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Hunger
Erst als er zehn Fuß tiefer in den Wald vorgedrungen war, der das Land seiner Herren von den Besitzungen des Herzogs trennte, begriff er, dass der Pfeil seine linke Schulter durchbohrt hatte. Deutlich vernahm er das Bellen der Hunde, das Hufgetrappel, die Rufe der Männer. Sein Atem beschlug und er roch das Blut, den Schweiß und den Urin.
Vergebens suchte er nach einem Versteck. Hier hatten sie in Sommernächten nach der Feldarbeit geschlafen. Doch der Winter hatte alles entblößt. Und während sein Blick noch umherirrte, traf ihn ein zweiter Pfeil mit einer Wucht in den Rücken, dass er stöhnend auf die Knie sank. Unter Tränen hörte er das Nahen der Hunde. Schützend zog er Arme und Beine vor den Leib. Laub raschelte auf und Mäuler voller Zähne bissen nach seinem Arm und Oberschenkel. Über dem blutigen Schauspiel vor ihren Augen saßen die drei Herren zu Pferd. Es war in dem Augenblick, als der Mann unter dem Zerren der Hunde aufhörte zu schreien, als einer der Herren zufrieden in einen roten Apfel biss, dass einige Safttropfen zu den Seiten auf den schneebedeckten Boden fielen.
Mit einem weißen Tuch tupfte sich der Verwalter die Soße von den Lippen, ehe er ein weiteres Stück Fleisch vom Braten schnitt. Er dachte an die silbernen Münzen und das Geräusch, das sie im Beutel machten. Noch ein Bissen, dann erhob er sich, sah die Frau an, die offenkundig sein Weib war, und rülpste leise.
Das Maul des Pferdes fühlte sich weich an und sein Stallgeruch war dem Verwalter angenehm vertraut. Er streichelte dem Ross die Wange, hielt ihm einen Apfel vor und genoss den Anblick der danach tastenden Lippen. Das Kauen erinnerte den Verwalter wohlig an das Zertreten morschen Holzes. Er sattelte auf, presste Hacken und Beine sanft gegen den Pferderücken und trabte auf die Straße hinaus, die zu den Höfen der Bauern führte. An der Weggabelung entschied er sich für den ebeneren Weg, der oberhalb der bäuerlichen Gemarkung verlief. Den Herzoglichen Weg nannte er ihn, denn er fühlte sich wie ein Herzog und nicht wie ein Landherr, wenn er ihn im Galopp beritt. Ein Zischen. Ehe er verstand, flog der Verwalter vornüber, konnte die Arme nicht einmal vor sich werfen, fiel schmetternd auf Brust und Schulter. Ein Knacken, kaum lauter als das Brechen trockener Äste. Mit verschwommenem Blick sah er das tote Tier vor sich liegen, Münzen ringsum verteilt. Erst als sich ihm Gestalten näherten, entdeckte er das zwischen den Bäumen aufgespannte Seil. Er versuchte sich aufzurichten, die Beine gehorchten ihm nicht. Müde, faltige Gesichter beugten sich über ihn. Er sah den Hufschmied, den Vetter des Landarbeiters und einige ihm weniger bekannte Leute. Als er den Mund öffnete, setzte der Schmied einen Fuß auf die Stelle, wo ihm der Knochen aus der Schulter ragte.
Der Sohn des Zöllners und der Sohn der Landgräfin jagten sich die Böschung hinab zu den gefrorenen Flussläufen. Schweiß rann zu ihren Schläfen und an den rosigen Wangen herab, während sie durch den Schnee wateten, der hier tiefer wurde. Der Zöllnerjunge glaubte, sein Herz zerspränge, seine Kräfte versagten. Also ergab er sich, indem er sich die Arme vors Gesicht hielt. Eine Hand packte ihn am Gelenk und zerrte daran, bis er nachgab. Sie lachten. Dann presste ihn der Sohn der Landgräfin an den Fesseln in die Schneedecke und er leistete ihm nur so viel Widerstand, wie es ihm angenehm war. So lagen sie da und er fühlte seine kalte Hand auf der Haut und ihre Lippen berührten sich.
Im Galopp ritten die Männer über das Land, einander in Reihe hinterher, und ihre Schwerter blitzten in der Sonne. Ohne an Tempo zu verlieren hielten sie auf den Brückenkopf zu, der die östlichen Besitzungen mit den Ländereien der Gräfin verband. Der Zöllner sah sie von weitem herannahen und pfiff durch die Finger, um den jungen Knecht aufzuwecken. Als der nicht reagierte, zog er ihn am Ohr, und weil der Zöllner seit einem Jagdunglück verstummt war, zeigte er auf die Herren, um ihre Ankunft zu verkünden. Sofort sprang der Knecht auf, um die Seilwinde zu bedienen. Unter knarrenden Geräuschen rührten sich die Ketten der Zugbrücke und in dem Moment, als sie in der Bodenfassung versank, setzten die Pferdehufe auf. Ohne ihre Reihe zu verlassen oder den Zöllner zu grüßen, galoppierten die Herren hindurch und auf die Brücke. Schweigend beobachteten der Zöllner und sein Knecht den Zug.
Die Reiter hielten auf den Sitz der Fürstin zu, der sich als bewaldete Bergfestung vor ihnen aufbaute und sie mit steinernen Stufen in den Trab zwang. Knappen nahmen ihre Pferde und Schwerter entgegen und geleiteten sie zum Bergfried. Ein Vorsteher führte sie an den Wachen vorbei in den Tafelraum. Dort saß die Fürstin mit ihrem sabbernden Bruder, dem neuen Verwalter.
„Was gibt es Neues?“, fragte sie.
Die Herren verneigten sich formhalber, aber nicht allzu tief.
Einer von ihnen trat hervor. „Die Dörfer.“
In den Flammen und dem Rauch und dem Schreien und Töten kauerte ein Kind unter einem Kohlwagen. Es dachte an den Kohl und an nichts sonst. Nicht an Vater oder Mutter. Nur an das Knurren seines kleinen Magens. Als das Gefühl unerträglich wurde, trat das Kind aus seinem Versteck und auf das Schlachtfeld, das noch vor kurzem die Dorfstraße gewesen war. Noch ehe es auf den Kohlwagen geklettert war, schlug ein Pfeil ganz dicht neben ihm in einen der Kohlköpfe ein. Das Kind drehte sich nach dem Schützen um, doch er war nicht mehr zu sehen.