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Der Weg zur Schule

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Der Weg zur Schule

Mit zwölf Menschen hatte ich an diesem Tag bereits gesprochen, hatte Akten über Diebstahl, Betrug, Beleidigung und Körperverletzung angelegt und jedes Mal mit einem ernsten Ausdruck gesagt, »Das Verbrechen macht zu Weihnachten keinen Urlaub, wir deshalb auch nicht.« Für mich galt das zumindest noch eine Stunde lang, danach wollte ich die Familie meiner Verlobten vom Bahnhof abholen, ihre Eltern und ihren Bruder, wollte Zuhause einen schönen Weihnachtsabend verbringen und mich dann mit meiner Verlobten zurückziehen. Ich würde ihre Familie zum ersten Mal kennenlernen und wollte einen guten Eindruck machen. Sie hatte meine beiden Kinder so liebevoll aufgenommen, dass ich das Gefühl hatte, ihr etwas zurückgeben zu müssen.

Der Mann mit dem zerknitterten Anzug und der unpassend bunten Krawatte war mein letzter Termin vor dem Feierabend, ein letzter Fall, den ich noch aufnehmen musste, bevor ich die Uniform gegen Jeans und Pullover tauschen konnte. Der Fremde hatte in dem kalten Foyer des Reviers so aufrecht auf einem der billigen Plastikstühle gesessen, so akkurat und geduldig, dass ich erwartete, seinen Fall nach einer ebenso akkuraten Schilderung schnell aufnehmen und den Fremden auch schnell wieder verabschieden zu können. Zwar stießen mich seine Brille mit den kleinen runden Gläsern und seine sich höflich windende Ausdrucksweise unwillkürlich ab, doch konnte ich mir diese Abneigung nicht erklären und so ließ ich mir nichts anmerken, wies dem Mann, sich zu setzen und mir von seinem Anliegen zu berichten.

Der Mann rückte seine Brille zurecht und begann zu erzählen. »Wenn Sie mir das nachsehen, werde ich etwas weiter ausholen, denn ich denke, dass zuerst ein Gefühl für die Umstände geschaffen werden muss. Mir ist nämlich manchmal, als könnte ein Gespräch, das gerade das konkrete Anliegen auslässt, weit mehr darüber sagen, als es direkte Worte schaffen. Denken Sie doch einmal darüber nach: Trägt jemand ein Anliegen vor, weiß das Unterbewusstsein noch in derselben Sekunde eine Antwort und alles was darauf gedacht, geredet und getan wird, berücksichtigt diese Antwort. Natürlich sind Sie ein bedachter Mensch und natürlich werden Sie sich dieser so menschlichen Reaktion bewusst sein. Aber wäre nicht auch Ihnen wohler, wenn Sie zuallererst einen ungetrübten Blick auf die Dinge werfen könnten? Es sei Ihnen versichert, dass ich mich eilen werde und meine Worte mit Bedacht gewählt sind. Also bitte, haben Sie Geduld und hören Sie meine Geschichte an.«

Ich hatte den Mann beobachtet, während er gesprochen hatte. Der Fremde hatte seinen Blick mit einer so starken Aufmerksamkeit auf mir ruhen lassen, dass ich an keinem seiner Worte zweifelte. Dieser Mann glaubte an die Wichtigkeit seiner Vorgehensweise und er würde jeden meiner Versuche, direkt zum Kern vorzustoßen, mit Diskussionen und Gegenfragen bestrafen. Mit teilnahmslosem Gesicht nickte ich ihm daher zu. Sollte mir der Fremde eben seine Weihnachtsgeschichte erzählen.

»Der Weg zu meiner Schule, den ich damals jeden Tag gehen musste, war nicht lang und es war auf den ersten Blick auch so überhaupt gar nichts an ihm, was man als Eltern eines kleinen Jungen hätte erwähnenswert finden können. Und so umarmte ich an jedem normalen Schultag meine Mutter, öffnete die Tür zu unserer Wohnung, lief die zweieinhalb Etagen hinab und trat aus unserem Haus, entweder in einen orangenen lauen Tagesanfang oder eben in eine ewig dauernde eisige Nacht. Ganz egal, was ich sah, wenn ich nach draußen trat, egal ob es Sommer oder Winter war, ich traf dort an jedem dieser Tage Markus, einen braun- und kurzhaarigen Jungen mit bravem Gesicht und bravem Gemüt; meinen zu dieser Zeit besten Freund.«

Der Fremde stockte, dann sprach er weiter. »Hätte man mich gefragt und hätte ich ehrlich antworten wollen, hätte ich Markus wohl als meine Familie bezeichnet. Es war nicht so, dass ich meine tatsächliche Familie nicht geliebt hätte, aber meine Eltern waren nun einmal Eltern und so teilten sie ihre Liebe zwischen mir und meiner Schwester, was ich Ihnen heute nicht vorwerfen kann und will, hätte ich sie doch andernfalls noch weniger geschätzt. Nun mag es auffallen, dass ich jedenfalls meine Schwester auf keinen Fall zu meiner Familie zähle und ich will erklären, weshalb.

Meine Schwester war ungefähr drei Jahre älter als ich. Geschwister mit einem solchen Altersunterschied würden als Babys und Kleinkinder voller Eifersucht sein, später miteinander spielen und in der Pubertät sich wieder voneinander entfernen, um entweder für immer getrennt oder bald wieder vereint zu sein. Das zumindest sagte jeder erfahrene oder auch nicht erfahrene oder sogar desinteressierte Mensch, egal ob man danach fragte oder nicht. Meine Eltern waren keine hörigen Menschen, aber wenn man etwas oft genug hört, dann fängt man ganz automatisch an, es zu glauben; wenigstens ein bisschen. Jedenfalls nahmen meine Eltern alle Abneigung und allen Streit zwischen uns Kindern als eine Tollerei der Jugend, die schon noch vorbeigehen würde, wenn man nur lange genug wartete.

Wenn ich ihnen erzählte, dass meine Schwester kein Mensch sondern eine Hexe war, dann nahmen sie mich daher nicht ernst; allenfalls schimpften sie mit mir. Sicherlich fragen Sie sich jetzt, wie ich das meine und ob ich verrückt bin. Nun, ich kann Ihnen nur sagen, dass ein Kindergeist manch seltsame Erklärung für Dinge findet, die es nicht versteht. Zumeist bedient es sich dann der Erklärungen, die es kennt und das ist nun einmal häufig die Magie. Und so steckt hinter einer fantastischen Kindergeschichte manchmal ein gefährlicher Funken Wahrheit. Doch lassen Sie mich erzählen, was ich denn als Kind sah, das mich zu der Schlussfolgerung kommen ließ, dass meine Schwester eine Hexe ist.

Auf meinem Weg zur Schule gab es eine ganz unvermeidbare Stelle, ein schmaler Fußweg, auf der einen Seite von einer hohen Hecke und auf der anderen Seite von einem groben Beton-Wohnklotz eingekesselt. Und an jedem Tag wartete dort meine Schwester auf uns, die doch immer schon vor mir das Haus verlassen hatte. Aus einem zwingenden Gefühl heraus, einer Angst, die so stark gewesen war, dass ich sie nicht einmal als Angst begriffen hatte, sondern einfach annahm, dass ich den Bedingungen der Welt und des Lebens folgte, hatte ich bis zu meiner Schulzeit vermieden, mit meiner Schwester alleine zu sein. Nun, im Rückblick würde ich sagen, dass sie mich zu oft, zu kalt und zu lange angestarrt hatte, ihr Gesicht trotz meines zögerlichen Lächelns immer regungslos geblieben war und dass ich zu oft stolperte, wenn ich an ihr vorbeigelaufen war. Doch erst an dieser Stelle meines Schulweges hatte ich verstanden, dass mein Problem mit meiner Schwester tiefer ging, als das.

Es waren ihre mitleidlosen Augen gewesen, die jede Wärme aus meinem Körper gezogen hatten, ihre steife Haltung, als würde sie jeden Moment losspringen, und ihre Nähe, die jeden Respekt vor unserer physischen Existenz auf der Erde vermissen ließ. Ich fühlte mich wie eine Maus, die nicht mehr ist als das Spielzeug einer Katze. Es war eine schlimme Zeit für mich gewesen, denn ich war mir meiner Angst bewusst geworden und fühlte sie von nun an in jedem Moment meines Lebens. Zum Glück hatte ich Markus, meinen Verbündeten gegen meine Schwester. Auch er hatte ihr Hexengesicht gesehen. Das mag der einzige Grund sein, dass ich damals nicht verrückt geworden bin.

Meine Schwester aber hatte das erkannt und sie nutzte es, um meine Welt noch stärker zu bedrohen. Sie begann Markus zu schmeicheln und ihm Spitznamen zu geben, mit ihm zu lachen und ihr Hexengesicht vor ihm zu verbergen. Es war nur natürlich, dass Markus glauben wollte, dass er sich in ihr geirrt hatte; wer möchte schon von einer Bedrohung wissen, die er nicht abwenden kann? Ich versuchte verzweifelt, ihn von der Täuschung zu lösen, erzählte, dass sie ihn, wenn wir allein waren, Hänsel nannte und sich über die Lippen leckte. Aber es war zu spät. Markus vertraute ihr.

Einen Moment hatte es gegeben, in dem ich noch hätte hoffen können, ihn wieder auf meine Seite zu ziehen. Sie müssen wissen, Markus hatte damals einen Hund gehabt, ein kuscheliges, unschuldiges, kleines Ding; so vertrauensvoll, nie biss oder knurrte er. Eines Tages verschwand der Hund plötzlich. Es war derselbe Tag an dem meine Schwester das erste Mal kochte; einen großen Topf Gulasch, mit großen, saftigen Fleischstücken, die sie von ihrem eigenen Taschengeld gekauft haben wollte.«

Der Mann verzog sein Gesicht; nur ein wenig. »Ich hatte doch nicht gewusst, dass Markus' Hund verschwunden war! Wie hätte ich ihm später sagen sollen, dass ich glaubte, seinen Hund gegessen zu haben?« Der Fremde atmete tief durch und beruhigte sich wieder. Seine Stimme erlangte ihre unbeteiligte Ruhe zurück. »Jedenfalls hatte ich danach nichts mehr mit Markus zu tun. Wir gingen zwar noch zusammen zur Schule, sprachen aber nicht mehr miteinander. Überhaupt schien er immer nur darauf zu warten, zu jener Stelle zu kommen und meine Schwester zu sehen. Markus stürzte - wenn ich mich richtig erinnere -«, der Fremde runzelte kurz seine Stirn, »kurz bevor er zehn Jahre alt wurde aus einem Schulfenster und starb. Meine Schwester war dabei gewesen und erzählte, er wäre beim Klettern abgerutscht. Ein Unfall, keine gegenteiligen Beweise, keine anderen Augenzeugen. Die Polizei stellte fest, dass ein Hund oder ein anderes Tier Teile seines Körpers weggebracht haben musste, aber ich konnte nur daran denken, dass sie ihn Hänsel genannt hatte. Seit diesem Moment habe ich nichts mehr gegessen, was meine Schwester gekocht hat.«

Seine Geschichte widerte mich an. Gewalt gegen Kinder, durch Kinder und das alles an Weihnachten, hämmerte es in meinem Kopf. Seine Worte, die er mit soviel Teilnahmslosigkeit, mit soviel Abstand ausgesprochen hatte, erschienen mir unwirklich, konstruiert und falsch. Wozu hatte dieser Mann mich aufsuchen müssen? Wenn ich meiner Tochter und meinem Sohn, meiner Verlobten und ihrer Familie nicht den Abend versauen wollte, würde ich auf dem Weg zum Hauptbahnhof irgendeine Weihnachtslieder-Playlist hoch und runter hören müssen.

Ich massierte meine Schläfen und sah den Mann aus wahrscheinlich sehr müden Augen an. »Was soll ich mit dieser alten Geschichte anfangen? Sie sagen selbst, es gab keine Beweise. Sie selbst haben nichts gesehen und sonst auch niemand. Vielleicht ist Ihre Schwester eine gefährliche Irre – so denn Ihr Verdacht überhaupt stimmt –, aber ich kann nicht - wie viele, 40? - Jahre später, ein Ermittlungsverfahren eröffnen, nur weil Sie mir eine Geschichte erzählen. Ich würde Sie daher bitten jetzt zu gehen.« Ich blickte besorgt auf meine Uhr. »Es ist schon nach 16 Uhr und ich muss noch Verwandte abholen.« Ich stand auf und deutete freundlich auf die Tür.

Der Fremde erhob sich ebenfalls und nickte ebenso freundlich. »Oh, natürlich, ich habe kein Verfahren erwartet, ich möchte nur, dass Sie diese Geschichte berücksichtigen.« Er sah mich ernst an. »Bitte überlegen Sie sich, ob Sie meine Schwester wirklich heiraten wollen. Denken Sie an Ihre Kinder.« Dann lächelte der Fremde das erste Mal. »Und bitte, Sie müssen sich nicht beeilen. Meine Eltern sind auch schon hier. Sie sitzen gegenüber in dem kleinen Café und warten so lange es nötig ist.«

Ich verstummte und als ich eine Minute später meine Stimme wiedergefunden hatte, brachte ich nur heraus: »Wir sollten jetzt losfahren, sie wollte zwei Braten für uns machen.«​

 
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28.08.2016
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Hallo @Moog,

ich muss sagen, dass ich von deinem ersten Text hier schon sehr überzeugt bin. Er ist sauber geschrieben und behandelt das Thema durchaus angemessen. Die Aussage, die ich mir von dieser Geschichte mitnehme, ist, dass selbst in den nettesten Menschen Monster stecken können. Oder Hexen, wie in diesem Fall. Mir gefällt besonders, dass die Darstellung einer Märchenhexe herausgefordert wird: Nicht nur Kinder können von so einer Person um den Finger gewickelt werden, selbst ein Erwachsener ist nicht sicher vor der Manipulation, noch dazu ein Polizist.

Der Titel macht aus meiner Sicht leider nicht wirklich neugierig. Der Weg zur Schule klingt fast nach einem Schulaufsatz, aber die Kategorie Horror trägt dazu bei, dass man dann doch wissen will, was hier los ist.

Für mich galt das zumindest noch eine Stunde lang, danach wollte ich die Familie meiner Verlobten vom Bahnhof abholen, ihre Eltern und ihren Bruder, wollte Zuhause einen schönen Weihnachtsabend verbringen und mich dann mit meiner Verlobten zurückziehen. Ich würde ihre Familie zum ersten Mal kennenlernen und wollte einen guten Eindruck machen.
Den Anfang finde ich besonders gelungen. Hier wird schon der Zusammenhang zum Schluss aufgebaut, ohne, dass man es ahnen kann. Ich dachte erst, der Abschnitt ist nur hier, um eine Bindung zum Hauptcharakter aufzubauen. Gut getarnt!
Sie hatte meine beiden Kinder so liebevoll aufgenommen, dass ich das Gefühl hatte, ihr etwas zurückgeben zu müssen.
Hier ist es noch wichtig, dass man eindeutig erfährt, wo die Kinder gerade in diesem Moment sind. Das ist für die Auflösung am Ende essenziell. Diese Info muss natürlich so im Text eingebaut sein, dass noch kein Misstrauen aufkommt.
Zwar stießen mich seine Brille mit den kleinen runden Gläsern und seine sich höflich windende Ausdrucksweise unwillkürlich ab, doch konnte ich mir diese Abneigung nicht erklären und so ließ ich mir nichts anmerken, wies dem Mann, sich zu setzen und mir von seinem Anliegen zu berichten.
Ich finde es interessant, dass er den Mann so abstoßend wahrnimmt, ganz im Gegensatz zu dessen Schwester, die er heiraten will. Dieser Gegensatz verstärkt die Wirkung der Geschichte noch ein Stück mehr.
Markus stürzte - wenn ich mich richtig erinnere -
Den - durch einen Halbgeviertstrich – ersetzen
»kurz bevor er zehn Jahre alt wurde aus einem Schulfenster und starb.
Komma zwischen wurde und aus
Die Polizei stellte fest, dass ein Hund oder ein anderes Tier Teile seines Körpers weggebracht haben musste
Die Polizei hatte also keinen anderen Verdacht? Na gut. Ich lasse es durchgehen.
aber ich kann nicht - wie viele, 40? - Jahre später,
40 Jahre sind zu viel, es sind wohl eher 20 oder 30. Das ist vielleicht als Übertreibung gemeint, mit der der Polizist den Bruder indirekt beleidigt, indem er ihn alt aussehend nennt. Das finde ich nicht notwendig.
Ich würde Sie daher bitten jetzt zu gehen.
Komma zwischen bitten und jetzt
Sie sitzen gegenüber in dem kleinen Café und warten so lange es nötig ist.
Komma zwischen warten und so
Ich verstummte und als ich eine Minute später meine Stimme wiedergefunden hatte, brachte ich nur heraus:
Die Erkenntnis am Schluss wird sehr knapp geschildert, das hat sicher seinen Grund. So wirkt die Panik auch dann noch, wenn man die Geschichte schon zu Ende gelesen hat. Das Ende ist für meinen Geschmack aber zu wenig ausgebaut. Er sagt also eine Minute lang nichts? Es ist zwar diese Minute, die er braucht, um alle Zusammenhänge zu erkennen, aber für mich als Leser wirkt das eher wie eine konstruierte Pause für dramatischen Effekt. Verstehe mich nicht falsch, die Geschichte ist von vorne bis hinten schlüssig. Der Schluss darf auch abrupt sein, aber das heißt nicht, dass dort kein Platz mehr für Gefühle bleibt.

Mich würde außerdem das Motiv der Schwester interessieren. Warum hat sie sich zu so einem grauenhaften Menschen entwickelt? Was geht in ihrem Kopf vor, was treibt ihre Handlungen an? Ihr Bruder sollte diese Fragen zum Teil beantworten können. Das muss aber nicht unbedingt in die Geschichte, sie ist auch ohne diese Einsicht komplett und damit nicht ganz so schaurig. Vielleicht ist das sogar besser so.

Viele Grüße
Michael

 
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05.07.2020
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Hallo @Moog
Hat mir gut gefallen, deine Geschichte. Deine Sprache ist elegant und klar verständlich. Gibt es wenig dran auszusetzen. An der einen oder anderen Stelle vielleicht ein wenig zu distanziert. Andererseits passts auch wieder irgendwie zu der distanzierten Erzählung des Mannes. Um es kurz zu machen, in einem Rutsch gelesen und Spaß damit gehabt. Danke dafür.

Unten noch ein paar Anmerkungen. Vielleicht bringt es dir ja was?
Viele Grüße
Habentus

Für mich galt das zumindest noch eine Stunde lang, danach wollte ich die Familie meiner Verlobten vom Bahnhof abholen, ihre Eltern und ihren Bruder, wollte Zuhause einen schönen Weihnachtsabend verbringen und mich dann mit meiner Verlobten zurückziehen. Ich würde ihre Familie zum ersten Mal kennenlernen und wollte einen guten Eindruck machen.
Bin ein wenig über wollte gestolpert. Vielleicht findest du noch eine andere Formulierung, damit es sich nicht so häuft?
ich traf dort an jedem dieser Tage Markus, einen braun- und kurzhaarigen Jungen mit bravem Gesicht und bravem Gemüt; meinen zu dieser Zeit besten Freund.«
Müsste es nicht heißen: meinem zu dieser Zeit bestem Freund?
Kann aber auch sein, dass ich mich täusche.
Der Fremde stockte, dann sprach er weiter. »Hätte man mich gefragt und hätte ich ehrlich antworten wollen, hätte ich Markus wohl als meine Familie bezeichnet. Es war nicht so, dass ich meine tatsächliche Familie nicht geliebt hätte, aber meine Eltern waren nun einmal Eltern und so teilten sie ihre Liebe zwischen mir und meiner Schwester, was ich Ihnen heute nicht vorwerfen kann und will, hätte ich sie doch andernfalls noch weniger geschätzt.
Wortwiederholung hätte
Und ich würde eher schreiben: ... hätte ich Markus wohl als einen Teil meiner Familie bezeichnet.
Jedenfalls nahmen meine Eltern alle Abneigung und allen Streit zwischen uns Kindern als eine Tollerei der Jugend wahr, die schon noch vorbeigehen würde, wenn man nur lange genug wartete.
Da fehlte vermutlich ein Wort oder?
Es war eine schlimme Zeit für mich gewesen, denn ich war mir meiner Angst bewusst geworden und fühlte sie von nun an in jedem Moment meines Lebens.
Warum war gewesen? Es reicht doch: Es war eine schlimme Zeit für mich, denn ...
Markus stürzte - wenn ich mich richtig erinnere -«, der Fremde runzelte kurz seine Stirn, »kurz bevor er zehn Jahre alt wurde aus einem Schulfenster und starb.
Eine gute Stelle. Trifft in ihrer Beiläufigkeit.
Meine Schwester war dabei gewesen

Ich massierte meine Schläfen und sah den Mann aus wahrscheinlich sehr müden Augen an. »Was soll ich mit dieser alten Geschichte anfangen? Sie sagen selbst, es gab keine Beweise. Sie selbst haben nichts gesehen und sonst auch niemand. Vielleicht ist Ihre Schwester eine gefährliche Irre – so denn Ihr Verdacht überhaupt stimmt –, aber ich kann nicht - wie viele, 40?
Wenn dein Protagonist müde ist, würde ich das anders erwähnen. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich die Art, wie dein Protagonist auf die Erzählung reagiert, so gelungen finde. Zunächst erscheint es mir seltsam, dass er generell während der Erzählung nicht eine einzige Nachfrage stellt oder irgendwie anders unterbricht. Das nimmt dem Ganzen ein wenig die Glaubhaftigkeit, dass sich soeben zwei Personen gegenübersitzen. Dann frage ich mich, ob ein (wahrscheinlich Polizist oder?) auf eine derartige Geschichte so reagiert wie dein Protagonist. Ganz unabhängig davon, ob er auch nur einen Hauch davon glaubt. Aber ein "Was soll ich mit dieser alten Geschichte jetzt anfangen?", erscheint mir unpassend.
Er sah mich ernst an. »Bitte überlegen Sie sich, ob Sie meine Schwester wirklich heiraten wollen. Denken Sie an Ihre Kinder.«
Diese Stelle wiederum empfinde ich als sehr gelungen! Hatte ich ehrlich gesagt so nicht erwartet und ich finde es gut, dass du dich jetzt nicht mit zu ausartenden Erklärungen aufhältst sondern hier direkt zur Sache kommst.
Ich verstummte und als ich eine Minute später meine Stimme wiedergefunden hatte, brachte ich nur heraus: »Wir sollten jetzt losfahren, sie wollte zwei Braten für uns machen.«
Allerdings würde ich diesen letzten Satz streichen. Den braucht es meiner Meinung nach nicht. Es ist klar wo dir Bedrohung liegt. Im Gegenteil erklärt er zu viel und nimmt meiner Meinung nach sogar die Spannung vom Satz davor wieder etwas weg.

Alles nur meine Eindrücke
Viele Grüße
Habentus

 
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28.11.2018
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Hallo @Moog ,

eine stimmige Gruselgeschichte, die besonders im Plottwist überzeugt, ja insgesamt gefällt mir der Plot sehr gut. Auch das Setting und die Sprache stimmen, so wird eine durchaus runde Geschichte daraus. Anfangs dachte ich, dass hier zu viel Exposition geschieht und es lange dauert, bis der Erzähler auf den Punkt kommt, um dann zu lakonisch den Hauptteil abzufertigen, aber der Plot holt das wieder raus, dadurch gehe ich am Ende nicht unbefriedigt raus. Die Einzelteile dieser Geschichte passen auf jeden Fall nahtlos aufeinander, das macht die Geschichte rund und angenehm. Ich gehe ins Detail, ein paar grundlegende Mängel habe ich auch noch, wenn ich mir das erlauben darf:

»Der Weg zu meiner Schule, den ich damals jeden Tag gehen musste, war nicht lang und es war auf den ersten Blick auch so überhaupt gar nichts an ihm, was man als Eltern eines kleinen Jungen hätte erwähnenswert finden können. Und so umarmte ich an jedem normalen Schultag meine Mutter, öffnete die Tür zu unserer Wohnung, lief die zweieinhalb Etagen hinab und trat aus unserem Haus, entweder in einen orangenen lauen Tagesanfang oder eben in eine ewig dauernde eisige Nacht. Ganz egal, was ich sah, wenn ich nach draußen trat, egal ob es Sommer oder Winter war, ich traf dort an jedem dieser Tage Markus, einen braun- und kurzhaarigen Jungen mit bravem Gesicht und bravem Gemüt; meinen zu dieser Zeit besten Freund.«
Hier die Sache mit der zu langen Exposition. Ich frage mich: braucht der Text diesen Absatz? Was genau tut dieser Teil für die Geschichte, wieviel davon brauchst Du wirklich? Ich habe mal die Stellen unterstrichen, die für mich beim Lesen keinen Mehrwert hatten. Wie wichtig ist denn gerade dieser Schulweg für die Begegnung mit der Schwester? Dass er sie jedes Mal trifft und diese Begegnung nicht vermeiden kann, das ist wichtig, aber der Weg an sich? Ich habe mir diesen Schulweg kaum bis gar nicht vorgestellt und die Geschichte hat auch ohne wunderbar funktioniert. Diese Redebegeisterung des Mannes steht in der Exposition so stark im Kontrast mit dem Hauptteil, in dem mir in wenigen kurzen Sätzen erklärt wird, dass der Hund verschwand, dass er vermutlich gekocht wurde, dass auch Markus verschwand. Vielleicht hätte ich gerade über diese Dinge gern mehr erfahren.
Und damit zusammenhängend finde ich auch den Titel unpassend, denn dieser Schulweg an sich ist ohne Bedeutung für die Geschichte. Jedenfalls habe ich sie so gelesen.
Ich würde ihre Familie zum ersten Mal kennenlernen und wollte einen guten Eindruck machen. Sie hatte meine beiden Kinder so liebevoll aufgenommen, dass ich das Gefühl hatte, ihr etwas zurückgeben zu müssen.
Da habe ich ein wenig gestutzt: Das ist aber großzügig von ihm, dass er die Eltern seiner Verlobten kennenlernen möchte :hmm: Er ist ja in echter Geberlaune, mein lieber Mann. Und hat der echt ihre Eltern noch nicht kennengelernt, obwohl sie schon verlobt sind? Mir kam das sehr fragwürdig vor.
Und wenn sie sich schon so lange kennen, dass sie verlobt sind, warum hat sie nicht früher schon die Kinder gebacken, warum wartet sie gerade auf diesen Tag? Fällt doch dann auf, oder?
dass mein Problem mit meiner Schwester tiefer ging, als das.
Komma weg
und ihre Nähe, die jeden Respekt vor unserer physischen Existenz auf der Erde vermissen ließ.
Inwiefern lässt ihre Nähe den Respekt vor physischer Existenz vermissen? Das klingt sehr unkonkret und nicht durchdacht, ich konnte mir darunter jedenfalls nichts vorstellen
Eines Tages verschwand der Hund plötzlich. Es war derselbe Tag[,] an dem meine Schwester das erste Mal kochte;
Sie sitzen gegenüber in dem kleinen Café und warten so lange es nötig ist.«
warten[,] solange es nötig ist.
Die Polizei stellte fest, dass ein Hund oder ein anderes Tier Teile seines Körpers weggebracht haben musste,
Das "weggebracht" finde ich so unpassend für diese Handlung, es wirkt ja beinahe euphemistisch.
Und hieran wird auch wieder die Lakonik des Hauptteils deutlich: Hier wird wie nebensächlich in ein paar Sätzen das Hauptereignis des Textes abgehandelt. Das hat seinen Charme, aber ein wenig unbefriedigt hat es mich schon zurückgelassen. Wäre nicht der Plot so gut durchdacht, hätte ich die Geschichte aufgrund dessen wohl eher belächelt. Aber das habe ich nicht, wie gesagt, war schön zu lesen, sehr stimmig das Ganze.

Die Geschichte hat so für mich funktioniert, wie sie da steht. Das Verhältnis zu seiner Verlobten hat mich anfangs sehr nachdenklich gemacht und später auch die Fülle an unwichtigen Details (in meinen Augen), die im Hauptteil besser aufgehoben gewesen wären. Aber das klingt alles nach viel Kritik, am Ende sind es nur kleine Punkte, die viel Erklärung bedürfen. War eine tolle Geschichte und ich habe sie gerne gelesen

MfG

 
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22.11.2021
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Hallo @Michael Weikerstorfer,

vielen Dank für das Lesen und deine sehr hilfreichen Kommentare! Ich werde sie alle bei der Überarbeitung einfließen lassen. Über den Titel muss ich wohl noch einmal nachdenken, vielleicht fällt mir noch etwas besseres ein :) Das Ende werde ich mir auch noch einmal vornehmen. Allein die Gedanken und Motive der Schwester/Verlobten werden weiterhin im Dunkeln bleiben; ob sie tatsächlich gern Menschen isst oder ob ihr Bruder und ihre Eltern sie einfach nur so gar nicht leiden können, soll offen bleiben.

Übrigens hatte ich mir vorgestellt, dass die beiden Männer gerade so um die fünfzig Jahre alt sind, weshalb das mit den 40 Jahren im Text passen würde. Aber da das nicht deutlich wird, muss ich da noch einmal ran :)


Hallo @Habentus,

vielen Dank für deine Nachricht und die Anmerkungen, die mir auf jeden Fall viel bringen! Ich werde sie bei der Überarbeitung mit einfließen lassen!

Was deine Fragen angeht: Es sollte sich hier bei dem Protagonisten um einen Polizisten handeln, der kurz vor dem Feierabend steht und noch einen etwas renitent-wirkenden „Kunden“ abfertigen muss. Weil er keine Lust auf Wortgefechte hat, lässt er den Mann reden, um ihn dann pünktlich zum Feierabend rauszuwerfen. Die Antwort „Und was sollen wir jetzt machen?“ ist durchaus üblich im Verwaltungsapparat, zu dem auch die Polizei gehört. Diesen Satz habe ich sogar schon einmal genau so bei einer Anzeige gehört. In meiner Vorstellung sollten hier mehrere Dinge zusammenkommen: aus den Dienstjahren folgende Abstumpfung gegenüber Straftaten, insbesondere aber gegenüber Berichten über (vermeintliche) Straftaten, Abneigung und Unglauben gegenüber der Person des erzählenden Mannes, Unwilligkeit sich mit dem Thema zu Weihnachten zu beschäftigen und alles in der Summe sollte dann die Reaktion des Polizisten tragen. Aber wenn ich das erklären muss, hab ich es nicht gut genug im Text erklärt. :)


Hallo @Putrid Palace,

vielen Dank für deine Arbeit mit meinem Text! Ich werde deine Kritik auf jeden Fall in die Überarbeitung mit einfließen lassen!

Der Mann, der erst so viel und dann so wenig redet, hatte (nach meiner Vorstellung) sich Folgendes überlegt: Wenn ich gleich erzähle, dass es um seine Verlobte geht, wird der Polizist emotional dicht machen und mich schnell unterbrechen, sobald klar wird, dass ich ihr schlecht gesonnen bin. Überhaupt wird der Polizist, wenn ich gleich die Höhe der Straftat klarstelle, nicht mehr zuhören, wenn ich von der zuvor nur gefühlten Bedrohung erzähle. Daher muss ich zu Anfang eine Geschichte erzählen, damit der Polizist, ob er will oder nicht, sich eine Vorstellung von meiner Schwester macht, die ich dann mit den grausigen Taten und schließlich mit seiner Verlobten verbinden kann. Wenn er merkt, um wen es geht, ist es zu spät. Er sieht in seiner Vorstellung seine Verlobte diese Dinge tun.

Deine Anmerkung zur Verlobung hat mich zum Lachen gebracht! :D Da hast du ganz recht. Das muss ich unbedingt anders formulieren! Er gibt ihr nicht wirklich etwas zurück :D Das kommt in die Überarbeitung. Dahinter steht, dass zwischen Familie und Schwester Distanz herrscht; die Familie hat Angst. Erst jetzt hat die Familie von der Verlobung erfahren und möchte daher zum Weihnachtsfest erscheinen (um den Polizisten zu warnen).
Ob die Verlobte tatsächlich Kinder isst, bleibt letzten Endes offen. In meiner Vorstellung fahren Polizist und Familie zum Haus und finden dort die Verlobte und die Kinder alle lebendig vor. Aber was bedeutet das für die restliche Beziehung? Vernünftigerweise wird sich der Polizist wohl trennen müssen, selbst wenn er wohl nie erfahren wird, was an diesen Vorwürfen dran ist… Und sollte sie doch Kinder essen, dann tut sie das mit einem Hang zum Drama. Vielleicht hätte sie viel Spaß daran, wieder einmal ihren Bruder da mit rein zu ziehen.

Zur Frage der Nähe und dem Respekt. Manchmal agieren gewaltvolle Menschen so, als wäre man gar nicht auf der Welt. Sie gehen durch einen durch, greifen sehr nah an einem Gesicht vorbei, stehen sehr nah an einem, fassen einen an – so etwas wollte ich beschreiben. Habe ich aber leider nicht geschafft. Das wird überarbeitet!

Habt vielen Dank für die vielen hilfreichen Tipps. Zur Überarbeitung werde ich wohl erst nächste Woche kommen, aber sie wird stattfinden.

Einen schönen Abend euch allen!

M.

 
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Hi @Moog

Eine schön formulierte Geschichte, die für mich keine Horror-sondern eine Hexen-Geschichte ist. Ich fühle mich von deiner Art zu schreiben in alte Zeiten versetzt, gleichfalls vom Aufbau, wie auch von deiner Sprache. Und das passt, es ist stimmig... es ist dem Inhalt angemessen.
Den Titel würde ich auch ändern... er wurde schon von jemandem Angesprochen... leider habe ich keine kreative Phase und wüsste keinen zu empfehlen.

Es ist schön zu sehen wie Du alles in Ruhe aufbaust und so baut sich die Spannung auch langsam auf... lange fragt man sich (habe ich mich gefragt), wie der Polizist und der Erzähler, ja, wie die beiden Geschichten zusammen kommen können. Die Auflösung kam am Schluss plötzlich und für mich überraschend, eine unerwartete Wende, die einem dazu verleitet das von dem Mann erzählte noch einmal zu wiederholen. War es nur eine Kinder Fantasie...? Gibt es wirklich einen Grund die Schwester als eine Hexe, als eine gefährliche Person, mit einer großen Schattenseite zu sehen... oder war das alles nur eine Kopfgeburt des Bruders, aus Zusammenhängen erdacht?
Die Person des Polizisten ist gut gewählt... und am Schluss fühlt (fühlte ich mich) man sich als der Polizist der ratlos nach einer Antwort verlangt. Wer ist meine Partnerin mit der ich seit einiger Zeit zusammen Leben, steht als Frage im Raum. Und das zu Weihnachten, ja zu der Zeit in der sich Familien zusammen finden, obwohl sie das ganze Jahr nichts mit einander zu tun hatten.

Es ist gut geschriebene Geschichte für Jugendliche vielleicht, aber natürlich auch für jeder Mann oder Frau.

Soweit meine ersten Eindrücke. Ich will mal sehen ob ich noch genauer hinschauen kann, ja noch bessere Kritik im Detail abliefern kann...

Seine Geschichte widerte mich an. Gewalt gegen Kinder, durch Kinder und das alles an Weihnachten, hämmerte es in meinem Kopf. Seine Worte, die er mit soviel Teilnahmslosigkeit, mit soviel Abstand ausgesprochen hatte, erschienen mir unwirklich, konstruiert und falsch. Wozu hatte dieser Mann mich aufsuchen müssen? Wenn ich meiner Tochter und meinem Sohn, meiner Verlobten und ihrer Familie nicht den Abend versauen wollte, würde ich auf dem Weg zum Hauptbahnhof irgendeine Weihnachtslieder-Playlist hoch und runter hören müssen.

Ich würde eher sagen (Bauchgefühl und da nur mein eigenes, denn ein anderes habe ich nicht) "Warum hat mich dieser Mann jetzt noch vor meinem Feierabend aufsuchen müssen?" oder "Wozu hat mich dieser Mann aufgesucht?" ohne dem müssen... das scheint mir stimmiger... ganz persönliche Meinung...

Und das was danach kommt ist dann stark. Super! Schönes Ende.
Ich wünsche Dir viel Spaß im Forum, danke für deine Weihnachtsgeschichte

Mit Grüßen aus dem Netz

G.

 
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Vielen Dank @G. Husch,

ich werde das in die Überarbeitung mit einfließen lassen! Und ja, den Titel werde ich auf jeden Fall ändern! :)

Liebe Grüße
M.

 

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