Was ist neu

Gnosis des Mondkalbs

Mitglied
Beitritt
03.10.2020
Beiträge
314
Zuletzt bearbeitet:

Gnosis des Mondkalbs

Vor dem Motel rauschte ein Truck über den Highway und Lichtstreifen wanderten über die Wand hinter dem Bett. „Wir müssen gehen“, sagte Frank und rüttelte sie an der Schulter.
„Mh?“, fragte sie schläfrig.
„Wir müssen gehen“, wiederholte er. „Steh auf.“
„Aber dann wird sie sterben ...“
Anhand ihres kraftlosen Protests, einem Raunen, als würde sie noch träumen, erkannte Frank, dass seine Worte Wirkung gezeigt hatten. Dass es keine Diskussionen geben würde. Zumindest nicht jetzt, wenn es darauf ankam. Was später passierte, darüber machte er sich keine Gedanken. Im Moment galt es vorsichtig zu sein, damit Nettys fragiles Gefühlskonstrukt nicht im letzten Augenblick zusammenbrach. Frank lauschte dem leisen, abgehackten Schnaufen aus der Zimmerecke. Die Luft roch staubig und abgestanden.
„Sie werden sie finden“, sagte er und nahm Netty am Arm, sanft, ohne Druck. Spürte die aufgerichteten Härchen. Sie ließ sich vom Bett hinuntergleiten und auf die Füße ziehen. Er küsste sie und strich mit der flachen Hand ihren Hals entlang. In der Dunkelheit des Motelzimmers war ihre Haut pechschwarz, bei Berührung so kalt wie Obsidian. „Jemand anderes muss sich um sie kümmern. Wir haben doch darüber gesprochen.“
„Ja. Ja, das haben wir“, nuschelte sie.
„Zieh dir was an. Es ist kühl.“
Während Netty in Strickpullover und Jeans schlüpfte, zog Frank zwei Lamellen auseinander und schaute auf den finsteren Parkplatz. Die Schatten von mehreren Autos und einem Kleinlieferwagen. Bei der Rezeption flackerte die Lampe. Der schlaksige Typ, der ihnen vor ein paar Stunden den Schlüssel ausgehändigt hatte, döste auf einem Stuhl.
Frank drehte sich zu Netty, die auf der Toilette saß. Ohne Licht, die Tür offen. „Nimm ein Stück Papier und schreib drauf, dass wir in Zimmer 6 Frühstücksservice wollen. Spätestens um 8:00 Uhr. Und wir bezahlen extra.“
„Was?“
„Tu’s einfach.“
„Okay, ich mach’s ja. Lass mich kurz.“
Er nahm Autoschlüssel und Zigarettenpackung vom Nachttisch, warf einen letzten Blick in die dunkle Zimmerecke, wo die Trage stand, trat dann hinaus in die Nacht. Zwei Zimmer weiter saß ein Halbstarker auf einem Klappsessel und trank aus einer Flasche in brauner Papiertüte. Frank hielt ihn im Auge. An der Ecke stand ein dunkler Imbisswagen. Nareeshs World Famous Samosas. Eine Kippe später öffnete Netty die Tür. Er hörte das Gluckern der Toilettenspülung.
„Hab’s geschrieben und auf’s Bett gelegt. Wie du gesagt hast.“
„Ich hab nicht gesagt, du sollst den Zettel auf’s Bett legen“, presste er hervor, bedacht, seine Stimme nicht zu erheben. „Dort sieht’s doch niemand!“
„Okay, sorry.“
„Und zieh dir verdammt nochmal Schuhe an, Netty! Willst du etwa barfuß ...“ Aber da war sie schon wieder im Zimmer verschwunden.

Später. Eine blasse Röte am Horizont. Der Asphalt des leeren Highways wirkte nass, als hätte es zuvor geregnet. Das Motel lag hundertfünfzig Meilen hinter ihnen. Netty hatte ihren Kopf gegen die Scheibe gelehnt und geschlafen. Franks Finger schmerzten und er öffnete und schloss seine Hände am Lenkrad, um die Steifheit aus ihnen zu vertreiben. Im Rückspiegel starrte er in seine glänzenden Augen.
Das stete Geräusch und die Vibrationen des Motors lullten ihn ein. Er fühlte sich eigenartig ruhig gestellt, wie nach Nettys Narkosepillen, von denen sie immer einen Blister in ihrer Handtasche aufbewahrte. Vor ihrer Abfahrt hatte sie ihm ein paar davon unter den Kaffee gerührt. Eine Tat der Verzweiflung, um das Unaufhaltsame aufzuhalten, aber dadurch hatte sich ihr Aufbruch lediglich um einen weiteren Tag verzögert.
„Wo sind wir?“, fragte Netty schlaftrunken. Ihr Blick flackerte kurz. Frank strich ihr über den Oberschenkel und antwortete: „Irgendwo auf halber Strecke. In der Pampa. Ich denke, wir müssen noch heute und morgen durchfahren, dann sind wir da.“
„Okay.“ Netty streckte sich. „Ich muss mal.“
Seine Stimme wurde kälter. „Schon wieder?“
„Ja.“
Frank schwieg.
„Du schaust schon wieder so komisch, Frank“, bemerkte sie und gähnte.
„Ich halte bei der nächsten Gelegenheit an. Ist ja gut.“
„Ich hab Hunger.“
„Dann holen wir uns auch was zu essen.“
„Hast du denn noch Geld?“
Frank schaute sie von der Seite an. Ihr rabenschwarzes, zu einem Afro aufgeplustertes Kraushaar, die Stupsnase und die schmalen Augen, deren Iris ein milchiger Schleier trübte, als wäre sie an grauem Star erkrankt, auch wenn sie stets behauptete, gut sehen zu können. Die markanten Wangen, die ihr Gesicht breiter und knochiger erscheinen ließen. Auf den dünnen Lippen der Anflug dieses Lächelns, das ihn schon so oft zur Weißglut getrieben hatte. Frank schluckte.
„Es reicht schon noch. Sonst lassen wir uns was einfallen.“
„Ich hab geträumt“, sagte sie. Er biss die Zähne zusammen und blickte konzentriert nach vorne. Vor ihnen ein einsames Wohnmobil, auf dessen Heck der Spruch: Each sunrise is an opportunity to start a new life. Eine Flagge flatterte hektisch im Wind. Frank schüttelte den Kopf und beschleunigte.
„Ich hab geträumt“, wiederholte Netty. „Von Maya.“
„Das ist normal.“
„Denkst du, sie wird uns noch erkennen, wenn wir zurückkommen?“ Zwischen Nettys Brüsten spannte sich der Gurt, verdeckte die Schnauze des grauen Wolfs auf ihrem Strickpullover. Ihre Hände zupften an zwei losen Fäden herum und sie hielt den Kopf gesenkt. „Red mit mir, Frank.“
Er sagte nichts.
„Hast du das wirklich ernst gemeint, dass es meine Schuld ist?“
„Natürlich nicht.“
„Wieso hast du es denn gesagt? Ich weiß, dass ich anders bin, aber ich kann nichts dafür, Frank. Ich wollte das nicht.“
„Ja. Ich auch nicht.“
„Du hättest das mit dieser Versicherung machen sollen.“
„Sei jetzt still!“
Netty zuckte zusammen und Frank befürchtete, sie könnte wieder weinen. Er drückte auf dem Navi herum. In bedacht versöhnlicherem Tonfall fügte er an: „Nur noch zwei Meilen bis zum Rastplatz.“

Er hatte immer ein Kind gewollt. Die Zeit von Nettys Schwangerschaft war die beste seines Lebens gewesen. Doch dieses beschissene Syndrom machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Beim Neugeborenen waren keine Anzeichen von Krankheit zu erkennen gewesen und für Frank bewegten sich Begriffe wie Hypoplasie, Stenose oder Leberdysplasie außerhalb seines Wortschatzes. Auch später blieben sie fremdartig und unverständlich.
Warum konnte kein Arzt die Dinge beim Namen nennen? Ihr Kind hat das Herz eines Achtzigjährigen oder die Leberfunktion ist mit der eines schweren Alkoholikers vergleichbar. Sowas verstanden die Menschen, nicht diese aufgeblasenen Worte, die im Endeffekt nur dazu dienten, die bittere Wahrheit zu kaschieren.
Erst drei Jahre nach der Geburt dämmerte ihm, dass sein Mädchen an einer seltenen Krankheit litt und das Verdrängung nicht als Gegenmittel helfen würde. Ihre Haut verfärbte sich, bekam Marmorflecken und er musste ihr die Händchen hinter den Rücken binden, weil sie sich dauernd blutig kratzte. Netty lag vollgepumpt mit Tabletten auf dem Sofa und bekam nichts mit. Auf der Fahrt ins Krankenhaus dachte er: Drei verschwendete Jahre.
Spätestens als sich ihr Schädel abnorm zu entwickeln begann, realisierte er, dass ihn sein Kind zunehmend an ein stumpfsinniges Neandertalermädchen erinnerte, dem jemand mit einem Stein die Gesichtsstruktur zerschlagen hatte, so dass es wüst und roh und abstoßend aussah. Irgendetwas musste getan werden. Er musste etwas tun, denn Netty war dazu nicht in der Lage und die Armee an Ärzten erst recht nicht. Sie konnten nur ihre widersprüchlichen Diagnosen aufstellen.
Dieses entstellte Kindlein, mit seinen weit auseinanderliegenden Augen, dem borstigen Haar und der viel zu hohen Stirn, das kein Wort sprechen, sondern nur sinnloses Gebrabbel von sich geben konnte, verfolgte ihn bis in seine Träume, wo es zu weit unvorstellbareren Formen mutierte. Manchmal, in seltenen wolkenlosen Mondnächten saß er regungslos an Mayas Krippe und betrachtete sie, nur dann, in dieser anthrazitgrauen Düsternis, nahm er sie als seine Tochter wahr, die er sich so sehr gewünscht hatte, und fand Frieden im Moment.
Doch der Tag zerstörte jede Illusion. Je länger er darüber nachdachte, kam er zum Entschluss, dass sie ein Kuckuckskind sein musste. Irgendjemand hatte sein echtes Mädchen gestohlen und es gegen dieses Wesen ausgetauscht.
Und wie teuer es geworden war, das Wesen am Leben zu erhalten. Therapien und Medikamente, für die er einen Großteil seines Handlangergehalts opferte, weil es von ihm verlangt wurde. Ein Vaterschaftstest bezeugte seine DNA. Auf Dauer jedoch hätte er nie im Leben für ihren Unterhalt aufkommen können.
Die letzten Jahre ackerte er als Feldarbeiter auf einer riesigen Farm, die mindestens tausend Hektar umfasste. Dort erlebte er die Geburt eines Mondkalbs. Amorphus globosus nannte der alte Farmer das rundliche Gebilde aus Haut, Fell und wahllos zusammengewachsenen Innereien. Frank hatte sich abwenden und kotzen müssen. Das blutverschmierte, unterentwickelte Ding im Gras ... Er versuchte, nicht mehr daran zu denken. Seine Hände krampften am Lenkrad und Schweiß stand in seinem Nacken. Ihn fröstelte.

Ein farbloses Sonnenlicht brach durch die Wolkendecke. Die Fenster des Rastplatzgebäudes staubig und die Fassade grau wie Asche. Auf dem Parkplatz ein Sattelschlepper mit geplatztem Reifen. Der Fahrer pisste in ein Gebüsch. Die Tür zu Mikes Diner & Quickmart quietschte und eine Glocke bimmelte. Im Innern roch es nach Bohnerwachs, kaltem Frittierfett und etwas anderem, dass Frank an Antiseptika erinnerte. Auf einem Tisch lag ein halbgegessenes Stück Pizza. Eine Fliege summte darüber.
Netty verschwand auf der Toilette und Frank ließ seinen Blick über die Magazinauslage schweifen. Motorrad-, Trucker- und Pornohefte. In einem Drehständer Romane und Sachbücher, einer der Titel, die ihm ins Auge stachen: How to grief and process the loss of a loved one.
Er klaubte ein Feuerzeug aus einer Halterung und legte es auf die Theke. Dahinter stand ein junger Mann mit Brille und spitzmäusigem, bleichem Gesicht. Die Akne auf seiner Stirn glänzte feucht. Er lächelte Frank an und zeigte schiefe Schneidezähne. An seinem verwaschenen Poloshirt ein Pin in der Form eines Smileys. Serving you today: Paolo.
„Und eine Packung Aspirin, falls welche da sind“, sagte Frank. Paolo nickte und holte eine aus dem Nebenraum. „Das wäre alles?“, fragte er.
„Wenn ich’s mir recht überlege, könnt ich was zu beissen vertragen.“
„Ich kann die Samosas hier aufwärmen“, sagte Paolo und zeigte auf einen Teller hinter der gläsernen Ablage. Frank bemerkte den Dreck unter seinen Nägeln. „Wir haben auch Pizza, oder Sandwiches, wenn Sie wollen.“
„Dann nehm ich eins mit Thunfisch.“
Während Paolo das Sandwich in Zeitungspapier wickelte, trat Netty hinter Frank und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er spürte ihren Atem an seinem Ohrläppchen. „Da drinnen stinkt’s vielleicht!“, flüsterte sie und kicherte.
„Was möchtest du essen?“, fragte Frank, nahm ihre Hand von seiner Schulter und zog sie am Arm vor die Ablage. „Such dir was aus.“
„Mmmh ...“
„Die Samosas sind gut“, sagte Paolo und legte das fertigeingepackte Sandwich auf die Theke. „Die haben wir gestern frisch geholt. Drüben bei Nareesh.“
„Ich nehm welche. Drei Stück?“
„Einverstanden“, lachte Paolo und fingerte die Teigtaschen vom Teller. „Warm?“
„Gerne.“
Er drehte sich um und legte die Samosas in eine Mikrowelle.
„Wie viel?“, fragte Frank.
„Äh“, machte Paolo, kratzte sich an der Stirn und tippte auf einem Rechner herum. „Fünfzehn achtzig.“
Frank zählte ab und warf ihm das Geld hin. Die Münzen klimperten über die Theke und eine fiel auf Paolos Seite herunter, kullerte davon und durch die offene Tür in den Nebenraum. Als wäre das ein Stichwort, löste sich der Smiley an Paolos Brust, fiel mit einem Klink! zu Boden und rollte hinterher.
„Dauert noch einen Moment“, sagte Paolo und lächelte Netty an.
„Ich geh schonmal raus.“ Frank strich über ihren Hintern und achtete darauf, dass Paolo es sehen konnte. „Pack alles in eine Tüte.“

Er ging eiligen Schrittes Richtung Wagen zurück. Wind kam auf und Frank zog seine Jacke enger. Die Orientierung fiel im schwer. Das Sonnenlicht tauchte den Parkplatz in weißes Rauschen. Darin die Kronen der Laubbäume, weiche und raschelnde Schatten, ansonsten keine Anhaltspunkte. Am Anhänger des Sattelschleppers flatterten die Planen. Darunter zeichneten sich die Verstrebungen ab. Eine fragile Konstruktion.
Frank tastete sich an der Seite des Anhängers entlang. An den gebogenen Rippen aus Metall. Spürte ihre Vibrationen im zunehmenden Wind. Ein hohes Summen und Wimmern ging von ihnen aus. Franks Blick folgte den Verstrebungen, den Rippen, die aufgehängt an einer verkrümmten Wirbelsäule endeten, die Planen löchrig, zerfetzte Hautlappen.
Eine Skelettanomalie, hatte der Arzt es genannt. Auf Franks Frage, ob das genetisch bedingt wäre, sagte er nichts. Frank erinnerte sich daran, mit was für einem Ausdruck ihnen der Arzt erklärt hatte, wieso die Kleine so ein gelbes Gesichtlein hatte. Natürlich stellte er einen saftigen Betrag in Rechnung, noch bevor sie regelmäßig ins MRT musste. Dem ging es nur ums Geld, keine Spur von Anteilnahme. Seine kühle und sterile Mimik spiegelte Franks Innenleben. Ihre einzige Gemeinsamkeit machte ihn wahnsinnig.
An diesem Tag in der Klinik starb etwas in Frank. Der Teil von ihm, der schon lange marode geworden war. In seiner Kehle steckte ein gällender, schleimiger Kloß, den er nicht hinunterschlucken konnte und stattdessen in den Eimer neben der Liege spuckte. Das Ärztezimmer verschwamm vor seinen Augen. Auf Franks Hemd dunkle Flecken. Ein Ziehen in seinen Hoden. Vom Krankenhausgeruch drehte ihm der Magen.
Der Arzt sagte, sie habe eine besonders schwere Form und ihre Lebenserwartung sei entsprechend gering. Es tue ihm aufrichtig leid, aber die Hoffnung sei nie verloren. Er habe schon in den unmöglichsten Fällen große Tapferkeit gespürt, so wie er das auch bei ihnen tun könne. Frank knirschte mit den Zähnen und sagte mit steinerner Stimme: „Für mich ist sie schon gestorben.“ Entschuldigungen brauche er keine. Das alles sei eine bitterböse Farce.
Doch der Arzt schwafelte weiter und weiter, ein endloser Strom an Worten, während Netty Frank mit ihrem Weinen und Wimmern auf die Nerven ging, dass er ganz taub davon wurde. Der Arzt ekelte ihn an. Seine sterbende Neandertalertochter auf dieser Liege ekelte ihn an. Am liebsten hätte er den Briefbeschwerer auf dem Pult genommen und ihn gegen Nettys Schädel geschlagen, so lange, bis der unerträgliche Druck abnahm und die freigesetzte Energie das Tote in ihm wiederbelebte.

„Frank! Frank!“ Ihre aufgebrachte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Netty rannte über den Parkplatz auf ihn zu, die weiße Tüte mit den Einkäufen schlingerte an ihrer Hand. Das Gesicht blank vor Angst.
Atemlos blieb sie neben ihm stehen, lehnte sich schwerfällig gegen den Wagen. Der Fahrer des liegengebliebenen Sattelschleppers blickte interessiert zu ihnen herüber.
„Was ist denn, verdammt?“ Frank bemerkte den dunklen Fleck auf ihrer Jeans. „Hast du dir da drin in die Hose gemacht?“
„Nein. Ich wollte ... nur ein Glas Wasser ...“
Sie brauchte einen Moment, um regelmäßig atmen zu können. Frank sah ihr Zittern und nahm sie widerwillig in den Arm. Die Wolle ihres Pullovers war unangenehm kalt und ihn schmerzte das Sonnenlicht. „Was ist passiert?“, fragte er mit zusammengekniffenen Augen. Streichelte über ihren Hinterkopf, krallte sich in ihr Kraushaar, als müsse er sich irgendwo festhalten. Hob ihr Gesicht zu seinem. Dann konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten und eine körperlich spürbare Bitternis schwappte auf ihn über. Rasch ließ er sie los.
„Der Mann, Frank – Der Mann hat mich gefragt, wieso ich Maya zurückgelassen habe.“

Unter ihnen der Asphalt. Grau. Gleichförmig. Endlos. Das Brummen des Motors. Klaustrophobische Monotonie. Das Rauschen der Reifen. Das Rütteln des Windes an der Karosserie. Eine Einöde aus Brachen, zündhölzernen Kiefern, verlassen daliegenden Farmen. Gras- und Weideflächen versunken in Sumpf. Keine Kühe oder Schafe oder sonstige Nutztiere. Nur im Rückspiegel ein gelbes, einsames Kalb.
Stählerne Skelette von Hochspannungsmasten, die Leitungen tiefhängende Darmschlingen, sachte schwingend im Wind. Vor ihnen der Highway, schnurgerade. Als würden sie nicht vom Fleck kommen. Eine Ebene, weit und horizontlos. Der Blick auf sie unscharf und verschwommen, wie durch eine Lupe unter der Wasseroberfläche.
Bald fielen graue Regenfäden aus konturlosen Wolken. Ein schwerer und dämpfender Vorhang. Im Wagen der Gestank nach Schweiß, säuerliche Panik, aufgewirbelt von der Klimaanlage.
„Kannst du das Radio anmachen?“, fragte Netty. „Ich mag’s nicht, wenn’s so still ist.“
Frank schaltete es an. Rauschen. Dann: KFOL-FM, 101.5, Popsongs, und die DJane plapperte was von Emotionen. Er hörte nicht hin. Netty summte eine Weile mit, scheinbar unbeschwert, doch schon nach Kurzem stoppte sie und machte ein angestrengtes und beunruhigtes Gesicht. „Was hast du mit dem Mann gemacht?“, platzte es aus ihr heraus.
„Nichts.“
„Du hast ja Blut an den Fingern, Frank!“
„Hab ihm ein wenig Angst gemacht. Ihm gesagt, er solle sowas nie mehr machen, einer Frau solche Schrecken einzujagen.“ In seine Stimme schlich sich ein Zittern. „Hab mit der Faust auf die Theke gehauen.“
„Hast du dir weh gemacht? Warte, ich hab bestimmt ein Pflaster in meiner Handtasche.“
Netty verrenkte sich und kramte auf dem Rücksitz herum.
„Laß das! Ich brauch nichts.“
Sie setzte sich kerzengerade hin. „Okay.“ Doch sie gab noch nicht auf. „Wem gehört das Blut?“, fragte sie nach kurzem Schweigen, mit tränenunterdrückter Stimme. Sie knetete ihre Hände und blickte ihn nicht an.
„Unwichtig.“
„Deine Knöchel sind aufgeschlagen.“
Frank blickte auf seine Knöchel. „Weißt du, was ein Troglodyt ist?“
„Nein, Frank.“
„Ein verfluchter Höhlenbewohner!“
„Warum sagst du das?“
„Du begreifst das alles nicht. Du verstehst mich nicht. Bist strunzdumm. Wie ein Troglodyt eben.“
Frank schlug gegen das Lenkrad, einmal, zweimal, dreimal. Immer heftiger. Musste korrigieren, damit er den Wagen nicht gegen die Leitplanken setzte. Abbremsen. Auf Stirn und Wangen staute sich die Röte und er spürte einen Druck hinter seinen Augen, dass er befürchtete, die Äderchen könnten platzen. Er glaubte, Blitze zu sehen, die in die Fahrbahn einschlugen und faustgroße Krater hinterließen. Hörte Nettys Schreie, wenn der Wagen über Schlaglöcher rumpelte. Staub und Splitter und Schlick auf der Windschutzscheibe raubten ihm die Sicht.

Eine Woche später versuchten sie, in einer Bauruine miteinander zu schlafen. Doch Franks halberigierter Penis war ihm zu nichts nutze. Dröge wälzte er sich von ihr herunter, zog die Hosen hoch und stand ans leere Fenster. Zündete sich eine Zigarette an und blickte hinaus aufs Wasser, auf den schwarzglänzenden Teppich des sanft wogenden Meers. Der Wind trug den Geruch von Algen und Salz. Frank hörte das Brechen der Wellen.
„Es ist egal, Frank“, flüsterte Netty.
„Aber mir macht es was aus.“
„Vergiss es einfach.“
Lange sagten sie nichts. „Wie weit müssen wir noch fahren?“, fragte Netty und kam neben ihn. „Gibst du mir einen Zug?“
Frank reichte ihr die Zigarette und schwieg.
Es war Flut. Die Nacht kühl und wolkenlos, silbrige Streifen wanderten über die Wellen. Ihr Geräusch kam näher, je länger Frank am Fenster stand. Netty legte sich wieder hin, auf eine schimmelfeuchte Matratze, die sie im zweiten Stock der Ruine gefunden hatten. Sie schnarchte leise und Frank erinnerte sich an das Motelzimmer und an Maya.
In ihm war nichts, nur eine verzehrende Leere. Ein Schmerz wie Feuer unter der Haut. Taubheit stieg in ihm auf. Ein Kribbeln, als wäre sein ganzer Körper eingeschlafen und nur der rastlose Geist wachgeblieben. Eingesperrt in seinem Kopf. Er lehnte sich gegen die kalten Mauerblöcke, der Mörtel rau an seiner Schulter.
„Was Sie da tun, ist eine grausame Entmenschlichung“, flüsterte das Meer.
„Ihre Frau, nimmt sie Medikamente?“, die raunende Frage des Winds. Vielleicht hatte sie ihm ein Psychologe gestellt. Frank erinnerte sich nicht. Er stieg durch das Fenster und in seine nackten Füße stachen Steine und dorniges Unkraut. Er trat eine Weile unentschlossen darauf herum, schlug sich dann durchs Gestrüpp, in dem Zeitungsfetzen und Plastiksäcke flatterten, ging über Glasscherben und Muscheln hinunter zum Strand. Den Blick hinaus aufs Wasser gerichtet, auf der Suche nach der Linie, wo der schwarze Horizont in den Ozean überging.

Das Meer spülte eiskalt um seine Füße und die Ausläufer der Wellen rollten bis an die Küstendüne heran, wo sie Abfälle zurückließen. Flaschen, Fischernetze, eine Kühltruhe ohne Deckel und Kleidungsstücke. Durch das seichte Wasser schnellten kleine fluoreszierende Fische, tausende davon. Frank watete hinaus, bis die Wellenspitzen gegen seine Knie klatschten. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt und neben sich machte er den Schatten eines Autowracks aus, das sich in der Brandung leicht hin- und herbewegte.
Er stapfte zum Wrack und setzte sich hinein. Wasser presste aus dem aufgerissenen Fahrersitz, vom Steuerrad hingen schwarze Schlickpflanzen. Der Rückspiegel war abgerissen. Vom Auto nicht viel übrig, ein rostzerfressenes Gerippe. Trotzdem fühlte es sich seltsam vertraut an, als befände er sich an einem Ort, den er schon lange nicht mehr besucht hatte, der eine gewisse Familiarität in ihm weckte, ein Gefühl, als kehre er in seine Vergangenheit zurück. Er glaubte, Nettys Parfüm riechen zu können. Frank schloss die Augen und wartete.
Als er aufwachte, war er nass bis auf die Knochen. Es hatte geregnet. Die Flut war zurückgegangen und die Ebbe eingekehrt. Der Himmel war voller stecknadelgroßer Sterne und die Sichel des Halbmondes schwebte auf dem Wasser. Vereinzelte Gewitterwolken im Osten. Gelbliches Wetterleuchten. Ein Öltanker ausgestanzt vor dem Anthrazit des Horizonts. Frank stieg aus dem Wrack und machte sich auf den Rückweg.
Zwischen dem Gestrüpp bemerkte er eine ruhige, dunkle Fläche, in der sich die Sterne spiegelten, als schwämmen sie in zähflüssigem Quecksilber. Frank ging näher heran. Das Meer hatte eine Grube geflutet. Das Wasser war von gelblichen und rötlichen Streifen durchzogen, die schwach im Mondlicht leuchteten. Die Luft roch salzig, süßlich und fischig, faul. In der Mitte der Grube bewegte sich etwas. Frank konnte erst nicht erkennen, um was es sich handelte, dann vernahm er ein leises Muhen. Eine Kuh, oder eher ein Kalb, dass sich verirrt hatte und sich nicht mehr aus eigenen Kräften aus der Grube befreien konnte. Ein langsames Ertrinken. Frank dachte an einen Fötus und einen Uterus.
Der Boden fiel sofort ab und Frank musste sich schwimmend und platschend vorwärtsbewegen und schluckte Wasser. Er würgte, gab aber nicht auf. Sein Arm berührte etwas Glitschiges. Mit einer Hand kriegte er es zu fassen und zog daran. Das Kalb muhte und jetzt konnte er sehen, wie es strampelte, um nicht unterzugehen. Er kämpfte sich einhändig zurück auf festen Boden, kroch aus dem stinkigen Wasser. Er riss sich das Knie an einem metallenen Schild auf, welches halbvergraben im Sand steckte. Nareeshs World Famous Samosas stand in verwitterten Lettern darauf. In 0.5 miles to your right. Drop by! Ein abgeblätterter Pfeil zeigte die Richtung an. Im kräftiger werdenden Licht des Mondes war die Schrift gut zu erkennen.
Frank schaute sich das glitschige Etwas in seiner Hand genauer an. Es war eine Art Schnur, dick, die ins Wasser hineinführte. Sachte begann er daran zu ziehen und in der Mitte der Grube bewegte sich das Kalb, blieb dann ganz still, als hätte es aufgegeben, sich gegen das Ertrinken zu wehren oder als wüsste es, dass ihm nun jemand beistehen würde und es seine Anstrengungen einstellen konnte. Es war schwer und er musste sich hinsetzen, die Füße in den Sand stemmen und mit aller Kraft ziehen. Die Muskeln in seinen Armen protestierten schmerzhaft, aber er zog weiter. Seine Finger rutschten immer wieder ab.
Schließlich schaffte er es. Wie lange das Ziehen an der Nabelschnur dauerte, konnte er nicht einschätzen, aber die Horizontlinie schimmerte bereits im Angesicht des neuen Morgens. Frank nahm das Kalb in die Arme, streichelte über sein nasses Fell. Da bemerkte er, dass ihm die Beine fehlten und es gar keinen Kopf oder sonstige differenzierbare Äußerlichkeiten aufwies. Vielmehr hielt er ein rundliches Gebilde aus fleischartiger Substanz, knöchrigen Auswüchsen unter der fahlgelben Haut, die von borstigem Haar besetzt war. Frank wiegte es sachte und obwohl es keine Schnauze oder sonst eine Öffnung besaß, mit der es Laute von sich geben konnte, vernahm er das leise, tröstliche Muhen des Mondkalbs.

Ein aschener Morgen graute und Frank kroch zurück in die schimmlige Bauruine, setzte sich auf die vor Feuchtigkeit klamme Matratze und legte die Hände vors Gesicht. Er berührte Nettys Pullover, strich über die knotige Wolle, als könnte er darin etwas erfühlen, was er längst vergessen hatte. Seine Hand wanderte weiter, tastete nach dem Griff der Trage, in der Mayas Skelettchen festgezurrt war, unter den Fingern die poröse Struktur ihrer Knochen. Und er legte sich auf die Matratze, zusammen mit dem verwitterten Schädel, hielt ihn eng in seinem Arm, die Wasserflecken an der unverputzten Decke anstarrend. Auf der rissigen Betonfläche vor der Ruine stand der Anhänger eines Trucks. Seine zerfetzten weißen Planen flappten sachte im Wind.

 

Hallo @Berg

Herzlichen Dank für deine Rückmeldung, fürs Lesen und deine Zeit. Hat mich sehr gefreut. Ja, ich glaube, das mit der Gnosis, also der Begrifflichkeit, habe ich ziemlich verbogen, damit es zur Geschichte passt, geb's ja zu :D Sehr interessant über was Dich Google belehrt hat, wusste ich selbst auch nicht. 'Gnosis' scheint aber dadurch doch recht gut zu passen. Hehe, nice.

Aus emotionaler Sicht ist das natürlich starker Tobak, und ich denke, die heftigsten und widersprüchlichen Gefühlsregungen werden hier nicht gezeigt.
Ja, das deckt sich mit anderem Feedback. 'Starker Tobak' nehme ich sehr gerne an. Was die Heftigkeit anbelangt, weiss ich nicht, ob da noch etwas mehr aufgedreht werden könnte, aber was die Widersprüchlichkeit von Franks Gefühlswelt anbelangt, das ist definitiv ein Punkt, bei dem ich noch mehr rausholen könnte. Ist notiert (auch für die Zukunft).

Der Text ist recht lang, um ihn am Laptop oder am Handy zu lesen. Ich würde ihn aber nicht kürzen, sondern mehr Struktur durch mehr Absätze und Unterteilungen (Sternchen?) für verschiedene Passagen hineinbringen.
Mmmh, ja, überlege ich mir. Danke für den Hinweis. Lange oder längere Texte am Bildschirm oder auf dem Handy zu lesen ist generell etwas anstrengend, stimme ich Dir zu, aber ich möchte den Text auch nicht zu sehr verstückeln. Ich schaue es mir aber an, ob ich in dem Sinne die Lesbarkeit etwas erhöhen kann.

Der Stil ist gut. Irgendwie sehr amerikanisch. ;)
Ach, krass, dass Du das direkt so bemerkt hast. Hätte ich jetzt nicht erwartet/vermutet. Ich lese ja viel amerikanische Autoren, aber dann immer in der Originalsprache ... Hätte nicht gedacht, dass sich dieser 'amerikanische Stil', wenn's sowas überhaupt gibt, hier direkt in meinem Text niedergeschlagen hätte. Wäre 'ne ziemliche Brücke von Englisch <-> Deutsch, aber vielleicht meinst Du ja auch den Inhalt, da würde ich Dir absolut recht geben, schon allein weil diese Geschichte in Amerika spielt. Und wie schon zuvor geschrieben: Ich war oder bin da durchaus von Übersee inspiriert oder gar beeinflusst, hehe.

Am Ende, wo die Gedanken mit einem Traum verschwimmen und das Meer und der Wind zu sprechen beginnen, wird der Text interessant. Es bleibt vielleicht die Frage, wie man mit so etwas lebt, so wie Frank sich vorher die Frage gestellt hat, warum gerade ihm das passiert ist (oder wie er ausgerechnet mit Netty zusammengekommen ist).
Danke Dir, Berg!

Beste Grüsse,
d-m

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom