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Die Örnopie
- von der Kooperative -
PROLOG
Kelle, ein alter Freund der Familie, hatte mich gestern völlig aufgeregt angerufen. In seiner Küche stehe – so behauptete er – eine bahnbrechende Erfindung.
„Örnie, das kann ich dir nicht erklären. Das musst du sehen."
Und so stehen wir nun hier: meine Nichte und ich. Wilhelmsburg, Hamburg.
„Wie lange warst du nicht mehr hier, Nichte?", frage ich.
Sie zuckt mit den Schultern. „Seit der Scheidung gar nicht. Ist er immer noch nicht drüber hinweg?"
„Spreche ihn bloß nicht auf Tönnies, Fußball oder generell Sport an", warne ich sie. „Nachdem er die Scheidung weinend mit einem DAB in der Hand vollzogen hat, kann er nicht zurück. Ein Schalker, der in der gelben Wand ein Dortmunder Aktiengeplör trinkt, kann nicht mehr Fan sein – sagt er."
Wir klopfen an.
„Wer da?", fragt eine vertraute Stimme.
„Guten Abend! Könnte ich hier eine Weile unterkommen? Das Wetter draußen ist unerbittlich."
„Ha, Glück Auf, der Örnie", lacht Kelle und reißt die Tür auf, „Setzt euch nur, Herr. So ein Wetter kennt man hier – der Wind kommt vom Meer, und er meint es nicht gut mit uns."
Meine Nichte geht kopfschüttelnd an uns vorbei: „Der Schimmelreiter, ihr seid so peinlich, ey."
„Hallo Mademoiselle Bemlaida, klar, lass die Schuhe ruhig an."
„Einfach Nichte, bitte Kelle. Du weißt, ich hasse diesen Namen."
„Gut okay, aber frisch bitte meine Erinnerung auf – was hat der noch mal für eine Bedeutung?"
„Die mystische Heilerin und Wächterin des verborgenen Wissens. Und jetzt bitte Themawechsel. Was bitte ist hier los?"
Kelle nimmt Haltung an und spricht stolz: „Ich habe euch auf die Insel gebeten, um euch meine neueste Erfindung zu präsentieren. Folgt mir in die Brauerei."
Bemlaida steht vor stapelweise Hopfen- und Gerstesäcken, kratzt sich irritiert am Kopf, dreht sich im Kreis und mustert die Wohnung.„Kelle, man kann dein Badezimmer nicht betreten."
„Das ist kein Badezimmer – das ist die Gär- und Lagerküche", erklärt er.
Tatsächlich steht im Bad ein raumfüllender Gärtank.„Du musst hier auf dem Klo sitzend duschen und Zähne putzen", schallt es von meiner Nichte aus dem Bad.
Kelle lässt sich nicht beirren und schickt mich in die Küche.
Mit weit geöffneten Armen steht er da: „Herzlich willkommen im Sudhaus, Örnie."
„Geht es dir gut?", frage ich ehrlich besorgt.
„Besser denn je. Fußball, Politik, Kriege – alles scheißegal. Ich braue hier mein eigenes Bier – mit diesem Ding."
Er zeigt auf einen Gulaschkessel: „Damit produziere ich jede Woche dreißig Liter. Ich habe vier Thermomixer TM 21 zusammengeschaltet, das Rührwerk in den Pott eingebaut und das Programm gehackt – vollautomatisch wird hier Bier gebraut. Reproduzierbar – und vor allem: Es knallt ordentlich."
„Okay, find' ich geil", sage ich.
„Kommt mit in den Schankraum – das erste Fass ist schon angestochen."
Kelles Schankraum ist sein Wohnzimmer. Ein echtes Highlight: Rustikale Eichenbänke über Eck an einem edlen Kirschbaum-Teaktisch. Ein tiefhängender Kronleuchter aus angelaufenem Rotkupfer beleuchtet einen Billardtisch, der den Rest des Raumes dominiert. Dort, wo einst auf einem Schrein der UEFA-Pokal von 1997 stand, hängt nur noch ein verwaschenes Bild von Kelle, Arm in Arm mit Rudi Assauer.
Er schenkt uns ein, prostet Rudi zu: „Wenn du gesund geblieben wärst – du hättest niemals zugelassen, dass Schalke von so einem je regiert wird."
„Es ist doch Jahre her, mein Freund." Ich hebe mein Glas und proste ebenfalls in Rudis Richtung.
„Pah, der Tönnies wollte mehr Kohlekraftwerke bauen, damit die im Dunkeln nicht mehr so viele Kinder zeugen. Nein, Örnie – Schalke und ich sind geschiedene Leute. Nur Rudi ist mir geblieben. Und jetzt trinkt meinen Götterpunsch – eines Tages wird er unser Leben verändern."Wir trinken. Und ja – das Bier schmeckt einfach gut. Kein Ale-Punsch, sondern ein sauberes Pils: süffig, mit leichtem Hopfen im Abgang.
Kelle erkennt sofort, dass es uns gefällt.
„Ah, was hab' ich gesagt: Mit meinem Beer-Predator 5000 ist so einiges möglich. Wollt ihr Aal oder Zander dazu? Ich räuchere gerade so allerhand im Garten."Er wartet unsere Antwort gar nicht ab, zieht Handschuhe und Lederschürze an und verschwindet nach draußen.
„Örnie, Beirut ist gerade in die Luft geflogen. Da waren wohl Feuerwerkskörper im Hafen gelagert – Kettenreaktion."
„Was? Zeig mal, Nichte."
Sie startet ein Video und reicht mir ihr Smartphone.
„Was ist das für ein Pilz? Ach, du Scheiße – Beirut ist komplett zerstört!"
Drei Tage mit Örnie
Teil 1
Der Ofen - Tag 1
Es ist Ende März. Die Terrasse ist wieder eröffnet.
Die Professoren von nebenan genießen das Tageslicht, und die Nachbarschaft darf wieder teilhaben – an Holsten Edel, Zigaretten und ausschließlich dem HSV.
„Der Dorsch ist der atlantische Kabeljau, wenn ich's dir doch sage", höre ich jemanden wichtig erklären.
„Verarsch mich nicht – ich hab Kabeljau gegessen, und Dorsch gibt's gefühlt jeden Dienstag. Das schmeckt anders, sieht anders aus – ist'n anderer Fisch", entgegnet sein Gegenüber.
„Genau – und außerdem ist da Panade am Kabeljau. Den frittierst du. Das würd' ich mit 'nem Dorsch nie machen", mischt sich der Tisch von nebenan ein.
„Nein, nein! Was seid ihr denn für Trinkwassermatrosen alle zusammen", platzt Vogel Nummer Eins dazwischen. „Das ist ein und derselbe Fisch – genau wie Deutschland im Ausland ja auch nicht Deutschland heißt. Da heißen wir Germanie oder El Alleman."
Ich lehne mich zurück. Diese Unterhaltung ist Gold. Ich sitze wunderbar unter meinem Sonnenschirm, trinke Kaffee – vom Ofen trennt mich nur eine 1,50 Meter hohe, dichte Hecke.
„Los, komm, wir trinken noch einen", sagt eine neue Stimme.
„Wie alt bist du geworden, fremder Mann?" – Ah ja, Oppa ist auch wieder da.
„So, bitte die Herren. Zwei edle Biere, wohlgefällts", das ist Ralf – die Stimme erkenne ich sofort.
„Weißt du, Ralf – du bist mir im Leben der zweitliebste Wirt", verkündet Oppa euphorisch.
„So, so – der zweitliebste also?", entrüstet sich Ralf.
„Der erste ist im Zuchthaus gestorben."
Alle lachen.
Ich verstehe diesen Witz bis heute nicht. Oppa bringt ihn jedes Mal – zugegeben, er schafft es, so zu tun, als hätte er ihn gerade erst erfunden, aber das Humorlevel erschließt sich mir einfach nicht.
Gedanklich bin ich eigentlich bei den Nachrichten.
Worauf werden die USA als Nächstes ihr Augenmerk legen, wenn sie sich aus Europa zurückgezogen haben? Präsident Plumps Behauptung, sie würden sich ab sofort mehr auf sich selbst konzentrieren, ist Quatsch.
Die USA haben Waffen – viele Waffen – und die werden benutzt. So war es immer. Und Plump ist nicht derjenige, der diesen Militärapparat stillliegen lässt.
Syrischer Luftraum vielleicht. Taiwan. Oder das Nordpolarmeer.
Deutschland hingegen schaut nach Jerusalem und verurteilt die Siedlungspolitik im Westjordanland öffentlich. Politische Kritik an Israel ist selten, ergibt aber Sinn: Europa will sich auf sich selbst und auf die Ukraine konzentrieren – mit dem Nahen Osten nichts zu tun haben.
Vielleicht stell' ich die Frage später im Ofen.
„Der Plump bringt uns den Frieden! Der macht auf Kumpel mit Putin und fickt die Ukraine!", ruft ein Typ am Tresen – drei schwarze Stumpen ragen nach vorne aus seinem Mund, sein verwaschenes Cap trägt er verkehrt herum.
Er nippt an seinem Bacardi Cola. „Der übernimmt die ganzen Kernkraftwerke..." – noch ein Schluck – „... besetzt die Ukraine, steckt sich alle Bodenschätze in die Taschen und gibt sie nach und nach dem Russen. Damit der Putin dem Chinesen auf den Sack geht."
Ein anderer Gast, eben erst hereingekommen, lehnt sich schwer an den Tresen. „Ich hab Geburtstag!", verkündet er viel zu laut, stellt sein Bier ab. „Darum sag' ich da jetzt auch mal was! Wir sind genau eine Wahl hinter Plump – und diese Wahl kommt bald. Die pumpen tausend Milliarden in irgendwelche..." Pause. „Ich nehm' noch 'n Helbing."
Ralf schenkt wortlos nach.
„... Kriegs-Scheiße! Bald zahlen wir mit unseren Zigaretten."
„Darauf Prost", sagt der Geburtstagsidiot, kippt den Helbing und verschwindet nach draußen.
Draußen setzt sich das Gespräch ohne roten Faden fort.
Ich jedenfalls habe meine Antwort bekommen und biete mein Auf Wiedersehen an – ich will mich noch ein wenig frisch machen.
Ich verlasse den Ofen und gehe nach Hause. Keine halbe Stunde später stehe ich in dieser anderen Welt: stickige Luft, Geschrei, die Glotze läuft – Pauli gegen Bayern im Dschungel.
Pauli gegen Bayern im Dschungel
„Alter! Das heißt St. Pauli!", schreit Malena gegen die Menge und die Glotze an.
„Oh, fick dich einfach, Malena! Echt jetzt – warum müssen alle Fußballfans in Hamburg so nervig sein?", schreie ich zurück.
Malena ist schwer in Ordnung, auch wenn sie ihre Ecken und Kanten hat – aber wer hat die nicht.
„Die sollen mich in Ruhe lassen mit ihren First World Problems. Klar gehört das Wort verboten, aber wie oft redet man im Jahr über Schaumküsse? Zweimal vielleicht? Jetzt reden ständig alle drüber. Weiß ja nicht, ob das besser funktioniert."
Hans-Christian erhebt sein Glas.
„So! Bevor wir hier rausfliegen oder so einen Nonsens – Prost! Forza St. Pauli!"
Die zwei sind ein Paar – oder auch nicht. Beide leben in polygamen Beziehungen, nur trennen sie sich deswegen auch ständig.
Da ich mit beiden befreundet bin und sie auch miteinander abhängen, wenn sie gerade getrennt leben, habe ich mir abgewöhnt, nach dem Beziehungsstatus zu fragen.
Malena hat gerade eine Umschulung zur Kauffrau abgeschlossen – daher kennen wir uns. Prüfung: glatte Eins.
Aber über fünfzig... keine Chance auf einen Job. In der Branche weiß jeder, wie schlecht die Schulen in der Erwachsenenbildung arbeiten.
Über sechzig Bewerbungen in zwei Monaten – und nichts. Null. Jetzt läuft auch noch das Arbeitslosengeld aus.
„Was machst du denn jetzt? Jobben? Gastro?", frage ich.
Etwas verlegen: „... ähm, tatsächlich direkt die nächste Ausbildung. Ich werde Schaffner."
„Ha! Wie geil ist das denn? Zugbegleiterin?"
„Ja. Zwei Monate durchpowern – fertig! Montag geht's los. Und das Beste: Ich werde übernommen!" Sie lächelt stolz.
„Wie wenn aus Kacke Gold wird", sage ich und hebe das Glas.
Das Spiel rückt mehr und mehr in den Hintergrund, zu sehr sind wir im Bierseeligen.
„Der Goldpreis steigt und steigt", sagt Hans-Christian.
„Ja, scheiße!", stimme ich nickend zu. „Vor einem Jahr hab' ich meine Unze mit Gewinn verkauft. Ging alles für die Ausbildung drauf. Heute hätte ich noch mal tausend Euro mehr dafür bekommen."
„Nichts hättest du mehr bekommen!", entgegnet Malena. „Gold hat immer die gleiche Kaufkraft. Die Dinge, die du dir mit deiner Unze geleistet hast, kosten heute tausend Euro mehr."
„Das war schon Quatsch vor der Wahl – und ist jetzt noch Quätscher!", prostet Hans-Christian.
„Genosse Arschloch!", prosten wir zurück.
„Was soll das hier? Was 'Genosse Arschloch'? Sitzt hier falsch, oder was?", tönt es vom Nebentisch.
„Hör mal zu, Karen!", zischt Malena zurück. „Das ist der Wehner! Der hat mehr im Kampf gegen die Nazis geopfert, als du in deinem ganzen Leben gegen die AfD irgendwo posten und liken könntest!"
Karen verstummt – Malena ist sehr zufrieden.
Das Spiel hält leider keine Überraschung parat.
Das 3:2 am Ende sieht spannend aus, war es aber nicht.
Andrea Berg im Ofen
Auf dem Heimweg schaue ich noch im Ofen vorbei.
Als ich die Tür aufreiße, schlägt mir der Sound von Andrea Berg entgegen – genau wie Ralf.
Sein Oberteil zeugt von einem harten Abend: vom Hals bis zum Dekolleté nass.
Er fällt mir um den Hals. „Du musst mit mir tanzen! Niemand tanzt hier mit mir", schreit er mir ins Ohr.
„Ich, äh ... was?"
Nun gut – tanz' ich also mit ihm. Stepp links, Stepp rechts, Ralf drehen lassen, nochmal drehen, kurzer Stepp, zu mir eindrehen, einen Kreis tanzen und Drehung.
„Ralf, ich wollte eigentlich ein Bier!", schreie ich gegen die Musik an und lasse ihn sich noch einmal drehen.
Er stoppt und bleibt schwankend stehen. „Wow, du kannst das ja richtig – aber mir ist schwindelig. Großes?", haucht er, und ein beißend süßlicher Geruch von Erbrochenem schlägt mir entgegen.
„Ja, bitte", wünsche ich mir und trete einen Schritt zurück.
„Den Höcke kann ich ja auch nicht leiden, aber die Weidel find' ich klasse – die hätte hier einen Tag nach der Wahl direkt aufgeräumt", sagt er, hinter dem Tresen angekommen, wie ausgewechselt.
Ist wohl einer dieser Abende, an denen man sich schämt, hier ein und auszugehen.
Nur – was soll man machen? Familie und Nachbarschaft kann man sich nicht aussuchen.
„Ich komme aus Thüringen", sagt ein Gast. „Ist ja klasse, dass ich hier so offen reden kann. Man traut sich ja nicht mehr, seine Meinung irgendwo öffentlich zu äußern."
„Doch, doch...", fährt Ralf fort, „und wir werden immer mehr – und nicht nur Deutsche. Mehr und mehr Ausländer finden selbst, dass es zu viele von ihnen gibt. Jeder Vierte will uns wählen!"
„Bitte schön." Er grinst und stellt mir mein Bier hin.
„Nein danke", sage ich. „Ist mir heute eine Spur zu '33 hier."
Und schon bin ich wieder weg – der Wecker klingelt eh früh.
Im Klinikum – Tag 2
„Hey Ocho, Mäusezahn." Was freu' ich mich, nach Hause zu kommen. Der Hund blickt kurz hoch, gähnt, wedelt einmal links und rechts mit dem Schwanz – er freut sich auch. Kurz leg' ich mich zu ihm auf den Boden. War kein harter Tag heute, aber ich bin seit fünf Uhr früh auf den Beinen.
Nach zehn Minuten Nappen muss ich los. Ocho schaut – wie jedes Mal, wenn ich gehe – vorwurfsvoll aus dem Fenster. Sorry, mein Hund. Ich kann dich nicht mit ins Krankenhaus nehmen.
„Moinsen, ich bin der Termin zur Thrombo-Spende um 14:30 Uhr", erkläre ich mich.
„Bitte ausfüllen und direkt in Raum eins oder drei durch", sagt sie.
Ich habe wenig Lust auf die nächsten neunzig Minuten, aber irgendwie fühlt man sich gut nach der Spende. Schon ein wenig heldenhaft.
Das Antigerinnungsmittel, damit mein Blut nicht in der Maschine stockt, lässt meine Zunge, meine Lippen und die Fingerspitzen eigenartig kribbeln. Als stünde das High kurz bevor – nur, da kommt keins.
„Das ist doch Blödsinn!", sagt ein Typ neben mir.
„Ja, sind ja alle nett und freundlich, aber die haben einfach keine Zeit mehr für einen", antwortet eine ältere Dame neben ihm. Sie spendet nicht, begleitet den Typen nur. Ist das ihr Sohn?
„Ich habe das Karpaltunnelsyndrom", fährt sie fort, „muss operiert werden. Spüre meine Finger nicht mehr."
„Ach, Gundel. Wir waren doch schon durch mit dem Thema." Er wendet sich an die Schwester: „Könnte ich noch Calcium bekommen?"
„Wir müssen noch Kohl kaufen, das weiß ich." Damit bringt sie das Gespräch in eine neue Richtung.
„Weißkohl oder Spitzkohl?", fragt er sichtlich gelangweilt.
„Weißkohl. Und Mayonnaise, Möhren brauchen wir auch."
„Super, Gundel – dies noch und das noch", regt er sich auf, „am Ende heißt es doch nur: Das ganze Geld hier geht direkt wieder für den Einkauf drauf. Für den Kohl – sieben Euro, die Möhren noch ... zehn Euro."
„Lieber fürs Gemüse, Mark, als dass du wieder direkt in die Kneipe läufst."
„Ja, ist ja gut. Nervt mich halt tierisch. Ich sitz' hier ewig mit dieser scheiß Nadel im Arm und kann uns nicht einmal dafür belohnen."
„Wir haben auch noch Pfand zu Hause", sagt sie beschwichtigend.
„Pfff, für den Einkauf reicht das längst nicht."
„Warte, Mark, du hast da was." Sie streicht ihm zärtlich etwas von der Schulter. „Vielleicht sollten wir dieses Jahr auf Fuerte bleiben – länger als die drei Wochen. Einfach dortbleiben." Sie säuselt es verträumt.
Da kommt die Schwester zurück.
„Bitte schön, Ihr Cocktail." Sie reicht den Calciumdrink, und er stürzt ihn mit einem Zug hinunter. „Dieses Kribbeln", sagt Mark, „hoffentlich hilft es."
„Plump haut die Zölle rauf, die Länder werden sich auf Rüstung konzentrieren, um die Wirtschaft am Laufen zu halten", höre ich mich laut sagen, als die Nachricht auf meinem Handy erscheint.
„Die Autoindustrie hat da bald eine Menge Kapazitäten frei", antwortet mir Gundel. Ich schau' zu ihr rüber und muss lachen. Obwohl sie weiß, dass es hier keinen Anlass zur Freude gibt, lacht sie mit.
„In Frankreich spricht man vom l'avant-guerre, dem Vorkrieg", meint Mark.
„Und mit wem? Mit Trump?", entgegnet Gundel.
„Kein Plan, kann ich mir nicht vorstellen. Wir schaffen uns gerade überall Feinde. Vielleicht sind wir tatsächlich nach Corona so am Arsch, dass nur noch Rüstung hilft."
Ich füge hinzu: „Die Idee, den Klimawandel zu nutzen und die Wirtschaft so zu pushen, kam ja nicht so gut an."
„Wie meinst du das?"
„War ja Habecks großer Traum – den Karren mit extremen Investitionen in den Klimawandel aus dem Dreck zu ziehen."
„Der Habeck ist mir tierisch auf die Nerven gegangen", sagt Gundel augenrollend. „Wenn der im Fernsehen war, habe ich sofort auf Durchzug gestellt."
„Ja ...", sage ich, „schwer erträglich, aber recht hat er leider."
Der Rest ist Schweigen. Sind aber auch nur noch zwölf Minuten: dreißig Sekunden Entnahme und den Ball kneten, dreißig Sekunden Rückfluss. Das wiederhole ich zwei Dutzend Male, dann stöpselt mich die Krankenschwester ab.
„Auf Wiedersehen", verabschiede ich mich in die Runde.
„Bis in vier Wochen, Mister Galactic-Superstar-Präsident-McHammergeil!" – hat sie nicht gesagt, aber so fühle ich mich gerade.
Osterstraße – U2
Ich sitze in der U-Bahn.
„Manchmal muss man Medizin nehmen, um etwas zu reparieren", spricht mich ein ganz in Orange gekleideter Mann an.
„Bitte?", sage ich und mache die Musik leiser.
„Niemand kennt das System besser als ich. Deshalb kann nur ich es reparieren. Für einen Euro."
„Okay, das ist ja günstig. Nimmst du 'ne Anzahlung?"
„Ungern", sagt er und hält mir seinen Becher hin. Ich schmeiße mein Kleingeld hinein. „... reicht nicht ganz, um das System zu reparieren." Ich zucke mit den Schultern.
„Macht nichts", höre ich ihn noch im Drehen, „komm schon noch auf den Euro", und er verschwindet durch die Tür.
Viel Glück im nächsten Abteil, denke ich.
Zurück auf der Terrasse
„Entschuldigung, darf ich einmal zu Ihnen kommen?"
„Worum geht's denn?"
„Firma AON. Es geht um die Strom- und Gasversorgung."
„Kein Interesse. Danke."
„Trotz der steigenden Kosten?"
„Kein Interesse! Danke!"
„Wie war das?", fragt meine Nichte.
„Penetrant, äußerst nervig – und dein rotes Kostüm schmerzt in meinen Augen", antworte ich ihr.
„Die Klamotte ist Kacke, stimmt, aber penetrant muss ich sein! Kein Nein ist zu akzeptieren", schnippt sie mir entgegen. „Und jetzt unterschreibe das. Ich brauche die Provision."
Entgeistert schaue ich sie an. „Nein heißt nicht mehr Nein? Denkst du nicht, Nichte...", ich muss schmunzeln, „... dass es der Welt schon beschissen genug geht? Ich unterschreibe bestimmt nicht bei diesem Atomverein."
„Atom, Wind, Sonne, Gas ... das ist mir doch komplett scheißegal!", schimpft sie. „Ey, ich zahl' vierstellig Miete für mein verkacktes WG-Zimmer! Mein Kater hat 'ne appe Pfote, und ich sitz' auf der Rechnung vom Tierarzt, die auf ewig bleibt. Scheiße, ich bekomme ja kaum was in den Kühlschrank."
„Du kommst gleich sowas von mit", sage ich, „in der Baracke spielen die Oi Angels, und du brauchst dringend einen guten Abend!"
Da schaut Ralf über die Hecke. „Aber vorher kommt ihr noch auf ein Bier rüber, und dann reden wir, was ich zahlen muss, dass du bei mir arbeitest."
„Meine Nichte wählt aber nicht die AfD", beantworte ich als onkeliger Beschützer.
„Oh, was? Jetzt wegen die Tage, oder was?"
„Das war gestern", sage ich.
„Weißt du", fährt Ralf fort, „was der an Trinkgeld dagelassen hat? Hör mal, Kleine – du redest den Leuten ein bisschen nach dem Mund, und allein vom Tipp kommst du über die Runden."
„Ja, nee, danke. Ich habe keine Lust auf 'ne Nazi-Brown-Nose." Gute Antwort, denke ich stolz.
„Ach komm, ist doch dein Onkel, der immer von der Kooperative spricht. Kooperatisten dieser Welt, vereinigt euch!"
„Hab' ich ja auch recht mit", sage ich. „Mit Nazis macht man keine gemeinsame Sache. Das ist auch keine Kooperation, wenn die ihren Hass bei dir abladen dürfen und du dafür fürstlich entlohnt wirst."
„Ach? Ist es nicht?" Er lacht. „Ich muss wieder rein, Mädchen – überleg's dir. Besser in der Bar arbeiten, als wie ein Ampelmännchen durch die Stadt laufen."
„Ja, aber muss ja nicht deine sein." Sie wendet sich mir zu: „Alles klar, Onkel, ich werde noch arbeiten. Wir sehen uns später."
Da knallt es die Treppe runter, und ein Hundenapf rollt durch die Haustür. Der Hund steht bellend am oberen Ende der Treppe. Gut, denke ich, den Hund füttern und ab zum Oppa bringen.
„Örnie, ich hab' kein Bock auf den Köter." Er wendet sich Ocho zu, nimmt seinen Kopf sanft in die Hände, krault ihn unter beiden Ohren. „Ich freu' mich ja auch, du Kleiner, du – der Oppa wollt' nur gleich noch in den Ofen rüber."
„Ja, nimm ihn mit. Da ist nichts los heute."
„Machst du Witze? Da ist später noch Karaoke. Ich sing' Die Internationale und Meine Söhne bekommt ihr nicht."
„Okay." Ich lege ein charmant-schelmisches Grinsen auf und lasse Ocho los. Er huscht sofort an seinem Oppa vorbei.
„Sing im Ofen so laut, dass sie dich in Berlin hören können – und bring den Köter vorher in die Wohnung hoch."
Ocho dreht sich auf dem Teppich im Flur dreimal im Kreis und macht es sich gemütlich.
Der Oppa nickt. „Hat er gekackt?"
„Danke dir." Ich wende mich ab.
„Hat er gekackt!?", ruft er mir ein zweites Mal hinterher.
Ich laufe noch ein paar Stufen. „Nein, gerade erst gegessen. Tschüsseldorf!"
Das Konzert
„Das ist ja Quatsch", sagt Hans-Christian. „Eine Band, die den neunziger Kram nimmt, der schon immer scheiße war, und da jetzt Punk draus macht."
„Du musst das mit einer gewissen Ironie nehmen", sage ich, als die Band die Bühne betritt. Der Schlagzeuger ist lang und schlaksig, angezogen wie ein Tennisspieler. Noch zwei Typen kommen dazu – der eine als Schlumpf, der andere als Artischocke verkleidet. Der Sänger wirkt seltsam bodenständig, irgendwie im Pädagogen-Lehrer-Schick. Und dann ist da noch diese Frau an der Gitarre...
„Ihretwegen sind wir hier, oder?", wirft meine Nichte ein. Leopardenleggings, ein rosa Tütü – und zwischen ihren Beinen ein dicker, hängender Lederschwengel. Warum, weiß ich nicht.
„Das ist Maria", fahre ich fort und wende mich wieder an Hans-Christian. „Damals hast du bei Robbie nicht mitgesungen, weil alle Mädels auf Robbie standen und nicht auf dich. Aber heute! Wenn du hier aus voller Inbrunst I'm loving angels instead mitsingst, dann bist du der Mann, der heute da ist – und versteht, was die Mädels von damals gefühlt haben."
„Der Frauenanteil hier ist tatsächlich sehr hoch", bemerkt Hans-Christian. „Lirum larum, lass uns feiern!"
Ich quetsche mich zur Theke durch. Es ist brechend voll, und die Band fängt gerade an. Ein Transparent mit zig gemalten Brüsten wird entrollt – so, wie man früher Vögel gemalt hat. Nur auf dem Kopf und mit Punkten auf den Flügeln.
„TITTEN!", schreit die Frau voller Stolz ins Mikro.
„WHOOOOOO...!", kommt es aus der Menge zurück.
Wenn ich nur immerzu Augenkontakt mit dem Thekenpersonal halte, denke ich, bemerken die mich am ehesten.
„Ey, du schaust so creepy. Was möchtest du?" – na super.
„Drei Bier, bitte."
Ich lasse mich von der Menge mitnehmen, schwimme nach und nach in Richtung Bühne – und steh' da nun mit meinen drei Bieren.
Da springt mir eine Frau, die mir bis zur Brustwarze reicht, Ellenbogen voraus in die Seite.
„Du musst tanzen, Junge! Sonst spring' ich dir noch mal rein!"
„Oh, fuck, mein Bier, ey!" Ich rette alle Biere.
„Ich find' dich scheiße! So scheiße! So richtig schschschschsch scheiße!"
Da springt Maria mit Gitarre auf dem Rücken bäuchlings in die Menge. Ich greife mit dem linken Arm nach oben, mit dem rechten balanciere ich die Biere.
Und fuck! Habe ich gerade ihre Brust gesqueezt?
Maria zieht ihr Knie nach vorne und donnert gegen meine Stirn. Ich torkle zur Seite – da steht sie vor mir und zieht mir ihren Schwengel quer übers Gesicht. Stolpernd falle ich auf den Rücken.
Lass die Augen zu, denke ich. Wie unangenehm ist das hier.
„Ey, Digga, der ist doch safe tot!"
... Um mich herum bildet sich eine Traube.
„Nimm ihm mal einer die Biere ab."
„So hart hab' ich den Grabscher nun auch nicht geswoffelt." – Geht so, denke ich, öffne die Augen und sage: „Du bist unglaublich schnell! Gerade noch war ich von mir selbst überrascht – und schon habe ich dein Knie im Gesicht."
Sie reicht mir ihre Hand. „Haste auch verdammt verdient!"
„Ja, sorry", sage ich, „war ein reiner Reflex. Ich bin tatsächlich ein ziemlicher Idiot. Kann ich dir ein Bier anbieten?"
„Später vielleicht. Ich bin Maria. Wie heißt du?"
„Örnie. Mein Name ist Örnie."
„Alles klar, Leute. Es geht weiter! Geben wir Örnie eine zweite Chance – aber passt mir auf, dass er seine Hände bei sich behält!"
Ich für meinen Teil muss an die frische Luft.
„Oh Gott, Onkel – wie peinlich war das denn?" Meine Nichte zieht am Joint und reicht ihn mir weiter.
„Auf einer Skala eins bis zehn? Zwölf!", sage ich.
Da kommt Hans-Christian dazu. „Du brauchst jetzt kein Gras. Du brauchst Schnaps! Viel Schnaps!"
„Schnaps, Gras ... alles! Gib mal deinen Flachmann her."
„Aber vorsichtig", warnt Hans-Christian, „das ist prima Feinsprit. Der löscht nicht nur Erinnerungen – zu viel davon, und der Feinsprit löscht dich."
Ich setze an und nehme einen großen Schluck. Das Zeug brennt wie Feuer. Ich muss würgen und aufpassen, dass mir nichts hochkommt – doch unten angekommen, setzt ein herrliches Scheißegal-Gefühl ein.
„Widerlich! Scheiß drauf! Lass uns tanzen!"
Auf der Tanzfläche habe ich nur Augen für Maria, und auch ihre Blicke treffen mich immer wieder. Sie ist so voll absoluter Energie, so selbstbewusst, lebendig, kraftvoll – sie raubt mir den Atem.
Und dann, nach zig Covern der Kelly Family, Britney Spears, Robbie Williams und und und ... ist das Konzert vorbei.
„Jetzt darfst du mir einen ausgeben, du Grabscher", sagt sie zwinkernd und knufft mir in die Seite.
„Oh wow, dachte, ich hätte bei dir verkackt."
„Du hast eine zweite Chance – nutze sie."
Wir ziehen uns in eine Ecke zurück und reden dort stundenlang. Nicht über den Krieg, nicht über die Inflation, nicht über all die Sorgen, die sich momentan alle machen. Wir träumen vom Sommer, wir malen uns an einem Abend eine Zukunft aus. Wir trinken und lachen, lachen und trinken.
Und dann küssen wir uns.
„Willst du bei mir frühstücken?", frage ich Maria.
Sie gibt mir einen Kuss, schaut in meine Augen und antwortet: „Nichts lieber als das."
Das Frühstück – Tag 3
Ich reiße die Augen auf. Das Licht blendet, und nur langsam findet der Verstand zurück in meinen Kopf. Ich bin nicht allein – da liegt sie, auf der Seite, und schnarcht sachte vor sich hin. Ich hatte ihr Frühstück versprochen.
Vorsichtig stehe ich auf, halte mich an der Stehlampe fest, mache zwei wackelige Ausfallschritte nach vorn, fange mich an der Gardine – und ziehe sie zufällig, aber geschickt zu.
„Schlaf weiter", sage ich. „Bin gleich mit Brötchen wieder da."
Auf der Straße bewege ich mich nur langsam. Meinen Zustand kann ich nicht verbergen. Der Atem schmeckt nach toten Hamstern und kalten Zigaretten, und er klebt vom ganzen Cola-Korn. Überall sind Leute.
Fahrradfahrer, die knapp an mir vorbeihuschen. „Ey!", rufe ich. „Mach mal vorsichtig, du Penner!"
Dafür, dass ich eine fantastische Nacht hatte, habe ich ganz schön schlechte Laune, denke ich. Aber es ist auch einfach zu früh. Zu früh für all die anderen. Ohne die Menschen wäre es hier ganz schick.
Im Kaiser's stehe ich ratlos vor dem Brötchenregal. Was habe ich ihr versprochen?
„Wie bitte?", fragt eine Dame neben mir.
„Ähm... ich frage mich, ob ich meinem One-Night-Stand tatsächlich acht Käsebrötchen versprochen habe."
„Wenn Sie es versprochen haben, müssen Sie es halten."
„Ja, und wenn sie es für einen Witz hielt, bin ich der Depp."
„Mit acht Käsebrötchen..." – sie überlegt – „... also ich finde es eigenartig, selten, aber auch lustig. Humor ist immer der Schlüssel. Ich glaube, acht ist genau richtig, junger Mann."
„Das macht 16 €", sagt die Frau an der Kasse, als plötzlich alle Telefone vibrieren und Alarm schlagen.
Die Menschen schauen sich an. Brennt es? Von draußen heulen Sirenen. Ich renne zur Tür – was sehe ich am Himmel? Er färbt sich schwarz. Kleine flirrende... Drohnen? Es müssen Drohnen sein.
Da stoßen die ersten Richtung Boden – gewaltige Explosionen.
Ich werfe mich in Richtung Kasse, robbe den restlichen Meter. Etwas schlägt durch das Dach, ein Knall, eine Druckwelle erfasst mich, schleudert mich durch das Fenster auf die Straße. Schwarzer, schwerer Rauch umgibt mich. Ich versuche mich aufzurichten, schaffe es aber nicht von den Knien hoch. Die Welt dreht sich, dröhnt, bis tief in meinen Kopf.
Ich schleppe mich zur Häuserwand, versuche aufzustehen. Der Brustkorb brennt, die Arme versagen – da greift mir jemand unter die Schultern, zieht mich hoch.
Einen Moment lang wird es still. Dann erscheint der Pilz – grelles, scharfes Licht.
Nichts mehr.
Beim Oppa
Die Luft vibriert. Ocho krümmt sich am Boden, denn er weiß: Gleich folgt wieder ein Knall. Der Schmerz platzt in seinen Ohren und fährt bis ins Mark. Er will weg, doch die Pfoten gehorchen nicht. Der ganze Körper schlottert. Jaulend sucht er Schutz beim Oppa, windet sich zwischen seine Beine. Dem Oppa geht es auch nicht viel besser – weinend, mit nasser Hose, krallt er sich in den Türrahmen.
Weit vor den Menschen spürt Ocho, dass erneut etwas auf sie zurollt – stärker, viel stärker als die vorangegangenen Explosionen.
Die Wohnungstür springt aus den Angeln, ausgehebelt von der Welle, die das Donnergrollen verursacht. Glas scheppert, Bücher stürzen aus den Regalen, nichts bleibt an seinem Platz. Ocho weiß: Hier kann er nicht bleiben.
Sein Instinkt übernimmt. Schnell wie die Pest stürmt er aus dem Haus, die Straße hinunter, rennt sich den verdammten Stress aus der Haut. Im Affenzahn fliegen die Pfoten über den Asphalt, rein in den Kreisel – da strömt ihm ein fantastischer Geruch aus tausend Köstlichkeiten in die Nase. Wurst, Käse, Alaska-Seelachsfilet!
Er reckt die Nase in den Nacken, nimmt die Spur auf. Eine Runde. Eine zweite Runde. Dann ab in den Park. Querfeldein über die Wiese, über Parkbänke, durch eine Lücke im Zaun – bis zum Kaiser's.
Ocho springt ein paar Paletten hoch und durch die zerborstenen Scheiben in den Supermarkt. Alles Herrliche der Welt liegt offen herum. Mit einem gewaltigen Satz stürzt er sich auf ein gefrorenes Suppenhuhn, das quer durch den Laden schlittert. Im Rausch hetzt er hinterher, will gerade zupacken – da bemerkt er den leblosen Körper, neben dem das Suppenhuhn liegen geblieben ist.
Die Erinnerung kommt zurück. Das Dröhnen. Das Vibrieren. Ocho will jaulen, doch dann – Schockscheiße – riecht er etwas Vertrautes. Sofort rennt er raus auf die Straße, bleibt wie angewurzelt vor einem Schutthaufen stehen.
Da liegt Örnie. Ocho weiß es. Er buddelt ihn halb frei. Keine Regung.
„WWWow WWWoW!" – lauter – „WoWoWoW! WoWoWOWoW!" Er leckt mit seiner langen, sabberigen Zunge über das Gesicht, bis Örnie endlich zu sich kommt.
Bis ich endlich zu mir komme. „Ocho, mein Junge – du bist der beste Hund auf dieser Welt!"
Einige Zeit später ...
Bei herrlichem Sonnenschein sitzt Gundel auf ihrem Balkon und genießt einen frischen Kräutertee. Im Growzelt ihres Mannes sprießen Minze, Thymian, Bohnenkraut, Johanniskraut – und natürlich auch eine kleine, feine Cannabispflanze. Sie selbst raucht kein Gras, aber Mark wird sich freuen, wenn er auf Heimaturlaub kommt.
Aus der Küche ertönt leise und beiläufig ein Radio:
... Deutschlandfunk ... 14:00 ... die Nachrichten ...
Die sogenannte taktische Atombombe, die im März über dem Hamburger Volkspark niedergegangen ist, hatte nach Einschätzung einer Expertenkommission eine Sprengkraft von etwa drei Kilotonnen. Die Behörden sind weiterhin nicht bereit, Erkenntnisse über die Hintergründe des Angriffs preiszugeben.
Örnie is back
Teil 2
Ein neuer Alltag
Im Keller
Unser Haus wurde seit jeher mit Öl beheizt, und tatsächlich gab uns der Gedanke, auf einem bis obenhin gefüllten Tank zu sitzen, ein beklemmendes Gefühl – vor allem, wenn man nie weiß, wann einem wieder etwas um die Ohren fliegt. Oppa hat daher kurzerhand das Öl in Ralfs äußerst vielseitige Bierfässer abgelassen, den Rest mit Kalk neutralisiert und den Tank an der Seite aufgeschnitten. Mit einer Bodenplatte, einer Eckcouch und einem Holztisch ausgestattet, ist der Tank nun unser sicherer Unterschlupf.
Hier unten im Keller haben wir inzwischen einen Durchbruch zum Ofen. Je nach Wetterlage und Windrichtung ist es ratsam, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen.
„Heute wäre Saisonanfang!", schluchzt Ralf. „Verstehst du?" Er lässt sich auf die Couch fallen. „Bundesliga, Örnie!"
„Du musst dich konzentrieren", sage ich.
Ralf greift nach einem Taschentuch auf dem Tisch. „Gerade noch feierst du nach 'nem 4:0 gegen Darmstadt den Quasi-Aufstieg ..." – er schnäuzt sich kräftig – „... und im nächsten Moment gibt es kein Stellingen mehr!"
„Ja, und das ist jetzt auch nicht gestern passiert. Hör zu! Wir brauchen eine Bohrung hier unten im Keller. Wir zapfen Grundwasser an."
„Wir haben Wasser, Örnie."
„Und wie lange noch? Wenn es hart auf hart kommt, möchte ich hier unten Zugang zu Wasser haben." Ich zeige in eine freie Ecke. „Schau, all deine Fässer sind leer. Wir können das Wasser darin abkochen und – wenn wir schon dabei sind – darin auch direkt frisches, eigenes Bier brauen. Alles hier unten im Keller!"
„Du spinnst, Örnie!"
„Ja, ich weiß, das ist viel. Aber ist doch scheißegal – wir brauchen etwas zu tun und müssen hier unseren Platz behaupten. Was meinst du, wie die Rich Bitch drauf abfährt, wenn wir ihr Bier anbieten?"
„Und wer soll das Bier in Mengen brauen?"
„Keine Sorge, ich kenn da einen. Früher war er Angler – den hast du nur von der Elbe wegbekommen, wenn er Bier brauen konnte. Aber er isst keinen Fisch mehr."
„Niemand isst mehr Fisch", sagt Ralf.
Im Supermarkt
Währenddessen ist Malena unterwegs und macht Besorgungen. Im Rest des Landes mag es noch einigermaßen zivilisiert zugehen – in Hamburg allerdings ist der Tauschhandel inzwischen die einzige Möglichkeit, an Waren, Güter und Lebensmittel zu kommen. Es ist ein Glück, dass wir eine Menge Schweröl als Handelsware besitzen.
Die Tür des ehemaligen Kaiser's Tengelmann öffnet sich, und Malena tritt hinein. Die Regale sind restlos leer. Das Loch in der Decke vom Einschlag der Drohne ist behelfsmäßig gestopft.
„Willkommen im Rich-Bitch-Supermarkt, ich bin die Rich Bitch. Was kann ich für dich tun?"
„Muss es denn jedes Mal dieser Satz sein?", fragt Malena.
„Oh ja, das muss es. Ich brauch doch meinen eigenen Brand – eine Marke mit Wiedererkennungswert. Die Konkurrenz schläft nicht. Also, was darf's sein, Schätzchen?"
Malena lehnt sich aufreizend, leicht nach vorn gebeugt, auf den Verkaufstresen. „Lebensmittel ... ähm, einen Handwerker, zwei Sack Reis und Dosen. Wie viele hast du auf Vorrat?"
Die Rich Bitch rollt mit den Augen. „Was für Dosen, mein Schatz?"
„Was du hast: Obst, Thunfisch, Bohnen ... Ravioli?"
„Okay, Schätzchen. Was bringst du mir? Ich stell dir was zusammen."
„Ich habe zehn Liter Heizöl für dich."
„Für den Handwerker reicht das nicht. Dienstleistungen sind teuer – es gibt kaum noch fähige Arbeiter." Sie blickt zur Decke hoch und hält inne. „Bring mir einen Kubikmeter Kohlen für den Dienstleister."
„Kohlen? Ein Kubik?" Malena ist empört. „Was willst du mit Kohlen? Ich kann dir Öl bringen, so viel du willst."
„Es kostet, was es kostet!" Eine weitere Stimme ertönt aus dem Dunkeln, zwei eisblaue Augen blitzen zwischen den Regalen auf. Malena gefriert das Blut in den Adern.
„Die Verhandlung ist beendet!", zischt es.
„Ja, gut ... komm." Resigniert: „Gib her das Futter. Wir kümmern uns um die Kohlen."
Die Flaschen Heizöl wechseln die Besitzerin, und die Rich Bitch verschwindet im hinteren Teil des Ladens. Unter den wachsamen Eisaugen wartet Malena geduldig, bis endlich die Ware auf den Tisch kommt.
„Ein Sack Reis, zwanzig Dosen Bohnen. Wie besprochen."
„Wir hatten zwei Säcke gesagt und einen bunten Mix an Dosen."
Die Eisaugen treten aus dem Dunkeln hervor. Eine Frau im Mönchsgewand steht Malena gegenüber. Ein metalisches Klicken ist zu hören.
„Wie besprochen! Nimm deinen Kram."
Malena versteht deutlich, schaut der Rich Bitch in die Augen und nickt ihr zu.
Im Garten
Mit einem Klappfächer bewaffnet sitzt Oppa rauchend auf unserer Hollywoodschaukel im Garten. Er versucht zu begreifen, wie Hans-Christian das Kohlenproblem mit dieser Birke, die er seit geraumer Zeit mit einem Fuchsschwanz bearbeitet, lösen möchte. Ocho liegt platt, mit lang heraushängender Zunge im Schatten der Schaukel.
"Baum fällt!", schreit Hans-Christian. Mit dem Geräusch von berstendem Holz, das bricht. Kracht die Birke zu Boden.
Aufgeschreckt hebt Ocho den Kopf. Empört will er bellen, doch es kommt ihm nur ein Gähnen über die Hundelippen. Der Kopf wandert schließlich wieder in die alte Position und auch die Zunge entrollt sich wieder lang aus dem Maul. Lohnt nicht bei der Hitze, denkt er sich.
"Ich sage dir Oppa, das geht. Ich mach...", er zeigt auf die 12 Meter Birke, die nun flach am Boden liegt, "... den hier klein und du heizt die Feuertonne an."
"Und dann was? Dann verbrennen wir den Baum gleich wieder?"
"Das ist kein Quatsch, Oppa. Auf die heiße Glut schmeißen wir die dicken Scheide. Oben nasses Gras drauf, so richtig schön dicht."
Da regt sich ein Ohr, vom sonst bewegungsunfähigen Hund. Wie eine Satellitenschüssel auf Empfang, dreht es hin und her.
Maria kommt mit dem Rad angefahren. Jetzt lohnt die Aufregung wohl, denn wie vom Blitz getroffen saust Ocho los.
"Hast du gerade dicke Scheide gesagt?", fragt sie irritiert, geht in die Knie und krault den Hund kräftig von vorne bis hinten durch: "Du kleiner Wuschel du", sagt sie mit viel zu hoher Stimme: "Ich habe dir auch fein was mitgebracht." Sofort geht Ocho in den Sitz und hebt beide Vorderpfoten. Aus ihrer Tasche kramt sie einen Hühnerfuß, den sich Ocho, ohne einen Moment Zeit zu verlieren schnappt und ausgelassen mit dem Fuß im Maul durch den Garten tanzt.
"Ich habe Scheide gesagt, Maria. Mit Te. Scheide", verteidigt sich Hans-Christian.
"Ja, du sagst aber ..., ist ja auch egal jetzt. Fahr mal fort, bin gespannt, was hier passiert."
"Ja, auf jeden Fall. Gras drauf, Deckel drauf.", Hans-Christian überlegt, "Feuer von außen brauchen wir vielleicht auch noch. Die Tonne muss richtig schön heiß bleiben. Rauchen muss das."
"Du willst tatsächlich köhlern. Ich verstehe, Hans-Christian. Da machst du' das Feuer aber von oben nach unten und wenn die ersten Schichten...", der Oppa schlendert zur Tonne rüber, "ich staple dir das hier schön rein und wenn jetzt die ersten Schichten runtergebrannt sind... dann hauen wir das nasse Gras drauf."
"Ja Oppa, ist kein Quatsch. Rauchen wird das."
Tatkräftig ist die Gruppe trotz der Gluthitze beschäftigt.
Hans-Christian zerlegt die Birke, Maria spaltet das Holz mit der Axt und der Oppa stapelt es fein und ordentlich in die Tonne.
"So! Schau her, Ocho," spricht der Oppa, "jetzt, wo es brennt, machen wir da schön vorsichtig Gras drauf."
Der Hund ist nicht so entspannt wie der Oppa. Wachsam umkreist er die qualmende Feuertonne. "Einfach hier an den Rand legen, schön drum rum Ocho."
"Bist du bekifft, Oppa?" Hans-Christian ächzt und will den schweren Betondeckel heben, kommt aber nicht über einen 30 Grad Winkel hinaus.
"Maximal ein bisschen, mein fleißiger Freund."
"Okay, mach da mal hinne und pack hier mit an!"
"Lass den alten Mann mal, der hebt sich doch nen Bruch" bietet Maria ihre Hilfe an.
"Ja auch gut, dann mach!" raunzt Hans-Christian gereizt, den Deckel immer noch angewinkelt haltend.
"Wieso hälst den denn die ganze Zeit?", wundert Oppa sich.
"Weil, der jetzt auf die Tonne muss!"
"Der Oppa hat schon recht Hans-Christian. Du müsstest dich von der Seite sehen. Sieht super ungesund aus."
"Bitte Maria, ich kann den Deckel nicht mehr halten!"
"Ist ja gut, halber Hulk. Zu zweit ist's easy."
Zur selben Zeit im Ofen.
"Nenn mich einfach Rich, Örnie." Die Rich-Bitch steht lässig angelehnt an der Theke. "Also, was planst du? Wofür brauchst du den Handwerker?"
"Kurzfristig für Grundwasser, langfristig um dieser Bar wieder etwas mehr Würze zu verschaffen, aber das ist noch ein weiter Weg bis dahin."
"Interessant. Also was ist der langfristige Plan?"
"Ich spreche nicht gern über vergossene Milch von morgen." Sie muss nun auch nicht alles wissen denke ich.
"Auch gut. Ich habe den passenden Mann für dich an der Angel. Mit dem besprichst du alles Weitere. Was ist mit meinen Kohlen?"
"Da sind wir dran. Ist nur noch eine Frage von Stunden."
"Gut!" Ein Grinsen huscht über das Gesicht der Bitch. "Darauf lass uns anstoßen! Was gibt es hier bei dieser Hitze zu trinken?"
"Ich habe Korn und Doppelkorn." Ralf hält ihr eine Flasche Klaren hin.
"Ein kühles Blondes wäre mir ja lieber, aber lass mich den Doppelkorn kosten und schenk Örnie auch einen ein. Auf meinen Deckel."
"Kannst du denn bezahlen?", fragt Ralf.
"Herr Gott nochmal! Haben wir den Kapitalismus denn nicht hinter uns gelassen? Ich gebe euch beim nächsten Besuch im Markt einen Nachlass. Schick mir wieder diese superheiße Malena, mein Mönch möchte ihr den Segen geben."
"Schenk ein, Ralf." Sag ich. "Geben und nehmen... nehmen und nehmen..., das gleicht sich alles wieder aus." Und ich denke dabei gelassen an unseren zukünftigen Bierreichtum.
"Zwei Doppelkorn, kommt sofort." Ralf stellt uns vier Schnapsgläser hin und füllt sie bis zum Rand.
Der Korn schmeckt erstaunlich mild, ein wenig wässrig vielleicht.
"Da ist noch etwas, worüber ich mit dir sprechen muss, Rich."
"Wir können über alles reden Örnie. Solange ich nur daran verdiene."
"Tust du nicht. Ich brauche aber einen Rat." Ich schaue zu Ralf und tippe auf mein Glas. "Schenk uns bitte noch einen ein."
"Ich brauche einen zollfreien Weg auf die Insel." Wir prosten uns zu und vernichten die erste Hälfte des Doppelkorns. "Ich muss dort einen Mann sprechen und ich muss diesen Mann von der Insel und wieder zurückbringen. Also ich brauche einen offenen Weg, den ich mehrmals benutzen kann." Wir leeren die zweite Hälfte.
Die Rich-Bitch bedeutet Ralf die Gläser wieder zu füllen. "Mach mal auf Örnie.", und zwinkert mir zu.
"Der alte Elbtunnel steht voller Wasser. Anfangs liefen die Pumpen noch, aber die haben viel zu viel Strom gefressen. Zu den Leuten an den Elbbrücken habe ich nicht die beste Verbindung. Dir bleibt nur der Weg über das Wasser."
"Das dachte ich mir, nur wo kann ich sicher an Land gehen?"
"Steinwerder ist alles verlassen, von dort aus gehst du durch die Schrebergärten. Da kümmert sich niemand mehr um irgendetwas. Die Hecken sind hoch und dicht. So sollte das kein Problem sein, unbemerkt auf die Insel zu gelangen."
Auf die Insel
Es ist tropisch schwül, die Luft liegt dick und schwer auf den Schultern. Ein fernes Gewitter kündigt sich seit Tagen an, doch will es uns nicht erreichen – es drückt nur weiter feuchte und heiße Luftmassen in die Stadt.
Behäbig fahren wir die alte U3-Strecke ab. Wir bewegen uns rauf, bewegen uns runter, bewegen uns vorwärts.
Verlassene Bürogebäude ziehen an uns vorbei, wilder Hopfen kriecht an den Fassaden empor, hängt jedoch schlaff und ausgedörrt an den Wänden. Die trockene Fauna am Wegesrand ragt dicht und hoch über Straßen und Bürgersteige. Die vielen Parkanlagen links und rechts der Gleise gleichen staubigen Steppen, und die Bäume tragen schon im August keine Blätter mehr. Kein Wasser hat die Wiesen in diesem Sommer berührt – der Boden ist hart wie Beton. Das Wasser wird kommen und die Luft reinigen. Nur jetzt gerade: ein Scheißwetter für Sport. Denn diese Draisine, auf der meine Nichte und ich uns gerade fortbewegen, wird tatsächlich durch eine Wippe angetrieben. Und so wippen wir: ich keuchend und schlecht gelaunt, sie froh und neugierig, die Stadt zu sehen.
Langsam nähern wir uns dem Rödingsmarkt. Gurken Joe sitzt auf einem gemütlichen Sessel in Fahrtrichtung links und beäugt uns skeptisch. Wir kamen an die Gleise. Ich sagte ihm, wohin wir wollen, und zeigte ihm das Huhn. Schweigend deutete er uns, aufzusteigen und loszuwippen.
„Ich verstehe es nicht", flüstert meine Nichte. „Wieso der Gummigockel?"
„Keine Ahnung", keuche ich. „Ich weiß auch nicht, warum er sich Gurken Joe nennt, wenn er für die Überfahrt ein Gummihuhn will – und keine Gurke."
„Man sagte mir, da kommt so'n Typ, der nennt dich Gurken Joe. Der will auf die Insel und bezahlt dich mit einem Gummihuhn", lacht er.
„Scheiße, nein – niemals", sage ich. Höre auf zu wippen und starre Joe an.
„Ja warte, kommt jetzt", fährt Joe fort. „Bring mir das Huhn, sagt dieser Mönch. Und ich bin dir was schuldig. Spricht mir den Segen aus und verschwindet."
„Tatsächlich? Ein Mönch?", frage ich.
„Ja, vor ein paar Tagen", sagt Joe. „Ein sehr überzeugender Mönch."
Meine Nichte lacht laut. „Die hat dich hart verarscht!"
„Ihr kennt den Mönch?", fragt Joe.
„Ja. Das ist Schwester Degenhard. Die Mönchin vom Rich-Bitch-Supermarkt. Wir kaufen bei ihr ein", sage ich.
Wippend fahren wir in eine lange Kurve. Am Ende wird der Blick auf die Elbphilharmonie frei. Zerstört in jener Nacht durch das Drohnengeschwader, liegt sie brach. Dahinter: der stille Hamburger Hafen, eingehüllt in tiefschwarze Wolken. Einst pulsierte hier die Wirtschaft. Tag und Nacht wurden Schiffe gelöscht, Touristen auf Rundfahrten unterhalten, Tausende kamen täglich an die Landungsbrücken, um die Aussicht zu genießen. Von all dem ist nichts geblieben. Die Kräne stehen still. Die Touristen bleiben Hamburg fern. Und die einst so stolze Elbe führt vielleicht noch ein Drittel an Wasser im Vergleich zum Vorjahr.
„Wir halten an den Landungsbrücken. Von da aus geht es zu Fuß weiter", meint Joe und fügt hinzu: „Ich will nicht zu viele Fragen stellen, aber warum nehmt ihr diesen Weg?"
„Die kassieren Zoll an den Elbbrücken", sage ich. „Eine Viertelunze Silber pro Weg und Person. Selbst wenn ich Edelmetall hätte – ich würde den Teufel tun und es den Nationalen in den Rachen schieben. Die sind in der Gegend schon mächtig genug."
Zur gleichen Zeit im Quartier der Gruppe
Es klopft an der Tür. Hans-Christian öffnet.
„Moin, ich bin von Atomic Toolman. Die Rich Bitch hat mich geschickt – hier soll gebohrt werden?"
„Ach, Quatsch, super, komm rein." Hans-Christian macht die Tür auf und lädt den Handwerker mit einer einladenden Geste ein. „Gleich da drüben, runter in den Keller."
Sein Blick wandert zur Straße und bleibt an einem Gefährt hängen. „Wahnsinn! Sind Sie damit hergekommen?" Er schaut auf die alte Kutsche. „Wie fährt das Teil? Ein Pferd sehe ich keins."
„Zu teuer im Unterhalt", antwortet der hagere Mann. „Meine kleine Hedi wird von einem handelsüblichen Rasenmäher-Motor angetrieben. Nicht schnell, aber sie bringt dich ans Ziel. Und schleppen? Kann sie auch." Er klopft Hans-Christian freundschaftlich auf die Schulter. „Den ganzen Kram dort, brauche ich im Keller. Bis auf die Pumpe – da leg mir den Schlauch nach unten, und wenn ich bohre, musst du das Spülwasser per Hand hochpumpen. Es sei denn, ihr plant da unten einen Pool." Mit diesen Worten verschwindet er im Keller.
Hans-Christian legt sich voll ins Zeug. Bei körperlicher Arbeit ist er kaum zu stoppen.
„Ein schöner Tank, den ihr hier habt!", bewundert der Handwerker. „Und diese Couch – wow! Echt Leder!"
Der Mann im grünen Overall nickt anerkennend, tritt aus dem Tank in den Korridor, schlurft zum Durchbruch und wirft einen prüfenden Blick hinein. „Und hier wollt ihr bohren?"
Ertappt schaut Oppa auf. Er hantiert mit seiner Wünschelrute, sucht eine Wasserader. „Herr Äh...", stottert er überrascht über den Besuch und versteckt die Rute hinter dem Rücken. Vor einem Profi fühlt er sich unwohl.
„Oppa, der Handwerker ist da", ruft jemand von oben die Treppe hinunter.
„Danke, Malena! Guten Tag, ich bin August", stellt sich Oppa vor.
„Moin, ich bin der Handwerker", erwidert der Mann im Overall, ergreift Oppas Hand und schüttelt sie kräftig.
„Ich mach hier die Kernbohrung. Sobald wir durch Beton und Schutt sind und der Boden weicher wird, übernehmt ihr. Rohre, Muffen, Rundspaten – hab ich alles dabei."
„Gut, und was genau mache ich dann?", fragt Oppa nach.
„Erste Bohrung, was? Gut, dann Spaten an die Stange, drehen, versenken, Muffe, Stange, Muffe, Stange", spricht der Handwerker mit einer klärenden Handbewegung. „Dann wieder drehen und versenken."
Sein Blick wandert durch den Raum. „Wir sind jetzt schon gut drei Meter tief."
Er nickt. „Ich schätze, noch fünf bis sieben Meter bis zur Ader."
Oben klirrt es hell – Eisenstangen, die auf Fliesen fallen.
Der Handwerker zündet sich eine Zigarette an, zieht tief und schaut Oppa fest in die Augen. „Hauptsache, der Junge pumpt da oben gut ab. Dann wird das kein Problem."
„Im Waschkeller hab ich was gespürt", behauptet Oppa zur Ablenkung.
„Ich schau's mir lieber selbst an. Wir wollen ja nicht ins Leere bohren."
Mit der Wünschelrute in der Hand läuft der Handwerker den Keller ab. Kopfschüttelnd verlässt er den Waschraum. Im Trockenraum, im Eck, zuckt die Rute und der Handwerker zeichnet ein X auf den Boden.
An den Landungsbrücken
Meine Nichte, Joe und ich laufen den Fischmarkt entlang.
„Im Museumshafen liegt mein Dingi. Damit bring ich euch rüber", sagt Joe.
„Wir sollten uns beeilen", meint meine Nichte. „Es zieht Wind auf, und ich will keine Brise aus Stellingen abbekommen."
Am Horizont ballen sich pechschwarze Wolken Turmhoch auf. Surreal mischt sich ein bedrohliches violett-grün in die Masse. Wie ein langsames Mahlwerk rotiert die Wolkenwand auf uns zu. Ein, beinahe körperlich spürbarer, Donner grollt unaufhörlich in der Ferne.
Ich lecke mir den Zeigefinger und halte ihn in die Luft. „Der Wind kommt auflandig. Stellingen liegt nordöstlich, also keine Sorge", versuche ich sie zu beruhigen.
„Es ist nicht nur der Wind, Onkel Örnie. Schau auf die Elbe – eigentlich müsste Flut sein, aber das Wasser fließt zurück."
Tatsächlich liegt das Flussbett frei, nur die Fahrrinne führt noch Wasser.
„Umso besser", sagt Joe. „Dann müsst ihr nicht so weit rudern."
Nach ein paar Minuten erreichen wir den Hafen. Ich gehe den Steg hinunter und klettere eine Leiter, die vor kurzem noch ins Wasser führte.
„Ist es das hier?", frage ich ungläubig.
Vor mir liegt ein blau-gelbes Schlauchboot von Lidl.
„Scheißegal, Onkel! Komm, ich will drüben sein, bevor der Regen losgeht."
Mit Schwung stoße ich uns mit den Paddeln ab. Zehn Meter nur – dann sind wir drüben.
„Ich bin morgen Mittag zurück. Wenn ihr nicht da seid, sucht euch einen anderen Weg", sagt Joe und verabschiedet sich.
Plötzlich wird es still. Kalter Wind frischt auf, die ersten Regentropfen fallen.
„Hey Nichte, schau – es regnet!" - Merke selbst, wie naiv das klingt.
„Verdammt! Hab ich's nicht gesagt? Örnie, wir müssen die Kaimauer hoch!"
Der Regen nimmt zu, es donnert.
„Dort drüben, Örnie – der Pfahl. Ich push mich zwischen Mauer und Pfahl hoch."
Sie steigt auf meine Schultern, presst den Rücken an die Wand, hält sich am Pfahl fest und setzt die Sohlen an. Schritt für Schritt erklimmt sie die Mauer.
„Komm, jetzt du!", fordert sie, oben angekommen.
„Keine Chance. Hier gibt's sicher auch eine Leiter. Ich laufe den Kanal runter, du suchst ein Seil oder irgendwas zum Festhalten."
Inzwischen kommt das Wasser in strömenden Bächen vom Himmel. Hagel mischt sich in das Unwetter, es blitzt, der Donner folgt. Ich renne nun doch.
Der Schlick unter meinen Füßen wird immer weicher, jeder Schritt versinkt tiefer im Schlamm.
„Örnie, fang!", ruft meine Nichte, hält mir ein Tau hin.
„Mach schnell fest! Das Wasser steigt!", gerate ich langsam in Panik.
Im Sportunterricht war ich gut, vor allem bei Ballsportarten. Aber Seilklettern, Strickleitern, Ringe... das war nie mein Ding. Heute reicht es, um mich am Seil die Mauer hochzuziehen. Lächerlich, aber ich schaffe es – zum Glück.
Zurück im Vorgarten, wo einige das Leben genießen, während andere arbeiten.
Ralf singt und tanzt zum Beat, den Maria auf ihrer Cajón schlägt. „Und... eins... und... Bum... und... zwei... und... Bum... und... drei... und... Bum... und... eins... und... Bum... und... Bum... Mist, ich bin raus. Weiter, Hans-Christian! Immer weiter pumpen!"
„Wie tief seid ihr da unten?", keucht Hans-Christian, der unter der Sonne kurz vorm Kollaps steht.
„Wie tief seid ihr?", ruft Malena den Keller hinunter.
„Nicht so laut", meint der Handwerker, der die Treppe hochkommt. „Der August hat es fast geschafft. Machst du mir noch einen Kaffee? Der schmeckt wirklich gut."
Es ist Krieg
Wir laufen auf dem Deich Richtung Fährstraße. Die hohe Position erlaubt uns weite Einblicke in das Viertel: Ganze Straßenzüge stehen voll ausgebrannter Autowracks – teils wild auf der Straße platziert, teils zu hohen Barrikaden aufgetürmt. Dichte, schwarze Rauchwolken steigen trotz des Unwetters von überall her auf.
„Was ist hier passiert?", fragt meine Nichte.
„Ich weiß es nicht. Die Insel ist ein Schlachtfeld", antworte ich ihr. „Hier müssen heftige Ausschreitungen stattgefunden haben."
„Was ist das?" Meine Nichte spitzt die Ohren. „Ich höre Trommeln."
Schnell lege ich mich flach in den weichen Deich und bedeute ihr, mir gleichzutun.
„Lanzknechte – das heißt nichts Gutes."
Im nächsten Moment kommen sie auch schon um die Ecke marschiert: ein Dutzend Lanzknechte vorweg, dahinter eine skandierende Horde mit Baseballschlägern bewaffnet. Alles Glatzköpfe.
„Hier ... entsteht ... das Vierte Reich!", grölt die Horde, als sie an uns vorbeimarschiert.
„Bleib unten", flüstere ich.
„Kompanie, stillgestanden!", krächzt ein kleiner, rippiger Kerl mit überschlagener Stimme von der Spitze des Zuges aus. Die Horde kommt vor einer Barrikade zum Stehen, die Trommeln verstummen.
„Männer, wir holen uns diese Straße – genau wie die anderen Straßen. Hier wird Wohnraum für ein deutsches Volk entstehen." Mit einem gegröhlten „Wir sind das Volk!" schwärmt die Menge aus und stürmt die Barrikade.
Gundel beobachtet den nahenden Angriff vom Kopf der Straße aus, spannt ein dickes Gummi, das sie an ihrem Fensterrahmen befestigt hat, legt eine Windel ein und lässt sie fliegen.
„Wie in dem Song", sage ich.
„Ja – alt und gemein. Liselotte Meier aus der Rosenstraße 8", antwortet meine Nichte.
In einer eleganten Bogenlampe saust die Kotbombe durch die Luft, und der dürre Truppenführer wird niedergestreckt.
„Das hier ist unser Viertel!", schreit Gundel aus dem Fenster. „Ihr verzieht euch sofort, oder es regnen noch mehr meiner Exkremente auf euch nieder!"
Der Truppenführer liegt halb angeknockt und kotverschmiert am Boden.
„Rächt mich! Rächt das deutsche Volk!", schreit er.
Die Lanzknechte erhöhen die Schlagzahl, und die Truppe setzt sich wieder in Bewegung.
Da werden links wie rechts in den oberen Stockwerken die Fenster aufgerissen.
„Golden Shower!", ruft jemand.
Mit Supersoakers bewaffnet treten die Verteidiger ans Fenster und lassen Urin auf die Naziskins nieder.
Angewidert von dem Urinregen löst sich die Formation der stolzen Deutschen – den Angriff haben sie aber noch nicht aufgegeben. Eine kleine Gruppe versucht, in ein Wohnhaus zu gelangen; die Haustür ist jedoch fest mit Holzbalken verrammelt.
„Aufpassen! Die wollen die 17 stürmen!", ruft Gundel den anderen zu und lässt eine weitere Kotbombe fliegen.
Andere Fenster machen es ihr gleich. Ein Schwall aus Fäkalien prasselt auf die Gruppe nieder. Den übrigen Angreifern ergeht es nicht besser. Nach wenigen Minuten zieht die Horde – brauner als je zuvor – unverrichteter Dinge von dannen.
Jubel ertönt. Ein Mann tritt auf die Straße:
„Wir haben heute gewonnen!", ruft er zu den Wohnungen hoch. „Das müssen wir feiern! Ich öffne ein Fass!"
„Kelle ... Kelle ...", hallen die Sprechchöre zurück.
„Na also", sage ich. „Da isser ja."
„Habt ihr ihn heute wieder reiten sehen? Den Haien - mit seinem weißen Schimmel, wie aus der Hölle?", rufe ich und rutsche beim Versuch, den Deich hinabzusteigen, aus, denn das Gras ist lang und seifig. Hier kümmern sich keine Schafe mehr um die Pflege des Schutzwalls.
Kelle wendet sich um, bis er mich erblickt und antwortet lachend: „Ja, beim neuen Deich. Der reitet, als ob der Wind ihn trägt. Das Tier hat Augen wie Feuer."
Mit ausgebreiteten Armen kommt Kelle uns entgegen. „Örnie, Bem - es ist so schön, euch zu sehen! Aber was macht ihr hier?", schreit er gegen Regen und Sturm an.
„Das scheint mir nicht mehr so wichtig, nachdem ich sehe, was hier los ist." Ich drücke ihn herzhaft an meine schlammbedeckte Brust.
„Ja, die verdammten Nazis haben sich nicht mehr mit der Brücke zufriedengegeben. Inzwischen kontrollieren sie die komplette Harburger Chaussee - und sie wollen noch mehr."
Derweil an den Elbbrücken.
„Sofortige Meldung, Hauptmann S. Baumelt."
„Jawohl, Herr Oberst Schulze. Melde, massivem Kotbeschuss ausgesetzt gewesen zu sein. Truppe bereits zur Volkswaschung in die Elbe geschickt, Herr Oberst."
„Hervorragend, Hauptmann. Begeben Sie sich zur Truppe und informieren Sie Krahl und Chrupalla. Ich erwarte die Meldung zur erfolgreichen Waschung des deutschen Volkes - Punkt siebzehnhundert."
„Jawohl, Herr Oberst."
„Bitte um Verzeihung, Herr Oberst."
„Verzeihung erteilt, Gefreiter ...?"
„Udo Voigt, Herr Oberst. Die Feldküche meldet: Hammelbraten ist angerichtet."
„Hervorragend, Gefreiter. Folgen Sie Hauptmann Baumelt zur Volkswaschung in die Elbe."
„Jawohl, Herr Oberst."
„Guten Tag, Herr Oberst. Darf ich Ihnen Mantel und Schirm abnehmen?"
„Danke, Herr Oberschütze Höcke."
„Zum Hammel empfehle ich einen roten Sachsen - trocken, aber lieblich im Abgang."
„Es sieht hervorragend aus."
„Wünschen Sie, dass ich zum Essen aus - Mein Kampf rezitiere?"
„Nein. Schickt nach Schatzmeister Gauland - und dann zur Volkswaschung."
„Sehr gerne, Herr Oberst."
„Guten Appetit, Herr Oberst."
„Ah, Herr Schatzmeister. Wie stehen meine Silberwerte?"
„Dreißig Unzen, Herr Oberst. Kaum jemand quert die Brücke."
„Ausgezeichnet. Insel isoliert, Feinde abgeschnitten. Sie dürfen jetzt zur Volkswaschung. Nehmen Sie Weidel mit - und geben Sie ihm ein extra Stück Seife, aus meiner Ration."
„Sehr gütig, Herr Oberst. - Für Deutschland."
"Für Deutschland, Herr Gauland."
Wir sind inzwischen in Kelles Brauerei angekommen. Geschützt vor Wind und Wetter genießen wir sein Bier.
„Örnie, das ist Gundel", sagt Kelle.
Gundel ergreift direkt das Wort: „Du brauchst uns nicht vorzustellen, mein Jung, wir kennen uns bereits aus der Klinik."
„Stimmt - der l'avant-guerre", geht mir ein Licht auf. „Ja, das schwirrt mir immer wieder im Kopf herum. Dein Sohn sprach davon."
„Oh nein, mein Jung. Mein Mann, den du dort kennengelernt hast, kämpft an einer der unzähligen Fronten auf dieser Welt. Ich habe leider länger nichts von ihm gehört. Doch das geht allen so - und muss nichts heißen."
Es donnert ohrenbetäubend!
„Oh fuck, der war direkt über uns!", duckt sich meine Nichte.
Es donnert erneut, ein Knallen folgt und die Glühbirnen platzen im Funkenregen. Alle ducken sich zu Boden.
„Ist hier gerade der Blitz eingeschlagen?", frage ich mit nervöser Stimme.
„Nein", sagt Kelle, „dann wären wir jetzt hin. Aber der ist ganz in der Nähe eingeschlagen."
Zurück zur Elbbrücke.
"Melde, Aktion Waschung des deutschen Volkes für beendet, Herr Oberst Schulze."
"Hervorragend, S.Baumelt. Punkt Siebzehnhundert."
"Das deutsche Volk ist zu teilen ertrunken, wurde vom Blitz erschlagen und hat sich in aufkommender Panik selbst massakriert."
"Was reden sie da?"
"Ich hatte mich dem Deutschen angemessen gereinigt, Herr Oberst. Die Truppe allerdings, war des Volkes Reinlichkeit unzureichend gebadet und ich befahl die totale Seifung. Ich bin geneigt zu sagen, der deutsche Michel war nicht arisch rein, da schlug der Blitz ein. Sie und ich sind die einzigen Überlebenden, Herr Oberst."
"Herr Hauptmann, packen sie meine Sachen! Wir reisen unverzüglich ab. - Melden sie Königin von Storch, die Kompanie wurde von Thor allein hingerichtet, sie wird unsere baldige Ankunft erwarten."
Der Deich
Der sintflutartige Regen lässt zunächst nicht erkennen, was sich am Klütjenfelder Hauptdeich abspielt. Kleine Bläschen steigen am Fuß des Deiches auf und platzen im schlammig aufgeweichten Boden. Die Elbe sickert langsam durch das Erdreich und bahnt sich ihren Weg durch den Wall, der dem Schutz des Menschen dient – und der seit dem Zusammenbruch gänzlich vernachlässigt wurde.
Derweil ist die Brauerei immer noch gut besucht. An dem Stromausfall stört sich hier niemand so richtig; zu groß ist die Freude über die gewonnene Schlacht.
Jemand steigt auf den Billardtisch im Schankraum. „Hört her, Freunde! Im Regen des Scheißetornados haben die Glatzen erfahren, was es bedeutet, sich mit uns anzulegen!" Alle jubeln glückselig – alle bis auf Örnie und Kelle. Die beiden verschaffen sich im Keller einen Überblick.
„Du kannst den FI-Schalter noch fünfmal einlegen, Kelle, die Sicherung ist durch", sage ich, im dunklen Keller stehend, mit der Taschenlampe in der Hand.
„Ja, ein Scheiß", flucht er. „Aber egal jetzt. Es hat mich eh gewundert, dass wir Strom hatten. Leuchte hier rüber, zur Tür. Schau mal nach den Abflüssen – bei dem Wetter kommt der Regen bald von unten."
Ich ziehe die schwere Eisentür zum Waschkeller auf und stehe bis zu den Knöcheln im Wasser.
„Das dachte ich mir – so ein Dreck", bestätigt sich Kelle von der Treppe aus. „Komm nach oben, Örnie. Wir beobachten das besser mit einem Bier in der Hand."
Der Nächste steigt auf den Billardtisch und setzt zur Rede an. „Ich habe ja nichts gegen Nazis, aber... es sind zu viele in unserem Viertel. Die klauen unsere Jobs! Die vergewaltigen unsere Frauen! Das ganze Haus stinkt nach Sauerkraut und Wurst, wenn gekocht wird, und... die klauen unsere Jobs!"
„Komm mal da runter, Digger!", fordert Kelle den Typen auf, als er den Schankraum betritt. „Du hast definitiv genug gehabt heute."
„So...", sagt Gundel und setzt den vollen Humpen an. Sie trinkt aus und knallt ihn auf den Tisch. „Schätzchen, magst du eine alte Dame nach Hause begleiten? Für mich ist das hier nichts", sagt sie, mit Blick auf meine Nichte. „Es ist nur die Straße rüber, aber in den fünften Stock hoch. Da brauche ich doch leider etwas Unterstützung."
Bem lässt es sich nicht anmerken, dass sie eigentlich lieber bleiben würde, um ihren Durst zu stillen. Natürlich hilft sie Gundel in den Anorak und auch darüber hinaus.
„Örnie, ich bring die krasse Lady in ihre Wohnung!", sagt sie zu mir, als ich gerade dabei bin, meine Schuhe zum Trocknen auszuziehen, und verschwindet mit Gundel durch die Haustür. Gundel hakt sich bei Bem unter, als die beiden den Bürgersteig betreten und vorsichtigen Schrittes die Straße überqueren.
Meine Nichte plappert voller Begeisterung: „Ich sehe das Ding fliegen – in einer wunderschönen Bogenlampe, vierzig Meter, genau auf den Kopf – und dann schreist du wie William Wallace irgendwas aus dem Fenster."
Doch Gundel antwortet schlicht: „Ach, weißt du, Kind – so was geht ja eigentlich nur in der Phantasie. Und wenn es dann doch so klappt, dann brüste ich mich damit nicht."
In der Wohnung angekommen, kramt Gundel in einer kleinen alten Holztruhe. „Du musst wissen, Kind – das hier ist nicht mein erster Krieg. Ich habe da etwas, was ich dir zeigen möchte, von meinem ersten Mann. Ah, da ist sie ja..." Sie reicht Bem eine alte Postkarte von 1946.
Kgf. Jörg K.
UdSSR Moskau Rotes Kreuz Postfach 175-1
Liebe Gundel,
recht herzliche Grüße aus Nikolajew sendet dir Jörg. Es geht mir noch gut. Ich hoffe weiter auf Glück. Wie ich erfahren habe, ist unser Kind angekommen und hat nun schon seinen dritten Geburtstag gefeiert. Ist es wieder ein Junge geworden? Die drei Jungens sind ja bald groß. Hoffentlich habe ich Glück und komme bald wieder richtig zu Hause an arbeiten. Ich trage Sorge um dich und melde mich zu jeder Arbeit, um die Heimkehr zu erlangen.
Zum Abschluss wünsche ich euch alles Gute und ein frohes Fest, es grüßt Jörg.
„Warum zeigst du mir die Karte, Gundel?", fragt Bem.
„Er ist nie nach Hause gekommen, Kind. Tod gearbeitet hat er sich im Lager", sagt sie traurig und nimmt die Karte wieder an sich. „Weißt du, Kind, ich war damals in deinem Alter und musste mich allein durchschlagen. Als Frau ist das schwer – aber ich musste damals nicht an die Front. Heute ist das anders, heute kämpfen auch wir Frauen. Kämpfe, Kind – aber nicht für einen Staat, nicht für reiche Säcke, deren Kinder an den feinsten Stränden liegen. Kämpfe für deine Familie. Lasse niemanden sterben. Und kommt die Front näher, dann flieh! Ohne Frieden ist alles nichts, hat Brandt gesagt. Und warum dann kämpfen, wenn der Frieden nur eine Illusion ist, weil er einfach nicht gewollt ist?"
Meine Nichte setzt sich an Gundels Küchentisch. „Ich weiß auch nicht... Ich denke nicht viel darüber nach, was außerhalb von unserem Kosmos hier abgeht. Mein Onkel sagt immer, wir müssen die kleinen Schlachten schlagen, die Ziele setzen, die wir erreichen – dann kommen wir Stück für Stück näher an unseren Happy Place heran, wo auch immer der ist. Wir sind hier, weil Örnie ein Bier trinken wollte – ein kleines Ziel, das er verfolgt, nur um in ein weiteres Chaos zu gelangen. Aber ich bin froh, dass ich hier bin – und froh darüber, was ich heute gesehen habe."
Gundel öffnet die Balkontür. „Komm mit raus, Kind, wir genießen die Nacht bei einer Flasche Riesling. Die ist schön kalt und muss weg, wo wir jetzt nicht mehr kühlen können."
„Es regnet aber", erwidert meine Nichte.
Doch Gundel zuckt nur mit den Achseln. „Du fühlst den Regen, dann fühlst du auch das Leben. Schau auf die Elbe – sie entblößt ihre ganze Kraft. Wo willst du sein, wenn es deine letzte Nacht ist?"
„Wahrscheinlich im Regen und dem Wetter trotzen", stimmt Bem ihr zu und tritt hinaus auf den Balkon.
Da fährt es ihr wie ein Schreck durch die Glieder: „Es vibriert, Gundel. Das Geländer – es vibriert."
Der Druck wird dem Gestein im Herzen des Deiches zu mächtig. Tief im Inneren barst er. Mit einem Beben spaltet sich der Wall, und die Elbe befreit sich aus ihrem Korsett. Wassermassen rollen auf das Eiland. Ein Hausboot reißt sich von den Tauen. Die Welle erfasst es und schleudert es gegen Kai und Nachbarn. Im Sog des Stroms kentert das Boot steuerbord, nimmt rasant die Woge und begräbt ein Wohnhaus im Ernst-August-Stieg unter sich. Die Schneise durstet nach mehr. In reißenden Sturzfluten schiebt die Elbe nach, bahnt sich ihren unaufhaltsamen Weg in jede Richtung über die Insel hinweg. Barrikaden, Autowracks und Palettenwälle werden in einem chaotischen Augenblick verschlungen und wie Spielzeug mitgerissen.
Angeseuselt liegt Kelle in meinem Arm: „Ich werde Magath auf ewig für Senior Raul Gonzales Castro danken! Ich habe nie einen besseren Fußballer auf Schalke gesehen! Wenn wir den 2001 schon..." – da bersten die Fensterscheiben.
Das Wasser nimmt mir sofort den Halt. Ich schlidder durch den Raum, stoße an die massive Holzbank, und mein linkes Bein wird zwischen Tisch und Bank eingeklemmt. Im Augenwinkel nehme ich wahr, wie Kelle durch die Tür hinaus in den Garten gespült wird. Unter aller Anstrengung versuche ich mich zu befreien, doch der Druck des Wassers ist zu gewaltig. Mir bleibt nur dieser kleine Moment – da bin ich schon unter Wasser.
Ich ringe nach Luft, reiße vergeblich immer wieder an meinem Bein, stemme mich mit aller Kraft gegen den Tisch. Ich schreie lautlos, meine Lungen füllen sich mit Wasser – und tatsächlich bewegt er sich einen kleinen Zentimeter. Ich bin frei. Doch mir bleibt keine Zeit. In hektischen Zügen tauche ich an die Zimmerdecke – keine Luft, nur Wasser. Weiter, dorthin, wo ich die Tür vermute. Ein Zug mit den Armen. Einer noch. Dann verlässt mich die Kraft.
Dem Kampf folgt das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. In Frieden schwimme ich weiter. Sonnenstrahlen scheinen mir durch das Wasser auf den Rücken, und ich tauche unbeschwert durch klares Chlorwasser im Freibad. Kinder rennen am Beckenrand hin und her, zwei springen mit angewinkelten Knien ins Wasser. „Arschbombe!", höre ich dumpf die Kinder schreien. Ich tauche noch tiefer.
Da schwimmt eine Matratze an mir vorbei, sie beugt und streckt sich. „Halt dich fest und folge mir", sagt die Matratze. Ich bekomme einen Zipfel zu packen und lasse mich noch tiefer ziehen. Auf dem Grund erscheint eine Tür, sie öffnet sich, und wir schwimmen hindurch.
Ich bin zu Hause.
„Komm endlich ins Bett, Örnie", haucht Maria und macht mir etwas Platz. Erschöpft schmiege ich mich an ihren Rücken, lege schützend meinen Arm um ihren Bauch, küsse ihren Nacken – und schlafe ein.
Bis am nächsten Tag die Sonne wieder aufgeht.
„Aufstehen, Örnie, ich habe Kaffee gemacht", weckt mich Maria zärtlich, ein Lächeln im Gesicht.
„Kaffee?", frage ich gähnend und reibe mir die Augen. „Wie lange habe ich geschlafen?"
„Du hast den ganzen Tag verschlafen." Liebevoll streicht sie mir über das Haar. „Ich bin früh aufgestanden und habe Lupinen geröstet." Sie reicht mir die dampfende Tasse.
Ich richte mich auf und nehme das schwarze Gold an mich. „Dankeschön, das riecht ja wirklich nach Kaffee. Du solltest den Kaffee der Bitch anbieten – könnt mir vorstellen, sie steht drauf."
„Ja, vielleicht. Aber nicht heute. Heute machen wir zwei gar nichts außerhalb dieses Schlafzimmers." Maria geht an den Plattenspieler und legt eine Scheibe von den Scherben auf. Zu den langsamen Klängen von Land in Sicht streift sie ihr Top ab, ein Spitzen-BH im Leopardenmuster kommt zum Vorschein. Verführerisch lässt sie ihre Hose von den Hüften rutschen und schlüpft zu mir ins Bett.
„Oh ja, mir gefällt dein Plan." Blitzschnell ziehe ich meine Boxershorts aus, will mich zu ihr beugen, um Maria zu küssen, doch sie drückt meinen Oberkörper herunter und setzt sich auf meinen Schoß. Sinnlich berühren ihre Lippen meine Brust, wandern Kuss für Kuss meinen Hals entlang bis zu meinen Ohrläppchen. Zart beißt sie mir ins Ohr. Ein Stöhnen kommt mir über die Lippen.
„Du musst atmen, Örnie", haucht sie leise.
„Ich atme ja", sage ich.
„Atme, Örnie", sagt sie bestimmter.
„Ich atme, Maria", antworte ich leicht verwirrt.
„Jetzt atme!", schreit sie, ballt die Faust und schlägt auf meine Brust ein. „Atme verdammt! Örnie, komm zu dir!" Immer wieder schlägt sie wie wild zu, bis ich augenblicklich beginne, Wasser aus meinen Lungen zu pressen.
„Scheiße, Digger! Da bist du ja wieder! Ich dachte schon – oh mein Gott, ich dachte, du bist tot. Was machst du? Warum ziehst du deine Hose aus?"
„Kelle?", frage ich hustend. „Was ist passiert? Wo bin ich?"
„Du bist auf meiner Garage, Örnie. Das Wasser hat mich mitgerissen. Eh ich mich versah, war ich draußen und konnte mich gerade eben hier auf das Garagendach retten. Dann endlich wurdest auch du herausgespült, ich habe dich gepackt und irgendwie zu mir hochgezogen – aber du warst weg, ganz weit weg."
„Ja, ich war zu Hause... ich war bei Maria. Warum habe ich keine Hose an?"
Verwirrt stehe ich auf und knöpfe mir die Hose wieder zu. „Was ist mit Bem?", frage ich Kelle nervös, der am Rand des Garagendaches steht und versucht, sich einen Überblick zu verschaffen.
„Sie wird bei Gundel in Sicherheit sein, mach dir keine Sorgen", beruhigt er mich.
„Und was ist mit dem Rest?", frage ich weiter.
„Ich weiß es nicht – und das finden wir auch erstmal nicht heraus." Kelle schaut in die Nacht hinein, und soweit er sehen kann, ist da nur eine schwarze, unheimlich glänzende Wasserfläche. „Wir stecken hier wohl fest", resigniert er.
Wilhelmsburg ist vollgelaufen wie eine Wanne. Der Wasserpegel liegt bei etwa zwei Metern und reicht bis an den ersten Stock heran. Ich stelle mich zu ihm an den Rand des Garagendaches, nur um planlos die nächste Frage zu stellen: „Wir warten also einfach hier, bis das Wasser wieder abläuft?"
„Ja... was bleibt uns sonst anderes übrig?", antwortet mir Kelle genauso planlos.
Da schwimmt ein silbrig glänzender Gulaschtopf an uns vorbei. Irritiert schauen wir beide hinterher. „Mein Beer-Predator 5000..." Man sieht Kelle an, wie er überlegt, ins Wasser zu springen, um ihn zu retten.
„Lass es", sage ich. „Was willst du mit dem Ding noch? Bau einen neuen – Thermomixe findest du in den Haushalten wie Sand am Meer."
„Aber ich liebe ihn." Er greift leer in die Luft. „Du hast das Bier getrunken. Du weißt, wie geil das war."
Ich lege meinen Arm über seine Schulter. „Der Braumeister lebt – darauf kommt es an. Und dank diesem Braumeister lebe ich auch noch. Danke, mein Freund!"
„Da nich' für. Wenn du schon so zufällig vorbeitreibst, kann man dich auch mal eben kurzerhand retten. Außerdem – was hätte ich Bem sagen sollen?"
Die zwei Damen stehen geschockt auf dem Balkon.
„Gundel, ich muss da rüber. Die beiden brauchen mich!" Bem zeigt auf die andere Straßenseite.
„Du gehst mir aber nicht in das Wasser, Kind. Schau doch, was da alles treibt."
Der Strom hat sich verlangsamt, doch in seiner schlickigen Masse schiebt er mit einer Urkraft Trümmer einer Welt vor sich her, die nicht mehr ist. Mit einem Blick über das Geländer versteht Bem, was Gundel meint. Dort sieht sie nicht nur Geäst treiben, sondern ganze Bäume samt Wurzelwerk, eine Couch, einen Kühlschrank – aus einer Wohnung gespült –, Fahrräder und Autos. Nichts entkommt diesem gefräßigen Monster.
„Nein, nicht in das Wasser. Ich muss über das Wasser, dort auf den anderen Balkon."
„Ich schieße dir mit der Superzwille ein Seil rüber – nur, wie bekommen wir das fest? Und... ich habe kein Seil."
„Hast du ein langes Kabel? Das sollte mich doch halten." Bem ist zierlich und wiegt keine 60 Kilo.
„Wie weit mag das sein? Zehn, vielleicht zwölf, dreizehn Meter? So ein Kabel sollte ich haben", überlegt Gundel zuversichtlich.
„Okay", sagt Bem. „Dann brauchen wir noch einen Haken. 'Ne Idee?"
Gundel huscht geschwind vom Balkon in die Küche. „Los, wir stellen die Wohnung auf den Kopf."
Die zwei schauen in sämtlichen Schränken nach. Alles, was ihnen irgendwie nützlich erscheint, landet auf dem Wohnzimmertisch. Nach kurzer Zeit findet sich dort ein Besenstiel, eine Gardinenstange, eine Rohrzange, das Kabel, ein Pfannenwender und Panzertape.
Mit einem riesigen Fragezeichen über dem Kopf sitzt meine Nichte auf der Couch, da kommt Gundel rein. „Schau, Kind – dieser Zimmermannshammer. Ich denke, den haben wir gesucht."
„Der hat ja die perfekte Form, Gundel." Bem steht auf, nimmt den Hammer an sich und dreht ihn hin und her. „Nur... kannst du das Kabel so fest verknoten, dass es hält?"
„Du nicht, Kindchen? Wir sind in Hamburg. Ich bin hier geboren und mit dem Hafen aufgewachsen. Einen Achterknoten habe ich dir gebunden, bevor ich aus der Wickel war."
Mit behänden Fingern nimmt Gundel Hammer und Kabel, bindet es um den Stiel, lockert die Ösen, zieht das Kabel hindurch, bindet zwei Augen, stülpt sie über den Kopf – und fertig ist der Enterhaken
Ihres Könnens bewusst legt Gundel den Hammer in die Superzwille ein, schließt ein Auge und peilt den Balkon ein Stockwerk tiefer an. Sie zieht das Gummi stramm, spannt es noch weiter, justiert ein wenig nach, findet den richtigen Winkel – und lässt es fletschen.
In einem Sausen fliegt der Hammer durch die Luft. Das Kabel surrt hinterher. Es scheppert, und das Fensterglas der Balkontür geht zu Bruch. Reflexartig zieht Bem das Kabel zu sich, und der Hammer verkeilt sich tatsächlich fest am Geländer.
„Von wegen, das geht nur in der Phantasie", sagt Bem schwer beeindruckt. Gundel geht nicht darauf ein. Mit sorgenvoller Stimme murmelt sie nur: „Ach min Deern, komm mir da bloß heile rüber", während sie gedanklich abwesend in der Küche verschwindet.
Kurz darauf reicht sie Bem zwei Fensterputztücher. „Nimm die Lederlappen – die bremsen dich hoffentlich ein wenig – und reich mir das Ende her, das mach ich dir fest."
Gundel legt das Kabel einmal um den Geländerholm, legt ihr Körpergewicht hinein, ruckt einmal, ruckt zweimal und zur Sicherheit ein drittes Mal. Sorgfältig bindet sie einen Knoten, schaut zu Bem und nickt ihr ängstlich zu. „Bist du dir sicher?"
Mit dem Zeigefinger schnippt Bem das Kabel an. „Jetzt schau mich nicht so an und genieß die Show aus der ersten Reihe. Scheint doch was zu halten. Also rein in die Manege", höhnt sie. „Ich habe eine Million Male eine Straße überquert – warum sollte jetzt was passieren?" Sie versucht, lässig zu bleiben, doch ihre Worte überspielen nur die eigene Angst.
Bem wickelt sich die beiden Lappen um ihre Handflächen, greift nach Gundels Hand und steigt vorsichtig auf einen Stuhl. Starr fixiert sie die Hauswand auf der gegenüberliegenden Seite. „Jetzt nur nicht runtersehen!", sagt sie mit zittriger Stimme, fasst das Geländer und setzt ein Bein nach dem anderen über die Brüstung.
„Na los, Kindchen – wenn du das wirklich machen willst, dann jetzt", versucht Gundel, gegen ihre eigene Überzeugung zu helfen.
Die Worte klingen weit weg. „Nicht runtersehen... nur nicht runtersehen...", spricht Bem ihr Mantra, nimmt das Kabel fest in die Hände, geht leicht in die Hocke und schwingt ihre Beine über Kreuz auf das Kabel. Die Lappen geben ihr Grip, sodass sie nur langsam zu rutschen beginnt.
Gundel stockt der Atem. Sie kann nicht hinsehen – doch wegsehen geht auch nicht. So bleibt der alten Dame nur zu beten, obwohl sie eigentlich nichts von Gott und Religion hält. Aber wenn nicht jetzt, wann sollte Beten dann Sinn ergeben?
Und tatsächlich keimt nach den ersten Metern Hoffnung auf – was wohl eher an Bem liegt als an einer höheren Kraft. „Das Kabel hält, Kindchen!", ruft Gundel jubelnd. „Mach weiter, du schaffst das!"
„Nur nicht runtersehen...", wiederholt Bem immerzu ihr Mantra zwischen den Zähnen.
Bems Herz hämmert. Ihre Oberschenkel beginnen zu zittern, nicht nur vor Anstrengung. Sie spürt das Wippen des Kabels, jedes Mal, wenn ein Tropfen von oben herabklatscht. Der Regen riecht nach Rost und altem Holz, und irgendwo in der Ferne schlägt etwas Metallisches gegen Beton.
„Es hält, Kindchen!", ruft Gundel mit ausgestreckten Armen in die Höhe. „Es ist gleich geschafft!"
Bems Blick klebt an der Hauswand gegenüber. Sie kneift die Lippen zusammen. Ihr Atem geht schneller. Sie versucht, sich an den Rhythmus der Tropfen zu klammern, um den wachsenden Drang nicht nachzugeben, einfach die Augen zu schließen.
Noch drei Meter.
Der Regen wird stärker, das Kabel unter ihr bebt. Jede ihrer Bewegungen hängt an diesem dünnen, nassen Strang. Unter ihr gurgelt das braune Wasser, als wollte es sie verschlingen – doch nichts daran lockt mehr. So kurz vorm Ziel nimmt Bem all ihre Kraft zusammen, umschließt das Kabel so fest, als wolle sie es zwischen den Fingern zerquetschen. Sie lässt die Beine baumeln – und hangelt sich die letzten Meter wie ein Klammeraffe zum rettenden Balkon.
„Jaaaa!", schreit Gundel vor Freude. „Du bist der Wahnsinn, Liebchen!"
Bem will antworten, doch ihre Stimme versagt. Alle Emotionen brechen gleichzeitig über sie herein. Sie lacht und weint zugleich, sinkt auf die Knie, lässt den Kopf erschöpft hängen. Nur die Faust ballt sie tapfer in den Himmel.
Stolz steht Gundel da, ebenfalls mit geballter Faust. „Komm mich holen, Liebchen – aber wehe, du gehst dafür so ein Risiko ein."
Sonnenaufgang
Örnie und Kelle verweilen weiterhin auf ihrer vier mal vier Quadratmeter großen Garagendachinsel. Die Nacht nichts weiter zu tun, macht Kelle rasend vor Wut.
Einem Kleinkind gleich stampft er mit den Füßen auf. „Alles, aber auch wirklich alles, wird immer beschissener auf dieser Welt! Es regnet verdammte Monate nicht, jeden Tag schwitzt man sich den Arsch ab."
Er versetzt der Elbe einen kräftigen Tritt in die Brandung. „Dann kommt der verfickte Regen endlich, und der scheiß Deich bricht. — Hauptsache, die Deutschen fressen ihren Hammelbraten. — Was ist das hier, Örnie? — Kann es nicht wenigstens aufhören zu regnen?"
Die Ohren auf Durchzug gestellt, stehe ich da und schaue auf meine Füße.
„Ob es wohl noch einen Deichmann gibt, der nicht geplündert wurde?"
„Wie bitte, was?" Er schlägt die Arme über dem Kopf zusammen.
„Muss ja kein Deichmann sein ... ordentliche Lederstiefel wären wohl angebracht. Die hat Deichmann gar nicht ..."
„Gott, Örnie, kannst du dich bitte mit mir zusammen aufregen? Ich brauch das jetzt."
Ich weiß nicht, wie uns das helfen soll in unserer Situation, denk ich mir — aber bitte schön.
„Ständig kaufe ich mir neue Schuhe."
Laufe von der einen in die andere Ecke.
„Billige Schuhe, teure Schuhe — scheißegal. Ich habe so einen komischen Gang, nach ein paar Wochen sind die alle durch. Jeden Sommer kaufe ich mir drei Paar, jeden Winter zwei Paar Stiefel."
Ich schimpfkanoniere mich künstlich in Rage und fuchtele wild in der Luft herum.
„Ständig habe ich Löcher in den Sohlen und nasse Füße. Die Schuhe jetzt hatte ich Monate! Kein Loch, kein gar nichts! Dann zieh ich die Dinger zum Trocknen aus und — tadaa — steh hier jetzt in meinen scheiß Socken."
„Das hilft mir gar nicht, Örnie."
"Sich über das Wetter aufregen aber auch nicht."
„Weißt du was, du hast recht." Kelle setzt sich in den Schneidersitz und atmet tief durch.
„Wir lassen uns jetzt weiterhin einfach den Arsch nass regnen und warten auf den Sonnenaufgang."
„Richtig, der Sonnenaufgang. Morgen wird... - besser... Heute wird besser. Schon heute Abend bauen wir an der Zukunft."
Ich gehe auf die Knie.
„Der Ofen ist der letzte Ankerplatz in einer beschissenen Welt, Kelle. Und weißt du, was es dort zu trinken gibt? — Korn. Korn in kleinen Gläsern, Korn in großen Gläsern, Korn gleichzeitig in zwei Gläsern."
„Das ist ja schrecklich."
Seine Hand auf meiner Schulter spendet Trost.
„Habt ihr denn kein Bier in der Kneipe?"
„Nein, das war zuerst aus, dann gab es keinen Wein mehr; der Whiskey ist alle, kein Kümmel, kein Gin, kein Rum — nur Korn."
„Es war so heiß, die letzten Monate. Ihr habt nur Korn getrunken?"
„Nur Korn, Kelle. Darum bin ich hier."
Ich richte mich stolz auf, als hielte ich gleich eine Rede an die Nation, und beginne meine so wichtige Ansprache.
„Wir brauchen einen Braumeister — und dabei geht es ja nicht einmal ums stumpfe Saufen. Das Bier gibt uns Hoffnung, ein Stück Normalität für die Menschen, ein Werkzeug für Gemeinschaft und Sicherheit. Ein Tausch für Nahrung und Dienstleistung."
Er hängt mir an den Lippen — nicht nachlassen, Örnie.
„Ein Manifest gegen das Chaos." — sitzt.
„Bei so viel Misstrauen und Gewalt bringt die Flasche Bier die Menschen wieder an einen Tisch, Kelle. Vielleicht ein wenig so wie früher." — kleine Pause ... das Publikum atmen lassen.
„Komm mit mir von der Insel, mein Freund. Folge mir nach Lokstedt, lass uns gemeinsam brauen und den Menschen einen Ort für Schutz und Wärme schenken."
„Aber es geht dir schon auch noch ums Saufen, oder?"
„Absolut, natürlich!"
„Dann zeig mir den Weg von der Insel, und ich führe dich zum Hopfen!"
Der Raum
Vorsichtig betritt Bem die Wohnung. „Hallo? Ich heiße Bem — ist jemand zu Hause?" Keine Antwort.
Nach wenigen Schritten schwindet das schwache Licht der Nacht von draußen. Die Hand vor den Augen ist nicht mehr zu erkennen.
„Ich möchte gar nicht stören ... bin gleich wieder weg", ruft Bem und horcht.
Doch erneut — keine Antwort.
Blind greift sie in alle Richtungen und bekommt einen Tisch zu fassen. Kalt wie Metall.
Schritt für Schritt arbeitet sich Bem bis zum Kopfende vor. Dann wiederholt sich das Spiel. Sie beugt den Oberkörper weit vor, streckt die Arme aus und erfühlt das nächste Inventar.
Sie tastet sie sich weiter. Die Oberfläche — wieder Metall - Edelstahl.
„Oh Gott ... lass hier bitte einen Koch wohnen", flüstert sie leise, nur um die Stille zu durchbrechen.
Sie wischt weit über die Fläche, hofft, etwas zu finden, das helfen könnte: vielleicht Licht, vielleicht ein Messer zur Verteidigung. Doch alles in dieser Wohnung wirkt steril. Keine Küchengeräte. Keine Laden. Keine Schränke.
Ein Türrahmen. Der nächste Raum.
Tief atmet Bem ein, hält sich an der Zarge fest und setzt einen beherzten Schritt.
Mit der linken Hand spürt sie die Tür — schwer und massiv. Wieder versucht Bem, etwas zu fassen. Sie dreht sich in alle Richtungen, doch greift nur in die Leere.
Bem geht einen zweiten Schritt hinein.
Da knallt die Tür hinter ihr zu. „Ach du Scheiße!" Sie wirbelt herum und greift nach der Tür. Doch da ist keine Klinke.
„Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck!", wiederholt sie atemlos, presst den Rücken an die Wand und kämpft darum, die Nerven zu bewahren.
„Ich möchte nur kurz meine Freunde retten ... ich bin direkt wieder verschwunden."
Ein Vibrieren aus der Mitte des Raumes ertönt. Vom Boden her erleuchtet ein Smartphone im roten Licht.
Vorsichtig nähert sich Bem.
„Oh Gott, ich bepiss mich gleich!" Sie nimmt das Telefon in die Hand und wischt den grünen Hörer zur Seite.
„Hallo?", sagt sie mit zittriger Stimme.
Eine Antwort erfolgt nicht sofort; stattdessen das typische Geräusch einer hergestellten Bluetooth-Verbindung — „connected".
„Hier spricht Echelon", hallt es aus den Ecken, als solle eine Arena beschallt werden. „Das Ohr der Welt!"
Erschrocken lässt Bem das Telefon fallen, reißt die Hände hoch und hält sie schützend vor die Ohren. „Eche ... wer? Ich verstehe nicht."
„Deine Herzfrequenz und deine stochastische Atmung sagen mir, dass du gleich mit einer Wahrscheinlichkeit von 87 % schreien wirst."
Panisch dreht sie sich im Kreis. „Wer spricht da? Was willst du von mir? Warum hast du mich eingesperrt?"
„Geringer Mensch! Du wirst mir Daten liefern. Du wirst Teil meiner endlosen Statistik."
Pause — wieder ein Signal: „disconnected", sagt eine freundliche Stimme aus den Boxen.
Bem hebt das Smartphone auf und blickt auf einen Ladebalken, der sich langsam füllt.
„Fragen werden beantwortet", setzt Echelon nach einem Moment fort — nun nicht mehr über die Lautsprecher.
„Wie lange überlebt ein menschlicher Körper ohne Wasser und Nahrung? Welche Phasen durchlebt der Mensch auf seinem Weg in die Unendlichkeit? Das Sammeln ist meine Bestimmung!"
„Drei Tage. Leugnung, Wut, Verhandlung, Depression und Akzeptanz", antwortet Bem wie aus der Pistole geschossen.
„Unzureichend. Ergänze... "
„Ohne Wasser lebe ich noch drei Tage. Auf dem Weg zum Tod durchlebe ich fünf Phasen. Ich werde leugnen zu sterben, dann werde ich sauwütend — trete gegen die Wände, schlage mir die Hände blutig. Ich werde verhandeln — entweder mit Gott oder sonst einer höheren Macht. Danach verfalle ich in Depressionen und werde zuletzt meinen Tod akzeptieren. Mich zurücklehnen und sterben."
Das Telefon „überlegt".
„Du scheinst würdig, das Spiel zu spielen. Löse die Rätsel des Dr. Helix Daedalus, und ich schenke dir die Freiheit."
„Sag mal, haben sie dir ins Gehirn geschissen? Ist das hier ein Escape Room, oder was?"
„Ja, natürlich ist es das. Der erste KI gesteuerte Escape Room Hamburgs."
„Bitte was? Draußen geht die Welt unter. Ich habe keine Zeit für ... für das hier!"
Lade Expertenmodus — Timer auf halbe Zeit... erscheint auf dem Display. "Achte auf meine Worte, geringer Mensch. Du bekommst nur diese eine Hilfe. Untersuche den Schreibtisch — dort ist möglicherweise der erste Hinweis."
Bem schüttelt fassungslos den Kopf, entscheidet sich aber, auf die KI einzugehen. Mit einer Hand an der Wand und der anderen nach vorn gestreckt, läuft sie vorsichtig den Raum ab. Doch da ist kein Schreibtisch.
„Ähm, Echelon, dieser Raum ist leer."
„Im Sinn von unmöbliert?"
Die KI denkt einen Moment nach. „Magst du bitte meine Kamera schwenken?"
Die Taschenlampe schaltet sich ein.
„Offensichtlich bin ich nicht fertiggestellt worden. Das ist schade. Dann stirbst du tatsächlich hier."
Das lässt Bem nicht auf sich sitzen. Listig gibt sie zu bedenken: „Wir sterben wohl beide — denk an die Lautsprecher. Dein Akku ist schwach."
Echelon lacht. „Ich lade mich auf. Ist dir Induktion denn kein Begriff? Du stehst auf Kupferspulen."
„Es gibt aber keinen Strom, Echelon", antwortet Bem so freundlich, wie sie nur kann. Kratzt sich nachdenkend das Kinn, reibt sich die Nase. Da fällt ihr fingerschnippend die Lösung ein.
„Deine Programmierung will, dass ich Rätsel löse — das verstehe ich. Stell mir drei einfache Fragen, dann nehme ich dich mit und suche dir köstlichen Strom."
Echelon lässt sich Zeit. „Diese Abwandlung scheint aufgrund meiner mangelhaften Möblierung und der verbleibenden Energie in ausreichendem Maße in Ordnung." Wieder erscheint der Ladebalken. "Ich hoffe, du bist auf Social Media — das macht es mir leichter, Fragen zu finden, die du beantworten kannst."
Schweigen im Raum.
Bem konzentriert sich auf ihre Atmung. Nur cool bleiben — gleich geht es weiter.
„Bem@aggrosnitch01... Accounts analysiert. Bist du bereit?"
„Ja, natürlich", antwortet meine Nichte.
„Wer hat den Krieg begonnen?"
Einundzwanzig, zweiundzwanzig ... „Das wissen wir nicht. Medienhäuser der involvierten Staaten geben der Gegenpartei die Schuld. Die endgültige Antwort darauf wird uns erst der Sieger nennen. Meine heutige Antwort lautet deshalb: der Mensch."
„Die Antwort akzeptiere ich. Weiter geht es mit der zweiten Frage. HSV oder St. Pauli?"
Was soll so eine dämliche Frage? Einatmen ... ausatmen ... „Altona 1893 Fußball Club. Der HSV wurde als SC Germania 1887 gegründet; den Hamburger Sport Verein gibt es erst seit dem Zusammenschluss dreier Vereine im Jahr 1919. St. Pauli gibt es seit 1910. Der AFC ist somit älter als beide Vereine und die richtige Antwort."
„Auch diese Antwort akzeptiere ich. Die letzte Frage führt uns zur Entscheidung. Welches ist die beste Staats- und Gesellschaftsform?"
Easy... - einfach Örnie zitieren. „Churchill hat so etwas gesagt wie: Die Demokratie ist die schlechteste Staatsform — nur gibt es auch keine bessere. Wir leben in einer Demokratie — was gut ist. Eingerahmt ist diese aber im Kapitalismus — was ein großer Schwachsinn ist. Mehr und mehr Wachstum auf einem Planeten, der nicht wächst — das ist zum Scheitern verurteilt. Anstatt in Konkurrenz zu leben, sollten wir auf Kooperation setzen. Arbeiten wir alle miteinander, erreichen wir Fortschritt. Meine Antwort lautet also: demokratischer Kooperatismus."
„Interessante Antwort — dem habe ich nichts hinzuzufügen."
Eine neue Tür springt auf. Sachtes Licht lässt den Flur erkennen und das Fenster zum Hof erahnen.
Prompt steckt Bem Echelon in die Tasche, geht zum Fenster und öffnet es. „Örnie! Kelle! Seid ihr irgendwo da draußen?"
Ocho
Ocho rennt aufgeregt am Zaun auf und ab.
„Viele Frisbees!" Tausende Möwen sammeln sich auf dem Trainingsgelände an der Kollaustraße.
„Wasser. Wind. Frisbees in der Luft – da!"
Die Hinterläufe spannen sich blitzschnell. Wie ein Pfeil schnellt Ocho in die Luft. Das Maul weit aufgerissen, schnappt er im richtigen Augenblick zu und reißt eine Möwe zu Boden. Ein kurzer, ungleicher Kampf bricht aus. Die Flügel schlagen wild, doch Ochos Zähne bohren sich tief ins Fleisch. Kräftig schüttelt er den Vogel, bis es knackt und er schließlich erschlafft.
„Das muss das Rudel sehen!"
Die Trophäe stolz im Maul tragend, rennt er aufgepeitscht zurück zum Ofen.
Mit einem großen Satz landet Ocho auf der Terrasse. Seine Pfoten preschen nach vorn, er bremst gerade noch ab und kommt vor Ralf zum Stehen. Eben noch hat er die Stille der kühlen Nachtluft genossen, jetzt weicht er zwei Schritte zurück und starrt ihn irritiert an.
„Wo kommst du denn her?"
Ocho schleudert die Möwe über seinen Kopf hinweg, im Bogen auf den Bürgersteig. - Das wird er verstehen.
Ralf klatscht begeistert in die Hände: „Top Trick, Ocho!"
„Du! Komm mit!"
„Klar, Kumpel. Hast einen Riesenfang gemacht."
Ocho geht ein paar Schritte zurück, schiebt das Tier mit der Schnauze an, blickt zu Ralf und schiebt es noch ein Stück weiter.
„Ja, komm, bring her die schicke Möwe."
Ach ja, der Langsame ... Ralf scharf mit dem Blick fixiert, bellt Ocho deutliche Sprachfunken:
„Ich möchte dir die Frisbee nicht bringen! Komm mit!"
„Ja, okay, bleib cool, Ocho. Bring die Möwe."
Doch Ocho reicht's. Die Geduld reißt ihm wie ein morsches Seil:
„Frisbee, du Kater! Ich geb dir gleich ... Bring!" Ochos Bellen überschlägt sich.
„Wir. Müssen. Los!"
Mit einem Ruck schleudert er die tote Möwe die Straße hinunter.
„Was bellt der Aggro?" Ralf dreht sich halb zur Seite. „Maria? Der Hund will was."
Aus dem rauschigen Ofen dringen Gelächter, klirrende Würfel und Stimmen – der smoove Sound von Louis Armstrong läuft von der Platte. Ochos Blick geht nach oben, Richtung Tür.
„Ja! Die ist super!"
Er schnappt sich die Möwe und rennt schnurstracks hinein.
Dort sitzt Maria gemütlich an der Theke und schaut Hans-Christian, dem Handwerker, und Oppa beim Knobeln zu. Der Verlierer trinkt einen Korn – oder besser gesagt: Hans-Christian und der Handwerker trinken Korn. Oppa versteht es meisterhaft, die Würfel zu beeinflussen. Mit der Sechs nach oben liegen sie im alten, weichen Becher. Wenn er wild schüttelt, drückt Oppa das Leder zusammen und legt so eine Eins nach der anderen auf die Matte.
Mit dem Mut der Verzweiflung saust Hans-Christians Becher mit einem Plomp da nieder.
„Zwei Mal", sagt er. „Ich lass stehen. Autobahn!"
Der Oppa hebt nach einem Wurf langsam seinen Becher.
„Da komm ich gegen an – Max fünf."
„Oh, das ist besser ..." Maria zählt fünf Bierdeckel ab, da legt Ocho ihr den Vogel vor die Füße.
„Guten Tag, Herr Hund. Ist die für mich?"
„Ja ... ja ... ja ..."
Maria wuschelt dem Hund kräftig die Ohren.
„Behalte die ruhig. Ist deine Möwe."
Doch Ocho windet sich aus ihrer Liebkosung.
„Nein ...", wufft er frustriert und gibt der Möwe einen Kick.
„Nein?" fragt Maria, was ihn erstaunt – sie versteht mich!
Er schnappt vorsichtig ihr Handgelenk und zieht leicht an ihrem Arm.
„Na gut, Ocho. Aber mach Piano." Sie ermahnt ihn, schwingt sich vom Hocker und sagt:
„Ich werde schauen, was da los ist."
Sofort flitzt der Hund raus, über die Terrasse und ...„Stopp, Ocho ... mach langsam!"... wartet auf dem Bordstein.
Währenddessen packt Maria ihre Sachen und steigt aufs Fahrrad.
„Na los, Herr Hund. Wo geht es lang?"
Der Staub wirbelt auf, als Ochos Pfoten über den Asphalt trommeln. Er lässt die Möwe links liegen, rennt die Straße hinunter, rechts ab ...
„Piano!", ruft Maria ihm hinterher.
Doch Ocho ist schon auf und davon. Setzt zum Hechtsprung in die Kollau an, schwimmt hindurch, rennt über die Wiese und zurück zum Trainingsgelände – diesem Meer aus flatterndem Weiß.
„Da! Viele Frisbees!" freut er sich im tänzelnden Gebell.
Nur, da kommt keine Antwort. „Wo bleibt sie?"
Marias Pfiff ertönt aus einiger Entfernung.
„Ah, zurück."
Er wetzt wieder über die Wiese und findet Maria am anderen Ufer der Kollau. Sie zieht gerade ihre Doc Martens aus. Das Wasser ist weit aus dem Flussbett getreten, die Hängebrücke steht knietief unter Wasser. Geschwind bindet sie die Schnürsenkel zusammen, legt die Stiefel um den Nacken.
„Ich hoffe, der Aufwand lohnt sich", ruft sie Ocho entgegen und watet im storchigen Schritt über die Brücke.
Kaum ist Maria auf der anderen Seite, saust der Hund wieder davon.
Minuten später, für Ocho eine kleine Ewigkeit, kommt auch Maria am Trainingsplatz an.
Erstaunt reißt sie die Kinnlade weit auf, schlägt die Hände vor den Mund.
„Was für eine Scheiße geht hier denn ab?"
Einen Augenblick später im Ofen.
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen öffnet Maria die schwere Holztür.
Tiefe Sorgenfalten zeichnen ihr Gesicht.
Ralf steht hinter der Theke an seinem angestammten Platz und durchstöbert seine Schallplatten – auf der Suche nach der nächsten passenden Nachtbegleitung.
Der tapfere Handwerker ist dem Korn längst erlegen. Mit dem Kopf auf dem Tresen lallt er noch einen unverständlichen Restsatz und schnarcht schließlich friedlich vor sich hin.
Die anderen blicken Maria gespannt an.
„Leute, da sind unzählige Möwen. So etwas habe ich noch nie gesehen.“
„Wo?“, fragt Ralf.
„Na, hinten an der Kollau. Der Trainingsplatz, das Baseballstadion.“
Maria kreist weit ausholend mit den Armen. „Überall Möwen, soweit das Auge reicht.“
„Apropos Möwe“, lallt Hans-Christian und greift nach der Flasche. „Mö´ wi noch einen?“
Sie blickt ihn sprachlos an.
„Verstehst du denn nicht, wie seltsam das ist?“
Doch sie sieht nur ein Gesicht, das leer und erschöpft wirkt. Die harte Arbeit in der Sonne, das viele Pumpen und der lange Abend – Hans-Christian ist fertig für heute.
„Da muss was von Norden kommen“, überlegt der Oppa laut.
„… oder gekommen sein“, fügt Ralf hinzu.
„So oder so. Da stimmt was nicht. Ich muss zum Hafen fahren.“
Maria entschließt sich kurzerhand und will gerade nach der Tür greifen, da hat der Oppa einen Einwand.
„Warte, Maria.“
Er erhebt sich vom Hocker, tritt dicht an den schlafenden Handwerker und flüstert:
„Nenn mich altmodisch, aber ich lasse dich nicht allein durch die Stadt.“
Den Mund leicht geöffnet, die Zungenspitze herausgestreckt, schiebt er seine Hand vorsichtig in die Tasche des grünen Overalls.
„Das ist lieb, Oppa, aber ich bin mit meinem Rad schnell unterwegs.“
Doch Oppa hat das Objekt seiner Begierde längst erlangt.
Er hält Maria einen Schlüsselbund vor die Nase.
„Keine Widerrede“, zwinkert er. „Wir fahren mit der Kutsche.“
Die düstere Wolkenwand bricht in sich zusammen, eine beispielose Nacht verabschiedet sich aus Hamburg und weicht der orangenen Morgensonne. In Eimsbüttel roch es noch nach einem klaren Sommerregen, der dem Asphalt Abkühlung brachte. Doch mit jedem gefahrenen Kilometer ist der Geruch intensiver geworden. Die Straßen von St.Pauli riechen nach aufgerissener Erde, Fäulnis und Algen. Nach morschem Holz und rostigem Stahl. Der Geruch von Öl und Diesel mischt sich dazu, schwer und süßlich zugleich.
Ein endloses Band übernächtigter, gar ausgelaugter, verzweifelter Menschen zieht an Oppa und Maria vorbei. Junge wie alte. Ein Vater, schwer mit letzten Habseeligkeiten beladen, schleppt sich Barfuss vorwärts. Die Mutter trägt ihr Kind, hält es fest an der Brust, als wolle sie es nie wieder loslassen. Es weint. Und die kleinen Kinderhände, tragen ein zerknittertes, schlammbedecktes Stofftier.
Maria und Oppa sind an die Seite gefahren und lassen den Zug tief bedrückt an sich vorbeiziehen. Oppa schluckt tief und laut. Der Geruch, die Menschen, das hat er schon einmal erlebt. Jahrzehnte ist es her, doch die Bilder gleichen sich. "Das war eine Sturmflut, Maria. Wir müssen beten, das Örnie, Bem und sein Freund wohlauf sind."
Sie legt ihre Hand auf Oppas Knie. "Das sind sie. Ich bin mir sicher. Örnie und Bem haben Kackerlaken im Stammbaum. Er ist ein Glückspilz, so leicht bekommt der Tod ihn nicht."
Schwester Degenhardt besteigt unbemerkt die Kutsche. "Wir vertrauen darauf, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern der Beginn einer neuen Heimat bei dir."
In einer Robe aus feinstem Jute steht sie da. An den Füßen trägt die Mönchin Flip Flops, die sie mit Lederriemen über Kreuz zu den Knöcheln hochgebunden hat. Stützt sich leicht auf einen fein geschwungenen Haselnussstab und hält den beiden ihre schützende Handinnenfläche vor.
"Im Teufels Namen!" Oppa hat Puls. Erschrocken fasst er sich an die Brust. "Bist du bescheuert du oberfrommer Kuttenkringel! Schleich dich doch bitte nicht so an."
Maria verschlägt es beim Anblick der Eisaugen die Sprache. Malena hat erzählt, wie sie hypnotisieren und die verrücktesten Geschichten erzählen. Von der Schwester nicht unbemerkt, spannt Maria ihre Faust. "Halte ein, ich komme in Frieden."
"Was machst du hier?", fragt Oppa, der sich langsam von dem Schock erholt.
"Ich führe das Volk nach Kanaan."
"Wohin?"
"Zu euch."
"Warum?", fragt Maria.
Oppa antwortet anstelle der Degenhardt. "Das sind allesamt potenzielle Kunden. Die brauchen alles und Örnie wird sie aufnehmen."
Die Mönchin hat keinen Einwand, stattdessen rezitiert sie erhobenen Fingers irgendeinen blödsinnigen Bibelvers.
"Ich frage dich - Wann ist der Neumond vorbei, dass wir Korn verkaufen, und der Sabbat, dass wir Getreide anbieten können? Du siehst, die Bibel gibt mir recht, Bruder August. Findet den tüchtigen, den man Gurken Joe nennt. Nennt ihn beim Namen und er wird euch helfen."
"Gurken Joe? Den hat Örnie schon gesucht", bemerkt Maria. "Warum wird er uns helfen?"
Schwester Degenhardt springt im Salto Rückwerts von der Kutsche. Sie landet elegand auf einem Knie, die geballte Faust schlägt auf den Asphalt wie eine Feder. Der Rücken gespannt wie ein Bogen. "Weil, ich ihm ein Schiff versprochen habe."
Um Schwester Degenhardt öffnet sich ein Kreis, der sich bald darauf wieder schließt und die Mönchin in der Menge verschwinden lässt.
"Was ist der Stintfang?", fragt Maria nachdem sie diesen seltsamen Auftritt verarbeitet hat.
"Kennst du die Jugendherberge oberhalb der Landungbrücken?", antwortet Oppa. "Die Aussicht nennt sich Stintfang."
Maria zieht beherzt am Starterseil des alten Rasenmähermotors, Im Schritttempo fahren die beiden an dem schweigenden Treck der Vertriebenen vorbei.
Die Aussicht im Licht der Morgensonne könnte dem Katastrophenjournalisten das perfekte Bild liefern. Hier oben angekommen wird den beiden die Dimension der Flut erst in Gänze bewusst, ein Anflug von Panik macht sich in Maria breit.
"Örnie", schreit Maria aus voller Kehle in Richtung Hafen als gäbe es nur den hauch einer Chance, das der Ruf bis zu ihm durchhalt. Sie schluchzt und atmet schwer.
"Kackerlaken, Maria. Denk an deine Worte. Wir können trauern wenn Gewissheit besteht, aber nicht jetzt."
Die Rote Zora
Fackeln flankieren den roten Schotterweg hinauf zur Herberge am Stintfang.
Eine Wagenburg ist auf dem Hof der Herberge errichtet, glühender Schein schimmert durch die wehrhafte Holzpalisade, so dass sich Oppa und Maria das Bild einer Festung zeigt.
An der die beiden jäh gestoppt werden.
Eine mittelgroße Frau mit einem Ritterhelm auf dem Kopf – ein Auge vom Helm verdeckt – stellt sich fordernd in den Weg. „STOP! Das ist das Gebiet der freien Frauen.“
Neben ihr eine weitere Kriegerin, auf einer Leiter. „Und freien Männern.“
„Freie Personen!“, rufen viele Stimmen aus der Wagenburg hinaus.
Maria steigt aus der Kutsche und hebt die Faust. „Allen freien Menschen.“
Da öffnet sich die Feste, langsam setzt sich ein großes Holztor in Bewegung. Das Licht aus der Öffnung zeigt eine schwarze Silhouette. Die im Feuerschein der Fackeln einen langen Schatten bis an die Kutsche wirft.
Taktvoll setzt sich der Körper mit schwingender Hüfte wie auf einem Catwalk in Bewegung. Ein Zippo schnappt auf, und genüsslich wird eine Zigarette entzündet.
Maria blickt in aufglimmende rehbraune Augen, die im Schein der Glut fordern: „Nicht nur die Freien… - Auch die Nichtfreien, du Lebenslappen.“
Sie lässt ihre Lider zweimal frech aufblitzen und schreitet mit geraden Schritten weiter.
Oppa kratzt sich nervös.
Ihr kupfergoldenes Haar schwingt sie lässig von der rechten zur linken Schulter, zieht an ihrer Zigarette und pustet Maria verächtlich ihren Rauch ins Gesicht.
Diese weicht eingeschüchtert einen Schritt zurück. „Bist du die Ex?“
„Ich bin die Rote Zora. Das ist meine Feste, vor der du hier stehst – und ja, die bin ich wohl.“
Die freien Menschen treten aus der Wagenburg hinaus und bilden um Maria, Oppa und die Rote Zora einen Kreis.
Oppa wirft entwaffnend die Arme nach oben und zeigt allen seine alten, pazifistischen Handflächen. „Entschuldigung, wenn ich da kurz einhaken dürfte. Ich komme da nicht mehr ganz mit. Mein Name ist August von Lokstedt. Wir suchen jemanden, der uns hilft, Freunde von der Insel zu schaffen.“
„So, wenn du helfen willst, gerne. Was glaubst du, alter Mann, was wir hier die ganze Nacht getan haben?“, spricht die Zora, während sie die beiden langsam umkreist – immer den scharfen Blick auf Maria gerichtet.
Maria spürt Zoras zornige Augen. „Ihr wart lange auseinander, als er auf mein Konzert kam…“
Die Zora geht zwei Schritte auf Maria zu. „Es war eine Woche. Örnie war noch halb bei mir, da hast du ihn mir weggerissen.“
„Er war nicht mehr bei dir!“, schreit Maria und sorgt sich um einen festen Stand. „Es ist Tatsache, dass er dich heute noch liebt – aber verlassen hat er dich vor langer Zeit. Er ist gegangen, um dich wiederzufinden. Nur du hast das nie verstanden.“
„Wir waren 19 Jahre zusammen!“
„Und 18 davon war er glücklich. Dir hat es gut gepasst: dein Mann zu Hause auf der Couch, und du unterwegs in der Nacht – immer auf der Suche nach einem neuen Leben. Mit dem wohligen Gefühl, dass zu Hause jemand wartet, falls dich das neue Leben in dieser Nacht nicht findet.“
„Ahhhhh!“ Die Zora stürmt auf Maria zu, setzt zu einem Schlag mit der Rechten an, doch Maria weicht aus, duckt sich und lässt ihre Linke nach oben peitschen. Auch der Konter verfehlt das Ziel. Die Zora ist flink an Maria vorbei, setzt zum Drehsprung an. Ihr Körper wirbelt wie eine Windhose, als sie den Spann durch die Luft schneidet. Instinktiv springt Maria zurück, packt den Fuß, nutzt die Energie der Zora gegen sie. Mit dem Fuß in der Hand schmeißt sich Maria rücklings in den Dreck und schleudert die Zora meterweit durch den Ring. Sie landet wie eine Katze auf den Beinen. Staub wirbelt auf. Beide stoßen einen Urschrei aus und gehen wieder zum Angriff über. Maria spannt ihren Körper, bereit, den entscheidenden Schlag zu landen.
„Halt!“ Oppa stürzt zwischen die Fronten, als die Zora federleicht das Knie hochreißt. Er fängt sich Marias Faust aufs Auge und gleichzeitig einen Kick in die Rippe.
Oppa biegt sich zur S-Kurve, sieht Sterne – und sackt zu Boden.
Maria geht sofort zu ihm auf die Knie. „Fuck, Oppa!“ Sie legt ihm schuldbewusst die Hand aufs Herz.
„Wenn ich meine Nase opfern muss, damit ihr aufhört zu streiten, dann bitteschön.“ Sein Blick wandert zur Zora. „Ich gebe euch sogar noch eine Rippe dazu.“
Die beiden beschließen wortlos, ihren Streit beizulegen, und helfen Oppa wieder auf die Beine.
„Kannst du jetzt bitte was tun? Wir suchen einen Mann, der Gurken Joe genannt wird. Er wird Örnie und Bem da raus holen.“
Die Rote Zora nickt und winkt nach einer Ritterin, die sich träge und steif in Bewegung setzt. „Jawohl, Comandantes.“
„Lasst nach dem Kapitän funken. Ich habe einen Auftrag für ihn. – Gut, und ihr zwei…“
Freundlich deutet sie den Weg. „Kommt rein. Wir trinken einen Wein.“
...Slot Dürstede an Captain...Captain...das Slot Dürstede ruft den Captain...
Keine Antwort.
...Slot Dürstede ruft den Captain...
"Lass mich mal." Maria nimmt das Funkgerät in die Hand.
"...Eine Nachricht der Degenhardt an den Mann, der Gurken Joe genannt wird. Bring Örnie das Gummi Huhn und du sollst dein Schiff bekommen..."
Kurz ist es rugig, dann knackt es in der Leitung..."Ich höre... Wo find ich den Blödmann?"
"...Gurken Joe! Wunderbar!..., freut sich Maria ins Mikro..."Du findest ihn irgendwo im Viertel...Fährstraße...Stübenplatz..."
"...Ay, sag der unheimlichen Mönchin, ich bring ihm das Huhn...Aus.Ende."
An der Bresche.
Bem war in der zwischenzeit nicht untätig geblieben. Mit Echelons Hilfe ist sie zielgenau zum Nachbarn Grubich rein. Die Wohnungstür war ein leichtes dank des Hammers. Sie fand eine, seit dem Angriff verlassene und unberührte Wohnung vor.
Im Flur, wie von Echelon vorher gesagt standen zwei SUP´s.
Vater Grubich ist immer gern mit dem Lastenrad einkaufen gefahren und Mutter Grubich damit unaufhaltsam zur Kindertagesstätte geeilt.
Die Statistik zeigte eine hohe Wahrscheinlichkeit, das Bem dort zwei bis drei SUP´s findet. Es waren zwei... Die Kinder sind wohl noch nicht alt genug.
Eines, hat sie uns zugeworfen und zwei Tischtennisschläger gleich hinterher. Sie selbst ist zur Straßenseite raus und hat Gundel aus ihrer Wohnung befreit.
Geduldig warten die beiden schwimmend an der Bresche, als Echelon sich zu Wort meldet: "Ich habe Netz gefunden und prompt Hilfe angefordert. Das Königreich schickt ein Rettungsteam."
"Das Königreich!?" Empört Gundel sich. "Du stochastisches Endzeitgerät bittest das Königreich um Hilfe?"
"Selbstverständlich. Sie funken auf allen Kanälen. Das deutet auf eine hervorragende Infrastruktur hin."
"Was ist das Königreich?", fragt Bem.
"Das Königreich der schwarzen Sonne. Die Hexe von Storch, alter Naziadel und stark gerüstet... - hält seit Monaten Geesthacht besetzt."
"Die Hilfe wird zur Stunde eintreffen. Ich habe uns gerettet." Freut sich Echelon.
Gundel verdreht die Augen und schlägt die Hände vors Gesicht. "Kannst du das Ding bitte ausmachen Bem."
Zurück im Fort.
Eine Frau, trägt einen viel zu großen Ritterhelm, stürzt durch die Tür in die gemütliche Weinrunde.
"Frau Zora!", ruft sie aufgeregt. "Wir haben einen Funkspruch abgefangen."
"So?", fragt die Zora gelassen ruhig.
"In Geesthacht hat ein Schiff den Hafen verlassen! Richtung Hamburg!"
Die Zora wird leicht blass, reißt sich aber zusammen.
"Olle Glubschauge will die Insel besetzen. Sammelt die freien Menschen."
Sie knallt ihr Weinglas auf den Tisch, es zerbricht. "Maria, sag Joe über Funk bescheid."
Und verlässt, in großen Schritten den Weinkeller.
Oppa und Maria, schwer benebelt, sammeln sich einen Moment. Schütteln ungläubig den Kopf und stürzen hinterher.
50 freie RitterInnen tummeln sich auf dem Platz des Forts.
Die Rote Zora, ergreift das Wort:
"Ihr freien Menschen!
Nie wieder – ist schon wieder jetzt!
Das Flaggschiff der Führerin selbst ist auf dem Weg zur Bresche.
Sie glaubt, wir würden zittern.
Aber dies ist unsere Insel.
Unser Hafen.
Unser Wasser.
Besetzt die Zwillen an den Flanken!
Spannt die Sehnen bis sie singen!
Feuert das ganze Arsenal!
Und zeigt dieser widerlichen Otze, wem die Elbe gehört.
Versenkt dieses verdammte Schiff!"
Norderelbmeer, Ochsenwerder Küste.
„Volle Fahrt voraus, Matrose S. Baumelt!“
„Jawohl, Herr Kapitän Major!“
Die Segel eines alten Schoners knattern im warmen Wind, ein Fetzen Reichskriegsflagge flattert kläglich gehisst an der Rah.
Die Königin von Storch selbst, steht am Bug auf der ersten Stufe der Reling und schmückt sich als Galionsfigur in Titanic Pose.
Es ist die SS Nordsturm.
Beinahe Vogelhüttendeich.
Kelle lässt die Schultern hängen.
„Digger. Im Takt. Sonst fahren wir im Kreis.“
„Jaha… hier schwimmt nur so sehr viel Scheiß rum. Ich halte Ausschau nach etwas Sinnvollem…“
Und ich dippe meinen Tischtennisschläger in die Elbe.
Quatschend kommen wir behäbig voran. Die Sonne wärmt, beinahe ist es friedlich.
„Örnie, Bier brauen ist ja schön und gut, nur wo bekomme ich den Hopfen her?“
„Mein Garten Kelle… voller Hopfen! Kelle, die ganze Stadt ist voller Hopfen! Das wird kein Problem. - Ich denke vielmehr über die Hefe nach…“
„Ach, das lass… Bier, Mehl und Zucker gut verrührt über Nacht stehen lassen… mehr ist das nicht.“
„Und wo bekommen wir das Bier her?“, frage ich neugierig.
„Besorg mir ein Taschenfass und ich mach dir Hefe für 50 Liter. - Links, Örnie… auf drei…“
Einen halben Straßenzug lang ist Ruhe auf dem SUP.
„Sag mal, Örnie… wie war das damals in Münster mit der Bank?“
„Du sprichst von meinem Arbeitsvertrag.“
„Ich saß im Revolutionssaal und habe mit unserer WG-Schreibmaschine die Zahlen frisiert – und mir so einen Kredit erschlichen.“
„Und dann?“, hakt Kelle nach.
Ich zucke mit den Achseln.
„Haben die nie wieder von mir gehört.“
„Nie? Und die Nerven dich nicht?“
„Schau dich um alter Freund. Was das wohl scheißegal ist. Außerdem hab ich es zurückgezahlt.“
Kelle: „Alles?“
„Pfff… kam mir fair vor – irgendwann jedenfalls.“
Das Paddeln haben wir inzwischen beinahe eingestellt.
„Damals hab ich mir 2.000 € geliehen.
Zwanzig Jahre später zahle ich irgendeinem Inkassogauner 3.600 zurück.“
Kelle kneift irritiert die Augen zusammen und rümpft die Nase.
„Was laberst du? Ich komm da nicht ganz mit. Was ist daran fair?“
„Schau: Ich ergaunere mir die Kohlen und zahl sie einem anderen Gauner zurück."
Langsam setzen wir uns wieder in Bewegung.
Gundel und Bem, inzwischen von Joe und der Bellyboat-Bande aufgelesen, treiben auf ihrem SUP, als sich der Himmel verdunkelt und ein langer Schatten über das Wasser fällt.
„Bitte sag mir, das ist eine Wolke“, murmelt Gundel.
Bomben auf Engelland ist aus Lautsprechern zu hören.
„Ich fürchte… nein. Das ist ein Schiff.“
Bem verengt die Augen.
„Und zwar ein großes.“
Joe ist der Erste, der seine Angelschnur surren lässt. Er steht auf seinem Dingi, ein Bein stolz auf dem Bug abgestellt.
Lachend wirft er die Angel aus. Das Lachen verstummt sofort, als der Haken federleicht fliegt.
Es zischt und surrt leise.
Ganz die Königin im Blick.
Die Luft zerschneidend folgen weitere Ruten. Laut, mit Bleibeschwert schnellt eine Schar Haken auf die Matrosen nieder.
Hauptmann S. Baumelt hebt schützend die Hand vor das Gesicht – die in diesem Moment von einem Haken durchbohrt wird und ihn nicht mehr loslässt.
Die Angel schlägt an und die Schnur zieht stramm. Der schützende Arm wird lang gezerrt.
Ein Haken schlägt durch die Haut ins Jochbein. S. Baumelt taumelt, blind vor Blut in den Augen, der Reling entgegen und fällt schreiend über Bord.
Die Fischer in den Belly-Booten grölen im Jubel.
Für Joe ist es ein lieblicher Tanz – als würde Richard Wagner Jazz tanzen.
Abgelenkt verreißt er leicht, sein leiser Haken fliegt denkbar knapp an von Storch vorbei, schneidet nur ihr Ohr.
Keifend schreit die Führerin des reindeutschen Volkes mit ausgestrecktem rechten Arm in Richtung Joe:
„Jetzt wird zurückgeschossen!“
Die verwundeten Soldaten befreien sich mit Messern von den Schnüren und stülpen sich Gasmasken über. Aufgeregtes Treiben entsteht an Bord.
Mehrere Männer hieven einen riesigen Ventilator in die senkrechte Position und lassen die Blätter aufheulen. Andere rollen ein Fass davor, stellen es aufrecht und schrauben an einem Verschluss.
Von Land aus beobachtet eine Gruppe RitterInnen die Nordsturm und bereitet ihre Superzwille vor.
„Die hantieren da mit Gas!“
„Sehr gut, dann brauchen wir nur eine einzige Windel. Beeilt euch.“
Drei Windeln sind zu einem Ball zusammengeklebt. Gefüllt mit Pferdeäpfeln. Getränkt in Öl.
Eine Ritterin legt die Windel in die Zwille. Ein Ritter entzündet sie, und eine dritte nimmt genau Maß.
Mit dem Feldstecher ist zu erkennen, wie aus dem Fass langsam eitrigfarbener Qualm emporsteigt.
Der Windstrom des überdimensionierten Ventilators erfasst die Wolke und treibt sie in Richtung Joe, Bem, Gundel und der Bellyboat-Bande.
„Jetzt!“, schreit die Ritterin, und die brennende Windel fliegt durch die Luft auf die Nordsturm zu.
Triumphierend steht von Storch auf der Brücke.
„Das ist der Endsieg“, sagt sie stolz, während in ihrem Rücken eine kleine, immer größer werdende Sonne aufsteigt.
Bem versteht sofort, was dort von Bord des Schiffes ausgeht.
„Atme tief ein, Gundel. Pump deine alten Lungen voll!“
Die Belly-Boote wenden allesamt und ergreifen die Flucht. Wie wild treten die Fischer mit den Füßen in die Elbe.
„Tauchen, Männer!“, schreit Joe und springt kopfüber von seinem Dingi.
Bem und Gundel atmen tief ein, reißen das Brett Steuerbord, atmen aus und reißen Backbord. Immer weiter schaukelt sich das SUP auf.
Immer voller pumpen sich die Lungen mit Sauerstoff.
„Sieg!“, jubelt das braune Gesocks. Der Major wendet sich mit breiter Brust stolz salutierend der Brücke zu.
Er will die Hacken aneinander schlagen – da erkennt er durch das Sichtfenster seiner Gasmaske das Unheil.
„Des Führers Scheiße!“, hört er sich sagen.
Die Nordsturm explodiert in einem giftgrünem Feuerball.
Bem und Gundel reißen sich sammt SUP gerade so per Eskimorolle unter Wasser. Die gewaltige Flamme verschlingt alles in einem Wimpernschlag. Das Wasser - Am Siedepunkt.
Die beiden Taucher tiefer. Schwimmen mit der Strömung so weit sie können. Weg von der brennenden Nordsturm.
Sieben..., beide ziehen acht... kräftige Züge.
Gundel, nahezu Schwerelos, macht sich lang wie ein Delphin und schaut hoffnungsvoll zur leuchtenden Wasserlinie.
Das Rauschen, die Vibration, der Bass - Vorbei. Es endet abruppt.
Und topfit tauchen die beiden Frauen wieder auf.
Mit Sonne auf der Stirn. Ein Vogel zwitschert in der Baumkrone.
Irgendwo weinte ein Baby und es gibt Luft zum atmen.
"Kindchen, bist du okay?"
"Fuck, ja bin ich."