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Die Schatten von Coldhaven

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19.01.2026
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Die Schatten von Coldhaven

Coldhaven im Jahr 1889. Die Stadt atmet durch Schornsteine aus schwarzem Ruß, und der Nebel vom Fluss schmeckt nach feuchtem Eisen und dem Verwesungsgeruch des Watts. Es gibt kein Vorzeichen für den Anfall. Nur diesen einen, vertrauten Schlag hinter das rechte Auge. Es fühlt sich an, als triebe mir jemand einen rostigen Nagel durch den Schädel und setzte mit einem schweren Hammer nach, bis das Eisen auf den Knochen trifft. Ich presse die Kiefer aufeinander, bis das Gelenk knackt und der metallische Geschmack von Blut den Mund füllt. Eins. Zwei. Atmen, Kae. Einfach nur atmen. Das morsche Leder der Kutschbank vibriert unter meinen Oberschenkeln, während die Kutsche über das Kopfsteinpflaster schlingert. Jedes Schlagloch schickt eine Welle aus weißem Schmerz direkt in meinen Sehnerv. Ich lehne die Stirn gegen das beschlagene Glas des Fensters. Die Kälte zieht ein wenig von der Hitze aus meiner Schläfe, aber draußen zeigt sich nur eine Welt, die in giftgrünem Gaslicht ertrinkt. Die Schatten kleben an den Mauern wie zäher Teer, dickflüssig und hungrig. Am Straßenrand löst sich eine Gestalt aus dem Grau. Sie biegt sich unnatürlich weit über ein Geländer, ihre Glieder lang und dünn wie Spinnenseide, die Finger tasten blind durch die Luft nach der Kutsche. Ich blinzle, wische mir den Schweiß aus der Stirn, und die Täuschung zerfällt: Da steht nur ein krummer Schornstein im Dunst. „Fast da, Inspektor“, ruft Diaz durch die Luke. Seine Stimme klingt gepresst, als würde er selbst an der schweren Luft ersticken. „Lagerhaus 12.“ Ich reiße den Korken der Tinctura Opii mit den Zähnen heraus. Thorne nennt es ein Gewächs, ich nenne es das Ende. Das Laudanum brennt im Rachen, eine bittere Erlösung, und langsam legt sich die vertraute, dumpfe Watte über den Nagel. Die scharfen Kanten der Realität beginnen zu schmelzen, während die Kutsche mit einem ächzenden Ruck zum Stehen kommt. Das Lagerhaus empfängt mich mit einer Stille, die so schwer auf den Trommelfellen lastet, dass meine Ohren zu summen beginnen. Sergeant Miller steht im Eingang und kaut auf einem kalten Zigarrenstummel. Er meidet meinen Blick, starrt stattdessen auf seine schlammigen Stiefel. „Gehen Sie nicht ohne Maske rein, Sir. Selbst die Ratten flüchten von hier.“ Ich humple an ihm vorbei in die Halle. Je tiefer ich vordringe, desto deutlicher spüre ich dieses feine Vibrieren in der Luft – ein trockenes Knistern, wie kurz vor einem Gewitter. Es riecht nach verbranntem Haar und Phosphor, ein stechender, knoblauchartiger Dunst, der in meinen Nasenflügeln beißt. In der Mitte der Halle steht Dr. Alani über dem, was von Arthur Vance übrig ist. Das elektrische Zischen der Bogenlampe über ihr arbeitet wie eine Säge an meinem Nervenkostüm. „Sie sind spät, Kae“, sagt sie, ohne aufzusehen. Das Skalpell in ihrer Hand zittert kaum merklich, während sie durch den Stoff von Vances Gehrock schneidet. „Haben Sie gehofft, der Fall löst sich auf, wenn Sie lange genug im Opium versinken?“ „Geben Sie mir Fakten, Alani. Keine Diagnosen.“ Sie deutet mit der Klinge auf Vances Brustkorb. Die Rippen sind nach außen gebogen wie weiches Wachs, das Fleisch darum herum ist grau und faserig. Dort, wo das Herz hätte schlagen sollen, klafft eine pulsierende Schwärze. Ein Loch, so lichtlos, dass es das grelle Weiß der Lampe einfach verschluckt. Alani berührt eine der Rippen mit dem behandschuhten Finger. Der Knochen gibt nach wie warmer Kitt, er verformt sich unter ihrem Druck. „Dekalzifiziert“, flüstert sie, und zum ersten Mal höre ich das nackte Entsetzen in ihrer Stimme. „In Sekunden. Das Gewebe ist weggeschmolzen, als hätte etwas die Hitze einer Sonne direkt in seinen Kern geleitet. Er wurde von innen heraus geerntet.“ Der metallische Geschmack auf meiner Zunge wird stärker, fast schmerzhaft. Ich sehe Alanis Schatten an der Wand. Er beginnt sich zu verändern. Die Ränder ihrer Silhouette lösen sich auf wie Tinte in Wasser und fließen über den Boden – lautlos, ölig, direkt auf meine Stiefel zu. Der Nagel in meinem Kopf beginnt zu glühen. Er ist kein Schmerz mehr, er ist ein Sog, der nach dem Loch in Vances Brust verlangt. „Kae?“, sagt Alani. Ihre Stimme klingt plötzlich weit weg. „Gehen Sie weg von der Leiche. Ihre Pupillen... sie füllen das ganze Auge aus.“ Ich sehe nicht mehr ihre Augen. Ich sehe nur noch den Schatten, der sich vor mir erhebt, ein Riss im Gewebe der Welt. „Verschwinde!“, brülle ich. Der Schmerz explodiert. Ich schlage mit dem Gehstock blind um mich, treffe Metall, spüre, wie Holz splittert. Die Bogenlampe birst in einem Hagel aus Glas, Funken sprühen, und das hysterische Fauchen von ausströmendem Gas füllt den Raum. „Kae, um Himmels willen!“, schreit Alani und weicht zurück. In dem flackernden Notlicht sehe ich ihr Gesicht – verzerrt zwischen Zorn und diesem furchtbaren Mitleid. Als Chief Superintendent Blackwood mit Dr. Thorne eintritt, liege ich im Dreck. Miller hält mich an den Schultern fest, sein Griff ist schmerzhaft fest. Das Licht ist nun stumpf und grau. Blackwood starrt auf die Trümmer der Lampe. „Sehen Sie sich diesen Trümmerhaufen an, Kae. Beweismittel unter Glas begraben, weil Sie mit Schatten boxen.“ Er tritt näher, sein Atem geht flach. „Ich habe Sie jahrelang gedeckt. Aber das hier? Das ist das Ende Ihrer Marke.“ „Da war etwas“, krächze ich. Thorne tritt vor, legt mir eine Hand auf die Stirn. Sein Griff ist aus Stahl, seine Stimme vollkommen ruhig. „Es ist eine klassische Episode, Superintendent. Das Opium hat die Barrieren niedergerissen. Er produziert Bilder, um den Schmerz des Tumors zu erklären. Ein brillanter Geist, der sich selbst auffrisst.“ „Vance wurde das Herz gestohlen!“, schreie ich. „Warum sieht das keiner?“ „Wir sehen ein Massaker, Kaelen“, sagt Thorne sanft. „Und wir sehen einen Mann, der die Kontrolle verliert. Die Wunden an Vance sind physisch. Ihre Monster sind es nicht.“ Bringen Sie ihn nach St. Silas, befiehlt Blackwood. In meiner Zelle in St. Silas kommt der Entzug. Die Wände scheinen zu atmen, der Mörtel rieselt wie Sand zu Boden. Dann kommt die Schwester. Sie bewegt sich mit einer unnatürlichen Steifheit, als bestünde ihr Körper aus morschem Holz. In den Rissen ihrer Haut am Hals schimmert ein oranges Glimmen. Es ist dasselbe Leuchten, das ich bei Vance gesehen hatte. „Lauf“, flüstert sie, und ein Stück Haut schält sich von ihrer Wange wie altes Pergament. Ihre Stimme klingt wie das Knistern von Asche. Dann sackt sie in sich zusammen. Kein Schrei, nur ein Haufen grauer Staub, der leise auf den Boden rieselte. Mit dem Staub kommt dieser Geruch zurück – bissig und süßlich wie brennender Phosphor. Ich zweifle an meinem Verstand, doch als ich in den Staub greife, schließen sich meine Finger um das kalte Eisen der Schlüssel. Das Metall ist real. Der knoblauchartige Gestank in meiner Lunge ist real. Ich begreife: Das Gewächs in meinem Kopf ist kein Tumor. Es war ein Herd. Die Schwester war nur ein fehlgeschlagenes Gefäß gewesen, das die Hitze nicht halten konnte. Ich war das nächste. Und ich brauche einen Kern, um die Hitze zu bändigen. Ich finde Thorne in seinem Arbeitszimmer im Turm. Er blickt auf das Meer. „Immer noch auf der Jagd, Kaelen?“ „Die Schwester ist verbrannt“, sage ich. Meine Sicht flimmert, die Welt am Rand meines Gesichts beginnt zu schmelzen. „Sie war nicht stark genug, oder?“ Thorne lacht leise. „Es gibt keine Schatten, Kae. Nur den Zerfall Ihrer Nerven. Sie erschaffen eine Welt aus Phosphor, damit Sie nicht allein sterben müssen.“ Im Spiegel der Vitrine sehe ich sein Gesicht. Es ist eine Maske aus Rauch. „Warum ich, Thorne?“ „Weil Ihr Geist die Realität umschreibt“, sagt er. „Weil Sie der Einzige sind, der die Schwelle halten kann. Ich wollte sehen, wie viel Licht ein Mensch erträgt, bevor er zu Asche wird.“ „Vielleicht haben Sie recht“, flüstere ich. „Vielleicht ist das alles nur in meinem Kopf. Aber wenn diese Welt mein Wahn ist, dann bestimme ich die Regeln.“ Ich trete auf ihn zu. Die Hitze im Raum wird unerträglich, die Luft beginnt zu summen wie ein wütender Wespenschwarm. „Und wenn ich sterbe, Thorne, stirbt meine Welt mit mir. Aber ich werde nicht leer sterben.“ Thorne lächelt, doch als ich nach seinem Arm greife, weitet sich sein Blick. Meine Hand brennt sich nicht nur durch den Stoff, sie brennt sich durch die Haut, durch den Muskel bis zum Knochen. „Endlich“, haucht er, doch seine Stimme bricht in einem erstickten Gurgeln. „Der Wirt ist...“ Der Nagel in meinem Kopf explodiert. Eine gewaltige, kalte Schwärze fließt aus Thorne ab, aber sie fließt nicht nur in meine Augen. Ich spüre das Vakuum in meiner eigenen Brust, diesen gähnenden Schlund, der nach Füllung schreit. Mit einer Kraft, die nicht meine ist, reiße ich Thorne zu Boden. Ich brauche keine Instrumente. Meine Finger sind heiß wie Schweißbrenner, sie gleiten durch seinen Brustkorb wie durch weiche Butter. Das Knacken seiner Rippen klingt in der Stille wie brechendes Eis. Thorne versucht zu schreien, aber es kommt nur grauer Staub aus seiner Kehle. Ich greife tief in die Hitze, dorthin, wo sein Herz schlägt, und ziehe es heraus. Es ist nass, schwer und wunderbar real. In dem Moment, als ich es umschließe, sackt Thornes Körper unter mir zusammen. Er wird zu Asche, zu nichts als einem kalkweißen Abdruck auf dem Teppich. Ich stehe allein im Raum. Das Summen ist weg. Der Nagel ist still. Ich hebe die Hände und sehe auf das Fleisch in meinen Fingern. Es schlägt noch immer einen schwachen, verzweifelten Takt. Ich spüre, wie die Kälte in mir nachlässt, während ich das erste Opfer des Schattens halte. Ich trete zum Spiegel. Das Gesicht ist das von Inspektor Kaelen. Doch die Augen sind hohl, brennende Löcher in einer Maske aus Rauch. Ich rücke mir den Kragen zurecht, um die dunklen Linien zu verbergen, die meinen Hals hinaufkriechen. In Coldhaven regnete es an diesem Tag zum ersten Mal seit Jahren keinen Ruß, sondern klaren, reinen Regen. Doch in den Gassen der Stadt begann eine neue Ära des Schreckens. Man fand in den folgenden Wochen viele Tote Männer und Frauen, unversehrt, bis auf ein klaffendes, dekalzifiziertes Loch in der Brust. Die Zeitungen schrieben von einem neuen Schatten, der nachts durch die Nebel glitt. Und Inspektor Kaelen, nun der gefeierte Held der Abteilung, leitet die Ermittlungen mit einer unheimlichen Präzision. Er steht jeden Abend am Fenster seines neuen Büros, blickt auf die schlagenden Herzen der Stadt hinab und streicht mit den Fingern über die Narbe an seiner Schläfe. „Bald“, flüstert er der Dunkelheit zu, während er den nächsten Namen auf seine Liste setzt. „Nur noch ein paar Herzen mehr, dann ist der Kreis geschlossen. Dann bricht der Damm zur Schattenebene endlich auf.“ Er wartet darauf, dass die Sonne endgültig untergeht.

 

Hallo @Kryden01 und willkommen bei den Wortkriegern. Da das hier eine Textwerkstatt ist, fällt die Kritik an den Texten manchmal sehr ausführlich und mitunter auch hart aus. Das ist aber nicht persönlich gemeint, sondern dient als Anreiz sich ernsthaft mit den eigenen Texten auseinanderzusetzen und diese zu verbessern, zu lernen und über die Zeit (die braucht es!) immer besser im Schreiben zu werden. Dabei hat die Erfahrung gezeigt, dass du das Meiste lernen kannst, wenn du selbst andere Texte (ausführlich) kommentierst und dir anschaust, wie andere (teilweise sehr erfahrene Autorinnen und Autoren ihre Texte aufbauen. So viel vorweg.

Zu deinem Text: Leider hat mich das nicht überzeugt. Ich habe dir mal ein paar Anmerkungen dagelassen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft solch eine Kritik sein kann. Das trifft im ersten Moment oft schon sehr hart. Meine Bitte: Lass dich nicht beirren, sondern schau dir die Anmerkungen genau an und bleib auch trotz kritischer Töne dabei. Bring dich unter anderen Texten ein (dann bekommst du auch mehr Kommentare) und sammle über die Arbeit am eigenen Text und an der Auseinandersetzung mit anderen Erfahrung.

Beste Grüße
Habentus

Anmerkungen:

Keine Warnung und kein verdammtes Vorzeichen. Einfach nur ein Schlag.
Es fühlte sich an, als hätte mir ein unsichtbarer Bastard einen rostigen Nagel direkt hinter das rechte Auge getrieben und dann mit dem Hammer nachgesetzt. Ich presste die Zähne zusammen, bis es im Kiefer knackte. Atmen. Einfach atmen. Eins. Zwei.
Die verfluchte Droschke schlingerte über das Kopfsteinpflaster wie ein besoffener Matrose. Jedes Schlagloch war ein neuer Hammerschlag in meinem Schädel. Draußen vor dem Fenster war Coldhaven nur ein nasses Ölgemälde aus Gülle und Nebel. Das kranke Gelb der Gaslaternen schien zu flackern, als würden sie von etwas in der Dunkelheit erstickt werden.
Du steigst direkt schon mal ziemlich drastisch ein, und du nutzt viele (Füll-)Wörter, die das Ganze untermauern sollen. Natürlich ist es ein verdammtes Vorzeichen, es ist eine verfluchte Droschke und ein krankes Gelb.
Weil du so vieles bemühst, wirkt es insgesamt ziemlich aufgeblasen und schlägt (zumindest für mich) in der Wirkung um. Es ist dann nicht mehr dramatisch, sondern eben überladen und hat den gegenteiligen Effekt. Hier wäre ich eigentlich bei einer KG in gedruckter Form schon ausgestiegen.

Fast da, Inspektor, rief Diaz durch die Luke. Lagerhaus 12.
Ich würde wörtliche Rede kennzeichnen. Damit machst du es dem Lesern einfacher, den Überblick zu behalten.

Das Opium summte in meinem Blut, aber als ich über die Schwelle trat, spürte ich dieses statische Knistern.
Da frage ich natürlich sofort: Welches statische Knistern? Es kommt vorher nicht vor (zumindest habe ich es vorher nicht bemerkt), es wird nicht durch den Text hergeleitet, es wird hier nur behauptet. Da bleibe ich dann stecken, weil ich mir wenig drunter vorstellen kann, beziehungsweise es auch austauschbar wirkt.

Dort, wo das Herz sein sollte, sah ich für einen Moment ein pulsierendes, schwarzes Vakuum
Wie kann ich ein Vakuum sehen? Wie kann ein Vakuum überhaupt schwarz sein, geht das? Ich meine zu wissen, was du sagen willst, aber das funktioniert an dieser Stelle noch nicht so ganz.

Die Knochen sind weich wie Kitt, sagte Dr. Alani. Sie sah mich besorgt an und meinte, ich solle weg vom Licht gehen, weil ich starren würde.
Hier hättest du die Chance, den Charakteren mehr Fleisch zu geben, indem du sie miteinander interagieren (ggf streiten) lässt. Da könntest du gut ihre Züge weiter herausstellen. Bisher sind die nämlich (abgesehen vom üblichen Krankheit/ Opium/ hadernden Bulle) noch ziemlich blass. Ich habe letztens eine Kurzgeschichte von Tom Franklin gelesen. Der schafft das manchmal auf der ersten Seite, seine Charaktere durch ganz wenige Details zum Leben zu erwecken. Auch hier im Forum findest du (zB bei den Empfehlungen) ganz tolle Beispiele, wie das gut funktionieren kann. Da kann man (auch ich selbst) immer noch was lernen.

Ich starrte nicht auf die Leiche. Ich starrte auf Alanis Schatten an der Wand. Er schien sich von ihr zu lösen. Die Finger der Schattenhand wurden zu langen, öligen Tentakeln, die nach meiner Kehle griffen.
Verschwinde, brüllte ich den leeren Raum an. Ich schlug mit dem Gehstock wild gegen die Wand, bis das Holz splitterte und eine Gaslampe klirrend zu Boden fiel.
Mir geht das zu schnell. Ich bin erst seit ein paar Sätzen in deiner Story drin und schon gibt es diese Eskalation. Dabei kenne ich noch nicht mal die Charaktere. Ich finde, dass sich das langsam aufbauen sollte. Oder aber die Eskalation ist so gut getroffen, dass sie direkt packt. Aber dafür sind mir diese langen, öligen Tentakel noch zu nichtssagend.

Kae, da ist nichts, schrie Alani und wich zurück. In ihren Augen sah ich nicht nur Angst, sondern Mitleid. Das Mitleid, das man für einen Wahnsinnigen hat, der am Ende seines Weges steht.
Kann er das denn in seiner momentanen Situation so differenziert erkennen? Ich stelle mir vor, ich wäre in einer Ausnahmesituation. Da pocht das Adrenalin, da bin ich vielleicht sogar im Überlebensmodus, da ist meine Sicht verengt, da habe ich doch nicht zusätzlich meine Umwelt im Blick, oder? Und habe dann auch noch die Zeit, das Gesehene als Mitleid zu identifizieren.

inspektor Kae, sagte Blackwood angewidert. Sie haben den Tatort geschändet und schlagen nach Schatten.
Die Reaktionen der Figuren sind für mich alle zu knapp, zu stumpf, zu emotional losgelöst und nicht wirklich nachvollziehbar. Da würde ich an deiner Stelle dringend noch mal drüber.

Dann zerfiel sie einfach. Kein Blut und kein Schrei, nur ein Haufen grauer Staub, der in sich zusammensackte. Ozon füllte die Zelle.
Was soll denn das Ozon plötzlich? Wie erkennt man das? Wie riecht das?

Die Tür am Ende des Ganges stand einen Spaltbreit offen. Ich glitt hinein wie ein Geist.
Wie gleitet denn ein Geist? Würde ich ein weniger altbekanntes, aber dennoch nichtssagendes Bild wählen. Allgemein fährst du meiner Meinung nach gut damit, wenn du die Schraube an dramatischen Formulierungen etwas herunterschraubst, dafür eigene Bilder erschaffst, denen du als Autor auch traust, indem du sie für sich selbst wirken lässt. Da ist manchmal weniger einfach mehr.

Aber wenn ich sterbe, sagte ich und griff nach seinem Arm, dann stirbt meine Welt mit mir.
Thornes Augen weiteten sich vor nacktem Entsetzen. Er wollte zurückweichen, aber meine Hand brannte sich bereits durch seinen Ärmel.
Ich verstehe nicht, warum er das jetzt tut. Allgemein bleibt mir das alles hier zu diffus. Ich verstehe nicht, was mit der Hauptfigur los ist (Wahnsinn, Erkrankung, Besessenheit, der Ausbruch einer bestimmten Macht, die aber auch den Wahnsinn begünstigt). Da lässt du meiner Meinung nach Potenzial liegen.

Als die Wärter am Morgen den Raum betraten, fanden sie zwei Haufen Asche vor dem offenen Fenster. Keine Spuren von einem Kampf. Die Zeitungen schrieben von einer spontanen Selbstentzündung, ausgelöst durch chemische Dämpfe und den Wahnsinn eines sterbenden Inspektors. Aber an diesem Tag regnete es in Coldhaven zum ersten Mal seit Jahren keinen Ruß, sondern klaren, reinen Regen.
Hier veränderst du jetzt plötzlich die Perspektive, oder? Also es erzählt jetzt nicht mehr der bisherige Erzähler (zumindest wirkt es so), sondern ein allwissender Erzähler? Das würde ich noch besser einführen, sonst wirkt es zu abrupt und verwirrt.

 

Hallo @Habentus

vielen Dank für die ehrliche und detaillierte Kritik! Du hast genau die Finger in die Wunden gelegt (vor allem was die Adjektiv-Überladung und das Pacing angeht), die ich als Einsteiger noch nicht so im Blick hatte.

Ich arbeite bereits intensiv an einer Überarbeitung, um das Pacing besser umzusetzen und die Charaktere lebendiger zu machen.

Beste Grüße

 

Hallo @Kryden01,

ich sehe den Text als Rohling, bei dem sich durch Bearbeitung viel rausholen lässt. Fangen wir an mit der optischen Darreichung: Die vielen Leerzeilen sind ein schlimmer Setzfehler und gehören umgehend korrigiert. Unter dem Text auf bearbeiten klicken und dann alle Leerzeilen killen! Fließtext ist ungleich angenehmer zu lesen als ein zerhackter Flickenteppich an Wörtern.
Dann den doppelten Titel killen. Im Text gibt es keinen Extra-Titel, nur den reinen Text.

Als nächstes würde ich dir anraten, mal einen Versuch zu starten, wie der Text im Präsens wirkt. Mal die Zeit ändern und dir selbst laut vorlesen, auch im Vergleich zum jetzigen, vllt. hintereinander laut lesen. Kann mir vorstellen, dass im Präsens alles näher am Leser geschieht.

Atmosphärisch bringt der Text was rüber, was mir sehr gefällt, nur sind die Beschreibungen noch nicht präzise genug. Was ist eine verfluchte Droschke, was ein krankes Gelb? Wie riecht Ozon? Vllt. bei den Beschreibungen etwas sachlicher bleiben und greifbarer, konkreter darstellen.

Thematisch mischt sich da einiges. Da ist der Hirntumor, betäubt durch Laudanum, um ihn erträglicher zu machen. Weiter die Schatten als Folge des Tumors(?), die von den Figuren losgelöst ein Eigenleben zu führen scheinen (was ich als Bild mag und gerne lese), oder doch nicht? Die verbrannte Krankenschwester, mit dem orangen Glimmen unter abschälender Haut, oder doch nicht? Das Flimmern der Hände, die ihn und Dr. Thorne anzünden, oder doch nicht?

Zu der Fülle der Motive kommt eine Vielzahl an Figuren: Kea, Diaz, Thorne, Arthur Vance, Dr. Alani, Blackwood. Ich musste im Text wiederholt hochgehen um zu sehen, wer das jetzt gleich noch war.

Thema Fokus und Chronologie. Mal hieran gezeigt:

Atmen. Einfach atmen. Eins. Zwei.
Die verfluchte Droschke schlingerte über das Kopfsteinpflaster wie ein besoffener Matrose. Jedes Schlagloch war ein neuer Hammerschlag in meinem Schädel. Draußen vor dem Fenster war Coldhaven nur ein nasses Ölgemälde aus Gülle und Nebel. Das kranke Gelb der Gaslaternen schien zu flackern, als würden sie von etwas in der Dunkelheit erstickt werden.
Ich sah einen Schatten am Straßenrand.
Erst bist du im Kopf des Protas, dann schaust du von außen auf die Droschke, dann wieder Prota, dann die Stadt Coldhaven, dann die Gaslaternen, dann der Schatten am Wegesrand, ein ständiges rein raus.
Zu dem springenden Fokus kommen Hüpfer in der Chronologie, was auch daran liegt, dass vieles nur angerissen und nicht auserzählt wird. Kannst du natürlich mit dem Kopfgeschwür begründen, liest sich trotzdem zu sprunghaft. Lieber dem Text mehr Zeit geben und ruhiger und weiter ausgeholt erzählen.

Ich griff mir die Schlüssel aus dem Staub. Mein Herz raste, während ich mich fragte, ob sie gerade gestorben war oder ob mein sterbendes Hirn nur ein Bild erschaffen hatte, um mir die Flucht zu ermöglichen.
Das mit den möglichen Trugbildern ist eigentlich eine nette Sache, wenn man damit spielen kann, führt aber uU auch dazu, dass der Erzähler unzuverlässig gelesen wird. Ist das jetzt real oder ein Hirngespinst seiner Drogenphantasie oder ist es doch durch den Tumor bedingt? Was du hier schreibst, ist dass der Erzähler das selbst nicht weiß. Dann legst du dich doch fest:
Er sagte, das Gewächs in meinem Kopf leiste erstaunliche Arbeit und erschaffe eine ganze Welt für mich, damit ich nicht alleine sterben müsse.
Das scheint so klar und glaubhaft, wird im Text jedoch hinterfragt und final widerlegt durch das Abfackeln der beiden, für das es nur eine fadenscheinige Begründung gibt.

Das nur als Hinweise für die Überarbeitung, die du angekündigt hast, vllt. hilft es, peace,l2f

 

@linktofink auch dir vielen Dank für diese fundierte „Analyse“! Das hilft mir extrem, den Blick für das Handwerk zu schärfen. Wenn alles gut läuft wird die Überarbeitung heute Nacht fertig.

 

Ich habe den Text nun umfassend überarbeitet, die Formatierung korrigiert und die Geschichte komplett ins Präsens gesetzt, um mehr Unmittelbarkeit zu erzeugen. Außerdem habe ich versucht, die vagen Adjektive durch konkretere Bilder zu ersetzen. Ich hoffe, die neue Fassung gefällt euch besser!

 

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