Was ist neu

Die Weihnacht

Mitglied
Beitritt
06.09.2025
Beiträge
13
Zuletzt bearbeitet:

Die Weihnacht

In jener Nacht, als die Schafe die betrunkenen Hirten mit stummem Vorwurf anstarrten — ratlos, warum man sie in der bitteren Kälte zum Grasen hinausgejagt hatte —, herrschte im warmen Stall vor den Toren Bethlehems eine zufriedene Stille. Miriam wechselte gerade eine Windel. Josef reparierte die Futterkrippe, die als Bettchen diente, und grummelte leise über die Zimmerleute-Zunft, die für Nägel eindeutig Wucherpreise verlangte. Alles nur wegen dieser verfluchten römischen Besatzer, die es nicht einmal fertigbrachten, eine ordentliche Kreuzigung ohne Nägel human über die Bühne zu bringen!

Und das Kind schlief einfach, ahnungslos, dass es bald zur zentralen Figur eines ideologischen Disputs werden sollte.

Die Idylle wurde durch einen Tumult vor der Tür erschüttert: Stampfen, Stimmen und ein Geräusch, als ob Lattes in Pappbechern schwappten. In den Stall, einen völlig verdutzten Esel von der Schwelle fegend, stürmten drei Gestalten in identischen schwarzen T-Shirts mit dem Aufdruck „Free Palestine“, Cargo-Hosen und Kampfstiefeln. Ihre Augen brannten mit dem gerechten Zorn erleuchteter Menschen, die sich zum ersten Mal über ihren Universitätscampus hinausgewagt hatten.

„Salaam Alaikum!“, rappte der Anführer, Professor Jeremiah Cocksock vom Institut für Dekolonialisierungsstudien. „Wir sind hier, um unsere Solidarität mit der unterdrückten indigenen Bevölkerung Palästinas zu bekunden!“

Der erschrockene Esel furzte. Der Geruch von halb verdautem Hafer und Heu füllte den Stall.

Miriam und Josef tauschten Blicke aus. Das Wort „Solidarität“ klang in ihren Ohren so exotisch wie „Freelancer“ oder „Kryptowährung“.

„Wir haben euch symbolische Geschenke mitgebracht“, fuhr die Doktorandin Evangeline Boobs fort und zog ein Notizbuch mit Che Guevara und Greta Thunberg auf dem Cover sowie eine Broschüre mit dem Titel „Ihr Recht auf geschlechtsneutrale Pronomen im Aramäischen“ aus ihrem Rucksack.

„Und T-shirts mit der Aufschrift ‚Free Palestine‘!“, ergänzte der zweite Student, Jean Nudie, während er den Stoff entfaltete. „Größe L, Unisex.“

Josef befingerte vorsichtig das T-Shirt. „Weich. Danke. Aber… wer seid ihr, und was ist dieses ‚Palästina‘?“

Professor Cocksock lächelte herablassend. „Palästina ist das Land, auf dem ihr lebt, was euch zu Palästinensern macht. Die indigenen Ureinwohner dieses Landes. Und jene dort“, er gestikulierte bedeutungsschwer in die Dunkelheit, als stünden dort unsichtbare Legionen, „werden in zweitausend Jahren kommen, um euch zu okkupieren.“

„Dieses Land heißt ‚Eretz Israel‘“, wandte Miriam ein, die die Welt nicht mehr verstand. „Hier leben Juden, Samariter, Hellenen… nun ja, und Römer, leider. Was die letzten P’lischtim angeht… Philister, falls Sie die meinen — Simson hat sich um die gekümmert, ich glaube, das war vor etwa tausend Jahren. Das haben wir im Tanach-Unterricht in der Grundschule gelernt.“

Evangeline rollte mit den Augen. „Das ist zionistische Propaganda. Ihr seid das palästinensische Volk, das seit Jahrhunderten unter systemischer Unterdrückung leidet.“

„Jahrhunderte?“ Josef kratzte sich am Hinterkopf. „Miriam und ich kommen aus Nazareth, wir sind wegen der Volkszählung hier. Und ihr Großvater stammt eigentlich von hier, aus Bethlehem. Wir haben bisher nicht wirklich gelitten, außer unter den steigenden Nagelpreisen.“

„Nicht gelitten? Eure Zeit wird kommen!“ Der Professor beugte sich über die Krippe. „Dieser Säugling ist ein künftiger palästinensischer Freiheitskämpfer, den die Zionisten töten werden.“

Stille senkte sich über den Stall. Sogar die Grille verstummte.

„Wer… wird ihn töten?“, fragte Miriam leise und schirmte das Kind instinktiv ab.

„Zionisten! Die Israelis!“, erklärte Jean Nudie leidenschaftlich.

Josef schwieg lange. Er blickte von den Gästen zu seiner Frau, von seiner Frau zum Kind und wieder zurück.

„Moment mal“, sagte er langsam. „Wollen Sie behaupten, dass hier jetzt keine Juden sind?“

„Nicht als Kolonialmacht!“, konterte der Professor.

„Und Miriam und ich, unsere Eltern, unser ganzes Geschlecht, König David, die Propheten… Wer sind wir?“

„Ihr seid Palästinenser!“, schallte es im Chor der Aktivisten zurück.

In diesem Moment runzelte Evangeline Boobs die Stirn. „Professor, verzeihen Sie, aber hier gibt es eine logische Lücke. Wenn die Juden als Kolonisatoren erst 1948 auftauchen und Jesus — den Sie einen palästinensischen Freiheitskämpfer nennen — von Juden getötet wurde… wer hat ihn dann vor zweitausend Jahren umgebracht? Das würde ja bedeuten, dass die Juden bereits hier waren?“

Cocksock erstarrte. Sein Gesicht wurde bleich. Ein Moment des Entsetzens huschte durch seine Augen – der Horror eines Mannes, dessen Ideologie gerade über einen unbequemen historischen Pflasterstein gestolpert war. Sein innerer Kompass, der nur auf „Unterdrücker“ und „Unterdrückte“ programmiert war, rotierte wild.

„Das ist… eine komplexe Frage, Evangeline“, stammelte er. „Du verfällst gerade dem Narrativ der Besatzer. Du… du plapperst deren Tropen nach!“

„Aber ich habe doch nur gefragt…“

„Ruhe!“, brüllte der Professor, der fühlte, wie ihm sein akademisches Renommee unter den Füßen wegwich. „Das ist eine Manifestation von internalisierter Misogynie und kolonialistischem Denken! Ich werde dich aus dem Kurs werfen lassen! Von der Universität fliegst du flach!“

Um das Loch in seiner Rhetorik mit einer symbolischen Handlung zu stopfen, riss er sich die schwarz-weiß karierte Keffiyeh vom Hals und legte sie feierlich über den schlafenden Säugling in der Krippe.

„Da! Jetzt bist du einer von uns! Free Palestine!“, schrie er, machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Stall, gefolgt von einem stolpernden Jean und einer den Tränen nahen Evangeline.

Wieder kehrte Stille ein. Nur die Keffiyeh bebte sanft im Atemzug des Kindes. Miriam nahm sie vorsichtig ab und legte sie neben die Gaben der Weisen. Dem kleinen Jeschua war ohnehin warm genug, gewärmt vom Atem des Ochsen.

„Sepp?“

„Ja, Miriam?“

„Was sind das für drei Meschuggene, eh?“

„Stimmt“, pflichtete Josef ihr bei. „Aber dieser karierte Lappen ist eigentlich ganz hübsch. Mach ein Dutzend Taschentücher daraus. Zwei behalten wir für uns, den Rest verkaufen wir.“

Das Kind lächelte im Schlaf. Anscheinend sah es etwas sehr Lustiges.

 

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom