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Gestrandet

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08.09.2025
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Gestrandet

>> Nein! <<, sagte die künstliche Stimme aus dem Display in Jerrys Transportvehikel. Die Stimme sollte eine freundliche junge Frau simulieren, doch das Fehlen einer echten emotionalen Grundlage ließ sie unheimlich klingen.

>> Ich habe doch nur noch eine Stunde! <<, beteuerte Jerry.
>> Dieses Gespräch führt zu nichts. <<, antwortete die Stimme, >> die Analyse Ihrer Person hat ergeben, dass Sie nicht in der Lage sind diese Fahrzeug zu bedienen. <<
>> Dann fahr du doch! <<
>> Das ist leider nicht möglich. Ich bin, als Standardausgabe eines Transportmodells, nicht autorisiert Instabile oder gar gefährdete Passagiere zu befördern. <<
>> Ich bin doch gar nicht instabil. <<
>> Die Ergebnisse der Analyse zeigen etwas anderes. Sie weisen momentan vier von zehn Charakteristika auf, die Sie nach dem Katalog von MotusAI als instabil und somit als potentielle Gefährdung ausweisen. <<
>> Ist das dein Ernst! <<
>> Kurz gesagt: Ja. Wenn Sie möchten kann ich ihnen die Vorschriften gerne
anzeigen. <<
>> Nein, nein lass das. <<, Jerry seufzte, >> Nenn mir bitte einfach nur die Punkte, die mich betreffen. <<
>> Sehr gerne. Ich beginne mit der Auflistung der Fahruntüchtigkeitspunkte. Sie befinden sich in emotionaler Erregung, wodurch die Wahrscheinlichkeit affektiver Fehlentscheidungen erhöht ist. Sie sind stark dehydriert. Ihr Kreislauf zeigt hohe Aktivität, was bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit motorischer Ausfälle erhöht. Der letzte Punkt betrifft Ihren Status der Trauer. Sie haben mehrfach im Netz erwähnt, dass Sie nicht mehr weiterleben können. <<
>> Das liest du? <<
>> Nicht direkt. Aber Sie haben mit dem Kauf des Motus-Transportvehikels zugestimmt, dass die Company ein psychologisches Profil von ihnen anlegen darf.
Diese wird kontinuierlich aktualisiert. <<
>> Ich bin in Trauer! Wie viele Personen sagen oder schreiben solche Dinge, wenn sie trauern? <<
>> Viele. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass dies alleine nicht der ausschlaggebende Punkt ist. <<
>> Sondern? <<
>> Ich beginne mit der Auflistung… <<
>> Okay! Okay! Lass es! <<, brüllte Jerry und verließ das Vehikel. Er knallte das Einstiegsschott zu und ging auf den Fußgängerweg. Wütend setzte er sich auf den Boden.

Griersons Point, war eine Hochterrasse auf der sich eine Ladestation und ein automatisches Versorgungsdepot befand. Die Aussicht war phänomenal. Hinter der bauchnabelhohen Terrassenmauer erstreckte sich die Metropolarea so weit dass Auge blicken konnte. Die Skyline bestand aus silbernen und weißen Towern. Skyways durchzogen die Räume um und Zwischen diesen Gebäude wie streng koordinierte Mückenschwärme. Das geschäftige urbane Treiben reichte bis kurz vor den Fuß des Bergkamms. Dort endete es am Waldrand. Eine elegante Serpentine wuchs aus der Siedlung heraus und schlängelte sich den Berg hinauf bis zur Terrasse.

Jerry stand hinter der Mauer, die Ellenbogen auf die kalten Fliesen gestützt. In seiner rechten Hand hielt er ein Digipad, welches das Foto seiner Frau Jill zeigte. In einer Dreiviertelstunde würde die Beisetzung beginnen, dachte er. Schwer atmend presste er das Pad an seinen Kopf.
In der Ferne hörte er ein Motorengeräusch. Ein Vehikel näherte sich aus dem Himmel. Kaum jemand nutzte die Serpentine, um nach Griersons Point zu gelangen. Ein Anflug aus der Luft war viel einfacher.

Nachdem die Tilt‑Ducts des gelandeten Vehikels eingeklappt waren, stieg eine Frau aus dem Fahrzeug. Sie hatte direkt auf einem Ladeport abgesetzt. Das Vehikel wurde automatisch geladen. Sie trug hochhackige Schuhe und ein Schwarzes Abendkleid. Offenbar benötigte sie noch etwas aus dem Versorgungsdepot. Im Vorbeigehen blickte sie kurz auf Jerry. Als sie wieder aus dem Depot heraus trat versuchte Jerry sein Glück.

>> Entschuldigen Sie bitte. <<, sagte er mit leicht gebeugter Haltung. Es war ihm sichtlich unangenehm eine fremde Person anzusprechen. Die Frau blieb in sicherem Abstand stehen, ihr Digipad vorsorglich in der Hand.
>> Es tut mir leid Sie hier einfach so anzusprechen, aber ich benötige dringend Hilfe <<
>> Was ist denn Ihr Problem? <<, fragte sie. Ihre Stimme klang bestimmend aber nicht unfreundlich.
>> Mein Vehikel, die AI lässt mich nicht mehr starten dabei muss ich dringend zu
einer Beerdigung. <<
>> Und was soll ich jetzt machen? <<
>> Ich dachte mir, vielleicht könnten Sie mich mitnehmen. Ich meine, Sie könnten mich an einer PTP-Haltestelle rauslassen. <<
>> Das klingt ganz schön dubios. Denken Sie ich nehme einfach so fremde
Männer mit? <<
>> Mir ist klar, wie das Ganze wirken muss, aber ich habe einfach keine Wahl. Ich weiß nicht was ich machen soll. <<
Die Frau nahm einen Schluck Wasser aus der Flasche, die sie sich gerade gekauft hatte.
>> Warum lässt Ihre AI nicht mehr starten? <<
>> Ich erfülle wohl nicht mehr alle Kriterien, um ordentlich befördert zu werden. <<
>> Sowas habe ich ja noch nie gehört. <<
Jerry zuckte mit den Achseln und blickte sich hilfesuchend um. Eine Geste, um der Frau verständlich zu machen, dass er ähnliches denkt.
>> Warum bestellen Sie sich kein On-Demand-Vehikel? <<
>> Ich habe keine C-Card dabei. Ich bin auf dem Weg zu einer Beerdigung. <<
>> Und Ihr Fahrzeug hat Sie dann einfach hergebracht? Ja, es hat auf einmal Alarm geschlagen und mich hier abgesetzt. <<
Die Frau nahm noch einen tiefen Schluck Wasser und verstaute die Flasche anschließend in ihrer Handtasche.
>> Und warum rufen Sie keinen Freund oder jemanden aus Ihrer Familie? <<
>> Ich habe niemanden mehr. Die Familie, die noch da ist, lebt Übersee. <<
>> Das klingt ehrlich gesagt sehr konstruiert. <<
>> Was soll ich denn machen? <<, sagte Jerry und senkte den Kopf.
>> Hören Sie. Ich muss das irgendwie gegenchecken. Bin gleich wieder da. <<

Jerry setzte sich entmutigt auf den Boden, den Rücken an die Terrassenmauer gelehnt.
Im Vehikel verstaute die Frau ihre Handtasche.

>> Ich benötige einen Rat. <<, sagte sie, >> Es geht um das Befördern von
Passagieren. <<
>> Sehr gerne. Was genau möchten Sie wissen? <<
Sie erklärte dem AI-Bot den Sachverhalt so gut sie konnte.
>> Das klingt nach einer juristisch komplexen Situation. <<, kommentierte der Bot.
>> Kommt es oft vor, dass eine AI den Weiterflug von Passagieren verhindert? <<, fragte die Frau.
>> Es ist gängige Praxis die Fahr und Flugtüchtigkeit der Besitzer vor jedem Start zu überprüfen. Bedenken Sie, dass unsere Transportvehikel flugtüchtig sind. Abstürze bringen statistisch mehr Individuen in Gefahr. <<
>> Dieser Mann sieht aber ganz normal aus. <<
>> Das äußere Erscheinungsbild ist oft trügerisch. Flug und Fahrverbot wird nur nach Auswertung des aktuellen psychologischen Profils ausgesprochen. <<
>> Dann ist der Typ also irre? <<
>> Das kann ich von hier aus nicht sagen. Ich habe keinen Zugang zu
Fremdunterlagen <<
Die Frau blickte zum Terrassenplatz hinaus. Die Sonne war schon über dem Zenit hinaus und tauchte die gesamte Terrasse in sattes gelbes Licht. Schweißperlen sammelten sich auf ihrer Stirn. Sie überlegte, was sie wohl am besten machen sollte. Dann brach sie den Gedankengang ab.
>> Was soll ich machen? Gib mir Lösungsvorschläge. <<

Jerry starrte auf den Boden. Die Sonne brannte schon in seinem Nacken. Seine anfängliche Erregung verblasste und wich langsam aber sicher stiller Resignation.
>> Es macht mich traurig Sie so zu sehen. <<, sagte die Frau. Jerry hob den Kopf, um ihren Blick zu erwidern. Die Sonne hinter ihr blendete ihn aber und ließ die Frau in seinem Blickfeld zum schwarzen Schemen werden.
>> Ich werde die Behörden informieren, dass Sie hier festsitzen. Die sind in der Regel sehr schnell. <<
Jerry nickte still. Wenige Minuten später war die Frau weg.

Nach einer Weile hörte die Sonne auf zu blenden und Jerry fing an der Mauer auf und ab zu gehen. Er betrachtete das Panorama der Stadt aus den Augenwinkeln und verfluchte sein Pech. Jill wurde in knapp einer halben Stunde beigesetzt und er lief hier herum, wie ein Tier im Zoo. Was würde Jills Angehörige dazu sagen, wenn ihr Ehepartner nicht bei der Beerdigung erschien?
Einen Augenblick später hörte Jerry erneut Rotorengeräusche. Er kniff die Augen zusammen um besser in die Ferne schauen zu können. Aus Richtung des Summens näherte sich das Vehikel einer Polizeieinheit. Endlich, dachte Jerry.
Die Streife landete auf dem freien Platz hinter Jerrys Vehikel. Zwei uniformierte Beamte stiegen aus blicken sich um. Einer der beiden ging auf Jerrys Vehikel zu und untersuchte es. Der andere ging auf Jerry zu.

>> Guten Tag. <<, sagte der Beamte zu Jerry und scannte dessen Gesicht mit seinem Pad.
>> Jeremiah Bouchard, 38 Jahre alt, kürzlich verwitwet. <<
>> Das ist korrekt <<, bestätigte Jerry.
>> M. Bouchard, warum versuchen Sie andere Verkehrsteilnehmer zu beschwichtigen Sie als Passagier zu befördern? <<
>> Die Sache ist die, meine AI … <<, begann Jerry.
>> Wir sind über Ihre Lage informiert M. Bouchard. <<, unterbrach ihn der Beamte, >> Wissen Sie eigentlich, wie das auf uns wirkt, dass ein erwachsener Mann offenbar durch alle möglichen Raster gefallen ist, um so zu enden? <<
>> Nein, naja… <<
>> Wissen Sie wie gefährlich es für Verkehrsteilnehmer ist, völlig fremde Menschen mitzunehmen. Sie hätten diese Frau zu Tode ängstigen können. <<
>> Habe ich das denn? <<
>> Darüber liegt uns keine Information vor. Das ist auch gerade nicht wichtig. <<
>> Nicht? Ich dachte doch? <<
>> Was? <<, fragte der Polizist leicht irritiert.
>> Wenn diese Frau nicht irritiert war, warum konfrontieren Sie mich dann mit dieser Annahme? <<, wollte Jerry wissen. Der Polizist wischte auf seinem Pad herum.
>> Bitte erkläre M. Bouchard die aktuelle Lage. <<, sprach der Beamte in das Pad. Eine Stimme erklang.
>> Es wurde gemeldet, dass M. Bouchard eine Verkehrsteilnehmerin öffentlich ansprach und um eine private Beförderung bat. Die Verkehrsteilnehmerin, deren Name hier nicht genannt werden darf meldete diesen Vorgang daraufhin den Autoritäten mit dem Hinweis, dass sie besorgt um den Zustand von M. Bouchard sei. <<
>> Ich verstehe immer noch nicht, was daran nun das Problem sein soll. <<, sagte Jerry.
>> Diese Meldung wurde von LawAI als abweichendes Verhalten kategorisiert. <<, sagte die Stimme aus dem Pad.
>> Ich habe eine Anzeige erhalten, ohne dass mich jemand angezeigt hat? <<
>> Sozusagen. <<, antwortete die Stimme, >> Es wird davon ausgegangen, dass Humanoide Situationen oft nicht schnell genug einschätzen können und somit nicht wissen, ob sie potenziell ein Opfer hätten werden können. <<
>> Hören Sie. <<, sagte Jerry und blickte den Polizisten direkt an. >> Ich bin auf dem Weg zu einer Beerdigung. Meine Frau ist nicht mehr da. Ich bin noch nie irgendwie auffällig geworden, habe nie etwas verbrochen. Alles, was ich will ist zur Beerdigung. Verstehen Sie das denn nicht? Was hätten Sie denn an meiner Stelle getan? <<
>> Ich hätte meine C-Card mitgenommen. <<, antwortete der Polizist.
>> M. Bouchard hat soeben den Versuch einer emotionalen Einflussnahme unternommen. <<, sagte das Pad.
>> Ist das so? Bitte unterlassen Sie solche Versuche in Zukunft. <<, sagte der Polizist.
>> Was? <<, sagte Jerry.
>> Also was machen wir jetzt hier? <<, sagte der Beamte in sein Pad.
>> Die Fahrunfähigkeit beruht unter anderem auf dem psychologischen sowie physiologischen Zustand des M. Bouchard. Es wird empfohlen eine Neubewertung seines Profils durchzuführen. <<, antwortete das Pad.
>> In Ordnung. Halten Sie bitte still. <<
Der Polizist hielt das Pad vor Jerrys Gesicht. Danach fuhr der damit seinen Körper ab als suche er nach Metallgegenständen.
>> Was haben wir? <<, fragte der Polizist.
>> Emotionale Kompromittierung durch die Trauer, Dehydration, der Kreislauf ist erhöht aber noch im Rahmen. Führungsfähigkeit kann aufgehoben werden. <<, gab die Stimme im Pad zum Besten.
>> In Ordnung. Sie haben Ihre Freigabe nun wieder. Bedenken Sie aber, dass wir kontrollieren werden, ob Sie Ihren Weg zur Beerdigung aufnehmen werden. <<
Jerry konnte seine Erleichterung kaum fassen. Innerhalb der nächsten zehn bis fünfzehn Minuten könnte er es noch schaffen. Die beiden Polizisten flogen wieder ab.

Jerry verlor keine weitere Zeit. Er setzte sich in sein Vehikel schloss des Shott und legte den Sicherungsgurt an. Als er jedoch den Anlasser betätigte geschah nichts. Auch beim zweiten Versuch gab es keine Reaktion.

>> Warum startet das Vehikel nicht? <<, fragte er in Richtung des Displays.
>> Das ist leider nicht möglich. <<, antwortete die Stimme.
>> Was!? <<, entfuhr es Jerry.
>> Starten ist leider nicht möglich. Ich bin, als Standardausgabe eines Transportmodells, nicht autorisiert Instabile oder gar gefährdete Passagiere zu befördern. <<
>> Die Polizei hat das doch geregelt. Nur noch Trauer, Dehydration und was war es noch? Es waren nur noch drei Kategorien. <<
>> Das ist korrekt. Leider kam nun eine Mahnung wegen unerlaubten Parkens dazu. <<
>> Was!? <<
>> Zusammen mit Ihrer emotionalen Instabilität wird die Nutzung des Fahrzeugs weiter untersagt. <<
>> Die Polizisten haben mir nichts davon gesagt. <<
>> Meldungen dieser Art entstehen automatisch. Beamte haben damit nur sekundär etwas zu tun. <<
>> Was!? <<
Jerrys Puls beschleunigte sich wieder. Er wurde über seine Verzweiflung hinaus unheimlich zornig.
>> Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Kreislauf erneut die zulässigen
Werte überschreitet. <<
>>Was!? <<
>> Ich möchte Sie daher bitten das Vehikel zu verlassen <<.
Die MotusAI öffnete das Einstiegsschott und Jerry blickte fassungslos nach außen.

Einige Zeit verging. Inzwischen war auch eine leichte Brise aufgekommen. Eine Wohltat nach der brennenden Sonne. Doch Jerry bemerkte davon wenig. Er saß auf dem Boden und hatte die Hände um die Knie geschlungen. Sein Kopf lehnte gegen die Terrassenwand. Sein Blick ging ins Leere. Er dachte die gesamte Zeit über an Jill. Seit ihrem Ableben hatte er nie genug Zeit über diesen Verlust nachzudenken. Seine Gedanken umgingen gezielt große Ereignisse. Er erinnerte sich an ihr Lächeln, als er einen schlechten Witz erzählt hatte, an ihre Berührung, wenn er müde auf dem Sofa lag. Ich hatte dich nicht verdient. Du fehlst mir so sehr, dachte er. Jerry bemerkte nicht, wie ihm stille Tränen aus den Augen liefen. Er bemerkte auch nicht, dass er nicht mehr alleine war. Nur wenige Augenblicke zuvor hatte ein weiteres Transportvehikel auf einer Ladestation aufgesetzt. Die Fahrerin war eine junge Frau mit obsidianschwarzen langen Haaren. Sie hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie stand schon ein paar Sekunden vor Jerry und beobachtete ihn. Dann bemerkte sie sein Vehikel. Aus ihrem pinken Overall zog sie eine C-Card hervor und verschwand im Depot.

Ein startendes Vehikel riss Jerry aus seinen Gedanken. Er erhaschte noch einen kurzen Blick auf die Fahrerin mit den dunklen Haaren und dem pinken Outfit. Als das Vehikel außer Sichtweite war, fiel Jerry auf, dass da etwas vor ihm auf dem Gehweg platziert worden war. Es war eine große Flasche Wasser und ein paar Proteinriegel. Er hatte noch 20 Minuten Zeit.

 

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