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Ich
„Frau Matzert, da sind Sie ja, wie schön!“ flötet Prof. Bär. „Mensch, herzlichen Glückwunsch, die Leute waren begeistert gestern Abend! Die meisten waren richtig enttäuscht, dass Sie so schnell weg waren nach dem Vortrag.“
Ich entledige mich mit einem herausgestoßenen Ausatmen der größten Anspannung und bringe ein Lächeln zustande. „Ja, tut mir Leid, ich hatte noch einen wichtigen Termin gestern.“
Mein Herz stolpert schon wieder, seit ich die Treppen in den dritten Stock hinaufgegangen war, um Bärs Büro zu erreichen. Ob das die viel zitierten Herzrhythmusstörungen sind? Noch während dieser Gedanke sich auf dem Boden der Angst niederläßt, geht das Stolpern in Rasen über. Atmen, Anna, ganz ruhig atmen! „Schön, dass der Vortrag gut ankam. Gab es denn auch Interessenten für entsprechende Förderungen?“ frage ich ruhig.
Bär grinst so breit, dass es beinahe die tiefen Runzeln glättet, die sein Gesicht durchziehen. „Jawoll!“ posaunt er. „Der Grebmeyer von diesem Verein zur Verbesserung sozialer Gleichstellung hat Spendierlaune angedeutet. Natürlich will er Ihr Konzept erstmal den Vereinskollegen präsentiert haben, für Laien verständlich, is’ ja klar. Können Sie da für morgen früh ’ne kleine Präsentation hochziehen?“
Bär tut einen Schritt auf mich zu und legt seine Hand auf meine Schulter. Ich erschaudere, dass die Gänsehaut Löcher durch meine Nylonstrumpfhose zu stechen scheint. „Kein Problem für Sie, nich’ wahr?“ „Nein, kein Problem, das schaffe ich“, presse ich unter erfrierendem Lächeln hervor und beeile mich, mein eigenes Büro nebenan zu erreichen.
Dort schreibe ich zuerst eine Mail an Sus. „Sorry Sus, Mittagessen wird heute ausfallen, Bär hat mir gerade eine Zusatzpräsentation aufgebrummt. Heute Abend auf einen Wein? Gruß, Anna.“
Mein Hals kratzt. In der Schreibtischschublade müssen doch … ja, dort, die Salbeibonbons.
Nach dem vormittäglichen Meeting der Arbeitsgruppe kann ich mich für den Rest des Tages ins Büro zurückziehen. Puls und Herzschlag beruhigen sich zusehends. Ich erstelle die Präsentation, lese die kurzen Pressemitteilungen Korrektur, erledige die übliche Korrespondenz per E-mail statt telefonisch. Nachricht von Sus. „Kein Problem. Der niedliche Soziologe hat sich beim Essen zu mir gesetzt ;-) Näheres gegen 21:30 bei Kitz!“
Acht Uhr, Feierabend.
Tür zu, endlich. Handtasche und Jacke in die Ecke. Die Einkaufstüte, es geht nur noch um die Einkaufstüte. Nicht um heute, nicht um gestern, nicht um morgen. Es gibt nur die Einkaufstüte. Und mich.
Alle Packungen raus aus der Tüte auf den Tisch, ein Löffel, ein Handtuch. Familienpackung Eis, zwei Tafeln Schokolade, zwei Packungen Kekse, eine Schachtel Pralinen. Und ich.
Wir machen es uns jetzt schön, vergessen für ein paar Momente die Welt, stillen den Hunger, füllen die Leere, diese verdammte Leere. Rein in die Leere. Schon nach ein paar Bissen lässt der Druck nach.
Verborgen im Gewand sich entspannender Muskeln, betäubter Ansprüche und entschleunigter Zeit, gesellen sich Ekel, Angst und Scham zur sämigen Süße. Da waren doch auch noch ein paar Tütensuppen im Schrank! Wasser aufsetzen. Nur umrühren. Und abwarten. Abwarten versüßen mit Schokolade-Vanille-Eiscreme und Nougatschokolade. Ein Glas Milch dazu.
Der Magen spannt bereits. Noch rein, was reingeht, bevor die beruhigende Fülle in seelenbeugendem Schmerz aufbegehrt. Tränen in den Augen. Suppe im Magen.
Ein kurzes Innehalten vor der Toilette, die Wiederholung der Niederlage. Niederlage auf Knien. Abschied vom Trost. Mein Magen entleert sich in die Toilette. Der Hals schmerzt, die Tränen laufen.
Aber in der Niederlage gibt es keine Niederlage. In der Niederlage bin ich Siegerin. Leer. Leerer.
Toilette putzen, Boden wischen, Zähneputzen, Gesicht waschen, umziehen, Geschirr spülen, Müll raus. Ich bin’s.
„Süüüüße, da biste ja, komm, setz’ Dich. Don Mantillón, ja?“
Sus strahlt. Ich nicke. Ich bin müde, mir ist schwindlig. Ich atme. Ich lächle. Sus erzählt vom Soziologen, strahlt, erzählt. Das aktive Zuhören habe ich mal in einem Coaching gelernt. Ich nicke Sus in regelmäßigen Abständen aufmunternd zu, kommentiere mit einem „Aha“ oder „Ach was“, wenn ihre Stimme sich auffällig hebt. Fange ihren Blick immer wieder ein, wenn meine Lider zu schwer zu werden drohen. Vor der Kulisse der Schilderungen über aufgeweckte Augen, intelligenten Humor und ähnlichen Literatur- und Weingeschmack des Soziologen frage ich mich für einen Augenblick, wie lange dieses Mittagessen gewesen sein muss, um all diese Facetten des Mannes zu enthüllen, bevor ich abschweife zu Bildern von sahniger Mousse und dampfendem Milchreis. Ob ich gleich noch mal zum Spätkauf …? Als Sus auf die Toilette verschwindet, bestelle ich ein Glas Wasser und spüle hastig die Vitamin-B-Komplex-Tabletten herunter. Die Fingernägel sind in letzter Zeit so brüchig geworden. Sus kommt lachend zurück. „Ach Anna, es ist toll, das mit Dir teilen zu können. Es ist verrückt, aber ich glaube, ich könnte mich in Jan verlieben!“
Als ich Sus in die leuchtenden Augen blicke, ersticken aktives Zuhören und aufgesetztes Lächeln an der daraus sprühenden Freude. Sus bemerkt es in ihrer Euphorie nicht, erleichtert die Bürde erlebten Glücks noch ein wenig mehr, bis sie gähnend nach der Rechnung verlangt. „Das war ein schöner Abend, Anna. Jetzt muss ich nach Hause, bin morgen zum Frühstück verabredet, mit Du weißt schon wem. Da brauch ich jetzt meinen Schönheitsschlaf!“
Küsschen rechts, Küsschen links. Lächeln, ein lebendiges und ein ersticktes. Auf dem Weg nach Hause laufen mir ein paar Tränen über die kalten Wangen. Was sollen diese Tränen? Woher die Trauer? Das Glöckchen über der Tür des Spätkauf bimmelt als ich eintrete. Durch die Gänge auf die Tiefkühltruhe zusteuernd weicht die Trauer der Leere und ich kann wieder atmen.
„Zwölf Euro fuffzig bitte, junge Frau. Und viel Spaß noch heut’abend!“
, aber ich möchte dennoch gerne versuchen darzustellen, was ich ausdrücken wollte: Die Kürze, Knappheit und Hintergrundlosigkeit der Zeilen sollen als Solches für die Auslöser einer Essattacke, die Empfindungen der chronischen Bulimikerin während des Anfalls und last but not least für ihre emotionalen Schwierigkeiten stehen, die zur Entwicklung der Erkrankung beitragen. Ich wollte ganz bewusst nicht über die Momentaufnahme hinaus, denn eine bulimische Attacke ist nur der Moment, wird als entscheidender, ausgedehnter, zugleich von Zeit und Raum dissoziierter Moment erlebt, als wäre der Mensch, die Seele, der Körper tatsächlich für die Dauer der Attacke von allem abgeschnitten, ähnlich einem Drogenrausch, wenn man so will. Für die kotzende Frau ist es genauso: Frau kommt nach Hause, isst, kotzt, fertig. Die Hintergründe, Konflikte und Motive bleiben ihr selbst in der Regel sehr lange verschlossen, sie ist Opfer der "erleichternden" Funktion des Essens und Erbrechens ohne zu wissen, weshalb sie es braucht. Den Menschen um sie herum bleiben die Aspekte hinter der Oberfläche in aller Regel ganz verborgen, oftmals wirken Betroffene über Jahre und Jahrzehnte nach außen ausgeglichen, erfolgreich, vielleicht sogar bewundernswert. Sie funktionieren, arbeiten, überlasten sich nicht selten, emotional verhungern sie dabei. Dann kommen sie nach hause, essen, kotzen, fertig. Morgen geht es weiter wie gestern. Die Identität reduziert sich mit den Jahren auf diese entfremdeten Aspekte.
der Weg zur ersten Zeile schon so aversiv? musste das Lied eben erst mal googlen, hatte bisher nie davon gehört
aber ich sehe Deinen Punkt, es gibt den offenkundigen Bezug zum Text nicht. Ich hatte damals so eine Phase, da fielen mir für einige (deutsche!) Geschichten spontan englische Titel ein, sie boten mir leichteren Zugang zu kurzen, dabei mehrdeutigen Begriffen.. knackiger, irgendwie.
) ... hm, aber ich bin gespannt, ob ich die Kritiken in Euren Augen zumindest ein wenig positiv umsetzen konnte 
