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Das Hobby des Supermarktleiters

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03.08.2003
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Das Hobby des Supermarktleiters

Heute genieße ich es wieder einmal, in meinen Aufzeichnungen zu stöbern und mich an die Menschen mit außergewöhnlichen Hobbys zu erinnern, denen ich schon begegnet bin.
Da ist zum Beispiel Herr Oechsenschlegel aus Mindenheim, der in seiner Freizeit Choreografien für Teleporteure entwirft. Eine davon führte er mir sogar vor. Noch jetzt bin ich ganz verwirrt, wenn ich daran denke, wie er stakkatoartig mal hier und mal da in den unterschiedlichsten Posen auftauchte und wieder verschwand. Auch Emily Lloyd, eine Gefühlskünstlerin, ist mir lebhaft im Gedächtnis geblieben. Ich lernte sie in Miami kennen und sie präsentierte mir ihr neuestes Werk. Ich konnte es zwar nicht sehen, da es aus puren Emotionen bestand, aber die Wirkung war umso eindrucksvoller. Ich musste unter Tränen lachen und konnte gar nicht wieder aufhören damit. Einfach wundervoll. Oder – wen haben wir denn da? Den Supermarktleiter! Lange habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Ich traf ihn auf einem Kongress der GDS, der Gesellschaft Deutscher Steckenpferde. Sein Geschenk hat einen Ehrenplatz auf meinem Schreibtisch. Jetzt nehme ich es in die Hand und höre im Geist seine Erzählung:

„Wissen Sie, ich habe mich immer für einen ganz normalen Zeitgenossen gehalten, verheiratet, mit einem gesunden Bauchansatz, der es liebt, am Abend sein Bierchen zu trinken, am Wochenende zum Fußball zu gehen und der Zoff mit seiner Tochter hat. Mein Leben verläuft in geordneten Bahnen, ich habe, wie man so sagt, die Stürme der Jugend überstanden und mein Lebensschiff ist im stillen Hafen vor Anker gegangen. Alles gut, werden Sie jetzt denken. Aber es gab eine Zeit, da hatte ich oft das Gefühl, dass das Leben an mir vorüberzieht. Ich sah im Garten einen Schmetterling, der lustig umherflatterte, und wünschte mir, ich wäre an seiner Stelle. Oder ich betrachtete in einer warmen Sommernacht die Sterne und fragte mich allen Ernstes, ob ich nach meinem Tod auch so ein Ding werde oder einfach in der großen Leere aufgehe. Ich wurde trübsinnig, hatte zu nichts mehr Lust. Kaum, dass mich meine Frau überreden konnte, mit ihr in den Urlaub zu fahren. Meinen Job erledigte ich mehr schlecht als recht.
Irgendetwas fehlte, aber wie sucht man nach einem Puzzleteilchen, von dem man nicht weiß, wie es aussieht? Ich hatte nur so ein Gefühl, dass ich es erkennen würde, wenn ich darauf stieß.
Wie sich herausstellen sollte, hatte ich mich nicht getäuscht. Ich saß eines Tages in meinem Büro und war mit meinem Papierkram beschäftigt, als ich aus einem Impuls heraus zu dem großen Fenster blickte, das mein Büro vom Verkaufsbereich trennt. Was ich sah, verhieß nichts Gutes.
In diesem Moment stürzte auch schon eine meiner Angestellten herein und rief: ‚Kommen Sie schnell, Chef! Da vorn gibt’s Ärger.‘
Ich folgte meiner Mitarbeiterin rasch in die Verkaufshalle zu dem Menschenpulk, der sich im Eingangsbereich gebildet hatte.
‚Was ist denn hier los‘, murmelte ich und drängelte mich unter Entschuldigungen durch die Menge. Dann sah ich es und schüttelte unwillkürlich den Kopf, denn der Anblick, der sich mir bot, war so bizarr, dass ich zunächst an meinem Verstand zweifelte.
Auf dem Boden vor Kasse vier lag ein dünner Mann mittleren Alters, der Jeans und ein Karohemd trug. Aber er lag nicht einfach nur so da, sondern er machte mit seinen Armen und Beinen sonderbare Bewegungen und schnaufte und prustete dazu. Ich beobachtete den Mann und wusste auf einmal, dass er schwamm. Mit kräftigen Stößen durchpflügte er das imaginäre Wasser und kleine Wellen bildeten sich vor seinem Gesicht.
Dieser Mann tat etwas völlig Unerwartetes, Absurdes und mir wurde plötzlich klar, dass ich so etwas selbst schon immer hatte tun wollen, ohne dass es mir bewusst gewesen war. Es war verrückt, aber mich überkam eine große Heiterkeit, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.
Ich sagte: ‚Entschuldigen Sie bitte, mein Herr, die Badesaison ist noch nicht eröffnet.‘
Als hätte jemand den Stecker gezogen, hörte der Mann mit seinen Bewegungen auf und sah zu mir hoch. Den vorwurfsvollen Blick seiner grauen Augen werde ich nie vergessen.
Er sprang auf, schrie: ‚Das hätte man mir doch früher sagen können!‘, und verschwand durch die Eingangstür. Er tauchte seitdem nie wieder bei uns auf, aber er hatte etwas vergessen. Es steht seit jenem Tag auf meinem Schreibtisch, ein kleines, gelbes Quietscheentchen. Es ist vielleicht nicht exakt das eine Puzzleteilchen, das ich gebraucht habe – gibt es das überhaupt? – aber es kommt ihm doch sehr nahe, und wenn ich wieder einmal das Gefühl habe, dass meinem Leben etwas fehlt, brauche ich es nur anzusehen und es geht mir besser. Dann fällt mir mein neues Hobby ein.
Manchmal, wenn alle schon nach Hause gegangen sind und ich abends alleine im Büro bin, nehme ich das Entchen und gehe schwimmen. Während ich mich auf dem Teppich ausstrecke, fühle ich eine kindliche Unbeschwertheit in mir, die mich in eine andere Welt entführt. Ich höre das Plätschern des Wassers, das leise Quietschen des Entchens und mein eigenes Lachen.
Mit jedem Armzug und Beinschlag entferne ich mich mehr von meinen dunklen Gedanken. Ich schwimme mit kräftigen Stößen durch das Meer, das gegen die Aktenschränke brandet, tauche nach versunkenen Büroklammern, lausche dem Wind, der aus der Klimaanlage kommt. Für diese kostbaren Minuten bin ich frei, gelöst von allen Verpflichtungen und Erwartungen. Es ist, als ob das Quietscheentchen mir die Erlaubnis gibt, einfach zu sein.“

Ich betrachte sein Geschenk, drehe und wende es hin und her. Ob ich es vielleicht auch mal versuche?

 

Hallo @Sturek!

Ich finde den Text sehr interessant! Gleich zu Beginn gefällt mir, dass der Erzähler diese „Kuriositäten“ quasi zu sammeln scheint, wenn auch nur als Aufzeichnungen.

Als Teleportation ins Spiel kommt, glaubt man, dass der Text in einer Fantasiewelt spielt, da die Person scheinbar nicht nur glaubt, sich teleportieren zu können, sondern es laut dem Erzähler auch wirklich kann. Für mich liegt das Interessante/das, was den Text ausmacht, darin, dass die Figuren sich in einer realen Welt irgendwelche verrückten Hobbies als Realitätsflucht zulegen und dadurch in eine Fantatsiewelt abgleiten. Meiner Meinung nach sollte der Rahmen der realen Welt aber trotzdem bestehen bleiben, damit es diese Wirkung erzielt. Wobei… Wenn Teleportations-Choreographie nur als Kunststück gemeint ist, dann passt es natürlich wieder.

Ich lernte sie in Miami kennen und sie stellte mir ihr neuestes Werk vor. Ich konnte es zwar nicht sehen, da es aus puren Emotionen bestand, aber die Wirkung war (ohne die Ablenkung durch profane Äußerlichkeiten) desto eindrucksvoller.
Das mit der Gefühlskunst finde ich klasse! Womöglich könnte man das, was ich bei dem Zitat in Klammer gesetzt habe, streichen, um es kompakter auszudrücken. Ich würde außerdem "umso" anstelle von "desto" schreiben (aber womöglich geht beides).

Ich traf ihn auf einem Kongress der GDS, der Gesellschaft Deutscher Steckenpferde.
Das gefällt mir auch gut. Es passt gut zu den surrealen/traumhaften Elementen im Text.

Jetzt nehme ich es in die Hand und höre im Geist seine Erzählung:
Vielleicht könntest du das anders formulieren. Z.B.: "Während ich es in die Hand nehme, erinnere ich mich an seine Erzählung." ("im Geiste" stört mich persönlich ein wenig, aber womöglich Geschmackssache)

Die Ausdrucksweise des Supermarktbesitzers wirkt stellenweise etwas unnatürlich (z.B. das mit dem Schiff, den Schmetterlingen etc. ).
Aber durch diese unwirkliche Stimmung, die im Text vorherrscht, passt es wieder.

Kaum, dass mich meine Frau überreden konnte, mit ihr in den Urlaub zu fahren.
Ich würde eher schreiben: "Meine Frau konnte mich kaum überreden..."

Irgendetwas fehlte, aber wie sucht man nach einem Puzzleteilchen, von dem man nicht weiß, wie es aussieht. Ich hatte nur so ein Gefühl, dass ich es erkennen würde, wenn ich darauf stieß.
Gefällt mir auch. Bei dem ersten Satz müsstest du den Punkt aber durch ein Fragezeichen ersetzen, da es ja eine Frage ist.

Dann sah ich es und schüttelte unwillkürlich den Kopf, denn der Anblick, der sich mir bot, war so bizarr, dass ich zunächst an meinem Verstand zweifelte.
Da ist wieder dieses Traumhafte und Unwirkliche. Ich mag die Atmosphäre im Text sehr!

Kasse vier
Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass "vier" hier Teil eines Namens bzw. der Bezeichnung ist und groß geschrieben werden müsste. Aber wie gesagt, ganz sicher bin ich mir auch nicht.

Aber er lag nicht einfach nur so da, sondern er machte mit seinen Armen und Beinen sonderbare Bewegungen und schnaufte und prustete dazu.
Das wirkt auf mich (als absoluter medizinischer Laie) wie das, das ich mir unter einem epileptischen Anfall vorstelle. Vielleicht könnte das auch irgendwie die erste Vermutung sein, bevor der Supermarktbesitzer begreift, dass der Mann schwimmt.

Ich sah den Mann und wusste auf einmal, dass er schwamm.
Ich würde statt "sah" eher "beobachtete" oder so schreiben, da es ja keine "Auf-den-ersten-Blick-Erkenntnis" ist. Also er muss schon genauer hinschauen, habe ich zumindest den Eindruck.

kleine Wellen bildeten sich vor seinem Gesicht.
Sehr schön!

Ich sagte: ‚Entschuldigen Sie bitte, mein Herr, die Badesaison ist noch nicht eröffnet.‘
Womöglich habe ich zu flüchtig gelesen, aber sind wir hier nicht in einem Supermarkt?

Es steht seit jenem Tag auf meinem Schreibtisch: ein kleines, gelbes Quietscheentchen. Es ist vielleicht nicht exakt das eine Puzzleteilchen, das ich gebraucht habe – gibt es das überhaupt? – aber es kommt ihm doch sehr nahe, und wenn ich wieder einmal das Gefühl habe, dass meinem Leben etwas fehlt, brauche ich es nur anzusehen und es geht mir besser. Dann fällt mir mein neues Hobby ein.
Ich hätte im ersten Satz das Komma durch einen Doppelpunkt ersetzt. Das mit dem Quietscheentchen (der ganze zitierte Text hier) gefällt mir sehr gut!

Ich höre das Plätschern des Wassers, das leise Quietschen des Entchens und mein eigenes, zufriedenes Lachen.
Ich würde das mit dem zufriedenen Lachen eher streichen, dadurch wird es etwas kitschig. Vielleicht stattdessen: Ich höre das Plätschern des Wassers, das leise Quietschen des Entchens und bin zufrieden mit mir und der Welt. - Natürlich nur ein Vorschlag.

Im Großen und Ganzen gefällt mir der Text - wie gesagt - sehr gut. Nur wird mir nicht ganz klar, vor welcher Kulisse sich die Geschichte ereignet (v.a. wegen dem Satz mit der Badesaison) und weshalb der Protagonist der Binnenerzählung ausgerechnet ein Supermarktbesitzer sein muss .

GLG Jorinde

 

Hallo @Jorinde21

Danke dir fürs Lesen und Kommentieren. Tatsächlich soll der Ich-Erzähler der Rahmenhandlung als Hobby einer speziellen Sammelleidenschaft frönen und Erinnerungen an Menschen mit ausgefallenen Hobbies sammeln. Im ersten Abschnitt hatte ich auch überlegt, etwas realere Hobbies zu nehmen, Kastanienmännchenbauen oder so, aber dann habe ich mir gesagt: „Wenn schon, denn schon!“ So wird der Leser gleich darauf eingestimmt, dass es später manchmal unwirklich wird. Ich finde, der Rahmen bleibt trotzdem real genug.

Ich lernte sie in Miami kennen und sie stellte mir ihr neuestes Werk vor. Ich konnte es zwar nicht sehen, da es aus puren Emotionen bestand, aber die Wirkung war (ohne die Ablenkung durch profane Äußerlichkeiten) desto eindrucksvoller.
Das mit der Gefühlskunst finde ich klasse! Womöglich könnte man das, was ich bei dem Zitat in Klammer gesetzt habe, streichen, um es kompakter auszudrücken. Ich würde außerdem "umso" anstelle von "desto" schreiben (aber womöglich geht beides).
Das in Klammern Gesetzte habe ich nachträglich noch eingefügt, aber stimmt, das braucht es nicht, also wieder weg damit. „Desto“ oder „umso“ ist sicher Geschmackssache. Das sind Synonyme.
Vielleicht könntest du das anders formulieren. Z.B.: "Während ich es in die Hand nehme, erinnere ich mich an seine Erzählung."
Dann habe ich aber das Problem, das „erinnern“ kurz vorher schon mal vorkommt.
Das wirkt auf mich (als absoluter medizinischer Laie) wie das, das ich mir unter einem epileptischen Anfall vorstelle.
Ein Freund von mir leidet an epileptischen Anfällen. Das ist bei ihm eher ein krampfartiges Zittern.
Ich sagte: ‚Entschuldigen Sie bitte, mein Herr, die Badesaison ist noch nicht eröffnet.‘
Womöglich habe ich zu flüchtig gelesen, aber sind wir hier nicht in einem Supermarkt?
Von mir war es so gedacht, dass der Supermarktleiter sich in den Verrückten hineinversetzen kann und vermutet, dass der sich in einem Freibad wähnt.
Ob ich das noch deutlicher ausformulieren sollte? Mal sehen.
und weshalb der Protagonist der Binnenerzählung ausgerechnet ein Supermarktbesitzer sein muss .
Warum nicht ein Supermarktleiter? Das klingt so schön normal und der Kontrast zu dem Hobby ist da. Außerdem ist dann gleich die Location für den Auftritt des Verrückten vorhanden.

Grüße
Sturek

 

Hallo @Sturek,

Also mich hat es nur verwirrt, dass ein Supermarktleiter zu dem verirrten Schwimmer wie ein Bademeister spricht:

"Die Badesaison hat noch nicht eröffnet."
...und sie wird ja auch nicht eröffnen, da wir hier in einem Supermarkt sind. Vielleicht könnte er sagen: "Schwimmen ist zwischen den Regalen/in Supermärkten nicht gestattet." Dann lässt er sich darauf ein, nimmt den Schwimmer ernst und bleibt trotzdem in seiner Rolle als Supermarktleiter.
(Mir fällt auf, dass ich im obigen Kommentar immer "Supermarktbesitzer" geschrieben habe... Entschuldige bitte.😅)

Ansonsten gefällt die Idee mit dem Supermarktleiter. Das klingt so nach Alltag und steht dann in Kontrast zu dem kuriosen Hobby. Aber ich würde den zitierten Satz auf jeden Fall ändern, damit klar bleibt, wo die Geschichte stattfindet.

LG Jorinde

 

Hallo @Jorinde21

Ach so meinst du das. Danke für die Klarstellung. „Schwimmen zwischen den Regalen ist nicht erlaubt“, ist natürlich auch schön skurril, aber würde sich der Supermarktleiter so auf den Mann einlassen und ihn ernst nehmen? Ich meine, nein. Stell dir vor, du schwimmst in einem Freibad und der Bademeister sagt zu dir: „Schwimmen zwischen den Regalen ist nicht erlaubt.“ Indem der Supermarktleiter so tut, als wären sie in einem Freibad, versetzt er sich in ihn hinein, lässt sich ganz auf seine Welt ein.
Vorher drängelt er sich durch die Gaffer, dann verschwindet der Mann durch die Eingangstür, durch all das ist meiner Meinung nach doch klar, dass sie sich nach wie vor im Supermarkt befinden.

Aber ich merke trotzdem, dass diese Stelle noch Potential hat, bin mir nur noch nicht sicher, wie ich es ausschöpfe. Vielen Dank für die Anregung.

Grüße
Sturek

 

Hallo @Sturek,

Ja, womöglich hast du recht. Ich hab die Stelle nochmal gelesen... Bei mir hängt es lustigerweise immer von Tageszeit oder Stimmung ab, wie ich etwas lese. Lass die Stelle so. Sie ist gut, wie sie ist.

LG Jorinde

 

Hallo @Sturek,

eine ansprechende Geschichte ist dir gelungen!
Die Verschachtelung der Erlebnisebenen macht das Ganze schon interessant, der originelle Inhalt vervollständigt das Bild.
Die Ideendichte deines Textes ist recht hoch (abgesehen von den Hobbies z.B. das Tauchen nach Büroklammern), die vermittelte wehmütige Stinmmung passt prima zum Inhalt, der trotz aller Kuriosität eine gewisse Tiefe hat: Letztlich stellst du die allgemeingültige Frage nach dem Maß der Selbstverwirklichung (auch gegen Konventionen).

Auch Emily Lloyd, eine Gefühlskünstlerin, ist mir lebhaft im Gedächtnis geblieben. Ich lernte sie in Miami kennen und sie stellte mir ihr neuestes Werk vor. Ich konnte es zwar nicht sehen, da es aus puren Emotionen bestand, aber die Wirkung war umso eindrucksvoller
Hat mich an 'Des Kaisers neue Kleider' erinnert, eine weise Erzählung. Spüre auch ein wenig Kritik an manchen intellektuell-kulturellen Auswüchsen.

Auf dem Boden vor Kasse vier lag ein dünner Mann mittleren Alters, der Jeans und ein Karohemd trug. Aber er lag nicht einfach nur so da, sondern er machte mit seinen Armen und Beinen sonderbare Bewegungen und schnaufte und prustete dazu. Ich beobachtete den Mann und wusste auf einmal, dass er schwamm. Mit kräftigen Stößen durchpflügte er das imaginäre Wasser und kleine Wellen bildeten sich vor seinem Gesicht.
Eine erstaunliche Wendung, schön wie das - von außen gesehen - Absurde in den Alltag einbricht.

mir wurde plötzlich klar, dass ich so etwas selbst schon immer hatte tun wollen, ohne dass es mir bewusst gewesen war.
Eine Art 'Erleuchtung' die der Mann erlebt, manchmal braucht man halt den Anstoß von außen für Selbsterkenntnis.

Ich sagte: ‚Entschuldigen Sie bitte, mein Herr, die Badesaison ist noch nicht eröffnet.‘
Coole (und kluge) Reaktion.


Während ich mich auf dem Teppich ausstrecke, fühle ich eine kindliche Unbeschwertheit in mir, die mich in eine andere Welt entführt.

Ich betrachte sein Geschenk, drehe und wende es hin und her. Ob ich es vielleicht auch mal versuche?
Eigentlich kann man bei dem Glück, die diese 'Übung' verspricht den Protagonisten nur zurufen: 'Versuch es! Warum warten?'


Mit jedem Armzug und Beinschlag entferne ich mich mehr von meinen dunklen Gedanken

Normalerweise vermeidet man Wortwiederholungen wie der :baddevil:
das Weihwasser - hier halte ich 'entferne ich mich mehr und mehr von meinen dunklen Gedanken' als eine Art Steigerung für angebracht.

Guter Text!

LG,

Woltochinon


AIC

 

Hallo @Woltochinon,

Vielen Dank für dein Feedback und schön, dass die Geschichte offenbar gut bei dir angekommen ist und du Spielräume für Interpretationen gefunden hast. Ich wollte mit der Geschichte auch wirklich eine leise Melancholie als Grundstimmung vermitteln und freue mich besonders, dass du das so empfunden hast.
Die Gefühlskünstlerin habe ich ohne Hintergedanken eingebaut, aber im Nachhinein war mir die Parallele zu „Des Kaisers neue Kleider“ auch schon aufgefallen.

Während ich mich auf dem Teppich ausstrecke, fühle ich eine kindliche Unbeschwertheit in mir, die mich in eine andere Welt entführt. Erweitern ...
Ich betrachte sein Geschenk, drehe und wende es hin und her. Ob ich es vielleicht auch mal versuche? Erweitern ...
Eigentlich kann man bei dem Glück, die diese 'Übung' verspricht den Protagonisten nur zurufen: 'Versuch es! Warum warten?'
Ähm … der letzte Satz ist eher als dezente Aufforderung an den Leser gedacht.:lol:
Mit jedem Armzug und Beinschlag entferne ich mich mehr von meinen dunklen Gedanken
Normalerweise vermeidet man Wortwiederholungen wie der :baddevil:
das Weihwasser - hier halte ich 'entferne ich mich mehr und mehr von meinen dunklen Gedanken' als eine Art Steigerung für angebracht.
Wortwiederholung? Selbstverständlich versuche ich in der Regel auch, das zu vermeiden. Hier sehe ich aber keine. Wahrscheinlich bin ich betriebsblind. :cool:

Grüße
Sturek

 

Hallo @Sturek,


Ähm … der letzte Satz ist eher als dezente Aufforderung an den Leser gedacht.:lol:
Das ist ein Aspekt, warum ich die Geschichte mag: Sie hat eine Aussage für den Leser, nicht nur eine schöne Stimmung (oder einen Unterhaltungswert).

Wortwiederholung? Selbstverständlich versuche ich in der Regel auch, das zu vermeiden. Hier sehe ich aber keine. Wahrscheinlich bin ich betriebsblind. :cool:
Du bist nicht "betriebsblind" - sorry, wenn ich für ein Rätselraten gesorgt habe: Ich schreibe, dass mir in diesem Fall eine Wortwiederholung als Stilmittel (Steigerung) sogar gefallen hätte. Ist aber nichts Essentielles.

Ein lesenswerter Text,

wünsche dir noch viele weitere kreative Momente.

LG,

Woltochinon

 

Hallo @Sturek,

dieser Text ist großartig in seiner Absurdität. Sowohl die Gefühlskunst als auch die Teleportation werden mir in Erinnerung bleiben.

Einige kleine Anregungen: Die Atmosphäre im Supermarkt, die Tätigkeit des Filialleiters und der Umgang mit seinem Angestellten lassen sich vielleicht noch etwas lebensnaher schildern.

Manche Absätze sind etwas lang, was das Lesen am Handy erschwert.

Kommen Sie schnell, Herr Maier! Da vorn gibt’s Ärger.
Der Name ist für meinen Geschmack etwas zu konkret. Wie wäre es mit „Chef“?

Freundliche Grüße
Berg

 

Hallo @Woltochinon

Das ist ein Aspekt, warum ich die Geschichte mag: Sie hat eine Aussage für den Leser, nicht nur eine schöne Stimmung (oder einen Unterhaltungswert).
Schön, dass du es so siehst. Der Supermarktleiter findet etwas über sich selbst heraus und so mag das auch ein kleiner Impuls für Leser sein.
Du bist nicht "betriebsblind" - sorry, wenn ich für ein Rätselraten gesorgt habe:
Dann bin ich ja beruhigt. :)

Hallo @Berg

Danke auch dir für dein Feedback und die Anregungen. Ich freue mich, dass du den Text mit all diesen Absurditäten gut findest. Auf so etwas muss man sich als Leser auch erst mal einlassen.

Die Atmosphäre im Supermarkt und das Verhältnis zu der Angestellten lebensnaher zu beschreiben, würde die Geschichte meiner Meinung nach nur unnötig aufblähen. Bei dem Wort „Supermarkt“ hat doch jeder Bilder und Geräusche im Kopf, also kann ich das getrost dem Leser überlassen. Aber das Wort „Chef“ übernehme ich gerne, dann ist das Verhältnis wirklich etwas lebensnäher.

Manche Absätze sind etwas lang, was das Lesen am Handy erschwert.
Der Aspekt der Lesbarkeit am Handy lag bisher unter meinem Radar. Aber es stimmt, das ist ja auch wichtig. Nur leider habe ich jetzt die Geschichte ohne Erfolg noch einmal nach möglichen zusätzlichen Absätzen durchforstet.

Grüße
Sturek

 

Hey @Sturek,

der Text gefällt mir. Ich mag den absurden Humor der Geschichte. Was mir noch nicht zu 100% klar ist, wohin der Text will in Sachen Realismus. Du leitest ja mit Teleportation ein, also hat dein Text nichts mit der Realität zu tun. Aber wenn es so krasse Sachen gibt wie Teleportation, wieso fällt man dann auf sowas langweiliges wie Trockenschwimmen zurück? Wieso schwimmt man nicht tatsächlich durch die Luft? Oder schwebt vor sich hin? Ich finde, dass der Text zwei unterschiedliche Richtungen gleichzeitig aufmacht. Dieses Trockenschwimmen wäre eher etwas, das man in einem realistischen Text beschreiben würde. So als Realitätsflucht. Dazu passen die unrealistischen Hobbies vom Anfang nicht ganz, finde ich. Auf der anderen Seite ist diese Teleportationssache schon so skurril, dass man sie vermutlich vermissen würde. :)

Ich lese den Namen und erinnere mich an seine Teleportations-Choreografie. Noch jetzt bin ich ganz verwirrt, wenn ich daran denke, wie er stakkatoartig mal hier und mal da in den unterschiedlichsten Posen auftauchte und wieder verschwand.
Die Teleportations-Choreographie und die Gefühlskünstlerin haben mich etwas aus dem Text rausgehauen. Vorallem ersteres. Ich finde den Begriff "Teleportations-Choreographie" sehr schwammig. Also wenn ich eine bestimmte Art von Tanz mache, könnte ich den ja auch so nennen. Du meinst ja hier tatsächlich Teleportation, also würde ich das sprachlich möglichst eindeutig beschreiben. Sowas wie "erinnere mich an seine Choreografie, bei der er sich hin und her teleportierte". Dann machst du finde ich mehr klar, dass es sich nicht um einen realistischen Text handelt und dann kann ich auch die Gefühlskünstlerin besser einordnen. Kannst es dir ja mal überlegen.

Hoffe du kannst was mit dem Kommentar anfangen.

Beste Grüße
Klamm

 

Hallo @Klamm

Danke für deinen Kommentar. Ich kann auf jeden Fall etwas damit anfangen!
Natürlich sind die im ersten Abschnitt angeführten Hobbies nicht real, aber ich denke, sie sind gut geeignet, den Leser auf die nachfolgenden Kuriositäten einzustimmen. Es ist sozusagen ein Schwanken zwischen den Welten. Stringenter wäre es, zu Anfang realere Hobbies zu nehmen, aber inzwischen kann ich mich auch nicht mehr von Herrn Oechsenschlegel und Emily trennen. :D Beides hat Vor- und Nachteile, glaube ich.

Ich finde den Begriff "Teleportations-Choreographie" sehr schwammig.
Das stimmt. Er entwirft eigentlich Choreografien für Teleporteure. So hatte ich mir das gedacht. Ich habe die Passage jetzt etwas umgeändert. Durch sein Verschwinden und Auftauchen sollte aber klar sein, was gemeint ist.

Grüße
Sturek

 

Mit jedem Armzug und Beinschlag entferne ich mich mehr von meinen ...

Ufftatta, als pubertärer Knabe hätt’ ich nun Worte meines Frl. Mutter hören dürfen, nicht so viel zu träumen ...

Moin @Sturek,

schöne Geschichte –
hattestu nicht schon Mal literarisch im Geschäftsleben gearbeitet? -

Alles schon gesagt,

dass ich „eigentlich“ nur auf den Plural des „Hobbys“ hinweisen brauchte

Heute genieße ich … zu stöbern und mich an die Menschen mit außergewöhnlichen Hobbies zu erinnern, denen ich schon begegnet bin.

Aber wenn ich schon mal in Deiner guten Stube bin, kratz ich noch ein wenig – denn wäre hier
Eine davon führte er mir sogar selbst vor.
nicht nur erwähnenswert, wenn er einem/einer Angestellten die Vorführung überließe?

Ich musste unter Tränen lachen und konnte gar nicht wieder aufhören damit.
„Damit“ ist doch eher entbehrlich ...

Ich saß eines Tages in meinem Büro und war mit meinem Papierkram beschäftigt, als ich aus einem Impuls heraus zu dem großen Fenster blickte, das mein Büro vom Verkaufsbereich abtrennt.
Geht auch ohne Vorsilbe, „ab“ mit der Trennung ...

Wie dem auch wird -
gern gelesen vom

Friedel

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Friedrichard

Schön, dass du im Supermarkt vorbeischaust. Natürlich hast du auch wieder Verbesserungswürdiges gefunden. Danke dafür.

Ufftatta, als pubertärer Knabe hätt’ ich nun Worte meines Frl. Mutter hören dürfen, nicht so viel zu träumen ...
Das kenn ich. Bei mir kam gelegentlich noch das Attribut „weltfremd“ zum Träumer hinzu.
hattestu nicht schon Mal literarisch im Geschäftsleben gearbeitet? -
Ach ja, ich glaube, du meinst den Vorweihnachtstrubel im Supermarkt.
dass ich „eigentlich“ nur auf den Plural des „Hobbys“ hinweisen brauchte
Diese Form habe ich wohl unbewusst aus Respekt vor dem angelsächsischen Migrationshintergrund des Wortes gewählt. Inzwischen hat es aber den Deutschtest bestanden und die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Also sollte es auch in der Lage sein, den deutschen Plural zu verkraften.
Eine davon führte er mir sogar selbst vor.
nicht nur erwähnenswert, wenn er einem/einer Angestellten die Vorführung überließe?
Das habe ich so geschrieben, um zu betonen, dass er die Choreografien normalerweise für andere entwickelt. Aber das geht ja aus dem Zusammenhang auch so hervor. Also: Kann weg.
Ich musste unter Tränen lachen und konnte gar nicht wieder aufhören damit.
„Damit“ ist doch eher entbehrlich ...
Das will ich lieber so lassen wegen der Satzmelodie.
Ich saß eines Tages in meinem Büro und war mit meinem Papierkram beschäftigt, als ich aus einem Impuls heraus zu dem großen Fenster blickte, das mein Büro vom Verkaufsbereich abtrennt.
Geht auch ohne Vorsilbe, „ab“ mit der Trennung ...
Auch hier: „Ab“ kann weg. Hier habe ich mich gefragt, wozu es eigentlich „abtrennen“ gibt, wenn „trennen“ doch den Job auch immer erledigen könnte.
Probeweise habe ich mal in verschiedenen Beispielen, die mir so einfielen, abtrennen durch trennen ersetzt. Es ging immer. Die Gegenprobe klappt nicht. Georg und Monika trennten sich nach dem verflixten 7. Jahr ab.

Danke, Friedel

Grüße
Sturek

 

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