Der unheimliche Zauberwald
Es war eine dunkle und unheimliche Nacht. Der Himmel war so bewölkt, dass selbst das helle Licht des Vollmondes die Wolkendecke nicht durchdringen konnte. Es war die Nacht des Waldes, das wusste jeder hier im Land Aman. Und in so einer Nacht war es nicht ratsam, die eigenen vier Wände zu verlassen, es sei denn, man war ein großartiger Zauberer, der die Geheimnisse des Waldes genau kannte. Aber solche gab es nur wenige, und sogar diese wenigen hatten in einer Nacht wie dieser weitaus besseres zu tun, als sich im Freien herumzutreiben.
Ab und zu lichtete sich die Wolkendecke, und das Licht des Vollmondes beleuchtete für kurze Zeit sowohl die weite Ebene des Landes als auch ihre düstere Seite: den geheimnisvollen Zauberwald am Rande des Landes Aman. Eine Legende besagte, dass in jeder Vollmondnacht dort mindestens ein Baum dazuwuchs. Beweisen konnte das freilich niemand...
Er ritt so schnell sein Pferd konnte. Er hatte es sehr eilig. Die Nacht hatte ihn überrascht, doch das war ihm einerlei. Seine Mission war wichtig: lebenswichtig! Man nannte ihn einfach "Der Bote", und er war unterwegs zum König von Aman. Am Rande des Waldes machte er Halt, um seinem Pferd eine kurze Pause zu gönnen. Vor sich sah er ein schwaches Licht: ein Haus! 'Dort muss der Wächter des Waldes wohnen', dachte er. Der Gedanke, wieder jemandem zu begegnen, nach tagelanger Einsamkeit wieder ein menschliches Gesicht vor Augen zu haben, erfüllte ihn mit neuem Mut. Er bestieg sein Pferd und ritt auf das Häuschen zu. Dort angekommen klopfte er an die Türe. Ein alter Mann mit langem weißem Bart öffnete ihm. "Verzeihen Sie die späte Störung, mein Herr!" Der Bote verneigte sich kurz. "Können Sie mir sagen, wie ich auf dem schnellsten Weg zum König von Aman komme?" Der Gesichtsausdruck des Alten verfinsterte sich. "Sie sind wohl nicht aus der Gegend, guter Mann! Es führt nur ein einziger Weg zum König, und der führt durch den Wald." Mit einer Handbewegung bat er den Boten ins Haus, doch dieser winkte ab. "Meine Mission ist sehr dringend! Ich muss sofort weiter!" Nun zog Panik in das Gesicht des alten Wächters ein: "Sie können heute Nacht nicht durch den Wald reiten! Es ist die Nacht des Waldes, und wir haben Vollmond. Da wagt sich niemand durch! Bleiben Sie über Nacht hier bei mir; morgen Früh können Sie dann zeitig losziehen." "Sie haben mich nicht verstanden: ich muss so schnell wie möglich den König sprechen. Es ist wirklich sehr wichtig." Der Bote hatte zwar von den alten Geschichten gehört, was den Zauberwald betraf, hatte ihnen aber nie viel Glauben geschenkt. Der Wächter des Waldes sah ihn traurig an: "Sie glauben nicht an die Kraft des Waldes. Das tun nur die wenigsten, und deshalb mussten schon einige ihr Leben lassen." "Was ist mit ihnen passiert?" "Viele tapfere Menschen, die in der Nacht des Waldes durch den Zauberwald ritten, wurden nie mehr gesehen. Niemand weiß, was mit ihnen geschehen ist. Eines ist jedoch sicher: sie sind immer noch da drin!" Er deutete den Weg entlang, der in den Wald führte. "Sie meinen, sie haben sich dort drin verirrt?" "Kann sein. Vielleicht ist aber auch etwas viel Schrecklicheres mit ihnen geschehen." Der alte Wächter sah den Boten flehend an: "Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, guter Herr, befolgen Sie meinen Rat und verbringen die Nacht bei mir in der Hütte." Der Bote zögerte - aber nur kurz. Dann schwang er sich wieder auf sein Pferd. "Tut mir leid, aber ich muss los. Der König erwartet mich." "Gott beschütze Dich", flüsterte der Wächter, doch der Bote konnte ihn nicht mehr hören.
Der Weg durch den Wald war lange nicht so beschwerlich, wie der Bote angenommen hatte. Das Problem war bloß die Dunkelheit, und schon bald sah er vor lauter Bäumen den Weg nicht mehr. Wie ein Blinder und sich lediglich auf sein Pferd verlassend, ritt er weiter. Mit der Zeit schien der Weg schmäler zu werden, und der Bote hatte den Eindruck, als rückten die Bäume immer näher zusammen. Dann blieb das Pferd plötzlich stehen. Vorsichtig stieg der Bote ab und tastete sich nach vorne. Ein umgestürzter Baum versperrte den Weg. Der erschöpfte Reiter setzte sich auf den Boden. 'Ich hätte auf den alten Mann hören sollen!' Kurz entschlossen stieg er wieder auf sein Pferd. "Wir reiten zurück!" Langsam wendete das Tier und trabte los. Doch der Rückweg erwies sich als nicht ganz so einfach. Darüberhinaus wurde es immer unheimlicher. Der Wind fuhr durch die Bäume, im Gebüsch raschelte es, und fremde Stimmen waren zu hören. Der Bote lauschte: es waren die Stimmen der verlorenen Menschen, die immer noch durch den Wald irrten und nach einem Ausgang suchten. Ein leises trauriges Stöhnen und Wimmern drang in seine Ohren. Der Bote bekam eine Gänsehaut. Und auch seinem Pferd schien die ganze Situation nicht zu behagen. Es wurde immer langsamer und nervöser. Das Gefühl, die Bäume um ihn herum schlossen ihn ein, wurde immer stärker. Trotzdem gab er nicht auf: er musste hier wieder raus. Dann plötzlich war Schluss: Der Weg endete im Dickicht. "Ich werde wohl hier warten und morgen früh bei Tageslich weiterreiten müssen." Der Bote war erschöpft - genauso wie sein Pferd. Er stieg vom Pferd, stand da von Bäumen umringt, sah in ihre Kronen hinauf, erblickte aber nur Dunkelheit. Der Wald übte einen gewissen Zauber auf ihn aus: er konnte sich nicht mehr bewegen. Reglos stand er da, lauschte den fremden Stimmen, die immer lauter wurden und auf ihn zuzukommen schienen. Er schloss die Augen, denn er wollte niemanden sehen. Dann waren die Stimmen plötzlich so laut, dass er sich die Ohren zuhalten wollte. Doch er konnte seine Arme nicht mehr bewegen. Und auch seine Beine nicht. Da, wo einmal seine Arme und Beine waren, war jetzt nur mehr Holz und Rinde, und ehe er sich darüber im Klaren war, was gerade mit ihm geschah, verlor er das Bewusstsein.