Der gefrorene Hals
Als ich noch klein war, erlebte ich Abenteuer reihum. Zum Beispiel habe ich einmal mit einem Mann geredet, den man geköpft hatte. – Wie, nicht möglich? Ich schwör's. Mit meinen eigenen Augen habe ich ihn gesehen. Er hat uns selber erzählt, wie er enthauptet wurde. Ich versteh' zwar, wenn das einer nicht glauben will. Aber es ist offenbar möglich, sonst wäre es nicht geschehen. Ist halt so. Es gibt so vieles, das man sich kaum vorstellen kann, aber wahr ist es doch.
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Wie alle Kinder spielten wir zuerst im Haus. War das langweilig. Doch dann ging's los: Mit fünf tobten wir uns im Garten aus. Danach spielten wir in der Nachbarschaft, meistens beim Brunnen, mit sieben ging's an den Dorfrand, mit neun wagten wir uns noch weiter weg, will heissen auf die Allmend und mit zwölf streiften wir den Bächen entlang, bis wir den Talgrund erreichten. Dort, wo der Hauptbach des Tales entlang der Auen rauschte, wo Erlen und Birken Ufer säumten, jagten wir allerlei Tieren nach. Oft fingen wir Frösche, manchmal auch Krebse. Vögel gabs, vor allem Meisen, Finken, Spechte, Amseln, Drosseln und Krähen. Füchse gabs sowieso und auch Dachse, Wiesel und Marder. Aber so neugierig waren wir, dass wir noch viel mehr entdecken wollten.
Als wir Fahrräder erhielten, die auch für lange Strecken taugten, fuhren wir an schulfreien Nachmittagen aus unserem engen und steilen, oftmals verschatteten Tal der Tannen und Wiesen hinaus und erkundeten das nächstgelegene, breite und sonnige Tal, an dessen sanft auslaufenden Hängen Weizen- und Roggenfelder gediehen, zahlreich nicht nur Tannen, sondern auch Eichen und Buchen grünten. So kam es, dass wir die Welt Stück um Stück erforschten, bis wir ein Dorf erreichten, das inmitten von Weingärten lag, was uns so fremd dünkte, dass wir uns schier im Ausland wähnten.
An jenem Ort sahen wir dann, was uns Buben, die auf Abenteuer aus waren, sogleich mit Tatendrang erfüllte. Auf einer bewaldeten Berglehne ragte dem Himmel entgegen eine Burgruine. Burgen zu erkunden war für uns eine grosse Sache. Wir besassen auch ein Buch, in dem alle Festen des Kantons genannt, beschrieben und viele auch abgebildet waren. Darum wussten wir sofort, dass auf jener Berglehne der Sitz Altamont lag. Aber einen Weg zu der Burgstätte konnten wir nicht ausmachen und das Innere des Gemäuers blieb dem Blick aus der Ferne verwehrt.
Eine Wochen später radelten wir erneut auf Erkundung. Wir hatten uns vorbereitet wie einst Marco Polo, als er an den Hof des Kaisers von China reiste. Wir hatten unsere Fahrräder hergerichtet; verschmutzte Schutzbleche gesäubert, Ketten geschmiert und bei einem Velo abgenutzte Bremsklötze ersetzt. Wir hatten Streichhölzer, Wurst, Brot und O-Saft eingepackt. Wir hatten auf einer Landkarte nachgeschaut, welchen Weg wir suchen mussten und fanden ihn auch bald. Von einem Platz mit Brunnen führte eine Gasse zwischen altersschiefen Häusern und Ställen hinan und wechselte am Dorfrand über in einen Forstweg, der von Buchen gesäumt und an manchen Stellen gar überwölbt sich den Berghang hochwand. Der Aufstieg war steiler und länger, als wir gedacht hatten. Nach hundert Metern kamen wir auf unseren Fahrrädern ins Schnaufen und nach zweihundert Metern mussten wir absteigen. Wir mussten die Räder stoßen. Doch dann, nach einer halben Stunde des Gehens teilte sich talwärts das Spalier der Bäume und unversehens sahen wir, wonach wir gesucht hatten. Am Wegrand und auf einem Felsbuckel fußend stand Jahrhunderten zum Trotz der Bergfried Altamonts. Freudig erregt legten wir die Fahrräder in den Weggraben und eilten auf die neben dem Bergfried aufragenden Reste des Torhauses zu. Doch unter dem Torbogen stand ein Mann mit Spitzbart, einer, der uns den Durchgang versperrte, der sich auf einen Stock stützte, der einen Hut mit breiter Krempe und einen Kittel trug, der fast ganz aus Flicken bestand. Wir grüßten. Er grüßte zurück und fragte, wer wir seien und woher wir kämen. Als wir ihm erklärt hatten, woher und wozu wir gekommen waren, fragte er, ob wir denn wüssten, wer da gehaust habe.
„Ja, so wie die Burg heisst, nicht wahr, so haben sie geheissen,“ sagten wir.
„Ja, das ist wahr. So haben die geheißen“, bestätigte er freundlich. Doch dann verfinsterte sich seine Miene. Plötzlich blickte er düster, so sonderbar und eindringlich, dass er uns unheimlich wurde. „Richtig, wie die Burg haben die geheißen“, wiederholte er mit gepresster Stimme, wandte die Augen ab und schaute über unsere Köpfe hinweg. „Aber wisst ihr auch, was die getan haben?“
Natürlich wussten wir es nicht. Woher hätten wir es denn auch wissen können? Wir hoben die Schultern und schauten ihn fragend an. Er sah es und begann zu erzählen.
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Er meinte: „Nicht, dass ihr's weitersagen sollt, weil man's sonst mit der Obrigkeit zu tun kriegt. Aber hören sollt ihr doch, wie vor vielen, vielen Jahren Recht zu Unrecht wurde. Das geschah, als das Hochgericht der Herrschaft zu Altamont einen glück- und schuldlosen Mann, einen im Herzen ganz und gar gutmeinenden und gottgefälligen, aber auch verleugneten und verleumdeten Christen eines Mordes beschuldigte und zum Tode verurteilte.“ Wieder schaute der Fremde über unsere Köpfe hinweg. Es sah aus, als wolle er in die Ferne etwas erspähen, das nur noch schwer zu erkennen war. Danach wandte er sich erneut uns Buben zu und fragte: „Ihr kennt das Wort von der "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit", ja? Das war damals die Zeit. Aber der Henker war ein Mann der alten Zeit. Vor allem dann, wenn er zwei oder dreimal auf einen Hals einhacken musste, erschien er den Leuten nicht allzu brüderlich. Die Herren des Gerichts wollten sich des Verurteilten aber möglichst schnell und ohne Aufsehen entledigen. Dass der brodelnde Unmut des Volkes einer Hinrichtung wegen überkochte, wollten sie möglichst vermeiden. Also überbrachte ein Bote des Hochgerichts dem Scharfrichter folgendes Geheiss: Er bringe den Mörder im Jenner zu Tode, dies draussen beim Eichgut mit dem Schwert und zwar nach allen zu Gebote stehenden Regeln der Kunst.
Wie es verlangt war, geschah es dann auch. Das Blutgerüst stand auf einem Hügel zwischen den Weingärten, wo das besagte Eichgut lag. Ein Pfeifer und ein Trommler gingen durch die Gassen und über die Plätze des Dorfes. Drei Soldaten und ein Amtsbüttel holten den Verurteilten aus der Burg und führten ihn auf den Richtplatz. Zuerst stieg ein Pfaff auf das Schafott. Er leierte eine Litanei und zeichnete mit zwei Fingern Kreuze in die Luft. Vor dem Podest scharte sich das Volk. Der Richter und der Henker stiegen die Stufen hoch. Der Richter verlas das Urteil, indessen der Henker das Schwert aus einem Futteral wickelte. Der Büttel setzte den Verurteilten auf einen Schemmel. Und dann geschah es wie geheissen: Ein Sonnenstrahl blitzte von der Schneide auf, als das Schwert in die Höhe gehoben wurde, und der Schnitt ging so glatt, so sauber und gerade, dass der Kopf zwar abgehauen, aber auf dem Hals sitzen blieb. Staunend drängte sich das Volk näher, indessen die Amtsherren eine Weile waren, was sie sonst nie waren, nämlich sprachlos. Doch dann trat der zuständige Obmann vor und meinte: „Hört, es ist kalt und geköpft ist er. Lasst ihn sitzen und gehen wir nach Hause.“ Also ging man heimwärts, weil die Obrigkeit es wollte, da es nichts mehr zu verrichten gab und weil es kalt war.
Nun war aber an dem Tag die Luft tatsächlich so kalt, dass dem Geköpften der Hals wieder zusammenfror, ihm das Blut weiter durch die Adern strömte und er darum am Leben blieb. Und als auch ihm kalt wurde, dachte er: Ja, wenn die Leute gegangen sind, so sehe ich nicht ein, zu was ich allein hier noch sitzen soll? Er stand auf, löste die Fessel von den Handgelenken und stieg von der Bühne. Er schaute sich um und sah, dass er wirklich allein war. Er trat auf die Straße und ging dem Dorf entgegen. Die Leute haben's gut, dachte er. Alle haben einen Ort, wo sie hingehören, ein Haus, in dem sie wohnen, und eine Stube, in der ein Ofen wärmt. Ich habe nichts von alledem. Sie sind dort und ich bin hier. Sie sind drinnen und ich bin draußen; bin ganz allein, bin so ein armer Tropf, friere und weiß nicht, ob ich nicht besser tot wäre. Er ging in das Dorf hinein. Er kam zu einem Wirtshaus. Er sah den Eingang. Er zögerte. Doch als aus dem Fenster der Wirtsstube Lachen drang, hielt ihn nichts mehr. Er hinein und setzte sich an einen Tisch.
Die Wirtstochter schaute ihn ein wenig verwundert an. Ihm schwante, dass sie bei der Hinrichtung zugeschaut hatte. Doch dann schüttelte sie den Kopf, als könne sie einen Gedanken wie eine Fliege verscheuchen. Danach fragte sie, was sie bringen dürfe. Er bestellte einen Veltliner. Sie nickte und ging den Wein holen.
Er schaute sich währenddessen in der Wirtsstube um. An einem Tisch sassen vier Herren und besprachen eine Sache. Er hörte kurz hin und wurde hellhörig. Sie redeten über das Für und Wider der Todesstrafe. Aber hallo, dachte er, dazu könnte ich auch etwas sagen. Immerhin habe ich damit einige Erfahrung, ja? Die Wirtstochter brachte den Wein. Er dankte und wandte sich erneut dem Nachbarstisch zu.
Der erste Mann an dem Tisch sagte:
"Wieso Rache? – Es geht nicht um Rache sondern um Gerechtigkeit. Gerecht ist, wenn jeder selber erleidet, was er andere erleiden lies. So ist es doch, nicht wahr? Aber dafür müssen wir sorgen. Der Zufall hilft uns dabei nicht, das Schicksal auch nicht und an eine höhere Gerechtigkeit glaube ich nicht. Und Hans, auch wenn das Hinrichten grausam ist, müssen wir es doch tun, damit die Gesellschaft eben gerecht bleibt."
Ein anderer Mann räusperte sich. Er wandte ein:
"Wenn ich diese Reden von der Gerechtigkeit nur schon höre, pfui Teufel. Aber nein, die Welt ist und bleibt für einen Ermordeten und seine Hinterbliebenen auf Ewig ungerecht. Darum müssen wir Morden vorbeugen. Doch wie? Das ist die alles entscheidende Frage. Der Tod erlöst den Mörder. Der Kerker ist für ihn die grössere Strafe. Glaubt mir, ein Leben lang auf der Flamme des Gewissens geröstet zu werden, ist abschreckender als der Tod. Darum, das lasst euch sagen, müssen wir die Todesstrafe abschaffen."
Der zuvor Hans genannte Mann meinte:
"Ja, etwa so sehe ich das auch. In christlicher Hinsicht darf man so oder so niemanden töten, ausser vielleicht, wenn Gott es so will. Aber selbst dann, wenn wir Gott leugnen, ist es doch die Aufgabe der Gesellschaft, das Leben zu schützen. Hören wir damit auf, muss man auch fragen: Wo oder wann hören wir damit auf? Doch wie können wir diese Fragen je beantworten, ohne dass wir willkürlich über Leben und Tod entscheiden? Und Willkür ist allen Übels Anfang. Die Gesellschaft wird ihrer Aufgabe nur gerecht, wenn sie jede Wilkür ablehnt. Versteht ihr? Darum bin ich gegen die Todesstrafe."
Der vierte und letzte Mann an dem Tisch schüttelte den Kopf. Er sagte:
"Gerecht ist der Mensch nie und nimmer, gell Hans? Gerecht ist allein der Allwissende. - Naja, vielleicht geht es um noch einmal etwas anderes. Ich denke da an Sühne. Ein wahrhaft aufrichtiger Mann, der gemordet hat, würde die Todesstrafe niemals ablehnen. Nein, er würde sich gar selber zum Tode verurteilen. Warum? – Eben, um der Sühne wegen.
Wie verblüfft durch diesen Gedanken schauten die vier Herren einander an.
"Hm," machte nach einer Weile der Erste von den Vieren und nahm seine Brille ab. "Also der Gedanke mit dem Mann, der sich selber zum Tode verurteilt, ist ziemlich kühn." Er zog ein Taschentuch aus der Westentasche, hauchte auf die Brillengläser und begann sie zu putzen. Dabei meinte er: "Wenn wir jetzt abstimmen würden, käme ein Patt heraus." Indessen wandte sich Hans dem Ausschank zu und hiess die Wirtstochter, noch einen halben Roten zu bringen. Als sie an den Tisch trat, sagte sie: "Ein Patt? Dann liegt es an mir, einen Stichentscheid zu fällen. Ich bin gegen die Todesstrafe."
Darauf Hans: "Ja, aber du bist eine Frau."
"Na und?"
"Frauen dürfen nicht abstimmen."
"Wieso nicht?"
"Weil Frauen allgemein der Sachverstand fehlt."
"Ach nein, wirklich!?" Die Wirtstochter schaute böse und wollte Hans massregeln. Doch bevor sie es konnte, sagte der Fremde am Nebentisch: "Wenn ich vielleicht etwas dazu sagen darf, ja? Ich verstehe etwas von der Sache. Als jemand, der erfahren hat, wie ungerecht die Todesstrafe sein kann, bin ich entschieden dagegen. Die Herren müssen wissen, dass man mich einmal unschuldig zum Tode verurteilt hat. Darum bin ich gegen die Todesstrafe."
Der Mann mit der Brille setzte die Gläser wieder auf und schaute den Fremden an. "Man wollte euch hinrichten?"
"Ja, köpfen wollte man mich."
Hans räusperte sich und meinte mit misstrauisch verkniffenem Gesicht: "Aber man hat das Urteil offenbar widerrufen."
Der Fremde schüttelte den Kopf. "Nein, ich …" Jedes Wort dehnend fragte der vierte Mann: "Ihr seit flüchtig?"
"Nein, natürlich nicht. Ich …"
"Aha!" rief der Man mit der Brille, hob den Zeigefinger und fügte an: "Hingerichtet wurdet ihr nicht, wie man sieht. Folglich hat man euch begnadigt, ja?"
"Nein, ich, aber glauben sie mir, ich …" Der vierte Mann am Tisch beugte sich vor, äugte den Fremden schief an und sagte: "Zum Tode verurteilt, aber noch am Leben. Nicht flüchtig und nicht begnadigt. Ausserdem das Urteil nicht widerrufen. Wie kann das sein? Aber ja doch, dann ist nur eines noch möglich, nicht wahr?" Breit grinsend wandte er sich an seine Kollegen und erklärte mit einem spöttischen Unterton in der Stimme: "Meine Herren, er will uns gerade weiss machen, dass er noch lebt, obschon an ihm eine Enthauptung vollzogen worden sei." Er zeigte auf den Fremden und höhnte: "Er glaubt wohl, er könne uns für dumm verkaufen. Aber nein, ich glaube nur, was ich mit meinen eigenen Augen sehen kann. Er soll uns doch bitte schön zeigen, dass er kein Lügner ist." Prustend lachte er los und seine Gefährten stimmten schallend in das Gelächter ein.
Allein die Wirtstochter lachte nicht. Ihre Augen weiteten sich. Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Dann entfuhr ihr ein Stossseufzer: "Herr Jesus, das ist doch der …" Der Fremde biss sich auf die Lippen. Sein Kopf wurde rot. Abwechselnd schoss ihm die Zornes- und die Schamesröte ins Gesicht. Durch das aufwallende Blut wurde ihm warm, so warm, dass ihm der Hals auftaute. Plötzlich fiel ihm der Kopf ab. Die vier Herren mit offenen Mündern und weit aufgerissenen Augen erbleichten, schauten erschrocken den Mann an, dessen Kopf zu ihren Füssen lag. Der aber konnte und musste nichts mehr sagen.
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Das war die Geschichte, die uns auf Altamont erzählte wurde. Als der Mann im Torhaus fertig berichtet hatte, verabschiedete er sich und ging auf dem Forstweg fort. Wir dagegen sahen uns die Burg an, Torhaus und Vorburg, Palas und Bergfried. Eigentlich hatten wir geplant, auf der Burg ein Feuer zu entfachen und Würste zu braten. Doch der Appetit war uns vergangen. Nach der Besichtigung verließen wir die Ruine gleich wieder, da sie zwar verlockend und abenteuerlich anzuschauen war, in ihr aber auch schauriges und furchterregendes geschehen war und noch immer geschah, wie wir fortan wussten, da wir es selber erlebt hatten. Denn wie an dem Hals des Fremden leicht zu erkennen war, war er niemand anderes gewesen als der Geköpfte selbst. Das glaubt mir, weil: Ich habe es gesehen. Mit meinen eigenen Augen habe ich es gesehen. Ich schwör's!