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Feld der Gehängten

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03.10.2020
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Feld der Gehängten

Alabaster war weiß Gott nicht abergläubig. Trotzdem gärte Misstrauen in ihm wie Altwinters Wein unter der Sonne, und der Teufel sollte ihn holen, wenn der junge Silas in den letzten Stunden keine Veränderung durchgemacht hatte. Von einer Kugel erwischt zu werden war die eine Sache, mit dieser Verletzung die Verfolgung durchzuhalten eine andere. Der Junge war außergewöhnlich zäh. In Alabasters Hals saß eine dicke Kröte und er hielt sich seltsam schweigsam, jedenfalls gemessen an seinem nordirischen Blut. Von Zeit zu Zeit zügelte er sein Pferd und drehte sich nach dem Jungen.
„Du hättest mir nicht folgen dürfen“, sagte er.
„Wir verbinden’s neu“, keuchte Silas zwischen zusammengebissenen Zähnen und verzog den Mund zu einem Grinsen. „Bis zur Nacht halt ich noch durch.“
Bei jedem Schritt des Schimmels drohte Silas‘ Kopf nach hinten zu kippen. Sein Gesicht hatte die Farbe von Weißkohle und er starrte in die Schatten zwischen den Tannen, als könnte er in ihnen etwas sehen, das Alabaster verborgen blieb.
Das Bein blutete so stark, dass er eigentlich längst vom Pferderücken hätte fallen müssen, die Füße verheddert in den Steigbügeln und der Körper ganz verdreht. Stattdessen hielt er sich tapfer am Knauf fest. Trotz der Kälte glitzerten Schweißperlen auf seiner Stirn. Den Hut hatte er in den Nacken gehängt und die Schnur zerschnitt seine Kehle wie das Souvenir eines Halsabschneiders.
In einer Rottanne zankten Krähen und Alabaster musste daran denken, dass sein Begleiter schlechte Omen anzog. Übler noch als jeder Dorfprediger. Die Flanke des Schimmels, da wo Silas‘ Bein anlag, war rostigrot verfärbt und Alabaster glaubte in dem schmierigen Abdruck eine Art Struktur, ein Abbild zu erkennen. Das blutige Gesicht einer jungen Frau.
Frostiger Wind strich von den Hügeln durch die Senke. Der Rock von Alabasters Lodenmantel hatte sich mit Nässe vollgesogen, und der dickgewebte Tweed schlug gegen seine Beine. Sie ritten im Schritt, bedacht darauf, ihre Pferde um die von Murmeltieren gegrabenen Erdlöcher zu lenken. Die Nager nahmen Reißaus, flitzten zurück in ihre Bauten und ihr hohes Pfeifen durchschnitt die Stille.
Vor Alabaster dichtstehende Tannen, dazwischen die Stämme einzelner Birken, ein Labyrinth aus Kohlestrichen im dämmrigen Licht, und dahinter die hochaufragenden Silhouetten der Viertausender. Die Luft roch nach nassem Stein und moosiger Feuchtigkeit. In Lücken zwischen aufgeschichteten Wolkenformationen zeigten sich die ersten Sterne. Die Spur der Dittmann-Brüder hatte sich im Wald verloren und vor ihnen lag felsigeres Gelände.
An Alabasters Handgelenk baumelte ein rund abgeschliffenes Knochenstück an einer geflochtenen Kette. In die beiden Hälften waren Amulette eingelassen, Sonne und Sichel. Er hob den Arm und presste das Orakel auf die Brandnarbe an seinem kahlen Schädel. Feuer kroch durch seine Schläfen, bündelte sich in den Nervenenden. Er roch sein verbranntes Fleisch und der weißglühende Schmerz ließ ihn die Augen schließen. Aschene Hufspuren erschienen auf dem Fels, sie führten in Schlangenlinien höher hinauf, zwischen Wacholder und Zwergkiefern, dann wurden sie aufgewirbelt und als Glut im Wind verweht. Die Dittmann-Brüder waren auf dem Weg zum Pass, vier Hufpaare, und die verfluchte Hexe, die mit ihnen ritt.

* * * * * *
Als Alabaster um vier Uhr früh zu den Zellen zurückgekehrt war, fand er Silas in einem Durcheinander aus überfälligem Papierkram, zerschossenen Laternen und Blut. Es roch nach Schießpulver und dem Lampenöl, das als schwarze Flecken in die Dielen sickerte. In Alabasters Kopf torkelten noch das Laudanum und der Schnaps, was ihn bei seiner Konfrontation mit den Tatsachen weicher fallen ließ. Die Gittertüren standen offen und die beiden Zellen waren leer. Lupo lag mit dem Schwanz zwischen den Läufen unter Alabasters Schreibtisch und jaulte, als wäre schon Vollmond.
Alabaster zerrte den Jungen auf die Füße und setzte ihn auf einen Hocker. Silas war bleich und zitterte, kippte mit dem Oberkörper gegen den geplünderten Waffenschrank. Silas wies keine offensichtlichen Verletzungen auf. Aber Seppo, der zweite Wachmann, lag mit einem Loch zwischen den Augen und zerfetzter Brust hinter seinem umgekippten Schreibtisch, die Füße hingen über die Kante und ihm fehlten die Stiefel. Noch bevor Alabaster den Jungen befragen konnte, klopfte der Totengräber an die Tür.
„Hab ich doch ’ne Schießerei gehört“, murrte der Alte. „Wie viele gibt’s?“
Alabaster zeigte mit dem Daumen über die Schulter. „Nur einen.“
Nachdem sie den Toten auf seinen Karren geschleift und der Alte den vorgespannten Esel mit der Peitsche geweckt hatte, trieb er ihn im herangrauenden Morgen aus dem Dorf zum Friedhof. Er würde früh genug wieder zurück sein, um seinen Sold zu kassieren; also verlor Alabaster keine Zeit und setzte sich mit den schweren Gliedern eines Katers zu Silas.
„Ein Spiel von Licht und Finsternis ... Ich wusste nicht, ob ich blind oder geblendet war ... Einer hatte ein Auge, das war ganz weiß und milchig. Sein Gesicht ...“ Silas fuhr sich mit einem Finger von der Stirn bis zum Mundwinkel. „Der andere ... trug dieses blendende Sakko ... Ein Zylinder ...“ Seine Hand rutschte am Metall des Waffenschranks ab und Alabaster half ihm in eine aufrechtere Position.
„Wer sind die?“ Silas kniff die Augen zusammen. Die Mitesser an seiner Nase waren zahlreicher und röter geworden, aber zumindest verliehen sie seinem Gesicht etwas Farbe. Alabaster schwieg.
„Bisschen was weiß ich, aber nicht viel“, gab Silas zu.
„Du sollst die Telegramme lesen, nicht stapeln.“
„Also wer sind die wirklich?“, fragte Silas.
Alabaster nickte zur hinteren Zelle. „Wollten das Mädchen in einer Scheune zersägen.“
„Selbstjustiz?“, fragte Silas.
„Grausamkeit.“
„Das ist pervers.“ Silas versuchte zu grinsen. „Ich könnt jetzt echt ’ne Zigarette vertragen.“

* * * * *
In Altwinters Kneipe, dem Falschen Groschen, hatte der Wirt einer Schar Betrunkener und Tunichtgute vom uralten Fluch erzählt, von dem das Mädchen befallen war.
„Die Legenden der Chindi sind wahr“, sagte er und überwachte seinen Gehilfen beim Humpenabwasch mit flinken Augen. „Wenn ihr mich fragt, stammt sie von ihnen ab.“
„Altweibergewäsch!“, proklamierte einer der Gäste.
„Sei doch mal ruhig!“, verlangte ein anderer.
„Dieser ständige Hagel und der Eisregen“, fuhr der Wirt fort. „Wie soll da auch was wachsen auf euren Feldern?“
„Ich musste zwei meiner besten Ochsen schlachten!“, warf einer ein.
„Auch mir haben sie bei der Beschaffung meiner Waren einen Strich durch die Rechnung gemacht!“, beteuerte der Wirt.
Jemand schlug sein Glas auf den Tisch. „Du warst schon immer ein Geizkragen!“
„Aber mit ihr ins Bett würdet ihr sofort!“, konstatierte eine Dame in zu engem Korsett, verzog sich hochnäsig in den zweiten Stock und der Geruch ihres gepanschten Veilchenwassers blieb wie ein Versprechen in der Luft hängen.
„Die Dorfältesten spüren ihre Knochen bis ins Mark“, behauptete der Wirt. „Die Bilder auf ihrer Haut sprechen eine klare Sprache.“
Schließlich redete auch einer im Falschen Groschen Tacheles. „Sie ist eine Hexe!“
„Wenn sie eine Hexe ist“, sagte der Wirt und wischte über den Tresen, blickte dabei in Richtung Alabaster, der unter dem schiefen Porträt des Kneipengründers an einem Einzeltisch saß. „Dann gehört sie ins Gefängnis, und danach an den Strick!“
Alabaster griff nach dem Fläschchen Laudanum neben dem Wodka, das die Flüssigkeit im Glas blauschwarz gefärbt hatte, und schenkte nach. In seinen Augen war sie keine Frevlerin oder Okkultistin, sondern lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber es hatte keinen Sinn, sich mit dem Anführer der Trunkenbolde zu streiten.
Ihr Ochsenwagen, vollbeladen mit Roggen, hatte sich auf dem Weg zum Markt an einer Steigung verselbstständigt. Wegen des Gewichts brach der Bolzen in der Deichsel, das Joch fiel vom Rücken der Tiere, und der Wagen überrollte rückwärts zwei Kinder und einen Großvater. Ehe sie abspringen konnte, hatte der Dorfpöbel sie bereits vom Sitzbrett gezerrt.
„Sie hat es uns gestohlen!“, schrien Bauern und Bäuerinnen. Schwere Fäuste prasselten auf das Mädchen nieder und raue Handflächen klatschten in ihr Gesicht, sodass sie mehrmals zu Boden ging, ihr Rocksaum bald zerrissen und voller Dreck. Füße unter schmutzigen Schürzen traten nach, verzerrte Gesichter unter Schiebermützen und Strohhüten verlangten nach Vergeltung. Mit dem aufgebrachten Dorfvolk im Rücken fackelten die Dittmann-Brüder nicht lange und schleiften sie wie einen Sack Mehl zum Schuppen. Alabaster kam gerade rechtzeitig, um eine Tragödie zu verhindern.
Ein Gang zwischen Schatten von Heuballen. Gabeln steckten darin wie Zündhörner. In einer Ecke der Scheune ein Lichtblitz, lief über die Zähne eines Zweimannsägeblatts. Staub reizte Alabasters Atemwege. „Wer spielt hier den Henker?“, fragte er mit dem Gewehr im Anschlag.
„Du solltest dich vor dem Pfad der Achtlosen achten“, sprach eine dünne und näselnde Stimme. In ihr lag ein gehetzter Unterton, als würde ihr Besitzer jeden Moment aus der Dunkelheit mit einem Bajonett zustoßen. „Ein alter Geist geht um in Altwinter. Nicht alles ruht, was tot ist.“ Es war Jonas Dittmann, der mit dem abgestorbenen Auge. Das Orakel der Sonne enthüllte seinen Mantel aus Finsternis, sein kalkbleiches Antlitz. Die Scheune war größer, als sie Alabaster erschienen war; der Mantel hatte den Raum zwischen den Heuballen enger wirken lassen.
„Ihr seid beide verhaftet“, sagte Alabaster.
„Heute überlassen wir dir das Feld!“ Der zweite der Brüder, Rufus Dittmann, stürmte auf einem gescheckten Hengst auf ihn zu. Die Monokel an seinem Jackett flimmerten auf, sammelten die Sonnenflecken in den Ritzen der Scheunendecke. Alabaster und der Revolver spiegelten sich dutzendfach. Dann schleuderte er ihm das Licht in die Augen. Johlend und in die Luft schießend ritten die Brüder durch den in die Scheune dringenden Pöbel und türmten.
Unter Buhrufen löste Alabaster die Weidenstricke von den Fuß- und Handgelenken des Mädchens. Seine Augen brannten, als wäre er schneeblind. Um die Dittmann-Brüder musste er sich später kümmern. Zuerst das Mädchen heil in die Gefängniszelle bringen, bis Schuld oder Unschuld bewiesen sein würden. Statt verfaultem Obst flogen Steine, als er sie durchs Dorf führte. Er musste sie einsperren, zumindest ein paar Wochen. Bis die Aufregung sich wieder in die Fiebersümpfe vor Altwinter verkrochen hatte, um in modriger Vergessenheit zu versinken.

* * * *
Alabaster saß auf seinem Hocker und rauchte eine Selbstgedrehte. Der Qualm staute sich im Büro, beim Ausatmen zeichnete er weiche Schatten in das Flackern der Laternen, auf die aus groben Stämmen gehauenen Holzwände. Seppo hatte den Kopf auf seinen Schreibtisch gelegt und schnarchte abgehackt, als würde er mit letzten Atemzügen nach dem Totengräber verlangen. Lupo stimmte ein, wobei seine Läufe unruhig über die Dielen scharrten.
„Kannst du das bleibenlassen?“, fragte das Mädchen in der Zelle. Alabaster sah ihre Hände an den Gitterstäben. „Ich krieg noch ’ne Lungenentzündung.“
Schweigend rauchte er zu Ende und drückte den Stummel im Aschenbecher aus. Dann begann er die Telegramme der letzten Woche zu sortieren. Eine mechanische Arbeit, die ihm Linderung vor düsteren Gedanken verschaffte.
„Kann ich was haben? Von deinem Fläschchen da in der Manteltasche“, fragte das Mädchen und ihr Lachen klang wie das Aneinanderrasseln von Ketten.
„Du bist zu jung für sowas“, antwortete Alabaster, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen. Papier raschelte in der Stille. Er hörte die nackten Füße des Mädchens auf dem Steinboden, als sie in der Zelle auf- und abging.
„Das behauptete der Priester auch“, sagte das Mädchen und ihr erneutes rasselndes Lachen ließ Alabaster aufstehen. Er ging nach hinten zu den Zellen und lehnte mit dem Rücken gegen die Wand. Das Mädchen hatte sich auf die Pritsche gelegt. Ihr besudelter Rocksaum war bis über die Knie gerutscht und sie nestelte an den Trägern.
„Gotteslästerung ist ein schwerer Vorwurf“, sagte Alabaster.
„Krieg ich vielleicht eine Decke?“, fragte sie, ohne ihn anzublicken.
„Lupo hat heute Morgen auf die letzte draufgekotzt.“
„Sehr witzig“, bemerkte das Mädchen. „Du gibst den harten Hund, obwohl Alter und Erschöpfung dir bis ins Mark geschrieben stehen.“
Alabaster griff zum Knochenstück. Mit den Fingern strich er über die Rillen darin, spürte die Kälte der Amulettsteine, als müsste er die Situation erden, sich davon überzeugen, dass sie unrecht hatte. „Das in der Scheune war alles nur eine Schau“, sagte er.
„Und du bist drauf reingefallen“, antwortete sie. „Schon als kleines Mädchen wollte ich immer Teil eines Wanderzirkus sein.“
Ein Rascheln in der Zelle. Das Mädchen lag nicht mehr auf dem mit Heu ausgestopften Sack. Er brauchte einen Augenblick, um zu erkennen, dass sie mit dem Rücken zu ihm in einer Ecke stand.
„Ich bin nur hier, weil ich es so will“, sagte das Mädchen.
Das Laternenlicht erreichte sie kaum. Schatten verschluckten zunehmend den himmelblauen Stoff ihres Kleids, als würde die Schwärze körperlich werden, von ihr Besitz ergreifen und sie mit der Zellenwand verschmelzen.
„Dein Knöchlein wird dir bald nichts mehr helfen“, sagte sie und ihre Stimme schien nun aus dem gesamten Raum zu kommen, von den Schatten transportiert. Der Wind strich um das Gebäude und durch die Gitterstäbe vor der kleinen Öffnung rieselte feiner Schnee in die Zelle. „Auch du zahlst deinen Preis, achtloser Wanderer. Die Wunde deiner Vergänglichkeit.“ Ein schwärender und eitriger Verwesungsgeruch schlug Alabaster entgegen. „Sie stinkt.“
Er drückte den Orakelfetisch gegen seine Schläfe. Der glühende Schmerz ließ ihn taumeln, beinahe in die Knie gehen, und seine Sicht wurde geblendet von einem Weiß, in dem sich der Zellenblock auflöste. Das Knochenstück zischte auf seiner Haut wie Fett in einer Bratpfanne. Er roch verbrannte Haare und versengte Haut, riss das Orakel von seinem Kopf, das drohte mit seinem Fleisch zu verkleben. Schwarze Fetzen und blutige Fäden blieben an ihm hängen.
„Du solltest wirklich anfangen, auf mich zu hören“, sagte das Mädchen und stand jetzt wieder nahe am Gitter, beide Hände um die Stäbe gelegt. „Und was ist nun mit meiner Decke?“, fragte sie, ihr leises Gekicher ein Nachhall in Alabasters Kopf.

* * *
Der Tag, an dem ihn das Orakel gefunden hatte, war von Regen verhangen. Im trüben Licht der Nachmittagssonne lagen die Felder da wie verlassene Grabstätten. Er war auf einem alten Kaltblüter zur Fähre am Fluss geritten, der Stiegen von Vorderhöfen trennte. Das Tier gehörte seinem Ziehvater Halbert, doch der war tot und brauchte keine Pferde mehr. Alabaster hatte eines der Rösser entwendet, das aufgrund seines fortgeschrittenen Alters gerade noch zum Reiten taugte. Selbst damit fühlte er sich noch schuldig.
„Wohin des Weges?“, grüßte Salvin, der Fährmann. Er kannte ihn vom Siebenstiegen. Dort hatte Alabaster das Trinken gelernt. „In wenigen Minuten legen wir ab.“ Er hob die Krempe seines Huts und das gesammelte Regenwasser tropfte ihm über den Rücken. „Tut mir leid, wegen ... Du weißt schon“, fügte er an.
Alabaster nickte und lenkte sein Pferd über eine breite Planke auf die Fähre. Er stieg ab und band die Zügel an einem Pfosten fest, neben einem von zwei Maultieren gezogenen Planwagen. Danach ging er an der Fährkabine vorbei in den Aufenthaltsraum. Keine zwei Handvoll Reisende waren unterwegs. Alabaster warf seinen Seesack auf die Überkopfablage und setzte sich auf die abgewetzte Bank neben eine Frau im schwarzen Rock und Haube.
Noch drei Stunden würden vergehen, bis die Fähre ablegte. Der Ratsherr von Stiegen hatte einen Kundschafter gesandt, dass er die letzte Fähre des Tages nicht verpassen möge, weil es wichtige Angelegenheiten in Vorderhöfen zu besprechen gab. Alabaster scherte sich nicht um Politik, außer in solchen Momenten. Nun saß der Herr schräg gegenüber von Alabaster und blätterte im Stiegener Wochenblatt. Das Fährseil summte leise und metallisch, ansonsten war es still, abgesehen vom Rascheln der Zeitung.
Der Fluss spannte sich hier über zweihundertfünfzig Ellen breit. Ungefähr in der Mitte riss Alabaster ein lautes Tock! aus den Gedanken, als hätte jemand von außen gegen das Holz geklopft. Es wiederholte sich noch dreimal, dann blieb es ruhig.
„Gott der Gerechte!“, sagte die Frau in der Haube. „Was war das?“
Die Wellen klatschten gegen die Fähre und die Reisenden gerieten in Bewegung. Alabaster roch brennendes Öl. Dann krachte die Tür des Aufenthaltsraums auf. Herein stürmte ein Mann mit Strubbelfrisur und eingefallenem Gesicht, der Lauf seines Revolvers folgte den Reisenden, als zähle er sie ab. Hinter ihm stand ein Junge, er konnte nicht älter als vierzehn sein, mit brennendem Pfeil und Bogen.
„Her mit eurem Geld“, verlangte der Mann. Er wedelte mit einem Leinensack. „Messing und Silber! Schmuck! Uhren!“
Ein Ruck ging durch die Fähre und das Drahtseil kreischte. Durch die offene Tür konnte Alabaster sehen, dass Salvin nicht mehr steuerte. Ein Pfeil hatte ihn in den offenen Mund erwischt. Der junge Schütze biss sich nervös auf der Lippe herum, es war ihm sichtlich unangenehm, seinem Opfer so nah gegenüberzustehen.
Bevor irgendjemand etwas in den Sack werfen konnte, krachte ein Schuss. Der Ratsherr hatte durch seine Zeitung hindurch gefeuert. Beide Räuber zuckten, als hätte er sie getroffen, doch keiner fiel. Weitere Schüsse krachten und der Ratsherr kippte vornüber, die Zeitung nun in Fetzen, sein Revolver polterte hinterher. Die Frau mit der Haube schrie auf und legte ihr Gesicht in die Hände.
Das Schießpulver brannte Alabaster in den Augen und seine Ohren waren von einem hohen Sirren betäubt. Er nutzte den kurzen Moment allgemeiner Desorientierung und handelte instinktiv. Ließ sich rücklings auf den Boden fallen, krallte sich den Revolver des Ratsherrn und feuerte. Getroffen stolperte der Räuber aus dem Aufenthaltsraum. Mit den Händen auf der zerfetzten Seite seines Halses brach er zusammen.
„Ganz ruhig“, sagte Alabaster und zielte auf den Jungen.
Mit verzerrtem Gesicht spannte der Junge den Bogen. Der Pfeil zitterte. „Du hast ihn getötet!“, brachte er hervor. „Du Schwein hast meinen Vater umgebracht!“
„Ich wollte das nicht“, sagte Alabaster und setzte sich auf. „Es braucht niemand mehr zu sterben.“
Der Junge sah ihn an. Alabaster spürte seine Müdigkeit, die Angst und seine Verzweiflung. Lange würde der Junge den Bogen nicht mehr aufgespannt halten können.
„Du bist nicht wie er“, sagte Alabaster. „Leg den Bogen weg.“
„Du weißt nicht, wer ich bin!“, keifte der Junge und die Panik überschlug seine Stimme. Tränen liefen über sein Gesicht. „Ich mach dich fertig!“
Alabaster drückte den Abzug. Blut spritzte über die Schulter des Jungen, der Pfeil schnellte los und blieb im Holz des Aufenthaltsraums stecken. Der Junge torkelte, als wäre er betrunken, aber brachte es fertig, den nächsten Pfeil aus dem Köcher zu ziehen. Alabaster schoss ihm in die Achsel. Das reichte aus, dass der Junge zu Boden ging und den Bogen unter sich begrub. Die Frau mit der Haube wollte nicht aufhören zu schreien.
Alabaster legte den Revolver auf die Bank und ging durch den Pulverrauch zu dem Jungen. Blutschaum bildete sich auf dessen Lippen und er hustete. Daran, und an seinem hektischen Atmen, konnte Alabaster erkennen, dass die Lunge getroffen war. Er ging in die Knie und hielt dem Sterbenden die Hand. Die Flammen zehrten am Aufenthaltsraum und die Reisenden drängten heraus.
„Ich kann nicht schwimmen!“, schrie jemand.
„Lass ihn verrecken“, sagte eine andere Stimme. „Der Junge war ein Dieb!“
Die Hitze der brennenden Fähre wurde unerträglich. Alabaster fiel das runde Amulett am Handgelenk des Jungen auf. Es zischte in seiner Handfläche, als er es näher betrachtete.

* *
Die Dittmann-Brüder gaben sich keine Mühe, ihre Spuren zu verwischen. Das Gras entlang des Flussufers war in einer deutlichen Spur niedergetrampelt und folgte dem Verlauf des Wassers stromaufwärts. Schwarze Vögel kreisten über den Wäldern, ließen sich vom Wind höher tragen, bis zur Baumgrenze und darüber hinaus. In die weißgleißenden Gipfel der Viertausender.
Die Sonne stand im Zenit und knallte auf ihre Hüte, Silas Ohren und Nase waren verbrannt. Schweiß stand Alabaster im Nacken und rollte von seiner Stirn. Das Gelände wurde offener. Bot weniger Möglichkeiten für einen Hinterhalt, aber auch sie fühlten sich ausgestellt wie auf dem Silbertablett. In der Ferne war eine Holzbrücke zu sehen, die über den Fluss führte.
An einem jungen Weidenbaum, zwischen einem Dickicht aus Rhododendron, hing ein Toter an einem Seil. Wild hatte an seinem Fleisch genagt und um seinen aufgequollenen Kopf summten die Fliegen. Das Starren des Leichnams erinnerte Alabaster an den Traum, den er letzte Nacht gehabt hatte. An ihr kreideweißes Gesicht, an das Regenwasser in ihren leergepickten Augenhöhlen, das Ungeziefer in ihrem Mund. „Küss mich“, hatte sie geflüstert.
„Arme Sau“, sagte Silas, und dann, an Alabaster gewandt: „Erachtest du das Hängen als gerecht?“
„Wenn man’s richtig macht, geht’s schnell.“
„Es ist Mord“, sagte Silas. „Im Namen des Gesetzes.“
Alabaster blickte ihn schweigend an. „Gerechtigkeit riecht nach Blut“, sagte er schließlich. „Gewöhn dich besser dran.“
Sie ritten weiter. Der Fluss verlief in einer Schlaufe, in seiner Mitte lag eine kleine Insel. Die Spur der Brüder trennte sich hier, eine folgte weiter dem Flusslauf, die andere führte durch Föhren von ihm weg. Die Hufspuren in den Wald waren tiefer. Auf diesem Pferd mussten zwei Personen reiten, einer der Brüder und die Hexe. Ihr würde Alabaster folgen.
Alabaster suchte die Umgebung mit dem Monokular ab. Ein Eber mit Frischlingen strich durchs Unterholz. In einem Adlerhorst hockte ein Vogel, zupfte mit dem Schnabel am Nest herum, die Flügel weit ausgebreitet. Ansonsten war keine Bewegung auszumachen. Es war trügerisch still.
„Ich muss was trinken“, sagte Silas. Seine Lippen waren spröde und aufgesprungen. Alabaster zügelte sein Pferd. „Füllen wir unsere Trinksäcke auf“, sagte er. „Da durch das Schilf, da ist ein Weg. Rasch!“
In den Astern und Schafgarben des Ufers sirrten Mücken. Alabaster und Silas schlugen geduckt mit ihren Hüten nach ihnen. Sumpffieber wollten sie sich auf keinen Fall holen. Durch die Schilfrohre strich ein erfrischender Wind. Das Wasser war eiskalt und beinahe sedimentlos klar. Kleine Eisschollen der Gletscher tanzten auf der Oberfläche. Silas trank und füllte wieder auf.
„Du isst fast nichts“, sagte Alabaster, zurück bei den Pferden.
„Meine Fettreserven reichen“, antwortete Silas. Er klopfte sich auf den Bauch. „Selbst wenn wir sie bis ins Gebirge verfolgen!“ Sein Lachen klang nach Selbstzweck, was Alabaster kommentarlos zur Kenntnis nahm. Er schnitt ein geräuchertes Stück Fleisch in Streifen, kaute und spülte die letzten Bissen mit Wasser herunter.
Dann folgten sie der Spur durch die Föhren, deren dünne Stämme hoch aufragten. Unter den Schatten ihrer Kronen war es kühler, aber der Wald bot zahlreiche Verstecke in Senken und hinter Findlingen. Alabaster blieb wachsam. Der Waldboden war voller dunkelbrauner Zapfen, die unter den Pferdehufen knirschten. Die Spur teilte sich hier bald weiter auf, in mindestens zwei Handvoll weitere, die im Zickzack nach Süden, Osten und Westen wegführten.
„Wie ist das möglich?“, fragte Silas.
Alabaster antwortete nicht, presste das Orakel gegen seine Schläfe. Sein Pferd machte einen Satz nach vorne, als würde es seinen Schmerz körperlich spüren. Die Brandnarbe stach mit einer Vehemenz zu, dass er nach Atem rang. Alabaster schloss seine tränenden Augen, um besser zu sehen. Aschespuren erschienen. Nur in einer lag eindeutig Glut. Das Feuer der Hexe führte zurück zum Fluss. Sie fanden Hufabdrücke im Sand, die schließlich bei der Brücke endeten, die sie zuvor aus der Ferne gesehen hatten.
Sie ritten auf die Brücke. Das spröde Holz knarrte und bog sich unter den Hufen. Im Augenwinkel sah Alabaster eine Bewegung. Das Blitzen eines Glases in der Sonne. Es wanderte über das Wasser, als spiegelte es etwas Verborgenes, nicht mit dem normalen Auge Sichtbares. Verharrte dann bei drei Schemen. Wellen liefen über sie, ließen sie wabern wie bei einer Fata Morgana. Die Konturen flossen zusammen. Rufus Dittmann hob seinen Zylinder, sein Schädel war genauso kahl wie Alabasters‘.
Das gebündelte Licht traf Alabasters Schläfe wie ein Kugelblitz und sein Kopf wurde zur Seite geschleudert. Dann durchschlug eine großkalibrige Kugel Silas Bein und Blutstaub wehte gegen Alabasters Wange und seine Hände. Erst Sekunden später rollte der Schuss durch das Tal. Die Pferde wieherten panisch. Der Junge kippte aus dem Sattel, hinterließ eine verschmierte Spur auf der Flanke seines Reittiers und krachte auf die Dielen der Brücke.

*
Im letzten Abendlicht suchte Alabaster nach einer Weißweide. Westlich von seiner Position hörte er das Plätschern eines Baches und schlug sich in dessen Richtung. Sein Blick durchsuchte die Dunkelheit zwischen den Bäumen, die Hand ruhend auf der Scheide seines Messers.
Am Ufer wurde er fündig. Mit der Klinge löste er ein Stück Rinde ab und tauchte es dann ins eiskalte Wasser, um es aufzuweichen. Bevor er sich auf den Rückweg machte, füllte er die ledernen Trinksäcke. Er wartete auf das Aufblitzen der Monokel auf der Oberfläche des Baches, aber da waren nur seine eigenen ausgemergelten Konturen.
Auf dem Rückweg kroch der Mond zwischen die Wolkentürme. Silas lag gegen den Stamm einer Bergkiefer, unter deren weit ausgebreitetem Astdach. Eingehüllt in seinem grauen Mantel wirkte er wie eine Wachsfigur. Schatten zeichneten einen Dreitagebart auf sein Kinn. Mittlerweile hatte er den alten Verband von seinem Bein entfernt.
Alabaster schnitt das Rindenstück in zwei Teile, legte eines auf die Eintrittswunde und das andere auf das zerfetzte Austrittsloch. An den Wundrändern zeigte die Haut bereits dunkelviolette Verfärbungen. Der Junge hatte Schüttelfrost. Bei Blutvergiftung oder Nekrose standen seine Chancen schlecht, den Morgen des übernächsten Tages zu sehen.
Alabaster verknotete die Gaze und gab Silas einen Trinksack. Dieser nahm gierige Schlucke und lehnte sich dann zurück gegen den Stamm. „Warum denkst du, dass die Dittmann-Brüder sie befreit haben?“, fragte er.
„Vielleicht brauchen Männer wie sie keine Gründe“, antwortete Alabaster und beobachtete die Pferde, die auf einer ebenen Fläche zwischen den Felsen grasten. Er klaubte ein Maisblättchen aus seiner Manteltasche und drehte eine Tabakschlange aus dem Beutel darin ein. Mit einem Schnappfeuerzeug entzündete er ihn.
„Es geht mir nicht mehr aus dem Kopf“, sagte Silas und blickte ihn schief an. „In der Zelle ... hat sie etwas mit mir gemacht ...“
Alabaster überlegte, ihm etwas von dem Laudanum auf die Lippen zu tropfen.
„Was sie mir erzählt hat–“, keuchte Silas.
„Du bist müde.“
„Aber bei dem Überfall ...“, versuchte es Silas noch einmal. Beim Weitersprechen wurde seine Stimme leiser, unverständlicher, als würde er während des Sprechens in einen traumähnlichen Zustand fallen. „Wieso hast du uns mit der Hexe allein gelassen?“ Dann gab er auf, ließ seinen Kopf weiter am Stamm hinabrutschen.
„Denk nicht mehr dran“, schlug Alabaster vor. „Denk besser dran, lebendig nach Hause zu kommen.“
„Ein alter Geist geht um in Altwinter“, flüsterte Silas.
Alabaster wollte nachfragen, aber da war die Erschöpfung schon über den Jungen hergefallen.

*
Alabaster hielt die Augen offen. Als der Frost bereits kristallene Straßen in die Falten ihrer Mäntel gelegt hatte, bemerkte er ein entferntes Flackern über den Tannen. Ein Gaukelspiel auf hervorspringendem Fels. Wenn er sich konzentrierte, konnte er Rauch riechen. Süßgras und feuchtes Holz. Die letzten drei Wochen hatte es fast ohne Unterbruch geregnet.
Dort oben musste eine Höhle sein, oder zumindest eine Art natürliche Kuhle im Fels, die Schutz vor der Witterung bot. Alabaster stand auf, ging zu den Pferden, die unruhig mit den Hufen scharrten. Redete ihnen leise zu. Strich seinem Hengst über die Gamaschen, tätschelte die Flanke von Silas Pferd. Zerrieb feine Blutflocken zwischen seinen Fingern. Dann zog er sein Gewehr Modell 73 aus dem Halfter, den Rabenstahl. In den dunkelsten Stunden hatte auch Alabaster in ihm seine letzte Elle gesehen.
Bevor er aufbrach, vergewisserte er sich, dass Silas noch unter den Lebenden weilte. Sein unregelmäßiges und verstopftes Schnarchen bestätigte das. Der Himmel hatte aufgeklart und die Felsvorsprünge wirkten im Mondlicht wie geschmolzen. Alabaster schlich durch kratzige Sträucher und widerspenstiges Gebüsch den Hang hinauf.
Warum sollten die uns zum wiederholten Mal ihre Position verraten? Silas Stimme schlich durch seinen Kopf. Auf rationaler Ebene gab Alabaster dem Jungen recht. Ebensolche Feuer hatten sie die letzten beiden Nächte wie Trugbilder durch die Finsternis gelockt, sie zu kürzlich verlassenen Lagerstätten geführt. Die Krümel von Hartweizenbrot. Ein paar Stiefelabdrücke und Nussschalen. Vorgestern hatten sie eine verbeulte Konservendose gefunden.
In einem Dornenstrauch hing ein Fetzen himmelblauer Baumwollstoff. Alabaster klaubte ihn aus dem Dickicht, rieb mit seinen Fingern darüber, roch daran, steckte ihn dann in die Tasche. Dass die Verbrecher sich dermaßen überlegen fühlten, nagte besonders an ihm, ließ ihn um sein Alter wissen. Aber es befeuerte auch seinen Ehrgeiz.
Zwischen den Felsen war der Untergrund matschig, der viele Regen hatte tiefe Rillen hinterlassen und tückische Wurzeln freigelegt. Schwere Wolken hingen hinter den Bergen. Alabaster kam an einen Abhang, über den eine Schlamm- und Gerölllawine heruntergekommen war. Er würde klettern müssen. Einen Moment hielt er inne, blickte durch das Glas seines abgewetzten Monokulars und schätzte die Entfernung mit der Strichplatte bis zum schwindenden Feuerschein ab. Danach folgte sein Blick den Windungen des schwarzen Flusses durch das Tal, bis zu dem Punkt am Horizont, wo Altwinter lag.

*
Das Feuer brannte herunter. Alabaster wartete im Unterholz. Auf den Felsen, die von fleckigem Moos und trichterförmigen Blumen überwachsen waren, leuchteten weiße Blütenköpfe. Als nur noch das schwache Glosen der Glut übrigblieb und die Dunkelheit sich über die Wände der Felskuhle senkte, regte sich Alabaster. Seine Schläfe hatte begonnen zu jucken und das Mal schien sich tiefer in seinen Kopf gefressen zu haben. Beim Darüberstreichen glaubte er, blanken Knochen zu berühren.
Vorsichtig stemmte er sich hoch, streifte feuchte Nadeln vom Mantel und nahm seine Taschenuhr zur Hand. Ein Erbe seines Vaters. Als Vermesser bei der Eisenbahn hatte man ihn unter einem Schienenkreuz begraben. Das Gehäuse der Uhr war aus Messing gegossen. An der Innenseite des Deckels klebte das verblichene Foto einer Frau. Er kannte sie nur von diesem Bild. Mit dem Daumen rieb er darüber, wie um die Flecken darauf wegzuwischen. Alabaster versuchte, die Ziffern zu lesen. Kurz vor vier, schätzte er.
In geduckter Haltung und mit dem Rabenstahl im Anschlag schlich er zu der Felsöffnung, zwischen der das letzte Glühen mittlerweile erloschen war. Die Luft roch nach frischem Harz. Schwere Tropfen fielen von Bäumen und zerplatzten auf seinem Mantelkragen. Die Lagerstätte schien still und verlassen. Alabaster hielt inne, den Rabenstahl ruhig in seiner Hand, der kalte Abglanz des Mondes wanderte über den Lauf, und er wartete. Nichts geschah.
Er ging näher heran, mit dem Rücken ans Gestein gepresst. Lugte in die finstere Kuhle, die tiefer war als vermutet und in leichtem Bogen gen Westen verlief. In ihren Schatten drängte sich ein Pferd gegen den Fels. Es wieherte leise, als es Witterung aufnahm.
„Hier, mein Guter“, flüsterte Alabaster und klickte mit der Zunge. Das Pferd drehte den Kopf, schüttelte die Mähne, machte aber keine Anstalten, herauszukommen. Er versuchte es mit sanften Pfiffen. Damit hatte er mehr Erfolg. Das Tier machte zaghaft ein paar Schritte und trat aus der Tiefe der Kuhle. Nun konnte er erkennen, dass es sich um einen Schimmel handelte. Angespannt hielt Alabaster den Lauf des Rabenstahls gegen die Schatten gerichtet. Er wartete auf weitere Täuschungen. Darauf, dass Felsbrocken ihm den Schädel zertrümmerten, dass irgendetwas geschah.
Durch den Schimmel ging ein Ruck und laut wiehernd galoppierte er los, das Geklapper der Hufe wie Schüsse im engen Zwischenraum. Direkt auf Alabaster zu, der keine Zeit mehr hatte auszuweichen. Im einfallenden Licht sah er den blutigen Abdruck auf seiner Flanke. Dann rammte ihn der schwere Pferdeleib wie ein Ambosshammer gegen die Brust, die Wucht schleuderte ihm einen Stiefel vom Fuß und ihn selbst gegen den Fels.

*
Ein Dröhnen im Kopf weckte Alabaster. Sein Brustkorb fühlte sich zusammengeschrumpft an, als hätten die Organe nicht genug Platz, als wären seine Lungenflügel zu kurz zum Atmen. Er tastete um sich, fand die kalte Felswand und schob sich mit dem Rücken an ihr hoch. An seiner linken Gesichtshälfte klebte etwas Feuchtes. Der Zusammenstoß mit dem Schimmel flackerte vor seinem inneren Auge, zerfiel dann in schmerzverwobene Finsternis.
Während seiner Ohnmacht war der Morgen angebrochen. Erste Sonnenstrahlen fanden ihren Weg in den Felsspalt. Der Geruch nach frischem Kampfer belebte Alabasters Sinne. Zu seinem Erstaunen fühlte er keine Kälte. In seinem Lodenmantel war ihm fast zu warm. Er hörte ein Knistern und Knacken, Zweige brachen. Dünne Rauchschwaden hingen in der Kuhle.
„Auch schon wach?“, fragte Silas. Er hockte am Feuer und briet ein Stück Fleisch an einem Stock. „Kriegst auch was zu beißen. Es ist gleich durch.“
Alabaster rückte vom Fels ab, blinzelte gegen das Sonnenlicht, und kam mühsam auf die Füße. Bei der Suche nach seinem zweiten Stiefel kickte er gegen das Fläschchen Laudanum, welches über den Stein davon schlitterte. Schließlich fand er beides, zog den fehlenden Stiefel an und steckte die Tinktur zurück in seine Manteltasche.
„Wieso bist du mir gefolgt?“, fragte Alabaster.
„Ich halt schon was aus, hab’s dir ja gesagt.“ Silas drehte das Fleisch. Tropfen zischten im Feuer. Sein Grinsen sah unwirklich verzogen aus durch das Flimmern der aufsteigenden Hitze. „Aber das karge Essen schlägt mir echt auf den Magen.“ Er lachte bitter.
„Was steht für dich auf dem Spiel?“, bohrte Alabaster nach.
„Alles“, sagte Silas trocken. „Derselbe Name wie du.“
„Du täuscht dich. Das ist den Preis nicht wert.“
„Und welche Entbehrungen ich auf mich genommen habe“, fuhr Silas fort und drehte den Fleischspieß aus dem Handgelenk weiter. Seine Stimme senkte sich. „Die Kugel hab ich mir eingefangen, weil du unachtsam warst.“ Die Flammen loderten auf, als eine große Menge Saft aus dem Fleisch austrat. „Der neue Name, den sie dir gegeben haben, passt zu dir.“ Silas nahm den Stock vom Feuer. „Und für was habe ich das getan?“, fragte er. „Nur, um blind zu werden?“
Wie durch einen Nebelschleier bemerkte Alabaster das Blut um die Feuerstelle. Silas Hose war über dem Knie zusammengebunden und der wattierte Stoff schwärzlich verfärbt. Er hatte in der Nacht sein Bein amputiert. Nun biss er in sein dunkelgebratenes Fleisch, riss einen Fetzen vom Knöchel. Kaute langsam, während dicker Saft über sein Kinn lief. „Endlich was Ordentliches zu fressen“, sagte er mit vollem Mund und nagte weiter.
Alabaster bemerkte einen Schatten neben Silas. Durch die Hitze flimmerten seine Konturen. Alabaster stolperte zur Seite, um ihn besser erkennen zu können. Der Wind half ihm dabei, trieb die Flammen auseinander. Für einen Atemzug glaubte Alabaster, einen Jungen zu sehen. Dann die Gewissheit, ein innerer Schlag und Funken stoben auf. Alabaster verlor den Halt endgültig, stürzte ins knisternde Feuer, die Brandnarbe des Orakels ein Heer stechender Flammen.

* * *
Alabaster verließ seinen Vater, weil er müde war, von Ort zu Ort zu ziehen. In Stiegen verdingte er sich als Stallbursche. Sein Lehrmeister Halbert Kamp, dem die Stallung mit den Zuchtpferden gehörte, brachte ihm bei, wie man Hufe auskratzte oder einfettete, wie man am Wiehern erkannte, ob ein Pferd verschnupft war und eine beginnende Entzündung am Gang feststellen konnte. Außerdem glaubte Halbert daran, dass Gott in einem Gewehrlauf wohnte. Wenn man die Kugel abfeuerte, reinigte das Feuer die Seele und der Knall war die Geißel, die der Schütze spürte, wenn er zum Büßer geschlagen wurde.
Nie auf Mensch oder Tier, versicherte Halbert und an sonnigen Tagen ritten sie zum Steinbruch, um das Schießen auf Flaschen und Dosen zu üben. Vor und nach jeder dieser Glaubensbefestigungen, wie Halbert ihre Ausflüge nannte, musste Alabaster ein Ave Maria beten. Als Halbert mit seiner Zielgenauigkeit und der Handhabung der Waffe zufrieden war, drückte er ihm das Gewehr mit beiden Händen gegen die Brust.
„Es gehört jetzt dir“, sagte er. „Es ist ein gutes Gewehr. Trage Sorge dazu wie zur Jungfrau Maria.“
„Das werde ich“, antwortete Alabaster, nahm das Gewehr und drehte es in den Händen, strich über den Lauf, über die Maserung im Schaft.
„Du solltest es taufen“, sagte Halbert.
Alabaster blickte ihn verständnislos an.
„Gib ihm einen Namen!“, rief Halbert aus und lachte. „Na los!“
Alabaster dachte nach, aber ihm wollte zuerst nichts in den Sinn kommen. Dann fielen ihm die schwarzen Vögel auf, die über dem Steinbruch vor der Sonne kreisten. „Rabenstahl“, sagte er.
„Und jetzt in die Luft schießen!“, verlangte Halbert.
Von Halberts Tochter lernte Alabaster indes andere Dinge. Sie brach zuweilen mit ihrer zurückhaltenden Frömmigkeit, wenn ihr Vater sich betrunken hatte und sie aus dem Haus schlich und sich zu Alabaster ins Heu legte. In der Dunkelheit spürte er ihren Körper, roch ihre Weiblichkeit, und die Pferde scharrten leise mit den Hufen. Versprich mir, dass du bei mir bleibst, hatte sie ihm ins Ohr geflüstert. Ihr Name war Johanna und sie läutete die Kirchglocke in Stiegen. Einmal war sie fast zu spät wegen ihm.
Manchmal ging er abends mit in die Kirche, wo der Priester auf einer Bank schnarchte. Sie führte Alabaster in den Turm, die engen und knarrenden Stufen hoch, während der Wind durch die Ritzen im Holz pfiff. Oben bei der Glocke konnten sie ganz Stiegen überblicken, die Felder und die Wälder und den Fluss, in der Ferne die mächtigen Berge, wo der Mond aufging. Johanna ließ Alabaster nie die Glocke läuten. Dafür habe er zu unruhige Hände, sagte sie.

* *
Eines Abends, es war längst Nacht geworden, schippte Alabaster Mist in eine Schubkarre und bemerkte einen Aufruhr im Dorfzentrum. Durch das halboffene Stalltor konnte er beobachten, wie sich ein Trubel auf dem Platz bildete. Ein flacher Wagen, gezogen von zwei Pferden, rollte durch die Straße, auf dem Bock zwei sonderbare Gestalten. Sie lenkten ihn auf den Platz und bestiegen dann den Bretterboden des Wagens. Ihre erhöhte Position wirkte, als stünden sie auf einer Bühne.
„Willkommen ihr gottesfürchtigen Stieger!“, sprach der eine die Menge an. „Wir sind Gaukler aus fernen Landen, gekommen um euch unsere Kunststücke vorzuführen!“
„Keinen müden Groschen werd ich zahlen!“, rief jemand dazwischen.
„Aber trotzdem seid ihr hier!“, bemerkte die andere Gestalt. „Wir verlangen keine Bezahlung. Nur eure Aufmerksamkeit!“
Während der zweite sprach, zündete der andere Gaukler Wachsfackeln an und steckte sie in blecherne Halterungen, die menschlichen Unterschenkeln samt Füßen nachempfunden waren. Nun konnte Alabaster die Gaukler besser sehen. Der eine trug einen weitgeschnittenen, schwarzen Mantel, dessen Frack an die gespaltene Zunge einer Schlange erinnerte. Sein Gesicht hatte er mit Kreide gefärbt. Im Feuerschein der Fackeln sah er aus wie ein Toter.
Der andere war inzwischen vom Wagen gestiegen und betätigte eine Kurbel. Unter dem Rasseln von Ketten hoben sich drei dicke Balken, die zuvor im Wagenboden versenkt lagen. An ihnen baumelten drei Stricke.
Der Gaukler stieg zurück auf den Wagen, zog prüfend an jeder Schlaufe, breitete dann die Arme aus und blendete die Menge mit grellfarbigen Lichtern, als bestünde seine Kleidung aus Dutzenden Prismen. Die Pferde im Stall wieherten auf, die Dörfler wichen zurück. Gleich darauf drängten sich die ersten Schaulustigen wieder vor dem Wagen. Drei Vogelscheuchen hingen an den Stricken. Ihre Körper mit Stroh gefüllte Säcke, Halme stachen aus ihnen heraus. Die in der Mitte trug einen Hut.
„Kommt näher, Zeugen!“, hörte Alabaster den Lichtgaukler rufen. „Unsere heutige Attraktion ist eine ganz besondere!“
Nach dieser Ankündigung öffnete Alabaster das Stalltor vollständig, lehnte sich dagegen. Er spürte die Nervosität der Pferde, die Nacht schien aufgeladen, als würde nächstens ein Gewitter losbrechen und Blitze in die Menge einschlagen. Nichts dergleichen geschah. Aber die Vogelscheuchen an den Galgen bewegten sich. Ihre Steckenarme ruderten herum, als suchten sie Halt. Die mit dem Hut wollte die Schlinge greifen, aber da sie keine Finger besaß, rutschte sie immerzu ab.
„Wer verbirgt sich hinter der Maske?“, fragte der Gaukler mit dem Kreidegesicht, nahm eine Fackel aus einer Halterung und schritt zur Vogelscheuche, deren Beine aus Reißbesen sich bewegten, als wolle sie davonrennen. Er hielt die Fackel hoch. „Der Priester“, rief der Gaukler. „Sein Bruch mit dem Gelübde hat den Teufel nach Stiegen gebracht!“
Der andere Gaukler rammte der Vogelscheuche ein goldenes Kreuz in die strohene Brust, und das Licht in seinem Jackett ließ es aufglimmen und dann erlöschen.
„Die Kirche ist tot!“, pflichtete jemand bei.
„Bei der Jungfrau Maria!“, rief eine andere Stimme. „Ich gebiete diesem Frevel Einhalt! Nehmt euren Karren und macht euch hinfort!“
Als hätte er ihn nicht gehört, schritt der Gaukler mit der Fackel zur nächsten Vogelscheuche und entzündete deren Hut. Bald brannte sie lichterloh. Die Schausteller mussten sie zuvor mit Pech übergossen haben, das nun knisterte und flammige Klumpen spuckte, die auf die Bühne herunterfielen und vom Wind in die Zuschauer getragen wurden.
„Zu oft habt ihr diesem Mann und seinen Pferden vertraut, und zu viel hat er euch dafür genommen!“, rief der Gaukler. „Aber niemand wusste um seine dunkle Seite ... Was denkt ihr, wohin all die Kinder verschwunden sind, die ihr vermisst?“
„Das Fegefeuer“, sagte eine Frau in die Stille.
„Hexenwerk!“, schrie jemand und die Menge pflichtete bei, ein Chaos erboster Rufe und erschrecktem Geplapper brach aus. Darauf folgte eine handfeste Panik. Einer der Zuschauer, ein stattlicher Mann in braunem Ledermantel, stolperte durch die Menge, sein Körper eine einzige zischende Flamme, der Fellkragen loderte auf, zerfiel in schwarze Asche und seine Haut warf münzgroße Blasen. Als er sich mit der Hand an den Kopf fuhr, blieb die Hälfte seines Gesichts daran kleben. Nach einem Dutzend weiteren Schritten brach er zusammen, als hätte ihn das Feuer tatsächlich gereinigt, ihn ohne Schmerz und Schreie von der irdischen Mühsal befreit.
„Das krönende Finale“, donnerte der Gaukler mit dem Frack. „Ein Mädchen, das seine Reinheit der Schande preisgab!“
Alabaster nahm das Gewehr von der Wand, rannte durch das hofabgewandte Tor aus dem Stall, hinter dem Wohnhaus in die Straße, die zur Kirche führte. Seine Stiefel rutschten im Schlamm und er strauchelte. Die Kirchentür stand offen, als würde er erwartet. Auf den Stufen lag der tote Priester, eine Hand am Hals, der blau und geschwollen war, die andere hielt ein blutiges Kreuz umklammert. Alabaster stieg über ihn hinweg, den Turm hoch. Oben legte er den Lauf aufs Geländer. Atmete tief ein und zielte.
„Sie alle haben Stiegen dem Teufel preisgegeben!“, machte der Gaukler im Frack bekannt. Er warf die Arme auseinander. „Aber nun ist Gerechtigkeit eingekehrt! Ihr, die Richter, habt gerichtet! Wir, die Henker, danken euch!“ Die Gaukler verbeugten sich. Niemand applaudierte.
Alabasters Hände zitterten und er war sich nicht sicher, ob er den Abzug würde ziehen können. Nie auf Mensch oder Tier, hörte er Halbert sagen. Aber auch wenn der Kopf zweifelte, seine Finger gehorchten, und der Rabenstahl spuckte Feuer. Der Knall des Schusses dröhnte in der Kirchglocke, als hätte er sich verirrt. Vom Jackett des Lichtgauklers jagten flirrende Glassplitter. Die Zuschauer wichen zurück, einige duckten sich. Der Gaukler im Frack ging getroffen in die Knie, sein Gesicht mit einer Hand verdeckt, während Blut über seine Finger lief und auf die falsche Bühne tropfte.

*
Das Laudanum in der Hand, kam Alabaster erneut zu sich. In seinem Rücken der Stamm der Bergkiefer, Rindenschuppen bissen in seinem Nacken. Es war früher Morgen und schweinekalt. Sein Atem kondensierte und er fröstelte. Unter seinem Mantel spürte er klamme Feuchtigkeit und schwere Wolken verhüllten noch die Gipfel der Berge, doch der Wind stand günstig, dass es bald aufklarte. Silas war verschwunden.
Alabaster erhob sich, ging zu den Pferden. Sein Hengst stand ängstlich gegen einen Baum geduckt und rührte sich nicht. Silas Schimmel lag tot auf dem Boden. In seinem Bauch ein tiefer und langer Schlitz, der offen klaffte, als wäre der Bauch ausgehöhlt worden. Halbgeronnenes Blut hatte eine Lache im Gras gebildet, Gedärme und herausgerissene Organe lagen verstreut. Der Kadaver dampfte und die Fliegen hatten sich über ihn hergemacht. Eine blutige Spur führte von der Weidestelle ins Unterholz.
Alabaster folgte ihr bis zu einem Gebirgsbach, der über Felsstufen plätscherte. Die Blutspur zog sich über einen breiten Stein und führte dann abrupt ins Wasser. Auf dem Stein lag Silas stinkende und verklebte Kleidung. Aber sein Körper war nirgends zu entdecken. Also machte Alabaster kehrt, sattelte auf und ritt weiter in Schlangenlinien die Bergflanke hoch.
Bald ließ er die Baumgrenze hinter sich. In Felsritzen lag der erste Schnee. Das Pferd zu lenken, erforderte jetzt höchste Konzentration, weil weite Geröllfelder vor ihm lagen, auf dem die Hufe seines Hengsts abzurutschen drohten. Gestein klackerte den Abhang hinab, als er ihn quer durch ein besonders steilabfallendes Feld führte. Seine Hand streichelte die Gamaschen des Pferdes und er spürte die Nervosität des Tieres.
Schließlich erreichte er die Passstraße. Die Spur der Dittmann-Brüder war deutlich im festgefrorenen Schnee zu erkennen. Er kam an einem zurückgelassenen Wagen vorbei, dessen Achse gebrochen war. Der Wind bauschte die zerrissene Plane auf. Ein Berggeier hockte auf der Deichsel und flog auf, als er sich näherte. Feiner Schnee perforierte Alabasters Gesicht, wehte über den Pass, wurde in Wirbeln höher getragen, ein Myriadenglitzern im kalten Sonnenlicht.
Durch das Monokular sah er das geschwärzte Holz der Berghütte, die zwischen zwei Felsvorsprünge gebaut worden war. Aus ihrem steinernen Kamin wehten Rauchfahnen, kaum sichtbar wegen des Winds. Die Passstraße führte in Windungen zur Hütte hinauf. Alabaster band sein Pferd an dem Wagen fest. „Warte hier auf mich“, redete er ihm zu, nahm den Rabenstahl aus dem Halfter und machte sich zu Fuß auf den Weg.

*
Alabaster schlich von Stein zu Stein. Er achtete darauf, keine größeren Gerölllawinen auszulösen. Wenn er von einer Deckung zur nächsten hetzte, manchmal auf allen vieren, knirschten Schnee und Schotter unter seinen Stiefeln. Einmal rutschte er ab und konnte sich im letzten Moment an einer Felskante festhalten. Auf halber Höhe zur Berghütte peitschte ein Schuss, schlug irgendwo neben ihm ab und sirrte als Querschläger davon.
„Achtloser Wanderer!“ Jonas Dittmanns Stimme wurde von den Felswänden zurückgeworfen. „Deine Bestimmung ist erfüllt! Dein Pfad endet auf dem Feld der Gehängten!“
„In Altwinter wartet das Gericht!“, entgegnete Alabaster.
„Altwinter ist ein Relikt!“, donnerte Jonas‘ Stimme und löste faustgroße Steine, die immer wieder abprallten und an Geschwindigkeit gewannen, bis sie über den Fels schlugen, hinter den sich Alabaster geduckt hatte. „Und du seine archaische Rasse, sein aussterbendes Blut!“ Jeder Steinschlag erschütterte Alabasters Kopf und sein Gleichgewicht geriet ins Kreiseln. Der zweite Schuss knallte und Alabaster hatte Staub und Gesteinssplitter auf der Zunge.
„Die nächste Kugel trifft!“, warnte Jonas.
Alabaster schob das Monokular über die Felskante und versuchte zu sehen, wo sich Jonas Dittmann versteckte. Der Schnee blendete ihn und die Umgebung verschwamm in dem Glas, sodass er kaum die Strichplatte lesen konnte. Hektisch suchte er die Bergflanke ab, fand dabei die Hütte, doch ihre Bretter waren schief, Lücken klafften zwischen den Schieferplatten ihres Dachs. Als er in die gleiche Richtung weiter schwenkte, erschien sie wieder. Und wieder. Manche der Hütten lagen tiefer, andere höher, einige wurden von Stelzen getragen, ragten über Wände hinaus. Die Entfernung war unmöglich abzuschätzen, geschweige denn, welches die richtige Berghütte war.
Alabaster steckte das Monokular zurück in die Tasche. „Deine faule Kunst wird dich nicht retten“, sagte er, hob den Rabenstahl und hielt ihn vor sich, bildete mit dem Unterarm ein Kreuz. „Das Geschenk der Hexe ist vergänglich.“
Jonas Dittmanns Gelächter hallte von den Felsen, ein Rumpeln, das die Erde beben ließ. Die Bewegung von Stein in der Tiefe des Berges.
„Ich hätte dich schon bei unserer ersten Begegnung töten sollen!“, rief Alabaster und schritt hinter seiner Deckung hervor. „Aber ich wählte das Spektakel! Jeder Schuss zerstört einen Mythos!“
Er presste das Orakel mit dem Handgelenk gegen den Rabenstahl. „Deine Schau ist das Ergebnis deiner Furcht.“
Spürte, wie der Lauf erhitzte und heiß wurde ...
„Weiche, Finsternis!“
... und sein Fleisch mit der Waffe verschmolz.
„Dein Gesicht ist die Spiegelung meiner Schuld!“
Ein Schatten lag auf dem Fels. Jonas Dittmanns Kreidegesicht wirkte versteinert, als wäre er eins mit dem Berg geworden, und die Schwere des Mantels traf Alabaster auf die Brust, als würde ihn das Urgebirge selbst begraben; der Schlag presste ihm den Atem gegen die Rippen und das Blut in den Kopf.
„Jonas Dittmann“, keuchte Alabaster. „Ich richte dich im Namen des Gesetzes!“
Durch Kimme und Korn, durch Dunkelheit und Licht, über Altwinter, Vorderhöfen und Stiegen, bis hin zum Augenblick des schicksalhaften Schusses, verfolgte Alabaster den Schatten. Durch Feuer und Schnee. Seine Finger verkrampften.
„Nie auf Mensch oder Tier!“, schrie Alabaster. „Aber du bist weder noch!“
Der Rabenstahl krachte. Jonas Mantel flog auf und Schwärze entwich ihm wie ein riesiger Schwarm Fliegen, löste sich in der glasklaren Luft auf. Alabaster schoss erneut und Jonas wurde zur Seite geworfen, sein Mantel öffnete sich weiter, die Spitzen des Fracks flatterten wie die Flügel einer abgeschossenen Krähe. Die nächsten zwei trafen seine Brust und Alabaster sah ihn kurz dreifach, als hätten die Schüsse ihn zersplittert, die Finsternis an seinem Körper auseinandergetrieben. Alabaster nutzte den Augenblick, zielte und zerschoss die Phantome. Jonas stolperte, hielt sich einen Moment gekrümmt, während die letzte Schwärze aus ihm wich, und fiel dann mit dem Kopf voran über einen Felsen.

*
Der Aufstieg zur Berghütte trieb Alabaster den Schweiß in den Nacken. Immer wieder versanken seine Stiefel in tiefen Schneefeldern. Bald spürte er seine Zehen nicht mehr. Eiskristalle glommen an seinem Lodenmantel. Die Stille war allumfassend. Selbst der Wind hatte abgeflaut, nur ein Rieseln in abgrundtiefen Felsspalten zurückgelassen. Hinter der Hütte lag die Gletscherzunge, als würde sie an der Holzvertäfelung lecken.
Die Tür stand offen. Ein Tisch, drei Hocker und der Kamin, in dem ein Feuer brannte und den Raum in sein Flammenspiel tauchte. Ansonsten schien sie leer. Kaum war Alabaster über die Schwelle getreten, schlug die Tür hinter ihm zu, und der Stoß fegte Schnee in den Raum. Vor dem Kamin lag jemand am Boden, eine schwere Felldecke über sich gezogen. Alabaster hörte das leise Aufeinanderschlagen der Zähne.
„Wo – wo warst du so lange?“, hörte er Silas Stimme. „Ich habe gedacht, du hast m–mich aufgegeben.“
„Jonas ist tot“, sagte Alabaster.
„Du bist der Richter“, antwortete Silas.
Alabaster schwieg und richtete den Lauf des Rabenstahls gegen die Felldecke, dort wo er den Rücken der Gestalt vermutete, auf Herzhöhe. Im Augenwinkel sah er, dass Körbe mit Trauben und Käse und noch dampfenden Kartoffeln auf dem Tisch standen, ein Dekanter mit purpurnem Wein und Porzellanbesteck auf bestickten Servietten.
„Iss etwas“, schlug Silas vor. „Es stirbt sich l–leichter mit vollem Magen.“
„Du bist ein Diener“, sagte Alabaster. „Genau wie dein Bruder.“
Die Trauben trafen ihn wie Geschosse. Zerplatzten auf seinem Mantel, auf den Reithosen und den Stiefeln, im Gesicht und auf den Händen, hinterließen blaue Flecken. Er nahm die Arme hoch, den Rabenstahl quer vor sich und wehrte die Kartoffeln ab. Es folgten Äpfel, die noch härter trafen und ihn aus dem Gleichgewicht brachten, gegen die Wand drängten. Die Teller zerbarsten neben ihm und er spürte Splitter, die in seinen Kragen rutschten. Das Besteck knallte gegen die Wand. Eine Gabel blieb in seinem Oberschenkel stecken. Dann war es vorbei. Alabaster wartete, senkte langsam die Arme und zog die Gabel aus seinem Fleisch, wo ein dumpfes Pochen verblieb, das bis in seine Waden spürbar war.
„Ein Festmahl für den Henker“, sagte Silas in die Stille. „Aber es fehlt der Wein! Der Wodka! Ist es nicht das, worin ein Henker seine Groschen am liebsten investiert?“
Auf dem Tisch kippten Kelche um. Wein und Wodka mischten sich, die bernsteinfarbene Flüssigkeit perlte über die Kante, und Alabaster spürte sie schon gegen seine Stiefel schwappen. Bald stand es ihm bis zur Hüfte und er hatte Mühe, sich zu bewegen. In seiner Nase der scharfe Geruch des Selbstgebrannten, der Wein floss seine Kehle hinab, warm und weich und schwer, machte ihn ganz schläfrig und bevor ihm die Augen zufallen konnten, zog er mit einem letzten Ruck den Lauf des Rabenstahls aus seinem Mund, er hatte schon mit den Zähnen auf das Eisen gebissen und sein Zeigefinger war um den Abzug gekreist.
Alabaster schnaufte und kalter Schweiß bedeckte seine Stirn. Der Raum drehte und er musste sich an der Wand abstützen. Die Decke vor dem Kamin bewegte sich. Die Gestalt darunter verkroch sich tiefer, und ihr Körper fiel zusammen, bis das Fell schließlich flach auf dem Boden lag.
„Wenn ich Alabaster werde“, flüsterte Silas. „Dann probiere ich als erstes die Tinktur.“
Eine zitternde und graue Hand streckte sich unter der Decke hervor. Die Finger vor Verlangen ausgestreckt. „Gib mir nur einen Tropfen“, verlangte Silas.
„Zuerst stellst du dich dem Gericht“, sagte Alabaster und trat nach der Hand, die versuchte ihn am Fußgelenk zu packen. Er erwischte sie mit der Hacke seines Stiefels und legte sein ganzes Gewicht auf das Bein. Hob dann den Rabenstahl, bekreuzigte sich mit dem Lauf und legte an.
„Erlöse mich!“
Alabaster zog den Abzug durch. In der Enge der Berghütte krachte der Schuss so laut, dass der Druck seine Ohren betäubte. Silas wand sich, die freie Hand auf die Decke gepresst, und während er immer bleicher wurde, blickte er Alabaster an, das Blut sprudelte über seine Lippen und färbte die Haare des Fells. Alabasters Kopf fühlte sich an, als wäre er immer noch voller Wein oder Wodka, und die Flüssigkeit hatte keinen Platz und drückte bis in die Schläfen.
Dann rutschten Silas Hände ab und er blieb ruhig liegen, die Illusion seiner Jugend starb mit ihm, und der Zylinder kullerte zum Kamin und fing Feuer. Zwischen den verkrampften Fingern steckte ein einzelnes Monokel. Weitere rollten unter der Decke hervor und über den Boden davon, bis an die Wände der Berghütte, wo sie in flirrende Lichtfunken zerfielen.

*
Alabaster stolperte aus der Hütte und das Sonnenlicht blendete ihn so stark, dass er nur Schemen erkannte. In seinem Oberschenkel brannte die Wunde, als wären die Zinken der Gabel vergiftet gewesen. Feiner Schnee fiel und die Kälte biss in sein Gesicht. Vor ihm lag eine Senke zwischen den Felsen, in ihr Dutzende aufgerichtete Balken, an denen Stricke hingen. Dahinter fiel der Boden in einen Abgrund. Seine Brandnarbe hämmerte und er musste sich einen Augenblick auf den Rabenstahl stützen.
„Leg deine Waffen ab“, sagte eine Stimme und Alabaster erkannte sie als die der Hexe. Sie führte ihr Pferd durch die Senke, den Schimmel mit dem blutigen Abdruck auf der Flanke. Auf Alabasters Höhe angekommen, stieg sie ab und blieb vor ihm stehen. „Auf deinem weiteren Pfad sind sie wertlos.“
Alabaster löste das Orakel von seinem Handgelenk. Drehte es noch einmal zwischen seinen Fingern, spürte den Impuls, es an seine Narbe zu legen. Ein Ziehen, als wäre es unausweichlich. Stattdessen legte er es flach auf seine Hand, streckte sie aus. Die Hexe nahm es und die Berührung ihrer Finger war kalt und leblos, das Amulett der Sonne verglühte und die Sichel färbte sich schwarz wie Asche. Schließlich zerfiel der Knochen zu Staub.
„Weswegen bist du noch hier?“, fragte die Hexe.
An einem der Stricke baumelte Silas. Seine Finger waren an der Schlinge, versuchten sie zu lockern, aber sie saß viel zu fest. Das Seil knarrte bei jeder seiner Bewegungen.
„Lass den Jungen gehen“, verlangte Alabaster. „Das ist eine Sache zwischen dir und mir.“
„Aber er wollte doch so werden wie du“, bemerkte die Hexe. „Wenn nicht jetzt, dann wird er eines Tages dasselbe Schicksal teilen.“
„Lass ihn selbst entscheiden“, sagte Alabaster und senkte den Rabenstahl, legte ihn schließlich neben sich auf einen Findling. Silas Strick riss und er fiel zu Boden. Er blieb einen Moment liegen, bevor er sich aufrappeln konnte. „Verzeih mir“, schnaufte er und hielt sich den Hals. „Ich bin weder zum Richter noch zum Henker geboren.“
Alabaster lächelte müde. „So wie ich’s dir immer gesagt habe.“
„Gerechtigkeit fällt immer auf einen selbst zurück“, sagte Silas, machte ein paar stolpernde Schritte und fing sich dann. Er streckte seine Hand aus, als wollte er sie Alabaster auf die Schulter legen, hielt dann jedoch inne. „Ich verstehe jetzt den Preis, den du dafür zahlst.“
Dann nahm Silas den Rabenstahl, drehte ihn in seinen Händen, betrachtete das Gewehr, als wolle er es mitnehmen, schleuderte es dann über die Klippe hinaus.
„Damit ist das Urteil gefällt“, sagte die Hexe.
Alabaster spürte, dass der Kreislauf sich geschlossen hatte. Am Ende trauerte er nicht, er bereute nicht, er sprach kein Gebet, sondern nahm mit kalten Fingern die Schlinge und legte sie sich um den Hals. Sie fühlte sich vertraut an, als wäre sie schon immer dagewesen. Einen Moment blieb er am Abgrund stehen, seine Stiefelspitzen ragten darüber hinaus und kleine Steine fielen ins Bodenlose. Er hielt seinen Kopf erhoben, die Augen geschlossen, als suchte er nach einem letzten Rest Sonnenlicht, als wollte er noch einmal spüren, wie sich Wärme anfühlt. Dann machte er seinen letzten Schritt.
Alabaster spürte, wie sich die Schlinge zusammenzog, den finalen Ruck. Sie drückte in seinen Nacken, schnürte ihm den Atem ab und das Blut staute sich, während seine Sicht unscharf wurde, das Rauschen in seinen Ohren verebbte.
Er dachte daran, sich gegen einen Felsen zu legen und einzuschlafen, und er würde davon träumen, eines Tages vielleicht anders gehandelt zu haben. Aber die Gewissheit, dass das Feld der Gehängten endlich war, ließ ihn ganz ohne letzte Gegenwehr hängen. Mit tauben Fingern suchte er die Messinguhr in seiner Tasche, hielt sie fest.
Und während sein Augenlicht sich in Dunkelheit auflöste, sattelte die Hexe auf, wandte sich noch einmal um, ritt dann durch die Senke und verschwand zwischen einer Felskluft. In der Einsamkeit des verlassenen Feldes setzte sich Silas mit dem Rücken gegen einen der Balken, müde und erschöpft und zitternd vor Kälte, und schaute dabei zu, wie sich Alabasters Körper am Strick drehte.

 

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