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Der Weg nach Hawaii

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15.05.2025
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Der Weg nach Hawaii

Jan versuchte seit dem Ende seiner Wache einzuschlafen. Das Boot ächzte und knarzte im Sturm laut und die See verwandelte seine Koje in eine Schaukel. Schließlich hatte er eine Position gefunden, in der er halbwegs stabil blieb und nach einigen Anläufen kooperierte die Decke endlich kuschelig. Die laute und schaukelige Welt verschwand hinter einem beginnenden Traumbild, als er erschöpft einschlief.

Ein ohrenbetäubend lauter Knall, der mit einem taghellen Blitz einherging, riss ihn aus dem Schlaf. Er spürte seinen Herzschlag deutlich und stöhnte vor Schreck. Hatte er geträumt? Jan griff nach dem Lichtschalter an der Koje, aber es blieb dunkel. „Scheiße“ dachte er mit einem schlechten Gefühl. In dem Moment hörte er Yvonne laut nach ihm schreien. Im Dunkeln tastete er nach der Stirnlampe und fand sie endlich. Licht! Gegen das Schaukeln des Bootes stand er auf und der tote Lichtschalter seiner Kabine bestätigte die Befürchtung, dass etwas passiert sein musste. Yvonne schrie wieder in Panik nach ihm.

Schritt für Schritt und Griff für Griff hangelte er sich im schaukelnden Boot zum Cockpit empor. Es roch nach verschmorten Kabeln und während er noch darüber nachdachte, was passiert sein mochte, sah er das elektrische Panel und stockte. Alle Bereiche waren dunkel. Sie hatten die komplette Stromversorgung verloren. Fassungslos hangelte er sich weiter zum Cockpit.

Yvonne sah das Licht seiner Stirnlampe kommen und schrie im Sturm aufgelöst „Jetzt mach hin! Das war ein Blitz… alles ist kaputt!“ Endlich war er oben bei ihr im Cockpit und sah sich fassungslos um. Ihre Stirnlampen war die einzigen Lichter in der Nacht. Die Instrumente, die Navigationslichter, alles war so bedrohlich dunkel wie die stürmische See, die sie umgab.

„Ein Blitz?“ Sie nickte panisch und er sah ihr den Schreck an.

„Es war so hell und ein Riesenknall! Ich habe kurz nichts mehr gesehen. Dann war alles dunkel. Der Autopilot ist auch weg. Ich muss von Hand steuern und kann hier nicht weg.“ Sie schluchzte. „Ich halte das Boot im Wind, aber ich weiß nicht mehr, wo wir sind und wo ich hin soll.“

„Hauptsache, du hältst uns im Wind. Ich sehe unten nach, ob noch alles dicht ist.“ Jan stieg wieder in das Boot herab und öffnete der Reihe nach alle Bodenbretter. Die Bilge war trocken. Beruhigt kehrte er zu Yvonne zurück. „Alles in Ordnung.“ Mitgenommen nickte sie. Er sah mit der Stirnlampe auf den Kompass und starrte verwirrt auf die schwankenden Zahlen unter dem Strich. „Hat der Wind gedreht?“

Yvonne zuckte mit den Schultern. „Frag mich nicht. Ich habe nur damit gekämpft, das Boot wieder unter Kontrolle zu bekommen.“ Sie sah auf den Kompass. „Verfluchter Sturm.“ Langsam fand sie ihre Fassung wieder. „Dann fahren wir halt ein paar Stunden falsch. Ich will bei den Wellen jetzt nicht wenden. Morgen soll es besser werden. Kannst du das reparieren?“

Jan nickte. „Ich sehe es mir gleich an. Da roch was verschmort.“ Er seufzte. „Ewig geht was kaputt.“

Er suchte das Messgerät und machte sich an die Arbeit, was im schaukelnden Boot nicht einfach war. Als das Panel offen vor ihm lag, offenbarte sich im Licht der Stirnlampe erstaunlich wenig. Zwei Sicherungen waren ausgelöst und es gab ein paar Schmauchspuren. Alles war dunkel, weil die Batterie keine Spannung mehr lieferte. Schulterzuckend klappte er die Bank im Salon hoch und räumte im schaukelnden Boot nur mit dem Licht der Stirnlampe alles leer, bis er an den Hauptschalter kam. Die große Batteriebank war wirklich tot und er überlegte kurz, testweise auf die Starterbatterie zu wechseln, aber zögerte und prüfte dann auf einen Kurzschluss. Tatsächlich! Er erinnerte sich dunkel daran, dass neben den Batterien noch irgendwas montiert war.

Mitten in seinen Gedanken rief Yvonne von oben „Wie sieht es aus?“

Jan stöhnte und kletterte die Treppe hoch. „Geht so. Irgendwo ist ein Kurzschluss. Ich glaube, da gibt’s eine Hauptsicherung an der Batterie und deswegen ist alles weg. Ich suche jetzt den Kurzschluss und danach schauen wir mal, wie wir die Batterien wieder ans Laufen bekommen. Elender Mist.“

Sie sah ihn erleichtert an. „Also nur die Sicherung. Aber mach nicht mehr lange, sonst kannst du morgen früh nicht übernehmen.“

Er verzog genervt das Gesicht. „Sonst noch was?“ Er hob seine Stimme. „Wo fahren wir ohne GPS denn hin?“

Sie wurde laut. „Schrei mich nicht an!“

Jan drehte sich um und kletterte in den Salon, um mit der Arbeit weiter zu machen, während er grummelte „Du musst es ja nicht machen.“

Eine halbe Stunde später war klar, dass die Kontakte von ein paar Sicherungen beim Einschlag verschweißt wurden und sich nicht ausschalten ließen. Der Kurzschluss war im Funkgerät, also klemmte er es ab. Schließlich war alles entweder mit Klebeband beschriftet und abgeklemmt oder abgeschaltet. Testweise wechselte er auf die Starterbatterie und schaltete das Navigationslicht ein. Dann rief er zu Yvonne „Brennt das Navigationslicht?“

Die Antwort war im Sturm wenig überraschend. „Hast du gerufen? Ich verstehe hier nix.“

Genervt kletterte er wieder zum Cockpit hoch. „Ich wollte wissen, ob das Navigationslicht brennt.“ Er sah sich um. „Rot ja, Grün nicht.“ Ein Blick nach oben ergab einen Seufzer „War klar. Auch nichts.“

Yvonne sah ihn an. „Hecklicht geht wieder.“ Dann fügte sie hinzu „Wir sollten uns jetzt nicht auch noch zanken.“

„Ich zanke gar nicht.“ Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Sie lachte. „Ich sowieso nicht.“ Dann grinste sie verlegen. „Ich weiß, dass du es reparieren musst. Ich kann’s nicht.“

Er zog ein Gesicht. „Mir wäre wohler, wenn ich es schon überblicken würde.“

Sie umarmten und küssten sich. Dann seufzte er. „Da ist richtig viel kaputt. Das kriege ich heute Nacht nicht mehr hin. Ich sehe noch nach der Batterie. Wenn’s einfach ist, haben wir wenigstens wieder Licht. Ansonsten muss das bis morgen so bleiben. Ich schlafe gleich im Stehen ein.“

Die nächste halbe Stunde verbrachte Jan damit, den Zugang zu den Batterien freizuräumen und zu verstehen, wo das Problem lag. Schließlich tauschte er schulterzuckend die Hauptsicherung aus und damit gab es wieder Strom. Siegessicher schaltete er das Navigationslicht ein und danach den Gefrierschrank und das Licht. Die Beleuchtung im Boot funktionierte teilweise wieder. Zufrieden kletterte er zu Yvonne hoch, die ihn mit Blick auf das Kabinenlicht lächelnd erwartete. „Geht es wieder?“

„Nur ein bisschen.“ Er seufzte. „Der Gefrierschrank läuft und wir haben etwas Licht. Frag mich nicht, was mit der Hauptsicherung ist. Laut Messgerät ist sie heil, aber wir haben nur Strom, weil ich Ersatz einbaute. Begreife ich heute nicht mehr. Vielleicht Korrosion.“

Yvonne machte ein erstauntes Gesicht. „Wo hast du das Teil her?“

Jan lächelte. „Hing gut verpackt daneben. Kannst dich beim Vorbesitzer bedanken.“ Dann gähnte er. „Das GPS ist hin. Ich finde nicht, wo das zweite GPS angeschlossen ist, damit es wieder Strom kriegt. Ich gehe jetzt ins Bett. Wenn der Sturm nachlässt, sieh zu, wieder auf den alten Kurs zu kommen. Morgen schauen wir dann, wo genau wir hin müssen.“

„Mache ich. Gute Nacht.“

Im Bett bemühte er sich, wieder eine gute Schlafposition zu finden und nicht über alle Defekte nachzudenken, die noch zu untersuchen waren, doch es dauerte lange, bis er sich beruhigte, obwohl er todmüde war. Irgendwann schlief er trotz des Krachs ein, den das Boot im Sturm machte.

Der Wecker drang nur langsam in sein Bewusstsein vor. Nach einer Weile gab er sich einen Ruck und schlug die Augen auf. Das Boot war leiser und schaukelte nicht mehr so arg. Er gähnte und stand auf. Yvonne war noch wie gestern Nacht am Ruder und sah ihm schon erwartungsvoll entgegen. „Guten Morgen.“

Jan gähnte wieder. „Ich bin saumüde.“ Er sah sich um. „Alles klar?“

Yvonne schüttelte den Kopf. „Das Licht ging vorhin aus. Aber ich wollte dich nicht wecken. Es ist ja jetzt hell. Der Kompass geht nicht mehr richtig. Schau mal, wo die Sonne steht.“

„Häh? Seit wann steht die Morgensonne im Norden?“

Yvonne zog ein Gesicht. „Das meine ich. Ich habe die Gradzahl vom Sonnenaufgang im Logbuch notiert. Der Wind hatte nicht gedreht. Wir waren letzte Nacht schon richtig und sind wieder auf dem Kurs. Habe ich auch notiert.“

Er nickte lächelnd. „Super Skipper. Ich mache was zu Essen und dann kannst du ins Bett.“

Spät am Vormittag hörte er den Wecker und kurz danach kam Yvonne verschlafen ins Cockpit. „Es gibt kein Wasser. Wegen der Pumpe?“

„Wenn du das Steuer übernimmst, hole ich dir welches aus dem Tank und dann schaue ich mal, wieso jetzt gar nichts mehr geht.“

Yvonne übernahm das Ruder und nachdem Jan mit einer Schöpfkelle einen Topf direkt aus dem Tank befüllte, kroch er wieder zu den Batterien, die keinen Mucks mehr von sich gaben. Er schaltete wieder alles ab und plötzlich gab es wieder etwas Spannung. Jan rieb sich das Gesicht. „Oh nein.“ Immerhin lieferten die Photovoltaikpanels Spannung. Nachdem er viele Kisten durchgekramt hatte, fand er endlich einen alten Laderegler und baute ihn ein. Erfreulicherweise blinkte er und zeigte an, zu laden. Ein kurzer Test mit dem Licht war erfolgreich, also kletterte er wieder hoch zu Yvonne. „Ich glaube, ein Teil der Batterien ist kaputt. Den Rest haben wir mit Licht und Gefrierschrank über Nacht entladen. Photovoltaik geht jetzt wenigstens wieder halb. So, Frühstück. Danach kümmere ich mich endlich um das GPS.“

Yvonne zog die Augenbrauen hoch. „Wie können die Batterien kaputtgehen?“

„Das sind nicht nur Batterien. Da ist auch Elektronik drin.“ Er schloss verzweifelt die Augen und seufzte. „Haben wir genug Konserven, um es ohne Herd zurück nach Mexiko zu schaffen?“

Sie machte große Augen. „Abbruch, wo wir fast da sind?“

„Wenn das hier so weitergeht, ja.“ Er machte ein missmutiges Gesicht. „Dauert natürlich gegen den Wind ewig, aber ohne Navigation finden wir Hawaii nie und segeln nach Asien. Und verhungern unterwegs.“

Sie sah ihn immer noch mit großen Augen an. „Du meinst, wir sind verloren?“

„Wenn wir kein GPS ans Laufen bekommen, ja.“ Er sah sich um. „Frag mich nicht, ob Hawaii nördlich oder südlich von uns liegt.“

Yvonne dachte nach. „Wir dachten, dass wir in ein paar Tagen da sind… Das Meiste, was wir noch haben, muss gekocht werden, aber der Herd braucht viel Strom. Falls er noch geht.“ Dann lächelte sie. „Übernimm mal. Mir fällt da was ein.“ Jan bediente das Ruder und Yvonne kam kurz danach grinsend mit einem kleinen elektrischen Kochtopf zurück. „150 Watt. Das reicht mit dem Panel doch, oder?“

Jan lachte laut. „Der kleine Campingkocher… unfassbar. Ich wusste nicht, dass wir den noch haben. Das billige Mistding hat bestimmt überlebt.“

Eine Weile später hatten sie heißes Wasser und machten sich Kaffee und Tee, doch die Frage nach der Rückkehr blieb offen. Vormittags hatte Yvonne eine Liste. „Wir haben noch Essen für drei Wochen. Wird aber Diät und nicht lecker.“

Er rieb sich das Gesicht. „Scheiße. Ich weiß nicht, wie lange wir gegen den Wind brauchen. Vermutlich lange. Es waren ja schon drei Wochen mit dem Wind hierher.“

„Wir hatten viel schlechtes Wetter. Aber das könnte auf dem Rückweg auch so sein.“

Nach dem Essen vertiefte sich Jan wieder in die Bootstechnik. Mittags kam er schnaufend zu Yvonne zurück. „Wir sind am Arsch. Echt. Beide GPS-Systeme sind vom Blitz kaputt. Unsere Handys waren beide am Ladekabel. Meins ist ganz hin und Deins hat einen Fehler beim Start. Das mobile GPS hat einen aufgeblähten Akku und geht auch nicht mehr. Der Notfallsender ist auch tot.“ Er seufzte. „Das gibt’s gar nicht! Fünf GPS-Empfänger und ein EPIRB auf einmal im Arsch. Und der Kompass ist hin. Und jetzt?“

Beide schwiegen lange. Dann sagte Yvonne „Grob in die Richtung von Hawaii und hoffen, dass wir wen sehen.“

Jan nickte. „Wir haben drei Wochen und es ist nur drei Tage oder so weg. Besser, als auf dem Rückweg zu verhungern.“ Er seufzte tief. „Hätte ich bloß gelernt, wie das mit dem Sextanten geht.“ Dann sah er plötzlich auf. „Der Wecker! Damit finden wir den Längengrad!“

Tatsächlich hatten sie die letzte Zeitzonenumstellung der Bordzeit im Logbuch notiert. Nachdem sie im Cockpit eine Stunde über Büchern brüteten, hatten sie mit der Zeit des Sonnenaufgangs eine ungefähre Längenposition bestimmt, aber wussten nicht, wo sie in Nord-Süd-Richtung waren. Sie rechneten hin und her und einigten sich schließlich zu versuchen, bei jedem Nord/Süd-Wechsel ein paar Minuten früher zu sein, in der Hoffnung die Inselkette irgendwann zu treffen.

Den Rest des Tages und den nächsten Tag verbrachte Jan damit, zu reparieren, was zu reparieren war. Viel war es nicht. Immerhin wusste er hinterher, wie man den Motor ohne Startpanel manuell startete und stoppte. Nach der letzten Reparatur begann die Eintönigkeit, von morgens bis abends den Horizont mit dem Fernglas abzusuchen.

Die Tage vergingen quälend langsam. Sie hatten ihren Kurs schon dreimal auf Verdacht korrigiert, doch weder ein anderes Fahrzeug gesehen, noch eine Ahnung, ob sie in Wahrheit weiter nördlich oder südlich segeln sollten, oder vielleicht doch ganz falsch waren. Nach ein paar Tagen war der Gefrierschrank leer und es gab nur noch Reis oder Nudeln mit Konserven. Yvonne hatte geweint, als sie ihn auswischte. „Hoffentlich finden wir bald wen.“ Jan hatte sie getröstet. Er hoffte immer noch, dass sie irgendwann auf Verkehr von oder nach Hawaii treffen müssten. Aber bisher war der Horizont so leer, als ob der Rest der Welt aufgehört hätte, zu existieren. Er verstand es nicht.

Jeder Tag verlief gleich. Sie hatten ihren Wachrhythmus, sie kochten und aßen, prüften ihre Längenposition, stellten Vermutungen über ihre Position an, und sprachen über ihr Schicksal. Dabei suchte die Wache stets mit dem Fernglas in jeder Richtung, aber die See war leer. Kein Mast, keine Aufbauten, und nachts kein einsames Licht. Sie waren allein.

Eine Woche später ertrugen sie die deprimierende Suche nicht mehr und hatten ihre lückenlose Überwachung des Horizonts etwas gelockert. Sie saßen gerade schweigend beim Mittagessen, als Yvonne auf einmal ein anderes Boot sah. Sie ließ ihr Besteck fallen und zeigte aufgeregt zum Horizont „Da! Ein Boot! Da ist ein anderes Boot!“

Während Jan noch spähte, rannte sie in den Salon und kam mit der Signalpistole zurück. „Rot?“ Jan nickte. Sie lud die Pistole und schoss das Signal ab, während er einen Kurs auf das andere Boot setzte. „Ob die das sehen?“

Er zuckte mit den Schultern, während er das fremde Boot mit dem Fernglas beobachtete. „Ja! Die wenden!“ Dann gab er Yvonne lachend das Glas. „Die halten auf uns zu. Wir haben es geschafft!“

Sie sah es sich an, winkte mit beiden Armen und umarmte ihn überglücklich. „Endlich! Es war also die richtige Entscheidung, zu suchen!“ Sie schniefte. „Das ist ein seltsames Boot, aber mir ist jedes recht.“

Jan nickte. „Irgendwie bunt und die Segel zeigen so komisch nach oben. Egal. Hauptsache, sie helfen uns.“

Sie ließen das Dinghy ins Wasser, was bei den Wellen nicht ganz einfach war, und Jan fuhr zum anderen Boot, als es nahe genug war. Es war ein Katamaran mit zwei rotbraunen Segeln einer Form, wie sie sie noch nie sahen. Yvonne staunte über die große Anzahl von Leinen, die die zwei Masten hielten. Jan hatte seine liebe Mühe, bei den Wellen gut anzulegen und das Dinghy zu verlassen.

Sie beobachtete ihn die ganze Zeit mit dem Fernglas. Er erzählte viel und sie nahm an, dass er ihre Situation erklärte. Auf einmal gab es große Heiterkeit unter der Besatzung. Es wurde weiter viel erzählt und schließlich stieg Jan mit jemand von der Besatzung wieder in das Dinghy und kehrte zu ihr zurück. Sie wollte anbieten, das Boot aus dem Wind zu drehen, um beim Anlegen zu helfen, aber ihr Gast kletterte an Bord, als ob er das jeden Tag machen würde, und half danach Jan.

Jan grinste sie an. „Das ist Akamai. Sein Boot kehrt nach Hawaii zurück. Wir fahren zusammen. Er ist unser Navigator, falls wir uns nachts verlieren. Übermorgen sind wir da.“

Yvonne sah den jungen Mann glücklich an. „Ich bin Yvonne. Vielen Dank, dass du uns hilfst. Was für ein Glück, dass ihr noch ein GPS habt.“

„Wir haben gar kein GPS. Aber ich kenne den Weg.“ Er lachte und zeigte mit der Hand in eine Richtung. „Da geht es lang.“

Jan grinste immer noch. „Ich hab’s auch erst nicht geglaubt. Er kennt wirklich den Weg. Sie kommen aus Tahiti, ohne irgendwelche Instrumente… nicht zu fassen.“

Yvonne lachte nicht und sah Akamai ernst an. „Du hast kein GPS dabei? Auch keinen Sextanten und das dicke Buch dazu? Ihr segelt einfach so?“

Akamai nickte lächelnd. „Keine Angst. Ich bringe euch nach Hause. Es ist doch gar nicht mehr weit. Und ich habe was zu Essen mitgebracht. Wir machen uns nachher was richtig Gutes.“

Yvonne schüttelte ungläubig den Kopf. Nachmittags hatten sie seine Kabine aufgeräumt und das Bett frisch bezogen, den Motor gestartet und Akamai genoss eine warme Dusche. Danach kam er lachend an Deck. „Jan hat nicht übertrieben. Herrlich! Sowas haben wir nicht.“

Jan hob übertrieben unschuldig die Hände. „Irgendwie musste ich dich locken.“ Alle lachten.

Yvonne kochte mit Akamai, während Jan den vorgegebenen Kurs steuerte. Akamai erzählte, wie er von einem alten Navigator auf ihrem Boot lernte, den Weg zu finden, und dass sie gerade von einer langen Reise nach Hause zurückkehrten. Er sprach von den Wolken und ihren Formen, wie man die typische von untypischen Windrichtungen unterschied, von den vielen Formen der Wellen. Während sie ihm zuhörte, wurde es beinahe magisch, welche Fülle von Details der See seine Welt ausmachten, die sie noch nie bemerkten.

Nach dem köstlichen Essen zeigte er ihnen den Sternenhimmel und erklärte, wo genau Hawaii lag und wie der Weg durch den Lauf der Sterne beschrieben wurde. „Manche Inseln in Polynesien haben ihren Namen von den Sternen, die den Weg dorthin weisen. Der Nachthimmel ist unsere Karte.“

Jan lauschte ihm ungläubig, aber bekam die Vorstellung seiner Position unter dem sich drehenden Sternenhimmel nicht in seinen Kopf. „Wir hätten an Hawaii vorbeisegeln können…“

„So wie du erzählt hast, seid ihr das vermutlich letzte Woche. Hast du die Küstenvögel nicht gesehen?“

Jan zuckte mit den Schultern, aber Yvonne erinnerte sich. „Kann sein. Doch, ich sah irgendwann Vögel. Warum?“

Akamai lachte. „Morgens kommen sie aus der Richtung des Lands und abends kehren sie dahin zurück.“

Yvonne und Jan sahen sich an und Jan rieb sich seufzend langsam das Gesicht. „Ich glaub’s nicht… Wir könnten schon da sein.“ Er sah Akamai an. „Die Woche war nicht lustig. Wir wussten nicht, wo wir waren, und wie es weitergeht.“ Leise fügte er hinzu. „Wir haben uns gefragt, ob wir am Ende hier draußen sterben.“

Akamai lachte nicht mehr. „Hätte passieren können. Ihr solltet die normale Astronavigation lernen.“

Jan zog nickend ein Gesicht. „Ich hab’s jeden Tag bereut, das nicht zu können. Jede Stunde. Wer kann denn ahnen, dass alles auf einmal kaputtgeht?“

Yvonne hatte wieder die Wache bis zum Morgen, notierte den Sonnenaufgang und stellte fest, dass das fremde Boot nicht mehr zu sehen war. Jan machte ihnen Frühstück und übernahm dann, während sie sich schlafen legte. Akamai wurde auch wach und grinste über Jan, dem es auch nicht gefiel, wieder allein zu sein. „Dachte ich mir schon. Unser Boot ist schnell. Wir können versuchen, sie einzuholen.“ Er sah zu den Segeln und zum Ruder. „Segelt ihr schon lange?“

Jan nickte. „Wir sind jetzt ein Jahr unterwegs.“

„Immer mit Autopilot?“

„Klar. Es ist die Hölle ohne.“ Er blickte unsicher zu Akamai. „Stimmt was nicht?“

Akamai grinste. „Du musst das Boot ständig mit dem Ruder auf Kurs halten. Das macht dich langsam.“

Er wechselte mit Jan ein Segel und zeigte ihm, wie er die Form der Segel verbesserte. Als sie fertig waren, sah er sich zufrieden um. „Viel schneller, als ich dachte.“ Er nickte. „Acht Knoten, vielleicht neun. Wirklich schnell.“

Jan zuckte mit den Schultern. „Wenn du meinst. Es kommt mir auch schnell vor.“ Dann zeigte er auf die Instrumente. „Alles weg. Das Gateway vom Backbone ist geschmolzen.“ Dann rollte er mit den Augen. „OK. Ich will das jetzt wissen. Woher weißt du das?“

Akamai war vergnügt. „Nach all der Zeit durch Gefühl. Du kannst dich an die Bordwand stellen und zählst die Sekunden, bis die Blasen einer Welle vom Bug am Heck sind.“

Nach ein paar Versuchen sagte Jan „3 Sekunden. Gar nicht so einfach, aber etwa 3. Das Boot ist gut 13 Meter lang… Jetzt müsste man Kopfrechnen können. Bisschen mehr als 4 Meter die Sekunde.“

Er sah Akamai fragend an, der immer noch vergnügt war. „4,4 Meter die Sekunde. 1 Meter die Sekunde sind 1,94 Knoten, also zwischen 8 und 9 Knoten. Sag ich doch.“

Jan nickte langsam. „Und wenn man das regelmäßig macht, weiß man, wie weit man am Tag gefahren ist. Lass mich raten. Du siehst es den Wellen an, wie viel Strömung wir haben?“

Akamai nickte.

Yvonne stand wieder am späten Vormittag auf und sah sich direkt um, aber sie waren immer noch allein auf weiter See. Dann sah sie Jan neugierig an. „Kann es sein, dass wir ziemlich schnell sind?“

Jan nickte und Akamai grinste. „Jan will mein Boot einholen. Er hat Angst so ganz allein.“

Jan lachte verlegen und Yvonne grinste auch. „Sei mir nicht böse. Ich auch.“

Akamai rollte lächelnd mit den Augen. „Ihr seid lustig. OK. Das Boot ist vorne zu schwer. Können wir was ins Heck schaffen?“

Yvonne nickte. „Das ganze Werkzeug ist vorne.“

„Ah Scheiße.“ Jan schloss die Augen. „Muss das sein?“

„Nur, wenn ihr schneller werden wollt.“

Jan seufzte und zog dabei ein Gesicht. „Mist. Ich räume es um.“

Akamai lachte. „Ich helfe dir.“ Am frühen Nachmittag waren sie fertig und trimmten die Segel neu. Jan rechnete wieder die Geschwindigkeit aus und staunte, dass sie wirklich noch ein wenig schneller wurden.

Die Sonne stand schon tief am Himmel, als Jan am Horizont vor ihnen Akamais Boot entdeckte. „Da sind sie!“

Yvonne hatte ihn gehört und kam sofort hoch ins Cockpit. „Echt, wo?“ Sie spähte zum Horizont. „Bin ich froh! Das sind sie wirklich! Was ein Glück.“ Dann sah sie verlegen Akamai an. „Entschuldigung. Ich habe das nicht so gemeint. Du weißt wirklich den Weg.“

Akamai lächelte. „Kenne ich schon. Das hat uns früher schon keiner geglaubt, dass wir ohne Instrumente Ozeane überqueren. Die Historiker dachten, so ein paar dumme Ureinwohner haben sich auf Flößen treiben lassen. Der ganze Unsinn mit Kon Tiki. Wir sind nicht lebensmüde.“

Yvonne sah ihn an und stellte sich vor, wie er den Pazifik überquerte, als ob es ein Pfad durch den Wald wäre.

„Wir sind schon vor sehr langer Zeit durch Polynesien und nach Südamerika gesegelt. Ich weiß nicht, warum mein Volk damit aufhörte und das Wissen wäre beinahe verloren gegangen, aber seit ein paar Jahrzehnten tun wir es wieder. Eigentlich müssten alle Bücher neu geschrieben werden. Interessiert aber keinen.“

Sie schaute ihn fassungslos an. „Ich würde es auch nicht glauben, wenn ich es nicht sehen würde. Das ist viel mehr als nur Navigation.“

Akamai nickte. „Es ist unser Weg, zu leben. Wir achten die Natur und wir achten uns. Und wir vertrauen auf das Wissen unserer Vorfahren.“

Yvonne sah Jan an. „Letzte Woche wussten wir nicht, ob wir das hier überleben. Jetzt bin ich fast froh um den Blitz.“

Jan verzog lachend das Gesicht. „Ich weiß, was du meinst. Aber ich erinnere dich in der Werft dran. Wir müssen schauen, ob der Rumpf was abbekommen hat.“

Yvonne verzog stöhnend auch das Gesicht. „Ein Loch im Wasser, wo man Geld reinschmeißt…“ Dann lächelte sie. „Wir fahren erst weiter, wenn wir den Weg auch ohne GPS finden. Nie wieder!“

Jan nickte.

Am nächsten Morgen stand Jan im Licht der Morgensonne am Steuer, während Yvonne und Akamai schliefen. Akamais Boot war ihnen weit voraus, aber noch zu sehen. Dann bemerkte er eine kleine Gruppe Vögel, die ihm entgegenkam. Etwas später tauchte direkt neben Akamais Boot etwas auf, wie eine Wolke, eine winzige Unregelmäßigkeit am schnurgeraden Horizont. Er seufzte zufrieden. Hawaii.

 

Hallo @Heutehier, mir scheint, dass deine Geschichte den Kontrast zwischen der modernen Technik und dem Wissen alter Völker abbilden möchte, Das Setting und den Plot finde ich dafür gut gewählt. Aber manchmal ist es schwierig zu folgen, da sich die Geschichte in unnötig ausgearbeiteten Dialogen verliert, die dann auch noch umständlich eingebettet werden:

Jan nickte. „Wir sind jetzt ein Jahr unterwegs. Warum?“

Akamai lächelte. „Immer mit Autopilot?“

Jan nickte wieder. „Klar. Es ist die Hölle ohne. Stimmt was nicht?“

Akamai grinste. „Du musst das Boot ständig mit dem Ruder auf Kurs halten. Das macht dich langsam.“

vier gleiche Satzanfänge machen es monoton und mühsam zu lesen.
Dann lässt du dich in lange Beschreibungen der quälend langen Tage aus, die dann mit Dialogen ergänzt werden, die unnötig und auch wieder unkreativ gereiht sind:
Yvonne hatte geweint, als sie ihn auswischte. „Wenn wir niemanden finden, verhungern wir hier.“ Jan hatte sie getröstet.
Es scheint dir wichtig zu sein, die Geschichte von Akamei und seinem Volk zu erzählen. Führe das doch einfach mit mehr Spannung und Dramatik ein.
Also, ich habe deine Geschichte gerne gelesen, denn der Stoff ist dankbar. Aber es ist, wie gesagt, langatmig. Dadurch vergibst du einige Chancen. Liebe Grüße und viel Spaß beim Überarbeiten.

 

Schon erstaunlich. Ich war mit dem Dialog insgesamt nicht recht zufrieden, aber ich konnte es nicht packen. So, wie Du es zitierst, sehe ich es natürlich auch sofort! Mein Gefühl trog also nicht.

 

Aloha @Heutehier,

du entführst uns in die Weite des Pazifik ...

Schließlich hatte er eine Position gefunden, in der er halbwegs stabil blieb und nach einigen Anläufen kooperierte die Decke endlich kuschelig.
Die 'kooperierende Decke' - das ist gut ausgedrückt.

Es roch nach verschmorten Kabeln und er bemerkte, dass das elektrische Panel so dunkel wie alles sonst war.
Das muss dramatischer erzählt werden! (Er bemerkte - klingt wie: Huch, na sowas aber auch ...).

Von

Yvonne sah das Licht seiner Stirnlampe kommen
bis
Ich halte das Boot im Wind, aber ich weiß nicht mehr, wo wir sind und wo ich hin soll.“
und einige andere Stellen sind langatmig (wiederholte Beschreibung der Behebung der Störung in der Elektrik).

Jan zog ein Gesicht. „Wenn wir kein GPS ans Laufen bekommen, ja.“ Er sah sich um. „Sieht in jeder Richtung gleich aus. Frag mich nicht, wo Hawaii liegen mag.“
Diese Unbeholfenheit ist etwas unglaubwürdig. Wenn man sich mit einer Yacht auf den Pazifik wagt. Nun gut, es mag solche Hasadeure geben ...


Jan nickte. „Irgendwie bunt und komische Segel. Egal. Hauptsache, sie helfen uns.“
Dass man ein Katamaran und die Segel nicht kennen soll?

Jan zuckte mit den Schultern, aber Yvonne erinnerte sich. „Kann sein. Doch, ich sah irgendwann Vögel. Warum?“

Akamai war vergnügt. „Nach all der Zeit durch Gefühl. Du kannst dich an die Bordwand stellen und zählst die Sekunden, bis die Blasen einer Welle vom Bug am Heck sind.“
Auch diese Unkenntnis ist unglaubwürdig. Haben die etwa keinen Segelkurs besucht?
Ohne diese Unkenntnis der beiden Segler ist es natürlich schwierig, dein inhaltliches Anliegen zu vermitteln. Wobei ich deine Thematik sehr begrüße, mal etwas, was aus dem üblichen Rahmen fällt (auch gut, dass sie wirklich Hilfe bekommen, nicht ein Killer an Bord kommt ... :D).

Die ständigen 'großen' Absätze zerreissen deinen Text, da kannst du leicht Abhilfe schaffen.

Meint

Woltochinon

 

Hallo @Heutehier,
hat mich stark an Kon Tiki von Thor Heyerdahl erinnert. Da driften sie auch ohne Ruder auf dem Ozean und hoffen, dass Land am Horizont auftaucht. Das Buch war so dermaßen was von fesseln, dass ich es in einer Nacht gelesen habe. Ich weiß nicht, ob Du Dir den Reisebericht als Vorbild genommen hast. Eigentlich ist es schwer, eine fesselnde Geschichte daraus zu machen, dass man wochenlang nichts anderes tut, als sich mit der Meeresströmung treiben zu lassen. Da muss man schon echt schreiben können.
Bist Du selbst im Besitz einer Yacht? Die Geschichte deutet Insiderwissen an.
Gruß von Frieda aus dem nassen Berlin

 

@Frieda Kreuz Ich fand die Geschichte von Kon Tiki früher auch toll, aber heute weiß man, dass die Theorie Unsinn war. Man dachte, dass sich ein ungebildetes Inselvolk treiben ließ. Als ob ihnen das Leben egal wäre. In Wahrheit sind die Polynesier gegen die Strömung auf Entdeckungsreise gewesen, um bei einem Abbruch schneller nach Hause zu kommen, also genau anders als man bei Kon Tiki dachte. Sie haben vor sehr langer Zeit große Teile vom Pazifik besegelt. Es hat ihnen nur keiner geglaubt, dass das geht. Inzwischen haben sie gezeigt, dass sie ohne Instrumente um die ganze Welt segeln können:

https://www.youtube.com/watch?v=7RWLdJK5jJo (ist englisch, aber faszinierend)

Im Pazifik ohne technische Hilfsmittel kleine Inseln zielgerichtet zu finden, ist eine riesige Leistung.

Ich habe kein Boot und kann nicht segeln, aber ich finde es interessant. Vielleicht lerne ich es irgendwann.

@Woltochinon Danke für das Feedback! Das sind gute Hinweise, was nicht so rauskommt, wie ich es mir denke. Zu dem seltsamen Boot:

https://en.wikipedia.org/wiki/Polynesian_navigation#/media/File:Hokule'aSailing2009.jpg

Da kann der geneigte Amateursegler schon mal staunen, was er vor sich hat.

 

Ich müsste lügen, um zu sagen, dass ich mit der Bearbeitung zufrieden bin. Die Hinweise haben geholfen, keine Frage. Aber irgendwas passt nicht so recht.

 

Ich müsste lügen, um zu sagen, dass ich mit der Bearbeitung zufrieden bin. Die Hinweise haben geholfen, keine Frage. Aber irgendwas passt nicht so recht.
Hallo @Heutehier,
bei Texten stelle ich mir grundsätzlich zwei Fragen: 1) Berührt er mich? 2) Hat er Relevanz?
Wenn mich ein Text berührt, liegt das daran, dass er an meine Erfahrungen und mein Innenleben anknüpft, in mir etwas anklingen lässt, wo eine Verbindung entsteht. Die gängigsten Themen, die das auslösen sind Liebe und Tod, weshalb sich die meisten Erzählungen genau darum drehen, es geht aber auch weitaus subtiler.
Relevanz hat er, wenn er mir was mitgibt, was mit meinem Leben, mit meinem Dasein als Mensch zu tun hat und über den Text hinausweist.
Beides führt dazu, dass ich einen Text nicht vergesse und auch nach der Auseinandersetzung beim Lesen weiter darüber nachdenke. Dass er mir quasi nicht aus dem Kopf geht.
Ein gewisses Maß an Relevanz weist dein Text mMn auf, was du beschreibst, dieser krasse Unterschied zwischen Hochtechnologie und Naturverbundenheit, zwischen reicher westlicher Überfluss-Welt und marginalisierten Polynesiern, die froh sind, duschen zu können, das ist interessant dargestellt. Für mich als Nicht-Segler sind auch viele Informationen dabei, die ich vorher nicht kannte und die ich gerne gelesen habe, weil ich dadurch etwas Neues gesehen habe.
Ich habe deinen Text gerne gelesen, weil er gut geschrieben ist und man die Recherche und die Arbeit, die du investiert hast, deutlich erkennen kann. Auch der Spannungsbogen hält, ich als Leser werde in den Text gezogen, will wissen wie es weitergeht.
Berührt hat er mich beim Lesen schon, aber nicht über das Leseerlebnis hinaus, woran liegt das? Für mich ist der Konflikt, ein wenig installiert, ein Blitz aus heiterem Himmel schafft ein Problem, Deus ex Machina.
Das ist aber ein Konflikt, der außen stattfindet, außerhalb der Protas, denn es ist eine Aufgabe, die ihnen gestellt wird, ein Problem, das sie lösen müssen und dass sie natürlich existenziell bedroht, aber es ist kein innerer Konflikt. Gegen Ende biegst du in diese Richtung ab, die Protas kommen schon an den Punkt, zu sehen, dass sie besser einige Dinge anders machen sollten. Das bleibt jedoch vage und wird vermutlich über das Erlernen weiterer Segelskills nicht hinausgehen.

Zum Formalen: Im Text gibt es kaum Fehler in der Rechtschreibung, das ist alles sauber geschrieben. Aber: Dein Text zerfasert sehr durch die unendlich vielen Absätze. Besonders nach etwas zwei Dritteln wird es fast unleserlich, weil nach jedem Satz ein Absatz folgt. Bis auf wenige könntest du die Absätze alle streichen, das würde das Leseerlebnis wesentlich verbessern. Grundsätzlich dienen die Absätze der inhaltlichen Strukturierung nach z.B. einem Ortswechsel, einer neuen Situation, neuer Tag, etc..

Zum Text:

und die See verwandelte seine Koje in eine Schaukel
etwas unsauber, weil die See nicht aktiv das Schiff innen umbaut. "und die See ließ ihn in seiner Koje hin- und herschaukeln".
nach einigen Anläufen kooperierte die Decke endlich kuschelig
ähnliches Problem, die Decke wird zu aktiv. Was du meinst ist ja, dass sie endlich auf ihm bleibt?
Ein ohrenbetäubend lauter Knall
ohrenbetäubend impliziert laut.
der mit einem taghellen Blitz einherging
ähnlich, könnte weg
„Scheiße“ (Komma)dachte er
Gegen das Schaukeln des Bootes stand er auf und der tote Lichtschalter seiner Kabine bestätigte die Befürchtung, dass etwas passiert sein musste.
Das Fette hatte er doch schon festgestellt?
Schritt für Schritt und Griff für Griff hangelte er sich im schaukelnden Boot zum Cockpit empor. Es roch nach verschmorten Kabeln und während er noch darüber nachdachte, was passiert sein mochte, sah er das elektrische Panel und stockte. Alle Bereiche waren dunkel. Sie hatten die komplette Stromversorgung verloren. Fassungslos hangelte er sich weiter zum Cockpit.
Letzten Satz versteh ich nicht, ich dachte, da ist er schon?
Das war ein Blitz… alles ist kaputt!
Vor den Dreipunkt ein Leerzeichen setzen, es sei denn, du schreibst das Wort nicht aus wie Blitz... statt Blitzschlag.
„Ein Blitz?“ Sie nickte panisch und er sah ihr den Schreck an.
Der Satz kann mMn weg, ist redundant.
Mitgenommen nickte sie.
Das ist einerseits ungenau, andererseits eine Behauptung. Wie nickt man mitgenommen? Besser wäre, die Mimik konkret zu beschreiben, damit ich das der Figur ablesen kann.
Da roch was verschmort
riecht?
Sie wurde laut. „Schrei mich nicht an!“
Ups, kleine Überreaktion?

Die folgende Beschreibung der Schäden am Schiff ist etwas zu raumgreifend, gemessen an der Bedeutung für die Story und wo du mit ihr hin willst, hat das zu viel Gewicht im Text. Dennoch habe ich hier wenig Anmerkungen, das ist gut gemacht.

Er rieb sich das Gesicht. „Scheiße. Ich weiß nicht, wie lange wir gegen den Wind brauchen. Vermutlich lange. Es waren ja schon drei Wochen mit dem Wind hierher.“
„Wir hatten viel schlechtes Wetter. Aber das könnte auf dem Rückweg auch so sein.“
Die Dialoge finde ich gut, wirkt nicht artifiziell.
und ein EPIRB
Sowas in einem literarischen Text ist ohne weitere Erklärung schwierig. Ich z.B. weigere mich, das zu googlen, weil, der Text die Erklärung liefern muss und nicht das Internet.
Irgendwie bunt und die Segel zeigen so komisch nach oben.
Da hast du als Autor ein konkretes Bild im Kopf und einen Vorsprung ggü. dem Leser, den du nicht auflöst. Etwas genauer als "komisch nach oben" wäre ev. hilfreich.
wie sie sie noch nie sahen
Tempus, wie sie sie noch nie gesehen hatten.
wie sie sie noch nie sahen. Yvonne staunte über die große Anzahl von Leinen, die die zwei
nach Möglichkeit vermeiden, geübten Lesern fällt das auf.
Akamai nickte lächelnd. „Keine Angst. Ich bringe euch nach Hause. Es ist doch gar nicht mehr weit. Und ich habe was zu Essen mitgebracht. Wir machen uns nachher was richtig Gutes.“
An der Stelle fällt mir auf, dass Akamai genau so redet wie Jan. Da wäre es an dir als Autor, die Figuren auch anhand der Besonderheiten der Sprache unterscheidbar zu machen. Jemand aus Tahiti spricht anders als jemand aus Deutschland, weil Lebensumstände die Art sich auszudrücken prägen. Der ist auch einfach nur nett und hilfsbereit, kein Stück distanziert. Ich persönlich wäre in der Situation sehr vorsichtig und weniger vertrauensselig.
Akamai erzählte, wie er von einem alten Navigator auf ihrem Boot lernte, den Weg zu finden, und dass sie gerade von einer langen Reise nach Hause zurückkehrten. Er sprach von den Wolken und ihren Formen, wie man die typische von untypischen Windrichtungen unterschied, von den vielen Formen der Wellen. Während sie ihm zuhörte, wurde es beinahe magisch, welche Fülle von Details der See seine Welt ausmachten, die sie noch nie bemerkten.
gerne gelesen.
„Manche Inseln in Polynesien haben ihren Namen von den Sternen, die den Weg dorthin weisen. Der Nachthimmel ist unsere Karte.“
das auch.
Akamai rollte lächelnd mit den Augen. „Ihr seid lustig. OK. Das Boot ist vorne zu schwer. Können wir was ins Heck schaffen?“

Yvonne nickte. „Das ganze Werkzeug ist vorne.“

Nach einem Jahr auf See wissen die das noch nicht?

Es ist spürbar, dass dich die Leistung und das Wissen der Polynesier/ Tahitianer beeindruckt hat und du davon erzählen wolltest. Um diese Prämisse herum hast du die Geschichte aufgebaut und das vermittelst du auch gut. Leider jedoch bleiben die Figuren so außen vor, heißt sie werden für mich zu wenig greifbar. Und da ich ihnen nicht nahekomme, kann ich schlecht mitfühlen. Um das zu ändern, müsstest du tiefer in die Figuren reingehen und vllt. auch die Prämisse ändern, heißt der Konflikt ist ein anderer als der Blitzeinschlag.
Soweit meine Überlegungen.

Peace, linktofink

 

Hui! Das ist gehaltvoll. Die ganzen kleinen Dinge sind leicht zu verbessern, aber du hast den Finger darauf gelegt, was ich nicht fassen konnte, und das ist nicht leicht zu ändern. Immerhin kann ich es nun benennen. Vielen Dank dafür! Ich denke darüber nach, aber das wird eine Weile brauchen.

 

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