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Die verbrannte Farbe der Kirschblüten
Am Ende, da wachen wir alle wieder auf und gehen unserem gewohnten Alltag nach. Doch was ist, wenn du das Leben nicht mehr ertragen kannst und sein Inhalt einfach keinen Sinn mehr ergibt?
Wichtige Dinge wirken unwichtig und unwichtige Dinge unerreichbar. Das Leben, ein Theaterstück einer immer währenden Aufführung. Die momentane Bühne, eine Innenstadt wie jede andere. Der Protagonist, der gleiche wie jeden Tag.
Ein Kirschbaum erstreckt sich weit über meinen Kopf. Ich gehe das allzu bekannte Drehbuch durch und stelle mich darauf ein, wie immer eine perfekte Show abzugeben. Ich bin schon lange im Geschäft und weiss kaum noch wie es war, bevor meine Karriere begann. Mittlerweile bin ich ein absoluter Profi, der selbst in den schwierigsten Situationen einen kühlen Kopf bewahrt.
Doch an diesem Tag ist für den Helden ... Heute ist es anders für mich. Wenn ich nach oben blicke, sehe ich anstatt der Kirschblüten, die sonst immer zierlich die Route Richtung Boden nehmen, etwas neues. Ascheflocken wirbeln in einer immer wachsenden Anzahl umher und fangen an, die ganze Stadt zu bedecken. Die Sonne breitet sich immer weiter aus und scheint im begriff zu sein, den ganzen Himmel zu verschlingen.
Zum ersten Mal in meinem Leben, weiss ich nicht mehr, was ich spielen soll, nichts wirkt mehr wirklich. Etwas Neues ist aufgetaucht. Etwas Anderes ging verloren. Mir bleibt nicht mehr übrig, als in einem mir fremden Leben zu wirken, welches in diesem Moment beginnt...
Es ist ein heißer Sommertag. Sonnenstrahlen drücken die Hitze auf meinen schon nassgeschwitzten Nacken. Ich stehe hier in mitten einer Masse von Leuten. Alle laufen hastig hin und her, zielstrebig kämpfen sie sich durch die Flut aus Menschen, die wie Wellen im Sekundentakt aufeinander prallen. Verschwitzte und angespannte Gesichter. Kein Lächeln zu finden in diesem Meer. Ich sehe nur zu, ich bewege mich nicht, ich beobachte nur, wie diese Menschen sich schubsen, stoßen und sich gegenseitig angewiderte Blicke zuwerfen.
Ich kann es einfach nicht begreifen, warum leben diese Menschen? Welchen Zweck erfüllen sie? Sie geben nur etwas, um etwas zu nehmen, sie leihen sich etwas und geben nur die Rückstände zurück. Die Vergöttlichung der Materie, das Geld als Held, eine Perversion im Auge derer, die um zu sehen nicht nur die Augen öffnen.
Ich stehe hier immer noch regungslos auf diesem tobenden Platz und fühle mich auf einmal, als hätte sich eine Insel gebildet in diesem Meer aus Menschen. Die Wellen schlagen sehr hoch, doch ich bleibe zum größten Teil trocken. Jetzt fühle ich mich leichter, die anderen, sie kommen und gehen, doch ich bleibe, ich stehe hier. Ich bin kein Fels in der Brandung, nein, nur ein Stück Holz, das sich verhakt hat.
Aus einer Laune des Himmels heraus bilden sich plötzlich Gewitterwolken am Horizont. Es fängt an zu regnen, ich strecke meine Zunge so weit hinaus wie möglich und breite meine Arme aus. Auch wenn mich die Außenwelt für einen Verrückten hält, mir ist in diesem Moment alles gleichgültig. Auch wenn es nur für einen kurzen Augenblick ist, kann ich diese Welt endlich vergessen. Also lasse ich es mir auch nicht nehmen, hier mit weit geöffnetem Mund zu stehen und zu fühlen, was ich schon lange vergessen hatte. Es ist so wundervoll, diese Stille im Regen zu genießen.
Der Boden scheint sich langsam unter meinen Füßen aufzulösen, mir stellt sich die Frage, ob ich nur Träume, oder einfach nur meinen Verstand verliere. Langsam schwinden alle Sinne und ich fühle mich, als würde ich mich immer weiter aus diesem Universum entfernen. Es ist ein seltsames, aber doch irgendwie vertrautes und angenehmes Gefühl.
Überraschenderweise, wird es auf einmal wieder laut, die Außenwelt scheint wieder in mich einzudringen. Erst ein stumpfes Geräusch, welches sich dann wiederholt. Ich spüre Schmerzen und schmecke Blut, es ist auf einmal überall, es vermischt sich mit dem Wasser auf den Pflastersteinen. Ich öffne ein aller letztes Mal meine Lider und das was ich sehe bringt mich dazu, in Verwunderung meinerseits, mit einem Lächeln im Gesicht sterben zu dürfen.