Was ist neu

Hoffnung ist ein zerbrechliches Gut

Mitglied
Beitritt
20.08.2019
Beiträge
132

Hoffnung ist ein zerbrechliches Gut

Hoffnung ist ein zerbrechliches Gut

Angewidert schaute Inés um sich. Die zuckenden Leiber, die zu den Elektro Beats des DJs ihren Rhythmus fanden. Die Mädchen in ihren Minikleidchen, die ihre Hintern an den Schößen der Gäste rieben. Gierige Finger, begehrliche Blicke, schmutzige Berührungen, Worte voller Vulgarität. Herren in Anzug und Krawatte, die die Sau rausließen, nach Aufmerksamkeit lechzten, nach Macht dürsteten. Sie betrachtete die chromfarbene Bar, den Ventilator an der Decke, der die rauchgeschwängerte Luft durcheinanderwirbelte, die Gerüche nach Marihuana, Alkohol und Schweiß verteilte. Sie schüttelte sich, rieb sich über die Arme. Seit drei Jahren hielt Manolo Escobar sie im El Paraíso gefangen. Paradies, was für ein Name für ein Bordell. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner César machte er ihr das Leben zur Hölle. Wie sie seine Partys hasste. Nur noch eine Weile mitspielen, sein Vertrauen gewinnen, dann ergibt sich vielleicht die Chance auf Flucht.
Sie nahm sich ein Glas Champagner, ging nach draußen auf die Terrasse. Ihr Blick verlor sich in der Weite des Grundstücks. Um sie herum war nichts außer Himmel, Einsamkeit und Stille. Sie konnte nicht genug davon bekommen. Andächtig lauschte sie dem Zirpen der Zikaden, betrachtete den Mond, der hin und wieder durch die Wolkendecke blitzte und mit seinem silbrigen Schein alles verschönerte. Hoch über den Pinien kreiste ein Vogel. Sie bewunderte die ausgebreiteten Schwingen, die Eleganz des Flugs, die klaren Konturen, die sich im Licht des Mondes abzeichneten. Der Vogel stieß einen langgezogenen Laut aus, als würde er sich mit ihr unterhalten wollen. Wie gerne würde sie fliegen können. Wie gerne wäre sie frei.
Die Terrassentür wurde geöffnet, die Beats des DJs drangen hinaus in die Stille, mit der Ruhe war es vorbei. Sie schloss die Augen, schwang ihre Hüften, einfach nur für sich selbst. Ein kühler Luftzug streichelte ihre Haut, fühlte sich an wie eine Liebkosung.
Noch bevor er ein Wort sagte, spürte sie seine Präsenz. Im Zeitlupentempo drehte sie sich um, hob die Lider, starrte ihn an. Litt sie an Halluzinationen? Die nussbraunen Augen, das Grübchen am Kinn. Es musste eine Verwechslung sein. Doch in dem Moment, als er die Ärmel hochkrempelte und sie das Tattoo auf seinem Handgelenk sah, war sie sich sicher. Emilio, ihre Jugendliebe. Er war es. Er war hier. Im El Paraíso. Was hatte das zu bedeuten?
Wie ein Jäger, der seine Beute langsam umkreist und nicht aufschrecken will, kam er näher. Ihre Nackenhärchen richteten sich auf, das Herz hämmerte in der Brust als er vor ihr verharrte. Ihre Fingerspitzen fuhren über die Linien des Unendlichkeitssymbols. Sie biss sich auf die Lippe, trat einen Schritt zurück.
„Inés! Ich kann es nicht glauben. Endlich habe ich dich gefunden.“ Seine Blicke glitten über ihren Körper, verweilten auf ihrem Gesicht.
Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten. War es Erstaunen? Abscheu? Die Vergangenheit brodelte in ihr hoch. Sie erinnerte sich an die Magie, die zwischen ihnen bestanden hatte. An die Vertrautheit. Das Sicherheitsgefühl. Die Geborgenheit. Hatte der Zauber noch eine Chance?
Sie fixierte ihn, trank einen Schluck Champagner, um die Trockenheit in ihrer Kehle zu beseitigen. Wie schön wäre es, wenn er sie halten würde, wenn er sie streicheln würde, sie trösten würde, sie aus diesem Elend befreien würde. Doch da war eine Mauer zwischen ihnen. Eine Mauer voller Fragen.
„Hat es dir die Sprache verschlagen?“, fragte er kaum hörbar.
„Ja. Ich hätte nicht geglaubt, dich jemals wiederzusehen. Und schon gar nicht in einem Etablissement wie diesem. Willst wohl ein wenig Spaß.“
Er schüttelte den Kopf, setzte zu einer Erklärung an.
In dem Moment trat Escobar nach draußen, gesellte sich zu ihnen, legte Inés den Arm um die Schulter. Mr. Besitzergreifend, schoss es ihr durch den Kopf. Er muss sein Territorium markieren. Schlagartig befand sich ihr gesamter Körper in Alarmbereitschaft.
„Wie ich sehe, habt ihr euch bekannt gemacht. Was hältst du von Emilio Castillo, dem neuen Mitglied meines Imperiums?“
In ihrem Blick lag Verwunderung. Was hatte das zu bedeuten?
„Ich arbeite im Sicherheitsbereich“, erklärte Emilio schnell.
„Chef, kommst du bitte rein? Wir brauchen deine Hilfe”, rief Miguel, der Assistent von Escobar von drinnen.
Escobar lächelte und hob die Hände. „Ich bitte um Entschuldigung. Wie ihr seht, wird nach dem Hausherrn verlangt. Ich muss mich um die Gäste kümmern.“
Emilio nickte ihm zu.
Escobar hauchte Inés einen Kuss auf die Wange. „Kümmere dich um unseren Neuzugang. Er hat ein wenig Vergnügen verdient.“
Oh Gott, wenn er wüsste. Er darf nicht erfahren, dass ich Emilio kenne.
Sie wartete, bis Escobar im Haus verschwunden war, wandte sich Emilio zu, während sie die Nägel in ihren Arm grub. Ein Gefühl tiefer Ermattung überfiel sie. „Es ist lange her“, raunte sie und griff nach seiner Hand. Eine verstohlene Berührung. Ein kurzer Moment der Intimität.
Er entzog sich ihrem Griff. „Sei vorsichtig. Keine Vertraulichkeiten, solange wir unter Beobachtung sind. Er darf keinen Verdacht schöpfen.“
„Er hat mich eben gebeten, mich um dich zu kümmern“, erwiderte sie trocken.“ Ihre Hände krampften sich um das Glas.
„Shit! Ich kann mich kaum zusammenreißen. Wenn ich mir vorstelle, was die mit dir machen.“ Sein Gesicht lief rot an, die Augäpfel traten hervor. „Als César mir vor zwei Tagen die Modelkartei gezeigt hat, wärs mir fast hochgekommen. Shit“, fluchte er erneut. „Auf sowas kann man sich nicht vorbereiten.“
„Beruhig dich. Wieso arbeitest du für ihn? Du wolltest studieren. Bist du vom Weg abgekommen?“
„Nichts dergleichen. Ich habe mit meinem Jurastudium begonnen. Momentan sind Semesterferien und ich wollte die Chance nutzen, dich zu suchen. Ich bin deinetwegen hier. Du bist mir nie aus dem Kopf gegangen. Von einem Tag auf den anderen warst du verschwunden.“
Sie biss sich auf die Lippe. „Es ging so schnell. Ich hatte keine Chance.“ Ihre Stimme versagte, sie senkte den Blick.“
„Was zum Teufel ist damals geschehen?“
„Das lässt sich nicht in ein paar Minuten erklären.“
„Ich habe Zeit. Escobar wollte, dass du dich um mich kümmerst. Also…“ Er brach ab, sah sie herausfordernd an.
„Es ist die Hölle“, rutsche es ihr heraus. Sie driftete ab, war mit einem Mal im Folterkeller, ans Andreaskreuz gefesselt. Sie spürte die Rohrstockhiebe auf ihrer nackten Haut, hörte die Erniedrigungen, das höhnische Lachen. Mit Gewalt unterbrach sie den Strom ihrer Erinnerungen. „Hat die Polizei nach mir gesucht? Hat mich jemand als vermisst gemeldet?“
„Nein. Deine Eltern sind der Meinung, dass du frei sein wolltest. Dein Dad ist auf hundertachtzig. Er ist überzeugt, dass du dich mit deinem Bruder Xavier zusammengetan hat.“
Sie schluckte, kämpfte die Tränen herunter. „Scheiße!“ entfuhr es ihr. „Das glauben sie wirklich? Ich fasse es nicht. Alles nur wegen dem Streit.“
„Welchem Streit?“
„Kurz vor der Abschlussfeier. Papa hat mich genervt. Du weißt schon, weil er nicht wollte, dass ich auf die Uni gehe. Ich war voller Wut, habe ihn angeschrien. Meine letzten Worte waren, dass er mich nie wiedersehen wird. Wie hätte ich ahnen können, was dann passieren würde?“ Ihre Stimme wurde immer leiser. Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung, wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Mir war klar, dass du nicht freiwillig dein Bündel gepackt hast. Du hättest mich nie ohne Erklärung sitzenlassen. Und jetzt das. Du an diesem Ort.“
„Du kennst mich besser als meine Eltern.“ Jeder Nerv in ihrem Körper wollte sie dazu bringen, sich an ihn zu lehnen. Sie riss sich zusammen. „Wie hast du mich gefunden?“
„Ich hatte von Anfang an César in Verdacht, also habe ich mich mit ihm angefreundet, habe ihm etwas vorgespielt. Wann immer ich Freizeit hatte, habe ich Botengänge für ihn erledigt, ab und an eine Line mit ihm gezogen, ein paar Drinks gekippt. Ich wusste, dass er mich irgendwann zu dir führen würde. Wie du siehst, hat es funktioniert.“
„Unglaublich!“ Mehr brachte sie nicht heraus.
„Und jetzt will ich wissen, was passiert ist. Erzähl schon…“ Er legte den Kopf schief, sah sie an, Erwartung in seinem Blick. „Wenn du nicht willst, dass ich auf der Stelle ausraste und den Laden hier aufmische, dann pack aus.“
Sie unterdrückte den Impuls, ihn anzufauchen, um diesem Gespräch aus dem Weg zu gehen. „Später. Ich kann jetzt nicht“, wehrte sie ab. „Erzähl mir von meinen Eltern. Wie geht es ihnen?“
Schweiß lief ihm über das Gesicht, eine Zornesfalte bildete sich auf seiner Stirn, seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Himmel Hergott! Du machst es mir nicht leicht.“
„Ich bitte dich. Tue es mir zu liebe. Ich muss wissen, wie es ihnen geht.“
„Dein Vater ist schwer erkrankt. Er leidet unter einer seltenen Immunschwäche. Hat mit der Leber zu tun. Er kann sich kaum noch auf den Beinen halten, wird medizinisch betreut. Deiner Mutter geht es den Umständen entsprechend gut.“
„Und Xavier? Gibt es etwas Neues von ihm?“
„Nein. Keiner weiß, wo er abgeblieben ist.“ Er stockte, drehte sich in alle Richtungen. „Ich könnte dich sofort von hier wegbringen. Lass uns zur Polizei gehen.“
Sie rang um Worte. „Das kannst du vergessen. Sie würden uns auf der Stelle töten, und nicht nur uns. Auch unsere Familien. Escobar hat Kontakte in die höchsten Kreise. Politiker, Richter. Er schmiert sie alle. Du hast keine Ahnung.“
„Vergiss nicht, dass ich César zwischenzeitlich gut kenne. Es gibt immer einen Ausweg. Du musst nicht bleiben.“
„Du bist verrückt. Schau dich an.“ Sie legte den Kopf schief, ihr Blick verweilte auf seinem Gesicht. „Emilio Castillo unter all dem Abschaum. Du gehörst nicht an diesen Ort.“
Er zuckte mit den Schultern, ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Komm mit mir.“
Sie reckte ihr Kinn, sah ihm tief in die Augen. „Und wenn ich das nicht will.“
Er schluckte, griff sich an die Brust. „Du möchtest freiwillig bleiben? Das nehme ich dir nicht ab. Bist du etwa gerne deren Hure?“
Ihr Gesicht verhärtete sich zu einer Maske. „Hier fragt keiner nach meinen Wünschen. Schau mich an. Ich bin seine Ware, sein Besitz.“ Sie zog ihren Rock ein wenig höher, so dass er den Barcode auf der Innenseite ihres linken Oberschenkels sehen konnte. „Er hat mich gebrandmarkt. Dieser Mann wird mich überall finden. Ich will kein Leben voller Angst.“
Er griff nach ihrer Hand, hielt sie fest umklammert. „Wie hältst du das nur aus? Wenn ich mir vorstelle, was ihr hier treibt… Weißt du noch? Wie wir unser erstes Mal zelebrieren wollten?“
Sie schluckte, presste die Lider zusammen, riss sie wieder auf. „Es tut mir so leid. Ich musste mich anpassen. Nur so überlebe ich“, flüstert sie, entzog ihm ihre Hand. „Ich halte mich an seine Regeln, er vertraut mir jeden Tag ein wenig mehr. Stück für Stück wird er mir mehr Freiheit gewähren.“ Sie spürte, wie sich ihre Gesichtszüge bei dieser Lüge verhärteten.
Er griff nach ihrem Arm, zog sie an sich. „Das glaubst du doch selbst nichts. Mein Gott, Inés. Ergreif deine Chance. Jetzt. Ich bin gekommen, um dir zu helfen. Bitte nimm mein Angebot an.“
„Du glaubst immer noch an Märchen“, erwiderte sie leise. Ihre Beine waren wie Blei, am liebsten würde sie sich setzen, sich irgendwo festhalten, die Augen schließen. „Oh, Emilio. Ich schäme mich so“, seufzte sie. „Du solltest mich niemals so sehen. Als Escobars Hure. In diesen Klamotten, mit diesem Barcode, mit all den Make-up-Schichten.“
Eine Sekunde lang berührte er ihren Arm. „Wahrscheinlich hast du recht. Ja, ich gebs zu. Die Vorstellung ist widerlich. Fremde Männer auf dir, in dir. Ich wills mir nicht genauer ausmalen.“
„Ich bin nichts weiter als eine Nutte.“ Ihre Stimme brach, sie holte tief Luft, bevor sie fortfahren konnte. „Unsere Liebe hatte nie eine Chance.“
Hilfesuchend klammerte sie sich an ihrem Champagnerglas fest. Ihr wurde immer heißer, mit jeder Minute, die sie mit ihm verbrachte. Sie konnte die Distanz kaum ertragen, wollte ihren Kopf an seine Brust lehnen, seine Hände spüren, wie sie ihre Haare streichelten, ihre Schultern, ihr Gesicht. Reine Hände, die ihr Trost spendeten, ihr neuen Lebensmut einhauchten, nicht die Griffel eines Freiers, eines Sklavenhalters. „Ich bin froh, dich zu sehen. Mit dir reden zu können.“
Seine Finger glitten durch ihre schwarzen Locken. „Escobar ist nicht immer vor Ort. Wir werden uns unsere Momente stehlen.“ Seine Hand war so nah bei ihrer, nur wenige Zentimeter trennten sie voneinander. Der Zauber war noch nicht verpufft.
Mit einem Mal war da Hoffnung. Sehnsucht regte sich in ihr. Das Verlangen nach einem anderen Leben, einem anderen Ort, einem Ausweg. Die Wirkung des Alkohols breitete sich immer weiter in ihr aus. Die Welt war etwas farbenfroher, sie fühlte intensiver. Sie konnte nicht widerstehen, griff nach seiner Hand. Pure Elektrizität. Sie war kurz davor, die Fassung zu verlieren.
„Verlier die Hoffnung nicht, hörst du? Jetzt bin ich hier. Zwar noch auf der untersten Gehaltsstufe, aber ich werde meinen Job gut machen, werde die Strukturen dieser Organisation kennenlernen. Und dann wird der Tag kommen, an dem wir die Falle zuschnappen lassen werden.“
Er beugte seinen Kopf ein wenig näher zu ihr. Verdammt! Wenn er nicht aufhörte, würde sie sich an ihn lehnen. Hier und jetzt. Auf der Stelle. Ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Spannung lag in der Luft, sie kämpfte mit sich, musste die Kontrolle bewahren. Mit zitternden Händen zog sie einen Fächer aus ihrer Clutch, fächerte sich Luft zu.
„Ich werde dich retten. Und wenn wir außer Landes flüchten müssen. Nur wir beide. Irgendwo. Sonne… Sand… Meer…“
Sie rückte von ihm ab, war kurz davor, zu kollabieren. Schwer atmend trank sie den Rest Champagner in einem Zug. Sie holte eine Zigarette aus ihrer Clutch, zündete sie an. Der Rauch kräuselte sich träge. „Hör auf! Du machst mich ganz kirre mit deinen unrealistischen Träumereien.“
Seine Lippen näherten sich ihrem Mund, sie roch den Geschmack nach Minze, spürte die weiche Haut seiner Wange an ihrem Gesicht. Sie schluckte, biss sich auf die Unterlippe. Nein! Ich darf nicht. Ich kann nicht. Sie trat einen Schritt zurück. Das Glas fiel ihr aus der Hand, zersplitterte in tausend Stücke. Sie brachte keinen Ton heraus. Starrte ins Leere. „Du solltest jetzt gehen.“. Ihre Stimme klang eisig. Ich muss ihn von mir fernhalten. Ein Kuss, und es ist um mich geschehen. Ich kann es mir nicht leisten, mich zu verlieben. Wie soll ich meine Arbeit verrichten, wenn ich nur an ihn denke, nur ihn berühren will?
Er wandte sein Gesicht von ihr ab, das vor ein paar Sekunden noch gestrahlt hatte. Jetzt lag es im Schatten. Finsternis in seinem Blick. Die Schultern sackten nach unten.
Halt ihn auf! Sag etwas! Tu etwas! Steh nicht rum wie ein Zinnsoldat.
„Ganz wie du willst. Ich sehe mal nach meinen Kollegen“, sagte er monoton. Kein verführerisches Vibrieren mehr in seiner Stimme. Nur Enttäuschung. Mit hängendem Kopf ging er Richtung Tür.
Inés dachte nach. Warum ließ sie sich von Escobar immer weiter in seinen Abgrund ziehen? Warum ließ sie zu, dass da nichts Leichtes mehr war? Emilio konnte ihre Insel sein. Vielleicht konnte er sie vor dem Untergehen bewahren, vor dem Ertrinken. In letzter Sekunde griff sie nach seinem Arm. „Bitte verzeih. Du hast mich völlig überrumpelt. Ich bin überfordert. Aber versteh doch… Ich bin verkorkst. Sie haben mich entführt, halten mich gefangen. Und nicht nur mich, viele andere Mädchen ebenso. Du hast keine Ahnung, was hier abläuft.“
Ein leichtes Lächeln glitt über seine Züge. Sie verlor sich in seinen Augen, die Sehnsucht wurde überwältigend. Ein jäher Schmerz packte sie. „Es ist so viel passiert. Dinge, die nicht rückgängig gemacht werden können. Du verdienst Leichtigkeit, keine Komplikationen. Schlag dir das mit uns aus dem Kopf. Such dir eine Frau, die so strahlt wie du. Du kannst mich nicht retten. Geh zurück in deine heile Welt, bevor es zu spät ist.“
„Nein!“, raunte er. „Du kannst mich nicht von meiner Mission abbringen. Ich weiß, dass es unlogisch ist. Ich sollte dich hassen. Sollte das Weite suchen. Wer will schon eine Frau, die es mit weiß Gott wie vielen Typen getrieben hat…Aber ich kann nicht anders.“
„Das ist eine Nummer zu groß für dich. Was, wenn Escobar dich durchschaut?“
„Egal, was du sagst, du kannst mich nicht umstimmen. Ich gebe nicht auf.“
Sie sah ihn an, blickte durch ihn hindurch. Etwas ging in ihr vor. Sie hatte so viele Männer kennengelernt, aber keiner von ihnen hatte etwas Positives in ihr hervorgerufen. Nichts als Abscheu, Verachtung, Ekel und Hass. Warum fühlte sie diese Schwäche bei Emilio? Das mit ihm war kein Spiel. Nichts Unpersönliches. Er unterschied sich von all den anderen. Bei ihm konnte sie ihre Maske ablegen, konnte sich fallen lassen. Sie liebte ihn noch immer, und genau deshalb musste sie ihn von sich fernhalten. Um ihn zu schützen. Sein Leben war in Gefahr.
Sie straffte die Schultern, schaute ihn ein letztes Mal an. „Geh zu deinen Kollegen. Wir sehen uns“, sagte sie kühl, bevor sie sich von ihm abwandte, und an die Mauer der Terrasse trat. Sie lauschte auf seine Schritte, die Terrassentür wurde geöffnet, eine Sekunde lang hörte sie die Elektro Beats, die Tür fiel wieder zu. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, schloss die Augen. Tränen rannen über ihr Gesicht. Ein Moment der Schwäche, dann zog sie ein Taschentuch aus ihrer Tasche, trocknete sich die Tränen, schnäuzte sich die Nase, bevor sie ihm nach drinnen folgte. Ihr Pokerface war perfekt, ein strahlendes Lächeln, wiegende Hüften, kokettes Wimpernklimpern. Keiner würde erkennen, dass in ihrem Inneren gerade ein weiteres Stück zerbrochen war.
 
Zuletzt bearbeitet:
Mitglied
Beitritt
09.08.2020
Beiträge
20
Moin Silvita,

ich habe den Namen Escobar gelesen und war gleich in Kolumbien, aber um den berühmten Drogenboss scheint es gar nicht zu gehen, obwohl es weder bestätigt noch wiederlegt wird, trotzdem habe ich den Text gedanklich gleich da verortet. Klar, ist ein geläufiger Name im spanischsprachigen Raum, aber im Verbindung mit Bordellen und Verbrechensorganisationen denkt man doch irgendwie an Pablo Escobar, vielleicht kannst du ja am Anfang irgendwie deutlicher machen, dass es nicht um ihn geht.

Deine beiden Charaktere gehen ja auch gleich von 0 auf 100, da knistert es ja gleich sofort. Also wenn ich meine Jugendliebe in einem Bordell träfe, würde ich erstmal blöd gucken und wäre alles andere als begeistert. Vielleicht würde ich mich auch verstecken oder so, aber die beiden fangen ja gleich an zu tratschen und zu flirten, als wäre sie in einem Café an der Seine. Also das habe ich denen nicht so recht abgekauft.

Deine Dialoge sind auch größtenteils dazu da, Informationen an den Leser zu vermitteln. Es wird erklärt, wie es den Eltern geht, was der Emilo im Studium macht, was das so für eine Organisation ist, die er da infiltrieren will. Da sind haufenweise Informationen drin, und die beiden sprechen relativ förmlich miteinander und dann sprühen trotzdem link und rechts die Funken? Also die romantischen Einschübe kamen da schon plötzlich und sind nicht wirklich nachvollziehbar. Ich würde dem ganzen einfach mehr Zeit geben, vielleicht noch ein paar andere Szenen einbauen, den Emilio auch nicht so als strahlenden Ritter darstellen, sondern ihm auch ein paar Ecken und Kanten geben. Schließlich hat er ja auch kein Problem damit, sich in einem Bordell aufzuhalten und sich mit Verbrechern einzulassen, während er gleichzeitig Jura studiert.

„Jefe, puedes entrar, por favor? Aquí necesitan tu ayuda”, rief Miguel, der Assistent von Escobar von drinnen.
Sprechen die nicht theoretisch die ganze Zeit Spanisch? Warum hast du diese Sätze nicht "übersetzt"?

Keiner durfte sehen, wie sie innerlich ein weiteres Mal zerbrach.
Den letzten Satz verstehe ich nicht. Hat sie denn jetzt nicht neue Hoffnung geschöpft? Warum zerbricht sie sofort wieder?

Hoffe, du kannst ein bisschen was mit meinen Eindrücken anfangen.

Schönen Tag dir
 
Mitglied
Beitritt
26.01.2019
Beiträge
87
Hallo @Silvita,

du kommentierst eifrig, das ist nicht selbstverständlich bei Neuen, daher von mir schon mal ein großes Lob.
Ich habe allerdings wenig Lob für deine Geschichte im Gepäck. Nur so als Vorwahrnung. Sprachlich ist sie ein Overload an Adjektiven/Adverben/Klischees/Tell usw. Aber das ist Handwerk. Und Handwerk ist Trainingssache, aber man muss daran arbeiten wollen.

Thematisch ist das für mich ein No Go. Die Prota wurde entführt, gefangen genommen, vergewaltigt und muss jetzt anschaffen gehen und du beschreibst die Szenerie in der Eingangsszene so

Seit drei Jahren hielt Escobar sie im El Paraíso gefangen. Paradies, was für ein Name für ein Bordell. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner César machte er ihr das Leben zur Hölle. Wie sie seine legendären Partys hasste.
Sie nahm sich ein Glas Champagner, ging nach draußen auf die Terrasse. Ihr Blick verlor sich in der Weite des Grundstücks. Um sie herum war nichts außer dem endlosen Himmel, Einsamkeit und Stille. Sie konnte nicht genug davon bekommen. Andächtig stand sie auf der Veranda, lauschte dem Zirpen der Zikaden, betrachtete den Mond, der hin und wieder durch die Wolkendecke blitzte und mit seinem silbrigen Schein alles verschönerte. Hoch über den Pinien kreiste ein Vogel. Sie bewunderte die ausgebreiteten Flügel, die Eleganz des Flugs. Die klaren Konturen, die sich im Licht des Mondes detailliert abzeichneten. Der Vogel stieß einen langgezogenen Laut hervor, als würde er sich mit ihr unterhalten wollen. Wie gerne würde sie fliegen können. Wie gerne wäre sie frei.
Erinnert teilweise an einen Groschenroman, damit will ich dir nicht zu nahe treten, aber ich habe leider nicht das Gefühl, dass du viel recherchiert hast. Und ich habe nichts gegen Groschenromane, aber in meinen Augen wird hier etwas verherrlicht, was so nicht realistisch ist.

Zu den Dialogen hat @Steppenläufer schon einiges gesagt. Das sehe ich ähnlich.

Frag gerne, wenn ich mich unklar ausgedrückt habe oder du weitere Textbeispiele benötigst, oder oder oder ...

Lieben Gruß
Aurelia
 
Mitglied
Beitritt
23.07.2020
Beiträge
3
Hallo Silvia,
zunächst einmal hat mir der offene Anfang, der gerade genug verrät, um die Situation einzuordnen, recht gut gefallen . Viele Informationen werden erst im Verlauf der Geschichte gegeben. Ich persönlich mag es sehr gerne, wenn sich der Hintergrund langsam ergibt. Allerdings könnte der Inhalt noch etwas ausgebaut werden, wie @Aurelia schon treffend erklärt hat. Allgemein wirkte der Dialog noch an einigen Stellen etwas unnatürlich.
Ich kann dir niemals gerecht werden.
ist ein Beispiel dafür. Ich habe den Satz noch nie in einer Unterhaltung gehört, aber auch das kann sicherlich variieren. Trotzdem könnte man hier einen etwas gewöhnlicheren Ausdruck einbauen.
Es gab aber auch ein paar Sätze, die besonders gelungen sind.
Hilfesuchend klammerte sie sich an ihrem Champagnerglas fest.
Auch wenn der Ausdruck nicht selten ist, gefällt er mir in dieser Situation.
Sie bewunderte die ausgebreiteten Flügel, die Eleganz des Flugs. Die klaren Konturen, die sich im Licht des Mondes detailliert abzeichneten
Durch diese Sätze hat man gleich ein Bild im Kopf.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig helfen.

Viele Grüße
Victoria
 
Mitglied
Beitritt
20.08.2019
Beiträge
132
@Steppenläufer

Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, meine Geschichte zu lesen und zu kommentieren. Danke für den Hinweis mit dem Namen Escobar. Ich werde einen Vornamen einfügen, damit gleich klar wird, dass die Geschichte nichts mit dem berüchtigten Pablo Escobar zu tun hat.
Den Einwand kann ich verstehen. Ich denke jeder Mensch ist einzigartig und wir sollten nicht in Schubladen denken. Während sich eine Person vielleicht verstecken würde (wie soll sie das in der Szene? Er erwischt sie ja alleine draußen auf dem Balkon), ist die andere eher offensiv.
Vielen Dank für die Tipps zu den Dialogen. Da werde ich noch mal in mich gehen und das überarbeiten.
Ich danke Dir ganz herzlich für Deine hilfreichen Eindrücke.

@Aurelia

Auch an Dich ein herzliches Dankeschön fürs Lesen und Kommentieren.
Ich kommentiere für mein Leben gerne andere Texte und ich denke, in solchen Foren geht es um ein Geben und Nehmen.
Kein Problem, wenn Dir meine Geschichte nicht gefällt. Mit der Kritik kann ich Leben. Geschmäcker sind zum Glück verschieden. Keine Sorge, Du bist mir nicht zu nahe getreten. Alles gut.
LG Silvita

@Victoria
Auch an Dich ein dickes Dankeschön fürs Lesen und Kommentieren.
Ich werde den Text auf jeden Fall noch mal überarbeiten und Eure Tipps berücksichtigen.

Herzlichen Dank an alle für die Unterstützung.

LG Silvita
 
Mitglied
Beitritt
19.05.2006
Beiträge
483
Hallo Silvita!

Das ist eine flüssig geschriebene Geschichte, die leider an Adjektivitis und etwas Infodump innerhalb der Dialoge leidet. Ansonsten gefällt mir sowohl Sprachmelodie als auch Atmosphäre deines Textes. Schreiben kannst du, auch erzählen, das ist keine Frage, mithin die wichtigsten Eigenschaften eines Autors. Über Thematik kann man immer geteilter Meinung sein. ;)
Ein gescheiterter Fluchtversuch hätte mAn mehr Spannung und Dramatik, aber auch einen, um ein paar Seiten längeren Text mit sich gebracht. Das pessimistisch/hoffnungslose Ende wäre davon unberührt geblieben.
Ich habe deine Geschichte dennoch gerne gelesen.

Unterhalb ein paar Anmerkungen, nimm, was dir brauchbar erscheint.

Der Vogel stieß einen langgezogenen Laut hervor, als würde er sich mit ihr unterhalten wollen.
Er stieß einen Laut aus.
Oder: er brachte einen Laut hervor.

Doch in dem Moment, in dem er die Ärmel hochkrempelte und sie das Tattoo auf seinem Handgelenk sah, war sie sich sicher.
Kürzer: Doch in dem Moment, als er sich die Ärmel hochkrempelte, erkannte sie das (vertraute) Tattoo auf seinem Handgelenk.

Vorsichtig, wie ein Jäger, der seine Beute langsam einkreist
Ein Jäger kann niemanden einkreisen. Vielleicht: umkreist

Ihre Nackenhärchen richteten sich auf, ihr Herz hämmerte wild in ihrer Brust als er vor ihr verharrte.

Emotionen brodelten in ihr hoch.
Es können immer nur Emotionen in einem hochbrodeln.
Hier stellt sich die Frage: Welche?

hatte sich von dem introvertierten Knaben in einen attraktiven Mann entwickelt.
... vom ...
... zu einem ...

Mit seinem leicht gewellten, dunkelblonden Haar, den maskulinen Gesichtszügen war er ein echter Hingucker. Das mintgrüne Poloshirt, die verwaschenen Chinos, die Sneakers verliehen ihm einen sportlichen Look.
Diagnose: Adjektivitis
Therapie: streichen

Wie hätte ich auch ahnen können, was dann passiert?“
Im Dialog geht das an. Ansonsten müsste "passiert" im Konjunktiv stehen.

Seine Augen versprühten Funken.
Weglassen! Du schwächst damit den nachfolgenden Satz!

Der Alkohol breitete sich immer weiter in ihr aus.
Das ist natürlich Unsinn. ;)
Eher in Richtung "Wirkung" schreiben. "stärker", "fühlbarer" etc.

Pure Elektrizität. Pure Energie.
Beides dasselbe. Würde eines davon weglassen. Am ehesten ersteres.

Ganz sachte beugte er seinen Kopf ein wenig näher zu ihr vor.
Zu umständlich. Er beugte (bewegte) seinen Kopf näher zu ihr.

Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, schloss ihre Augen.
... die Augen.
Würde hier statt dem Komma nach Oberkörper ein "und" setzen.

Die Tränen rannen unaufhaltsam über ihr Gesicht
Kürzer: Tränen rannen über ihr Gesicht.

Keiner durfte sehen, wie sie innerlich ein weiteres Mal zerbrach.
Hier stören mich die Worte: durfte, innerlich, weiteres.
Ich denke, das ginge kürzer: Keiner sollte erkennen, wie es in ihr aussah.

Nette Grüße,
Manuela :)
 
Zuletzt bearbeitet:
Mitglied
Beitritt
19.07.2020
Beiträge
30
Hey @Silvita,
Eigentlich ist so viel Drama eher nix für mich, aber ich fand deine Geschichte ganz unterhaltsam. Von der Sprachmelodie war sie gut zu lesen. Doch ich muss mich meinen Vorrednern anschließen, was den Dialog angeht. Das ist mMn teilweise zu schwülstig. Lies es dir oder jemand anderen doch mal laut vor.
Ein bisschen sprunghaft war der gute Emilio ja schon oder? Mal kam er mir beleidigt vor und dann war er sofort wieder sanft und lieb.
Dann schreibst du, er hat grade Semesterferien, aber er erledigt schon länger Botengänge für Escobar? Wohnt er denn in der Nähe? Irgendwas passt da für mich nicht. Aber vielleicht irre ich mich ja auch.

Trotzdem hat mir der Text irgendwie gefallen und ich hab ihn gerne gelesen.
Aber du schreibst ja in einem anderen Kommentar, dass du noch mal überarbeiten willst, ich bin gespannt auf das Ergebnis!

Liebe Grüße
Sijo
 
Mitglied
Beitritt
20.08.2019
Beiträge
132
@Manuela K.

ich freue mich sehr, dass Du Dir die Zeit genommen hast, meinen Text zu lesen und zu kommentieren. Danke für die zahlreichen Tipps. Ich habe den Text jetzt nochmal überarbeitet, an einigen Stellen gekürzt und einige Adjektive ausgemerzt (das ist echt ne Schwäche von mir, ich stehe total auf Adjektive. Schlimm!). Es ist schön, dass Du meine Geschichte gerne gelesen hast.

@Sijo

Auch ein herzliches Dankeschön an Dich. Was die Dialoge angeht, habe ich die Anmerkungen von Euch beherzigt und versucht, dass besser/ glaubhafter zu gestalten. Ich hoffe, das ist mir gelungen. Ich freue mich, dass Du Spaß daran hattest, meinen Story zu lesen.

Ja, den Text habe ich überarbeitet und neu eingestellt. Ich hoffe, er ist jetzt besser.

Ich wünsche Euch allen einen schönen Sonntag.

LG Silvita
 
Mitglied
Beitritt
19.07.2020
Beiträge
30
Guten Morgen @Silvita ,
Also ich finde deine Überarbeitung schon viel besser. Die Dialoge klingen für mich überzeugender und ich kaufe ihr auch ihre Hoffnungslosigkeit gut ab.
Er entzog sich ihrem Griff. „Sei vorsichtig. Keine Vertraulichkeiten, solange wir unter Beobachtung sind. Er darf keinen Verdacht schöpfen.“
Da hattest du vorher "lass das", oder? Das hier klingt viel weicher und schöner. Vorher war es so schroff.
„Und wenn ich das nicht will.“
Ich lese das irgendwie als Frage.

Übrigens: Werden sie es schaffen???

Einen schönen Start in die Woche!
Liebe Grüße
Sijo
 
Mitglied
Beitritt
20.08.2019
Beiträge
132
Guten Morgen @Sijo ,

vielen Dank für die Rückmeldung. Schön, dass Du den überbeiteten Text gelesen hast. Ich freue mich sehr, dass der Text jetzt stimmiger ist.

Stimmt. Da hast Du Recht. Es fehlt das Fragezeichen.

Wer weiß? :)

Vielen Dank, ich wünsche Dir auch einen schönen Start in die neue Woche.
Liebe Grüßle,
Silvita
 
Mitglied
Beitritt
04.08.2020
Beiträge
14
Hallo Silvita,

ich habe gerade deine Geschichte gelesen und muss sagen, mir gefällt sie eigentlich ganz gut. Ich habe gesehen, dass du auch einiges schon überarbeitet hattest. Insgesamt wirkt alles schon recht "poetisch" und "ausgeschmückt", was ich allerdings nicht unbedingt negativ auffassen würde. Du kannst auf jeden Fall gut beschreiben, sodass zumindest bei mir im Kopf viele Bilder entstehen.

Inhaltlich finde ich es auch ein bisschen schwierig, dass Emilio scheinbar ziemlich "perfekt" ist und die ganze Situation ihm (abgesehen von seinen Stimmungsschwankungen) nicht wirklich zuzusetzen scheint. Müsste es nicht irgendwie wenigstens ein bisschen befremdlich sein, seine Jugendliebe in einem Bordell zu treffen?

Ansonsten habe ich deine Geschichte gern gelesen und hier nur noch ein paar kleinere Anmerkungen:

Die Vergangenheit brodelten in ihr hoch.
Hier ist ein "n" zu viel.

während sie die Nägel in ihr Fleisch grub.
Die Stelle hört sich für mich etwas seltsam an, vielleicht könntest du beschreiben, um welches "Fleisch" es geht, also eher ein Körperteil nennen oder so? Ist aber wahrscheinlich auch persönliche Geschmacksache.

Er bracht ab, sah sie hilfesuchend an.
Hier ist ein "t" zu viel.

Sie spürte die Rohrstockhiebe auf ihrer nackten Haus,
Hier müsste es wohl "Haut" heißen.

Reine Hände, die ihr Trost spendeten, ihr neuen Lebensmut einhauchten,
Meinst du tatsächlich "reine" Hände? Oder doch eher "seine" Hände?

Ein sanftes Lächeln glitt über seine Züge.
Hört sich für mich ein bisschen zu überzogen an, vielleicht findest du hier noch einen passenderen Ausdruck.

und genau deshalb, musste sie ihn von sich fernhalten.
Hier bin ich mir tatsächlich nicht sicher, da müsstest du ggf. nochmal nachschauen, aber in meinem Lesefluss hat mich das Komma irgendwie gestört.

So, das war's erstmal, ich hoffe, das hilft dir weiter.

Liebe Grüße,
Jojo
 
Mitglied
Beitritt
20.08.2019
Beiträge
132
@Jojoo

Liebe Jojo,

vielen Dank fürs Lesen und kommentieren.
Ich freue mich, dass Du meine Story gern gelesen hast.

Die Anmerkungen habe ich im Text übernommen und ich habe versucht, Emilio ein wenig unperfekter zu gestalten. Hoffe, das ist mir gelungen.

LG und einen schönen Tag,

Silvita
 
Mitglied
Beitritt
04.08.2020
Beiträge
14
Hallo @Silvita

super, dass du deine Geschichte noch einmal überarbeitet hast, auf mich wirkt das Gesamtbild schon viel stimmiger und Emilio auf jeden Fall realistischer. Gut gelöst!

LG, dir auch einen schönen Tag,
Jojo
 
Mitglied
Beitritt
20.08.2019
Beiträge
132
@Jojoo

Das ist schön! Da freue ich mich :thumbsup: Vielen Dank, dass Du nochmal drüber gelesen hast.

LG Silvita
 
Wortkrieger-Team
Beitritt
16.03.2015
Beiträge
3.094
Liebe Silvita,

das ist die erste Geschichte, die ich von dir lese.
Sie gefällt mir.

Hoffnung ist ein zerbrechliches Gut Hoffnung ist ein zerbrechliches Gut
Schau mal, du hast den Titel doppelt. Den im Textfenster kannst du getrost löschen.
Irgendwie klingt es nach Rosemarie Pilcher ... :shy:

Angewidert schaute Inés um sich.
Wie genau schaut sie denn, wenn sie angewidert ist?

zu den Elektro Beats
Elektrobeats

Die Mädchen in ihren Minikleidchen, die ihre Hintern an den Schößen der Gäste rieben. Gierige Finger, begehrliche Blicke, schmutzige Berührungen, Worte voller Vulgarität. Herren in Anzug und Krawatte,
ihren, ihre. Vielleicht: ... in Minikleidchen, die ihre ...

Ich habe mal was über Kameraführung gelernt. Das Hinein- oder Herauszoomen, das man auch in Texten verwenden kann / sollte.
Hier hast du Kleidchen, Hintern, Schöße, Finger, Blicke, Anzug und Krawatte.
Hier scheint es für mich zuerst ein Hineinzooomen zu geben, bis es dann ab den Fingern wiederum ein Herauszoomen auf Anzug und Krawatte gibt. War das so geplant?
Alles in Ordnung. Ist mir nur so aufgefallen.

Herren in Anzug und Krawatte, die die Sau rausließen, nach Aufmerksamkeit lechzten, nach Macht dürsteten.
Zeig uns doch, wie sie die Sau rauslassen, wie sie lechzen, dürsten.
Ein paar Details wären schön.

Sie betrachtete die chromfarbene Bar,
Ist die Farbe wichtig?

Sie schüttelte sich, rieb sich über die Arme.
sich, sich

Seit drei Jahren hielt Manolo Escobar sie im El Paraíso gefangen. Paradies, was für ein Name für ein Bordell. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner César machte er ihr das Leben zur Hölle. Wie sie seine Partys hasste.
Hm, ist für mich Infodump.
Das wird doch später sowieso quasi alles im Dialog wiederholt.

Hoch über den Pinien kreiste ein Vogel.
Hm, die Baumart ist im Detail genannt, der Vogel aber nicht.

Wie gerne würde sie fliegen können. Wie gerne wäre sie frei.
Den letzen Satz würde ich streichen. Braucht es nicht.

und sie das Tattoo auf seinem Handgelenk sah, war sie sich sicher. Emilio, ihre Jugendliebe. Er war es. Er war hier. Im El Paraíso. Was hatte das zu bedeuten?
Wie ein Jäger, der seine Beute langsam umkreist und nicht aufschrecken will, kam er näher. Ihre Nackenhärchen richteten sich auf, das Herz hämmerte in der Brust als er vor ihr verharrte. Ihre Fingerspitzen fuhren über die Linien des Unendlichkeitssymbols.
Fährt sie mit den Fingern über das Tattoo oder wo ist das Symbol?

Wie schön wäre es, wenn er sie halten würde, wenn er sie streicheln würde, sie trösten würde, sie aus diesem Elend befreien würde.
wäre, würde, würde, würde, würde
So gewollt?
Vorschlag: Wie schön wäre es, wenn er sie halten würde, sie streichelt, tröstet, sie aus diesem Elend befreit.

Sie biss sich auf die Lippe. „Es ging so schnell. Ich hatte keine Chance.“ Ihre Stimme versagte, sie senkte den Blick.“
Da ist ein Gänsefüßchen zu viel.

Also…“
Hast du öfter.
Leerzeichen vor den Auslassungspunkten, wenn das Wort komplett ist.
Ohne Leerzeichen nur, wenn das Wort unvollstän...


„Es ist die Hölle“, rutsche es ihr heraus.
Verstehe ich nicht. Wieso rutscht es ihr aus? Sie will ihm doch alles erzählen.

Er ist überzeugt, dass du dich mit deinem Bruder Xavier zusammengetan hat.“
Sie schluckte, kämpfte die Tränen herunter. „Scheiße!“ entfuhr es ihr. „Das glauben sie wirklich?
Er würde doch im wahren Leben nie Bruder sagen, sondern nur den Namen. Beide wissen doch, dass es ihr Bruder ist.
Vorschlag:
"Er ist überzeugt, dass du dich mit Xavier zusammengetan hat.“
Sie schluckte, kämpfte die Tränen herunter. „Scheiße!“ entfuhr es ihr. „Mit meinem Bruder? Das glauben sie wirklich?"

Tue es mir zu liebe.
zuliebe

„Und wenn ich das nicht will.“
Fragezeichen

Sie zog ihren Rock ein wenig höher, so dass er den Barcode auf der Innenseite ihres linken Oberschenkels sehen konnte. „Er hat mich gebrandmarkt. Dieser Mann wird mich überall finden.
Man hat ihr einen Barcode tätowiert? Aber damit kann man doch jemanden nicht überall finden. Dafür baucht man schon einen in den Körper verpflanzten Chip.

Sie konnte die Distanz kaum ertragen, wollte ihren Kopf an seine Brust lehnen, seine Hände spüren, wie sie ihre Haare streichelten, ihre Schultern, ihr Gesicht. Reine Hände, die ihr Trost spendeten, ihr neuen Lebensmut einhauchten,
Possessivpronomen-Overkill :Pfeif:

Und dann wird der Tag kommen, an dem wir die Falle zuschnappen lassen werden.
Ja, was denn jetzt? Gerade wollte er noch sofort die Polizei holen, nur verfolgt er einen Plan, der lange dauert?

„Du solltest jetzt gehen.“.
Ein Punkt zu viel.

Ein Kuss, und es ist um mich geschehen. Ich kann es mir nicht leisten, mich zu verlieben.
Sie liebte ihn noch immer,
Verstehe ich nicht. Sie liebt ihn doch. Wie soll sie sich da (noch) verlieben?

Ein relativ offenes Ende. Ich persönlich hätte mir einen Abschluss gewünscht. Z.B. dass Escobar (übrigens ein sehr geläufiger Name) ihnen gelauscht hat.
Du hast mit vielen Details und Sinnen gearbeitet. Finde ich gut. Einen Sinn hast du nicht drin: den Geruchssinn (oder ich habe das übersehen).

Schönen Abend und viele Grüße,
GoMusic
 
Mitglied
Beitritt
20.08.2019
Beiträge
132
Huhu @GoMusic ,

vielen Dank, dass Du Dir die Zeit zum Lesen und Kommentieren genommen hast. Ich freue mich, dass Dir meine Story gefällt. Danke für den Tipp mit dem doppelten Titel.

Lol. Rosamunde Pilcher. Ich fall gleich vom Stuhl. :)

Zitat GoMusic: Wie schaut sie denn, wenn sie angewidert ist?
Da muss ich schmunzeln. Hast Du noch nie jemanden gesehen, der angewidert war?

Was das Herein- herauszoomen von Texten angeht, davon hab ich noch nie gehört. Ich schreibe rein instinktiv aus dem Bauch raus.

Zitat GoMusic: Zeig uns doch, wie sie lechzten, dürsteten etc. Ein paar Details wären schön.
Da werde ich noch mal in mich gehen, ob ich das ausführlicher gestalte.

Zitat GoMusic: Hm. Ist für mich Infodump.
Das ist nur eine Kurzgeschichte, da wars mir wichtig, am Anfang in knappen Sätzen zu schildern, worum es geht, wo die Geschichte spielt. Ich geh noch mal in mich, ob es im Dialog reicht.

Zitat GoMusic: Die Baumart ist benannt, der Vogel nicht.
Den Baum kann sie erkennen, die Vogelart nicht (der Vogel schwebt hoch oben)

Zitat GoMusic: wäre, würde, würde, würde, würde
So gewollt?
Vorschlag: Wie schön wäre es, wenn er sie halten würde, sie streichelt, tröstet, sie aus diesem Elend befreit.

Ja, das ist stilistisch so gewollt.

Zitat GoMusic: Hast du öfter.
Leerzeichen vor den Auslassungspunkten, wenn das Wort komplett ist.
Ohne Leerzeichen nur, wenn das Wort unvollstän...

Danke für den Tipp.

Zitat GoMusic: Verstehe ich nicht. Wieso rutscht es ihr aus? Sie will ihm doch alles erzählen.
Sie ist hin- und hergerissen.

Zitat GoMusic: Man hat ihr einen Barcode tätowiert? Aber damit kann man doch jemanden nicht überall finden. Dafür baucht man schon einen in den Körper verpflanzten Chip.
Interessanter Einwand. Mal sehen, ob ich den Mädels einen Chip verpasse.

Zitat GoMusic: Ja, was denn jetzt? Gerade wollte er noch sofort die Polizei holen, nur verfolgt er einen Plan, der lange dauert?
Sie hat ihn ja davon überzeugt, dass es keinen Sinn macht, jetzt sofort zu reagieren/ die Polizei zu rufen, daher schwenkt er um. Mal sehen, ob ich da noch was Erklärendes einfüge.

Zitat GoMusic: Ein relativ offenes Ende. Ich persönlich hätte mir einen Abschluss gewünscht. Z.B. dass Escobar (übrigens ein sehr geläufiger Name) ihnen gelauscht hat.
Du hast mit vielen Details und Sinnen gearbeitet. Finde ich gut. Einen Sinn hast du nicht drin: den Geruchssinn (oder ich habe das übersehen).

Das Ende habe ich bewusst offen gelassen.

Den Geruchssinn hatte ich hier:
der die rauchgeschwängerte Luft durcheinanderwirbelte, die Gerüche nach Marihuana, Alkohol und Schweiß verteilte....
Vielleicht weite ich das noch aus, mal sehen.

Danke für die Anmerkungen. Die meisten hab ich im Text übernommen, ich werde alles noch mal sacken lassen und die Geschichte eventuell anpassen. :thumbsup:

Nochmals tausend Dank für das hilfreiche Feedback und ganz liebe Grüße,

Silvita
 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Neue Beiträge

Anfang Bottom