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Copywrite Ich komme klar

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Ich komme klar

Ich hatte ihn über eine Tanzpartnerbörse kennengelernt, wo er als Erster auf mein Gesuch antwortete. Blind verabredeten wir uns zu Tango. Als ich drinnen wartete, schaute ein Traum von einem Mann durch die Scheibe und ich winkte ihm freundlich zu. Groß, muskulös, ein Hintern, wie eine griechische Statue, Haare wie aus der Anti-Schuppen-Werbung. Er kam herein.
"Du bist Lydia?"
"Und du bist Jonny?"
"Woher wusstest du, dass ich das bin?"
"Wusste ich nicht ..."
Er hatte mein Foto über Google gefunden. Ich sagte ihm, dass er Physik studierte, denn auch ich hatte nach ihm gegoogelt. Wir lachten darüber, während wir zusammentrugen, was wir über den anderen herausgefunden hatten.
Als der Tangolehrer sagte: "Ihr dürft zu euren Tanzpartnern", jubelte ich: "Juchhu!"
"Jetzt müsst ihr euch trennen."
Ich gab ein enttäuschtes "Ohhh" von mir.
Der Tangolehrer lachte: "Nur ganz kurz."
Wenn ein Partnerwechsel angekündigt wurde, ging Jonny einmal im Kreis um mich herum und tat, als wäre ich eine neue Partnerin.

Seit der Trennung kann ich nachts kaum schlafen. Ich muss an ihn denken, wie er mit sanfter Stimme sagt: "Aber Azizam, ich sage das doch nur für dich. Wenn du mit mir kommst, wirst du sehr unglücklich werden und dann wirst du mich unglücklich machen und wir werden beide zusammen miserabel sein. Ich mache das, damit du glücklich sein kannst."

Wir trafen uns jedes Wochenende, um die Figuren zu wiederholen, die wir am Donnerstag im Kurs gelernt hatten. Jonny erzählte mir vom Iran. Sie seien dort so misstrauisch gegenüber Fremden, dass Ausländer keinen Job bekämen. Auch er würde Schwierigkeiten haben, da er nach Deutschland gekommen war, aber sein Vater würde ihm mit guten Beziehungen helfen.
Ich fragte: "In welchem Land willst du später mal leben?" Ich stellte mir vor, wie es für mich dort wäre, Kopftuch zu tragen und zu Hause zu sitzen. Das wäre nichts für mich.
Doch er antwortete: "Das mache ich nicht von mir abhängig", also dachte ich nicht weiter daran und genoss es, endlich jemanden gefunden zu haben, der genauso viel Blödsinn im Kopf hatte wie ich.
Nach dem Tanzen schauten wir zusammen Videos zu wissenschaftlichen Themen.
"Darf ich einen Arm um dich legen?"
Ich bejahte.
"Darf ich dich küssen?"
Nach unserem ersten Kuss lachten wir darüber, und scherzten, ob wir nun bei jeder romantischen Situation einen Vertrag schließen wollten.

Als ich nach der Trennung die ersten Male im Keller weinte, sammelte sich etwas Feuchtigkeit, bald stieg das Wasser. Ich dachte, ich müsste so lange weinen, bis keine Tränen mehr in mir übrig wären, doch es kamen mehr und mehr. Als ich das nächste Mal in den Keller gehen wollte, waren die Wände zusammengebrochen und ein See hatte sich in der Höhle gebildet, der bis an die unterste Treppenstufe reichte.

Da wir beide Sternengucker waren, schlug ich vor, ins Planetarium zu gehen. Über uns leuchtete die Sternenkuppel, da legte er die Jacke über meinen Schoß. Seine Hand wanderte darunter, zog den Reißverschluss meiner Hose herab, öffnete den Knopf. Streichelte vom Bauchnabel abwärts. Die Finger fanden den rasierten Schamhügel, doch zogen sich zurück, als hätten sie nichts Interessantes gefunden, zogen Kreise über den Unterbauch, nur um bald zurückzukommen, um sich zu vergewissern. Nein, doch nicht. Mit jeder Erkundung wanderten sie einen Millimeter weiter, doch niemals weit genug. Die Leute um uns her verfolgten den Vortrag, von dem ich kein Wort mitbekam.

Der See im Keller wuchs und wuchs. Bald fand ich einen unterirdischen Ozean vor. In der riesigen Höhle konnte ich das Ende nicht mehr sehen, Tränen bis zum Horizont. Da kam mir der Gedanke, dass ich damit nicht mehr fertig wurde.
Gegen den Druck des Wassers schob ich die Tür zu und drückte sie ins Schloss. Ich wollte diesen Ozean nicht mehr sehen, den ich keine Chance hatte, loszuwerden. Doch nachts zog es mich hinunter und das Wasser tropfte durch die Ritzen, während ich mich gegen die Tür stemmte.

Eines Tages entschied er: "Ich gehe in den Iran zurück" und fragte: "Kommst du mit mir?"
"Ja, ich komme mit dir", sage ich im Reflex.
"Was würdest du machen, wenn wir uns trennen?"
In meinen Gedanken drehte er sich um, verschwand in der Dunkelheit, kehrte niemals zurück. Das Bild, wie er mich verließ, drängte sich mir auf. Wenn ich meine Zukunft vor mir sah, in zehn Jahren, zwanzig, dreißig, würde er immer noch fort sein, all die Zeit ohne ihn, dann fing ich an zu weinen.
Er lachte wohlwollend. "Aber Ghorbunet, warum weinst du denn? Wir sind doch noch zusammen!"
"Ich kann den Gedanken, dich zu verlieren, nicht ertragen", schluchzte ich. "Und ich will auch nicht darüber reden."
Er lachte freundlich, diplomatisch, um mich zu beruhigen. "Antworte doch einfach, dann frage ich nicht mehr, versprochen."
Ich spürte in mich hinein nach der Antwort: "Ich würde eine zeitlang traurig sein, aber irgendwann komme ich damit klar."

Die Bretter sehen zu schwach aus, um dem Druck des Wassers lange standzuhalten. Tropfen sickern durch die feuchten Wände. Ich weiß nicht, was ich machen soll und stemme ein paar Bretter zwischen Tür und Treppe, um das Holz zu stabilisieren.

Eines Abends saß er vor dem Computer, zupfte an der Unterlippe, als er Artikel darüber las, wie Männer im Iran Frauen vergewaltigten. Er murmelte vor sich hin: "Fünfzehn auf eine Frau, zwanzig auf eine Frau, eine Vierzehnjährige, eine Zwölfjährige. Das sind keine Menschen, das sind Tiere!" Dann hörte ich Schreie aus einem Video von Liveleak, sah rhythmische Bewegungen von menschlichen Umrissen. Er drehte sich zu mir um. "Ghorbunet, ich will nicht, dass das mit dir passiert. Deswegen muss ich mich von dir trennen."
Ich schrie: "Nein!", als könnte das das Schreckensszenario davon abhalten, Wirklichkeit zu werden. Er setzte sich freundlich lächelnd zu mir, die Freundlichkeit, die er immer aus diplomatischen Gründen aufsetzte, und zeigte zum Computer. "Du weißt überhaupt nichts von dem Land. Da gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel, da fährt man bei anderen Leuten mit, aber man muss aufpassen, bei wem man einsteigt. Du hast keine Ahnung, kennst dich dort nicht aus und kannst nicht auf dich aufpassen."
In mir kreisten die Argumente. Ich kann das alles lernen. Wir können zusammenbleiben und du besuchst mich jeden Sommer. Lass uns noch eine Weile zusammenbleiben, wenigstens bis Ostern. Doch er sagte, er hätte schon seit Monaten darüber nachgedacht und es war die beste Entscheidung. Je früher, desto besser. Es würde nur schlimmer werden, je weiter er es hinauszögerte.
"Aber ...", erhob ich schluchzend Einspruch, "warum wolltest du dann eine deutsche Freundin haben?"
Er antwortete traurig: "Es tut mir leid, Azizam. Ich habe nicht nachgedacht."

Es ist so ungerecht, dass ich nicht mit ihm zusammen sein kann, weil irgendwelche Leute in seiner Heimat irgendeinen Scheiß machen.
Mit einem Tuch will ich den Teich vor der Kellertür aufwischen, doch es erscheint aussichtslos. Die Bretter beulen sich durch, die Nägel hängen straff an der letzten Faser.
Genug geweint. Am nächsten Tag rufe ich ein Bauunternehmen an, damit die Leute den Keller mit Beton ausgießen, zumindest die Treppe bis zur Tür. Ich packe alle Sachen, die mich an ihn erinnern, in einen Karton: die Hülle unseres ersten Kondoms, das Türschild mit unseren Namen und den Namen unserer Kinder drauf, die niemals existieren werden, den Zettel, auf dem er mir die persischen Schriftzeichen vorgeschrieben hat, die Tasche mit Rollen, damit ich nicht im Alter wie seine Mutter, die ihr Leben lang schwere Sachen geschleppt hat, die Knie kaputt habe ... den Karton werfe ich die Treppe hinunter, bevor diese zugeschüttet wird.

Die Tränen sind versiegt. Nun kann ich nachts wenigstens schlafen, doch die Welt erscheint mir grau und leer, einsam. Heute stehe ich auf der Betonplatte, es ist still und trocken. Das Leben geht weiter. Ich habe ihm versprochen, dass ich ohne ihn glücklich werde. Irgendwo da unten lauert der Ozean der Traurigkeit, doch ich bemerke ihn nicht.

 
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Kopie von Alles gut von @Nichtgeburtstagskind.

Begriffe:
Azizam: persisch Schatz, jemand, der geistig wertvoll ist
Ghorbunet: persisch jemand, den man so sehr liebt, dass man sich für ihn köpfen lässt, symbolisch gemeint

 
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Liebe @Jellyfish

da hast du mir aber ein vorweihnachtliches Geschenk zubereitet! Wie lieb von dir! Ich freu mich total über dein Copywrite. :herz:

Bei dir ist der volllaufende Keller das Bild für die negativen Gefühle. Auch sehr passend finde ich. Hier kann man alles, was man nicht fühlen möchte, auch noch wesentlich besser verstecken, als wenn man so eine Blase mit sich rumschleppen muss.

Eigentlich erreicht deine Protagonistin am Ende deiner Geschichte den Status, den meine am Anfang hat. Absolute Verdrängung. Obwohl ich das Gefühl habe, dass deine es wesentlich bewusster macht als meine. Bei beiden kann es auf Dauer nicht gut gehen.

Ich stemme mein Körpergewicht gegen die Kellertür, die sich in meine Richtung beult, halte ein Brett dagegen und nehme einen Nagel aus dem Mund, den ich mit kräftigen Hammerschlägen einschlage.
Diese erste Szene ist mir etwas zu comic-haft. Beult sich eine Tür wirklich vom Wasserdruck? Würde sie nicht eher knacken? Und wer steckt sich Nägel in den Mund? Ich würde sie ja in die Jackentasche oder so stecken.

Bis zu den Knöcheln stehe ich im kalten Nass. Ich trete zurück, betrachte mein Werk und hoffe, dass es hält.
Hier könnte es noch mehr Drama vertragen finde ich. Das Wasser ist schon zu spüren, das mag ich. Aber hat sie nicht Angst? Es ist doch mehr als nur Hoffnung, dass die Tür hält oder?

Bei meiner Oma gibt es Kaffee und Kuchen. Heute ist meine Tante zu Besuch.
Um das doppelte „meine“ zu vermeiden, vllt einfach: Heute ist Tante Lotte zu Besuch. Dann hat sie auch direkt noch nen Namen.

Lava strömt in meine Adern, die sogleich gelöscht wird vom Ozean in meinem Keller.
Hier hat der Ozean also etwas positives. Etwas besänftigendes. In dem Moment also eher positiv, obwohl sie das Wasser ja eigentlich beängstigend findet.

Nur mit Mühe kann ich das Brennen zurückhalten.
Woher kommt jetzt dieses Brennen noch, wenn alles gelöscht wurde? Im Bezug auf den darauffolgend Satz, vllt so etwas wie, dass noch in einer Ecke etwas schwelt oder so?

"Geht dich nichts an", fauche ich, um sie nicht anzuschreien.
Ich finde es voll gut, dass sie da etwas ausbricht. Also noch nicht komplett betäubt ist.

Ich frage mich nur, warum sie immer zu dieser schrecklichen Oma geht? Ist der Kuchen so gut? ;)

ich starre auf meinen Teller, während die Wut meine Gedanken lähmt und ausbrechen will.
Meine Tante mischt sich mit sanfter Stimme ein
Teilweise sehr viele „meine“. Vllt kannst du da nochmal drüberschauen.

"Wenn man auf eine nett gemeinte Frage so eine Antwort bekommt, muss man erstmal schlucken. Wir wollen doch nur wissen, ob es dir gut geht."
Oh, man, jetzt auch noch sie die Böse. Die anderen sind nie Schuld, die meinen es doch nur gut! :bonk:

Die unterdrückte Wut droht in Tränen auszubrechen. Ich werfe die Gabel mit einem lauten Kling auf den Teller und stürme hinaus. Muss nach Hause, der Keller läuft über.
Es ist schon verrückt, wie sehr man doch versucht, sich „korrekt“ zu benehmen, nicht „auszurasten“, obwohl einem andere Menschen immer wieder weh tun. Kein Wunder, dass so viele Menschen ihre Gefühle unterdrücken und versuchen, nach außen hin „normal“ zu wirken.
Das zeigt die Szene gut, finde ich.

Nachts kann ich kaum schlafen. Ich muss an IHN denken
Das finde ich einen krassen Übergang. Da würde ich mir etwas mehr Einleitung wünschen. Wie die negativen Gedanken von dem Nachmittag etwas in ihr freilegen, dass sie eigentlich verdrängen wollte.

Wenn ich meine Zukunft vor mir sehe, in zehn Jahren, zwanzig, dreißig, wird er immer noch fort sein, all die Zeit ohne ihn, dann fange ich wieder an zu weinen.
Das ist echt traurig. :(

Ich hatte ihn gefragt, in welchem Land er später leben wollte und er hatte geantwortet: "Das mache ich nicht von mir abhängig."
Den Satz verstehe ich nicht ganz. Weil er nicht selbst bestimmen kann, ob er bleiben darf oder abgeschoben wird?

Der See wuchs und wuchs. Bald fand ich im Keller einen unterirdischen Ozean vor. In der riesigen Höhle konnte ich das Ende nicht mehr sehen, Tränen bis zum Horizont.
Also sind hier die Tränen, die geweinten Tränen? Oder die, die sie nicht weinen kann, weil es einfach zu viele sind, weil es einfach zu viel Schmerz auf einmal ist, um ihn rauszulassen?

Eines Abends saß er vor dem Computer, zupfte an der Unterlippe, als er Artikel darüber las, wie Afghaner im Iran Frauen vergewaltigten.
Ich würde hier einfach bei „Männer“ bleiben anstatt die Nationalität zu nennen.

Er setzte sich freundlich lächelnd zu mir und zeigte zum Computer.
Irgendwie ist dieser Mann immer so freundlich und sanft, das wirkt total unnatürlich. Müsste er nicht auch geschockt sein und wütend, dass sie ihn nicht verstehen will?

Irgendwo da unten lauert der Ozean der Traurigkeit, doch ich bemerke ihn nicht.
Das wird nicht lange gut gehen …

Der Text beginnt mit einer alltäglichen Szene, am Ende geht es nur noch um IHN und Erinnerungen an IHN. Da würde ich mir eine stärkere Durchmischung wünschen. Wie wirken sich die Alltagssituationen auf die Erinnerungen aus und umgekehrt.

Mir kommt es so vor, als wäre der Schmerz, den deine Protagonistin ertragen muss, zu groß. Sie kann einfach nicht noch mehr Tränen weinen, noch mehr Schmerz ertragen und deswegen schließt sie ihn weg. Hoffentlich ist sie bereit dafür, wenn der Boden im Keller aufreißt.

Dein Text hat mir gut gefallen und es macht echt Spaß so ein Copywrite vom eigenen Text zu lesen! Vielen Dank dafür!

Liebe Grüße,
NGK

 
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Hallo @Jellyfish,

ich tue mich mit deinem Text schwer. Ich muss zugeben, beim Thema "Herzschmerz" habe ich auch schon eine grosse Grundskepsis, denn hier liegen Klischees herum wie Minen im Kriegsgebiet. Das heisst nicht, dass es nicht gelingen kann, das Herzschmerztextprojekt, aber es ist eben verdammt schwer, denke ich. Also los!

Schon die von dir gewählte Grundmetapher (Grund... wie passend), die ja schon fast eine Allegorie ist, wirkt für mich überstrapaziert - einmal vom Umfang her, dann aber auch inhaltlich-sprachlich. Du schreibst:

Meine Kehle schnürt sich zusammen. Lava strömt in meine Adern, die sogleich gelöscht wird vom Ozean in meinem Keller.

Der See wuchs und wuchs. Bald fand ich im Keller einen unterirdischen Ozean vor. In der riesigen Höhle konnte ich das Ende nicht mehr sehen, Tränen bis zum Horizont. Da kam mir der Gedanke, dass ich damit nicht mehr fertig wurde.
Gegen den Druck des Wassers schob ich die Tür zu und drückte sie ins Schloss. Ich wollte diesen Ozean nicht mehr sehen, der nie verschwinden würde. Doch nachts zog es mich hinunter und das Wasser tropfte durch die Ritzen, während ich mich gegen die Tür stemmte.

Irgendwo da unten lauert der Ozean der Traurigkeit, doch ich bemerke ihn nicht.

Ich gehe mal die Aspekte durch, die mir auffallen:

1. Ein Ozean ist das grösste aller Gewässer, also der Superlativ. Einen solchen Gipfel der Übertreibung sollte man meiner Meinung nach spärlich und pointiert verwenden.

2. Sie kämpft mit einem Ozean der Traurigkeit, weil ihr Freund sie verlassen hat. Tut weh, ist eine Momentaufnahme usw. Schön und gut. Aber welches Gewässer der Trauer wäre dann zum Beispiel zu wählen, wenn ihre gesamte Familie bei einem Flugzeugabsturz stirbt? Jetzt kann man sagen "whataboutism", aber ein Text schildert ja schon auch die objektive Welt - und da ist eine Trennung halt eher so *Schulterzucken - aus Lesersicht.

3. Ein Ozean, der in den Keller tropft ist inhaltlich schon so schief, wie etwas überhaupt nur schief sein kann, denn ein Ozean ist ja selbst ein riesiger "Ort", der unzählige Dinge und Orte beherbergt. Hier ist also ein riesiger Ort in einem winzigen Ort enthalten?

4. Dann die Wucht: Wie erst kürzlich an der Aar sehr klar geworden, halten Häuser nicht mal einem Bächlein stand, das stark anschwillt. Ein Bild einer Frau, die sich gegen einen Ozean stemmt, das hat schon sehr mythische Dimensionen. Hier fragt sich wieder: Rechtfertigt der Inhalt (Herzschmerz wegen einer Trennung) auch nur ansatzweise das Bild, das hier gezeichnet wird?

5. Dann passen für mich auch die Assoziationen nicht: Ein Ozean steht für Weite, für eine gewisse Ziellosigkeit und für Gefahr durch Sturm oder Ungeheuer aus der Tiefe. Für Letzteres steht aber auch ein Keller: Also lauert in den Tiefen des Kellers ein Ozean, in dessen Tiefen wieder etwas anderes lauert? Ok, nein, diese Deutung ist raus. Die Weite wohl auch. Bleibt nur das Bild von Wassermassen. Da bieten sich aber andere Phänomene wie Wellen oder eine Flut viel mehr an. Gegen die stemmt man sich aber weniger im Keller (dort würde man schippen und pumpen) als vielmehr mit Hilfsmitteln überirdisch (Damm, Sandsäcke, whatever ...) Der Ozean sollte meiner Meinung nach also geopfert werden.

Willst du hingegen den Ozean erhalten, denke ich, dass du den Keller und mit ihm auch das Bild einer Überflutung opfern solltest. "Sea of sadness" ist ja schon ein gängiges Bild: Man treibt ziellos und traurig auf einem Gewässer dahin und kommt nicht mehr ans Ufer. So etwas würde sich hier vielleicht anbieten.

Dann finde ich, dass die Gefühle der Protagonistin nicht recht in mir nachhallen - obwohl der ganze Text ja nichts anderes schildert. Ich glaube, das liegt daran, dass eben die Gefühle nur ausgesprochen werden, etwa hier:

Ich will ihr alles zubrüllen, dass die Alte mich jedes Jahr danach fragt, das letzte Mal am Telefon: Wann kommst du endlich unter die Haube? Und ich ihr gesagt habe, dass ich nicht will, dass sie mich das ständig fragt und sie damit aufhören soll, weil mir das weh tut und jetzt fragt sie wieder. Warum mischt sich meine Tante da überhaupt ein? Sie hat viele Jahre versucht, Kinder zu bekommen, doch es hat nie geklappt. Sie muss doch wissen, wie nervig diese Nachfragen sind. Nein, es geht mir nicht gut, wenn ich das ständig gefragt werde.

Hier wird im Grunde einfach ausgebreitet, was in der Frau vorgeht bzw. vorgehen soll. Aber miterlebbar wird das alles nicht - zumindest für mich nicht. Es wird sogar schon mit einer doppelten Wertung erzählt: Wir erfahren, was die Erzählerin denkt, und was die Oma denkt: "Wann kommst du endlich unter die Haube?"

Hier ist wirklich gar kein Interpretationsspielraum für den Leser, wie er sich zum Beispiel ergäbe, wenn geschildert werden würde, wie sich die Oma mit behutsamen Fragen zu all dem vortastet, guten Willen vorschiebt, Vorwürfen ausweicht, Bitten um anderes Verhalten geschickt pariert und so weiter.

Oder hier:

Eines Abends saß er vor dem Computer, zupfte an der Unterlippe, als er Artikel darüber las, wie Afghaner im Iran Frauen vergewaltigten. Er murmelte vor sich hin: "Fünfzehn auf eine Frau, zwanzig auf eine Frau, eine Vierzehnjährige, eine Zwölfjährige. Das sind keine Menschen, das sind Tiere!" Dann hörte ich Schreie aus einem Video von Liveleak, sah rhythmische Bewegungen von menschlichen Umrissen. Er drehte sich zu mir um. "Ghorbunet, ich will nicht, dass das mit dir passiert. Deswegen muss ich mich von dir trennen."
Ich schrie: "Nein!", als könnte das den Moment abhalten. Er setzte sich freundlich lächelnd zu mir und zeigte zum Computer. "Du weißt überhaupt nichts von dem Land. Da gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel, da fährt man bei anderen Leuten mit, aber man muss aufpassen, bei wem man einsteigt. Du hast keine Ahnung, kennst dich dort nicht aus und kannst nicht auf dich aufpassen."

Die Motivation des Ex-Freundes wird dem Leser einfach nur serviert: Er geht in den Iran, um Frauen oder Mädchen zu "retten", hat Angst um die eigene Freundin und "muss" sich deswegen trennen. Und sie kauft das?

Sein Verhalten ist irgendwie rein extern motiviert und scheint mir für den Leser plausibilisiert - und nicht für die Figur der Erzählerin. Der Freund entscheidet sich doch aktiv für all das. Warum entscheidet er sich so? Und warum interveniert sie nicht? Wir Menschen sind doch egoistisch und lassen uns nicht einfach mit pseudo-rationalen Erklärungen oder Gutmenschentum abspeisen, wenn es an unser eigenes Eigemachte geht.

Heisst: Ich bezweifle, dass es so laufen würde wie hier dargestellt - ein Mann sagt: "So, ich gehe jetzt in ein anderes Land und helfe dort fremden Leuten, aber du kannst nicht mit, denn das ist zu gefährlich." - "Alles klar, wie traurig, aber dann ist das so."

Jede Frau würde versuchen, es dem Mann auszureden, würde den Sinn seines Plans in Frage stellen, würde ihm Angst machen vor den Konsequenzen, würde versuchen, unbewusste, selbstsüchtige Motive von ihm aufzudecken, um ihm das moralische Wasser abzugraben usw. Und im Zweifel, wenn es wirklich so eine starke Liebe wäre, würde sie einfach nicht auf ihn hören und mitgehen - bzw. alleine dorthin fliegen, um ihm ihren Willen zu beweisen.

Ich glaube, und dann schliesse ich meinen Kommentar auch ab, weil eben seine Figur so blass bleibt, fühle ich mit ihr nicht mit. Denn es erschliesst sich mir als Leser gar nicht, warum er so toll sein soll bzw. was ihre Liebe ausmacht oder ausgemacht hat.

Sorry für die harte Kritik - wie gesagt, ich bin auch überhaupt nicht die Zielgruppe für dieses Thema :-) Aber vielleicht hilft dir mein distanzierter Leseeindruck ja trotzdem irgendwie weiter.

VG, HK

 
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Hallo @Nichtgeburtstagskind,

freut mich, dass es dir gefällt. :) Mich hat bei deiner Geschichte die Inspiration gepackt und ich fand, dass sich ein Ozean besser machen würde.

Ich stemme mein Körpergewicht gegen die Kellertür, die sich in meine Richtung beult, halte ein Brett dagegen und nehme einen Nagel aus dem Mund, den ich mit kräftigen Hammerschlägen einschlage.
Diese erste Szene ist mir etwas zu comic-haft. Beult sich eine Tür wirklich vom Wasserdruck? Würde sie nicht eher knacken? Und wer steckt sich Nägel in den Mund? Ich würde sie ja in die Jackentasche oder so stecken.
Stimmt, da habe ich übertrieben. Die Szene habe ich zwecks Schärfung rausgenommen.

Der Text beginnt mit einer alltäglichen Szene, am Ende geht es nur noch um IHN und Erinnerungen an IHN. Da würde ich mir eine stärkere Durchmischung wünschen. Wie wirken sich die Alltagssituationen auf die Erinnerungen aus und umgekehrt.
Ich habe stattdessen den Besuch bei der Oma rausgenommen. Wenn ich mir vorstelle, wie sie Frauen mit Kopftüchern neidisch betrachtet oder beim Anblick knutschender Pärchen zu weinen anfängt, sehe ich eine weitere Geschichte zum Thema Verarbeitung der Trennung. Hier versuche ich lieber, mich auf das Sinnbild zu fokussieren.

Ich frage mich nur, warum sie immer zu dieser schrecklichen Oma geht? Ist der Kuchen so gut? ;)
Ich bin mit dem Konzept von Anstandsbesuchen aufgewachsen und nicht auf die Idee gekommen, das zu hinterfragen oder einen Grund anzugeben, warum man ein Familienmitglied besucht.

Die unterdrückte Wut droht in Tränen auszubrechen. Ich werfe die Gabel mit einem lauten Kling auf den Teller und stürme hinaus. Muss nach Hause, der Keller läuft über.
Es ist schon verrückt, wie sehr man doch versucht, sich „korrekt“ zu benehmen, nicht „auszurasten“, obwohl einem andere Menschen immer wieder weh tun. Kein Wunder, dass so viele Menschen ihre Gefühle unterdrücken und versuchen, nach außen hin „normal“ zu wirken.
Das zeigt die Szene gut, finde ich.
Da sprichst du ja was an! Insbesondere, da sie der Oma am Telefon gesagt hatte, dass sie das nicht will, aber vielleicht hat sie es in ihrem Alter vergessen.

Wenn ich meine Zukunft vor mir sehe, in zehn Jahren, zwanzig, dreißig, wird er immer noch fort sein, all die Zeit ohne ihn, dann fange ich wieder an zu weinen.
Das ist echt traurig. :(
Danke, dass du das sagst. Ich finde das auch sehr traurig. Aber als ich die Geschichte in gekürzter Fassung im Englischkurs vorgelesen habe, kam keine Reaktion in der Richtung, das hat mich irritiert. xD

Ich hatte ihn gefragt, in welchem Land er später leben wollte und er hatte geantwortet: "Das mache ich nicht von mir abhängig."
Den Satz verstehe ich nicht ganz. Weil er nicht selbst bestimmen kann, ob er bleiben darf oder abgeschoben wird?
Das ist Teil des Missverständnisses. Ich hatte erst dazugeschrieben, dass die Protagonistin verstanden hatte, sie würde an der Entscheidung beteiligt werden. Jetzt steht der Satz in neuem Kontext und da er nicht die befürchtete Negativantwort ist, denkt sie nicht weiter drüber nach.

Der See wuchs und wuchs. Bald fand ich im Keller einen unterirdischen Ozean vor. In der riesigen Höhle konnte ich das Ende nicht mehr sehen, Tränen bis zum Horizont.
Also sind hier die Tränen, die geweinten Tränen? Oder die, die sie nicht weinen kann, weil es einfach zu viele sind, weil es einfach zu viel Schmerz auf einmal ist, um ihn rauszulassen?
Beides. Je mehr sie weint, desto trauriger wird sie. Die Gedanken an ihn machen sie traurig und sie weint. Im Weinen ist sie damit beschäftigt, an ihn zu denken und sich zu bemitleiden. Die Tränen bringen keine Erlösung, sondern werden zu einem eigenen Problem.

Eines Abends saß er vor dem Computer, zupfte an der Unterlippe, als er Artikel darüber las, wie Afghaner im Iran Frauen vergewaltigten.
Ich würde hier einfach bei „Männer“ bleiben anstatt die Nationalität zu nennen.
Danke für den Hinweis, habe ich rausgenommen. In den Kommentaren zu einem gewissen Video stand, die Iraner würden es selbst machen und ihre Verbrechen dann den Afghanern anhängen. Das Problem darin, eine Nationalität zu beschuldigen, ist also in Wahrheit noch größer und war in dieser kurzen Nennung irreführend.

Er setzte sich freundlich lächelnd zu mir und zeigte zum Computer.
Irgendwie ist dieser Mann immer so freundlich und sanft, das wirkt total unnatürlich. Müsste er nicht auch geschockt sein und wütend, dass sie ihn nicht verstehen will?
Ich denke mir, dass man mit einer negativen Reaktion rechnet, wenn man Schluss macht. Da muss man den geliebten Menschen, dem man gerade das Herz rausreißt, nicht noch anschreien.
Ich habe einen Hinweis eingefügt, dass er die Freundlichkeit aufgesetzt hat.

Mir kommt es so vor, als wäre der Schmerz, den deine Protagonistin ertragen muss, zu groß. Sie kann einfach nicht noch mehr Tränen weinen, noch mehr Schmerz ertragen und deswegen schließt sie ihn weg. Hoffentlich ist sie bereit dafür, wenn der Boden im Keller aufreißt.
Ja.

Danke für deinen Besuch. Man schreibt sich. :)


Hallo @Henry K.,

ich tue mich mit deinem Text schwer.
Dann danke ich dir besonders für die umfangreiche Rückmeldung!

Aber welches Gewässer der Trauer wäre dann zum Beispiel zu wählen, wenn ihre gesamte Familie bei einem Flugzeugabsturz stirbt?
Ich stelle mir das vor wie mit der Scoville-Skala für Schärfe. Irgendwann ist es einfach nur noch Schmerz. Gibt ja auch unterschiedlich große Ozeane.

3. Ein Ozean, der in den Keller tropft ist inhaltlich schon so schief, wie etwas überhaupt nur schief sein kann, denn ein Ozean ist ja selbst ein riesiger "Ort", der unzählige Dinge und Orte beherbergt. Hier ist also ein riesiger Ort in einem winzigen Ort enthalten?
Das ist die Magic des Genres "Seltsam". :)
Für mich ist der Keller ein Ort im Geist, daher passt auch ein Ozean rein.

4. Dann die Wucht: Wie erst kürzlich an der Aar sehr klar geworden, halten Häuser nicht mal einem Bächlein stand, das stark anschwillt. Ein Bild einer Frau, die sich gegen einen Ozean stemmt, das hat schon sehr mythische Dimensionen. Hier fragt sich wieder: Rechtfertigt der Inhalt (Herzschmerz wegen einer Trennung) auch nur ansatzweise das Bild, das hier gezeichnet wird?
Das hängt wohl davon ab, wen du fragst. Natürlich ist die Trennung eine Lapalie und genau genommen sogar etwas Gutes. Es eröffnen sich neue Möglichkeiten und der Prota bleibt erspart, ihr Heimatland zu verlassen und alles. Ihr persönliches Erleben sieht in dem Moment nur anders aus.

Bleibt nur das Bild von Wassermassen. Da bieten sich aber andere Phänomene wie Wellen oder eine Flut viel mehr an.
Dazu habe ich keine Inspiration, wie das funktionieren soll. Der Keller ist für mich wie das Unterbewusstsein, wohin man unliebsame Gedanken unterdrückt. Da kann man hingehen oder es bleiben lassen. Das Wasser kann auch das Fundament aufweichen und es besteht die Gefahr, dass das Haus einstürzt. Der Ozean befindet sich am gleichen Ort, im Keller. Eine Flut käme von außen, aber die Trauer spielt sich nur im Kopf der Prota ab. Die Flut kommt plötzlich und reißt alles mit, aber das empfundene Leiden der Prota dauert an. Der Ozean heißt, dass sie kein Ende ihrer Tränen sehen kann, dafür ist ein See zu klein.

Dann finde ich, dass die Gefühle der Protagonistin nicht recht in mir nachhallen - obwohl der ganze Text ja nichts anderes schildert. Ich glaube, das liegt daran, dass eben die Gefühle nur ausgesprochen werden, etwa hier:
Danke, das sehe ich ein, wenn auch die Szene mit dem Kaffeekranz mitlerweile rausgeflogen ist.

Ich glaube, und dann schliesse ich meinen Kommentar auch ab, weil eben seine Figur so blass bleibt, fühle ich mit ihr nicht mit. Denn es erschliesst sich mir als Leser gar nicht, warum er so toll sein soll bzw. was ihre Liebe ausmacht oder ausgemacht hat.
Hm, ich wollte ich hier fokussiert bleiben und habe lediglich mit den Gegenständen, die er ihr geschenkt hat, ein paar Hinweise eingestreut. Aber du hast recht, das ist ein wichtiger Punkt, damit die Trauer besser rüberkommt.
Ich habe nun Szenen aus ihrer Beziehung eingefügt, das sollte den beiden mehr Charakter geben und auch ihre Motivation bei der Trennung deutlicher machen.

Sorry für die harte Kritik - wie gesagt, ich bin auch überhaupt nicht die Zielgruppe für dieses Thema :-) Aber vielleicht hilft dir mein distanzierter Leseeindruck ja trotzdem irgendwie weiter.
Vielen Dank! Ich war erst verwundert, wie es sein kann, dass die Geschichte nicht wie erwartet ankommt, aber ich kann viele deiner Kritikpunkte nachvollziehen und hoffe, dass es nun nach umfangreicher Überarbeitung besser ist.

Viele Grüße
Jellyfish

 
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12.04.2007
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Die erste Zeit, die ich im Keller weinte, sammelte sich etwas Feuchtigkeit, bald stieg das Wasser. Ich dachte, ich müsste so lange weinen, bis keine Tränen mehr in mir übrig wären, doch es kamen mehr und mehr. Als ich das nächste Mal in den Keller gehen wollte, waren die Wände zusammengebrochen und ein See hatte sich in der Höhle gebildet, der bis an die unterste Treppenstufe reichte.

Ich komme klar
das hoff ich doch,

liebe jellyfish,

denn endlich mal eine ordentliche literarische Übertreibung jenseits allen Realismus’ und erst recht Naturalismus, wozu mich halbblinde und -taube Nuss noch ein Lesefehler gleich im ersten Satz mit „Geruch“ statt

Ich hatte ihn über eine Tanzpartnerbörse kennen gelernt, wo er als Erster auf mein Gesuch antwortete und den eigentlichen Gag find ich in Deinem literarischen Namen … Schön!
auf den sich ja fast alle Blinden und Taube(n) – natürlich neben dem Tastsinn – müssen verlassen können (meine Güte, das ist mal ein Trio aus Modalverben). [„Kennenlernen“ übrigens zusammen!] und dann gleich mit einem Perser aufwarten, wobei mir direkt einfällt, dass Kyros mit Sicherheit toleranter war als seine modern sich gebenden Nachfolger – immerhin beendete er die „babylonische“ Gefangenschaft ... und wurde wohl zum Modell für die Messias-Vorstellung ...

"Juchu!"
Juchhu oder juhu

Jonny erzählte mir vom Iran. Sie wären dort so misstrauisch gegenüber Fremden, dass Ausländer keinen Job bekämen. Auch er würde Schwierigkeiten haben, da er nach Deutschland gekommen war, aber sein Vater würde ihm mit guten Beziehungen helfen.
Warum wählstu für die indirekte Rede den Konj. II, der ja zwischen „unmöglich/Lüge“, „kann sein, muss aber nicht“, „wahrscheinlich oder doch eher nicht“, und Realität schwankt und „eigentlich“ Zweifel ausdrückt?
Da wäre Konj. I ein humanistischer Akt … „seien“, statt „wären“, aus dem „würde haben“ ein schlichtes „habe“, aus dem „würde helfen“ ein schlichtes „helfe“

Und warum hier immer noch

Ich stellte mir vor, wie es für mich dort wäre, Kopftuch zu tragen und zu Hause zu sitzen. Das wäre nichts für mich.
Das ist doch purer Indikativ, denn es ist ja nicht nur in der Vorstellung/Fantasie „nix für mich“

"Ich würde eine zeitlang traurig sein, aber irgendwann komme ich damit klar."
Zeitlang

Wir können zusammen bleiben und du besuchst mich jeden Sommer.
zusammenbleiben sollte zusammenbleiben ...

Am nächsten Tag rufe ich ein Bauunternehmen an, damit sie den Keller mit Beton ausgießen, zumindest die Treppe bis zur Tür.
"das" Unternehmen - sachlich sächlich

Ja, so'n bissken merkt man, dass Du Dich verpflichtet fühltest, rasch nachzuliefern.

Gleichwohl und wie dem auch sei, nicht ungern gelesen vom

Friedel,
der noch schöne fireTage wünscht!

 
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Moin, moin @Jellyfish, das kann ich voll vertsehen, diese Geschichte von @NGK mag ich auch sehr gerne und ich gebe auch gleich zu, dass mir das Original wegen der obskuren Blase noch etwas besser gefällt. Aber darum geht es hier ja garnicht, denn Du wirst doch konkreter als im Original, lässt mich als Leserin erkennen, was die Prota bewegt und so zur Verzweiflung führt. Ich mochte die erste Version, aber jetzt ist es "schärfer", direkter, deutlicher. Lass mich mal an den Zitaten entlanghangeln.

Ich komme klar
Passt, aber wenn es ein Wunschkonzert wäre, würde ich den Tränensee/Ozean/Wasser gerne wiederfinden ...

Groß, muskulös, ein Hintern, wie eine griechische Statue, Haare wie aus der Anti-Schuppen-Werbung.
Siehste @Morphin, sowas gehört in einen Frauentext (sorry, Insider aus Discord)

"Wusste ich nicht ..."
Er hatte mein Foto über Google gefunden. Ich sagte ihm, dass er Physik studierte, denn auch ich hatte nach ihm gegoogelt. Wir lachten darüber, während wir zusammentrugen, was wir über den anderen herausgefunden hatten.
Finde ich eine total süße Idee, wie das so ablaufen könnte (oder gar tut, ich bin ja noch aus Generation Disko. Insgesamt hats Du ein paar richtig schöne Ideen drin, mag ich wirklich sehr.
Heutzutage kann ich nachts kaum schlafen. Ich muss an IHN denken,
Gefühlt ist das zu allgemein, zu ... weiß nicht wie ich es benennen soll. Ein einfaches heute/jetzt/seit Wochen tut es nicht? Und gefühlt brauchst Du das IHN nicht in groß, Du zeigst sehr gut, worum es Deiner Prota so schlecht geht.

Aber mein Schätzchen
Echt jetzt? Sagt das jemand? Du hast so schöne persische Koseformen, warum nicht die, es erschließt sich doch.

Wir trafen uns jedes Wochenende, um Tanzen zu üben. Jonny erzählte mir vom Iran.
Es ist ein Tanzkurs? Also lernen sie tanzen, oder sie tanzen gemeinsam - sorry, ist wirklich kleinkram, aber ich finde das Wort "üben" langweilig".Und weißt ja, nur subjektive Meinung.

Nach dem Tanzen schauten wir zusammen TED-Talks.
Und was zum teufel ist das? Ich werde alt!

"Darf ich einen Arm um dich legen?"
Ich bejahte.
"Darf ich dich küssen?"
Nach unserem ersten Kuss lachten wir darüber,
Wie süß!

Die erste Zeit, die ich im Keller weinte, sammelte sich etwas Feuchtigkeit, bald stieg das Wasser
Hier würde ich auch konkreter sein. Wann begann sie zu weinen? Die Steigerung der Wassermenge finde ich hingegen gut, und für mich geht Ozean eindeutig in Ordnung!

Ich dachte, ich müsste so lange weinen, bis keine Tränen mehr in mir übrig wären, doch es kamen mehr und mehr.
Wahrscheinlich lese ich den Text anders, als Du. Für mich wäre hier ein"würde" sinnvoller, denn sie kann es ja nur erahnen. Die Pflicht zum Weinen gibt e sja nicht.

Die Leute um uns her verfolgten den Vortrag, von dem ich kein Wort mitbekam.
Hast Du schön dargestellt, ist ja immer heikel mit solchen Szenen.

Der See im Keller wuchs und wuchs. Bald fand ich einen unterirdischen Ozean vor.
Zwischen See und Ozean könntest Du noch eine Binnenmeer stecken, aber das nur als Spaß.

Ich wollte diesen Ozean nicht mehr sehen, der nie verschwinden würde.
Würde ich offener halten, sie kann es nicht wissen.

würde er immer noch fort sein, all die Zeit ohne ihn, dann fing ich fast an zu weinen.
hier dagegen fände ich Nägel mit Köpfen besser, das fast bringt es auch nicht mehr. Wie sagt @Fliege immer so schön, "lass sie leiden"

"Ich kann den Gedanken, dich zu verlieren, nicht ertragen", schluchzte ich und spürte in mich hinein nach der Antwort: "Ich würde eine zeitlang traurig sein, aber irgendwann komme ich damit klar."
Das geht mir tatsächlich zu einfach. Entweder will sie ihn nur trösten, es ihm leichter machen, dann müsste sie anders denken, als sprechen. Oder sie braucht mehr Zeit (ein, zwei Sätze mehr?), um es sich überhaupt vorzustellen.

"Ghorbunet, ich will nicht, dass das mit dir passiert. Deswegen muss ich mich von dir trennen."
Ja, die Fremdwörter passen doch, immerhin ist er Iraker.

"Nein!", als könnte das den Moment abhalten.
Falsches Wort? aufhalten, anhalten, verzögern ...

Ich kann das alles lernen. Du kannst auch hier Menschen helfen. Wir können zusammen bleiben und du besuchst mich jeden Sommer.
Das springt ganz schön, aber wahrscheinlich willst Du genau das zeigen, also lass es so.

erhob ich schluzend Einspruch
Tippfehler

Er antwortete traurig: "Es tut mir leid, Azizam. Ich habe nicht nachgedacht."
Das finde ich so schön, es sagt soviel. Aber hier nochmal andersherum. Mich hätte ja interessiert, warum Sie sich für einen Iraker entscheidet? Nur der Knackarsch ist es ja wahrscheinlich nicht. Es sind ja riesige Kulturunterschiede, aber dennoch muss e seinen Reiz ausüben, der geht hier (fast) völlig unter.

Ich kann nichts tun, nicht die Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen.
Noch so eine Stelle, wo ich Deine Wortwahl nicht verstehe, also wahrscheinlich anders lese, als von Dir gewollt. Er verlässt sie, aus seiner Sicht, um in der Heimat zu helfen, aber gleichzeitig, um ihr das Leben in der Fremde und Gefahr zu ersparen. Ungerechtigkeit kann ich nicht erkennen.

in einen Karton: die Hülle unseres ersten Kondoms, das Türschild mit unseren Namen und den Namen unserer Kinder drauf, die niemals existieren werden, den Zettel, auf dem er mir die persischen Schriftzeichen vorgeschrieben hat, die Tasche mit Rollen, damit ich nicht im Alter wie seine Mutter, die ihr Leben lang schwere Sachen geschleppt hat, die Knie kaputt habe
Ha, das ist echt Deine Stärke. Dieses Aufzählen von total schrägen Dingen, die ich ihr aber absolut glaube. Gefällt mir sehr.

Irgendwo da unten lauert der Ozean der Traurigkeit, doch ich bemerke ihn nicht.
Da es ja ihr Unterbewusstsein sein soll, kann Sie nur bewusst versuchen es zu verdrängen, es zu ignorieren, sich abzulenken. Doch so klingt es wieder recht absolut.

Viel Gemecker, aber meist nur mein Leseeindruck oder Unverständnis auf Grund anderer Erwartungen. Ich mag den Text, auch wenn ihm das mystische der unvorstellbaren Blase abhanden gekommen ist. Habe mich sehr gefreut, etwa svon Dir zu lesen.

Schönes Wochenende
witch

 
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Hallo @Friedrichard,

Jonny erzählte mir vom Iran. Sie wären dort so misstrauisch gegenüber Fremden, dass Ausländer keinen Job bekämen. Auch er würde Schwierigkeiten haben, da er nach Deutschland gekommen war, aber sein Vater würde ihm mit guten Beziehungen helfen.
Warum wählstu für die indirekte Rede den Konj. II, der ja zwischen „unmöglich/Lüge“, „kann sein, muss aber nicht“, „wahrscheinlich oder doch eher nicht“, und Realität schwankt und „eigentlich“ Zweifel ausdrückt?
Da wäre Konj. I ein humanistischer Akt … „seien“, statt „wären“, aus dem „würde haben“ ein schlichtes „habe“, aus dem „würde helfen“ ein schlichtes „helfe“
Ich habe diese Info aus dem Hörensagen nicht überprüft, aber okay, im Kontext der Geschichte macht sich Konjuntikv I wohl besser.
Im ersten Satz habe ich das geändert, aber die zwei weiteren drücken Futur aus: Wenn er irgendwann zurückginge, würde er Schwierigkeiten haben, aber jetzt noch nicht. Sein Vater würde ihm dann helfen, aber tut es jetzt nicht.

Ich stellte mir vor, wie es für mich dort wäre, Kopftuch zu tragen und zu Hause zu sitzen. Das wäre nichts für mich.
Das ist doch purer Indikativ, denn es ist ja nicht nur in der Vorstellung/Fantasie „nix für mich“
Das siehst du so? Ich finde schon, dass es reine Vorstellung ist, da sie nicht vorhat, dorthin zu gehen.

Am nächsten Tag rufe ich ein Bauunternehmen an, damit sie den Keller mit Beton ausgießen, zumindest die Treppe bis zur Tür.
"das" Unternehmen - sachlich sächlich
Hm, ich dachte, das wäre eine Überlagerung des natürlichen mit dem grammatischen Sachverhalt, so wie in "Penelope, die schönste der Weiber" aus Grimms Wörterbuch. Aber ich finde gerade keinen Beleg für die Pluralvariante, also habe ich "sie" durch "die Leute" ersetzt.

Ja, so'n bissken merkt man, dass Du Dich verpflichtet fühltest, rasch nachzuliefern.
Ich höre hier den Vorschlag heraus, weniger zu posten und mehr auf Qualität zu achten. Dabei lag die Geschichte zwei Monate herum und ich habe nichts mehr zu verbessern gefunden.

Friedel,
der noch schöne fireTage wünscht!

Danke, wünsche ich dir auch. :)

Hallo @greenwitch,

schön, dass du vorbeischaust!

Heutzutage kann ich nachts kaum schlafen. Ich muss an IHN denken,
Gefühlt ist das zu allgemein, zu ... weiß nicht wie ich es benennen soll. Ein einfaches heute/jetzt/seit Wochen tut es nicht? Und gefühlt brauchst Du das IHN nicht in groß, Du zeigst sehr gut, worum es Deiner Prota so schlecht geht.
Ah, danke. Das "heute" hieße für mich: Nur den heutigen Tag und ich fand "heutzutage" für den Zeitraum passender. Ja, mit dem Zeitraum geht es auch.

Aber mein Schätzchen
Echt jetzt? Sagt das jemand? Du hast so schöne persische Koseformen, warum nicht die, es erschließt sich doch.
Ja, das sagt jemand. :D
Okay, dann halt nochmal Azizam.

Wir trafen uns jedes Wochenende, um Tanzen zu üben. Jonny erzählte mir vom Iran.
Es ist ein Tanzkurs? Also lernen sie tanzen, oder sie tanzen gemeinsam - sorry, ist wirklich kleinkram, aber ich finde das Wort "üben" langweilig".Und weißt ja, nur subjektive Meinung.
Unter der Woche gehen sie zum Tanzkurs, am Wochenende treffen sie sich, um die gelernten Figuren zu wiederholen, zu "üben". Ich habe das mal deutlicher reingeschrieben.

Nach dem Tanzen schauten wir zusammen TED-Talks.
Und was zum teufel ist das? Ich werde alt!
Nein, nein, das ist nur in meiner Filterblase gebräuchlich. Das sind Vorträge, oft zu wissenschaftlichen Themen oder neuen technologischen Entwicklungen von der TED-Konferenz, die überall auf der Welt abgehalten wird.
Ich habe den Begriff durch eine Beschreibung ersetzt.

Die erste Zeit, die ich im Keller weinte, sammelte sich etwas Feuchtigkeit, bald stieg das Wasser
Hier würde ich auch konkreter sein. Wann begann sie zu weinen? Die Steigerung der Wassermenge finde ich hingegen gut, und für mich geht Ozean eindeutig in Ordnung!
Gute Idee.

Ich dachte, ich müsste so lange weinen, bis keine Tränen mehr in mir übrig wären, doch es kamen mehr und mehr.
Wahrscheinlich lese ich den Text anders, als Du. Für mich wäre hier ein"würde" sinnvoller, denn sie kann es ja nur erahnen. Die Pflicht zum Weinen gibt e sja nicht.
"Würde" heißt für mich, dass es einfach passiert. "Müsste" ist die notwendige Entscheidung, die Tränen rauszulassen, wenn man das Ergebnis anstrebt, die Trennung zu verarbeiten, insofern passt das für mich.

Ich wollte diesen Ozean nicht mehr sehen, der nie verschwinden würde.
Würde ich offener halten, sie kann es nicht wissen.
Okay.

"Ich kann den Gedanken, dich zu verlieren, nicht ertragen", schluchzte ich und spürte in mich hinein nach der Antwort: "Ich würde eine zeitlang traurig sein, aber irgendwann komme ich damit klar."
Das geht mir tatsächlich zu einfach. Entweder will sie ihn nur trösten, es ihm leichter machen, dann müsste sie anders denken, als sprechen. Oder sie braucht mehr Zeit (ein, zwei Sätze mehr?), um es sich überhaupt vorzustellen.
Okay.

Ja, die Fremdwörter passen doch, immerhin ist er Iraker.
Er ist aus dem IraN, das eine zeitlang Persien hieß. Bekannt für Teppiche, Erdöl und Safran, ein umstrittenes Atomprogramm und Zank mit den USA und Israel.

erhob ich schluzend Einspruch
Tippfehler
Ich schwöre, die Fehler erscheinen in den Geschichten, sobald jemand anderes draufguckt ...

Er antwortete traurig: "Es tut mir leid, Azizam. Ich habe nicht nachgedacht."
Das finde ich so schön, es sagt soviel. Aber hier nochmal andersherum. Mich hätte ja interessiert, warum Sie sich für einen Iraker entscheidet? Nur der Knackarsch ist es ja wahrscheinlich nicht. Es sind ja riesige Kulturunterschiede, aber dennoch muss e seinen Reiz ausüben, der geht hier (fast) völlig unter.
Was kann man von einem Traummann noch verlangen? Oh, ich weiß: Einen grünen Daumen hat er auch. ;) (scherz)
Ich habe versucht, die geistige Verwandtschaft anzudeuten, dass sie Interessen teilen und über den gleichen Blödsinn lachen. Die Gegenstände, die sie am Ende in die Kiste wirft, sollen zeigen, dass er sich gut um sie gekümmert hat. Ich hoffe, dass das für eine KG ausreicht.

Ich kann nichts tun, nicht die Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen.
Noch so eine Stelle, wo ich Deine Wortwahl nicht verstehe, also wahrscheinlich anders lese, als von Dir gewollt. Er verlässt sie, aus seiner Sicht, um in der Heimat zu helfen, aber gleichzeitig, um ihr das Leben in der Fremde und Gefahr zu ersparen. Ungerechtigkeit kann ich nicht erkennen.
Okay, ich habe es genauer beschrieben, was sie mit "Ungerechtigkeit" meint.

Viel Gemecker, aber meist nur mein Leseeindruck oder Unverständnis auf Grund anderer Erwartungen.
Hat mir sehr geholfen.

Vielen Dank für deinen Besuch!

Viele Grüße
Jellyfish

 
Seniors
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12.04.2007
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6.299

Nur ganz kurz,

liebe jellyfish,

ich schrieb

Warum wählstu für die indirekte Rede den Konj. II, der ja zwischen „unmöglich/Lüge“, „kann sein, muss aber nicht“, „wahrscheinlich oder doch eher nicht“, und Realität schwankt und „eigentlich“ Zweifel ausdrückt?
Da wäre Konj. I ein humanistischer Akt … „seien“, statt „wären“, aus dem „würde haben“ ein schlichtes „habe“, aus dem „würde helfen“ ein schlichtes „helfe“
worauf Du antwortest
Ich habe diese Info aus dem Hörensagen nicht überprüft, aber okay, im Kontext der Geschichte macht sich Konjuntikv I wohl besser.
Im ersten Satz habe ich das geändert, aber die zwei weiteren drücken Futur aus: Wenn er irgendwann zurückginge, würde er Schwierigkeiten haben, aber jetzt noch nicht. Sein Vater würde ihm dann helfen, aber tut es jetzt nicht.

Naja, „würde“ fürs schlichte Futur zu wählen hat schon was von Anglizismus, als das schlichte wird und werde - nur dass ein „would“ mehr bedeutet als „würde“.
Ich hoffe, Du glaubst zumindest nicht, dass es im Englischen keinen Konjunktiv II gäbe, denn sonst müsstestu schon in der ersten Zeile der Nationalhymne ein s vermissen, wenn es heißt „God save the Queen“ und nicht „God saves the Queen“, dann hat er sie nämlich gerettet.

Tschüss

Friedel

 

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