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Feierabend
Feierabend. Ich sitze im Zug auf dem Weg nach Hause. Draußen rast die graue Landschaft vorbei und tausend Gedanken fliegen mir durch den Kopf. Wie wird es heute sein? Ist die Wohnung wohl aufgeräumt? Hat er gekocht? Oder hat er sich wieder in die Werkstatt verzogen?
Ich habe Angst, dass Letzteres zutrifft. Das bedeutet automatisch Streit.
Ich sehe nicht ein, warum ich, wenn ich heim komme noch alles erledigen darf, während er sowieso zu Hause ist.
Früher, als er noch gearbeitet hat, war alles anders. Wenn er zurückkam, war die Wohnung sauber, das Essen stand auf dem Tisch und meistens duftete auch noch ein Kuchen aus dem Backofen.
Doch davon hält er anscheinend nichts, er schraubt lieber an Motorrädern herum und ist noch nicht mal fähig tagsüber Holz zum Heizen in die Wohnung zu tragen.
Ich kann das nicht verstehen, früher war er so anders. Fürsorglich, ordentlich …
Ich schließe die Tür auf "Schatz?" Keine Reaktion. Es ist kalt und dunkel. Ich drehe die Lichter auf und meine Katze wird wach. Sie wurde auch noch nicht gefüttert, stelle ich fest. Während ich ihr Futter herrichte, schnurrt sie mir dankbar um die Beine.
Bevor ich rüber in die Werkstatt gehe atme ich tief durch. Ich will nicht streiten.
"Hallo, ich bin zu Hause", rufe ich in den Raum. Es kommt keine Antwort. Auch hier ist es kalt. Verwundert gehe ich zurück in die Wohnung.
"Willkommen in der Mobilbox der Nummer …", kommt es aus dem Telefon, als ich versuche ihn anzurufen. Wo ist er bloß?
Ich rufe meine Mutter an, vielleicht ist er ja bei ihr.
Aber nein, auch sie weiß nichts. Schön langsam bekomme ich Angst. Wo steckt er nur?
Ich versuche mich mit Aufräumen und Kochen abzulenken. Doch es funktionier nicht. Immer und immer wieder versuche ich ihn zu erreichen. Rufe Freunde und Bekannte an. Doch keiner weiß wo er ist.
Plötzlich ist es mir klar. Er ist bei ihr. Mir wird heiß und kalt und ich ringe nach Luft. Es fühlt sich so an, als würde jemand etwas glühendheißes in meinen Bauch stechen.
Schnell laufe ich runter zum Auto. Ich weiß genau wo sie wohnt. Früher, als wir noch nicht zusammen waren, habe ich ihn dort oft abgeholt. SIE ist die Ex. Die Ex, die behauptet, ihr Kind sei von ihm, aber den Vaterschaftstest verweigert. Die Ex, die ihn ständig anruft und anjammert. Die ihn sogar neben mir anmacht.
Ich fahre viel zu schnell die regennasse Straße entlang.
Vor ihrem Haus bleibe ich mit quietschenden Reifen stehen. Und tatsächlich. Sein Auto steht dort. Was mache ich jetzt nur. Soll ich anläuten? Und dann? Was habe ich mir nur dabei gedacht hierher zu fahren?
Langsam fahre ich wieder nach Hause. Dort fange ich an wie in Trance seine Sachen zu packen. Ich spüre mich selbst nicht mehr. Warum nur? Warum tut er mir das an? Was habe ich ihm getan?
Ich stelle seinen Koffer auf die Treppe. Dann setze ich mich auf die Couch und starre in den Fernseher. Nach über einer Stunde öffnet sich die Tür. Mein Herz fängt an wie verrückt zu schlagen. Ich habe Angst vor dem was jetzt kommt. "Wo warst du?", frage ich ihn leise. "Unterwegs. Was gibt’s zu essen?" Plötzlich laufen mir Tränen übers Gesicht. "Warum lügst du mich an? Ich weiß wo du warst!", schreie ich ihn an. "Warum tust du mir das an?" Er schaut mich mit leeren Augen an. "Es tut mir leid", stammelt er. "Ich wollte nur die Kleine sehen." "Ach ja? Und warum war dann dein Handy abgedreht?" "Mein Akku ist leer. Sonst nichts." " Ach komm, verarsch wem anderen. Deine Sachen sind gepackt. Bitte geh!" Seine Augen werden groß. "Du, du machst Schluss?" Ich nicke. Wortlos dreht er sich um und verschwindet aus der Tür. Jetzt bin ich wieder alleine. Ich habe ihn an die Frau verloren, die ich am meisten hasse. Weinend breche ich zusammen. Meine Welt, mein Leben ist zerstört …