht. Er stockt, scheint sie gefunden zu haben. Kurz zieht er am Griff. Mit einem Klack springt die Klappe auf. Eine Bahre gleitet heraus und kommt auf ihn zu. Er weicht zurück, tritt zur Seite. Zwei Stützfüsse klappen aus und laufen mit gedämpften Gummirollen über das Linoleum, bis der ganze eingewickelte Körper aus der Kammer in den Raum hinein gerollt ist und vor uns liegen bleibt.
Der Pfleger geht an das Ende beim Kühlfach und schlägt mit ruhiger Hand das Tuch zurück. Ich stolpere näher, mein Bruder tritt hinter mir heran. Ich höre seinen Atem in meinem Nacken. Automatisch beuge ich mich nach vorne. Mutters Gesicht, blass und wächsern, gleitet in mein Blickfeld. Starr und ohne Zahnprothese klafft mir ihr Mund, mit den zwei erhaltenen unteren Schneidezähnen, entgegen. Meine Rechte fährt über das Tuch. Ich erschrecke, fühle ihren kalten, leblosen Körper unter dem Stoff. Alles in mir sträubt sich gegen meine Wahrnehmung. Plötzlich ist mir kalt. Alles verschwimmt. Ihr Gesicht schwappt mit dem weißen, formlosen Körper auf und ab, beginnt sich zu drehen und dann zu tanzen. Tränen sammeln sich, lösen sich und fallen aus meinen Augen. Dick und unaufhörlich stürzen sie dem weißen Tuch entgegen. Ich sehe mich in der Zeit versetzt. Durchlebe erneut den Tag des Infarkts, sehe mich bei Mutter ankommen, das Gepäck im Flur abstellen und hinüber in ihr Zimmer eilen. Ich finde sie schwer atmend im Bett liegend. Mit einer dünnen Stimme klagt sie über Übelkeit und Sodbrennen. Ich komme auf sie zu, begrüße sie. Da überfällt mich eine sonderbare Müdigkeit, bringt mich ins Schwanken. Abgeschlagen bleibe ich am Fußende ihres Bettes stehen.
Woher kam diese Müdigkeit? Frage ich mich jetzt. Hatte ich sie aus dem Zug mitgebracht oder mir durch das frühe Aufstehen eingefangen?
Jetzt stehe ich bei ihrem Leichnam und streichle ihren kalten Körper. Wie konnte es so weit kommen ?
Was war an dem Tag passiert ? War es die Ankunft bei der Kranken, die mir alle Kraft raubte und mir die Möglichkeit, die Situation richtig einzuschätzen nahm?
Kurz ließ ich mich auf Mutter ein, machte Tee und massierte sie, besorgte eine Creme gegen Muskelschmerzen in der nahen Apotheke. Mit dem Schwur, wenn es ihr später nicht besser ginge, zu ihr zurückzukehren, verließ ich das Haus. Unterwegs jedoch konnte ich ihren beunruhigenden Zustand nicht vergessen. Ihre Krankheit hallte nach, ließ mich nicht los, beschäftigte mich während des ganzen Treffens. Wie vereinbart rief ich sie an, hörte meine innere Stimme, darauf pochen, mein Versprechen einzulösen, falls es ihr nicht besser ginge zu ihr zu fahren.
Noch jetzt höre ich mich vehement sagen: „Das hat doch noch Zeit, Mama, … das ist noch nicht so weit, jetzt noch nicht, nein, das auf keinen Fall.“ Das waren damals meine Worte, die ich am Telefon an meine Mutter richtete als ich mit der Freundin und all den Passanten wartend am Bahnsteig stand. »Warum kann ich nicht einfach einschlafen wie dein Papa?«, hatte sie gefragt. Bilder des Sterbenden, der in meinen Armen das irdische Leben verliess, begannen vor meinem Augen zu tanzen. »Wie Fliegen«, dachte ich. Verzweifelt versuchte ich, die Erinnerungen zu verscheuchen. Verwirrt wollte ich nichts weiter davon hören. »Soll ich umkehren, so wie es mir vorsprochen habe?«, fragte ich mich. »Umkehren und zu ihr fahren…« »Ist es ein Hilferuf ? Oder was soll das ganze jetzt?« … Und was dann ? … Sofort einen Arzt rufen, denn als Krankenwache herumsitzen, das wollte und konnte ich nicht.
Was wäre ihr Wunsch gewesen? Was hätte ich tun sollen ?
Nachdem ich sie beruhigt hatte, fielen, die Struktur meiner Gedanken zusammen. Die Müdigkeit sass fest in meinem Schädel. Verrat! Irgendetwas stiess mich ab, riss mich weiter, wollte sich mit einer aufsteigenden Wut befreien. Ich schnappte nach Luft, atmete tief aus. Gefühle und Bilder, aber keine Worte. Erschöpft verabschiedete ich mich von Mutter und folgte den vereinbarten Wegen in den Abend und weiter in die kühle Nacht hinaus, um dann, besiegt im Kino neben einer Freundin einzuschlafen. Im Film wurde das Leben einer Großmutter nachgezeichnet. Ein langes und beschwerliches als Nomadin. Mit Verfolgung und Vertreibung. Ich verfiel in einen Brei von Film und Traumsequenzen, sah mich mal wach der Leinwand gegenüber, dann wieder in die Tiefe meiner Innenwelt hinabrauschen.
Ich streiche über meine Augen. Ihr lebloses Gesicht taucht verschwommen aus dem Nebel der Tränen, kommt auf mich zu, vertreibt die Erinnerung. Alles dreht sich. Mir ist schwindelig. Mein Kopf schmerzt. Ich muss mich orientieren und weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Meine Hände fummeln am Anorak herum. Ich wühle nach einem Taschentuch, werde fündig und schnäuze mich. Meine Augen suchen den Pfleger. Ich kann ihn nicht entdecken. Er scheint den Raum verlassen zu haben. Ich beuge mich vor und küsse Mutter auf die kalte, trockene Stirn.
Als ich aufschaue, sehe ich ihn in der Ecke stehen. Mein Bruder steht nicht weit von mir und streichelt Mutter übers eingewickelte Bein. Der Pfleger gibt sich einen Ruck, kommt an meiner Seite, zieht das Leintuch über ihr Gesicht, zögert nicht lang und schiebt die Bahre in den Schlund. Kaum ist sie verschwunden, schnappt die Klappe des Kühlfachs zu. Mit einem lauten „Klack“ fällt sie ins Schloss. Der Ton, trennt das Vorher, von dem Jetzt, in das ich nicht hineinfinde. Verwirrt ringe ich um Fassung.
Seite an Seite mit meinem Bruder verlasse ich den unheimlichen Kühlraum und folge dem Pfleger in die Kellergänge hinaus. Ich bemerke, wie seine Muskeln mit jedem Schritt lockerer werden und seine Gelenke an Elastizität gewinnen. Leben kommt in sein Gesicht.
»Danke, dass Sie das für uns möglichgemacht haben, … trotz des Verbots«, presse ich hervor, »es war mir ein Anliegen, sie noch einmal zu sehen und von ihr Abschied zu nehmen.«
Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Seine Augen streifen meinen Blick, sehen weg. Er greift sich an die Nase, kratzt sich nervös am Kopf:
»Nein, keine Ursache … 6 Stunden im Zimmer … 10 im Kühlraum … das macht 16 Stunden … das ist nicht viel … und für wen ist das schon möglich … und wenn jemand so wie sie im Ausland lebt, … ja, gleich zweimal nicht … Und ich kann sie so gut verstehen! Ich hätte es mir auch gewünscht«, raunt er, ohne mich anzusehen, muss schlucken, verschluckt sich, hüstelt. »Der Krieg, wissen Sie, … ja, in meiner Heimat«, beginnt er von neuem und spricht mit verstärktem Akzent. Seine Stimme überschlägt sich. Er kommt erneut ins Stocken, kratzt sich am Kopf und nimmt den Faden wieder auf : «Der Krieg hat uns nicht erlaubt, unsere Freunde und Verwandten zu verabschieden, sie wurden einfach an Ort und Stelle verscharrt. Wissen Sie… Das ist echt scheiße, das ist eine Katastrophe, das ist nicht menschlich … und sowas will man niemandem antun, nicht einmal seinem ärgsten Feind … Mir ist es wichtig, dies den Angehörigen zu ermöglichen … auch mit dem Risiko, dafür sanktioniert zu werden … das ist schon alles … ich will ein Mensch bleiben, auch in dieser Welt, auch in diesen Zeiten, … verstehen Sie?«
Mir brennt es auf der Seele. Ich werde neugierig und will wissen, woher dieser Mann kommt, aus welchem Krisengebiet er eingewandert ist, denn ich war in einigen als Reisender unterwegs, und sie haben mich nicht nur beeindruckt, sondern sie haben bei mir tiefe Spuren hinterlassen.
»Wo war das?«
»Kosovo«, sagt er und geht zügig dahin.
Ich will darauf etwas erwidern, ringe mit Worten, fühle mich plötzlich ausgelaugt und müde. Mir ist alles zu viel. Ich verstumme, verliere jegliche Kapazität zu kommunizieren. Ein erneutes strukturelles inneres Versagen nimmt mir die Sprache. Ich gebe meinem abgespannten Körper nach, folge ihm. Wir kommen vor den Aufzügen an. Mein Bruder drückt den Knopf, er beginnt zu blinken. Der Aufzug ist schon da und öffnet seine Türen, schiebt sie zur Seite. Der Pfleger bittet uns herein und lässt uns vor sich eintreten.
Schweigend folgen wir seiner auffordernden Geste. Der Aufzug trägt uns nach oben. Ich denke an Mutter und unsere Versäumnisse. Die Kette der unglücklichen Ereignisse spult sich vor mir ab, zieht mich nach unten.
Wie konnte es passieren, dass ich für sie die Verantwortung übernehmen musste? Warum kümmerte sie sich nicht selbst darum? Und wer bin ich, dass ich die Verantwortung nicht übernahm? Ein Teufel? Ein Egoist? Ein Sklave meiner eigenen Wirren? Unreif und unausgegoren? Was wäre gewesen, hätte ich sie übernommen und einfach den Krankenwagen gerufen ? Ja, was dann? Hätte ich mich dann nicht über ihre Entscheidung abzuwarten hinweggesetzt und sie zu etwas, was sie nicht wollte, gezwungen? Doch jetzt ist sie tot, und ich rolle all meine Fragen rückwärts vom Ende her auf. Darf man das? Ist das nicht ein falscher Ansatz, ja ein falsches Verständnis vom Leben und wie wir mit ihm umzugehen haben, wollen wir weitermachen?
Die Struktur in meinem Gehirn fällt zusammen. Stille.
Der Aufzug bimmelt. Mein Bruder und ich steigen aus. Verwirrt und glücklich, noch ein Wort auf Albanisch auf Lager zu haben drehe ich mich zu dem Pfleger um, bringe ein „Faleminderit“ hervor, schon schließen sich die Türen und er fährt weiter auf seine Station. Ich folge meinem Bruder auf Schritt und Tritt, komme mit ihm durch das Foyer und trete aus dem Krankenhaus an die frische Luft, atme tief durch. Mir ist schwindlig und ich kann mich nicht mehr auf den Beinen halten, lasse mich erschöpft auf die nächste Bank fallen.

 

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