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Das Armenviertel

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09.04.2026
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Das Armenviertel

Viktor fühlte sich gebackpfeift als er seine Haustür öffnete. Er blieb unwillkürlich stehen. Kalter Regen peitschte die nackte Haut seiner Wangen. Er stand zwar noch in der Türschwelle, wusste aber jetzt schon, dass sein Gesicht rissigrau und seine Nase knallrot werden würde. Er schnappte sich in Eile noch seinen Haustürschlüssel und ließ das kalte Metall im Lauf in seine Innentasche gleiten.
Wind raste scharf durch die dunklen Straßen und zerzauste seine mühsam zurecht gekämmten Haare. Ernsthaft? Viktor wischte sich mit beiden Händen Tränen aus den trockenen Augen. Was sollte das? Musste das Wetter gerade am heutigen Abend, an dem er seinen Regenschirm im Büro vergessen hatte, so grausam durch die Stadt jagen? Er musste sich beeilen. Heute Abend war er, als angesehener Fernsehmoderator seiner eigenen Show, zu einer schicken Gala eingeladen. Ihn würden missbilligende Blicke und feindseliges Getuschel hinter verdeckenden Händen erwarten, wenn er zu spät käme. Und dabei auch noch so aussah, als hätte er in Anzug und Krawatte auf der Straße übernachtet. Kein guter erster Eindruck. Absolut nicht.

Warum musste sein Taxi bloß so weit weg auf ihn warten? Die Fahrtkosten wurden von dem Fernsehsender bezahlt und trotzdem musste er noch zu Fuß dorthin rasen. Durch die Vorstufe eines Sturms, welcher seine gesamten Bemühungen einigermaßen präsentabel auszusehen, zerstörte. Ganz Wunderbar.

Schützend hielt er die Arme über seinen Kopf. Ihm war schmerzlich bewusst, dass er genau so gut bei Hagel unter einem durchlöcherten Hausdach hätte stehen können. Viktor unterließ seinen lächerlichen Versuch, sich so vor dem Regen zu schützen und klappte stattdessen den Kragen seines Mantels hoch. Er musste nicht durchnässt und erkältet sein. Wenigstens vor der Kälte konnte er sich etwas bewahren. Sein Nacken kuschelte sich in das wärmende Innenfutter des Kragens ein und seine Hände zogen sich in die weichen Tiefen seiner Manteltaschen zurück. Tatsächlich war er dankbar dafür, dass er etwas mehr Geld in dieses Kleidungsstück investiert hatte. Hatte sich dann wohl doch gelohnt.
Sein Schritt beschleunigte sich. Je früher er das Taxi errreichte, desto früher konnte er sich bei dem Fahrer beschweren. Warum hatte dieser darauf bestanden, so unendlich weit entfernt zu parken? Dieser Mann hatte eine Menge zu erklären. Er lief die Western Avenue entlang. Das arme Viertel der Stadt. Das erkannte er mühelos auch ohne das verrostete Straßenschild, welches nur noch mit purem Glück an der schiefen Laterne hing. Keine einzige Lampe, an welcher er vorbei kam, schien noch unberrührt von Elend und Arbeitslosigkeit zu sein. Sie alle bestanden entweder aus zersplittertem Glas oder einer flackernden Glühbirne. Von den dreckigen Mästen ganz abgesehen. Statt stählern das Licht zu reflektieren, blieben sie fleckig trüb wie hässliche Kratzer auf einem neuen Wagen. Alle paar Meter klebte ein neues Vermisstenfoto an einer der Straßenlaternen. Von Wind und Wetter gebrandmarkt waren die zerrissenen Bilder unidentifizierbar. Nutzlos. Eine Verschwendung an Mühe und Papier.
Sein Blick wanderte über die schäbigen Häuser zu seiner Seite, auch wenn seine Augen tränend und brennend protestierten. Sie alle sahen gleich aus. Niedrige, graue Backsteinbauten mit kalten, eisernen Gittern vor den kleinen Fenstern. Abblätternder Putz als Zeuge des Mangels an Renovation. Im gelben Laternenschein konnte er eine schmächtige Gruppe an wackeligen Gestalten ausmachen. Mehrere Männer kamen ihm schwer schwankend und ausgefallen lachend entgegen. Starker Gin stach ihm unangenehm in die Nase und ließ seine schon empfindlichen Augen zusätzlich aufflammen.

"Und dann..."
Kaum verständliche Gesprächsfetzen schallten ihm entgegen. Es war offensichtlich, dass die Herrschaften nicht nur eine Flasche zu viel getrunken hatten.
"Was haste dann, Berney?"
"Habs genomme und bin gerann! Weit weg. Seh weit weg!"
Der Mann, der wohl Berney heißen musste, gestikulierte wild und stieß ein heisernes Lachen aus. Es kam tief aus der Kehle und offenbarte seine unregelmäßigen Zähne. Nicht nur einer fehlte.
"Wirklch?"
Zu seiner Seite schaukelte ein anderer waghalsig hin und her. Ein Wunder, dass er noch gehen konnte. Seine wohl zu großen Schuhe schliffen eher hinter ihm her, als dass er damit lief und die rechte Sohle löste sich vom Rest. Der Mantel, den er trug, war mehr Loch als Stoff und trotzte wohl kaum den eisigen Temperaturen des Januars. Die Männer kamen stolpernd näher.
Viktors Schultern spannten sich an, sein Kinn hob sich kaum merklich. Sein Nacken war der Kälte des Windes jetzt schutzlos ausgesetzt. Trotzdem lief er aufrechter. Selbstbewusster. Eines hatte er in den Jahren, die er hier schon lebte, gelernt: In solchen Situationen durfte man niemals Nervosität zeigen. Die Betrunkenen schwankten an ihm vorbei. Selbst Berney war verstummt. Viktor richtete seine Augen fest nach vorne. Heiß prickelnd konnte er Blicke auf sich spüren. Von seinem neuen Samtmantel bis runter zu seinen teuren Lederschuhen. Die Luft trug den vermischten Geruch seines Parfüms und gelben Neids. Er hatte keine Angst vor diesen wackeligen Gestalten. Der Alkoholgehalt in ihrem Blut sorgte dafür, dass sie nicht einmal mehr gerade laufen konnten. Und selbst wenn einer von ihnen auf eine dumme Idee käme, war er vorbereitet. Blitzschnell würde er sein stählernes Messer ziehen können. Es war ein kleines Taschenmesser, das er schon seit Jahren immer bei sich mittrug.
Doch jegliche Attacke blieb aus. Hinter ihm hörte er das erneute wiehernde Aufkeuchen von Berney und seinen Begleitern, als dieser stark nuschelnd zu einer weiteren Geschichte ansetzte.
Viktor atmete aus. Seine Schultern sackten wieder ein. Schnell klappte er seinen Mantelkragen um seine eiskalte Haut. Warum war er gerade so angespannt gewesen? Er hatte es doch schon gesagt. Diese Männer konnten ihm nichts antun. Er war ihnen ganz klar überlegen. Und doch... war da dieses unangenehme Kribbeln in seiner Bauhhhöhle. Eines, dass eigentlich für den Moment vor einer wichtigen Präsentation reserviert war. Nicht, für einen schlichten Spaziergang durch das heruntergekommene Viertel zu seinem Taxi. Er atmete tief ein. Ließ stechend kühlen Sauerstoff seine Lunge füllen.

Selbst die Luft schrie Armut aus. Der Geruch von billigem Schnaps und Zigaretten, die man nicht einmal in dem heruntergekommenen Supermarkt um die Ecke finden konnte, lag ihm stechend in der Nase. Seine frisch polierten Lederschuhe platschten durch eine besonders große Pfütze. Der Asphalt war voller Beulen und Dellen. Perfekte Bedinungen für das Entstehen von der Art von Pfütze, die einen grausam mit ihrer Tiefe überraschte.

Etwas am Rand seines Sichtfeldes fing seinen Blick. Zwischen überquillenden Müllsäcken und dunklen Regenpfützen in einer der vielen verlassenen Gassen lag ein unförmiges Bündel. Abgetragener, mehrmals geflickter Filzstoff legte sich über die Figur. Gliedmaßen unnatürlich verrenkt wie die einer unheimlichen, alten Puppe. Bevor seine Augen erkannten, was er da sah, hatte er es schon gerochen. Seine Beine trugen ihn weiter den, zumindest offiziell, beleuchteten Weg entlang. Ein Mann lag dort. Er hatte sich weder bewegt, noch hatte Viktor ein anderes Lebenszeichen wahrgenommen. Selbst wenn er inne gehalten hätte, wäre das geradezu unmöglich gewesen. Der Gestank, der von dem Obdachlosen ausgegangen war, wirkte betäubend. Es roch nicht einfach nach altem Fisch, der entsorgt vor sich hin gammelte oder dem frischen Erbrochenen eines hoffnunglosen Alkoholikers, der eben an der Stelle vorbeigekommen war. Nein. Das war etwas ganz anderes. Die süß-faulige Kombination aus frischem Blut und gammelndem Fleisch war ihm bestens bekannt. In dieser Gasse lag eine Leiche. Noch dazu eine ohne Schuhe. Ihn hatten zwei matschige Füße durch den Abfall und Dreck der Seitenstraße angelacht. Ihm war klar, dass Berney und seine Gesellschaft diesen erbärmlichen Haufen wohl auch gefunden hatten. Aber hatten sie ihn auch umgebracht? Ungewollt schoss ihm die Frage durch den Kopf. Lächerlich. Diese Männer waren wie aasfressende Geier. Sie stürzten sich vielleicht auf die Möglichkeit abgetragene Klamotten und wenige Münzen zu stehlen. Aber töten? Das verhinderte nicht nur ihr Zustand an Betrunkensein. Dafür war mehr nötig als die bloße Not oder Gier nach Geld. Die Bereitschaft war das Entscheidende. Die Bereitschaft tatsächlich ein anderes Leben zu nehmen. Die Entscheidung über Tod und Leben eines anderen Menschen in der eigenen Hand zu halten.

Niemand schien sich darum zu scheren, dass da gerade ein Mensch vor sich hin verweste. Entweder waren alle Bewohner dieses Stadtteils geruchsblind oder sie hatten sich schlichtweg daran gewöhnt. So einfach war das. Wen kümmerte denn bitte der Tod eines Arbeitslosen, der tagtäglich durch die Straßen lief und mitleidig nach einzelnen Dollar bettelte? Ehrenhafte Bürger mit übergroßem Herzen spendierten ihm vielleicht gnädigerweise das Kleingeld, das sie sowieso loswerden wollten. Fühlten sich dann noch wochenlang wie bewundernswerte Helden. Während der Bettler damit schon dicht zum Laden stürzte, um sich neuen Tabak zu kaufen. Oder wenn es gut lief, sogar eine kleine Flasche an Castillo Rum. Warum sollte sein Ableben irgendjemanden betreffen?
Vielleicht die Medien. Ja. Die auf jeden Fall. Eine neue, provokante Schlagzeile auf der Titelseite der Lokalzeitung, mehrere belanglose Erwähnungen im Radio. Wahrscheinlich würde sogar Viktor selbst davon in den Morgennachrichten am Montag berichten müssen. Aber wirklich betroffen wäre wohl kaum jemand.
Der Mann würde dort in der stinkenden Gasse liegen bleiben, bis die Polizei bei einer Routinekontrolle auf die Leiche stoßen würde. Dann gäbe es erstmal helle Aufregung für die nächsten paar Stunden. Wer war der Mann? Wie war er gestorben? Wer ist der nächste Tote in irgendeiner dreckigen Seitenstraße? Etwa Sie selbst?
Doch schon in Kürze würde sich die Panik wieder legen. Man kehrte zurück zu seinem Alltag und konzentrierte sich darauf, welchen Kaffee man beim Wocheneinkauf kaufen müsse und ob die Kinder ihre Hausaufgaben machen. Der Tote würde verblassen zu Buchstaben und Zahlen in einer staubigen Polizeiakte. So lief das hier im verarmten Teil der Stadt. Ganz schlicht und einfach. Simpel zu verstehen. Wie eine unausgesprochene Regel, die dennoch allen bekannt war. Steinerne Buchstaben unnachgiebig gemeißelt in ihr Gehirn.

Viktors Füße trugen ihn weiter. Wo hatte sein Taxi denn bitte geparkt, dass er es immer noch nicht erreicht hatte? Ein unangenehmes Kribbeln durchzog seine Wangen und er widerstand dem Drang sich mit seinen eisigen Fingerspitzen ins Gesicht zu fassen. Wenigstens konnte er den Teil seines Körpers noch spüren. Bei seiner Nase sah das ganz anders aus. Blinde Taubheit hatte sein Riechorgan ersetzt. Er war sich sicher, dass an der Stelle nur noch ein schwarzes Loch prangen konnte.

Plötzlich sah er es. Wie ein Fels in der Brandung, eine ausgestreckte Hand Richtung eines Ertrinkenden oder sonst irgendeinem kitschigen Sprichwort, das einer verzweifelten Seele so in den Sinn kommen könnte. Da, direkt vor seinen Augen, stand sein Taxi. Der gelbe Laternenschein wirkte auf einmal verräterisch warm, als wolle er sich über Viktors frierende Gestalt lustig machen. Das kanariengelbe Metallgehäuse und der unregelmäßig flackernde Schriftzug auf dessen Dach waren kaum zu übersehen. Schwungvoller als beabsichtigt riss er die Autotür auf.

 

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