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Ein Künstleratelier
Hier ist es schön. Hier kann ich mich wohl fühlen. Es ist das Chaos eines Künstlers.
Das erste, was mir auffällt, sind die Perlen auf dem Boden. In allen Farben und Formen sind sie über den Boden verstreut. Aber es sind billige Perlen und Plastikschmuck. Billig. So wie alles im Atelier. Denn bessere Sachen konnte sich die Künstlerin nicht leisten.
Sogar auf dem Nachttisch liegen Blätter mit undefinierbaren Klecksen und Schmierereien. Auf dem Bett liegt ein unbemalter dreieckiger Keilrahmen. Was wohl darauf kommen wird?
Langsam drehe ich mich um 90 Grad nach rechts und werfe einen Blick auf dem großen Fenster. Nicht sehr viel Lichteinstrahlung. Schlechte Bedingungen für eine Künstlerin. Warum hat man ihr nicht auf der anderen Seite ein Zimmer gegeben, wo die Sonne scheint?
Meine Blicke schweifen hinüber zum Tisch. Vielmehr das, was davon übrig ist. Alles ist voll gestellt, und die wenigen Ecken vom Tisch, die zu sehen sind, sind verschmiert mit Farben. Der Tisch ist sehr klein. Wie will man denn hier arbeiten?
Buntstifte und Filzmaler in sämtlichen Farben zieren den hinteren Teil des Tisches. Viele sind offen und längst ausgetrocknet. Die einzelnen Töne der Wasserfarben sind nicht mehr identifizierbar. Ein Becher mit vergammeltem und verschmutztem Pinselwasser steht davor. Daneben liegen die Pinsel, hart und getrocknet. Wann sie wohl zuletzt damit gemalt hat?
Die Acrylfarben auf der andern Seite des Tisches scheinen das einzig Brauchbare, Intakte zu sein. Aber auf den zweiten Blick erkennt man, dass auch sie klumpig und alt sind. Verschmutzte Lappen verdecken einige aufgeschlagene Bücher über Kunstgeschichte. Dazwischen leere Zigarettenschachteln und Asche. Auf dem Boden hat sich ein klebriger Haufen Flüssigkleber angesammelt, der auf dem Tisch ausgelaufen ist. Es riecht nach Farbe und Lack.
'Mein Gott', denke ich. 'Wann wurde hier wohl das letzte Mal gearbeitet?'
Dann fällt mein Blick plötzlich auf das Regal und meinen Augen zeigt sich eine Galerie von Bildern und Zeichnungen. Ich hätte schwören können, dass man in diesem Atelier nicht ein einziges brauchbares Werk vollbringen kann. Doch was sich mir nun darbietet übertrifft sämtliche Erwartungen. Eine Unmenge an fantastischen Bildern ist auf minimalem Raum zusammengepfercht. Die Künstlerin hat eine Menge Talent und Geschick, wenn sie das alles wirklich hier vollbracht hat.
Und sie hat auch Vorlieben. Viele Bilder und Zeichnungen zeigen Engel oder farbenfrohe Blumen. Dazwischen Tiere, Herzen, eine bemalte chinesische Vase und beklebte Boxen (mit Blumen natürlich). Sie muss eine fröhliche, unbeschwerte Frau sein. Die Bilder strahlen große Intensität, aber auch große Impulsivität aus. Kräftige Farben und klare Konturen sind zwei ihrer Markenzeichen.
Ich gehe näher heran und betrachte das Datum der Bilder, direkt neben der Signatur. Alle Bilder wurden vor mindestens einem Jahr gemalt!
Plötzlich wird mein Blick von einem Bild angezogen. Es dringt tief in meine Seele und bahnt sich einen Weg durch meinen Kopf, bis in die letzte Synapse, wo es eine Flut von Gefühlen auslöst. Das Bild zeigt einen Totenschädel, umgeben von blühenden Rosen. Die Wirkung des Bildes ist gigantisch. Es verbindet die Hässlichkeit des Todes mit der Schönheit des blühenden Lebens. Melancholie und neue Lebenskraft. Schwarz-weiß und knalliges Rot.
Meine Augen streifen das Datum. Ich bin verwundert, denn im Gegensatz zu den anderen wurde das Bild erst gestern signiert. Ich nehme es aus dem Regal und drehe es um, weil ich hoffe, dort den Titel vorzufinden. Es heißt „das Vorletzte“. Ich muss stutzen, weil ich keine Verbindung zwischen Bild und Titel erkenne.
Als ich so vor mich hinstarre und versuche eine Verknüpfung herzustellen, erblicke ich vor meinen Augen ein Tagebuch. Es liegt provozierend mitten auf dem Tisch, fast so als solle man darin lesen. Meine Neugierde quält mich. Aber es ist zu riskant. Die Künstlerin kann jeden Augenblick hier auftauchen. Aber mein Wissensdurst ist zu stark. Ich nehme das Tagebuch und blättere hastig darin herum, finde aber nur leere Seiten vor. Alle bis auf eine. Die Erste. Der Eintrag ist auf heute datiert und beinhaltet nur einen Satz: „Ein echter Künstler ist sich selbst das letzte Kunstwerk“.
Plötzlich nehme ich ein leises Tropfen aus dem Nebenraum wahr. Seltsam, dass mir das vorher gar nicht aufgefallen ist. Aber in diesem versifften Atelier wundert mich nichts mehr. Da gehört doch ein tropfender Wasserhahn quasi mit zur Ausstattung.
Aber sie hat doch schon so wenig Geld, da muss man doch nicht auch noch Wasser verschwenden. Also gehe ich rüber und drehe das Wasser ab.
Als ich den Nebenraum betrete schrecke ich auf. Da sitzt sie, die Künstlerin. Sie hat die ganze Zeit gewusst, dass ich hier war. Aber sie ist nicht im geringsten erstaunt oder ärgerlich, dass ich einfach so in ihrem Atelier herumstreife. Sie blickt mich nur traurig an, mit glasigen, großen Augen, und atmet müde vor sich hin. Die Mimik einer Verzweifelten.
Ich schaue an ihr herab. Sie trägt ein wunderschönes Abendkleid, mit hohen Stiefeln und einer atemberaubenden Hochsteckfrisur. Sie hat sich geschminkt – allerdings am ganzen Körper. Mit roter Farbe zieren ihre schöne weiße Haut Herzen.
Da höre ich es wieder. Tropf. Tropf.
Von ihrem Handgelenk. Tropf. Tropf.
Ein echter Künstler ist sich selbst das letzte Kunstwerk, denke ich.
Und schaue ihr beim Sterben zu.

