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Der Triumphzug des Versagers

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20.10.2024
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Der Triumphzug des Versagers

Ich saß noch immer in dieser gottverdammten Wohnung, ohne Arbeit, ohne Freunde, ohne Sex und ohne irgendeine Idee, was ich mit der zweiten Hälfte meines Lebens anfangen sollte. Vor einer Woche war mein Stiefbruder innerhalb von vier Wochen an Krebs gestorben. Verreckt! Er ist regelrecht an Krebs verreckt, erst wurde sein Blut vergiftet, dann haben seine zugewucherten Organe aufgegeben. Wir standen uns nicht nahe, haben uns die letzten Jahre nur noch bei den unsäglichen Weihnachtsessen gesehen. Patch-Work-Familien-Elend mit zerkochtem Rotkraut und unausgesprochenen Hassgefühlen. Aber trotzdem – der Mann war keine sechzig! Und seine Schwester, meine Stiefschwester also, hat ebenfalls Krebs. Sie war eigentlich die, die schon dem Tode geweiht war. Nur der Inkompetenz der Ärzte ist es zu verdanken, dass sie noch lebt, denn ihre erste Diagnose (vernichtend) war eine Fehldiagnose. Es war eine andere Art Krebs, die Therapie hat angeschlagen, whatever. Ich denke, lange bleibt ihr trotzdem nicht mehr. Und der Sohn meiner Nachbarin, auch keine sechzig, scheißt jetzt in einen Sack. Darmkrebs! Strike Nummer drei, allesamt innerhalb der Gen X, der letzten Generation vor meiner. Meine Eltern hat das Todestier sowieso schon im Blick. Mein Vater: achtzig! Mein Stiefvater: neunundsiebzig! Beide hat der Krebs schon einmal heimgesucht. Vorläufig ist er wieder weg, aber ich rechne damit, dass er wiederkommen wird. Wenn das überhaupt nötig ist. Sie werden auch so bald umfallen, die Statistik lügt nicht. Ganz genau 78,5 Jahre beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer in Deutschland. Jeder Tag ist für die beiden ab sofort einer aufs Haus. Bis es dem Wirt zu bunt wird. Ich lasse mittlerweile nachts das Handy an, denn der Anruf kann jederzeit kommen.

Also, vierzig Jahr hinter mir, ungefähr vierzig to go. Zeit für ein Zwischenfazit. Oder lieber nicht? Es sieht mager aus: Rücken kaputt, Karriere kaputt, Beziehung kaputt! Eine gute Zeit habe ich nur noch nach dem dritten Glas. Bis ich wieder an den Krebs denke – er wird ja vom Alkohol angelockt. Kaum nippe ich am Glas, feuern die Synapsen ihre Assoziation heraus: Zellgift – Krebs! Selbst das Steak haben sie einem verleidet; rotes Fleisch ist ja auch krebserregend. Was zum Teufel bleibt noch? Die Welt habe ich bereist. Nicht komplett, versteht sich. Aber was macht es schon für einen Unterschied, ob man neben den Slums von Mumbai auch noch die von Lagos gesehen hat? Oder ob einem die Arbeitssklaven nicht nur in Thailand, sondern auch auf den Malediven einen Cocktail serviert haben? Und in Europa? Hier laufen doch nur noch fette Amerikaner und Chinesen mit Steingesichtern herum. Muss ich nicht mehr haben. Die Frauen? Haben auch nur kurz Linderung gebracht. Was ist Gott überhaupt für ein Arschloch gewesen? Hat alles Gute und Geile ungesund und unmoralisch gemacht. Nur ein Teufel kann in solchen Sadismen denken. Hier, mein Kind, nimm das Bonbon – und erstick dran!

In dieser Stimmung war ich, als ich den Laptop anwarf, um ”mal wieder etwas zu schreiben”, um “mal wieder in die Tasten zu hauen”! Hauptsache, alles erst mal herunterspielen, nicht wahr? Nur keine Erwartungen aufkommen lassen. Es könnte ja Sinn im eigenen Tun aufkommen. Aber was schreibt der Zyniker von heute? Ja, was nur? Eine klassische Erzählung hat sich doch erledigt. Niemand, der sich selbst auch nur ein wenig ernst nimmt, schreibt noch eine klassische Erzählung. Hänschen klein, ging allein … zugrunde. Nein, es kann nur noch ironische Texte geben, als Humor kaschierte Verzweiflungen, Worte ausgespien in einer Mischung aus Aufgabe und Hingabe, so als würde man die Seiten eines kanonischen Wälzers mit Kaugummi zukleistern. Anklänge hier, Beleidigungen dort, Zitate hier, plumpe Witze dort. Und dann? Dann hinaus in die Welt damit und im besten Fall einen Skandal verursachen. Sich wenigstens so einen Namen machen. Und endlich sagen können: “Ich bin Schriftsteller!”, anstatt herumzudrucksen: “Ich schreibe ja ein bisschen, also ich bin Hobby-Schriftsteller, sozusagen”. Hobby-Schriftsteller! Mein Hobby ist es, die Wahrheit auszusprechen, hauptberuflich lüge ich.

Zwei, drei Stunden später hatte ich meinen Text zusammen. Die Worte waren geradezu aus mir heraus geströmt, so als hätte ich ein tieferes Bewusstsein angezapft, um ein nacktes Nachtwerk zu schaffen.

ADHS-Elegie

Denk nicht mehr an deine Leser!, hat sie gesagt. Schreib, wie dir der Schnabel gewachsen ist! Ich weiß wirklich nicht, ob das so eine gute Idee ist. Noch weniger an das Außen denken, noch mehr in mir versinken, wie ein manischer Grübler von Hamsun? Schon heute wandel ich meistens wie Raskolnikow durch die Stadt und beäuge die Menschen argwöhnisch, nur um im nächsten Moment von ihrer Schwäche ergriffen zu werden, oder zu meinen, plötzlich doch einen heißen Draht zum Leben zu haben, das auf irgendeinem Platz oder in einer Kneipe tobt. Sehen Sie, hier drifte ich schon in die Schemata ab. Wie hat der Roland mit dem Barthes ganz richtig gesagt? – Der Text geht dem Leben immer voraus. Und hier habe ich versehentlich wieder einmal die Henne zum Ei gemacht (oder das Ei zur Henne). Es ist natürlich gar nicht meine Erfahrung, die ich hier wiedergegeben habe, sondern eine mir eingeimpfte Idee von einer Erfahrung, denn mitnichten “tobt” auf deutschen Plätzen oder in deutschen Kneipen “das Leben”. Das sind hemingwaysche Übertreibungen, um dem eigenen Ego zu schmeicheln, das an diesen Festen des Lebens teilgenommen haben will. Und andere, am besten natürlich Medienmogule, sollen davon lesen und dann eine WhatsApp schreiben: Mister Hemingway, Ernst, du musst endlich in meinen Podcast kommen! – Gut, ich komme, aber nur, wenn ich dort mein Vitaminwasser bewerben kann!

Aber so ist das Leben nicht, das Leben ist ganz gewöhnlich, wie ich erst gestern wieder erfahren musste. Ja, ich war ergriffen in der abendlichen Fußgängerzone. Aber es war eine ernüchternde Ergriffenheit darüber, dass sich alles und nichts verändert. Die Asis sehen jetzt anders aus, aber in der Theke vom Pizza Hut liegt noch immer dieselbe zu sechs Stücken geschnittene, fettige Salamipizza, die dort schon Mitte der Neunziger lag. Und noch immer weiß ich, dass das eine Beleidigung für echte, italienische Pizza ist, die der Mann von Welt heutzutage ja nur noch isst, wenn sie in stile napoletano ist, dickranding und bei was-weiß-ich-wie-vielen Grad von gleißenden Holzscheiten gebrutzelt. Bin ich ein Mann von Welt? Ganz sicher nicht, denn der amerikanische Junk da schmeckt mir eigentlich immer ganz gut.

Mit einem auf glitschigem Papier liegenden Stück in der Hand ging ich die Gasse herunter und dachte darüber nach, dass Thomas Bernhard 1986 darüber schreiben durfte, wie sich Claus Peymann eine Hose kauft. Und das wurde verlegt! Gestern kaufte ich mir ein Hemd. Darf ich nun auch darüber schreiben? Und wird es auch verlegt werden? Ich bezweifle es. Aber ich tue es einfach, schreibe jetzt darüber, wie ich mir ein Hemd kaufte, denn ich denke jetzt, ganz wie sie mir geraten hat, einfach gar nicht mehr an die Leser, die sich ja einen Dreck darum scheren werden, wie ich mit der Rolltreppe in den dritten Stock des Kaufhauses gefahren bin, um nach einem schwarzen Hemd für eine Beerdigung zu suchen, was übrigens erneut ein Beweis dafür ist, wie wenig Mann von Welt ich bin. Denn, wie ich schnell erfahren musste, trägt man zu Beerdigungen weiße Hemden. Naiv, wie ich nun mal bin, hatte ich gedacht, dass die Trauer auch den Kragen erfassen muss. Aber das war ein Fehlschluss. Offensichtlich macht die Trauer bei der Krawatte halt, während sich eine Schicht darunter, beim Hemd, irgendetwas anderes ausdrücken soll. Aber was? Die Reinheit der Seele des Verstorbenen? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr scheint uns die Gesellschaft hier mal wieder einen Bären aufbinden zu wollen. So ist es ja immer. Die Gesellschaft predigt Werte und predigt dann andere Werte, und dass das Ganze in einen huere Puff führt, wie die Schweizer sagen, interessiert dann keinen mehr. Denn bei einer Beerdigung braucht doch kein Mensch Reinheitssymbole oder vielleicht sogar vorgebliche Jungfräulichkeit. Letztere wäre geradezu tragisch. Wer will schon ohne einen einzigen Fick den letzten Zug nehmen? Das ist schon als theoretisches Konzept nicht tragfähig und im Falle des Todes eines Sechzigjährigen schlichtweg eine lächerliche Annahme. Nein, wir Verbliebenen brauchen etwas anderes am Lieb, Hoffnung nämlich, grüne Hemden also; Hoffnung ist etwas, was uns nützen würde, während staatstragende Mienen den Holzkasten ins Grab hinablassen; die Hoffnung zum Beispiel, dass uns der Krebs verschonen wird und wir schlussendlich steinalt als rüstige Rentner selig von der Reling der Aida fallen dürfen, um unsere letzte Ruhestätte in den Tropen oder vor Dubrovnik zu finden, für alle Ewigkeit eingebacken in einem 1-A-Liegestuhl an der Sonne.

Claude teilt mir mit seinem unerträglich leutseligen Tonfall mit, dass dieser Text mehr und mehr zum Essay gerät, was meine Leser, die mich weiterhin überhaupt nicht kümmern, langweilen könnte. Also verspreche ich, nun wirklich beim Hemdenkauf zu bleiben und literarisch zu arbeiten, wie es sich für einen zeitgenössischen Geschichtenerzähler ziemt: nüchtern, filmisch, prosaisch. Sie, verehrte Leserin oder verehrter Leser oder verehrtes lesendes Wedernoch, sollen nämlich in Absenz eines klassischen Erzählers selbst hinter die Dinge kommen. Ich weiß, das macht Mühe und führt zu Texten, die den Esprit eines Toastbrots versprühen, doch wir leben nun mal in der Postmoderne, am Ende der Geschichte, wo Ibsen ebenso ausgedient hat wie Ismen. Also, ab jetzt reiße ich mich zusammen. Ich fahre ganz nüchtern fort. Kein Gedankenroulette mit Fjodor mehr, nur noch zeitgemäße Kurz-Satz-Tak-Tung mit ein paar pockennarbigen Zynismuseinsprengseln, damit auch klar wird, dass es einen Subtext gibt und das Ganze den Anspruch erhebt, interpretiert werden zu müssen und zur E-Kultur zu zählen (“E-Kultur” heißt übrigens “ernste Literatur” oder auch “Eliten-Kultur” – falls Sie das wie ich gerade googeln wollten):

Die geräuschlos im Metallgebiss verschwindende Rolltreppe schob mich sachte in die Abteilung für formelle Herrenbekleidung. Auf einer ozeangroßen Freifläche hatte man kunstvoll einen Inselstaat geschaffen: Die Luxusyachten konnten vor Boss, Joop und Armani ankern, die kleineren Boote vor Hilfiger, Seidensticker, Olymp oder Eterna. Und Tagestouristen wie ich legten mit der aus allen Nähten platzenden Fähre bei der Hausmarke an. Die Klassenunterschiede zeigten sich schon bei der Präsentation der Näh- und Strickwaren: Lagen diese beispielsweise bei Ralph Lauren als Einzelstücke in mächtigen Regalen, die aussahen, als hätte man sie direkt aus einem Anwesen des altenglischen Landadels auf die Etage verfrachtet, so musste ich mich durch ein geradezu obszönes Angebot von Größen und Varianten wühlen, das an nackten Kleiderstangen hing oder sich auf simpelsten Pressspanpodesten ausstreckte. [An Mark Twain denken und weniger Adjektive benutzen!] Als ich mich nach einem Verkäufer umsah, fiel mir auf, wie viele Menschen um mich herum lungerten. Man kann auch sagen: herumlungerten. Und unter diesen Menschen war überhaupt nicht ein einziger distinguierter Geschäftsmann. Im Gegenteil: Die Target Group fein gewebter Stoffe schien nur noch aus sogenannten Menschen mit Migrationshintergrund und/oder aus bildungsferneren Schichten zu bestehen. Oder, um es etwas plastischer zu sagen: Alle Typen um mich herum sahen aus wie Berufsschüler, die sich unbeholfen für die Abschlussfeier einkleideten, oder wie von sich selbst eingenommene Shishabargründer und Kioskmäzene. Bei fünfundsechzig hörte ich auf, die “Bros” und “Brudis” zu zählen. Einem dieser Halbaffen gelang es sogar, zwei Brüder in einen einzigen Satz zu stecken – “Bruder, lass mal gleich noch Gym gehen, Bruder!” Aber Brudi, glaub mal, nicht ein “Kann ich Ihnen helfen?” habe ich gezählt. Wie passend, dachte ich: Die arabische Karawane zieht durch die Service-Wüste Deutschland. Aber ich konnte es dem kurz vor der Verrentung stehenden, grauhaarigen Mann mit der Brille am anderen Ende der Verkaufsfläche nicht verübeln. Als er vor über vierzig Jahren den ehrwürdigen Beruf des Herrenausstatters ergriffen hatte, waren seine Kunden vermutlich Direktoren und Ratsherren gewesen, distinguierte, höfliche Herren, die sich bei ihm die Hosen kürzen ließen. Und heute musste er den ganzen Tag das Cool Water irgendwelcher Sauvages einatmen, die er beknien konnte, wie er wollte: Am Ende kauften sie die Hemden doch immer eine Nummer zu klein, weil sichtbarer Oberarmumfang nun mal schwerer wiegt als Stil. (Das klingt jetzt, als sei ich auf Seiten der Gutdeutsch-Gestrigen. Aber das stimmt nicht. Wie jeder weiße Mann der Mittelschicht zähle ich mich selbst zu den abgehängten Minderheiten, stolz auf jeden Krümel Straßenglaubwürdigkeit, den ich zusammenkratzen kann. Zum Beispiel hatte ich mal eine halbtürksiche Freundin, die Xatar kannte – Ghettofaust, Habibi!)

Berufsehre hin und her – irgendwann nervte es mich doch, dass der Verkäufer nicht mehr als eine Fatimagana war, und ich befreite eigenhändig eines der Hemden von all den Nadeln und Klammern, die es in eine Form nach der deutschen Industrienorm brachten, um kurz hineinzuschlüpfen, wie man sagt. Der Schuss ins Blaue ging in die Hose. Ratlos studierte ich erneut die enigmatischen Größenangaben. Doch ich scheiterte schon bei den Schnittmustern, lagen doch die Hemden mit “Modern Fit” gelabelten Hemden unter einem Schild, das sie zu “Regular Fit” erklärte, wohingegen die Hemden mit dem Einnäher “Regular” auf dem “Comford Fit”-Stapel lagen. War etwa “Modern” das neue “Regular”? Wieso war das den Herstellern offensichtlich nicht bewusst? Und was war eigentlich aus “Tailored” geworden? Unverhofft trat ein Jungverkäufer aus einer mit “Personal” beschrifteten Tür wie ein Heiland mit akkurat gezupften Augenbrauen. “Sie sehen aus, als würden Sie mich brauchen!”, flötete er. Meinte er das etwa doppeldeutig? Wollte er mir auf codierte Weise klarmachen, dass ich ihn, also vor allem seinen Schwanz nötig hatte? Stammelnd musste ich einräumen, dass er vermutlich recht hatte – alleine war ich hilflos in dieser unzuverlässigen Welt aus fixen Normen und unausgesprochenen Regeln. Ich setzte ihm auseinander, was ich suchte, nämlich Hemden, die an der Brust nicht spannten, aber auch nicht wie ein Sack aussahen. Er lupfte eine seiner so prominenten Brauen, die, wie ich jetzt sah, sogar geschminkt waren, und stieß ein unbeeindrucktes “Kriegen wir hin!” hervor. Ein Griff an den Ständer, schon hatte er, was ihm im Sinn stand. Doch wie von mir antizipiert, sprengte meine Brust seinen Best Guess. Triumphierend führte ich ihm vor, wie ich nur die Schultern ein wenig zurückziehen musste, und schon stand der drittletzte Knopf kurz vor dem Absprung. Aber das beeindruckte mein Gegenüber noch immer überhaupt nicht. Im Gegenteil, er führte sofort einen wirkmächtigen Gegenschlag aus. Das Problem wäre mein “sehr schmaler Hals”. Er hatte meine Schwachstelle erkannt und stieß das “sehr” so lustvoll in mich hinein wie Hagen sein Schwert in die Schulter von Siegfried. Ich schrie auf, sackte zusammen, klammerte mich im Moment meines letzten Atemzuges an seine Knie und sah zu ihm hoch. Die Raserei ungezügelter Gewaltlust stand ihm ins Gesicht geschrieben. Über mir thronte kein Mensch mehr und auch kein Verkäufer, sondern eine groteske Fratze, wie von George Grosz gezeichnet, blickte auf mich herab und geiler Geifer tropfte von ihren aufgerissenen Lippen. Während ich mir verlegen in den Nacken griff, maßregelte ich mich selbst dafür, dass ich mein Halstraining nicht weitergeführt hatte. Ich wusste doch, dass ich einen “Pencil Neck” hatte, wie die Fitnessszzene stecknadeldicke Hälse wie meinen nennt, die bizarr vom mehr oder weniger athletischen Rest abstechen und Frauen ein furchtbar schwaches Signal in Sachen Paarungsqualität zusenden. Ich musste unbedingt das Kopfgeschirr mit der Gewichtskette herauskramen und meine allabendlichen Nickbewegungen wieder aufnehmen! Der Verkäufer sah wohl, welch verheerende Konsequenzen sein Kommentar gezeitigt hatte, und er versuchte sich an einer Reparationszahlung. “Ich meine”, ließ er mich wissen, “Sie haben eben sehr breite Schultern und eine sportliche Statur.” Ich war halbwegs besänftigt und dachte, dass es wohl genau dieses Oszillieren zwischen Kompliment und Vernichtung ist, das dich früher oder später zum Mitarbeiter des Monats macht. Der Mann verschwand kurz in den Kleidungsreihen und kam mit einem anderen Hemd zurück. “Probieren Sie das mal!”

Als ich mit der Plastiktüte in der Hand das Kaufhaus verließ, war die Stadt eine andere. Wo waren all die Menschen hin? Leer und kalt lag die Einkaufsmeile vor mir und im ersten Moment hatte ich Mühe mich zu orientieren. Da bemerkte ich eine leise Melodie. Ich konnte nicht recht zuordnen, von wo sie ertönte, also folgte ich den Noten immer tiefer in die nun nachtschwarze Gasse hinein. Plötzlich packte mich jemand von hinten jäh an der Schulter. Ich wirbelte herum und sah in das gegerbte Gesicht meines Großvaters. Er war vor fünfzehn Jahren gestorben, aber jetzt blickte er mich mit seinen schlauen Schweinsaugen an und drückte mir ein Reklameblatt in die Hand. “Besuchen Sie unser magisches Theater!”, stand mit schwarzen Sütterlinlettern auf rotem Papier. Als ich wieder aufsah, war er verschwunden. Ein magisches Theater? Das kannte ich doch. Aber woher nur? Die Adresse sagte mir gar nichts und als ich auf meinem Handy nachschauen wollte, blickte ich in einen Spiegel. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Der Steppenwolf war in einem magischen Theater gewesen und hatte dort sich selbst erkannt. Wie lange war es her, dass ich dieses Buch gelesen hatte? Ich war noch zur Schule gegangen, gerade achtzehn geworden, auf dem Sprung ins Erwachsenenleben. Genau zum richtigen Zeitpunkt also war mir dieses wegweisende Buch in die Hände gefallen und auf einer Sommerwiese hatte ich meiner ersten Freundin daraus vorgelesen. Später, bei ihr, legte sie sich über ihre aufblasbare Couch und ich nahm sie von hinten. Dabei benutzte ich auch meine Finger in einem Akt der Sodomie. Es war das erste Mal gewesen, dass ich das getan hatte, darum hat sich mir dieser Nachmittag für immer eingebrannt. [Hier noch Referenz auf Roger Willemsen, wie er Charlotte Roche in einer TV-Sendung von seinem ersten Analsex vor einer “Kredenz” erzählt] Abends las ich ihr wieder aus dem Steppenwolf vor und nachts schliefen wir noch einmal miteinander, dieses Mal high und leicht besoffen vom Batida de Coco. Nie bin ich seliger eingeschlafen als in diesen Nächten. Meine ganze Wut brauchte sich damals noch nicht auf die Frau an meiner Seite zu richten; ich wohnte ja noch zu Hause und konnte meine Mutter anschreien. Die Sphären waren schön säuberlich getrennt gewesen – hier der inzestuöse Hass, dort der ebenfalls inzestuöse Drang, immer weitere kleine Tode zu sterben. Heute ist das alles eins, Lust und Hass vermengt zu einer einzigen bitteren Suppe. Plötzlich schien mir in der Dunkelheit eine goldene Spur aufzublitzen. Sie war stets nur ganz kurz sichtbar. Dünn und zart wie ein Lamettafaden schwebte sie im Raum, dann verschwand sie wieder und ließ mich einsam zurück im Nichts. Ich ging ihr nach. Ganz behutsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, um nicht zu stolpern und mir die Stirn auf dem harten Pflaster blutig zu schlagen. So folgte ich dem Faden in der Luft, bis mir ein leiser Geruch in die Nase zu steigen begann. Ich blieb stehen und nahm die Witterung auf. Es roch würzig, aber auch süß. Das musste der Geruch von Freiheit und Abenteuer sein! Nun ging ich schneller, sicherer, am Ende rannte ich, obwohl ich noch immer rein gar nichts sah. Und als ich um eine Häuserecke bog, tauchten mich güldene Bögen über einer Pforte in ein gleißendes Licht. Es waren Los Wochos und ich bestellte mir einen richtig fetten Whopper. Nichts ergab mehr Sinn, es war wahrlich magisch!

So, jetzt habe ich geschrieben, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Und, so viel kann ich den nicht zu erwartenden Lesern ja unverblümt verraten, ich selbst finde meinen Text ziemlich gut. Nein, ich finde ihn genial! Er ist eine doppelbödige Feier der Intertextualität, die die eigenen Vorbilder überklar benennt, nur um diese Denkmäler – ganz Zeitgeist! – direkt wieder vom Sockel zu reißen wie wild gewordene POC irgendwelche kolonialistischen Generäle aus Bronze. Und sollten sich doch kritische Leser finden, wie es ja immer vorkommt, so kann ich mich hinter dem lyrischen Ich verstecken, das von Max Frisch über Woody Allen bis hin zu Till Lindemann schon ganz anderen den Arsch gerettet hat. Muahaha! Und das Beste ist, dass mein Ruhm mit dem ganzen idiotischen Intellektogerede der Kritiker im Feuilleton nur steigen kann, denn die Kritiker werden sich selbst das Wasser abgraben, je mehr sie kritisieren: durchschaubar, aufgeblasen, prätentiös! Gut, das hat er antizipiert, aber auch das ist durchschaubar, selbstverliebt und prätentiös! Hält der uns für Volltrottel? Natürlich durchschauen wir dieses Spielchen ganz genau! Billige Taschenspielertricks sind das, mit denen man uns – uns! – ganz sich nicht beeindrucken kann, immerhin haben wir Verlage und Professuren und Preise, die auf Wikipedia-Seiten aufgelistet werden und später mitunter selbst wieder in Textform gegossen werden. [Bernhard-Referenz noch irgendwie deutlicher machen!] Da muss schon mehr kommen! Ach, ja? Muss es das? Muss man wirklich mehr tun, als auch das wieder in den Text zu schreiben, auch diese Reaktion wieder zu antizipieren? Und dass sie das auch wieder kritisieren werden? – Nein, dieses Mal werden sie mich nicht zu fassen kriegen! Ich bin ihnen einfach immer eine Vorhersage voraus, so wie Eminem im Rap Battle weiß ich immer schon, was sie antworten werden; sie werden mich niemals einholen! Sie können mein Kalkül erkennen, wie sie wollen. Aber wenn ich bereits antizipiere, dass sie mein Kalkül erkennen werden, haben sie nicht mein eigentliches Kalkül erkannt. Und macht mich das nicht unwillkürlich zu einem großen Autor? Denn was sind große Autoren anderes als dem Leser überlegene Autoren? Große Autoren sind Autoren, deren Kalkül man nicht erkennt. Man fällt auf ihre Tricks herein, also himmelt man sie an, so wie die Schäfchen den Schäfer anhimmeln, wo er doch eigentlich der Wolf ist. Dieser steckt nämlich gar nicht im Schafspelz, sondern im Mantel des Menschen! An all diesen Gesetzen können sie gar nicht rütteln, denn sie wurden viel zu oft experimentell bestätigt. Sehen Sie, was ich hier tue, ist Folgendes: Ich erzwinge meine eigene Größe als Autor durch strikte Anwendung ihrer eigenen Kunstgesetze. Ist das nicht überhaupt der klügste Weg? Sich gar nicht mehr von subjektiven Meinungen abhängig machen, sondern den Weg der Logik gehen und eine Art physikalische Mechanik auf die Kunst anwenden? Das wird ihnen ganz und gar nicht schmecken, das ist mir schon klar. Doch ihr Empfinden ändert ja überhaupt nichts an den Tatsachen. Man kann die Nacht verabscheuen, wie man will, kann sich vor ihr ängstigen oder sie umarmen – sie wird so oder so hereinbrechen und irgendwann wieder enden. Dasselbe ist es mit der Größe von Kunstwerken. Sie sind absolut gegeben, nicht relativ. Wie platonische Ideen stehen sie in ihrer eigenen Sphäre und entweder hat die Masse Zugang zu ihnen gefunden oder auch nicht. Der Idee ist es doch scheißegal, ob jemand sie hat. Es muss also mitnichten so sein, dass Markus Lüpertz ein eitler Gockel ist, ein Mensch, der im Wahn als einziger von seinem eigenen Genie überzeugt ist. Es kann durchaus so sein, dass wirklich nur er selbst eine bestimmte Idee geschaut hat, die sonst niemand geschaut hat, und die sich in seiner Kunst Bahn bricht. Diese Möglichkeit ist zumindest denkbar, auch wenn sie in diesem Fall vermutlich nicht eingetreten ist. [Unklar, ob Leute von Markus Lüpertz und seinem Größenwahn wissen, eventuell streichen] Anders als bei mir! Ich bin weiter hinausgesegelt als sie alle und habe dort die grünsten Heiden und blauesten Bäche erspäht, die schwärzeste Nacht und die dichtesten Wälder, auch wenn sie sagen werden, dass Grönland gar nicht grün ist.

Aber was mache ich jetzt mit diesem Text? Mir fällt da nur eine Sache ein, die mich von Null auf Ruhm beschleunigen kann, und zwar dieser Bachmann-Preis, von dem sie immer alle träumen. Da werde ich ihn einreichen. Ich weiß zwar überhaupt nicht, was es mit diesem Preis auf sich hat, aber er ist renommiert, so viel steht mal fest. Wer allein in die Endauswahl dieses Bachmann-Preises kommt, kann das später auf Buchcover drucken lassen. Das habe ich schon gesehen. Ja, dort beim Bachmann-Preis werde ich es versuchen, sozusagen direkt ganz oben vortanzen und ihnen gehörig aufs Pult scheißen mit diesem eklektischen Kram, der höchstwahrscheinlich nichts weiter ist als eine Manifestation einer völlig verirrten Seele. Aber das ist es ja, die völlig verirrte Seele ist heutzutage die Volksseele, darum hat dieser Text diese enorme Aktualität und Relevanz.

“Mal wieder ein Meta-Text”, werden sie vermutlich sagen, “so ein Geschreibsel übers Schreiben von einem Einfallslosen. Er schreibt ja selbst, dass der Olymp nicht seine Kragenweite ist. Auch weiß er nicht, dass man als vielversprechender Nachwuchsautor wenigstens ein afghanisches oder serbisches Elternteil braucht und das Wort “Flucht” ausbuchstabieren können muss. Dieser faselnde Schmalhans kommt ja bestenfalls bis ‘Fluch’.”

Aber wenn sie diesen Text doch zu würdigen wissen, was ja zumindest denkbar ist, dann werden sie noch mehr aus ihm machen, als ich intendiert habe. Jedes meiner Worte werden sie auf die Goldwaage legen. “Sehen Sie”, werden sie sagen, “hier spricht der Autor von ‘Ständer’ und natürlich ist das doppeldeutig, vulgär, ja, vielleicht sogar pubertär, aber selbstverständlich ist dem Autor das alles bewusst und er spielt damit. Später, wenn es um die anale Penetration der Freundin geht, greift er dieses Motiv wieder auf, sodass wir folgern müssen, dass …” Und so weiter, blabla, sie werden sich schon was auszudenken wissen, um dem Ganzen noch mehr Tiefe zu geben. Was, ist ja ganz egal. Ihnen geht es ja gar nicht um den Text, sondern darum, ihre eigenen Interpretationsfähigkeiten unter Beweis zu stellen. Mir soll’s recht sein; Hauptsache, sie verleihen mir ein Gütesiegel; Hauptsache, sie normieren endlich meine Texte, sodass man sie im Kaufhaus auf ein Pressspanpodest legen kann neben Julie Zeh, Charlotte Link und Eckart von Hirschhausen. Und wenn es so weit kommt, dann gehe ich nie mehr zu Peek & Cloppenburg einkaufen. Nein, nein, nein, dann gehe ich wie Claus Peymann nur noch in Traditionshäuser, erst zu Kriesel an der Oper, dann in die Oper am Kreisel, wo ich mit einem Schal um den Hals eine Menge Hände schüttle. Und das Patenkind von Benjamin von Stuckrad-Barre macht ein knackiges Dramolett aus meinem Text, das ein Jahr später beim Böhmermann live uraufgeführt wird. Von der TAZ bis zur Welt wird sich die Presse überschlagen, schließlich ist für jeden was dabei: Die Linken kriegen Kapitalismuskritik, die Rechten Rassismus. Kurz, am Ende wird mein Text das gespaltene Land ein Stück näher zusammengerückt haben; kein Sommer-, sondern ein Textmärchen, das früher oder später nur noch als gelbes Reclamheft imaginiert werden kann, weil es ein jeder Schüler lesen muss(te). Und die Live-Aufführung beim Böhmermann wird neben Alfred Tetzlaff, Loriot und die Kommentierung des umgefallenen Tors in diesem einen Champions-League-Spiel in die Ruhmeshalle des deutschen Fernsehens gestellt und so lange wiederholt werden, bis unsere Zivilisation von der KI vernichtet wurde. Je öfter ich meinen Text lese, desto stärker bin ich davon überzeugt, dass es genau so kommen wird. Dass es überhaupt nur so kommen kann!

* * *​

Lieber Herr Kopper,

mit Interesse und – so viel können wir verraten – durchaus auch mit Belustigung haben wir Ihre E-Mail sowie den beigefügten Text zur Kenntnis genommen. Ihr sprachliches Talent ist unverkennbar. Trotzdem müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir prinzipiell keine Ausnahmen in Sachen Wettbewerbsteilnahmebedingungen machen. Wir freuen uns aber, wenn einer Ihrer Texte zu einem zukünftigen Zeitpunkt über eine Empfehlung durch einen Verlag oder eine Literaturzeitschrift seinen Weg in unseren Wettbewerb findet.

Bis dahin wünschen wir Ihnen viel Erfolg und alles Gute,

das Organisationskomitee der Tage der deutschsprachigen Literatur der Stadt Klagenfurt

 

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