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Geschlossene Gesellschaft
Und Jesus sprach: Nehmt und esset alle davon. Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird; tut dies zu meinem Gedächtnis.
*
Während sanfte Töne – es ist Mendelssohns Violin Concerto Opus 64 – durch die Glasscheibe zu uns hindurchdringen, bin ich noch immer beeindruckt von der Atmosphäre, die von diesem Anwesen ausgeht.
Gemächlichen Fußes durchschreiten wir einen langen Flur, der durch die Glasscheibe von einem sich dahinter befindlichen und in seinen Ausmaßen gewaltigen Raum getrennt ist. Ein flauschiger Teppich bannt die Geräusche, die von meinen Lloyds ausgehen, ins Unhörbare.
Irgendwie hatte ich mir alles wesentlich furchteinflößender vorgestellt, doch das, was mir bisher zu Augen gekommen ist, erstrahlt in einer Warmherzigkeit, dass es einem schier ein permanentes Lächeln auf die Lippen zaubert.
Die Person, die vor mir den langen Gang entlangschreitet, hält inne. Ich handle ebenso, und Sekunden später blickt mir Herr Vladimir in die Augen und lächelt gutmütig. Ich folge seinem Blick durch die leicht getönte Scheibe, die auf etwa einer Länge von sechs bis sieben Metern die rechte Wand des Flurs ausfüllt.
Dahinter befindet sich besagter monumentalistischer Saal mit einer Tafel in der Mitte von ebenfalls gewaltigen Ausmaßen. Um ihr herum stelle ich eine Anzahl von zehn Personen fest, zu gleichen Teilen weiblich wie männlich, auf Stühlen, die ich der barocken Epoche zuordne, obwohl ich davon zugegebenermaßen nicht die größte Kenntnis besitze.
Herr Vladimir faltet die Hände vor den Knöpfen seines schwarzen Jacketts, sein Blick wirkt auf mich verträumt, als er mich vom Scheitel bis zur Sohle mustert. Er sagt nichts und schaut wenig später wieder in Richtung der anderen Personen.
Ich spüre, wie der Koffer in meiner Hand an Gewicht zuzunehmen scheint und stelle ihn ab, äußerst bemüht, dieses leise zu tun nur um diesen besinnlichen Augenblick nicht zu zerstören; doch führt der flauschige Teppich meine Tat ad absurdum.
Die Mitte der Tafel besteht aus einer langen, silbernen Fläche. Kurzerhand wird meine Aufmerksamkeit wieder auf die Gäste gelenkt. Sie sind ansehnlich gekleidet, und eine blonde Dame mit hochgestecktem Haar fällt mir besonders ins Auge. Sie trägt ein hochgeschlossenes, dunkles Abendkleid, aus dem am Kragen das kleine, weiße Schildchen herausschaut. Ein unbändiger Drang, es wieder hineinschieben zu wollen, überkommt mich. Ich kompensiere ihn durch das Kratzen meiner Handflächen; ein Tick, den ich nicht unterdrücken kann.
Auf der silbernen Fläche, die sich bis auf einen breiten Rand für die Teller über die gesamte Tafel erstreckt, brutzeln kleinere Fleisch- und Gemüsestücke. Von einigen steigen Rauchfäden auf, die, immer filigraner werdend, nach einigen Metern einen gewaltigen Kronleuchter erreichen, der über der Szenerie schwebt wie die imposante Hand des Schöpfers.
Einige der Gäste speisen genüsslich, schneiden mit spitzen Fingern und teurem Besteck an winzigen Stücken Fleisch. Ein hochgewachsener Herr im Smoking serviert Soße, die er mit einer silbernen Kelle gekonnt auf den Porzellantellern verteilt.
Mein Magen gibt ein sanftes Grummeln von sich, und ich hoffe, dass Herr Vladimir es durch die leisen Violinentöne hindurch nicht hört.
Er lächelt mich an.
Am Kopfende der Tafel sitzt ein Mann, der aus der Gediegenheit der übrigen Gruppe hervorsticht. Es ist nicht seine Kleidung, die ebenfalls das Geld erkennen lässt, vielmehr ist es sein auffallend bleiches Antlitz. Sein Körper steckt bauchabwärts in einer Art überdimensionalem Latz, der den gesamten Unterleib einschließlich der Beine verdeckt. Sich an den Ecken befindliche Stangen spreizen den Umhang vom Körper ab, so dass es scheint, er stecke er in einer Plastikdecke.
Hinter seinem Stuhl erkenne ich einen hüfthohen Metallschrank auf Rollen, aus dem zwei durchsichtige Schläuche unter den Latz führen. In den Schläuchen bewegt sich eine dunkelrote Flüssigkeit.
Der Rücken einer gebeugten Person, die mit dem Kopf unter dem Plastiklatz verschwunden ist, wirkt auf mich deplaziert, und einige der Gäste harren mit gespanntem Blick in seine Richtung.
„Kommen Sie, Herr Martin.“
Ich wende den Blick ab. Herr Vladimir deutet mir an, ihm zu folgen, und wir gehen weiter den Gang hinunter, die bizarre Situation hinter der Scheibe hinter uns lassend.
*
„Ich darf Sie mit Herrn Johann bekannt machen?“ Herr Vladimir führt mich in ein kleines, schlicht eingerichtetes Zimmer mit jeweils einem Bett an der rechten und linken Wandseite. Ein Fenster gibt es nicht.
Der Mann auf dem rechten Bett sieht zu uns herüber, legt sein Buch beiseite, schließt die Augen und schläft ein.
Herr Vladimir sieht mich an und lächelt. „Ein leichtes Beruhigungsmittel“, sagt er mit gedämpfter Stimme. „Sie können Ihren Koffer dort hinten abstellen. Ich werde Frau Doktor Laura Bescheid geben, dass Sie eingetroffen sind.“ Er macht sich auf zum Gehen. Im Türrahmen bleibt er noch einmal stehen. „Es kann ein Weilchen dauern. Gern dürfen Sie sich bei Bedarf zur nächtlichen Ruhe begeben.“
Nachdem er das kleine Zimmer verlassen hat, sehe ich mich um. Zwei Betten mit jeweils einem aus der Mode gekommenen Nachttisch mit kitschiger Lampe. Ein Waschbecken neben der Tür. Es fehlt allerdings die Armatur. Ich schüttle den Kopf.
„Wann bist du dran?“
Ich wirble herum und hätte beinahe laut aufgeschrieen, als ich den anderen Herrn auf der Bettkante sitzen sehe. Sein Blick wirkt teilnahmslos. Meine übertriebene Schreckhaftigkeit erschüttert mich.
„Mein Name ist …“
„Sowas von egal“, unterbricht er mich mit schläfriger Stimme.
Ich stelle den Koffer an seinen zugewiesenen Platz, öffne ihn und klappe den Deckel nach hinten. Ein weiteres Paar Schuhe, ein dunkler Anzug, Unterwäsche und ein Hemd. Oben auf liegt die Heilige Schrift.
„Wann bist du dran?“, fragt er erneut.
Ich hänge meinen Anzug an einen Haken, der sich neben dem Bett an der Wand befindet. „Ich weiß es nicht genau“, sage ich. „Die Herren haben sich noch nicht geäußert.“
Er reibt sich durchs Haar, und ich erkenne eine frische Narbe über dem linken Ohr. „Ich morgen“, sagt er.
Ich setze mich aufs Bett und befreie mich von den Lloyds. Leichter Fußgeruch dringt wenig später in meine Nase. Peinlich ist es mir nicht.
Mein Zimmergenosse steht mühselig auf, wankt ein wenig und kommt auf mich zu. „Hallo. Mein Name ist Herr Johann.“ Er streckt mir die Hand entgegen. „Mit wem habe ich die Ehre?“
„Äh… Martin. Ich meine Herr Martin.“ Herr Vladimir hatte mir bei unserem ersten Gespräch die Wichtigkeit dieses Zusatzes erörtert. Ich hatte es akzeptiert ohne es zu hinterfragen.
„Angenehm, Herr Martin. Ich freue mich, dich kennenzulernen.“ Er dreht sich um und sitzt wenig später wieder auf seinem Bett. „Ich hoffe“, flüstert er so leise, dass ich ihn kaum verstehe, „dass dieses Mittel bald nachlässt.“ Seine Finger kratzen über die frische Narbe. Augenblicklich schieben sich die von schwarzen Fäden gehaltenen Hautlappen auseinander. Als das Blut über seine Finger läuft, zuckt er zusammen und hält sie sich vors Gesicht.
Er blickt herüber. „Man spürt nichts mehr. Nach der Operation, mein ich. Nichts mehr.“ Sein Körper sinkt langsam aufs Bett und kurz darauf ist er wieder eingeschlafen.
Nie zuvor hätte ich vermutet, dass es neben mir noch andere Menschen gibt, die den gleichen Wunsch hegen, wie ich; und während ich über diese weltergreifende Tatsache sinniere, schlafe ich ebenfalls ein.
*
„Weißt du was, Herr Martin?“ Herr Johann schließt den Gürtel seiner Hose und greift nach einer Krawatte.
Ich liege auf dem Bett, habe die Arme hinter dem Kopf verschränkt und blicke zu ihm hinüber. Mein Zeitgefühl schwindet, denn ich könnte nicht sagen, wie lange ich geschlafen habe; es muss länger gewesen sein, denn ein leichter Anflug von Zorn, hervorgerufen durch das noch immer nicht Erschienensein der Frau Doktor, macht sich in meinem Innern breit.
Mein Zimmernachbar streift ein Jackett über und wiederholt seine Frage.
„Nein“, antworte ich mit ungeduldigem Klang. Im selben Moment bedaure ich meine böswillige Antwort. „Bitte entschuldige“, füge ich hinzu.
„Die zahlen einen fünfstelligen Eurobetrag für ein einziges Wochenende.“
Ich stütze mich auf die Unterarme. „Wer zahlt für was?“
„Na, die feinen Pinkel.“ Er hält in seiner Tätigkeit inne. „Die, die hier das Wochenende auf diesem exquisiten Anwesen verbringen. Verpflegung inklusive.“
„Weißt du, wo genau wir uns befinden?“, will ich wissen.
Herr Johann kommt näher, setzt sich zu mir aufs Bett. Als er mich ansieht, erkenne ich, dass seine Narbe verkrustet ist. „Der Herr von gestern, der, der hier geschlafen hat“, er deutet auf mein Bett, „war Moldauer. Sprach ein wenig deutsch. Und der sagt, wir seien direkt in der Hauptstadt.“
„Direkt in Minsk? Ich bezweifle dies.“
„Warum denn nicht? Hier ist es doch viel unauffälliger als in irgendeinem gruseligen Draculaschloss auf einem einsamen Berg.“
Wenn ich darüber nachdenke, dann könnte ich dem sogar zustimmen. „Sie haben mir an der weißrussischen Grenze die Spritze gesetzt“, sage ich nachdenklich. „Zwischenzeitlich bin ich einige Male aufgewacht, doch sah es immer ländlich aus.“
Herr Johann lacht. „Du kannst hier stundenlang rumfahren, und es sieht immer ländlich aus. Nichtsdestotrotz zahlen die über zwanzigtausend Euro für ein Wochenende.“ Er steht wieder auf und zieht sich weiter an.
Ich denke über seine Worte nach, die mich doch ein wenig bestürzen. Sollte wahrhaftig Kommerz dahinter stecken?
„Warum tust du es?“, frage ich ihn nach einer Weile.
Er scheint einen Moment lang zu überlegen, greift sich dann in den Schritt. „Allein die Vorstellung macht mich geil. Ich werde in einer Tour abspritzen, das kannst du mir glauben, Herr Martin.“ Er lacht unecht. „Und du?“
Ich denke über seine Intention nach, und ein aufkeimender Würgereiz durchflutet mein Inneres. Es widerstrebt mir, ihm meine Bestimmung kundzutun, doch öffne ich, während sein fragendes Gesicht nicht von mir ablässt, nach kurzer Zeit die Schublade meines Nachttisches und hole die Bibel hervor.
Herr Johann nimmt die Hände von seinem Schritt. „Das ist nicht dein Ernst“, sagt er.
„Auch Jesus gab sein Fleisch.“ Mir ist bewusst, dass ich ihn nicht mit einer Silbe erreiche, dafür ist sein geistiger Horizont zu bedauernswert. Fleischliche Gelüste, die ihn treiben. Ich schlucke.
„Du bist krank“, sagt er.
Ich lächle ihn an, will etwas sagen, als Herr Vladimir eintritt.
Er nickt kurz, dann an mich gewandt: „Herr Martin, wenn Sie mir bitte zur Operation folgen wollen?“
„Der Herr sei mit dir“, sagt Herr Johann mit auffallend ironischem Unterton, als ich an ihm vorbei den Raum verlasse. Ich lasse ihn gewähren.
*
Der Eingriff in einen der spezifischen Kerne des Thalamus verläuft ohne Komplikationen. Genauso, wie es Herr Vladimir bei unserem ersten Gespräch versprochen hatte.
Keine Weiterleitung von Schmerzimpulsen an die Großhirnrinde, hatte er weiter ausgeführt.
Nur ein minimaler Eingriff …
*
Das weißrussische Ärzteteam versteht sein Handwerk. Ich fühle mich benommen. Leichter Schwindel wechselt sich mit unscharfem Sehen und eingeschränktem Sichtfeld ab. Ich bin müde.
Das Zimmer, in das mich Frau Doktor Laura und Herr Vladimir führen ist jetzt leer. Herr Johann ist fort.
Ich lege mich aufs Bett, bekämpfe den Drang, mich zu übergeben und schlafe ein.
*
Als ich erwache, bin ich bis auf meine Unterhose nackt. Der Raum ist warm und die Nachttischlampe verbreitet ein besinnliches Licht. Mühsam erhebe ich mich, warte auf das Schwindelgefühl, das aber nicht eintritt.
Meine Beine sind seltsam bleich, und als ich mit dem Handrücken darüber streiche, stelle ich fest, dass sie haarfrei sind. Ich lächle und genieße kurz dieses ungewohnte und interessante Gefühl. Ein Blick in meine Unterhose zeigt das gleiche Resultat.
Nach einer Weile öffne ich die Nachttischschublade und hole die Bibel hervor. Ich spreche ein Gebet und bitte Gott, seine schützenden Hände über Herrn Johann zu halten. Während des Gebetes fällt mir auf, dass ich schon lange kein Handjucken mehr verspürt habe.
Ich freue mich auf die Menschen, denen ich alles geben werde, und ich danke Gott, dass er mich empfänglich für diese Erkenntnis gemacht hat. Ich denke an meine kleine Gemeinde in unserem gemütlichen Ort, tausende von Kilometern entfernt und doch so nah, und eine leichte Wehmut umschlingt mein Herz. Was werden sie denken, wenn sie es erfahren? Wird Pfarrer Christian, mein junger Nachfolger, es ihnen erzählen? Hat er den Brief, den ich ihm in das Gebetbuch auf den Altar gelegt habe, bereits gefunden? Wird er verstehen?
Herr Vladimir betritt das Zimmer und entreißt mich meinen Gedanken. „Sie können sich vorbereiten, Herr Martin. Ich hole Sie in fünfzehn Minuten ab.“
Nachdem er wieder gegangen ist, entdecke ich zum ersten Mal die beiden Schläuche, die rechts und links aus meiner Leiste ragen. Umleitung des Blutkreislaufes mittels Bypass, hatte mir Herr Vladimir bei unserem ersten Gespräch erklärt.
Ich berühre sie vorsichtig und spüre nichts.
*
„Ich darf Sie mit Herrn Martin bekannt machen.“ Der hochgewachsene Mann, der vorgestern für die Soßen zuständig war, spricht in einem klaren Englisch mit leicht russischem Akzent. Er macht eine einladende Verbeugung, und ich betrete den Saal. Sofort fällt mir die mannsgroße Madonnenstatue auf, die am Ende des Raumes auf einem Sockel steht, und um die ich gebeten hatte.
Die Damen und Herren, die ich bereits bei meiner Ankunft gesehen habe, erheben sich von ihren barocken Stühlen und applaudieren zart. Die blonde Frau mit dem hochgesteckten Haaren trägt dasselbe schwarze Abendkleid, wie bereits zwei Tage zuvor. Ob das Schildchen wieder herausguckt, kann ich von hier aus nicht ausmachen.
Herr Vladimir umfasst sanft meinen Arm und führt mich zu dem einzig freien Stuhl am Ende der Tafel. Der glitzernde Kronleuchter spiegelt sich in der blanken Platte auf der Tafel wider. Mehrere gefüllte Tomaten liegen darauf. Die Weingläser der Gäste sind ebenfalls gefüllt.
Als ich die blonde Dame passiere, erkenne ich, dass eines ihrer Augen ein Glasauge ist; zumindest bewegt es sich nicht, als sie mir auffällig auf den Po starrt. Auch für dich gebe ich mich hin.
Hinter dem Stuhl mit seiner gewaltigen, verschnörkelten Rückenlehne steht der hüfthohe Metallwagen mit noch herabhängenden Schläuchen. Inzwischen wurde ich aufgeklärt, dass es sich hierbei um eine Maschine handelt, die meinen Blutkreislauf ab der Hüfte umleitet.
Wir wollen doch nicht, dass Sie bereits nach dem ersten Schnitt verbluten, Herr Martin, hatte Frau Doktor Laura nach der Operation gesagt.
Warum sie die Adern nicht einfach veröden oder abklemmen, hatte ich gefragt.
Es seien ästhetische Überlegungen, hatte sie lediglich erwidert.
Ich hatte ihr zugestimmt, und wenn es nach mir gegangen wäre, so hätte es die Operation an meinem Gehirn ebenfalls nicht gegeben, denn Jesus hatte schließlich auch alle Qualen auf sich genommen. Doch Herr Vladimir hatte mir erörtert, dass ich keine zehn Sekunden durchhalten würde, bevor die Schmerzen mich durch eine Ohnmacht erlösten. Und diese Option entbehrte selbstredend jede weitere Diskussion.
Herr Vladimir führt mich zu einem Paravent mit dem Motiv von Michelangelos Die Erschaffung Adams. Ich erfreue mich an dieser Aufmerksamkeit.
Sanftes Gemurmel dringt zu mir herüber, während ich mich hinter der Wand von meinen Schuhen und den Socken befreie. Diesmal sind meine Füße frisch gewaschen. Der Boden ist angenehm warm.
Meine Anzughose und den Slip falte ich sorgfältig und lege sie auf den kleinen Hocker. Ein weiteres Mal betrachte ich den ungewöhnlichen Anblick meines Schambereichs, schlinge ein weißes Satintuch um die Hüften und trete wieder hervor.
Noch immer stehen die Gäste. Ein Raunen durchdringt den Raum, welches Erinnerungen an das erfreuliche Gemurmel meiner Gemeinde beim Betreten der Kanzlei weckt.
Nachdem ich mich unter sanftem Applaus hingesetzt habe – nicht, ohne zu merken, dass der Stuhl an vielen Stellen dunkle Flecken im Holz aufweist -, betritt ein weiterer, gut gekleideter Herr mit kahlem Haupt den Raum. Die Gäste nehmen ebenfalls Platz. Ein vollschlanker Herr, der links neben der blonden Frau über seinen Stuhl quillt, steckt sich eine weiße Stoffserviette in den Kragen; er sagt etwas, doch bin ich des Russischen nicht mächtig. Die blonde Dame lacht leise.
Während der hochgewachsene Herr eine Rede auf Russisch hält, wird mir dieser gewaltige Plastiklatz um die Hüfte geschlungen, verwehrt meinem Blick das, was darunter geschieht. Der Kahlköpfige schiebt den metallenen Wagen heran, nickt mir freundlich zu und verschwindet unter dem Umhang.
Zwei weitere Herren, die sich als Kellner herausstellen, betreten den Raum. Einer von ihnen dreht an ein paar Knöpfen in der Nähe der metallenen Platte. Wenig später schlägt mir eine sanfte Hitze entgegen, und unter den Tomaten beginnt es zu brutzeln. Der andere Kellner trägt eine kleine Ledertasche – sie erinnert mich an diese Ärztekoffer aus frühen Zeiten – und bringt sie dem Kahlköpfigen, der sich immer noch unter meinem Plastikumhang befindet. Die Gäste lächeln mich an.
Als wenig später die sanften Violintöne von Mendelsohn durch den Raum klingen, stößt etwas gegen mein Bein. Noch einmal. Der Kellner entzündet eine Kerze, die er auf einem Board an der Wand drapiert.
Ich atme schneller.
Ein metallisches Klimpern unterbricht die Harmonie der Töne für einen winzigen Augenblick, doch scheint es, dass nur ich es höre. Mir wird ein wenig schwindlig.
Der hochgewachsene Herr verteilt die Tomaten auf die Teller. Herr Vladimir, der neben mir steht, spricht mit dem kahlköpfigen Herrn unter dem Umhang. Wieder stößt etwas gegen mein Bein; diesmal im Bereich der Wade.
Herr Vladimir winkt den Kellner heran, der sich jetzt mit einem Porzellantablett nähert. Auch er beugt sich unter den Latz.
Etwas passiert in meinem Magen. Mir wird übel. Herr Vladimir scheint es zu bemerken und reicht mir ein Glas mit Wasser. Er füllt ein weißes Pulver hinein. „Trinken Sie, Herr Martin.“
Mein Herz rast, ich kann sehen, wie mein Hemd vibriert.
„Trinken Sie“, sagt er noch einmal und wischt mir mit einem feuchten Tuch über die Stirn. Es tut gut.
Der Kellner neben mir erhebt sich, und als er sich der Tafel zuwendet, erkenne ich auf seinem Tablett zwei handtellergroße Fleischstücke mit auffallend bleicher Haut. Ein Schweißtropfen rinnt über meinem Nasenrücken. Schnell wische ich ihn fort.
Die Gäste raunen erfreut, als der Kellner mit geschickten Schnitten die Stücke in mundgerechte Happen aufteilt, und sie auf der heißen Platte verteilt. Zischende Rauchfäden steigen empor, und ein zarter Bratengeruch dringt zu mir herüber.
Gewürze werden herumgereicht, die Gäste unterhalten sich angeregt, die blonde Frau, deren Schildchen tatsächlich wieder zu sehen ist, tupft sich mit der Serviette den Mund.
„Das erste Stück gebührt unserem Ehrengast“, posaunt der hochgewachsene Herr jetzt wieder in diesem klaren Englisch. Er winkt dem Kellner, der augenblicklich meinen Teller holt.
Erneut spüre ich harte Schläge gegen mein Bein, gegen meinen Unterleib. Zumindest fühlt es sich wie ein Schlagen an. Ein Laut, der klingt, als falle ein feuchter Lappen in einen Metalleimer, dringt zu mir herauf. Ich höre den Herrn unter dem Umhang schnaufen. Herr Vladimir schenkt mir etwas Wein ein. „1945er Mouton“, lächelt er dabei.
Die Gäste applaudieren wieder kurz, als der Kellner den Teller vor mich stellt. Das knusprig aussehende Stück Fleisch schwimmt in einem charaktervollen Soßensee. Ein Lorbeerblatt liegt oben auf, der Duft ist betörend.
Mechanisch greifen meine Hände nach dem Silberbesteck. Ich genieße Gottes Schöpfungswerk mit geschlossenen Augen.
„Ich habe euch ausgewählt“, sage ich wenig später stolz. Die meisten der Anwesenden reagieren nicht einmal.
„Bon appétit“, ruft der Gastgeber wenig später. Neue Stücke werden gereicht, während die Szenerie sanft aus meinem Blickfeld verschwindet. Nur die Madonna blickt mich aus traurigen Augen an. Sie hebt den Kopf und ich erkenne, dass sie versucht zu lächeln. Dankbarkeit und Trauer zugleich sprechen aus ihrem Blick.
„Bist du stolz auf mich, Mutter?“
Jetzt lächelt sie.
Tränen laufen meine Wange hinab.
Ein freudig klingender Ausruf einiger Gäste dringt zu mir herüber. Mein Blick fällt auf den stummen Kellner, der meinen Penis auf das heiße Blech legt. Die blonde Frau schlägt die Hände zusammen. Der Vollschlanke neben ihr wischt sich einen Speichelfaden mit dem Ärmel seines Jacketts weg.
„Danke, Mutter“, flüstere ich.
Sie nickt.
Ich erhebe mein Glas. Dies ist mein Blut des neuen Bundes, das für euch vergossen wird.
Schlagen. Keuchen unter dem Umhang.
Wahrlich ich sage euch: Ich werde fortan nicht trinken vom Gewächs des Weinstocks bis zu dem Tag, an dem ich neu trinke im Reich Gottes.
Die Mutter Gottes lächelt zu mir herüber. Ich weiß, dass es gut ist.
