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Die Schatten von Coldhaven
Coldhaven im Jahr 1889. Die Stadt atmet durch Schornsteine aus schwarzem Ruß, und der Nebel vom Fluss schmeckt nach feuchtem Eisen und dem Verwesungsgeruch des Watts. Es gibt kein Vorzeichen für den Anfall. Nur diesen einen, vertrauten Schlag hinter das rechte Auge. Es fühlt sich an, als triebe mir jemand einen rostigen Nagel durch den Schädel und setzte mit einem schweren Hammer nach, bis das Eisen auf den Knochen trifft. Ich presse die Kiefer aufeinander, bis das Gelenk knackt und der metallische Geschmack von Blut den Mund füllt. Eins. Zwei. Atmen, Kae. Einfach nur atmen. Das morsche Leder der Kutschbank vibriert unter meinen Oberschenkeln, während die Kutsche über das Kopfsteinpflaster schlingert. Jedes Schlagloch schickt eine Welle aus weißem Schmerz direkt in meinen Sehnerv. Ich lehne die Stirn gegen das beschlagene Glas des Fensters. Die Kälte zieht ein wenig von der Hitze aus meiner Schläfe, aber draußen zeigt sich nur eine Welt, die in giftgrünem Gaslicht ertrinkt. Die Schatten kleben an den Mauern wie zäher Teer, dickflüssig und hungrig. Am Straßenrand löst sich eine Gestalt aus dem Grau. Sie biegt sich unnatürlich weit über ein Geländer, ihre Glieder lang und dünn wie Spinnenseide, die Finger tasten blind durch die Luft nach der Kutsche. Ich blinzle, wische mir den Schweiß aus der Stirn, und die Täuschung zerfällt: Da steht nur ein krummer Schornstein im Dunst. „Fast da, Inspektor“, ruft Diaz durch die Luke. Seine Stimme klingt gepresst, als würde er selbst an der schweren Luft ersticken. „Lagerhaus 12.“ Ich reiße den Korken der Tinctura Opii mit den Zähnen heraus. Thorne nennt es ein Gewächs, ich nenne es das Ende. Das Laudanum brennt im Rachen, eine bittere Erlösung, und langsam legt sich die vertraute, dumpfe Watte über den Nagel. Die scharfen Kanten der Realität beginnen zu schmelzen, während die Kutsche mit einem ächzenden Ruck zum Stehen kommt. Das Lagerhaus empfängt mich mit einer Stille, die so schwer auf den Trommelfellen lastet, dass meine Ohren zu summen beginnen. Sergeant Miller steht im Eingang und kaut auf einem kalten Zigarrenstummel. Er meidet meinen Blick, starrt stattdessen auf seine schlammigen Stiefel. „Gehen Sie nicht ohne Maske rein, Sir. Selbst die Ratten flüchten von hier.“ Ich humple an ihm vorbei in die Halle. Je tiefer ich vordringe, desto deutlicher spüre ich dieses feine Vibrieren in der Luft – ein trockenes Knistern, wie kurz vor einem Gewitter. Es riecht nach verbranntem Haar und Phosphor, ein stechender, knoblauchartiger Dunst, der in meinen Nasenflügeln beißt. In der Mitte der Halle steht Dr. Alani über dem, was von Arthur Vance übrig ist. Das elektrische Zischen der Bogenlampe über ihr arbeitet wie eine Säge an meinem Nervenkostüm. „Sie sind spät, Kae“, sagt sie, ohne aufzusehen. Das Skalpell in ihrer Hand zittert kaum merklich, während sie durch den Stoff von Vances Gehrock schneidet. „Haben Sie gehofft, der Fall löst sich auf, wenn Sie lange genug im Opium versinken?“ „Geben Sie mir Fakten, Alani. Keine Diagnosen.“ Sie deutet mit der Klinge auf Vances Brustkorb. Die Rippen sind nach außen gebogen wie weiches Wachs, das Fleisch darum herum ist grau und faserig. Dort, wo das Herz hätte schlagen sollen, klafft eine pulsierende Schwärze. Ein Loch, so lichtlos, dass es das grelle Weiß der Lampe einfach verschluckt. Alani berührt eine der Rippen mit dem behandschuhten Finger. Der Knochen gibt nach wie warmer Kitt, er verformt sich unter ihrem Druck. „Dekalzifiziert“, flüstert sie, und zum ersten Mal höre ich das nackte Entsetzen in ihrer Stimme. „In Sekunden. Das Gewebe ist weggeschmolzen, als hätte etwas die Hitze einer Sonne direkt in seinen Kern geleitet. Er wurde von innen heraus geerntet.“ Der metallische Geschmack auf meiner Zunge wird stärker, fast schmerzhaft. Ich sehe Alanis Schatten an der Wand. Er beginnt sich zu verändern. Die Ränder ihrer Silhouette lösen sich auf wie Tinte in Wasser und fließen über den Boden – lautlos, ölig, direkt auf meine Stiefel zu. Der Nagel in meinem Kopf beginnt zu glühen. Er ist kein Schmerz mehr, er ist ein Sog, der nach dem Loch in Vances Brust verlangt. „Kae?“, sagt Alani. Ihre Stimme klingt plötzlich weit weg. „Gehen Sie weg von der Leiche. Ihre Pupillen... sie füllen das ganze Auge aus.“ Ich sehe nicht mehr ihre Augen. Ich sehe nur noch den Schatten, der sich vor mir erhebt, ein Riss im Gewebe der Welt. „Verschwinde!“, brülle ich. Der Schmerz explodiert. Ich schlage mit dem Gehstock blind um mich, treffe Metall, spüre, wie Holz splittert. Die Bogenlampe birst in einem Hagel aus Glas, Funken sprühen, und das hysterische Fauchen von ausströmendem Gas füllt den Raum. „Kae, um Himmels willen!“, schreit Alani und weicht zurück. In dem flackernden Notlicht sehe ich ihr Gesicht – verzerrt zwischen Zorn und diesem furchtbaren Mitleid. Als Chief Superintendent Blackwood mit Dr. Thorne eintritt, liege ich im Dreck. Miller hält mich an den Schultern fest, sein Griff ist schmerzhaft fest. Das Licht ist nun stumpf und grau. Blackwood starrt auf die Trümmer der Lampe. „Sehen Sie sich diesen Trümmerhaufen an, Kae. Beweismittel unter Glas begraben, weil Sie mit Schatten boxen.“ Er tritt näher, sein Atem geht flach. „Ich habe Sie jahrelang gedeckt. Aber das hier? Das ist das Ende Ihrer Marke.“ „Da war etwas“, krächze ich. Thorne tritt vor, legt mir eine Hand auf die Stirn. Sein Griff ist aus Stahl, seine Stimme vollkommen ruhig. „Es ist eine klassische Episode, Superintendent. Das Opium hat die Barrieren niedergerissen. Er produziert Bilder, um den Schmerz des Tumors zu erklären. Ein brillanter Geist, der sich selbst auffrisst.“ „Vance wurde das Herz gestohlen!“, schreie ich. „Warum sieht das keiner?“ „Wir sehen ein Massaker, Kaelen“, sagt Thorne sanft. „Und wir sehen einen Mann, der die Kontrolle verliert. Die Wunden an Vance sind physisch. Ihre Monster sind es nicht.“ Bringen Sie ihn nach St. Silas, befiehlt Blackwood. In meiner Zelle in St. Silas kommt der Entzug. Die Wände scheinen zu atmen, der Mörtel rieselt wie Sand zu Boden. Dann kommt die Schwester. Sie bewegt sich mit einer unnatürlichen Steifheit, als bestünde ihr Körper aus morschem Holz. In den Rissen ihrer Haut am Hals schimmert ein oranges Glimmen. Es ist dasselbe Leuchten, das ich bei Vance gesehen hatte. „Lauf“, flüstert sie, und ein Stück Haut schält sich von ihrer Wange wie altes Pergament. Ihre Stimme klingt wie das Knistern von Asche. Dann sackt sie in sich zusammen. Kein Schrei, nur ein Haufen grauer Staub, der leise auf den Boden rieselte. Mit dem Staub kommt dieser Geruch zurück – bissig und süßlich wie brennender Phosphor. Ich zweifle an meinem Verstand, doch als ich in den Staub greife, schließen sich meine Finger um das kalte Eisen der Schlüssel. Das Metall ist real. Der knoblauchartige Gestank in meiner Lunge ist real. Ich begreife: Das Gewächs in meinem Kopf ist kein Tumor. Es war ein Herd. Die Schwester war nur ein fehlgeschlagenes Gefäß gewesen, das die Hitze nicht halten konnte. Ich war das nächste. Und ich brauche einen Kern, um die Hitze zu bändigen. Ich finde Thorne in seinem Arbeitszimmer im Turm. Er blickt auf das Meer. „Immer noch auf der Jagd, Kaelen?“ „Die Schwester ist verbrannt“, sage ich. Meine Sicht flimmert, die Welt am Rand meines Gesichts beginnt zu schmelzen. „Sie war nicht stark genug, oder?“ Thorne lacht leise. „Es gibt keine Schatten, Kae. Nur den Zerfall Ihrer Nerven. Sie erschaffen eine Welt aus Phosphor, damit Sie nicht allein sterben müssen.“ Im Spiegel der Vitrine sehe ich sein Gesicht. Es ist eine Maske aus Rauch. „Warum ich, Thorne?“ „Weil Ihr Geist die Realität umschreibt“, sagt er. „Weil Sie der Einzige sind, der die Schwelle halten kann. Ich wollte sehen, wie viel Licht ein Mensch erträgt, bevor er zu Asche wird.“ „Vielleicht haben Sie recht“, flüstere ich. „Vielleicht ist das alles nur in meinem Kopf. Aber wenn diese Welt mein Wahn ist, dann bestimme ich die Regeln.“ Ich trete auf ihn zu. Die Hitze im Raum wird unerträglich, die Luft beginnt zu summen wie ein wütender Wespenschwarm. „Und wenn ich sterbe, Thorne, stirbt meine Welt mit mir. Aber ich werde nicht leer sterben.“ Thorne lächelt, doch als ich nach seinem Arm greife, weitet sich sein Blick. Meine Hand brennt sich nicht nur durch den Stoff, sie brennt sich durch die Haut, durch den Muskel bis zum Knochen. „Endlich“, haucht er, doch seine Stimme bricht in einem erstickten Gurgeln. „Der Wirt ist...“ Der Nagel in meinem Kopf explodiert. Eine gewaltige, kalte Schwärze fließt aus Thorne ab, aber sie fließt nicht nur in meine Augen. Ich spüre das Vakuum in meiner eigenen Brust, diesen gähnenden Schlund, der nach Füllung schreit. Mit einer Kraft, die nicht meine ist, reiße ich Thorne zu Boden. Ich brauche keine Instrumente. Meine Finger sind heiß wie Schweißbrenner, sie gleiten durch seinen Brustkorb wie durch weiche Butter. Das Knacken seiner Rippen klingt in der Stille wie brechendes Eis. Thorne versucht zu schreien, aber es kommt nur grauer Staub aus seiner Kehle. Ich greife tief in die Hitze, dorthin, wo sein Herz schlägt, und ziehe es heraus. Es ist nass, schwer und wunderbar real. In dem Moment, als ich es umschließe, sackt Thornes Körper unter mir zusammen. Er wird zu Asche, zu nichts als einem kalkweißen Abdruck auf dem Teppich. Ich stehe allein im Raum. Das Summen ist weg. Der Nagel ist still. Ich hebe die Hände und sehe auf das Fleisch in meinen Fingern. Es schlägt noch immer einen schwachen, verzweifelten Takt. Ich spüre, wie die Kälte in mir nachlässt, während ich das erste Opfer des Schattens halte. Ich trete zum Spiegel. Das Gesicht ist das von Inspektor Kaelen. Doch die Augen sind hohl, brennende Löcher in einer Maske aus Rauch. Ich rücke mir den Kragen zurecht, um die dunklen Linien zu verbergen, die meinen Hals hinaufkriechen. In Coldhaven regnete es an diesem Tag zum ersten Mal seit Jahren keinen Ruß, sondern klaren, reinen Regen. Doch in den Gassen der Stadt begann eine neue Ära des Schreckens. Man fand in den folgenden Wochen viele Tote Männer und Frauen, unversehrt, bis auf ein klaffendes, dekalzifiziertes Loch in der Brust. Die Zeitungen schrieben von einem neuen Schatten, der nachts durch die Nebel glitt. Und Inspektor Kaelen, nun der gefeierte Held der Abteilung, leitet die Ermittlungen mit einer unheimlichen Präzision. Er steht jeden Abend am Fenster seines neuen Büros, blickt auf die schlagenden Herzen der Stadt hinab und streicht mit den Fingern über die Narbe an seiner Schläfe. „Bald“, flüstert er der Dunkelheit zu, während er den nächsten Namen auf seine Liste setzt. „Nur noch ein paar Herzen mehr, dann ist der Kreis geschlossen. Dann bricht der Damm zur Schattenebene endlich auf.“ Er wartet darauf, dass die Sonne endgültig untergeht.