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Dickhäuter
Sandra spürte kühlen Sand zwischen ihren Zehen. Möwen hockten auf den Pfählen der Palisade und der Wind zerzauste ihre Federn. Meer und Firmament bestanden aus demselben nassen Grau. Die Linie des Horizonts löste sich darin auf.
Emil setzte sich und fuhr mit den Händen durch den Sand. Du kannst die blöde Muschel selber suchen, sagte er. Ich hab keine Lust.
Ihr Nachbar hatte ihnen von Muscheln erzählt, die sangen. Haltet sie ans Ohr, hatte er gesagt. Dann hört ihr sie. Aber passt auf, dass sie euch nicht beißt! Sein Lachen klang nach Wellen und Nordsturm. Älter als Hannes’ Lachen. Mächtiger. Aber Hannes lachte sowieso nur noch selten.
Sandra nahm ein Schäufelchen aus dem Jutesack und gab es Emil. Willst du Sandburgen bauen?, fragte sie. Ihr Bruder nahm das Plastikwerkzeug entgegen, ohne den Blick zu heben.
Ja, sagte er trotzig. Ich bau ihr eine Burg!
Sandra hob die Hand, ließ sie wieder sinken. Ich geh ein Stück am Strand entlang, sagte sie. Bleib bitte hier und warte auf mich.
Sie ging zum Ufer und beobachtete den Schaum der Wellen. Bläschen zerplatzten. Das Wasser floss vor und zurück. Draußen auf dem Meer war kein Schiff zu sehen. Das schwache Licht der Sonne lief über die Wellen. Es roch nach Salz und Tang und etwas Schwerem, das sie ins Wasser zog.
Sie wandte sich ab und lief ein Stück den Strand entlang, begann mit ihrem Schäufelchen zu graben. Der Sand wurde schwerer, je tiefer sie grub. Schließlich blubberte Wasser am Grund der Grube. Nach kurzer Zeit hatte sie ihren eigenen kleinen See. Die Kälte des Wassers stach in ihre Finger. Es war so kalt wie Hannes’ Berührung.
Am nächsten Tag ging Sandra allein ans Meer. Der Wind hatte nachgelassen und die Möwen kreisten weit draußen über einem Fischkutter. Sie hatte von der Muschel geträumt. Auch jetzt war die Wärme noch da. Abgesehen vom Rauschen der Brandung war es still. Wenn sie genau hinhörte, strich eine Melodie durch die Dünen.
Sandra folgte der Melodie, das Schäufelchen ausgestreckt. Weiße Krebse wuselten vor ihr davon, buddelten sich ein. Ihr Fuß blieb in einem halbversunkenen Netz hängen. Sie erreichte die Stelle, an der sie ihren See gegraben hatte. Die Grube war nun größer als am Tag zuvor. Über einen Kanal war sie mit dem Meer verbunden. Salzwasser spülte Seegras und Muschelbruchstücke hinein. In der Mitte der Lache lag ein Wal.
Seine Haut war dunkel. Nässe glänzte ölig darauf. Der Kopf war zerfurcht von tiefen Narben. Die Flossen lagen neben ihm ausgebreitet. Seine Finne war geknickt und hing herunter. Je näher Sandra kam, desto weiter öffnete sich das Auge des Wals. Es war blau wie die Tiefe des Meeres. In seinem Zentrum leuchtete ein Teppich feiner Adern.
Der Wal prustete durch sein Atemloch und Wassertröpfchen sprühten Sandra ins Gesicht. Sie spürte die Kälte des Wassers, als sie in die knietiefe Lache trat. Unbeweglich lag das Tier, bis Sandra so nah war, dass sie ihre Hand an seinen Körper legen konnte. Er war ganz weich und sie fühlte nach dem Herzschlag. Sobald sie ihn berührte, wurde die Melodie stärker. Sandra schluckte trocken.
Eine zähe Flüssigkeit troff aus dem Auge des Wals. Sandra wischte sie mit einem Büschel Seegras weg. Danach fuhr sie mit den Spitzen ihrer Finger die Falten um das Auge entlang. Der Wal begann zu singen.
Von einem Rütteln an ihrer Schulter wurde sie geweckt. Hannes stand an ihrem Bett. Sein Gesicht lag im Halbdunkel. Was ist passiert?, fragte er. Seine Stimme klang gepresst. Emil ist verschwunden!
Das Bett ihres Bruders war leer. Vor dem Fenster leuchteten die letzten Sterne in der Morgendämmerung.
Hast du dich wieder mit ihm gestritten?, fragte Hannes.
Sandra schüttelte den Kopf.
Zieh dich an, sagte er, wir müssen ihn suchen. Schon hatte er das Zimmer verlassen. Sie rutschte von der Bettkante, zog Daunenjacke und Regenhosen über den Pyjama, stapfte nach unten in die Küche und schlüpfte in ihre Gummistiefel. Ihr Vater wartete draußen auf dem Treppenabsatz. Leichter Nieselregen fiel.
Ich war im Dorf, sagte Hannes. Die Felder hab ich abgesucht. Niemand hat ihn gesehen. In seinen schwieligen Fingern hielt er eine Taschenlampe.
Wart ihr am Strand?, fragte er.
Sandra ging ihm hinterher. Der Gesang des Wals steckte ihr noch in den Ohren. Emils Schäufelchen lag im Sand und zwei Möwen zankten darum, pickten mit ihren Schnäbeln nach dem roten Plastik. Sie stoben auf, als Sandra und Hannes näher kamen. Sie hob das Schäufelchen auf und schüttelte den nassen Sand ab. Das ist seins, sagte sie.
Wir müssen weiter! Vielleicht ist er im Wasser!
Sandra blieb einen Moment unschlüssig stehen. Dann hastete sie ihm nach. Hinter der nächsten Düne sah Hannes den Wal. Er lag in seiner Lache und ruderte schwach mit den Flossen. Herrgott!, sagte Hannes, als er die Düne hinunterstapfte. Was für ein Tier!
Hannes schaltete die Taschenlampe aus und gab sie Sandra. Seine Stiefel schmatzten im Wasser. Schließlich stand er neben dem Wal. Das Auge blieb geschlossen. Sobald ihr Vater das Tier berührte, verstummte der Gesang.
Wir sollten nicht so nah ran. Vielleicht ist er gefährlich.
Ach was, sagte Hannes und strich mit der Hand dem Wal entlang, ging weiter bis zur Schwanzflosse, die träge durch das seichte Wasser glitt. Er ist schwach. Er stirbt.
Aber wo ist Emil?, fragte sie.
Ich weiß, wo er ist, sagte Hannes.
Mitten in der Nacht wachte Sandra aus einem traumlosen Schlaf. Kein Geräusch hatte sie aufgeweckt, ein Gefühl. Sie stieg aus dem Bett, kleidete sich an und tapste die Stufen hinunter. Im Wohnzimmer lag Hannes’ Decke auf dem Sofa, aber er selbst war nicht da. Sie lauschte in das Haus. Nichts.
Sandra öffnete die Haustür. Ging im silbernen Licht hinunter zum Strand. An der Palisade blieb sie kurz stehen, als markierte sie eine Grenze, nach deren Überschreiten es kein Zurück mehr gab. Sie atmete tief ein und schmeckte den Geruch des Meeres auf der Zunge.
Der Wal sang nicht. Selbst das Rauschen der Wellen schien gedämpft und weit entfernt. Kurz vor dem höchsten Punkt der Düne ging sie in die Knie und kroch das letzte Stück. Sand geriet unter ihre Kleider, aber das spürte sie nicht. Aus der Grube drang ein dumpfes Geräusch.
Hannes stand in der Grube. Der Mond spiegelte sich in der Lache und verschwamm mit jedem Axtschlag. Ihr Vater schlug die Seite des Wals auf. Von den Brustflossen bis zum Schwanz. Schwärzliches Blut tropfte vom Kopf seiner Axt. Der Wal versuchte erfolglos, sich wegzubewegen.
Schließlich warf Hannes die Axt in den Sand, strich sich durchs Haar und riss die Wunde mit seinen behandschuhten Händen auf. Sandras Magen zog sich zusammen. Ihr Vater arbeitete sich durch den Wal. Fleischstücke platschten in die Lache.
Hannes krempelte die blutigen Hemdsärmel hoch. Er drehte sich noch einmal um. Blickte zur Kuppe der Düne, als würde er ahnen, dass seine Tochter sich dort vor ihm versteckte. Dann stieg er in das Fleisch des Wals. Er rollte sich darin ein, die Arme um die Knie geschlungen, und versank. Das Letzte, was sie sah, war der klaffende Schlitz in der Seite des Wals, der sich im Mondlicht langsam schloss.
Am nächsten Morgen ging Sandra erneut zum Strand. Der Gesang war zurückgekehrt. Sie fand die Grube und die blutige Axt im Sand, aber der Wal war verschwunden. An seiner Stelle lag etwas Kleineres im Wasser. Sandra steckte es in ihren Jutesack. Auf dem Rückweg kreisten Möwen über ihr.
Der Nachbar saß auf einem Stuhl in seinem Garten und ließ sich die ersten Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen. Na, schon wach?, fragte er und winkte.
Sandra stieß das Holztor auf und ging zu ihm, legte den Jutesack auf das Tischchen neben seine Kaffeetasse. Der Nachbar blickte hinein und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Ah, du hast sie gefunden, sagte er und lächelte. Meine Ohren sind nicht mehr die besten, aber ich hab dich schon von weitem gehört.