Was ist neu

Haifischsuppe

Mitglied
Beitritt
20.03.2026
Beiträge
2

Haifischsuppe

Ich weiß bis heute nicht, warum ich unbedingt Haifischsuppe wollte. Es war keiner dieser normalen Gedanken wie „Ich habe Hunger auf Pizza“ oder „Heute wäre Pasta schön“. Nein—es war ein seltsames, fast drängendes Bedürfnis nach etwas, das ich sonst nie esse: Haifischfilet. Oder Suppe. Hauptsache Hai.

Also überzeugte ich meine Frau, mit mir in einen Freizeitpark zu fahren, von dem jemand behauptet hatte, dort gäbe es auch ein Aquarium mit Haien. Eine absurde Mischung, wenn man darüber nachdenkt: Achterbahnen, Zuckerwatte—und irgendwo dazwischen Raubtiere aus der Tiefsee.

Der Park wirkte schon beim Betreten leicht… falsch. Zu still an manchen Stellen, zu laut an anderen. Doch wir folgten den Schildern Richtung „Wasserattraktion“.

Dort angekommen, wurden wir in ein Schlauchboot gesetzt. Eine Art Fahrgeschäft, das uns eine steile Rampe hinaufziehen sollte—ähnlich wie diese großen Wasserbahnen. Anfangs ging alles normal. Das Boot ruckelte, zog uns langsam nach oben, das typische Klacken der Kette unter uns.

Doch plötzlich änderte sich etwas.

Das Boot wurde langsamer. Zu langsam.

„Das fühlt sich nicht richtig an“, murmelte meine Frau.

Kurz darauf stoppte es komplett. Für einen Moment herrschte absolute Stille—dann löste sich die Spannung. Wir rutschten rückwärts.

Nicht langsam. Nicht kontrolliert.

Sondern viel zu schnell.

„Das ist bestimmt Teil der Fahrt—oder?!“ rief ich, doch schon während ich es sagte, wusste ich, dass das nicht stimmte.

Das Boot schoss die Rampe hinunter, schlug unten hart auf und kippte zur Seite. Wir wurden herausgeschleudert.

Der Aufprall kam sofort.

Ich spürte Holz unter mir—dann gab es nach.

Die Bohlen brachen.

Und wir fielen ins Wasser.

Eiskalt.

Als ich auftauchte, schnappte ich nach Luft und hörte meine Frau neben mir keuchen. Das Wasser war trüb, dunkel… und bewegte sich.

Zu viel.

Zu lebendig.

Dann sah ich sie.

Krokodile.

Mehrere.

Langsam gleitend, kaum Wellen verursachend, aber eindeutig da.

„Raus! Sofort raus!“ schrie ich.

Wir kämpften uns auf die verbliebenen Holzbohlen, die wie ein instabiler Steg über das Wasser führten. Unter uns bewegten sich Schatten. Ab und zu blitzten Augen oder Rücken auf.

Wir gingen vorsichtig weiter, Schritt für Schritt, das Holz knarrte unter unserem Gewicht.

Als wir endlich oben ankamen, wartete dort ein Mann in einer Art Uniform—offenbar ein Verantwortlicher.

„Ach, da sind Sie ja“, sagte er ruhig, fast gelangweilt. „Alles in Ordnung?“

Ich starrte ihn an. „Wir sind gerade in ein Krokodilbecken gefallen!“

Er nickte nur. „Ja, das kann vorkommen.“

„Kann vorkommen?!“

Doch er winkte ab. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Haie.“

Haie.

Genau deswegen waren wir hier.

Wir folgten ihm weiter über den Steg. Unter uns sahen wir jetzt deutlicher, was im Wasser war: mehrere Krokodile—und tatsächlich auch einen Hai, der zwischen ihnen hindurchglitt.

Ein Hai. In einem Krokodilbecken.

Ich spürte eine seltsame Mischung aus Angst und… Vorfreude. Bald würde ich bekommen, was ich wollte.

Dann passierte es.

Der Wärter trat auf eine morsche Stelle—sein Bein rutschte zwischen zwei Bohlen durch und verschwand im Wasser.

Ein Ruck.

Ein Zischen.

Ein Krokodil schnappte zu.

Ich schrie auf. „Verdammt! Ihr Bein!“

Doch der Mann verzog kaum das Gesicht. Er zog es langsam wieder heraus, Blut tropfte.

„Ach, keine Sorge“, sagte er ruhig. „Das ist nur totes Gewebe. Alte Muskeln. Tut nicht weh.“

Ich starrte ihn fassungslos an.

„Das… das ist nicht normal“, flüsterte meine Frau.

Wir gingen weiter.

Dann wieder ein falscher Schritt.

Diesmal sein Arm.

Er verschwand im Wasser—ein heftiger Ruck—Zähne, Blut.

Ich konnte nicht mehr hinsehen.

„Hören Sie auf!“ rief ich. „Die Tiere sind gefährlich!“

Er zog den Arm heraus, als wäre nichts gewesen. „Wirklich, alles gut.“

Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig.

Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.

Schließlich führte er uns in einen Raum. Warmes Licht, weicher Boden, und darin: kleine Tiere.

Meerkatzen.

Flauschig, großäugig, unglaublich niedlich.

Sofort kamen sie auf uns zu, schnurrten, schmiegten sich an unsere Beine. Meine Frau lächelte erleichtert und begann, sie zu streicheln.

„Na wenigstens etwas Normales“, sagte sie.

Ich nickte. Für einen Moment fühlte sich alles friedlich an.

Dann verließ der Wärter den Raum.

Und die Welt kippte.

Die Meerkatzen erstarrten.

Ihr Schnurren verstummte.

Langsam hoben sie die Köpfe—und ihre Augen wirkten plötzlich… anders.

Kälter.

Dann kam der erste Biss.

„AUA!“

Eine hatte sich in meinen Arm gekrallt. Eine andere sprang meine Frau an.

Innerhalb von Sekunden waren sie überall—kratzend, beißend, fauchend.

„RAUS HIER!“ rief ich panisch.

Doch die Tür war geschlossen.

Und dann—

öffnete sie sich wieder.

Der Wärter trat ein.

Sofort hörten die Tiere auf.

Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

Sie wurden wieder weich, zutraulich, schmiegten sich an uns, als wäre nichts passiert.

Ich keuchte, mein Herz raste.

Der Mann lächelte leicht. „Sehen Sie? Ganz lieb.“

Ich sah ihn an—sein blutiger Arm, sein verletztes Bein, sein ruhiger Blick.

Und plötzlich war mir die Haifischsuppe völlig egal.

Ich wollte nur noch weg.

 

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom