Mitglied
- Beitritt
- 10.02.2009
- Beiträge
- 8
- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 2
Ein Kneipengespräch
Wir fanden uns in der Kaserne ein, unserer angestammten Kneipe, gleich neben dem Eingang, im schummrigen Licht einer kleinen, flackernden Deckenleuchte. Peter saß mir gegenüber, wie immer mondän kleidet, als wäre er direkt aus der Arbeit hierher geeilt. Schnaufend entledigte er sich seines Jacketts und lud es auf der Rücklehne seines Stuhls ab.
„Tut mir leid, ich bin noch völlig aus der Puste, ich bin gleich nach der Arbeit hierher gekommen.“
Er gab sich reichlich Mühe, mitgenommen und zernagt zu erscheinen, doch wenn man ihn kannte – und sei es nur ein wenig – wusste man, dass dies lediglich affektierte Querelen waren, die der Betonung seiner Wichtigkeit dienten. Nach mir erkundigte er sich nicht, gewohntermaßen. Zugegeben, ab und an rang er sich eine flüchtige Frage nach meiner Befindlichkeit ab, doch unterbrach sich dabei meist selbst und fuhr fort, über sein Leben zu schwadronieren, wobei er zu Beginn eines jeden Gesprächs mich zu beeindrucken suchte, in dessen Verlauf jedoch, wenn er betrunken wurde, zunehmend zu greinen begann. Peter bestellte Wasser für mich, da ich mich bekanntermaßen in Abstinenz übe, ein Pils und einen Korn für sich.
„Ich kann dir sagen, das war vielleicht eine Woche.“, seufzte Peter. „Ich weiß gar nicht, wie ich das alles schaffe.“
Er krempelte seine Hemdsärmel hoch, als wären sie der Stein des Sisyphos.
„Am Dienstag kam Herr Reinhardt in mein Büro. Das ist mein Chef, also der große Chef, der Besitzer der Firma. Sicher kannst du dir denken, dass der nicht bei jedem einfach so hereinschneit.“ Routiniert rang ich meiner Miene einen anerkennenden Ausdruck ab.
„Zwei Stunden hat die Unterredung gedauert!“, skandierte er mit weit aufgerissenen Augen und untermauerte die Zahl mit seinen Fingern. „Zwei Stunden!“
Inzwischen kam die Kellnerin und stellte unsere Getränke ab. Einer uralten Gewohnheit folgend verleibte ich mir sogleich alles Wasser ein, während Peter seinen Korn kippte, ihn mit einem Schluck Bier löschte und zu seinen Worten zurückfand.
„Runtermachen wollte der mich! Kam einfach so, Zack!“, und er schlug mit der flachen linken Hand in die rechte, „in mein Büro marschiert und fing an, auf mir herumzuhacken! Und das nur, weil er glaubte, einen Fehler in den Quartalszahlen entdeckt zu haben, den ich verschuldet haben sollte, ich! Aber nicht mit mir, nicht mit Peter. Dem hab ich vielleicht die Meinung gegeigt.“
Peter ließ einen großen Schluck Bier in seinen Schlund schwappen und bestellte sich einen neuen Korn. Verlegen kratzte ich mich hinterm Ohr; seltsam kam ich mir vor in meiner Rolle als Seelsorger, so oft ich sie auch gespielt hatte. Sicherlich erscheint einem die Rollenverteilung unserer Stammgespräche bei äußerer Betrachtung ungerecht, doch ich konnte mich kaum beklagen. Man kannte uns hier, mein Wasser bekam ich umsonst; ab und an kredenzte man mir sogar eine Mahlzeit. Im übrigen mochte ich Peter, wobei ich diesen Umstand durchaus nicht zu erklären vermag, zumindest nicht in Worten.
Plötzlich rempelte ein mir unbekannter, grobschlächtiger Kneipengast, offenkundig von einer mutwillig herbeigeführten Koordinationsstörung beeinträchtigt, meinen Stuhl an, und tätschelte, den Blick auf Peter gerichtet, entschuldigend meinen Rücken. Funkelnd knurrte ich ihm irgend etwas unverständliches zu, woraufhin er, das Gesicht zu einem Ausdruck affektierter Empörung verzogen, wie es sich zeigt, wenn man die Mimosenhaftigkeit seines Gegenübers hervorzuheben bemüht ist, seinen Weg zum Abort fortsetzte. Für gewöhnlich kannte man mich als gutmütigen Zeitgenossen, doch wenn Fremde mir zu nahe kamen, wurde ich manchmal etwas, nun ja, ruppig, insbesondere in unserer Stammkneipe. Überhaupt war ich Fremden gegenüber generell immer misstrauisch. Nun, ich denke, jeder hat wohl seine Eigenarten, und meine sind von einer denkwürdigen Vergangenheit geprägt.
Der nunmehr fünfte Korn kam und Peter wurde übermütig, lehnte sich beim Sprechen immer weiter über den Tisch und hauchte mir eine betäubende Melange aus Magensäure, Mundgeruch, Bier, Korn und einer weiteren, namenlosen Nuance in die Nase, wobei ich jede der Zutaten enebenso einzeln herausriechen konnte. Die Gerüche der übrigen Kneipengäste, gepaart mit dem allgegenwärtigen Zigarettenqualm, taten ihr übriges und gesellten sich freimütig hinzu. Angenehm war das durchaus nicht, doch führte man ein Leben wie das meinige, so hatte man schon weit schlimmeres gerochen. „Ich sage dir, wenn man mir den Posten geben würde, wäre das Unternehmen weit erfolgreicher. Aber nein, wahres Talent und Führungsqualitäten weiß man dort weder zu erkennen noch zu schätzen. Ich sollte diesen Dilettanten ein Ultimatum stellen. Dann würden die sich schön wundern!“
Wenn ich aufrichtig sein soll, interessierte mich dieser Quatsch überhaupt nicht; während seiner läppischen Litaneien träumte ich mich nur allzu oft fort, gefragt wurde ich sowieso nie; es kam nur darauf an, seine Mimik zu beherrschen und seinen Gesichtsausdruck zwischen anerkennend und betroffen pendeln zu lassen, sowie ab und an die Ohren zu spitzen. Meine Blase machte mir indessen Ärger, doch jedes Mal, wenn ich aufzustehen versuchte, hielt Peter mich zurück, ohne dass sein Redefluss je stockte. Mittlerweile hatte ich seine Schnäpse zu zählen versäumt. Mir wurde unglaublich warm und ich begann, einer alten Angewohnheit folgend, schnell und flach durch den Mund zu atmen, während Peter sich kaum an Gestank und Temperatur zu stören schien.
„Verdammt! Mein Chheff wirmich abman! Wwie könnie dass nur mimmirmachnn? Wie denn letfsn Idiodn behandln die mich. Ohnmeinne Ffrau kuaakt mier die Orn voll, dennganssn Tag.“ Er formte einen Schnabel mit der linken Hand, die rechte fest um sein Pilsglas geschlossen, „Kuaak, kuaak, kuaak!“, und kicherte wie ein Kastrat in sich hinein.
„Abberim Erns. Ssso gehdas nich weiter. Ich hallen Druck nichmehr aaus. Alle trammln auf mirrumm. Alleuolln mein Gellld. Ohnim Bürro hallen michalle füreinn Trottl! Weilich sssoviele Fehler mach, sangsie! Dabbei machich - “, und er räumte seiner Rede Platz für einen vollkehligen Rülpser ein, „kaumfehler.“ Es gab Menschen, die hatten Probleme. Ich wusste nicht einmal, wo ich in jener Nacht zum schlafen einkehren könnte. Ich schätze, man passt sich seinen Umständen einfach an.
„Letsse Wohe hat meinefrau mich tsswei Stunn tsursau gemacht! Tsfwei Stunn!“, jammerte er und versuchte vergeblich, die Zahl mit seinen Fingern zu untermauern. „Ohnass nur, weilllich die Klllotür owwengelasen habb. Wwieesoll das noch gudgehn?.“ Peter versenkte seine Stirn in einer Burg, die er mit seinen Armen vor sich auf dem Tisch errichtet hatte und begann, leise zu schluchzen. Erneut kratzte ich mich hinterm Ohr, das wurde nun doch zu erbärmlich.
In diesem Augenblick fuhr Peter plötzlich hoch, stürzte sein Bier herunter und erhob sich zackig. Seine Augen waren noch gläsern und blutunterlaufen, als er sich vom Thekenmann und der Kellnerin verabschiedete, die Getränke anschreiben ließ und zu mir meinte: „Dangedasuffürmichdabiss."“Vor der Türe blieb ich noch eine Weile stehen und beobachtete seinen schwankenden Gang, überlegte mir, ob ich ihn nach Hause begleiten sollte, doch beschloss, mich um meine eigenen Probleme zu kümmern, Probleme, die er nicht verstehen konnte. Gedankenverloren schlenderte ich über die feuchte Straße, um nach einer Bleibe für die Nacht zu suchen. An einer Straßenlaterne drohte meine Blase schließlich zu platzen und so hob ich mein Bein.
. Der Leser wäre sehr dankbar, wenn Du ein paar Absätze einbauen und mit der direkten Rede eine neue Zeile anfangen würdest.