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Hochu naiti
Ich hatte gestern einen Traum. Wie in all meinen schlechten Träumen, bin ich wieder Teenager und lebe bei meiner Familie. Ein Zimmer; mein Platz; alles andere gehört den anderen. Wie oft im echten Leben sind meine Tante und mein Onkel zu Besuch in Deutschland. Meine Tante ist allgegenwärtig; am Reden, am Lachen. Mein Onkel ist im Bad und rasiert sich. Ich frage meine Tante aus, wann mein Onkel rauskommt, um mit mir zu sprechen. Wie so oft in diesen Träumen bin ich mental regressiert. Höchstens dreizehn. Sie vermeidet die Antwort. Ich höre, wie aus dem Bad gesungen wird. Eine männliche Stimme summt Volkslieder. Nicht die Stimme meines Onkels. Ich frage meine Tante immer und immer wieder, wann er rauskommt. Endlich gibt sie nach und antwortet, dass er gar nicht hier ist. Er ist nicht in Deutschland, er wurde am Flughafen in Petersburg aufgehalten, weil etwas mit seinen Papieren nicht stimmt.
Das Abbild meiner Tante ist verflogen, weg, ich bin angespannt. Ich stehe vor der Badezimmertür. Ich öffne sie. Dahinter ein zweifellos russischer Mann mit rasierter Glatze und speckigen, weißen Oberarmen, doch nicht mein Onkel. Er summt Alla Pugatschowa. Ich öffne meine Augen.
Ich schaue an die Decke. Ich bin nicht abergläubisch, und ich glaube nicht an Sternzeichen oder Omen. Trotzdem überwältigt mich das Gefühl, instrumentalisiert zu werden. Hoffnung macht passiv. Vielleicht gibt es ein Zeichen, nicht nur die Monotonie eines Bewusstseins, das den Zufall strukturiert. Vielleicht ist das Schicksal wirklich da; ein Weg, mit mir zu sprechen. Dann werde ich wach und die Einfältigkeit verfliegt.
Wie immer nach dem Aufwachen schnappe ich mein Handy, doch diesmal öffne ich Telegram statt TikTok. "Xotschu naiti Bot" – "Ich will ihn finden Bot". Der letzte Eintrag ist über 3 Monate her. Eine automatisierte Antwort auf eine automatisierte Anfrage. "Ihre Vermisstenanzeige eines Evgenij Tscharkov betreffend gibt es keine neuen Daten. Bitte sehen Sie davon ab, duplizierte Anzeigen zu veröffentlichen, das vergrößert nur die Bearbeitungszeit."
Ich drücke auf "Status erneuern" und beobachte das Textfenster dabei, wie es die selbe Antwortnachricht in den Verlauf einreiht. Keine neuen Daten.
Heute gibt es Thunfisch UND Hühnchen. Ein guter Tag, ich bin im Training. Seit Neujahr habe ich deutlich abgenommen und an Muskelmasse zugelegt. Mein Onkel hat mir beigebracht, wie wichtig es für einen Mann ist, zu trainieren, fit zu sein, an die Grenzen zu gehen. Wäre er doch nur zuhause geblieben, statt in den Krieg zu ziehen. Wir würden jetzt zusammen Hühnchen essen, statt uns zu schämen, für einander.