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Die Prophezeiung
Die Prophezeiung
Leicht angesäuselt betraten Barlow und Ramsey das geräumige Zelt am Rande
des Basars von Alexandria. Die Nacht war bereits herein gebrochen und in einer Stunde
hatten die beiden sich wieder in ihrem Quartier einzufinden, dennoch wollten
sie jede Minute ihres letzten Abends in Freiheit auskosten. Ein Name hatte
verheißungsvoll und in goldgewebten Buchstaben über dem Zelteingang
gestanden 'Leyla'.
Die Uniformmützen in der Hand betraten die beiden Soldaten den Raum hinter
dem Vorzelt und hielten inne. Anstelle der erwarteten, nur in hauchdünne
Schleier gehüllten, ägyptischen Freudenmädchen saß eine runzlige Alte hinter
einem Tisch. Im Licht zweier flackernder Kerzen war fast nur das Gesicht der
Frau zu erkennen, eine Kristallkugel und ein Tarot dessen Karten sie mit
behandschuhten Fingern vor sich auslegte.
'Hier sind wir falsch', murmelte Ramsey und wandte sich zum gehen, doch die
Stimme der Alten rief die beiden Männer zurück.
'Die jungen Herren möchten einen Blick in die Zukunft werfen?' fragte sie
auf englisch.
'Ich nicht', grinste Ramsey und verließ das Zelt. Barlow war hin und
hergerissen dem Freund zu folgen oder auf das Angebot der Wahrsagerin
einzugehen. Da sie ihn nach wie vor erwartungsvoll anblickte, setzte er sich
kurzentschlossen auf einen der Schemel. Die Alte lächelte und schob die
Karten zu einem handlichen Stoß zusammen, dann deckte sie mit geübten
Griffen Karte um Karte auf bis ein kreuzförmiges Muster vor Ramsey lag, die
Mitte hatte sie leer gelassen. Mit kritischem Blick musterte die Alte die
Anordnung und Barlow wußte nicht, ob er lachen oder sich fürchten sollte.
'Ziehen sie die Schicksalskarte', lächelte sie nach einer Pause und er nahm
eine Karte aus dem Fächer und legte sie aufgedeckt in die Mitte.
Die Wahrsagerin erbleichte nun, die Karte zeigte eine aufgewühlte See,
pechschwarz und aus der See wanden sich grüne Tentakel in deren Mitte ein
rotes Auge glomm.
'Sie werden sterben', sagte sie leise und blickte Barlow in die Augen.
Dieser erhob sich und hob beide Hände 'Hören sie, Lady, ich weiß nicht
wie...'
'Aus den lichtlosen Tiefen wird es emporsteigen und sie töten'.
Barlow war zunächst aufrichtig erschrocken, dann fiel bei ihm der Groschen
'OK, ich verstehe was sie meinen. Der Krieg meine Uniform... und nun werden
sie mir einen Talisman verkaufen, der die deutschen U-Boote davon abhält
mein Schiff zu versenken?'
Sie verstehen gar nichts', murmelte die Alte mit Bitterkeit in der Stimme.
'Hören sie, Lady, sagen sie mir einfach, wieviel sie für ihre Weissagung
verlangen.'
Behalten sie ihr Geld! Gehen sie!'
Barlow wurde es zu bunt, 'Lady, sie haben ihren Beruf verfehlt. Oder
zumindest umfasst ihr Kartenspiel nicht die Uniformen der britischen Armee.
Ich bin kein Matrose sondern Infanterist. Wir sind in Alexandria von Bord
gegangen um Rommel aus Afrika zu verjagen.'
'Sie verstehen gar nichts' hauchte die Alte tonlos.
Barlow zuckte die Achseln, legte eine handvoll Münzen auf den Tisch und
verließ das Zelt.
Draußen stand Ramsey und rauchte eine Zigarette.
'Du wirst eine geheimnisvolle Frau treffen...?' ulkte er, stutzte aber, als
er Barlows ernsten Gesichtsausdruck sah.
'Was ist los, mein Freund?'
Barlow erzählte ihm was die Alte ihm geweissagt hatte und Ramsey grinste
schräg.
'Riesentintenfische? U-Boote? Ein Grab auf hoher See? Die Gefahr das du von
einem Wüstenschiff fällst dürfte signifikant höher liegen in den nächsten
Wochen.'
'Lass uns zum Quartier zurück gehen, für heute ist mir die Lust auf
orientalische Freuden vergangen'.
Die beiden kehrten zurück und bald darauf war die Episode im Hafen von
Alexandria vergessen.
Ein Sandsturm hatte tagelang gewütet, die Aufklärungsflüge zum erliegen
gebracht und den Männern von der 8. Armee ein paar ruhige Tage gegönnt. Seit
Wochen waren die deutschen Truppen auf dem Rückzug, aber die Desert Rats
zermürbten sich in Minenfeldern und Gegenangriffen. Vor zwei Tagen hatte es
Ramsey erwischt, Splitter einer Panzermine hatten ihn schwer an den Beinen
verwundet und er war zurück nach Alexandria ins Lazarett verlegt worden.
Barlow war mit einem kleinen Spähtrupp in eine alte Beduinenfestung gezogen
und die Männer lagerten in einem kleinen Kellerraum und erhitzten
Konservendosen über dem Feuer. Als der Sandsturm plötzlich nachließ befahl
Barlow sofort die Flammen zu löschen, eine dünne rauchsäule stand bereits
deutlich sichtbar über dem kleinen Plateau.
Leider kamen seine Worte zu spät, die Deutschen waren auf der Hut. Kaum das
die Sicht wieder klar war, heulten Granaten heran und schleuderten abermals
den Sand himmelwärts. Barlow spähte über einen Mauerrest hinter den er sich
geworfen hatte und sah Fahrzeuge, die sich näherten.
'Runter in die Kellerräume!', brüllte er, 'da führen Stollen in den Berg.
Über das Plateau können wir nicht, da knallen sie uns ab wie die Hasen.'
Barlow griff nach seiner Thompson und mit einem Satz überwand er die Treppe
in das Kellergewölbe.
Im nächsten Augenblick schien die Welt Kopf zu stehen. Ein infernalisches
Donnern ertönte und Dunkelheit umgab ihn. Da er seinen Atem hören konnte und
ein stetiges Knacken das ihn umgab, schlußfolgerte Barlow nicht von dem
Geschoß getötet worden zu sein.
Er knippste seine Lampe an und leuchtete um sich. Die Decke zeigte Risse aus
denen Sand rieselte und bog sich gefährlich durch.
'Scheiße', murmelte er.
Das Donnern weiterer Explosionen drang gedämpft von der Oberfläche. Barlow
beeilte sich und nahm den einzig gangbaren Weg tiefer in den Berg. Kaum
hatte er den Raum verlassen, brach die Decke endgültig ein.
Die unterirdische Welt war riesig. Barlow war nach einigen Räumen auf frisch
eingestürzte Wände gestoßen, wohl eine Folge des Artilleriefeuers. Hinter
den Wänden breitete sich ein natürliches Höhlensystem aus, das tiefer in den
Berg führte. Barlow hatte zunächste Weggabelungen markiert bis er keine
Tücher und Papierfetzen mehr zum markieren hatte und es schließlich
aufgegeben.
'Dann lieber in Gefangenschaft, als hier im Berg zu verhungern', dachte er
sich und machte kehrt.
Schon an der ersten Kreuzung fiel ihm auf, das seine Markierung fort war.
Nichts mehr zu sehen von dem mit zwei Steinen beschwerten Fetzen Landkarte
den er dort zurückgelassen hatte. Das konnte es doch nicht geben! Und dieser
faulige Gestank, bitter und schwer.
Barlow leuchtete mit der Taschenlampe um sich, der Lichtkegel riss bizarre
Felsformationen aus der Dunkelheit und warf unheimliche Schatten. Barlow
glaubte ein schweres Keuchen zu vernehmen und ließ den Lampenstrahl langsam
kreisen.
'Verdammt, das bin ich selbst, der hier keucht', dachte er und ärgerte sich
über seine unnötige Panik.
Im nächsten Moment huschte etwas Großes am Rand des Lichtkegels entlang und
verschwand in der Finsternis. Barlow reagierte panisch und stürzte in
Richtung Ausgang oder besser in die Richtung in der er den Ausgang
vermutete. Wie ein Mensch hatte das Ding nicht ausgesehen. Eher wie... er
fand nicht die Worte. Es hatte sich zu schnell bewegt und irgend etwas an
den Bewegungen war ihm seltsam falsch erschienen.
Die Panik lähmte seine Gedanken, lose Steine polterten unter seinen Tritten
in alle Richtungen und er stolperte mehrmals, fing sich aber wieder ohne zu
stürzen. Hinter ihm heulte etwas, lang und klagend. Der faulige Gestank
wurde schlimmer und Barlow hörte ein Kratzen und ein Flattern. Wie Krallen,
die über Felsen scharren, wie gewaltige Schwingen aus Leder. Die Dunkelheit
wurde lebendig, sie waren hinter ihm und es waren viele. Barlow rannte wie
er noch nie gerannt war. Der Boden war nun eben, fast glatt und er stieg
leicht an. '
Ein gutes Zeichen', dachte er, 'ich komm hier raus:' Der Lichtkegel der
Taschenlampe huschte hin und her und Barlow erkannte das er über eine Art
Brücke rannte. Kein natürliches Gebilde sondern von Menschen... hoffentlich
von Menschen... behauener Stein, der matt glänzte.
Hinter ihm drang ein Heulen aus hunderten von Kehlen und es verhallte als
befände er sich in einer Kathedrale. Barlow schwenkte die Lampe kurz nach
oben. Dort war buchstäblich nichts. Wenn eine Höhlendecke vorhanden war,
mußte sie weit über ihm sein.
Als er den Kegel der Lampe wieder senkte klaffte ein Abgrund vor ihm, die
Brücke war aprupt zuende, dahinter gähnte das Nichts. Barlow schrie auf als
ihn der Schwung seiner Bewegung über den Abgrund riss. Dann fiel er. Endlos
wie esschien.
Eiskalt schlugen die Wellen über ihm zusammen. Barlow schluckte faulig
schmeckendes Wasser und strampelte in Panik. Er wußte nicht in welcher
Richtung sich die Wasseroberfläche befand, die Lampe hatte wohl den Sturz
nicht überstanden. Hastig machte er eine Schwimmbewegung als das Wasser um
ihn grün zu glühen begann. Unter ihm... er bestimmte die Richtung einfach
mit 'unten'... brodelte es. Etwas Gigantisches näherte sich. Schleimige
Fangarme umschlangen seine Glieder, brachen ihm Arme und Beine und zerrten
ihn hinab. Der Wasserdruck wurde immer stärker, die Worte der Wahrsagerin
fielen ihm ein.. Barlow schrie auf als seine Trommelfelle platzten und
Wasser in seine Gehörgänge und Lungen gepresst wurde. Dann umfing ihn
Dunkelheit.
'Eine Fischvergiftung', meinte Doktor Craven und blickte Gary Ramsey müde
an, 'er ist letzte Nacht gestorben ohne noch einmal das Bewußtsein erlangt
zu haben. Hat sich zuletzt in die Laken verkrallt und wild um sich getreten.
Dann kamen die Krämpfe und er ist an seinem Erbrochenen erstickt.
Ramsey hatte Tränen in den Augen. 'Weiß der Himmel wie diese Dose in die
Truppenverpflegung gelangt ist.' Der Arzt hielt die Heringskonserve der
Innsmouth Fischerei hoch, die das Datum 1892 eingeprägt hatte.
'Nehmen sie seine persönliche Habe an sich, Ramsey?'
Dieser nickte nur und nahm den Karton an sich. Ein enthielt nur die
Hundemarke, ein paar Briefe aus der Heimat und einen Haufen zerlesener
Bücher eines gewissen Lovecraft.