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Guru, gu–Blut ist im Schuh

CoK

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24.08.2020
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Guru, gu–Blut ist im Schuh

„Verdammt, ihr trampelt durch mein Wohnzimmer!“, schoss die Stimme aus der Dunkelheit.
Wir erstarrten.
Unter der Überdachung einer Holzbrücke lag ein Mann, fast vollständig vom Dunkel verschluckt.
Seine Augen – blutunterlaufen, Vampiraugen in schwarzen Höhlen.
„Ent…schuldigung“, stammelte mein Begleiter.
„Wir wollen ins Kino. Wir müssen über die Brücke.“
Ich starrte auf die Gitarre, eine Gibson, auf die halbe Flasche Korn neben ihm.
„Müsst gar nix“, brummelte der Mann. „Gibt doch ’nen anderen Weg.“ Seine Stimme grollte wie das Herannahen eines Gewitters.
Mein Begleiter zog mich am Ärmel, „Sag nichts, geh einfach weiter!“
Trotzig drehte ich mich noch einmal um. „Warum liegt der im Dunkeln?“, sagte ich laut. „Über dem Fluss. Er kann ins Parkhaus. Da ist es warm und hell.“ Ich blickte ins Wasser. Schwarz und scheinbar reglos lag es unter uns.

Nach dem Kino nahmen wir wieder den kürzeren Weg.
Der Mann lag noch da. Ein stummer Schatten. Die Flasche leer.
„Es hat bestimmt schon Minusgrade“, flüsterte ich und stieß die Kornflasche mit der Fußspitze an.
Sie rollte klirrend davon.

Am nächsten Tag hörte ich ihn.
„Drei weiße Tauben“ von EAV.
„Guru, guru, guru“
„Drei weiße Tauben, die scheißen nie mehr!
Guru, guru, guru“
Er gröhlte.
Wieder und wieder dieselben zwei Strophen.
Den F-Dur-Akkord als Barrégriff, jede Saite einzeln gezupft.
Ich kramte im Geldbeutel.
„Willst du ihn bestechen, damit er aufhört zu singen?“, stichelte mein Begleiter.
„Er spielt doch gut!“
Während ich das Geld in seine Tasse werfe, sehe ich ihn genauer an. Das Gesicht rotfleckig und aufgeschwemmt. Blonde Stoppeln umrahmten sein Kinn wie ein abgeerntetes Ährenfeld. Die Augen glasig blau. Wie alt er wohl sein mochte–vierzig, vielleicht sechzig? Irgendwann werde ich ihn danach fragen.
Er fuhr sich durchs strubbelige Haar und lachte. „Willst wohl gut Wetter machen, weil ihr gestern durch mein Wohnzimmer getrampelt seid.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Warst du Musiker?“
Er musterte mich abschätzend.
Ich hatte das Gefühl, ihn denken zu hören: Das Recht, mich auszufragen, ist nicht käuflich.
„Drei weiße Tauben …“, begann er.
Wieder und wieder hörte ich ihn auf der Parkbank spielen. Hell und warm klangen seine Akkorde durch die Gasse.

Ende Januar.
Er hatte den blutverkrusteten Schuh ausgezogen und den verbundenen Fuß daraufgestellt. Der Verband blutig, dunkel vom Straßendreck.
„Was ist mit deinem Fuß?“
„Kaputt.“
Er begann zu singen …
„Ist ’n sturer Bock, der Ricky. Wenn der nicht will …“ Neben mir stand Inge. Ihr Fahrrad beladen mit Tüten voller Pfandflaschen. Sie zog mich am Ärmel – fort von Ricky.
„Als es so kalt war, hat die Stadt ihm ein Zimmer besorgt. In der Altstadt, zweiter Stock. Im Suff machte der Idiot ein Lagerfeuer. Kam nicht mehr raus. Ist dann aus dem Fenster gesprungen und hat sich das Bein verletzt.“
„War er nicht im Krankenhaus?“
„Doch! Ist da wieder abgehauen. Gibt ja nichts zu saufen. Das Ganze hat die Stadt eine Menge Geld gekostet. Das Haus musste geräumt werden.“
„Und jetzt lebt er wieder auf der Straße?“
Inge nickte.
„Die Gitarre?“
„Verbrannt!“
Ricky humpelte los, gestützt auf einen Einkaufswagen, in dem ein Schlafsack und ein Rucksack lagen.
„Na dann, ich muss weiter.“ Inge winkte.
Es begann zu schneien.
Die Stadt wurde weiß.
Die Parkbank blieb leer.
Manchmal, wenn ich das Gurren von Tauben höre, wird es in meinen Gedanken von einer leisen Gitarrenmelodie begleitet. Und eine stumme Erinnerung an Kälte lässt mich frösteln.

Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind!
J. W. Goethe – Gesang der Geister über den Wassern

Drei weiße Tauben
Lied von Erste Allgemeine Verunsicherung ‧ 2005

 
Quellenangaben
J. W. Goethe – Gesang der Geister über den Wassern
Drei weiße Tauben
Lied von Erste Allgemeine Verunsicherung ‧ 2005

Hallo @CoK,
du zeichnest ein ergreifendes Bild, dass mich an die "Streets of London" von Ralph McTell erinnert hat. Mir bleibt nur eine Frage, die du vielleicht absichtlch unbeantwortet gelassen hast: Wer ist eigentlich "Ich"?

Hier n och ein paar Erbsen:

Unter der überdachten Holzbrücke lag ein Mann, fast vollständig vom Dunkel verschluckt.
Seine Augen – blutunterlaufen, Vampiraugen in schwarzen Höhlen.
„Ent…schuldigung“, stammelte mein Begleiter.
„Wir wollen ins Kino. Wir müssen über die Brücke.“
Müsste es nicht heißen: Unter der Überdachung der Holzbrücke? oder: Auf der überdachten Holzbrücke?
Die Lider sind rot, nicht der Augapfel. Weiter unten heißt es: Die Augen sind blau
Mein Begleiter zog mich am Ärmel, „sag nichts, geh einfach weiter!“
...Ärmel. "Sag ...
Trotzig drehte ich mich noch einmal um. „Warum liegt der im Dunkeln?“, sagte ich laut. „Über dem Kocher. Er kann ins Parkhaus. Da ist es warm und hell.“ Ich blickte ins Wasser.
Was meinst du mit dem Kocher?
Schwarz und scheinbar reglos lag es unter uns. Nach dem Kino nahmen wir wieder den kürzeren Weg.
Was ist "es"? Das Parkhaus?

Gruß
linedrop

 

Hallo @linedrop,

wie schön, dass du meinen Text als Erster kommentiert hast. Ich finde, ‚Streets of London‘ von Ralph McTell ist eine wunderschöne Balade aus den Siebzigerjahren.

Wer ist eigentlich "Ich"?
Ich habe gelesen, dass der Ich-Erzähler eine besonders starke Perspektive ist, wenn es darum geht, Subjektivität, Nähe und Intimität zu erzeugen. Die Kombination aus Ich-Erzähler und Anonymität fand ich interessant.
Seine Augen – blutunterlaufen, Vampiraugen in schwarzen Höhlen.
Für mich ist das so richtig: Bei Alkoholikern sind die Augäpfel – und oft auch die Äderchen darin – rot, nicht die Lider.“

Müsste es nicht heißen: Unter der Überdachung der Holzbrücke? oder: Auf der überdachten Holzbrücke?
Stimmt, danke.
Die Lider sind rot, nicht der Augapfel. Weiter unten heißt es: Die Augen sind blau
Ja weil die Iris blau ist.
..Ärmel. "Sag ...
:thumbsup:
Was meinst du mit dem Kocher?
Ich bin davon ausgegangen, dass der Kocher bekannt ist, und habe jetzt Fluss geschrieben.

Was ist "es"? Das Parkhaus?
Für mich war klar, dass der Fluss gemeint ist. Vielleicht ist es jetzt klarer, nachdem ich den Kocher ergänzt habe.


Herzlichen Dank
CoK

 

Hallo @linedrop,

wie schön, dass du meinen Text als Erster kommentiert hast. Ich finde, ‚Streets of London‘ von Ralph McTell ist eine wunderschöne Balade aus den Siebzigerjahren.

Wer ist eigentlich "Ich"?
Ich habe gelesen, dass der Ich-Erzähler eine besonders starke Perspektive ist, wenn es darum geht, Subjektivität, Nähe und Intimität zu erzeugen. Die Kombination aus Ich-Erzähler und Anonymität fand ich interessant.

Alles richtig. Damit allein lernt man als Leser den Prota aber nicht kennen. Oder anders: die Figur wird dadurch allein nicht gezeichnet.

Gruß
linedrop

Zu McTell: Er begibt sich in diesem Song unter die Obdachlosen und beschreibt, dass es immer Hoffnung gibt.

 

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