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Die letzten Stunden in Berlin

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21.12.2007
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Die letzten Stunden in Berlin

Die letzten Stunden in Berlin

Norton hatte es sich auf dem Teppich im Wohnzimmer bequem gemacht. Draußen schien die Sonne in all ihrer Schönheit. Vor ihm ausgebreitet, lagen seine verschiedenen Arbeitsutensilien und somit auch seine verschiedenen Möglichkeiten. Er war hin und her gerissen. Unentschlossene Menschen, das wusste er, gab es wie Sand am Meer und er war im Moment leider einer von ihnen. Er wusste nicht, wie es anderen damit erging, ihn quälte diese Unentschlossenheit auf jeden Fall und deswegen versuchte er jetzt Entscheidungen zu treffen.

Er konzentrierte sich und lenkte seine Gedanken Richtung Maria. Sollte er sich wirklich ihrer annehmen? „Man kann ja auch nicht einfach alles so akzeptieren.“, gab er sich selbst zu bedenken. Er spürte, dass er auf dem Weg war, sich zu entscheiden und das erfreute ihn. Natürlich wusste er, dass es noch mindestens eine andere Seite der Medaille gab und er wusste, dass bei ihm jede Überlegung Folgeüberlegungen in Gang setzte. Auch das musste er bedenken. Sie würden verdammt noch mal betteln, betteln um gedankliches Asyl. Er, sein Bruder und Maria hatten viel zusammen erlebt und durchgemacht und nie hätte er gedacht, dass sich diese Dreiecksfusion so entwickeln würde. Niemals hätte er sich träumen lassen, dass er nun miterleben musste, welches Gesangstalent in ihr schlummerte. Hätte sie es doch bloß dafür genutzt, in kleinen, vielleicht am Anfang schäbig anmutenden, Clubs aufzutreten.
Natürlich ging es hier um anderes Singen und da wo er aufgewachsen war, wurde singen eben nicht nur mit verächtlichen Blicken gestraft, sondern hatte oft den Tod zur Folge. Er schaute auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass er in vier Stunden spätestens am Flughafen sein musste. Pässe und alles andere hatte man ihm wie immer zuverlässig erstellt und zukommen lassen. In seiner Phantasie sah er Maria nun auf einer spärlich beleuchteten Bühne stehen. Sie sang nicht gerade leise und mit unbegründeter Selbstsicherheit ins Mikrophon. In seiner Vorstellung bestand das gesamte Publikum aus italienischen Familienmitgliedern, die, für dritte unverständlich, sie nur mit ausufernden Pfiffen bedachten.
Noch einmal gab er sich die Mühe, sie sich so intensiv er nur konnte vorzustellen.
„Was macht sie wohl gerade?“, fragte er sich. „Wie geht sie gedanklich mit der Situation um? Ist es wichtig, dass ich eine Antwort darauf finde?“. (präsens ok?)
Er entschloss sich für eine unwiderrufliches nein und war verblüfft, welche gedankliche Freiheit diese Entscheidung nach sich zog und er spürte, dass es nun darauf ankam, zügig und souverän zu handeln. Er würde sie aufsuchen. In Millisekunden entwickelte er einen vollständigen Handlungsfaden, der nun wie eine freie Autobahn vor ihm lag. Eigentlich konnte man in dieser Situation wirklich kaum von einem Faden sprechen. Er kannte keine Fäden mehr, nur noch Starkstromseile, die jeder Belastung und Sabotage trotzten. Noch einmal blickte er auf seine Armbanduhr. Seine Uhr hatte wegen mangelnder Bewegung seinerseits, aufgehört zu schlagen und der in dieser Tatsache lauernden Erkenntnis, begann er nun zu folgen. Es war 18.10 Uhr.

Eine halbe Stunde später war alles gepackt und nachdem er wie ein Mann seine Höhle wirklich von allem gesäubert hatte, zog er die Haustür endgültig hinter sich zu. Als er auf die Straße trat, bemerkte er die für diese Jahreszeit wirklich außergewöhnliche Temperatur, der man nachsagte, sie sorge für Klarheit. Obwohl er kein Anhänger vom Fatalismus war, musste er zugeben, dass jetzt doch wirklich das, was man im Volksmund „alles“ nennt, erschreckend gut zusammenpasste. Sein Magen meldete sich und da er rundum gut gebaut war und alles essen konnte ohne anzusetzen, entschloss er sich, den besten Halumiladen eine Querstrasse weiter, aufzusuchen. In sich hinein lächelnd, dachte er an all die dicken Frauen, in deren Gehirnen ständig das Phantom des „abnehmen müssens“ herumgeisterte.
„Gut das ich keine Frau bin!“, dachte er. Gerade hatte er die Straßenseite gewechselt, eine in dieser Stadt wirklich gefährliche Sache, da fiel ihm ein fast zwei Meter großer Mann auf, der vor den riesigen Fensterscheiben einer Großbank stand. Dieser blickte in oder durch die Scheiben, mit Sicherheit konnte Norton das nicht sagen.. Aber das war, so merkte er wenige Sekunden später, völlig unwichtig, denn nun erkannte er, dass der große Mann bitterlich, aber nach innen halb versteckend, weinte. In Großstädten ist es normalerweise üblich, solches gekonnt zu übersehen, zu groß waren die Mengen an öffentlich bettelnden Säufern, Obdachlosen und Junkies. Aber vielleicht war die Kleidung des großen Mannes, ein auffällig gut geschnittener Anzug, halb verdeckt durch einen teuren Trenchcoat, eben der Auslöser, dass Norton nicht nur die Tränen bemerkte, sondern sich dazu entschloss, auf den fremden Großen zuzugehen.
„ Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Brauchen Sie etwas?“, fragte er mit konzentriertem, mitfühlendem Blick.
„Sie haben mir schon geholfen“, antwortete sein großes Gegenüber.
Nach einer stillen Berührung, er hatte kurz aber liebevoll seine Hand auf den Trenchcoatstoff zwischen Ellbogen und Schulter gelegt, merkte er, dass ein Verweilen in dieser Situation unnötig geworden war. Also setze er sich wieder in Bewegung, benutzte die großen Scheiben auf der rechten Seite als Spiegel, musterte seinen schwarzen Dufflecoat, den schwarzenn sechzig Liter Rucksack und seine graue Laptoptasche. Unauffällige Kleidung war wichtig. An die vierzig Meter lagen noch vor ihm, um an die Kreuzung zu gelangen, an der es rechts ab zum Halumiladen ging. Fast unvorstellbar, dass Carl Lewis für diese Distanz nur fünf mal springen müsste, den jeweiligen Anlauf selbstverständlich rausgerechnet. Seine Gedanken waren nun irgendwie angefixt und er genoss es nun abzuschweifen. Nicht weil er gedankliche Abwechslung brauchte oder ihn Themen quälten, nein. Alles lag klar vor ihm und die daraus resultierende völlige Ruhe war einfach, auch wenn sie sicherlich als erstrebenswert zu bezeichnen war, für ihn ungewohnt. Deshalb empfand er beim Abschweifen Genuss. Er ließ also seine Gedanken weiter schweifen und stieß ein wenig angewidert, ungewollt auf den kanadischen Sünder Ben Johnson. Als habe er einen eigenen Fernsehsender in seinem etwas eiförmig anmutenden Schädel, so sah er klar die Bilder vom einhundert Meterfinallauf 1988(Olympische Sommerspiele Seoul) vor sich. Aufgrund der unnatürlich wirkenden Muskelpartien Johnsons an der Brust, um die Schultern herum und natürlich auch an den Oberarmen, hatte so mancher Kritiker schon vor der Olympiade den Verdacht geäußert, dass der Kanadier muskelbildende Steroide konsumiere. Anscheinend hatten die verbotenen Substanzen Johnson´s Gehirn nicht gut getan, denn er hatte es versäumt, sich um Verschleierungssubstanzen zu kümmern. So kam es, dass man ihn ohne Blutanalyse überführen konnte, eine Urinuntersuchung reichte aus. Norton empfand diesen Kanadier als Schandfleck, nicht wegen seiner Dopingirrwege, sondern wegen seiner anscheinend grenzenlosen Dummheit. Am Ende wurde Carl Lewis zum Sieger erklärt, der sicherlich auch nicht sauber war. Während Norton nun seinen Kopf schüttelte, als wolle er dieses eigentlich nette Thema durch Körperbewegungen zerstreuen, fiel ihm eine wunderschöne Frau auf, die genau an der Kreuzung stand, auf die er zusteuerte. Sie war auffallend gut gekleidet, zierlich und irgendwie hatte sie es geschafft, dass ihre Geraderobe, zusammen mit ihrem Gesichtsausdruck, eine Wirkung hatte, die er nur von Audrey Tautou kannte. Obwohl er sich nur für ungefähr zwanzig Sekunden in ihrem Dunstkreis befand und er ja auch wirklich kein Teenager mehr war (ehrlich gesagt lag diese Phase schon so weit hinter ihm, dass er keine Erinnerungen mehr an sie hatte), beschlich ihn eine wirklich störende Intensität von Nervösität. Diese veranlasste ihn generell dazu, erstens dümmlich zu grinsen und zweitens beim gedanklichen Erkennen dessen, fast zu stolpern. Schöne, warme und intelligent wirkende Frauen, sie konnten aus jedem halbwegs nicht auf den Kopf gefallenden Mann, einen für jeden sichtbaren Tölpel machen. Norton kam sich beinahe erlöst vor, als er die Kreuzung hinter sich gelassen hatte, obwohl er wusste, dass es doch kaum etwas Angenehmeres gab, als eben diese elfenartigen Geschöpfe, denen man, so zumindest seine Erfahrung, höchstens zwei dreimal pro Jahr begegnete.
Nach den gedanklichen Exkursionen zum Thema Weltklassesprinter und dem gerade hinter ihm liegenden intensiven Erleben männlicher Unsicherheit (er war dieser irgendwie dennoch dankbar, weil sie ihm bewusst machte, dass er ein lebendiges, fühlendes Wesen war),schaltete er wieder ab und freute sich auf einen dicken Halumi mit würziger Mangosauce und auf den wirklich netten Verkäufer, der immer wieder in kleinen Kurzgesprächen andeutete, dass er voller Liebe sei und auch wenn eine Beziehung gerade in die Brüche gegangen war, sich sofort wieder verlieben könne, weil er eben ständig von Liebe an sich erfüllt sei. Wie auch immer man zu diesen Äußerungen stehen mochte, er schien es so zu leben und zu erleben. Norton betrat den Laden, bestellte, wartete, zahlte und genoss. Draußen hatte es aufgehört zu nieseln. Nachdem er aufgegessen hatte (er aß im Stehen), wischte er sich mit einer weißen Serviette sorgsam und gründlich den Mund ab und frönte dem Rest Mangogeschmack in seiner Mundhöhle. Als dieser sich einfach aus dem Staub gemacht hatte, spülte er mit einer kalten Coca Cola nach, die so frisch und kalt war, dass seine Augen anfingen zu tränen. Er stellte die kleine Flasche zurück auf den Tresen und verließ den kleinen Laden. Er huschte schnell auf die andere Straßenseite, um die sich nähernde Tram Richtung Invalidenstrasse noch zu ergattern. Er war fest entschlossen und so kam es, dass er das Gefühl eines konsequent und schnell handelnden Menschen in sich trug. Die Tram hatte mittlerweile gestoppt. Er stieg ein, nachdem er gekonnt einem Hundekothaufen umschifft hatte. Gerade noch von für ihn positiven Gefühlen begleitet, beschlich ihn nun das Gefühl von Wehmut, Wehmut Berlin verlassen zu müssen. Traurigkeit kam in ihm auf, die Menschen, die er trotz seines ungewöhnlichen Stils zu leben, kennen lernen hatte können und dürfen, hinter sich lassen zu müssen. „Oh Mann!“, sagte er leise zu sich selber. Die Traurigkeit wuchs dennoch an und es ging ihm von einem Moment zum anderen wirklich nicht gut. Um sich selber aus dieser Traurigkeit befreien zu können, versuchte er an das zu denken, was nun direkt vor ihm lag: Maria. „Sollte er überhaupt noch mal einige Wörter mit ihr wechseln, sich gar mit ihr unterhalten?“. Er konnte das im Moment nicht beantworten, aber wenn man es genau nahm, musste er es auch noch nicht, denn ein wenig Zeit hatte er noch. Um sich weiter abzulenken, achtete er kurz auf die weibliche Tonbandstimme, die allen Fahrgästen freundlich aber zwangsläufig mechanisch angehaucht, die nächste Haltestelle ankündigte. Noch musste er die wärmende Tram nicht verlassen und diese kleine, sonst unbedeutende Tatsache, schenkte ihm nun ein Gefühl, das gemischt war aus Sicherheit und herbeigesehntem Wärme. Doch genau dieses Gefühl veranlasste die Medaille, ihr anderes Gesicht zu zeigen: er dachte an seinen Bruder Pete und rechnete angewidert aus, wie viele Tage seit seiner Verurteilung vergangen waren. „Wärme?!. Pete sitzt im Knast und da gibt es bestimmt keine Wärme!“, verteufelte sich Norton. Pete war ganz frisch im Knast, gerade mal sieben Tage. Hinzu kamen natürlich noch die Wochen der U-Haft, eine quälende Zeit für Pete. Norton wusste, dass sein Bruder es schwer haben würde, aber vielleicht konnte er ein wenig helfen und seine schützende Hand auf das Schicksal seines großen Bruders legen. Aber dass konnte Norton nur bedingt, zumindest wenn man bedachte, dass Macht so weit gehen konnte, dass andere vielleicht in der Lage gewesen wären, Pete die ganze Haft zu ersparen. Aber Zugang zu solchen Kanälen hatte er in den wenigen Monaten von dieser Stadt aus nicht aufbauen können. Leider. Zumindest war er in der Lage, dafür zu sorgen, dass Pete alle erdenklichen Annehmlichkeiten innerhalb der Gefängnismauern genoss. Das beinhaltete die ständige Versorgung mit Alkohol, Geld und die wirklich für das zu Rande kommen im Knast wesentliche, hier schnelle von außen aufgezwungene, aber von innen sofort akzeptierte, Eingliederung in die mächtigste Gruppierung innerhalb des Gefängnisses. Daran konnte und das war für Pete´s Überleben wichtig, der jeweilige Insasse erkennen, was Pete „sein“ musste, wer hinter ihm stand bzw. zu wem er, einfach ausgedrückt, gehörte. Solche Maßnahmen waren in deutschen Gefängnissen nicht notwendig. „Hoffentlich werde ich in den nächsten Wochen weiterhin in der Lage sein, für Pete Kontakte zu knüpfen und wichtige Hände zu schütteln.“, dachte er. Schließlich hatte seine „Familie“ in diesem fernen Land erst vieles ermöglicht, bzw. aufstrebenden Kommunal- und Landespolitikern Türen geöffnet. Jetzt und in naher Zukunft war es an der Zeit, Gefallen einzufordern. Pete´s Wohlergehen hatte nun Priorität.

Als er auf seine Uhr blickte, bemerkte er, dass auch die Zeiger nicht untätig geblieben waren.
„Gut zwanzig nach Sieben“, stellte er neutral fest, wie es sonst nur Schweizer Parlamentarier
konnten. Er fragte sich, welchen Gesichtsausdruck sie wohl an den Tag legen würde, wenn sie nach seinem dezenten Klingeln, in Bewegung versetzt werden würde und am Ende die Tür zwischen ihnen beseitigt war. Nachdem die letzten Wochen gezeigt hatten, was sie mit ihrer Maske zu verstecken versucht hatte, hatte er nun das Gefühl, in der Lage zu sein, sie durch-
schauen zu können, bis auf den dunklen Grund ihres schwach beleuchteten Seelen-Sees blicken zu können. Was war sie bloß für ein Mensch? Er hatte jetzt das Gefühl, diese Frage beantworten zu können und durch diese Erkenntnis begriff er, dass es nun unnötig geworden war, noch Fragen an sie zu richten. Bevor er handeln würde, hatte er nun nur noch das Bedürfnis, sie noch einmal so bewertungsfrei wie möglich, mit seinen Augen zu betrachten.

19.29 Uhr, Haltestelle Zionskirchplatz. Sein im Geiste vorgefertigter Handlungsablauf zwang ihn nun aus der Tram auszusteigen und er verließ nun nur widerwillig den wärmenden Innenraum. Als er sich heraus gequält hatte, fiel ihm ein frisch drein blickendes Mütterchen auf, das scheinbar missions- und orientierungslos wenige Meter neben ihm stand. Sofort war er irritiert und nur Millisekunden später beschlich ihn das Gefühl, sie zu kennen. „Aber woher bloß?“, dachte er. Als sich die Tram entfernte, entstand ein kurzer Moment, in dem er fühlte, dass es nur noch sie und ihn gab. Es gab niemanden sonst. Auch dieses Gefühl meinte er wieder zuerkennen. Die Zeit schien still zu stehen. Das Gefühl, dass es nur sie und ihn gab verstärkte sich. Als er einige gutmütige Schritte auf sie zumachte, traf es ihn wie ein Schlag. Er erinnerte sich und diese Erinnerung kam dumpf daher. Das Erinnern fühlte sich so an, als hätte ihn ein schweres, ehemals organisches Stück Eiche, von hinten überraschend niedergeschlagen. Natürlich! Er kannte sie! Jetzt fiel es ihm wieder ein. Es musste so um fünf Jahre her sein. „Klar fünf. In Hamburg muss es gewesen sein“, dachte er. Er erinnerte sich immer deutlicher. Damals befand er sich zum ersten Mal in Hamburg und das nicht wirklich freiwillig: der Anlass war damals wirklich nicht gerade prickelnd gewesen, denn er war zur Hochzeit seiner Jugendliebe Tiba eingeladen. Und wenn er sich gegenüber ehrlich war, musste er zugeben, dass er nie aufgehört hatte sie zu lieben. Damals hatte sie sich relativ plötzlich von ihm getrennt und das eben nicht weil sie ihn nicht mehr liebte, sondern weil sein Leben und sein Leid sie so sehr mitnahm, dass sie ihre Gefühle einfrieren wollte. Als dann eben in Hamburg die typische Hochzeitsmusik erklang und der Pastor die für ihn quälenden Fragen stellte, fing er an, unbemerkt von anderen, bitterlich zu weinen. Er stand damals auf und verließ fluchtartig die Kirche. Allein und ohne noch mit jemandem zu sprechen, hatte er sich wieder auf den Heimweg gemacht. Er nahm damals die nächste U-Bahn Richtung Flughafen. Das Abteil war relativ leer und nachdem er einige Stationen gefahren war, stieg eine alte Dame ein. Das alte Mütterchen. Vertieft in Gedanken hatte er damals kaum aufgeschaut. Niemand war damals eines Blickes wert. Wenige Minuten später stiegen alle Fahrgäste aus, sie und ihn ausgenommen. Die Minuten vergingen und als sich das Mütterchen plötzlich erhob um sich wahrscheinlich auf den Ausstieg vorzubereiten, berührte sie absichtlich mit ihrer Hand seine Schulter. „ Du wirst wieder jemanden finden und das ohne zu suchen. Erlebe den Schmerz, aber mach dir keine Sorgen. Du bleibst nicht allein!“, sagte diese Frau damals und ging. So hatte es sich damals in Hamburg, vor fünf Jahren verhalten.

Er machte nun noch ein paar Schritte auf sie zu. Sie schien sich hingegen überhaupt nicht zu bewegen. Sekunden später stand er ihr wirklich gegenüber und das in einer Nähe, die ein geheimes Gespräch zuließ. Norton hatte erwartet, dass sie den Anfang machte, aber ihr Mund bewegte sich nicht. Damals in Hamburg war sie auf ihn zugegangen. Er gab sich einen Ruck.
„Wir kennen uns, nicht wahr?“, fragte er.
„Normalbürger würden jetzt sagen, kennen ist zuviel gesagt!“ antwortete sie.
Er schaute sie an, als sie sich wieder an ihn wandte: “Aber Normalbürger haben oft unrecht. In diesem Fall würde ich eher sagen, dass ich dich sehr genau kenne. Weißt Du, ich habe Dir eigentlich nur folgendes zu sagen: ich weiß, dass Du dich grundsätzlich auf einem, ohne dass Du etwas dafür kannst, schweren Weg befindest. Aber ich glaube, dass der kleine von Dir gewählte Nebenweg, den Du meinst noch schnell bevor Du die Stadt verlässt, herunter rennen zu müssen, ein Irrweg ist. Eigentlich müsste ich mich verteufeln, dass ich es als kleinen Nebenweg bezeichne. Denn vom anderen Ende des Wegs betrachtet, ist Dein Entschluss so weit tragend und endgültig für sie, dass man eher von der größten Autobahn des Lebens sprechen müsste. Ich denke, dass Du Dir bewusst machen solltest, welche Tragweite dein Entschluss, sei er auch für mich auf eine gewisse Art nachvollziehbar, mit sich bringt. Dazu was Du vorhast, hast Du, so denke ich, kein Recht“.

Noch bevor er antworten konnte, hatte sie, so wie man es in alten Heimatromanen, die es am Kiosk zu kaufen gab, ausdrücken würde, auf dem Absatz kehrt gemacht und verschwand.
Sicherlich hätte er ihr leicht hinterher rennen können, um das Gespräch fortzusetzen, doch ihre Gestik und ihr Verhalten demonstriertem ihm erschreckend deutlich, dass für sie der Moment und das Gespräch beendet war. Geistig erschöpft ließ er sich auf eine Bank fallen und war zunächst nur erschlagen. Dann wurde er sauer. „Wieso kümmern sich die Menschen nicht um Ihren eigenen Kram?“, fragte er sich. Um seine Wut zu kanalisieren, dachte er konzentriert an seine Nachbarin. Das tat er oft wenn er sauer war, denn er hasste sie. Er stellte sich kurz vor, wie er sie als erstes, ohne seine Wohnzimmerfenster im sechsten Stock zu öffnen, durch jene hindurch warf und interessiert lauschte, wie sich ihr Aufprall nach fünfzehn Metern Flug, anhörte. Ja das gefiel ihm. Nun fing es auch noch an zu nieseln und genervt prüfte er noch einmal schnell sein Gepäck. Plötzlich merkte er, dass seine Aggressionen bzw. seine kurzen Gewaltphantasien dafür gesorgt hatten, dass er das Erlebnis mit der alten Frau zumindest für eine Zeit verdrängen konnte. Jetzt war er wieder mit der alten Frau beschäftigt und die Fragen in seinem Kopf nervten ihn. Voller Wut stand er auf und entschloss sich nun dazu, sich auf den Weg zu machen. Er brauchte sich nicht wirklich beeilen. Marias Wohnung war höchstens drei Blocks entfernt, ein Kinderspiel. Obwohl er sich im allgemeinen als gefestigte Person empfand, wurde er nun, während er lief, unsicher. Die verdammten Worte des Mütterchens hingen ihm nach. Diese unerwarteten Irritationen hätte er am liebsten in die Wüste geschickt und nicht nur das: am liebsten wäre es ihm, wenn seine „Angestellten“ sie dann dort auch verbuddeln würden. Er stapfte nun weiter, begann sich auf das, was vor ihm lag, zu konzentrieren und versuchte die für ihn richtige Gefühlshaltung einzunehmen. Sie hatte es in seinen Augen verdient und er dachte an den Satz, dass jeder für das, was er tat, auch gerade stehen musste. Er lief weiter. Immer weiter, auch wenn die Worte des Mütterchens und vor allem die dadurch ausgelösten Gedanken seine Entscheidung torpedierten. Natürlich hatte jeder das Recht zu leben und keiner das Recht, es einem zu rauben. „Keiner?“, fragte er sich. „Da gibt’s doch Außnahmen!“, dachte Norton. Er lief weiter und nun waren es nur noch fünfhundert Meter bis zu seinem Zwischenziel. Plötzlich hatte er das Gefühl gehetzt zu sein, so als würde er spüren, dass er sich wirklich beeilen musste, weil er die Sorge verspürte, dass die verdammten Gedanken, die durch das Gerede des Mütterchens in ihm weiter entstanden, überhand nehmen konnten und in der Lage waren, seine Entscheidung und seine Absichten zu verhindern. Er wollte jetzt nichts neu überdenken, er wollte handeln und heute Abend den Flieger nach Kopenhagen nehmen. „Scheiß auf das Mütterchen!“, gab er sich zu bedenken. Er schüttelte sich und bewegte seinen Schädel, so wie es gute Boxer vor ihrem Kampf taten. Er war übrigens unauffällig in schwarz gekleidet, seine Tasche und seinen Rucksack waren ebenfalls schwarz. Nun konnte er das eher kleine Hochhaus schon vor sich sehen. Jetzt übernahm endlich die Konzentration auf das was vor ihm lag und seine mühsam erarbeitete Routine die Überhand. Noch einmal schaute er sich unauffällig um, behielt für weitere zehn Sekunden seine Geschwindigkeit bei, bis er abstoppte, weil er den Eingangsbereich der „Wohnanlage“ erreicht hatte. Er beobachtete seine Finger, die wahllos eine Klingel ausgesucht hatten und ließ sie weiter gewähren. Erwartungs-
gemäß hörte er nun eine Stimme:“ Ja?! Wer ist da?“.
„Mein Name ist Boyd, ich muss ein Paket anliefern, aber leider hat der Empfänger auf mein Klingeln nicht reagiert. Machen Sie bitte auf, dann kann ich das Paket im Flur deponieren!“
Ohne eine Antwort zu vernehmen, erklang das erhoffte Türsummergeräusch und er trat ein.
Noch einmal schaute er auf seine Armbanduhr und schlich die Treppenstufen hinauf, Fahrstühle machten ihm Angst. Während er Stockwerk für Stockwerk erklomm, wühlte er aus seiner Umhängetasche, die für dieses Anliegen prädestinierte, Waffe hervor: eine Heckler und Koch samt Schalldämpfer. Dem gefassten Entschluss, kein einziges Wort mit ihr zu wechseln, würde er treu bleiben. Endlich, das sechste Stockwerk war erreicht und ihre Wohnungstür lag vor ihm. Sie schien ihn anzustarren. Nun schellte er mit der rechten Hand, die Waffe hielt er in der linken. Es dauerte nicht lange bis Maria öffnete. Wirklich überrascht schien sie nicht zu sein. Es wirkte so, als habe sie die Situation mit einem Blick erfasst und eben auch die dazu gehörende Waffe mit Schalldämpfer. Sie schien vorbereitet und das machte es ihm leichter. Zweifel, Mitgefühl, eine Infragestellung der Absicht, störende Gedanken, ausgelöst durch das Gelaber des Mütterchens, all das gab es nicht. Sie wich zurück, er folgte ihr einen Schritt. Die Waffe richtete er direkt auf ihren Schädel, der Abstand betrug so ungefähr einen Meter. Eine gute Entfernung. Obwohl sie vor Sekunden vorbereitet schien, lief ihr nun der Schweiß über ihr Gesicht und Angst war in ihren Augen erkennbar. Sie zitterte. Sicherlich lief in diesem Moment unsagbar viel in ihrem Kopf ab. Daran hatte Norton allerdings kein Interesse und auch die Gesamtsituation schien Norton nun völlig kalt zu lassen. Er erlebte professionelle Kälte. Noch einmal berührten sich ihre Blicke. „Wörter zerstören oft den Moment“, dachte Norton und drückte ab. Er schoss ihr zweimal direkt in den Kopf. Sie fiel um, so als sei sie ein Duracelhäschen, dem man den Saft abgedreht hatte. Dann zog er die Tür zu und verließ ruhig und unauffällig den Gebäudekomplex.

Drei Stunden später saß er im Flieger und trank eine kleine Flasche Glenfiddich.
Er öffnete sein Tagebuch und schrieb: „ Ich werde Dich da rausholen. Gerächt habe ich Dich schon und ich verspüre keine Reue. Anscheinend bin ich nun für sehr lange Zeit kalt und entschlossen. Dafür bin ich dankbar.“
Er lehnte sich zufrieden zurück und starrte auf den kleinen wirklich wunderschönen Apfelpopo der Flugbegleiterin.

 

Hallo Ihr Erfahrenen

Hallo "Ihr",

wollte meinen Text überarbeiten und in der Bearbeitungssoftware sieht alles gut aus. Nachdem ich aber auf Speichern geklickt habe, kommt das obige dabei heraus. Wenn ich wieder überarbeiten will, sieht es im Bearbeitungsfenster wieder top aus.

Was mache ich falsch?

Würde mich über Hilfe freuen!

beaumonts

 

Du hast in deinem Schreibprogramm die automatische Silbentrennung aktiviert. deaktiviere sie und verzichte auf Silbentrennung vollständig.

Lieben Gruß
sim

 

Hallo sim,

danke für die schnelle Hilfe, aber ich bin so ein Computerlegi, dass geht gar nicht.
Wenn ich eingeloggt bin und auf "bearbeiten" klicke, entdecke ich auf dem zum Ändern verwandter Texteditor keine Möglichkeit zum Umstellen der Silbentrennung. Da dachte ich mir, ganz Computerhengst " hey easy, ich markiere einfach meinen gesamten Text aus dem Forum, kopiere es zurück in Word, ändere die Silbentrennungseinstellungen undkopiere es zurück,...
Tja dachte ich, funktioniert aber nicht.

Hilfe!

lg

beaumonts

 
Zuletzt bearbeitet:

hm,

führst du denn Änderungen nur auf der Seite durch, nicht aber in deinem Originalmanuskript in Word? Im Grunde erstmal egal, dein Ansatz war schon richtig, nur solltest du in Word auch mit strg und a den ganzen Text markieren, bevor du die Silbentrennungseinstellungen änderst. Dann erst greifen sie auch für den Text. Zweitens solltest du in Word nur dann manuelle Zeilenumbrüche machen, wenn du einen Absatz machen möchtest oder wörtliche Rede verwendest.
Am besten für die nächsten Texte merken: Mitten im Satz hast du auf der Enter Taste nichts verloren.

edit: Ich habs mal formatiert. Ein paar Absätze könnte der Text natürlich vertragen.

Lieben Gruß
sim

 

Hallo sim,


danke danke danke.
Ich habe da noch eine Frage: in welchen Situationen darf man Zahlen benutzen?
Oder muss jede Zahl ausgeschrieben werden?


lg

beaumonts

 

Danke sim,

aber anscheinend habe ich deine Formatierung schon wieder versaut.
Habe in Word alles gut hinbekommen (Absätze nur wenn sinnvoll;etc).
Habe es dann hierher kopieren wollen und zack ist alles wieder verdreht.

Wie kann ich denn meinen Text gänzlich aus diesem Forum entfernen?
Wäre schön von Dir zu hören.

beaumonts

 

hey beaumonts,

um den Text gänzlich zu entfernen, bitte einfach einen Moderatoren der Rubrik, ihn zu löschen. Selbst kannst du es nicht.
In deinem Word ist immer noch die Silbentrennung aktiviert. Hinzu kommen Probleme mit der Zeichensetzung vor allem in der wörtlichen Rede und bei der Groß/Kleinschreibung.
Heut Abend habe ich leider nicht die Zeit, da noch mal drüber zu gehen.

Frohes neues Jahr
sim

 

Sorry Beaumonts,

bei diesem Text liegt noch viel Arbeit vor dir. Zum einen empfinde ich ihn als zu langweilig in der Einführung. Es geht nicht voran, was natürlich zu deinem unentschlossenen Prot passt, aber es geht auch nicht voran, als der sich entschließt. Ich hatte beim Lesen ständig das Gefühl, ich möchte den Text jetzt endlich mal anschubsen. Gerade in der Rubrik Spannung sollte das Tempo etwas höher sein.
Zum anderen neigst du, was für einen Drittpersonerzähler eher nachteilg ist, zu unsauberen Formulierungen und Umgangssprache.
Die ersten vier Seiten angehängten Dokuments habe ich da mal ein bisschen geändert, den Rest habe ich der Batchprüfung des Dudens überlassen. Um ersteinmal überhaupt Grund in den Text zu bekommen, reicht es auf alle Fälle.
Arbeit

Lieben Gruß
sim

 

Hallo sim,

erst einmal Danke für Deine Bemühungen. Jetzt habe ich das, was ich wollte:
eine Kritik, die mir hilft. Ja spannend ist wohl echt was anderes.
Ich werde versuchen, Deine helfende Kritik umzusetzen. Hoffentlich bekomme ich da Tempo rein.
Deine Anmerkung bezüglich Drittpersonenerzähler hat mich echt weitergebracht,
sobald ich Zeit habe, werde ich die Umgangssprache entfernen.
Habe noch viele Fragen, lasse Dich aber erstmal in Ruhe,

danke für die Mühe,


beaumonts

 

Hallo sim,
ich habe nach deinen Empfehlungen die Geschichte überarbeitet. Formal klappt es noch nicht so ganz, aber ich hoffe, dass ich inhaltlich vorangekommen bin.

Ich warte sehnsüchtig auf eine neue Kritik, die mich voran bringt,

lg

beaumonts

 

Hallo beaumonts!

Diese Version liest sich schon wesentlich besser als die ursprüngliche, ich hab auch festgestellt, daß Du um eine ganze Seite gekürzt hast, was sich auf jeden Fall positiv auswirkt. Trotzdem ist sie noch mit etwas zu viel Nebensächlichem angefüllt, etwa die dicken Frauen, die immer nur ans Abnehmen denken, die haben in der Geschichte eigentlich gar nichts verloren. Oder so mancher Vergleich, z. B.: »nachdem er wie ein Mann seine Höhle wirklich von allem gesäubert hatte« – Wie konnte ich beinahe 43 Jahre alt werden, ohne jemals von dieser männlichen Eigenschaft erfahren zu haben? Beim nächsten werde ich von vornherein drauf schauen, ob er seine Höhle immer von allem säubert, vielleicht erwische ich dann den Richtigen. :D (sorry ;))

Aber das größte Problem sehe ich darin, daß Du bereits zu Beginn zu viel verrätst. Mit dem Singen der Maria und der Überlegung, sich ihrer anzunehmen, wobei Du sogar darauf hinweist, daß beides anders als gewöhnlich zu verstehen ist, war schon alles klar.
Wenn Du willst, daß der Leser glaubt, er würde mit der Freundin seines Bruders eine Beziehung eingehen wollen, dann mußt Du das auch entsprechend zweideutig schreiben, ohne dabei aber auf die Zweideutigkeit ausdrücklich hinzuweisen.

Nachdem ich hoffe, daß Du noch inhaltlich dran arbeitest, warte ich noch mit der Korrekturliste, nur schnell vier Kleinigkeiten:

„Was macht sie wohl gerade?“, fragte er sich. „Wie geht sie gedanklich mit der Situation um? Ist es wichtig, dass ich eine Antwort darauf finde?“. (präsens ok?)
Ja, natürlich ist in der direkten Rede Präsens okay. Schöner wäre aber z. B. ein konkreter Gedanke, etwa »Ob sie sich Schuldgefühle macht?«; außerdem hast Du sehr viele »dass« in Deinem Text, insbesondere im zweiten und dritten Absatz, wo Du auch anders formulieren könntest, hier z. B.: »Ist es wichtig, darauf eine Antwort zu finden?«

Starkstromseile
Ich nehme an, Du meinst Drahtseile.

und frönte dem Rest Mangogeschmack in seiner Mundhöhle. Als dieser sich einfach aus dem Staub gemacht hatte
Unpassender Vergleich, in der feuchten Mundhöhle kann sich nichts aus dem Staub machen.

Sehr oft schreibst Du Formulierungen wie »hatte das Gefühl«, das wirkt stellenweise, als würde er jeweils eine frische Karte vom Stapel nehmen.

Ich hoffe, Dir damit ein bisschen weitergeholfen zu haben,

liebe Grüße,
Susi :)

 

Hallo Susi,

danke für Deine detaillierte Kritik und Hilfe.

Habe im Moment wenig Zeit, werde aber natürlich bald damit beginnen, Deine Hilfe umzusetzen....

Danke

beaumonts

 

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