Was ist neu
  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Dampfgespräche

Mitglied
Beitritt
22.05.2018
Beiträge
48

Dampfgespräche

Daniel Mangold knöpfte das schwarzrot karierte Hemd seines Vaters auf, streifte es ihm von den Schultern und hängte es sorgfältig über den Klappstuhl neben der Waschmaschine, damit es keine Falten warf. Wie ein Leistungsschwimmer, der im Begriff war mit einem Kopfsprung ins Becken zu tauchen, hob der alte Mann die Arme an, damit sein Sohn ihm das Feinrippunterhemd über den Kopf ziehen konnte.
Dampfschwaden hingen schwer im Raum, ein Fenster war angekippt und draußen drehte sich Berlin wieder einmal auf die andere Seite, weil Städte unter sternenlosen Nachthimmeln nie gut schlafen konnten.
Als Daniel seinem Vater den Hosenstall aufknöpfen wollte, fuchtelte der Alte dazwischen.
"Kann ich selbst", zischte er. Doch die Hände des Alten zitterten und er konnte es nicht selbst. Also tat Daniel es für ihn. Dann setzte Daniel seinen alten Vater auf den Rand der Badewanne und zog ihm die Kompressionstrümpfe von den Waden. Der junge Mann tat dies mit akribischer Sorgfältigkeit, wobei er die mageren Beine seines Vaters einzeln streckte, um die Fußsohlen an die eigene Brust zu drücken.
"Was möchtest du heute hören?", fragte Daniel, als er mit dem Handrücken die Temperatur des Badewassers prüfte.
Sein Vater antwortete nicht, sondern starrte nur geradeaus.
"Papa, Tracy Chapman?" Daniels Vater schüttelte mit dem Kopf. Sein Sohn griff ihm unter die Achseln und vorsichtig trat Herr Mangold Bein für Bein in die Wanne. "Ben E. King?"
"Zu kalt!", rief der Alte. "Viel zu kalt."
"Das Wasser kocht fast, Papa. Es ist nicht kalt."
"Ach so. Na wenn das so ist. Ja du könntest recht haben."
Daniel ließ ihn langsam ins Wasser sinken und der Alte atmete erleichtert aus, als wenn die Hitze sämtlichen Sauerstoff aus seinem schmächtigen Körper pumpte.
"Also vielleicht einfach Elvis?"
Die Augen von Daniels Vater schlossen sich und er lehnte seinen Hinterkopf an das Keramik.
"Ja, mach einfach wieder Elvis an. Ich mochte Elvis."
"Du liebst Elvis Presley, Papa."
"Naja, da könntest du recht haben."
Daniel suchte auf seinem I-Phone online eine Playlist mit dem Titel "Best of the King" und drückte Play.
Draußen auf den Straßen brüllte jemand immer wieder laut, dass das Ende näher rückt. Deshalb schloss Daniel das Fenster.
Er klatschte zum Schlagzeug von Suspicious Minds mit, während er unter dem Spülbecken nach einem Schwamm suchte. Es war eine Live-Version, denn es kreischten und klatschten Menschen im Hintergrund.
Sein Vater war wohl eingeschlafen oder schlummerte leicht. Etwas, dass der alte Mann inzwischen automatisch machte, sobald er seinen Kopf irgendwo anlehnte.
Daniel fand den blassroten Schwamm unter den Handtüchern im Schrank, sank neben der Badewanne auf ein Knie und begann mit der altbekannten Prozedur, seinen Vater zu waschen. Er fing mit dem Gesicht an. Sein Vater rümpfte unzufrieden die Nase, als sich der heiße Schwamm auf seine Stirn drückte.
"Ein Mann sollte nicht so alt werden."
Daniel ignorierte seinen Vater und wusch ihn stattdessen hinter den Ohren.
"Eine Frau übrigens auch nicht. Und deine Mutter hat das gewusst. Deine Mutter war zu schlau, zum alt werden. Gott habe sie selig."
Daniels Mutter, Theresa Mangold, hatte im Dezember 2010 im Alter von vierundachtzig Jahren einen Hungerstreik begonnen, als sie mit Brustkrebs im Krankenhaus lag. Die Erinnerung an seine Mutter schmerzte Daniel immer noch. Und er hasste seinen Vater in diesem Moment so sehr dafür, dass er darüber sprechen wollte. Also wusch er dem alten Mann die Lippen und das Kinn in der Hoffnung, dass er dann leise sein würde. Was er nicht tat.
"Ich bin fünfundneunzig Jahre alt. Niemand sollte so lange leben."
"Du bist sechsundneunzig, Pa."
"Ja. Ja, ja, sechsundneunzig. Da könntest du recht haben, Daniel. Hör auf damit. Ich habe Seife im Auge."
"Tut mir leid, Pa." Daniel wischte ihm mit seinem Hemdsärmel die Seife aus den Augen.
Elvis Presley schien fest davon überzeugt, in einer Falle gefangen zu sein, aus der er nicht herauskam. Und die Leute jubelten ihm zu, schrien so laut, als ob der Klang seiner Stimme ihnen fast unerträgliche Schmerzen bereitete.
"Es ist an der Zeit, Daniel. Ich habe mein Haltbarkeitsdatum weit überschritten."
"Das hat der Pudding im Kühlschrank auch. Und den essen wir noch auf, Pa. Mach dir keine falschen Hoffnungen." Daniel liefen von der Hitze im Badezimmer allmählich Schweißperlen über die Stirn.
Es kehrte wieder Ruhe ein. Keiner von beiden schien etwas sagen zu wollen. Oder sie hatten bereits genug für heute gesagt. Daniel schrubbte seinem Vater den Rücken, wusch ihm liebevoll die wenigen Haare, die Tom Mangold noch geblieben waren, und massierte ihm die ledrigen Füße mit einem Waschlappen, der für Füße, Po und Intimbereich reserviert war.
Es hatte für Daniel oberste Priorität, die Hautfalten zwischen den Beinen und in der Magengegend zu reinigen, die sich wie Rettungsringe um den Körper des alten Mannes stapelten. Die Bereiche wo Haut an Haut drückte waren eine Einladung für Pilzbefall. Als Daniel den Hodensack seines Vaters anhob, um die weißen, toten Hautzellen zwischen den Oberschenkeln wegzuwischen, sagte sein Vater vier Worte, die ihm noch lange in Erinnerung bleiben sollten, denn es war das erste Mal, dass Daniel diese Worte von einem Menschen zu hören bekam.
Tom Mangold sagte: "Bitte bring mich um."
Und obwohl es so heiß in diesem Badezimmer war, dass Daniel Mangold der Schweiß über die Nasenflügel rann, fühlte sich seine Stirn blitzartig kalt an in diesem Moment. Daniel wurde fast schwindelig und er fragte nur: "Was?"
"Bring mich einfach um, Daniel. Ich bin zu alt geworden. Ich wollte nie so alt werden."
Wie er da in diesem schaumlosen Badewasser schwebte, wirkte sein Vater fast wie ein uralter, abgemagerter Embryo im Körper einer Frau. So faltig. Schrumpelig. Die Unterarme nutzlos angewinkelt. Die Augen trübe und traurig zu Schlitzen geformt. Aber es waren blaue Augen. Kräftige dunkelblaue Augen so wie Sonnenlicht auf tiefem Wasser.
Und Daniel ignorierte, was sein alter Herr gesagt hatte und zog stattdessen die Vorhaut über seinen Penis, um den Schaft zu reinigen. Gerade dort sammelten sich Keime und Bakterien wie nichts Gutes.
"Ich möchte so nicht mehr weitermachen, Daniel."
Daniel biss die Zähne zusammen. Die Worte die folgten waren weniger gesprochen, als viel mehr gepfiffen: "Warum nicht, Pa?"
"Es ist entwürdigend so alt zu werden. Du verstehst das nicht. Noch nicht. Eines Tages wirst du es verstehen. Wenn es zu spät ist. Ich bitte dich, Daniel."
"Worum bittest du mich, Pa", fragte Daniel, als hätte er seine Bitte nicht verstanden.
"Ich bitte dich darum, mich umzubringen."
"Wie soll ich dich denn umbringen, Pa?" Er schrubbte energisch mit dem Waschlappen über die Unterschenkel seines Vaters. Ließ keinen Augenkontakt zu.
"Leg deine Hände um meinen Hals und drück fest zu. Tauch meinen Kopf unter das Wasser. Das ist nicht schwer. Glaube mir."
"Du willst deinen eigenen Sohn zu einem Mörder machen, ja?"
"Nein", rief sein Vater und schloss die Augen wieder. "Nein, das will ich natürlich nicht. Und doch, ja, ich bitte dich darum. Es ist kein Mord, Daniel. Nicht, wenn ich es so will. Es ist ein Gefallen."
"Das gefällt mir aber nicht, Pa."
Daniels Vater seufzte, öffnete die Augen und starrte an die Decke.
"Ja, da könntest du wohl recht haben. Du hast ja immer recht, mein Sohn."
"Gut, dass wir uns darüber wenigstens einig sind."
Draußen fuhr ein Krankenwagen am Block vorbei. Blaues Licht funkelte in der Reflexion des Badezimmerfensters auf und ab.
"Ich bin auch ein Mörder, Daniel. Weißt du das?"
Daniel sah seinem Vater zum ersten Mal in die Augen. Bloß der erwiderte den Blick nicht, sondern starrte weiterhin an die gekachelten, weißen Fließen der Badezimmerdecke.
"Was willst du damit sagen?", fragte Daniel.
Sein Vater wartete einige Sekunden bevor er antwortete. Schloss dann erneut die Augen, als etrüge er einen dumpfen Schmerz.
"Ich habe so vielen Menschen das Leben genommen."
"Es war Krieg, Pa. Du hast es für dein Land getan."
"Ich habe Menschen in den Kopf geschossen, Daniel. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich ihre Leben absorbiert habe. Dass ich niemals sterben werde, bis alle übrigen Jahre dieser jungen Männer an mir vorbeigegangen sind."
"Glaubst du das wirklich, Papa?", fragte Daniel und ließ den Waschlappen ins Wasser fallen.
Der alte Mann blähte die Backen auf.
"Nein. Aber ich glaube, dass mich Gott dafür bestrafen will. Für das, was ich getan habe. Mit einem sterbenslangem Leben. Entweder Gott oder der Teufel. Einer von beiden hat einen Clown an mir gefressen. Ich möchte nicht mehr."
Caught in a trap. I can't walk out. Because I love you too much, Baby. Caught in a trap. I can't walk out. Because I love you too much.
Daniel hatte das Gefühl, dass der schwungvolle Song von Elvis einfach nicht enden wollte. Immer wieder begann der Rhytmus von vorne. Alle Menschen schrien, um den Chorus am Leben zu erhalten. Ihm wurde speiübel von der Stimme des Kings und er schaltete die Box auf dem Fensterbrett aus.
Sein Vater fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und sagte etwas, das Daniel nicht verstand.
"Was?", fragte er bloß, griff sich erneut den blassroten Schwamm und kniete sich neben die Badewanne.
"Die größte Bürde des Altwerdens ist nicht das Sterben."
"Sondern?"
"Das Weiterleben."
Daniel ließ den Schwamm ins Wasser fallen.
"Wenn du dich selbst reden hören könntest."
"Ich würde lächeln und nicken."
"Ich liebe dich, Pa."
Der alte Mann verstummte. Daniel nahm die Nagelschere aus dem kleinen Schränkchen neben der Wanne und schnitt seinem Vater Finger- und Fußnägel. Als sie fertig waren, hob Daniel seinen Vater aus der Wanne, setzte ihn erneut an den Badewannenrand und trocknete ihn von Kopf bis Fuß mit einem Handtuch ab. Daniel zog seinem Vater einen Pyjama für die Nacht an und öffnete das Fenster, damit der Dampf aus dem Badezimmer entweichen konnte. Draußen schrie immer noch ein betrunkener Mann, dass das Ende näher kommt und wir uns alle in Acht nehmen sollten.
Daniel führte seinen Vater in sein Zimmer, brachte ihn ins Bett und deckte ihn zu. Wie jede Nacht.
"Gute Nacht, Pa", sagte er und küsste ihm auf die Stirn.
Sein Vater nickte nur. Und Daniel ging zur Zimmertür, um sie zu schließen.
 
Zuletzt bearbeitet:
Mitglied
Beitritt
09.12.2019
Beiträge
272
Hallo @HerrSperling ,

das finde ich einen mutigen Text.

Du konzentrierst dich auf eine Szene, ein Mann wäscht seinen alten Vater, und beschreibst es unzensiert. Sowohl das Waschen, als auch den Dialog. Der Wunsch des Vaters, zu sterben, und die schwierige Situation des Sohnes, der weitermacht, versucht den Wunsch seines Vaters zu ignorieren. Noch verstärkt dadurch, dass seine Mutter bereits verstorben ist.

Sehr gelungen finde ich die ergänzenden Inhalte, die die Situation und deren Aussage unterstreichen, z.B. den folgenden Absatz:

Elvis Presley schien fest davon überzeugt, in einer Falle gefangen zu sein, aus der er nicht herauskam. Und die Leute jubelten ihm zu, schrien so laut, als ob der Klang seiner Stimme ihnen fast unerträgliche Schmerzen bereitete.

Nach dem folgenden Satz wird die Situation noch drastischer, auch hier erwähnst du sehr direkt und unzensiert, worum es geht. Im Prinzip als Gegensatz zum Titel deiner Geschichte, so verstehe ich es jedenfalls, hier verschwindet nichts im Dampf.

Tom Mangold sagte: "Bitte bring mich um."

Gefolgt von einer wie ich finde sehr guten Darstellung zum Anfang und Ende eines Lebens:

Wie er da in diesem schaumlosen Badewasser schwebte, wirkte sein Vater fast wie ein uralter, abgemagerter Embryo im Körper einer Frau.

Und der Tag geht zu Ende, wie mittlerweile gewohnt für die beiden. Durch die folgenden Sätze bringst du die Aussage des Textes nochmal gut auf den Punkt:

"Die größte Bürde des Altwerdens ist nicht das Sterben."
"Sondern?"
"Das Weiterleben."


Inhaltlich finde ich zwei Stellen nicht so ganz passend:

Zum einen, als der Vater von seiner Kriegszeit erzählt, das er selber ein Mörder ist. Ich würde es herausnehmen, da es für die beschriebene aktuelle Situation nicht unbedingt wichtig ist. Das was der Vater insgesamt in seinem langen Leben erlebt hat, ist ja gerade in diesem Moment eher nicht das Thema, sonst müsstest du ja wahrscheinlich sehr viel zusätzlich erzählen. Ist einfach nur mein spontaner Eindruck, es wirkt ein wenig konstruiert, als hättest du nach irgendetwas gesucht, um die Geschichte etwas zu erweitern.

Und den letzten Absatz würde ich komplett entfallen lassen. Das ist inhaltlich alles soweit schon bekannt, und ich kann als Leser auch (in etwa) nachfühlen, wie es dem Mann geht in seiner Situation. Ich glaube, dein Text hätte noch mehr Effekt, wenn du nur die eigentliche Szene wirken lässt, statt am Ende nochmal in einem eigenen Absatz verdeutlichen zu wollen, wie es dem Mann denn nun geht. Wissen wir doch schon!

Und noch ein wenig Textkram:

Elvis Presley schien fest davon überzeugt zu sein, in einer Falle gefangen zu sein, aus der er nicht herauskam.
Hier würde ich das erste "zu sein" vor dem Komma streichen

"Glaubst du das wirklich, Papa?", fragte Daniel und ließ den Waschlappen ins Wasser fallen.
Der alte Mann blähte die Backen auf.
Ich würde die Wangen nehmen ... ist aber glaube ich eins der ewigen Themen ...

Caught in a trap. I can't walk out. Because I love you too much, Baby. Caught in a trap. I can't walk out. Because I love you too much.
"I" groß geschrieben, "trap" klein geschrieben (gilt auch für deine letzte Textzeile)

Viele Grüße und danke für den interessanten Text!
Rob
 
Wortkrieger-Team
Beitritt
04.03.2018
Beiträge
939
Hallo @HerrSperling,

du hast bislang nur eine Handvoll Geschichten anderer Autoren kommentiert und so erklärt sich vllt. der dürftige Traffic unter deinen letzten Geschichten. Also, wenn du das ändern willst, na du weißt schon … ;)

streifte es ihm von den Schultern und hing es sorgfältig
bin sicher, er müsste hängte heißen

Wie ein Leistungsschwimmer, der im Begriff war mit einem Köpper ins Becken zu tauchen, hob der alte Mann die Arme an, damit sein Sohn ihm das Feinrippunterhemd über den Kopf ziehen konnte.
Da du den Satz beschreibend nüchtern hältst, würde ich das umgangssprachliche Köpper durch Kopfsprung ersetzen.

Dann setzte Daniel seinen alten Pa
auch hier verlässt du die neutrale Erzählstimme.

Der junge Mann tat dies mit einer Sorgfältigkeit, die einem Porzellanfabrikanten zweifelos innewohnen musste, wobei er die mageren Beine einzeln ausstreckte um die Fußsohlen an seine Brust zu drücken.
Das Durchgestrichene bräuchte ich nicht und bei dem Fetten ist der Bezug etwas unklar. Es liest sich, als würde der Daniel die eigenen Beine ausstrecken.

Daniels Vater schüttelte mit dem Kopf. Er griff ihm unter die Achseln
Selbes Thema: Es liest sich, als würde Daniels Vater unter die Arme greifen.

"Achso.
Ach so.

als wenn die Hitze sämtichen Sauerstoff
sämtlichen

"Ja(Komma) mach einfach wieder Elvis an.
Daniel suchte auf seinem Iphone online eine Playlist
I-Phone

und drückte Play.
drückte 'Play' oder drückte die Play-Taste.

Er klatschte zum Schlagzeug von Suspicious Minds mit
'Suspicious Minds' oder Suspicious Minds

Es war eine Live-Version(Komma) denn es kreischten und klatschten Menschen
sobald sein Kopf sich irgendwo anlehnte
aktiv: sobald er seinen Kopf wo anlehnte.

Gott habe sie seelig.
selig.

um den Schaft sauber zu machen
zu reinigen?

Daniel wurde fast schwindelig und (er) fragte nur: "Was?"
die sich wie Rettungsringe um den Körper des alten Mannes stapelten
Würde ich neutraler halten.

"Wie soll ich dich denn umbringen, Pa."
Fragezeichen hinten.

Daniel sah seinem Vater zum ersten Mal in die Augen. Bloß er erwiderte den Blick nicht,
Der Bezug ist wieder unklar. Vllt. "Bloß der erwiderte den Blick nicht"?

Verglichen mit dem, was ich bisher von dir gelesen und kommentiert habe, ist das ein überraschend nüchterner, ernsthafter Text. Sterbehilfe, ob aktiv oder indirekt, ist immer wieder Thema und diskussionswürdig. Du bringst es hier auf den Punkt:
"Die größte Bürde des Altwerdens ist nicht das Sterben."
"Sondern?"
"Das Weiterleben."
Wenn jemand sein Leben als nicht mehr lebenswert empfindet, sollte der nicht sterben dürfen? Der schwer an Parkinson erkrankte Vater eines Freundes aus Zürich hat genau das getan, seine beiden Söhne zu einem bestimmten Termin einbestellt und sich von ihnen verabschiedet, bevor er ging. Du weichst der Frage nach der Legitimität aus, indem du ihr die Morde des Vaters in der Vergangenheit gegenüberstellst, so als würden die damaligen realen Taten ein Nachdenken über die Möglichkeit per se moralisch verbieten, Kriegsverbrechen versus Strebehilfe. Da vermisse ich ein tieferes Eintauchen, eine wirkliche Auseinandersetzung des Protas mit dem berechtigten Wunsch. Du lässt ihn sagen: "Du willst deinen eigenen Sohn zu einem Mörder machen, ja?" und damit drückst du den Deckel auf den brodelnden Topf, statt das moralische Dilemma aufzuzeigen und erlebbar zu machen, weißt?
Bzgl. des letzten Absatzes würde ich mich Rob anschließen, den bräuchte ich auch nicht und fände es stärker ohne, weil du mir da Gedanken vorkaust, die ich gerne selbst anstellen würde. Der Wunsch ist da, hinten raus den Text versöhnlich abzurunden, doch dafür ist mMn das Thema zu widerborstig, um es so zu glätten. Von diesem Punkt abgesehen finde ich die ruhige, alltägliche Schilderung der Verrichtungen und die Dialoge glaubhaft und gut gemacht. Gerne gelesen.

Peace, linktofink
 
Mitglied
Beitritt
22.05.2018
Beiträge
48
du hast bislang nur eine Handvoll Geschichten anderer Autoren kommentiert und so erklärt sich vllt. der dürftige Traffic unter deinen letzten Geschichten. Also, wenn du das ändern willst, na du weißt schon …
bin schon dabei:) werde die Woche noch mehr an meiner Mitarbeit arbeiten :) versprochen
Danke erstmal für deinen und @Rob F s Kommentar. Hat mir sehr geholfen. Eine längere Antwort folgt auf jeden Fall! Aber jetzt ist es schon so spät leider:/ Liebe Grüße und vielen Dank an euch beide!
 
Wortkrieger-Team
Beitritt
31.01.2016
Beiträge
1.862
Ach, @HerrSperling , was hab ich deine Geschichten, deine Art, die Dinge zu sehen und zu benennen, die mich an erwachsene Kinder erinnern, vermisst. In diesem Augenblick, als ich den ersten Satz las, fiel es mir ein. Es erinnerte sich in mir. :)

Und dennoch, nee, gerade drum, weil der Text in meinem Hirn fließt wie klares Wasser und die Bilder sich zeitgleich deutlich und stark konturiert aufbauen, weil sie einfach sind, gerade deshalb fand ich Passagen, Sätze, Worte, die den Fluss umleiteten, was gar nichts macht, außer mit meinem Gefühl und deshalb ist alles, was ich dazu sage nicht nötig, es zu ändern, es hilft mir schon, wenn du es zur Kenntnis nimmst. Dein Text, dein Daniel, alles was du in diese eine Badszene eingebaut hast, das halbe Leben des Pa ... macht mich unglücklich glücklich. Ich sehe jede Falte des Alten gleichzeitig mit seiner Lebensmüdigkeit, ich sehe die liebevollen und tatkräftigen Bewegungen Daniels, ich sehe das heiße Wasser, höre die Musik, die Geräusche durch das Fenster, in allem ist alles enthalten, was du über beide sagen willst, in allem ist Leben und große Gefühle, füreinander, fürs Leben und das, was es am Ende schwer und unerträglich macht. Daniel kann es nur ahnen, nein, er erlebt es über seinen Vater.

Was er nicht tat.
Das darf ungesagt bleiben. :D

"Es ist an der Zeit, Daniel. Ich habe mein Haltbarkeitsdatum weit überschritten."
"Das hat der Pudding im Kühlschrank auch. Und den essen wir noch auf, Pa. Mach dir keine falschen Hoffnungen."
:herz:

Keiner von beiden schien etwas sagen zu wollen, oder sie hatten bereits genug für heute gesagt.
Ich würde gerne zwei Sätze lesen.

Es ist ein Gefallen."
"Das gefällt mir aber nicht, Pa."
:kuss: (mir bräuchte nicht kursiv - Daniel hast es einfach gesagt)

"Ich habe Menschen in den Kopf geschossen, Daniel. Unbewaffneten Menschen, die vor mir gekniet haben. Menschen die Familien hatten. Menschen, die eine Zukunft gehabt hätten. Männern die geweint haben. Nach ihren Müttern geschrien hatten. Und weißt du was? Ich kann mich an jeden einzelnen von ihnen erinnern. Ich kenne vielleicht ihre Namen nicht mehr, aber ich sehe ihre Gesichter immer noch vor mir, als wäre es gestern gewesen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich ihre Leben absorbiert habe. Dass ich niemals sterben werde, bis alle genommenen Lebensjahre dieser jungen Männer an mir vorbeigegangen sind."
Ich würde gerne zwischendurch lesen, wie er sich in der Wanne gebärdet, atmet, das letzte Bisschen Lebendigkeit in diese Worte legt ... den Monolog dadurch unterbrochen wissen.

Draußen schrie immer noch ein betrunkener Mann, dass das Ende näher kommt und wir uns alle in Acht nehmen sollten.
Ich würde die Aussage nicht wiederholt benötigen.

Seine Mutter hatte den einfachen Weg gewählt.
Davon abgesehen, dass Sterbefasten kein einfacher Weg ist, denke ich in erster Linie an die Mutter mit großem Respekt, weil sie ihn gewählt, ihr Lebensende bestimmt und selbst „gestaltet“ hat.

Mach was du willst, aber schreib! :D

Das war ein Leseeindruck und lieber Gruß, Kanji
 
Mitglied
Beitritt
22.05.2018
Beiträge
48
Lieber @Rob F
Danke für dein positives Feedback und deine Korrekturarbeit an meinem Text. Ich habe größtenteils umgesetzt, was du mir geraten hast. Ich habe das Gespräch um die Kriegsvergangenheit des Vaters entsprechend gekürzt. Ich glaube es ist so gut, wie es jetzt ist. Ist wieder mal so gewesen, dass das mit dem "ich bin ein Mörder, mein Sohn" eigentlich die Ursprungsidee für die eigentliche Geschichte war, und sie sich beim Schreiben selbst sehr verändert hatte. In der fertigen geschichte hat es dann irgendwie nicht mehr so gut funktioniert. Den letzten Absatz habe ich gekürzt. Gebe ich dir auch komplett recht. Das brauch man nicht mehr. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast Rob:) Liebste Grüße

Lieber @linktofink :)
Deine vielen Verbesserungen haben mir echt geholfen. Habe glaube ich alles so übernommen, wie du es vorgeschlagen hattest. Ich muss dir vor allen Dingen sagen, dass ich niemals vorhatte, eine Lösung für den Konflikt zwischen Vater und Sohn zu finden. Ich hatte auch nicht vor, die Möglichkeit der Sterbehilfe durch die Kriegsvergangenheit des Vaters zu verdrängen. Beim Schreiben der Geschichte ging es mir hauptsächlich um die Situation selbst und den Alltag eines Mannes, der seinen Vater waschen muss. Ich arbeite selbst im Krankenhaus und diese Situation ist quasi ein Zusammenschluss mehrerer Momente, die ich selbst erlebt habe. (Bin natürlich nie in einem Verwandschaftsgrad mit einem Patienten gewesen.) Ich habe daher selbst eine sehr nüchterne Meinung bezüglich Sterbehilfe. Aber um meine Meinung sollte es eben nicht gehen in dieser Kurzgeschichte, sondern um die Meinung eines Sohnes, der seinen Vater nicht sterben lassen möchte. Mit dem Ende der Geschichte habe ich selbst allerdings noch Probleme. (wie so oft:P) Habe jetzt (auch aufgrund von Rob Fs Kommentar) vieles aus dem Text gestrichen. Ich hoffe er liest sich jetzt besser. Vielen Dank, dass du dir wieder einmal die Zeit genommen hast, meinen Text zu bearbeiten. Ist mir immer wieder eine Freude:)
Mit ganz lieben Grüßen, HerrSperling

Liebste @Kanji
Ach wie mich das gefreut hat, dass du noch auf diesem Forum aktiv bist. Und dass du in solch einer Windeseile meine Geschichte gelesen und deine Gedanken dazu preisgegeben hast, freut mich auch wieder einmal:D
Jaa, ich bin wohl die Definition eines erwachsenen Kindes :lol: Stimmt wohl im negativen und positiven Sinne. Ich nehme deine Kritik natürlich gerne wie immer zur Kenntnis und habe meinen Text dementsprechend verändert. Wunderschön, dass du meine Geschichte so erleben konntest. Möglicherweise hast du auch einfach eine sehr lebhafte Fantasie für Geschichten:P
Auch für dich nochmal, ich habe jetzt die Dialogzeile bezüglich der Vergangenheit des Vaters sehr gekürzt. Auch das Ende ist gekürzt. DIe Gedanken über das Sterbefasten von Daniels Mutter sind somit nicht mehr Teil der Geschichte. Ich distanziere mich persönlich natürlich von jeglichen Meinungen und Aussagen meiner Charaktere. Die sind immer ein Teil von mir, aber oft auch ein provozierter, in eine Richtung gelenkter Teil von mir. (also ich bin eben nicht gegen Sterbefasten, will ich damit sagen;)hab das schon desöfteren erlebt. aber es erschien mir an dieser Stelle der Geschichte richtig, dass Daniel seine Mutter dafür verabscheut. Weil sie ihn allein mit seinem Vater gelassen hat. Und daniel eigentlich eine eher emotionale als klinisch-nüchterne Beziehung zu seinen Eltern haben sollte.) War mir wie immer eine Freude von dir zu hören. Mit besten Grüßen
HerrSperling
 
Mitglied
Beitritt
06.04.2020
Beiträge
7
Lieber HerrSperling,
diese Stellen haben mir ganz besonders gut gefallen:

...draußen drehte sich Berlin wieder einmal auf die andere Seite, weil Städte unter sternenlosen Nachthimmeln nie gut schlafen konnten.

Wie ein Leistungsschwimmer, der im Begriff war mit einem Kopfsprung ins Becken zu tauchen, hob der alte Mann die Arme an, damit sein Sohn ihm das Feinrippunterhemd über den Kopf ziehen konnte.

Deine Geschichte wirkt inhaltlich und sprachlich lange nach, sodass ich mich auch noch an den vorherigen Schluss gut erinnern kann, bei dem sich der Sohn im Bett des nächtlichen Berlins umdreht, um einzuschlafen.

Liebe Grüße
Anna Silvas
 
Mitglied
Beitritt
04.04.2020
Beiträge
33
Lieber @HerrSperling,

vielen Dank für deinen tollen Text, er hat mich sehr berührt. Den eigenen Vater so aufopferungsvoll zu pflegen, und das jeden Tag … Das stelle ich mir extrem schwierig und auch belastend vor. Und wenn der Vater dann plötzlich noch so einen Wunsch äußert … Das muss wirklich hart sein. Nicht nur muss sich der Protagonist Daniel mit dem Wunsch des Vaters an sich auseinandersetzen, nein, seine ganze Mühe und Fürsorge muss ihm auf einmal unnötig und sinnlos vorkommen. Einen Menschen pflegen, im Leben halten, obwohl dieser eigentlich lieber tot wäre … Da hast du mir und den anderen Lesern wirklich ein paar Fragen in den Kopf gesetzt, die nicht alltäglich sind, und das gefällt mir an deinem Text ganz besonders.

Ich selbst zähle mich erst seit Kurzem zu den Schreiberlingen und hoffe, dass meine Kommentare dennoch nützlich für dich sein werden. Schauen wir mal, ob mein Novizenauge schon scharf genug ist:

Daniel Mangold knöpfte das schwarzrot karierte Hemd seines Vaters auf, streifte es ihm von den Schultern und hängte es sorgfältig über den Klappstuhl neben der Waschmaschine, damit es keine Falten warf.
Ein super Einstieg. Man spürt sofort, dass Daniel ein gewissenhafter, sorgfältiger Mensch sein muss.

Wie ein Leistungsschwimmer, der im Begriff war mit einem Kopfsprung ins Becken zu tauchen, hob der alte Mann die Arme an, damit sein Sohn ihm das Feinrippunterhemd über den Kopf ziehen konnte.
Auch das ein super Bild. Ich habe bemerkt, dass du den "Köpper" durch "Kopfsprung" ersetzt hast und finde die neue Variante viel passender.

Dampfschwaden hingen schwer im Raum, ein Fenster war angekippt und draußen drehte sich Berlin wieder einmal auf die andere Seite, weil Städte unter sternenlosen Nachthimmeln nie gut schlafen konnten.
Die Dampfschwaden haben mich kurz stocken lassen. Ich kenne Dampfschwaden im Badezimmer eigentlich nur vom Duschen, bei einem Bad bleibt die Luft meist ziemlich klar, selbst wenn das Wasser sehr heiß ist. Feuchte Kacheln, beschlagener Spiegel … Aber Dampfschwaden empfinde ich als zu übertrieben. Man weiß zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht, dass Daniels Vater ein Bad nehmen wird, aber ein paar Zeilen später wird es dann klar. Das Bild, wie sich die Stadt auf die andere Seite dreht, gefällt mir übrigens sehr, das ist sehr atmosphärisch.

Als Daniel seinem Vater den Hosenstall aufknöpfen wollte, fuchtelte der Alte dazwischen.
Ich bin nicht sicher, ob ich den Ausdruck "Hosenstall" an dieser Stelle mag. Das Wort ist ja doch leicht negativ behaftet und passt meiner Meinung nach nicht ganz zur Stimmung und Daniels liebevoller Fürsorge. Vielleicht doch "… den Reißverschluss an der Hose …"? Liest sich etwas sperrig, ich gebe es zu, aber vielleicht ist es ja doch einen Gedanken wert.

Daniels Vater schüttelte mit dem Kopf.
"… schüttelte den Kopf." wäre noch etwas knackiger.

Daniel ließ ihn langsam ins Wasser sinken und der Alte atmete erleichtert aus, als wenn die Hitze sämtlichen Sauerstoff aus seinem schmächtigen Körper pumpte.
Diesen Satz musst ich mehrere Male lesen. Die Vorstellung, dass die Hitze sämtlichen Sauerstoff aus einem schmächtigen Körper pumpt, wirkt auf mich eher bedrohlich und nicht erleichternd. Und irgendwie scheint mir diese Stelle auch zu sehr aus der Perspektive des Vaters geschildert zu sein.

"Naja, da könntest du recht haben."
"Na ja" getrennt schreiben.

Daniel suchte auf seinem I-Phone online eine Playlist mit dem Titel "Best of the King" und drückte Play.
Ganz korrekt würde es "iPhone" heißen, "online" würde ich allenfalls streichen und dafür "… und drückte den Play-Button." schreiben.

Draußen auf den Straßen brüllte jemand immer wieder laut, dass das Ende näher rückt.
"auf der Straße", der Mann kann ja nicht auf mehreren Straßen gleichzeitig sein.

Er klatschte zum Schlagzeug von Suspicious Minds mit, während er unter dem Spülbecken nach einem Schwamm suchte.
"… zum Takt …" oder "… zum Takt des Schlagzeugs …" würde mir noch besser gefallen.

Sein Vater rümpfte unzufrieden die Nase, als sich der heiße Schwamm auf seine Stirn drückte.
"… als er den heißen Schwamm …"

"Eine Frau übrigens auch nicht. Und deine Mutter hat das gewusst. Deine Mutter war zu schlau, zum alt werden. Gott habe sie selig."
"… war zu schlau, um alt zu werden …"

Daniels Mutter, Theresa Mangold, hatte im Dezember 2010 im Alter von vierundachtzig Jahren einen Hungerstreik begonnen, als sie mit Brustkrebs im Krankenhaus lag.
Ich persönlich würde den Namen der Mutter streichen und den Satz so etwas straffen.

Und die Leute jubelten ihm zu, schrien so laut, als ob der Klang seiner Stimme ihnen fast unerträgliche Schmerzen bereitete.
Irgendwie kann ich mich nicht mit den Schmerzensschreien anfreunden. Im ersten Teil jubeln sie noch und ich meine, dass man Jubelschreibe von Schmerzensschreien doch unterscheiden kann.

"Es ist an der Zeit, Daniel. Ich habe mein Haltbarkeitsdatum weit überschritten."
"Das hat der Pudding im Kühlschrank auch. Und den essen wir noch auf, Pa. Mach dir keine falschen Hoffnungen."
Herrlich, diese Stelle hat mir sehr gefallen.

Daniel schrubbte seinem Vater den Rücken, wusch ihm liebevoll die wenigen Haare, die Tom Mangold noch geblieben waren, und massierte ihm die ledrigen Füße mit einem Waschlappen, der für Füße, Po und Intimbereich reserviert war.
Auch hier würde ich den Namen des Vaters allenfalls streichen (er bietet hier keinen Mehrwert).

Als Daniel den Hodensack seines Vaters anhob, um die weißen, toten Hautzellen zwischen den Oberschenkeln wegzuwischen, sagte sein Vater vier Worte, die ihm noch lange in Erinnerung bleiben sollten, denn es war das erste Mal, dass Daniel diese Worte von einem Menschen zu hören bekam.
Großartig, wie du hier die Spannung aufbaust. Spätestens ab hier versteht man auch, warum der Vater nicht mehr länger leben will. Wirklich toll gemacht und alles perfekt kombiniert.

Tom Mangold sagte: "Bitte bring mich um."
Jetzt verstehe ich, warum du weiter oben den Namen des Vaters erwähnt hast :) Aber wäre der Satz nicht noch eindrücklicher, wenn dort stünde: "Sein Vater sagte: 'Bitte bring mich um.'"?

Wie er da in diesem schaumlosen Badewasser schwebte, wirkte sein Vater fast wie ein uralter, abgemagerter Embryo im Körper einer Frau. So faltig. Schrumpelig. Die Unterarme nutzlos angewinkelt. Die Augen trübe und traurig zu Schlitzen geformt. Aber es waren blaue Augen. Kräftige dunkelblaue Augen so wie Sonnenlicht auf tiefem Wasser.
Ein sehr eindringliches Bild, wirklich toll geschrieben. Gestolpert bin ich allerdings bei den Augen … Sind die nun trüb oder haben sie eine kräftige, dunkelblaue Farbe?

Und Daniel ignorierte, was sein alter Herr gesagt hatte und zog stattdessen die Vorhaut über seinen Penis, um den Schaft zu reinigen. Gerade dort sammelten sich Keime und Bakterien wie nichts Gutes.
"Ich möchte so nicht mehr weitermachen, Daniel."
Auch hier wieder eine perfekte Kombination von Scham und schwindendem Lebenswillen.

Die Worte die folgten waren weniger gesprochen, als viel mehr gepfiffen: "Warum nicht, Pa?"
"Die Worte, die folgten, waren …"

"Es ist entwürdigend so alt zu werden. Du verstehst das nicht. Noch nicht. Eines Tages wirst du es verstehen. Wenn es zu spät ist. Ich bitte dich, Daniel."
Den ersten Satz kann man auf mehrere Arten deuten:

- Ist es entwürdigend, auf diese Weise alt zu werden?
oder
- Ist es entwürdigend, so ein hohes Alter zu erreichen?

Das könnte man allenfalls noch verdeutlichen.

"Worum bittest du mich, Pa", fragte Daniel, als hätte er seine Bitte nicht verstanden.
"Worum bittest du mich, Pa?", fragte Daniel, als hätte er seine Bitte nicht verstanden.

"Nein", rief sein Vater und schloss die Augen wieder.
Das "Nein" des Vaters habe ich mir leise vorgestellt. Vielleicht ein Ausrufezeichen setzen?

Mit einem sterbenslangem Leben.
Mit einem sterbenslangen Leben.

Caught in a trap. I can't walk out. Because I love you too much, Baby. Caught in a trap. I can't walk out. Because I love you too much.
Ich bin ja auch ein bisschen Elvis-Fan und mir kamen die Song-Zeilen zwar bekannt, aber auch nicht ganz richtig vor. Es müsste entweder "We're caught in a trap …" oder "I'm caught in a trap …" heißen. Auch werden die Sätze nie unmittelbar nacheinander wiederholt, da ist jeweils noch ein "Oh, don't you know" dazwischen. Und im zweiten Satz fehlt am Ende das "baby". Okay, das sind jetzt wirklich Details, aber ein "echter" Elvis-Fan könnte dir das durchaus übelnehmen ;) Hier ein Link zu den Lyrics: Elvis Presley - Suspicious Minds Lyrics | AZLyrics.com

Daniel hatte das Gefühl, dass der schwungvolle Song von Elvis einfach nicht enden wollte. Immer wieder begann der Rhytmus von vorne.
Rhythmus

"Die größte Bürde des Altwerdens ist nicht das Sterben."
"Sondern?"
"Das Weiterleben."
Stark!

Draußen schrie immer noch ein betrunkener Mann, dass das Ende näher kommt und wir uns alle in Acht nehmen sollten.
Kann Daniel wissen, dass der Mann betrunken ist? Vielleicht ist er ja einfach nur verrückt. Oder den Mann vielleicht einfach laut lallen lassen?

Daniel führte seinen Vater in sein Zimmer, brachte ihn ins Bett und deckte ihn zu. Wie jede Nacht.
Sehr schön, wie du hier nochmals verdeutlichst, dass Daniel dieses "Programm" jeden Tag durchzieht.

Sein Vater nickte nur. Und Daniel ging zur Zimmertür, um sie zu schließen.
Irgendwie liest sich das so, als würde Daniel im Zimmer bleiben. Ich möchte aber auf keinen Fall einen Vorschlag für den letzten Satz machen, der ist ja doch ziemlich wichtig :)

Wie eingangs bereits erwähnt hoffe ich, dass der eine oder andere Kommentar hilfreich sein wird und bedanke mich auch nochmals für die intensive und nachdenklich stimmende Lektüre. Ich werde jetzt gleich zum Hörer greifen und mich nach dem Wohlergehen meiner Liebsten erkundigen.

Herzliche Grüße

sevas
 
Zuletzt bearbeitet:

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Neue Beiträge

Anfang Bottom