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Chrissy (15): Der Geschmack von Bier und Abschied

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CoK

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24.08.2020
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Chrissy (15): Der Geschmack von Bier und Abschied

„Du musst deiner Mutter ja nicht sagen, dass wir zelten. Sag einfach, dass du bei mir übernachtest. Ich erzähle zu Hause, dass ich bei dir schlafe.“
Für Melli war das kein Problem. Sie wechselte zwischen Lüge und Wahrheit wie zwischen Fernsehprogrammen. Wir waren beste Freundinnen, aber manchmal wusste ich nicht, welches Programm bei ihr gerade lief.

Ihr Cousin, der mit uns den Hauptschulabschluss gemacht hatte, lud uns zu einer Abschlussfeier ein. Wir sollten nur einen Schlafsack mitbringen. Sie wollten oben am Heideberg zelten, irgendwo beim Lagerfeuer. Für uns würden sie sogar ein Zelt aufbauen.
Dass ich keinen Schlafsack besaß, ließ Melli nicht gelten. Sie hatte schließlich auch keinen.
„Wir nehmen eine Decke mit“, entschied sie.
„Wer ist denn überhaupt dabei?“
Es stellte sich heraus: nur Jungs. „Du kennst doch die Weiber aus unserer Klasse“, Melli rollte mit den Augen. „Denen ist so was nicht fein genug." Dabei hob sie die Hand, als erwarte sie einen Handkuss. „Chrissy, das wird super. Der Hariolf kommt auch, er wird Gitarre spielen. Du weißt schon, der Typ vom Gymi, dem du immer hinterherschaust.“ Sie sah mich prüfend an. „Und wenn’s dir nicht gefällt, gehst du einfach nach Hause.“
Das war ein gutes Argument. Unser Haus stand direkt unter dem Berg.

Ein paar Tage später stiegen wir den Heideberg hinauf, jede mit einer Wolldecke und einem Kissen im Arm.
„Mir ist so heiß!“ Melli blieb stehen, hob den Arm und schnüffelte daran. „Ich hab nicht mal ein Deo dabei. Mensch, Chrissy, ist dir nicht heiß in deinen Jeans? Warum hast du deinen Minirock nicht angezogen?“
„Ein Rock ist doch scheiße beim Zelten“, behauptete ich großspurig. Nicht einmal Melli hatte ich anvertraut, was passiert war. Warum ich nie wieder einen Minirock tragen wollte. Mädchen mit Minirock wollten das ja so, hatte er gesagt.
Nachdem wir uns hochgequält hatten, folgten wir den Schotterwegen. Zwischen Wacholderbüschen und niedrigen Kiefern standen drei Zelte um eine Feuerstelle.
„Ich gehe keinen Schritt mehr“, stöhnte Melli, ließ sich auf einen Baumstamm fallen und winkte unseren Klassenkameraden matt zu.
Mit großem Hallo wurden wir von Haribo, alias Stefan, sowie von Freddy, Mario und Klaus begrüßt.
„Hey Mädels, dahinten ist euer Zelt!“ Heiko kam aus einem der Zelte gekrochen und grinste uns an. „Ihr könnt euer Zeug gleich reinlegen.“ Er wies auf das kleinste Zelt.
„Gib her.“ Ich schnappte mir Mellis Decke samt ihrem Kissen und ging zu dem Zelt, das wie ein Indianertipi aussah. Schwungvoll warf ich die Kissen hinein, kniete mich hin und legte die Wolldecken gefaltet nebeneinander. Um sie ganz auszulegen, fehlte der Platz. Es war heiß darin, beinahe wie auf dem Wellblechdach im Freibad, auf dem wir früher oft lagen. Dazu roch es wie in unserer alten Heuscheune. Ich kroch wieder hinaus und hörte, wie die Jungs Melli umschwärmten. Wie die Bienen ihre Königin.
„Hey Melli, willst du was trinken?“
„Melli, soll ich dir was zum Naschen bringen?“
„Melli, sollen wir das Lagerfeuer jetzt anmachen?“
„Chrissy, hast du auch Durst?“, rief Melli mir zu. „Die Jungs haben aber nur Bier.“
„Nee, danke.“ Ich würde später nach Hause laufen und ein Wasser holen. Bier war Papas Lieblingsgetränk gewesen. Sofort zog sich etwas in meinem Bauch zusammen. Papa hatte immer eine Flasche nach der anderen gekippt – und danach ging der Streit mit Mama los.
Ich setzte mich neben Melli ins Gras und sah zu, wie Heiko versuchte, trockenes Gras mit Streichhölzern anzuzünden. Klaus kniete daneben und pustete vorsichtig. Erst passierte gar nichts, dann sprangen plötzlich kleine Funken über.
Kurz darauf knackten die Zweige im Feuer, und grauer Rauch zog in den dunkler werdenden Himmel. Die Jungs hockten im Schneidersitz um die Flammen, jeder mit einer Bierflasche in der Hand.
„Kommt, Leute! Lasst uns anstoßen – die scheiß Schule ist vorbei!“, rief Heiko, sprang auf und hielt seine Flasche hoch.
Die anderen lachten und stießen mit ihm an. Heiko grinste. „Mensch, Chrissy, Bier ist doch praktisch ein Nahrungsmittel. Stell dich nicht so an.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Wir können von Glück reden“, meinte Klaus, „dass wir zwei Halbjahre hatten. Die armen Schweine nach uns müssen ein Jahr länger büffeln.“
„Darauf müssen wir gleich noch mal anstoßen!“, rief Haribo und ließ seine Flasche gegen Mellis klirren. „Wann fängst du bei Bama an?“
„Am ersten September geht’s los. Dann verdiene ich mein eigenes Geld“, antwortete sie und hob das Kinn.
Die Jungs nickten zustimmend. Im September würden sie alle irgendwo anfangen: Lehre, Werkstatt, Fabrik. Ich würde weiter zur Schule gehen.
„Na ja, mit dem Verdienen wird’s bei mir nicht so viel. Die Hälfte von meinem Lehrgeld muss ich meinem Alten als Kostgeld abgeben.“
„Mann, das müssen wir doch alle!“ Freddy legte Klaus den Arm um die Schulter.
„Hallo zusammen!“
Ich erkannte die Stimme sofort.
Hariolf.
Er kam auf uns zu, die Gitarre über der Schulter.
Mein Herz klopfte schneller.
Ich rückte näher zu Melli. Wenn er sich doch nur hierher setzen würde.
Hariolf setzte sich tatsächlich neben mich. Mein Gesicht wurde heiß.
„Hier, trink erst mal einen Schluck“, forderte ihn Klaus auf und reichte ihm eine Bierflasche.
„Danke.“ Hariolf prostete allen kurz zu. Dann sah er mich an. „Und du? Haben sie dir nichts gegeben?“ Seine grünen Augen ruhten auf mir.
Jetzt hatte ich einen Presslufthammer in der Brust. „Ähm … ich …“
„Die will keins!“, rief Klaus.
„Quatsch.“ Hariolf lachte. „Du kannst doch hier nicht so trocken sitzen. Jungs – die Lady braucht ein Bier.“
Freddy reichte mir eine Flasche.
Hariolf hielt seine dagegen. „Prost.“
Ich hatte mir immer geschworen, nie Bier zu trinken. Es roch wie Papa. Ich nahm einen kleinen Schluck. Bitter. Eklig. Ich stellte die Flasche ins Gras.
„Also“, sagte Hariolf und legte die Gitarre auf sein Knie. „Was soll ich spielen? Dabei sah er mich an.
„Kennst du Stairway to Heaven?“, fragte ich.
„Quatsch!“ Freddy verzog das Gesicht. „Spiel was, wo ich mitsingen kann.“
Er stimmte an: „Einst ging ich am Strande der Donau entlang …“
„Ja!“, gröhlten die Jungs.
Hariolf sah zwischen uns hin und her. Dann grinste er. „Okay. Euer Wunsch ist mir Befehl.“ Er griff in die Saiten. Und spielte Stairway to Heaven.
Ich strahlte ihn an. Selbst Freddys giftiger Blick konnte meine Freude nicht dämpfen. Vielleicht mochte er mich ja ein bisschen.
Während er spielte, sah er immer wieder zu mir.
Als der letzte Ton verklang, klatschte ich sofort.
„Nicht schlecht“, sagte Mario und hob den Daumen.
Hariolf blinzelte mir zu.
Und ich war glücklich.
Hariolf griff nach seiner Flasche. Er hielt sie mir hin.
Diesmal stieß ich sofort an. Während er mich ansah, trank ich. Es schmeckte immer noch scheußlich. Aber es war mir egal.
Hinter den Büschen knackte ein Ast.
„Hallihallo!“ Andrea trat hervor. Groß. Blond. Langer Rock, enges Top. In der Hand eine riesige Lambruscoflasche. Sie nahm einen tiefen Schluck, wischte sich über den Mund und ließ sich zwischen uns fallen. Andrea drehte sich zu Hariolf. Und küsste ihn. Auf den Mund.
Ich starrte auf meine Hände. Die Finger verschränkt. Jetzt bloß nicht losheulen.
Melli sah mich an. Es stand mir ins Gesicht geschrieben. „Komm“, sagte sie und zog mich hoch. „Ich muss mal für kleine Mädchen.“
Wir gingen ein Stück vom Feuer weg.
„Wusstest du, dass Hariolf eine Freundin hat?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Chrissy, du glaubst doch nicht, dass einer vom Gymi mit einer aus der Hauptschule geht.“
Nein. Wirklich geglaubt hatte ich das nie. Mein Selbstbewusstsein fühlte sich plötzlich wie ein Schweizer Käse an.
Melli verschwand hinter ein paar Sträuchern.
Ein wehklagender Ruf kam vom Himmel. Über uns flog ein Vogel. Ich sah ihm nach und wünschte mir, mit ihm tauschen zu können.

Als wir zurückkamen, setzte ich mich neben Mario ins Gras und starrte in die Flammen. Die anderen gröhlten: „Einst ging ich am Rande der Donau entlang …“
Freddy sang am lautesten, als Hariolf seinen Wunsch erfüllte und Wir lagen vor Madagaskar spielte.
„Wer hat noch einen Musikwunsch?“
Ich starrte weiter ins Feuer.
„Am Tag, als Conny Kramer starb“, hauchte Andrea.
Ich mochte das Lied. Aber nicht jetzt.
„Hier.“ Melli setzte sich neben mich und drückte mir meine Flasche in die Hand. „Auf unsere Freundschaft.“ Die Flaschen stießen leise aneinander. Ich trank bis sie fast leer war. Bald würden wir uns nicht mehr jeden Tag sehen. Der Weltschmerz blieb aus. Vielleicht lag es am Bier. Vielleicht daran, dass alles unwirklich schien. Mir gefiel dieser Zustand.
Andrea sang leise mit. Ihre Stimme war klar und warm.
Beim Refrain sang ich mit.

Als sich Hariolf und Andrea auf den Heimweg machten, sang Andrea: „Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr …“ und schwenkte dazu die Lambruscoflasche im Takt. Man konnte nicht genau sagen, ob sie dirigierte oder nur nachsah, ob noch etwas darin war.
„Leute, ich hab Hunger.“ Heiko rieb sich den Bauch. Er grinste Freddy an. „Beim alten Schröder sitzen doch die Hasen im Stall. Wir klauen einen und grillen ihn.“
„Der merkt das gar nicht“, meinte Freddy. „Hat ja jede Menge.“
„Und wenn wir erwischt werden?“ Mario sprang auf.
Heiko winkte ab. „Ach was, der Alte ist doch jeden Abend besoffen. Der pennt bestimmt längst. Freddy und ich besorgen einen Sack und ein Messer. Wir klettern über den Zaun und holen das Vieh aus dem Stall. Klaus steht Schmiere und pfeift, wenn jemand kommt. Mario, du flitzt nach Hause und holst Salz und Paprika.“ Er sah in die Runde. „Abstimmung. Wer ist dafür?“
Eine Hand nach der anderen ging hoch.
Meine nicht.
„Mensch, Chrissy“, Heiko zog die Augenbrauen zusammen, „beim Schröder landet der Hase doch sowieso in der Pfanne.“ Er senkte die Stimme. „Außerdem ist er ein Drecksack und schlägt seinen Sohn jeden Tag windelweich.“
„Dann stimmt ihr eben alle dafür. Ich stimme nicht. Ich esse sowieso keinen Hasen.“ Seit dem Sonntag, an dem mein Karlchen auf einer Platte lag, hatte ich keinen Hasenbraten mehr angerührt.
Mario stellte sich direkt vor mich. „Geht nicht“, sagte er leise. „Du musst auch abstimmen. Sonst verpfeifst du uns vielleicht.“
Ich kniff die Augen zusammen und starrte ihn an. Glaubte er wirklich, ich würde sie verraten? Weitererzählen, wie sie den Hasen beim Nachbarn von Heiko geklaut hatten?
Einen Moment sagte niemand etwas.
Dann hob ich langsam meine Hand.


Sie kamen schnell zurück. In dem Sack bewegte sich etwas. Heiko zog den Hasen heraus. Er zappelte. Quiekte leise. Seine großen braunen Augen sahen mich an.
Ich kann dir nicht helfen, kleiner Hase …
Heiko nahm das Messer.
Ich lief weg.
Stolperte ins Zelt, zog den Reißverschluss zu. Draußen hörte ich Stimmen, Lachen, das Knistern des Feuers. Dann schlief ich ein. Zum ersten Mal seit Langem kam kein Albtraum.

 

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