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Fremde Federn

Monster-WG
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04.03.2018
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Anmerkungen zum Text

der Text wurde bei der Auschreibung Ignis Lucidus abgelehnt. Jetzt stelle ich ihn hier zur Diskussion

Fremde Federn

»Guten Tag, mein Herr, ich kann Ihnen nur die linke anbieten, die rechte Hand ist derzeit unpässlich und ruht in meiner Tasche. Nehmen Sie doch Platz, Was kann ich für Sie tun? ... Eine Abhandlung also. Über mich, wegen der ausgesuchten Erscheinung. Sie sehen mich hier stehen an der Bar und denken, über den zu schreiben wäre interessant? Ach, Sie trauen Ihrer Menschenkenntnis. Nun, das erscheint mir gewagt. Wie dem auch sei, Sie werden das hoffentlich einzuschätzen wissen.
Jetzt schauen Sie zum Vorhang an der Garderobe, die Kreatur dort beunruhigt Sie, muss sie nicht! Das ist mein guter Engel. Ja, groß ist er in der Tat, doch keine Sorge, solange er mich sieht, ist er nicht gefährlich. Und er ist der Einzige ‒ außer Ihnen, mein Herr ‒ der meinen Namen wissen darf ... Warum? Ich bitte um etwas Geduld, später werden Sie alles durchdringen.
Wenn ich mich vorstellen darf: Damiano, angenehm! Das bedeutet Bezähmer, doch der Name klingt theatralischer als er ist. Ganz im Gegenteil entspricht er der Wahrheit, denn mein ganzes Leben ist wahrlich ein einziges Dressurstück.
Was möchten Sie trinken, einen Single Malt? Wissen Sie, ich schätze dieses altehrwürdige Etablissement. Größer als seine Auswahl irischen Whiskeys ist nur seine Diskretion ... Zwei? Pardon, ich selbst muss passen, mein Inneres reagiert auf Alkohol unverhältnismäßig heftig. Ich bleibe beim Kautabak. Fragen Sie, mein Herr, fragen Sie. Schwächen und Vorlieben? Wo fange ich an? Gutes Schuhwerk, rahmengenähte Schuhe, die nach Kalbsleder duften. Zu abgenutzt dürfen sie nicht sein, das Hosenbein gehört makellos darüber gestülpt, mit gebügeltem Aufschlag. Schauen Sie ruhig, der linke Schuh ist frisch gewienert. Passendes Schuhwerk entscheidet vieles, mein Herr, finden Sie nicht? Sie sind doch selbst ein Mann, der auf seine Kleidung achtet. Frauenschuhe, die faszinieren mich ebenso. Etwa zarte Stiefeletten aus Ziegenleder. Schön auch, wenn schöne Kleidung dabei ist, die sie richtig zur Geltung kommen lässt und auch ein luftiger Unterrock oder frische weiche Zehen, mit welchen ich gerne spiele.
Ungebührlich, sagen Sie? Ach, ungewöhnlich ..., wer könnte das verneinen? Natürlich darf ich die Maskerade nicht übertreiben, zu auffällig darf es nicht werden. Genau aus diesem Grund trage ich den langen, nicht mehr zeitgemäßen Gehrock, er ist beim Verstecken mancher Details sehr hilfreich.
Sie runzeln die Stirn. Ich kann Ihnen nicht mehr zeigen, bedauere. Beizeiten werden sich die Nebel lichten. Lassen Sie mich nur so viel festhalten: Für mich ist es schlicht eine Frage der Annäherung. Und deshalb bedeutet eine passende Auswahl den Unterschied. Schön dicht herankommen muss ich, sonst laufen sie mir davon.
Meist werde ich bei Abendveranstaltungen fündig, Salons und Soirees, da ist das Angebot reichhaltig. Poesie- und Kulturbetrunkenheit machen es mir leicht, denn wenn der Kopf in den Wolken weilt, ist der irdische Rest nicht sonderlich wachsam.
Sie können nicht ganz folgen? Ja, das braucht seine Zeit. Ein weiteres Glas? Ach, der Herr hat noch einen Schluck. Sie kennen die Bedeutung: Wasser des Lebens, nicht wahr? Dieser milde Brand hier atmet Vanille statt Torf.
Manche laufen fort, obwohl mir doch genau genommen nichts fehlt. Alle Teile sind an ihrem Platz – wenngleich, zu genau dürfen sie nicht hinschauen. Ich muss nehmen, was kommt und gerade wenn frischer Nachschub auf sich warten lässt ... riecht es. Das ist auf eine Art unverzeihlich – und doch unvermeidbar.
Da hilft nur eine gründliche Reinigung von innen nach außen, wenn Sie begreifen, was ich meine ... Nicht? Nun schauen Sie doch nicht so verstohlen zwischen meine Rockschöße! Sie werden mein wahres Ich schon noch zu Gesicht bekommen. Vor allem, wenn es ihrem Schreibwerk dient. Nein, Sie dürfen hier keinesfalls abbrechen, das war doch erst der Anfang! Setzen Sie ihren Hocker gerade und notieren Sie, mein Herr!
Selbstbeherrschung ... Ja, unbedingt, ich muss mich zusammenreißen, im wahrsten Wortsinn, auch damit ich nichts verliere! Und das allein nimmt einen großen Teil meiner Aufmerksamkeit in Anspruch. Deshalb bin ich nicht der Schnellste, nicht wegen altersbedingter Gebrechlichkeit. Keine Spur! Man ist so alt, wie man sich fühlt, so lautet die Binsenweisheit ... Das ist zu abgedroschen, um darüber zu schreiben, sagen Sie? Nun, wenn Sie das so genau wissen. Ich sage Ihnen Folgendes: Es ist nicht gesagt, dass junge Teile länger halten, das kann sehr unterschiedlich sein und kommt oft unerwartet anders. Manches Mal muss ich mich entscheiden, welchen Teil von mir ich gerade intensiv spüren will, wo die stärkste Bindung besteht. Dementsprechend jung fühle ich mich ‒ ganz losgelöst vom körperlichen Alter, das schon seit ungezählten Jahren keine Rolle mehr spielt.
Mein Herr, bleiben Sie doch sitzen, ich muss Sie dringend ersuchen! Schauen Sie doch, wie geduldig mein guter Engel dort im Schatten des Vorhangs wartet. Ich muss nur einen Finger heben und er ist bei uns. Enorm hilfreich, ehrlich gesagt wüsste ich nicht, was ich ohne ihn täte. Als er zu mir kam, gab ich ihm das ein oder andere, hier einen Schenkel, den ich nicht brauchte, dort einige rosige Innereien, für die ich keine Verwendung hatte. Anfangs war er scheu, doch mit der Zeit hat er Vertrauen gefasst und ist auf den Geschmack gekommen. Seitdem bleibt er in meiner Nähe. Stellen Sie sich vor: Er wartet nicht nur, er hilft bei der Jagd. Apportieren kann er selten, dazu ist die Beute zu schwer, doch er stellt sie für mich. Darin ist er unschlagbar! Wenn ich dann zupacke, wartet er brav und anständig, bis ich fertig bin und ihm seinen Anteil anbiete. Nie fordert er mehr, als er fressen kann, nie läuft ihm der Geifer aus den Lefzen.
Diese Zügelung verdient höchsten Respekt, mein Herr. Wissen Sie, bedauerlicherweise bin ich da anders, hitzig und mit kurzer Zündschnur, das sagt man doch so? Darin liegt manches Mal die Gefahr.
Kommen Sie, mein Herr, kein Grund, den Hocker erneut abzurücken, ich bitte Sie nur um Gesellschaft ... Und nein, diese Bitte können Sie nicht abschlagen, bleiben Sie auf ihrem Platz! Waren nicht Sie es, der um einen Austausch bat? Greifen Sie zu Ihrem Schreibwerkzeug und hören Sie zu!
Wo war ich stehengeblieben? Schwächen und Vorlieben. Zu meine Vorlieben gehören ebenfalls schön geformte Extremitäten. Wenn alles ausgebreitet vor mir liegt, trägt mich die Euphorie fort. So vieles, das ich erneuern kann ‒ Ich lasse mich hinreißen, probiere an, bewundere und verwerfe. Nie nehme ich zwei Teile vom selben Körper. Wer den Vergleich hat, wird zum Kenner. Ich bin wahrlich ein Kenner, nicht nur von Schuhen und Beinen, auch von Körperschwung, fließenden Linien und Schultern. Wissen Sie, die Formung der Schultern sagt sehr viel über einen Menschen, über seine Haltung. Ich nehme gerne die aufrechten, eher nach hinten geneigten. Schön zum Anschauen, wenn ein schlanker Hals darauf sitzt, behängt mit funkelndem Geschmeide, das ich weiter trage, bis mich das Geklimper stört. Sehen Sie das Glitzern zwischen dem aufgerichteten Revers meines Gehrocks? Praktisch ist das nicht, von der nützlichen Seite her bevorzuge ich stabile Rümpfe mit Stiernacken, das verleiht mir die nötige Kraft beim Schlagen der Beute. Mein Herr, das Starren nutzt Ihnen nicht, ich achte darauf, dass mein Gesicht stets im Schatten der breiten Hutkrempe bleibt.
Nun sitzen Sie doch aufrecht! Vertragen Sie den Whiskey nicht? Sie haben nicht ernsthaft gerade die Nase gerümpft! Ach, Ihnen ist übel geworden? Bewahren Sie Fassung, mein Herr, oder ist meine Wirklichkeit für Sie zu harter Tobak? ... Jetzt fragen sie mich, wie es dazu kommen konnte? Lassen Sie mich etwas weiter ausholen. Das ist Ihnen doch recht? Sie werden einiges an Material benötigen für Ihren Essay, Ihre Kolumne, oder was auch immer daraus werden mag.
Mein Familienname, del Fuoco, er hängt an mir wie ein entzündeter Appendix und mein Engel durfte schon etliche Male hautnah miterleben, was er in Wahrheit bedeutet.
Vermutlich nehmen Sie an, der Name entstammt einem Adelsgeschlecht, doch das ist nicht der Fall. Im Gegenteil bin ich von einfacher Herkunft und nicht nur das: Ich wuchs in einer Höhle auf ... Unvorstellbar? Wie das möglich sei, fragen Sie? Ich habe keine Antwort darauf, außer Schicksal.
Nun, nach Generationen ohne Vorfälle ist es bei mir wieder durchgeschlagen. Wenn Sie die Bedeutung des Namens erfassen, sollten Sie es folgern können, oder nicht? Nutzen Sie Ihren Verstand! Ja, selbstverständlich: Das Feuer. Ich erzähle Ihnen, wie es dazu kam.
Das Licht der Welt erblickt habe ich in einem kleinen Bergdorf in Sizilien. Schon mein erster Schrei war ein Menetekel. Er ließ die Hebamme vor Schmerzen windend zurück. Sie erholte sich nie mehr gänzlich von den Verbrennungen. Später verbarg sie ihr gezeichnetes Gesicht unter einem schwarzen Schleier und schlug drei Kreuze, sobald sie mich sah. Aus Furcht hatte sie mit niemandem über das gesprochen, was bei der Geburt geschah. Dennoch verbreitete sich die Nachricht im Dorf wie ein Lauffeuer und die Angst wuchs im gleichen Maße wie der Unmut.
Wissen Sie, ein normales Kind schreit viel ‒ mir wurde von klein auf eingetrichtert, meine Wut im Zaum zu halten, was mal mehr mal weniger gut gelang. Sobald ich laufen lernte, traten im Dorf unerklärliche Brandfälle auf. Mal brannte ein Hühnerstall, als nächstes ein Kornspeicher. Bald fehlten in unserer Gasse ganze Häuser, klaffende Lücken, wie im Gebiss einer alten Frau. Zerfallen zu Asche, kein Bewohner des Dorfs wollte etwas gesehen haben oder wusste, was geschehen war ‒ außer meiner Familie. Und die fasste einen für mich tragischen Entschluss.
Niemand hatte es gewagt, uns offen zu bezichtigen, weil die Geschichte unserer Familie seit Generationen in das Gedächtnis der Dorfbewohner eingebrannt war. Ebenso die Macht, die jedem Feuer innewohnt.
Die Höhle war der Ort, an dem ich meiner Wut freien Lauf lassen konnte, ohne untragbare Schäden anzurichten. Mit dem Umzug in die Höhle waren die Dorfbewohner ruhiggestellt und fortan stierten sie auf die Rauchwolken, die aus den Fugen des Tors drangen und zogen die Köpfe in ihre Häuser ein wie angestoßene Schnecken. Davon abgesehen vergaßen sie mich.
Warum nur ist ihr Gesicht so aschfahl, mein Herr? Holen Sie tief Luft und gönnen Sie ihrer Seele noch einen Schluck. So ist es gut und jetzt reißen Sie sich zusammen!
Wie es ist, in einer Höhle eingesperrt zu sein? Zucken Sie doch nicht so! Sie müssen mein lautes Auflachen entschuldigen, ich finde die Frage bestenfalls amüsant. Meine Antwort lautet: Für jemand, der gerne verlassen und verstoßen wird, ist solch ein Ort das Paradies. Für alle anderen ist er wahrhaftig die Hölle. Als Einziger aus dem Dorf durfte ich nicht zum Beichten in die Kirche, nicht die Dorfschule besuchen und nie heimlich mit einem nach frischem Heu duftenden Mädchen durch die Felder streichen. Stattdessen habe ich lange Jahre die Wände des dunklen Lochs mit dem Ruß meiner Wut geschwärzt.
Mein einziger Trost war meine geliebte Nonna, die jeden einzelnen Tag zu mir kam. Ihr habe ich zu verdanken, dass ich versorgt war und nicht vollends verwahrloste. Tagsüber schaute ich durch Lücken im Eisentor den Hang zum Dorf hinab, bis ich sie kommen sah. Alles, was ich damals wusste, hat sie mir beigebracht. Und deshalb war sie die Einzige, die ich später verschonte ‒ ein Akt der Grausamkeit, wie mir erst nach vielen Jahren klar wurde.
Verstehen Sie? Nicken Sie, damit ich sehe, dass dem so ist ... Sie meinen, solch ein Leben ist nicht auszudenken? Ich gebe Ihnen recht, das liegt jenseits Ihrer Vorstellungskraft.
Haben Sie auch wirklich alle Details aufgeschrieben? Das wäre gut, denn ich werde Ihre Notizen später prüfen. Damit wir uns recht verstehen: Sie schreiben nur das auf, was ich gutheißen kann, nicht wahr, mein Herr?
Wie ich aus der Höhle entkam? Sehr gute Frage! Nun, die Zeit, in der aus einem Jungen ein Mann wird, verlief bei mir anders. Die Stimme gewann an Tiefe, die Kraft wuchs um ein Vielfaches und damit auch die Verzweiflung über das Eingesperrtsein. Mit der Zeit staute sich die Wut in mir wie das Wasser in einem Mühlteich im Frühjahr. Zu meiner Initiation kam es durch einen Dammbruch, eine bizarre Eruption, wenn Sie wollen, ich weiß kein anderes Wort dafür. Das Feuer brach aus mir heraus und verzehrte sogleich alles Fleischliche an mir ...
Ob das Schmerzen verursachte? Sie belieben zu scherzen, mein Herr, welch eine kuriose Frage. Die Qualen waren unvorstellbar, nichts was Sie je erlebt haben, reicht auch nur annähernd heran. Darauf einen Toast! Worauf? Auf den holden Schmerz natürlich, er hält uns wachsam, mein Herr, Slàinte!
Sie möchten erfahren, was weiterhin geschah? Das nenne ich einen fleißigen und vor allem furchtlosen Schreiberling, ohne Fehl und Tadel! Oder versuchen Sie mir zu schmeicheln? Hegen eine irre Hoffnung?
Erwartbar bot das Eisentor meiner Feuergestalt keinen Widerstand, mühelos schmolz ich mich hindurch. Doch als ich ins Freie trat, ließ mich sogleich ein Mistral erschaudern. Wind bedeutet zwar nicht annähernd die Gefahr, die für mich von Wasser ausgeht, dennoch habe ich das Zerren an meiner Lebensflamme gespürt. Sie können sich das vorstellen wie das Flackern einer Kerze im Luftzug, nur ungleich größer. Und doch wurde der Schauder bald abgelöst von anderen Eindrücken. Gleißendes Sonnenlicht, der weite Blick über das Meer bis zum Horizont, die neu gewonnene Bewegungsfreiheit, all das war überwältigend.
Als ich meine neuen Kräfte halbwegs gesammelt hatte, ging ich ins Dorf hinunter. Schon auf dem Weg setzte ich Felder in Brand, nur indem ich über die Köpfe der Ähren strich. Über das darauf Folgende möchte ich Stillschweigen bewahren, dieser Tage bin ich nicht wirklich stolz darauf. Damals war ich ein junger Mann in Rage, ohne meine heutige Verfasstheit und Moral. Und doch habe ich dabei gelernt, die erwachten Talente vielseitig einzusetzen.
Nach einiger Zeit kam ich darauf, Körperteile anzuziehen wie andere Leute ein Paar Handschuhe. Es hat mein Inneres bekleidet und angenehm gekühlt. Seitdem fühle ich mich besser, vollständiger und durch die Wechsel zugleich flexibel. Was sich als unschlagbarer Vorteil erwies: Fortan war mein Inneres geschützt vor Regen und anderen äußeren Einflüssen. Und das war und ist Gold wert, denn mit Hilfe der fremden Federn und ein wenig Verkleidung komme ich unerkannt unter Menschen und kann mich unverfänglich fortbewegen. Auf Sie mag das abstoßend wirken, für mich ist es reine Notwendigkeit, einen Kontakt mit Wasser zu vermeiden. Kleine Mengen sind schmerzhaft, aber verkraftbar. Große Mengen, wie sie in Strömen, Flüssen und Bachläufen die Landmassen zerschneiden, hingegen sind lebensbedrohlich. Aus diesem Grund bedarf der Ritus, den ich regelmäßig durchführe, genauer Planung unter Betrachtung des Wetters.
Was Sie sich darunter vorzustellen haben? Genehmigen Sie sich noch einen Kilbeggan auf meine Kosten, mein Herr! Dazu eine Habano? Die ist wahrlich gehaltvoll. Gönnen Sie Ihren flatterigen Nerven etwas Gutes! ... Ob ich Ihnen Feuer geben kann? Sie Schelm, fragen Sie lieber den Bartender. Es gefällt mir, wie tapfer Sie wieder aufrecht sitzen! Sie wissen ja, ich mag die Aufrechten.
Zurück zu meiner Läuterung. Matthäus Kapitel drei, Vers elf ist Ihnen ein Begriff? Ich nenne den Ritus Feuertaufe, nach Johannes, dem Täufer. Und damit ist nicht zu viel versprochen, denn für einen Moment halte ich meine Wut nicht länger im Zaum. Ein Gedanke an die furchtbare Einsamkeit in meinem Gefängnis genügt und es bricht aus mir heraus. Alle Körperteile und der ganze Ballast, der an mir hängt, baden im Feuer und verglühen innerhalb von Sekunden.
Wie es mir dabei ergeht, fragen Sie? Ganz wunderbar, eine Katharsis! Das Feuer bereitet mir keine Schmerzen, es verbrennt geliehenes Fleisch, nicht eigenes. Danach fühle ich mich zwar schutzlos, aber auch neu geboren.
Sie können sich denken, dass ich nach dieser Prozedur eilig Nachschub finden muss, oft genug kommt dann mein guter Engel zum Einsatz. Grundsätzlich jedoch bevorzuge ich mittlerweile die Beschaffung mit Stil und Eleganz.
Wissen Sie, zu oft darf ich das nicht wiederholen, die Feuertaufe gefährdet meine Tarnung, mein Leben im Halbschatten, wo niemand hinschaut. Deswegen sitzen wir hier im Abglanz der gedämpften Barbeleuchtung ‒ damit Sie die Muße haben zu verstehen, nicht wahr? ...
Sie möchten jetzt gehen? Und haben den Text fertiggestellt, alles notiert und niedergeschrieben? Ich hoffe doch sehr, meine Lebensgeschichte entspricht Ihren Erwartungen! Und auch Ihrer formidablen Menschenkenntnis. Sie haben es eilig? Mit Verlaub, der Herr, eine Sache fehlt noch, dann begleite ich Sie gerne auf die Straße.
Wissen Sie, ich erkenne eine Lüge, sobald ich sie höre. Über die Jahrhunderte wurde ich nicht nur angelogen, ich wurde auf Knien angefleht, auf ärgste Art und Weise beschimpft, mit allerlei Waffen bekämpft und in die Hölle verflucht ‒ geändert hat es nichts am Schicksal derer, die es versuchten. Trinken Sie aus, mit dem Silberling hier ist alles beglichen. Aber seien wir doch ehrlich: Sie sind nicht fertig, es fehlt noch der Schlussakkord, nicht wahr? Nicht ganz so schnell, der Herr, mein Engel wird sonst unruhig.
Bitte, nach Ihnen ... Sie zittern, draußen ist Ihnen kalt, das verstehe ich, mir selbst ergeht es da anders, mir kann es nie kalt genug sein. Sie möchten mir zum Abschied nicht die Hand geben? Seien sie nicht zimperlich, mein Herr. Jetzt möchte ich gerne Ihre Aufzeichnungen an mich nehmen, ich falte sie zusammen und stecke sie hier in die Brusttasche, vielen Dank. Zuhause im stillen Kämmerlein werde ich sie mit Genuss lesen, bevor ich sie verglühen lasse. Und wenn ich noch kurz um Ihre Hand bitten dürfte, der Herr, die rechte, wenn es Ihnen nichts ausmacht ...

 

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