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Hinterher
„Verdammt Armin, mach die Tür auf!“
Das Donnern meiner Faust auf die Tür klingt zwischen den hohen Wänden des Treppenhauses nach. Kurz fürchte ich, gehört zu werden, obwohl mir angesichts der Situation wohl niemand einen Vorwurf machen würde.
Erneut lasse ich eine Salve an Fäusten auf das klappernde Fichtenholz regnen, doch mit jedem weiteren Schlag erscheint mir das Unterfangen sinnloser. Aus Verzweiflung, vielleicht auch aus dem Drang heraus, meinen Verdacht zu bestätigen, vor allem aber, da es das Einzige ist, das mir einfällt, nehme ich zwei Schritte Anlauf.
Das Schloss splittert, die Tür schwingt scheppernd gegen die Wand des dahinter gelegenen Flurs. Während der dumpfe Schmerz in meinem Bein verfliegt, bringe ich meinen Atem mühsam unter Kontrolle. Die Panik schwindet, zurück bleibt lediglich ein schwerer Klumpen in meiner Magengegend.
„Hallo? Armin?“ frage ich in die Stille hinein, die Worte verlieren ohne Antwort in den leeren Räumen. Ich mache einige zögernde Schritte in die Wohnung. Auf den ersten Blick sehe ich nichts Außergewöhnliches, in der Küche türmen sich Teller und Gläser, Bücher und Zeitungen liegen verstreut auf dem Sofa und dem kleinen Tisch davor, dazwischen der wie üblich gut gefüllte Aschenbecher. Ich rufe seinen Namen nicht mehr. Die Stille im Raum ist versteinert, nur meine Schritte knarzen auf den Bodendielen. Das Bett ist leer, nur das in die Ecke geknüllte Bettzeug mit dem ungebügelten Bezug lassen auf eine kürzliche Benutzung schließen. Mein Blick fällt auf den Schreibtisch, wo ein schwarzer Aktenvernichter inmitten eines Gebirges dünner Papierstreifen thront. Die leeren Hüllen der Notizbücher, aus denen sie gerissen wurden, liegen achtlos darum verstreut. Ich nehme eine von ihnen in die Hand, doch der schwarze Einband hilft mir ebenso wenig wie die einzelnen, mit blauer Tinte gekritzelten Buchstaben, die sich teilweise noch auf den geschredderten Seiten erkennen lassen.
Im Wohnzimmer stolpere ich fast über einen Hammer, dessen brutales Werk wie zum Beweis seiner Macht neben ihm auf dem Boden liegt. Ich hebe die Überreste von As Smartphones auf, an den Seiten des zertrümmerten Displays quellen die technischen Innereien hervor.
Unwillkürlich ziehe ich mein eigenes Gerät aus der Tasche und lese noch einmal die kryptischen Nachrichten, die mich kurz zuvor in solche Panik versetzt hatten.
Tut mir leid, ich muss abhauen
Weit weg
Er ist auf dem Weg hierher
Versuch nicht, mich zu finden
Halt dich von den Kranken fern
Noch einmal lasse ich meinen Blick durch die Wohnung streifen, langsam reift die Erkenntnis heran, dass mir nichts hier drin Aufschluss über den Verbleib meines Bruders geben kann. Er ist tatsächlich nicht mehr hier, ist geflohen. Vor wem kann ich nicht sagen, nur wohin ist wichtig. Ich vergesse, die Tür hinter mir zu schließen, meine Gedanken klammern sich an eine letzte, fadenscheinige Hoffnung. Wenige Momente später jage ich meinen Mercedes die engen Gassen hinunter in Richtung Bahnhof.
*
Verdammt, warum ausgerechnet er?
Ich mache auf dem Absatz kehrt und versuche mit der vorbeiströmenden Masse zu verschmelzen. Sie stinken nach Schweiß und nach dem unheiligen Verwesungsgeruch verschwendeter Zeit, doch genau jetzt brauche ich sie, um ungesehen zu bleiben. Ich ziehe meine schwarze Schiebermütze tiefer ins Gesicht und schiebe mich zwischen einer gebrechlichen Greisin und einem fetten Glatzkopf hindurch, der mir etwas Unverständliches hinterherruft. Die Treppe hinunter, vorbei am Gestank von Pisse und verrottender Zivilisation, doch als ich mich auf der anderen Seite des Tunnels wieder hinaufschleiche, laufe ich direkt in seine Arme.
„Ach Armin, was machst du denn hier?“ Das Gesicht des früheren Freundes ist unter dem verlotterten Bart eines Straßenpenners zur Maske geworden.
„Hör mal Micha, ich muss wirklich dringend-“ Ich gebe mir nicht die Mühe, meine Entschuldigung fertig aufzusagen, denn der ätzende Fusel, der mir aus seinem schimmelnden Lächeln entgegenschlägt, treibt mich in die Flucht.
„Entspann dich, die Bahn hier fährt erst in paar Minuten.“
Ich zwänge mich an ihm vorbei, plötzlich stehe ich am Abgrund des Gleises, vor mir die verschlossenen Türen des Zuges, während hinter mir die Pfandflaschen in ihrer Plastiktüte bedrohlich klappern.
„Hey Mann, was ist denn los mit dir?“
Ich zucke unwillkürlich zurück, als sich Michas Hand auf meine Schulter legt.
„Du verstehst das nicht, ich-“ Keins der hohlen Worte, die mir einfallen, kann mich dieser Situation entziehen. Auch hektisches Knopfdrücken an der Tür zeitigt keine Wirkung.
Michas Stimme gleicht einer rostigen Säge und fast bin ich froh, dass seine Worte nicht in mein Bewusstsein vordringen. Mein hilfloser Blick findet den Zugführer, der so gemütlich den letzten Zug seiner Zigarette einsaugt, als wolle er mich verspotten.
„Sag mal, ich rede mit dir!“, sägt sich Micha unwillkürlich wieder zurück ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit.
„Lass mich in Frieden“, belle ich ihn an, mein Blick immer noch fest auf meinen uniformierten Retter geheftet, welcher gerade in diesem Moment ein Abteil weiter den Zug betritt.
„Ich will doch nur mit dir reden! Denkst du, nur weil ich jetzt-“ Ohne einen weiteren Gedanken stoße ich Micha beiseite und springe hinter dem Zugführer durch die offene Tür. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass Micha keine Anstalten macht, mir zu folgen, sondern mit einem Kopfschütteln im Gewirr der Menschen verschwindet. Während der Zug losrollt und die kurzlebige Aufmerksamkeit der anderen Fahrgäste an mir verfliegt, mustere ich meine Umgebung. Micha bin ich zwar losgeworden, trotzdem kann ich meine Anspannung nicht abschütteln. Ich bin noch nicht in Sicherheit. Noch nicht.
*
Gesichter, überall Gesichter, sie strömen von den Gleisen, zu den Gleisen, zu den Kiosken und Fastfood-Läden, zu den Snackautomaten und zu den Toiletten, doch in keinem finde ich einen Hinweis. Der Versuch, zufällige Passanten nach einem jungen, dunkelhaarigen Mann auszufragen, war ebenso utopisch wie das Absuchen jedes einzelnen Gleises. Gerne würde ich daraus schlussfolgern, dass Armin nicht mehr hier ist, vielleicht nie hier gewesen ist, doch auch das wäre nur meine eigene Entschuldigung dafür, nicht mehr weiter suchen zu müssen.
Kraftlos lasse ich mich auf einen der metallischen Sitze sinken. Durch meinen Verstand strömen Bilder und Satzfetzen wie die Menschen in der Bahnhofshalle. Ich bekomme nichts zu fassen, kann keinen der Gedanken anhalten, nach dem Weg fragen, jede Idee beendet ihren Lebensweg nach Sekunden in einer Sackgasse. Wo sollte jemand wie Armin hinwollen? Er hat hier in der Stadt kaum noch Freunde, von außerhalb ganz zu schweigen. Eigentlich ist es sinnlos, hier weiter zu grübeln, doch eine Alternative fällt mir auch nicht ein. Meine Augen sind geschlossen, nur der Lärm des Bahnhofs bleibt zurück.
„Ben, um Himmels Willen!“ Die Stimme ist vertraut, doch sie klingt verzerrt, ich kann sie nicht zuordnen. Mit Mühe hebe ich meine schweren Augenlider. Vor mir steht Micha, in einer schmutzigen grünen Jacke und einer noch schmutzigeren Jogginghose, doch die eisblauen Augen, die unter seiner Baseball-Mütze hervorblitzen, beweisen, dass er es ist.
„Micha? Mensch, du bist es ja wirklich.“ Ich raffe mich hoch und schüttele ihm die Hand. Zu anderen Zeiten hätte ich ihn in die Arme geschlossen, doch das ist lange her.
„Wie geht es dir?“, zwinge ich mich zu fragen.
„Naja, is nicht mehr wie früher, aber man schlägt sich so durch.“ Zur Bekräftigung rüttelt er an seinem gut gefüllten Pfandsack.
„Tut mir leid, Mann“
„Ach, halb so wild, ich komm schon wieder auf die Beine. Ich hab wahrscheinlich bald wieder ne Bude, dann geht es bergauf. Ist ja lustig, dass ich euch beide an einem Tag hier sehe.“
„Wen meinst du?“ Ich erlaube mir keine Hoffnung, auch wenn die Antwort bereits in der Luft liegt.
„Armin, aber der will wohl mit so einem wie mir nichts mehr zu tun haben.“ Er lacht bleiern.
„Armin?“ Mit einem Mal spannt sich mein gesamter Körper an. „Wo war er? Hast du gesehen, wo er hinwollte?“
„Hab ihn oben bei Gleis fünf gesehen, er hatte es scheinbar sehr eilig. Weißt du, was mit ihm los ist?“
„Tut mir leid Micha, ich hab keine Zeit für Erklärungen. Ich glaube Armin geht es nicht gut, ich muss ihn finden“
Ohne ein weiteres Wort des Abschieds lasse ich Micha in der Halle stehen und gehe, renne zum Ausgang. Ich weiß genau, wohin mein Bruder unterwegs ist, auch wenn ich beim besten Willen nicht verstehe, warum.
*
Die Gegensprechanlage knistert als Antwort auf den schrillen Ton der Türklingel.
Hallo?
Statt Überraschung höre ich Misstrauen in der metallischen Stimme der Gegensprechanlage. In dem Moment, in dem ich sie höre, keimt Zweifel in mir auf. Warum bin ich überhaupt hierhergekommen? Was glaube ich, hier zu finden? Zuflucht? Vor ihm? Wie automatisch lasse ich meinen Blick die belebte Straße auf und ab schweifen, doch ich sehe ihn nirgends. Was aber, wie ich weiß, nichts bedeuten muss. Vielleicht ist er längst da, wartet in irgendeiner Ecke. Vielleicht lauert er in diesem Moment auf der anderen Seite der Tür des Mehrfamilienhauses.
„Hallo, Mutter, kann ich reinkommen?“
Armin? Bist du das?
Ihre Stimme scheint ihr im Hals stecken zu bleiben, kurz darauf dringt ein schrecklich verzerrtes Husten durch die Tür. Im nächsten Augenblick höre ich das Surren des elektrischen Türöffners.
Komm rein, Schatz! Es ist alles gut!
Das erneute Husten wird vom Dröhnen meines Herzschlages übertönt.
Er ist hier! Er muss bei ihr sein. Mein Verfolger. Er hat sie in seiner Gewalt. Es war dumm von mir, überhaupt herzukommen. Es gibt keine Sicherheit, jedenfalls nicht zu Hause, nicht im Bekannten. Ich kann nur weg, so weit wie möglich, diesmal wirklich.
Armin, bist du noch da? Komm doch bitte rein, wir reden über alles.
Mein Fluchtinstinkt übernimmt. Rennen, so weit wie möglich, so schnell wie möglich. Nur nicht hierbleiben. Nicht hier, wo er mich finden kann. Ich spüre meine Beine kaum, höre nur meine Sohlen, die auf den Asphalt schlagen, so weit wie möglich.
*
„Verdammt“ Entfährt es mir. Ich hatte darauf bestanden, dass meine Mutter ihm die Tür öffnet. Ich hatte gehofft, er würde sich bei ihr sicher fühlen, hatte gedacht, dass ich ihn hier oben, zuhause, beruhigen könnte. Dass er das, was auch immer er in seinem wirren Verstand mit sich herumträgt, unten an der Tür lassen würde. Und wieder renne ich, wieder Stufen hinunter, wieder hinaus, hinterher, doch es sind viele Stockwerke, sie drehen sich um mich herum, eines gleichförmiger als das andere, überall weiße Türen vor weißem Putz, metallische Treppengeländer über weißen Stufen, ich lasse sie hinter mir, eine nach der anderen.
Unten auf der Straße hektisch in alle Richtungen blicken. Ich sehe ihn nicht. Zu viele Autos, zu viele Menschen, zu viele Störfaktoren, zu viele Wege, zu viele Richtungen. Ich darf nicht stehen bleiben. Die Antwort ist wieder die gleiche, wieder der Bahnhof, ein anderer zwar, eine andere Stadt, aber doch das gleiche Ziel. Die Straße meiner Kindheit fliegt in meinem Augenwinkel vorüber, vorbei an Wohnblöcken und geschlossenen Läden, vorbei an leeren Spielplätzen und düsteren Ecken. Ich bin schneller als die Tauben, die vor mir in alle Richtungen davonflattern, schneller als die Autos, die sich durch die Gassen zwängen, schneller als die Passanten, die an den roten Ampeln warten, aber ich bin nicht schnell genug. Die letzte Gasse spuckt mich auf die große Allee, und in weiter Ferne sehe ich einen schwarzen Mantel um eine Ecke verschwinden, in Richtung Bahnhof. Ich rufe seinen Namen, aber er verliert sich im Lärm der Stadt.
Also weiter, das Keuchen unterdrücken, den stechenden Schmerz in meiner Seite ignorieren. Diesmal lasse ich ihn nicht entkommen, diesmal bringe ich ihn nach Hause.
*
Am Bahnhof angekommen entspanne ich mich etwas. Ich darf jetzt nichts überstürzen, muss bedacht vorgehen. Offensichtlich reicht es nicht, den nächstbesten Zug zu nehmen. Ich muss raffinierter vorgehen, muss unberechenbar werden, muss uneinholbar sein. Ich muss weiter weg als zuvor, muss all die Städte und Straßen, all das Elend hinter mir lassen, denn dort, wo das Elend ist, wartet er schon. Ich streife durch die düstere Bahnhalle. Hier sind weniger Menschen, sie geben den Blick frei auf den Müll, der sich in den Ecken sammelt. Eine Zeitung fliegt mir entgegen, getragen von einem Luftzug, der durch die verschmierten Türen hineinweht und sich zwischen den bekritzelten Wänden verfängt. Eine digitale Anzeige informiert über ankommende Züge, doch alle aufgeführten Ziele erscheinen mir viel zu nah. Von Unentschlossenheit überkommen ziehe ich meine Packung Zigaretten aus der Tasche. Sie ist leer.
*
Dort vorne ist er. Ich sehe ihn im Laufen, ich habe den Bahnhofsvorplatz fast überquert, als er die Bahnhofshalle auf der anderen Seite verlässt. Meine Rufe treiben Speere des Schmerzes durch meine Seite, doch er dreht sich nicht um. In der Halle werden meine Rufe lauter, die Wände nehmen sie auf und werfen sie zu mir zurück. Er ist längst an den Gleisen, wo das Kreischen eines einfahrenden Zuges seinen Namen verschluckt. Meine Lunge brennt und die Muskeln meiner Beine drohen, ihren Dienst zu versagen. Die Blicke der Umstehenden spüre ich gar nicht mehr, ich habe nur noch den Ausgang im Blick.
Ein letzter, keuchender Ruf, geworfen durch die Tore des Bahnhofs. Er muss mich gehört haben, denn in dem Moment, in dem ich das Gleis betrete, rennt er schon. Ich verstehe nicht, warum. Mein Bruder scheint zum Greifen nah, doch meine Beine sind am Ende, und seine sind jünger.
Trotzdem, hinunter vom Gleis, durch kniehohes Gras, über rostige Schienen, durch dornenbehangene Büsche. Ich will rufen, doch unter schweren Atemzügen ersticken die Worte in meinem Hals. Das Dickicht öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine asphaltierte Fläche, im Halbdunkel des Abends sehe ich seinen Schatten auf der anderen Seite zwischen den Bäumen verschwinden. Meine schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich, als ich zwischen den Bäumen eine rostrote Reihe Güterwaggons sehe.
Ich bleibe stehen, suche den Wagen, auf den er aufgesprungen ist, höre das Rattern eines Motors am Ende des stählernen Leviathans. Das rostige Metall schneidet in meine Handflächen, und wie ohnmächtig falle ich hart in ein Becken voll Metall. Das Letzte, das ich spüre, sind die Bündel von Drahtringen in meinem Rücken.
*
Ich schlafe nicht. Ich decke mich mit meinem Mantel zu, doch der Schutt, auf dem ich liege, ist hart und die Kakophonie, die der Zug und der eisige Wind zusammen produzieren, halten mich wach. Doch ich habe es geschafft. Ich bin auf dem Weg nach weit weg, dort wo mein Verfolger mich niemals findet. Er kann nicht wissen, wohin ich gehe, denn nicht einmal ich weiß es.
Ich denke nicht daran, dass ich entdeckt werden könnte. Wenn das passiert, ist es ohnehin vorbei.
Ich habe mich nicht umgedreht, als ich meinen Namen auf dem Bahngleis gehört habe. Es hätte ohnehin nichts geholfen, denn mein Verfolger hätte jeden schicken können, um mich zu ihm zu holen. Sie alle sind krank, und die es noch nicht sind, werden es bald sein.
Ich rauche einige der Zigaretten, die ich mir am Kiosk gekauft habe. Sie schmecken gut, trotzdem geht ein Zittern durch meinen gesamten Körper. Während die Sterne über mir hinwegziehen, denke ich an meine Mutter, an meinen Bruder, alle, die ich zurücklassen musste. Ob sie jetzt wohl nach mir suchen? Sicher werden sie das, mein Verfolger wird so leicht nicht lockerlassen. Doch ich bin hier, auf dem Weg, hoffentlich über die Grenze, hoffentlich dorthin, wo niemand mich kennt und niemand mich versteht. Wenn ich eine Zukunft habe, liegt sie in der völligen Fremde. Wenn ich keine habe, ist es vielleicht sogar besser so.
Ich sehe den Mond über den Himmel gleiten, sehe ihn untergehen. Die Sterne werden erst klarer, dann verschwimmen sie im Rot der aufgehenden Sonne. Mit dem Morgen kommen die Wolken, sie sind dicht und hängen feucht dicht über den Gipfeln der kahlen Bäume, die wie schwarze Risse im Grau über mir vorüberziehen.
Plötzlich höre ich den schrillen Laut der Bremsen und spüre, wie der Zug langsamer wird, bald ganz zum Stehen kommt. Erst bleibe ich liegen, mein Weg ist hier noch nicht zu Ende, dies ist nur ein Zwischenstopp. Kurz darauf dringen Stimmen zu mir herüber. Die Sprache klingt slawisch, und sie scheinen wütend zu sein. Mit einem Mal bin ich mir nicht mehr sicher, ob diese Reise für mich noch weitergeht. Ich spähe über den Rand des Wagens, der in der Nacht meine Krippe gewesen war, sehe die Männer, zu denen die Stimmen gehören. Sie stehen an einem anderen der unzähligen Güterwaggons, doch mein Herz pocht zu laut, um einen Gedanken zu fassen Ich hieve mich über die Kante, falle hart auf Füße und Knie, tauche ein in den fremden Wald.
*
Die Äste der kahlen Sträucher schlagen mir ins Gesicht, sie schneiden in das Fleisch meiner Hände, doch solange ich noch die Stimmen der Männer hinter mir höre, bleibe ich nicht stehen. Das Anhalten des Zuges hat mich geweckt, sie müssen mich gesehen haben, wie ich den Kopf über den Rand gestreckt habe, um nach Armin Ausschau zu halten. Ihre Rufe haben genug Adrenalin durch meine Adern gejagt, um selbst den Schmerz der Landung auf dem harten Waldboden vergessen zu machen. Trotz des nächtlichen Schlafes fühle ich mich kein Stück wacher als gestern. Zu sehr schmerzt mein Körper vom kauernden Liegen auf Metall. Ich habe Armin nicht gesehen, nur das Knacken der Äste gehört, doch ich weiß, dass ich nun dicht hinter ihm bin.
Mit einem Mal finde ich mich auf einem Pfad wieder, aus dessen schlammigen Pfützen sich frische Fußspuren schälen. Ich folge ihnen, unter Nadelriesen hindurch, deren Äste in der frischen Morgenluft knarzen. Ihre Stämme tauchen aus dem dickflüssigen Nebel auf, erst als Schemen, dann schälen sich die verschlungenen Linien ihrer Rinde aus dem wabernden Grau. Ich spüre, wie ich trotz Erschöpfung schneller werde.
*
Der Pfad endet, wo sich die Bäume teilen und eine Reihe von Schilf in die glatte Oberfläche eines Sees übergeht. Wie groß er ist, kann ich nicht erkennen, zu trüb liegen die Schwaden über dem fernen Ufer. Der frische Geruch nach Kiefernholz erfüllt meine Nase. Ich komme zum Stehen, ich weiß weder, wie lange ich gerannt bin, noch warum. Den Güterzug habe ich lange hinter mir gelassen und schon nach wenigen Momenten weiß ich nicht mehr, woher ich gekommen bin. Es ist auch nicht wichtig, denn dorthin kann ich ohnehin nie mehr zurück.
Der Gedanke an ein Weiter zuckt wie ein Blitz durch meinen Verstand, doch er verliert sich schneller zwischen den Bäumen, als er erschienen ist. Ein morscher, mit Moos und Algen überzogener Steg knarzt unter meinen Füßen. Mit jedem Schritt sinkt meine Panik tiefer und tiefer zum Grund des Sees. Meinen Mantel werfe ich von mir, er ist nass vom Schweiß und vom Tau der Nacht. Ich brauche ihn nicht mehr. Ohne Zutun meines Bewusstseins lasse ich mich auf die Planken sinken. Ein Vogel zwitschert in den Bäumen über mir. Sein Lied klingt wie das Ende eines langen Weges.
Zum ersten Mal seit Tagen, ja eigentlich seit Wochen- ich vergesse die Zeit- fühle ich mich sicher vor meinem Verfolger. Eigentlich passt der Name nicht mehr, denn hierher kann er mir nicht folgen. Zufrieden blicke ich in mein eigenes Gesicht, das sich im Wasser spiegelt. Meine Augen liegen dunkel in ihren Höhlen, meine Haare sind fettig und zerzaust, doch bin frei von all seiner Krankheit, all seinen leeren Blicken und dem schleichenden Tod, den er bringt.
Ob ich mich wohl in diesem See ertränken könnte? Die Frage nach dem Warum spiegelt sich im Wasser, verzerrt mein Gesicht zur Totenmaske, als wäre ich nicht der, der auf dem Steg sitzt, sondern der, der aus den Tiefen noch oben blickt.
Warum nicht?
Wahrscheinlich muss ich ohnehin in diesem Wald sterben, habe ich doch keine Ahnung, wie ich lebend nach Hause finden soll, oder wo zu Hause überhaupt sein soll. Eigentlich ist es der perfekte Moment, befreit von aller Last, frei von meinem Verfolger, von der Welt, die in seine Hand gefallen ist. Es gibt kein Zurück und inmitten des Nebels auch kein Voran mehr. Es gibt nur noch mich, der hier auf dem Steg sitzt, und eigentlich schon am Grund liegt. Immer mehr wird aus der Frage eine Konklusion. Das Ende des Spiels ist vorgezeichnet, die nächsten Züge sind erzwungen durch alles, was davor kam. Ich richte mich auf, streife mein schweißnasses Hemd von den Schultern, auch es brauche ich jetzt nicht mehr. Das Wasser ist klar, es ist rein.
„Armin!“
Der Schrei lässt den Wald erzittern. Der Vogel, der noch eben sein Requiem geträllert hat, flattert über den Wipfeln der Bäume davon. Ich wende mich um, sehe meinen Bruder aus den Büschen brechen. Die Ruhe in mir stirbt, sie wird ausgelöscht, erdrosselt von kaltem Zorn.
Wie kann er es wagen? Er hat mir die ganze Welt genommen und jetzt will er mir diesen Moment nehmen und schickt dafür meinen eigenen Bruder.
„Bleib weg von mir!“ brülle ich über den Steg und hasse ihn noch mehr dafür, dass ich selbst die sakrale Stille meiner letzten Ruhestätte stören muss.
„Bitte geh! Du kannst es nicht verhindern!“
„Komm schon Armin, lass uns nach Hause gehen!“ Das Gesicht meines Bruders ist geschunden, seine Hände sind mit Blut und Schmutz beklebt. Mit schwachen Schritten kommt er auf den Steg zu. Auch er streift seinen Mantel ab, als er den Steg betritt. Er hebt seine Arme und zeigt mir seine Handflächen. Sie sind mit Blut und Schmutz beklebt.
„Bitte, glaub mir, ich will dir nichts Böses. Lass uns darüber reden“
„Bleib weg! Keinen Schritt weiter!“ Ich höre meine Stimme beben, vor Zorn, vor Erschöpfung und vor Angst, Ben könnte diesen letzten Moment tatsächlich zerstören. In seinen blutunterlaufenen, mit aschfahlen Ringen bekränzten Augen sammeln sich Tränen. Sein Gesicht ist weiß, ich sehe die Krankheit darin, erkenne das Werk meines Verfolgers.
„Ich weiß, dass er dich geschickt hat!“
„Mich hat niemand geschickt, ich will dir helfen verdammt, du bist mein Bruder.“
„Wenn du mein Bruder bist, dann geh jetzt! Das ist die einzige Hilfe, die ich von dir will. Mach das hier nicht kaputt!“
Ich lese Unverständnis in seinem Gesicht, doch ich weiß, dass er nicht sieht, was ich sehe.
„Ich lasse dich hier nicht zurück!“ Er ist nähergekommen, er ruft nicht mehr, flüstert fast.
„Verstehst du es denn nicht? Die Krankheit. Es hat alles mit Micha angefangen. Dann Mutter, und alle anderen. Und jetzt du! Siehst du es denn nicht?“
„Nein, ich verstehe es nicht. Ich wurde von niemandem geschickt. Ich bin hier, um dich nach Hause zu bringen.“
„Ich habe kein Zuhause mehr. Ich habe gar nichts mehr, außer das hier. Bitte, nimm mir nicht auch noch das!“ Durch meine eigenen Tränen hindurch sehe ich seine Hand, wie er sie langsam auf mich zubewegt, nach mir greift.
„Fass mich nicht an!“ Ich brülle in Panik. Er darf mich nicht berühren, darf die Reinheit dieses Moments nicht zerstören. Ich stoße ihn zurück, doch bevor ich verstehe, was passiert, spüre ich den nassen Steg in meinem Rücken und blicke hinauf in das Gesicht meines Bruders. Seine Gesichtszüge sind jetzt hart, noch härter als seine Finger, die meine Arme auf dem Steg fixieren.
Ich höre meinen eigenen animalischen Schrei von der anderen Seite des Sees widerhallen, sehe nichts, spüre nur das Zittern des Zorns, spüre, wie sich mein Körper windet. Ich selbst liege schon lange am Grund des Sees, es ist eine leere Hülle, die ihre Fäuste in die Seite meines Bruders treibt, wieder und wieder, die ihn auf den Steg wirft, die sich auf ihn rollt. Ich spüre den Schmerz meiner Fäuste nicht, während sie auf seinen Kiefer treffen, sehe das Blut nicht, das an ihnen kleben bleibt. Ich spüre auch seine Hände nicht, wie sie mich zu greifen versuchen, schließlich selbst zuschlagen. Aus meiner Hülle tropft Blut auf das Gesicht meines Bruders, mischt sich mit dem, dass aus seiner Nase rinnt. Er hat den Moment zerstört, hat meine Hülle zerstört. Er hält meinen Körper umschlungen, dort oben auf dem Steg. Doch ich bin schon lange hier unten, wo es kalt und still ist. Kein Licht fällt auf den Grund des Sees, er ist gereinigt von allem Schmutzigen und Kranken.