Was ist neu

Guter Soldat, schlechter Soldat

Mitglied
Beitritt
13.03.2013
Beiträge
195

Guter Soldat, schlechter Soldat

Hitlers Truppen umgingen die Maginot-Linie über die Schweiz. Die Divisionen der Wehrmacht überrannten das Mittelland der Eidgenossenschaft innert weniger Tage. Die wichtigsten Städte, die meiste Industrie und ein grosser Teil des Landes, auf dem Ackerbau betrieben wurde, war alsbald in der Hand der Deutschen. Die Schweiz, die sich selber erhalten und ernähren konnte, gehörte somit der Vergangenheit an. Der Krieg werde kurz sein. Ja, dank seiner Genialität äusserst kurz, frohlockte Hitler. Ein Politiker, der es nie weiter brachte als bis zum Gefreiten, der grösste Feldherr aller Zeiten? Tatsächlich verlief bisher auch für die Schweizer alles wie geplant.

Irgendwo in den Voralpen der Ostschweiz. Leermond beschränkte die Sicht auf wenige dutzend Meter. Ein Pfad querte einen mit Gras bewachsenen Steilhang. Ab und an Geröll, ab und an Arven und dann wieder schroffer Fels und jähe Abrisse, wo das Gelände senkrecht in finstere Tiefen stürzte. Eine Kolonne bewaffneter Männer, die meisten mit Karabiner, einige mit Jagdgewehren, ging durch die Nacht. Nur einer trug eine reguläre Uniform, die eines deutschen Offiziers.
«Wir sollten ihn erschiessen.»
«Wieso erschiessen? Nein, wir nehmen ihn mit. Kann sein, dass man ihn noch befragen will.»
«Wenn wir einer deutschen Patrouille begegnen, dann kann er sie auf uns aufmerksam machen. Die sind doch alle fanatisch. Er wird nicht zögern, unseren Standort zu verraten. Wir hätten ihn gleich erschiessen sollen, sage ich.»
«Nein, wir nehmen ihn mit. Sobald wir den Pass erreichen, teilen wir uns auf. Roth geht mit seiner Gruppe zurück und du bleibst mit einigen Leuten auf dem Joch. Ihr wisst, was zu tun ist. Wo ist Koller? Koller, hörst du, du kommst mit mir und dem Gefangenen. Wir gehen über den Schafboden. Das ist der kürzeste Weg. In Wildhaus übergeben wir den Deutschen dem Militär oder der Polizei.»

Vier Stunden später. Inzwischen hatte es zu nieseln angefangen. Auf dem Schafboden duckten sich zwei Ställe, eine Hütte und ein Schober zwischen den zerklüfteten Felswänden von Schilt und Hochschrinn, Brünne und Fliswand. Wolken verdeckten den Mond. Koller schlief auf dem Heustock im Obergaden eines der beiden Ställe. Seine ruhigen Atemzüge sowie das Rauschen eines fernen Baches waren das einzige, was in der Nacht zu hören war. Das Tor des Heubodens stand einen Spalt breit offen. Dörig wachte. Er hat sich auf einen Schemmel gesetzt und beobachtet das Gelände vor dem Staffel durch den Spalt zwischen den Torflügeln. Sein Gewehr lag quer auf den Oberschenkeln. Der Lauf war auf die Ecke mit dem Gefangenen gerichtet. Den Rücken gegen die Mauer gelehnt sass jener auf dem Boden und hatte die Augen geschlossen. Doch im Gegensatz zu Koller schlief er nicht.
«Wie heisst du eigentlich,» fragte Dörig.
Es dauerte einen Augenblick, bis die Antwort kam. «Seidler, Paul Seidler. Ich bin Major der deutschen Wehrmacht.» Eine kurze Pause folgte, dann: «Als Kriegsgefangener stehe unter dem Schutz des Haager Abkommens und der Genfer Konventionen.»
Dörig: «Jaja, davon habe ich gehört. Aber ich kenne dieses Abkommen und diese Konventionen nicht wirklich.»
Der Major: «Das Erschießen eines Kriegsgefangenen ist entsprechend dem Völkerrecht ein Kriegsverbrechen.»
«Ja, so ist es. Aber wir hätten dich schon lange erschossen, wenn wir es gewollt hätten».
Wieder verstrich einige Zeit, bis Dörig meinte: «Major, hm. Ein richtig dicker Fisch ist und da ins Netz gegangen.» Erneut verstrich einige Zeit. «Unser einen könnte man hingegen erschiessen und es wäre kein Kriegsverbrechen, nicht wahr? Als bewaffneter Bürger eines Landes, das überfallen wird stehe ich nur unter dem Schutz dieser Konventionen, wenn ich ein Angehöriger der Armee bin. So ist es doch, oder? Wie kommt es, dass man einen Überfallenen standrechtlich erschiessen darf, indessen der Überfallende durch Konventionen und seine Mitgliedschaft bei einer den Überfall ausführenden Organisation geschützt sein soll?»
Der Major schwieg und Dörig beugte sich auf dem Schemel vor. «Als Freischärler sind wir -» Dörig brach den Satz ab und stand auf. Er ging näher an das Tor der Tenne und spähte hinaus. Nach einer Weile wandte er sich wieder dem Gefangenen zu. «Wir sind Freischärler, will heissen keine regulären Soldaten, aber unser Kampf ist trotzdem genauso berechtigt.»
Der Major räusperte sich verhalten. Er straffte unmerklich den Rücken, richtete sich leicht auf. Zum ersten Mal seit Stunden schaute er Dörig und den schlafenden Koller geradeaus an. Dann, als er zu reden begann, tönten seine Sätze freier, flüssiger, weniger gepresst, als noch zuvor. Er sagte: «Nun ja, wir alle fühlen uns dem eigenen Land und den eigenen Leuten verpflichtet. Das dürfte auf meiner wie auf eurer Seite gleich sein. Aber ein Soldat, ein guter Soldat, was ist ein richtiger Soldat?»
Dörig: «Ich bin ein Partisan, ja, ein Soldat ohne Front. Bin ich deswegen weniger gut? Ich meine, bin ich nicht auch bereit, den Preis zu bezahlen?»
«Welchen Preis?»
«Welchen, das Leben.»
Der Major senkte den Blick. «Sehen sie, es gibt verschiedene Gründe in den Krieg zu ziehen. Grob gesagt sind es drei. Der erste ist die Karriere. Das gibt es häufig, macht aber keinen guten Soldaten. Man fürchtet zu sterben und denkt viel zu oft an die Zukunft. Der zweite Grund ist Ideologie, die Liebe zum Vaterland; das ist schon interessanter. Aber der Schwärmer scheitert. Er ist zu wenig gefestigt, er ist oberflächlich. Was ihn antreibt, ist leichtfertiges Ungestüm, jugendlicher Überschwang. Es sei denn, er ist wirklich entflammt, fanatisiert, wenn sie so wollen, dann ist er ein guter Soldat.»
Erneut schwiegen Seidler und Dörig.
«Und der dritte Grund?»
Kurz wich der Major dem Blick Dörigs aus. Dann: «Hass, Hass auf den Feind. Hass befähigt. Du tust Dinge, von denen du nie geglaubt hättest, dass du sie kannst. Etwas anderes ist allerdings der Hass, der aus einer Neurose stammt.»
Dörig schaute Seidler verwundert an. «Das verstehe ich nicht,» sage er.
«Der Neurotiker ist intelligent und er ist ein Zweifler. Wenn er niedergeschlagen ist, trägt ihn sein Hass nicht mehr. Dann beginnt er zu schwanken. Der Krieg schreitet voran, ohne auf den Neurotiker zu achten. Er nimmt keine Rücksicht auf ihn. Den gütigen und milden Vater finden sie im Krieg nicht.» Noch immer sass der Major auf dem Boden. Allein sein Blick war nun offen auf sein Gegenüber gerichtet. «Sie fragen sich, wie es um ihren Kampf steht, ob er nicht genauso berechtigt ist? Ihr Einsatz, Dörig, ist berechtigt. Jetzt müssen sie nur noch ein guter Soldat werden.»

 

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom