Flusstraum
Jemand fiel in den Fluss. Ich sah es von Weitem, rannte das Ufer entlang. Vielleicht konnte man helfen? Der Fluss wurde zunehmend reißend, von Meter zu Meter. Dann ergoss er sich weitläufig, an anderen Stellen sprudelte er als Rinnsal. Weit hinten am diesigen Horizont mündete er ins Meer. Ich erreichte eine Stelle, an der drei Punkerinnen badeten und gesellte mich zu ihnen. Ich erzählte etwas über klassische Musik. Dass ich sie liebe. Sie schüttelten unverständig ihre Köpfe. ,,Dabei dachten wir, du bist okay“, antworteten sie. ,,Naja, so groß ist die Liebe auch wieder nicht“, versuchte ich zu beschwichtigen. Dann peinliche Stille. Verdammt, ich hatte den Ertrinkenden vergessen. Mit einem Satz sprang ich ins Wasser und schwamm mit der Strömung. Hin und wieder tauchte ich mit meinem Gesicht unter, öffnete die Augen. Der Fluss hier war tief, um mich herum schossen quirlige Forellen durch das kristallklare Nass. Sie berührten mich mit ihren Körpern, spornten mich an. Schneller, schneller, warum so behäbig? Schau uns an! Der Schwarm wurde dichter, die Fische drängelten, schwammen in Massen unter mir, hoben mich an. Es gab riesige, schillernde Tiere in irisierenden Farben. Sonnenstrahlen brachen sich auf ihrer Haut, ließen sie sphärisch leuchten. Ein eigenes Volk stummer Bewohner, der ganze Fluss schwoll an von ihnen, strotzte vor Leben. Welche Pracht! Ich trieb geraume Zeit mit, als Teil dieser glücklichen Körper. Schließlich stieg ich wieder ans Ufer.
Vielleicht war der Pechvogel ertrunken? Die Mädchen trockneten mich mit ihren Tüchern. Die klassische Musik war vergeben. Ich bin ein Dummkopf, dem ohne eigenes Verdienst Gnade zuteil wird, sinnlose Gnade, denn ich werde sie wieder nicht hoch genug schätzen, wie das bei allen Dummen so ist. Aber ich bin ein Dummer, der wenigstens soviel begreift.
Sie nahmen mich mit in ihr Haus, dort tranken wir etwas. Keine von ihnen hatte einen Namen, denn es gab keine Benennungen in diesem Haus. Auch meine Stimme versagte, Worte verwandelten sich in Blei, kamen nicht mehr hoch durch den Mund. Nur ein Flüstern erreichte das Äußere meiner Lippen, staute sich dort ungehört und wurde mit dem nächsten Atemzug wieder inhaliert. Geräusche im Raum kehrten als tauber akustischer Schmauch zu ihren Quellen zurück, eine verzehrende Stille erhaltend. Dann spazierten wir durch ihren Garten. Ein Mädchen schlug vor: ,,Gehen wir zum Haus des Vermissten, vielleicht ist er dort und gar nicht ertrunken.“ Wir machten uns auf, entdeckten ihn gut verborgen in einem Versteck. Widerwillig gab er die Tarnung auf und meckerte über seine Entdeckung. Ich ging auf ihn zu und sagte: ,,Du hast mich um deine Rettung betrogen, jetzt schlag ich dich tot!“