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Das Exit

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23.02.2026
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Das Exit

Das Exit ist ein wundersamer Ort, an dem die Sorgen der Vergangenheit angehören. Man lebt, liebt und tanzt dort zu magischer Musik. Doch das Exit ist nicht für jedermann. Der Preis für den Einlass ist hoch, sagt man.

Reihum werden die Hunde und Schweine von den Wächtern abgewiesen. Die Wächter, das sind kräftige Bullen, die vor einer Türe Wache schieben. Sie schützen das Exit vor ungebetenen Gästen. Die abgewiesenen Hunde schimpfen und bellen. Manche von ihnen werfen wütend Steine oder Flaschen. Dann schreiten die Bullen zur Tat und verjagen die Unruhestifter.

„Große Fresse, aber wenn’s drauf ankommt, ziehen alle den Schwanz ein“, sagt ein alter Affe zu der flüchtenden Menge.

Karl, der Kater, der vor dem alten Affen in der Reihe steht, dreht sich um.

„Und du, Junge? Glaubst du auch, du kommst da rein?“, fragt ihn der Alte.

Karl kneift die Augen zusammen: „Würde ich hier stehen, wenn ich nicht daran glaubte?“

„Rein wollen sie alle. Aber die Wenigsten schaffen es.“

„Was sagst du da, alter Affe?“ antwortet der Kater.

„Alle denken, man kommt umsonst rein“, fährt der Affe fort.

Karl unterbricht ihn: „Das hab ich nicht gesagt.“

Der alte Affe fällt ihm ebenfalls ins Wort: „Und wenn‘s einer Mal schafft reinzukommen, landet er früher oder später wieder hier“

„Ich glaube, wenn du erstmal ein Bein drin hast, ist schon die halbe Miete.“

„Das wirst du schon sehen“, sagt der Alte.

„Ich denke, ich kann es schaffen“ antwortet der Kater und klopft sich mit der freien Hand auf die Brust.

„Denken bringt dir hier nichts, Junge. Hier musst du handeln. Und zwar schnell", sagt der Alte.

„Darum bin ich ja hier“, sagt Karl, „genau deswegen stehe ich hier.“

„Du verstehst es einfach nicht“, sagt der Alte.

„Dann klär‘ mich auf, alter Affe. Wie soll ich sonst verstehen?“ fragt der Kater.

Der alte Affe schüttelt den Kopf und sagt: „Es gibt nichts zu erklären. Entweder, du weißt es oder du weißt es nicht.“

Der Kater hat verstanden. Hinten anstellen und warten, ist nicht die Lösung. Handeln bedeutet, Dinge selbst zu kontrollieren. Dem Kater drückt es die Kehle zusammen. Besorgt fragt er sich, ob er seine Chance verpasst hat. Ob er zu spät erkannt hat. Er läuft zur Tür. Sie ist in sichtbarer Nähe. Nur ein paar Schritte noch, dann kann er sie erreichen. Seine Beine tragen ihn schnell. Er schaut auf die Uhr. Die Zeiger laufen rückwärts. Die Zeit läuft ihm davon. Sein Blick richtet sich auf. Die Tür ist nun weiter entfernt. Er läuft schneller, doch der Abstand zur Tür wird größer. Inzwischen kann er sie kaum mehr sehen. Dann bleibt er stehen.

„Was soll das? Was mache ich falsch?“ fragt sich der Kater.

„Du willst es zu sehr“, antwortet eine mysteriöse, weibliche Stimme.

Karl schaut sich erneut um. Alles steht still, wie ein Moment, der eingefroren wurde. Der Kater entdeckt eine Maus am Boden.

„Hast du gerade mit mir gesprochen?“ fragt der Kater.

„Nein“ antwortet die Stimme, „das war ich.“

Karl dreht sich um. Eine Katze steht direkt vor ihm.

„Du warst das?“ sagt der Kater.

„Ich beobachte dich schon, seit du dich aus der Reihe gelöst hast", sagt die Katze. „Du willst es zu sehr, mein lieber Kater.“

„Was meinst du?“, Karl ist verwundert, “Was will ich zu sehr?”

„Die Veränderung", sagt die Katze.

„Wer bist du?“ fragt Karl.

„Ich bin, was du dir gewünscht hast, lieber Kater. Man nennt mich Jois, die Katze.“ sagt sie.

„Aha. Hallo Jois, die Katze“, antwortet er unglaubwürdig. „Was für eine Hochstaplerin“, denkt er sich.

„Ohne mich ist dein Leben nur ein Wettlauf gegen die Zeit. Eine öde Suche nach dem Sinn, mein lieber Kater.“ erklärt sie ihm.

„Wovon redest du? Alles, was ich möchte, ist ein sorgenfreies Leben. Ich will mich ausleben. Das Leben lieben. Zur Musik tanzen. Die Freiheit genießen", sagt der Kater.

„Sollst du haben“, antwortet die Katze, „doch mit wem willst du teilen? Mit den Hunden, die dir Steine in den Weg werfen? Oder den Schweinen, die dir in die Suppe spucken?“ fragt sie den Kater.

Jois scheint zu wissen, was es ihn gekostet hat, hier zu sein.

„Teilen?“ sagt er dann trocken, „Ich habe hart gearbeitet, um heute hier zu sein. Hab‘ für ein paar Pfund die Stunde, meine besten Jahre im Bergwerk geopfert“, Karl hält das Säckchen, das er die ganze Zeit fest in seiner Hand hielt, in die Höhe. „Ich teile nichts.“

„Versteh‘ mich nicht falsch, mein lieber Kater, aber es war deine freie Entscheidung, hart zu arbeiten statt Spaß zu haben. Du hast dein Leben geopfert, und wirst am Ende doch nicht gewinnen. Wie alle anderen, die diesen Weg gehen“, sagt die Katze.

Er ist nicht wie die anderen. Was weiß eine Katze schon vom Leben im Bergwerk? So wie sie aussieht, wird sie nie ein Bergwerk von innen gesehen haben.

“Versteh’ du mich bitte auch nicht falsch, aber was weißt du schon? Du siehst aus, als hättest du nicht einen Tag in deinem Leben Mühe gehabt.” spricht Karl.

Die Katze setzt sich und entblößt ihren Bauch. Tief vernarbte Furchen erstrecken sich quer über ihren Unterbauch. Der Anblick schmerzt. Ihm stockt der Atem.

“Man nahm mir unter Schmerzen meine Kinder, mein lieber Kater”, sagt sie, “ manchmal täuschen uns unsere Augen. Mancher Schmerz sitzt tief. Zu tief, um an die Oberfläche zu gelangen. Und doch ist er da.“

„Wie recht du doch hast“, versucht der Kater verständnisvoll sein Mitgefühl auszudrücken.

„Veränderung kann man nicht kaufen, lieber Kater. Auch nicht mit Steinen aus dem Bergwerk. Sie muss in dir wachsen“, sagt die Katze.

Karl weiß nicht, wie er antworten soll. Noch immer geschockt von dem Anblick, versucht er seinen Blick abzuwenden.

“Mein lieber Kater, schön, dass du verstehst“, sagt die Katze und bedeckt ihren Bauch wieder, „Ich möchte dich nicht entmutigen. Im Gegenteil. Ich wünsche dir, dass sich die Tür für dich öffnet”, sagt die Katze.

Er versteht, was Jois ihm sagen möchte. Sein halbes Leben hat er gearbeitet, damit er sich den Eintritt in das Exit leisten kann. Er wird die Tür nicht erreichen. Das ist ihm jetzt klar. Und falls doch, dann wird er nicht durchkommen. Egal, wie reich er ist. Weil er nicht zum Establishment gehört. Weil er im Bergwerk arbeitet. Die Bullen werden ihn abweisen. Er wird wieder in sein altes Leben zurückkehren. Die Hunde und Schweine werden weiter ihren Spaß haben, während er sich im Bergwerk abrackert.

“Hier”, sagt der Kater und streckt der Katze das Säckchen hin, “das sind die wertvollsten Steine aus dem Bergwerk. Nimm’ sie. Du kannst dir damit alles kaufen. Ich brauche sie nicht mehr. Die Steine sind wertlos geworden für mich.”

Jois, die Katze, lächelt. In dem Moment öffnet sich die Tür einen Spalt. Flackerndes Strobolicht bahnt sich seinen Weg nach draußen. Die Wächter treten zur Seite und ziehen die Tür auf. Ein alter Ziegenbock mit Augenklappe tritt heraus. Rhythmische Bässe hämmern dumpf durch die Wände des Exits. Der Bock kommt auf Karl zu, dann sagt er: “Wir haben auf dich gewartet, Karl. Du bist spät dran.”

Karl schaut sich nochmal um. Die Hunde und Schweine sind verschwunden. Die Warteschlange ist nicht mehr da. Er schaut suchend nach Jois. Auch sie ist verschwunden. Nur noch er, der Ziegenbock und die melodischen Klänge, die durch die offene Tür schallen. “Komm Karl, es ist Zeit”, sagt der Bock. Karl sieht sich noch ein letztes Mal um, hoffend, Jois zu finden, dann betritt er das Exit.

 

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