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Kamtschatka

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Anmerkungen zum Text

Triggerwarnung: Suizid
Ein erster Entwurf, wobei ich hoffe, es fallen nicht allzu viele Fehler an.
Kamtschatka: nordostasiatische Halbinsel, gehört zu Russland
Korjaken: die indigene Bevölkerung in Kamtschatka
Monolid: Auge, ohne Lidfalte, sprich die Art Augen, die man Ostasiaten zuschreibt
Petropawlowsk-Kamtschatski: die größte Stadt auf der Halbinsel Kamtschatka
Awatscha-Bucht: befindet sich bei Petropawlowsk
"Die Drei Brüder": Felsformation am Eingang der Awatscha-Bucht

Kamtschatka

Vor einigen Jahren war meine Katze Käthe gestorben. Von einem auf den anderen Tag hatte sie aufgehört zu essen und zu trinken und sich unter das Bett meiner Mutter zurückgezogen. In der Nacht schlief ich auf dem Boden neben ihr, um ihr Gesellschaft zu leisten. Käthe hat sich früher jede Nacht am Fußende meines Bettes zusammengerollt und im Traum hörte ich sie schnurren. Sie sollte nicht alleine sterben. Das wollte ich sie wissen lassen.
Am Morgen kam sie unter dem Bett hervorgekrochen und legte sich seltsam verdreht in die Mitte des Schlafzimmers. Ich dachte, sie müsse Schmerzen haben, meine Mutter dachte das auch. Ihr Ende war gekommen.
Wieder legte ich mich neben sie, um sie zu streicheln, während ich um sie weinte, meine Tränen liefen langsam an meinen Wangen runter. Mit einem Finger umrandete ich vorsichtig den herzförmigen Fleck auf ihrem Fell, der langsam verschwamm. Ich flüsterte ihr ins Ohr, dass ich sie immer lieb haben werde. Sie hat immer verstanden, wenn ich zu ihr sprach und sie antwortete manchmal sogar. Dies mal antwortete sie nicht, aber ich war mir sicher, dass sie das verstanden hat. Das Gehör ist der Sinn, der sich als letztes ausschaltet.

Ich saß in einem heruntergekommenen sowjetischen Plattenbau, in welchem eine Polizeistation war. Das Verhörzimmer war auch heruntergekommen, alt und kalt. Das lag an dem weiß-kühlen Licht, eine lieblose Neonröhre, welche von oben auf die Übersetzerin und mich erbärmlich schien. Die Wände waren bemalt mit weißer und klinisch hellblauer Farbe. An einigen Stellen an der Wand bröckelte der Putz schon ab, vielleicht hat jemand mal dagegen geschlagen oder einfach ein Zeichen der Zeit. Der Polizist hatte vor wenigen Augenblicken das Zimmer verlassen, um der Übersetzerin, mir und ihm selbst Kaffee zu holen. Meine Hände waren auf dem ollen kalten Metalltisch abgelegt, aber inzwischen war es warm an der Stelle, wo meine Hände lagen. Gegenüber von mir war der Stuhl, auf dem noch eben der Polizist saß, rechts von mir war das verspiegelte Fenster, hinter dem, wie ich vermutete, niemand stand. Zu meiner Linken saß die hübsche Übersetzerin. Sie war wirklich sehr schön, sie hatte lange honigfarbene Haare. Sie trug eine schöne Bluse, mit einem Ausschnitt, der genug von ihren Brüsten zeigte, um mehr erahnen zu können, und einen engen Rock, der vor ihren Knien endete. Durch sie wirkte der Raum ein wenig warm. Als sie bemerkte, dass ich sie beobachtete, lächelte sie mich kurz und unbeholfen an, ich lächelte zurück. Sie wandte daraufhin wieder ihren Blick ab, schaute auf ihren Notizblock, der auf ihrem Schoß lag. Wir schwiegen.
Der Polizist öffnete die alte quietschende Tür und kam mit drei Tassen herein. Zwei in einer Hand und die andere in der anderen Hand. Die Tür fiel hinter ihm wieder zu. Er hatte ein breites und flaches Gesicht, mit rasierten schwarzen Haaren und Monolid. Ich glaube, er war Korjake. Er stellte die erste Tasse vor der Übersetzerin auf den Tisch, die zweite vor mir und dann setzte er sich etwas fallend träge auf seinen Stuhl und hielt seine Tasse im Schoß. Er schaute mich und die Übersetzerin an, dann in seine Tasse und wiederholte dies.
Wir fingen an mit der Befragung. Er meinte, ich solle einfach drauf los erzählen. Als er das auf russisch sagte, klang das abwartend und ruhig. Kein Aufnahmegerät, nur ein Notizblock, auf dem der Polizist ab und zu etwas drauf schrieb, schon fast wie ein Psychotherapeut. Mir fiel auf, dass die Übersetzerin den gleichen Notizblock hatte.
Ich fing an darüber zu erzählen, dass ich in Petropawlowsk sei für eine Recherche, es ging um die Umweltkatastrophe 2020 in der Awatscha-Bucht, dass ich aus Deutschland komme, wie alt ich sei, wo ich genau wohne, für wen ich arbeite. Die Übersetzerin war sehr flink, unterbrach mich schon fast. Der Korjake hatte bloß genickt. Sie schaute ihn an, nahm das Nicken auf, und gab es an mich weiter. Ich schwieg kurz, denn ich versuchte alles in meinem Kopf aufzusammeln. Die Erinnerung an seinen Anblick tat weh. Ich nippte von meinem Kaffee, welcher scheußlich schmeckte. Unfassbar sauer und bitter. Ich begann.
Ich sah ihn hier öfters. Einmal saßen wir gleichzeitig in einer Teestube, ich trank Kaffee und er hatte Tee getrunken. Er bewegte sich ziemlich zügig und zielgerichtet, wenn er über die Straßen lief, man merkte, dass er aus einer Großstadt kam. Er stach auch sehr hervor durch seine Klamotten, sehr europäisch-modisch. Aber auch was anderes machte ihn auffällig; er sah traurig aus und abgeschlossen. Eigentlich wollte ich ihn ansprechen, aber ich habe mich nicht getraut. Ich dachte, wenn ich ihn angesprochen hätte, wäre es so gewesen, als hätte ich was geöffnet, was eigentlich zu bleiben sollte. Ich schaute ihn mir gerne an, immer wenn ich ihn sah. Ich sah ihn jeden Tag, an unterschiedlichen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten, als seien wir verbunden. Ganz komisch. Ich pausierte kurz, aber ich merkte, wie ergriffen ich war von ihm. Wenn ich über ihn redete, fühlte es sich so an, als hätte ich ihn schon ewig gekannt.
Die Übersetzerin tat ihre Übersetzung, ich fuhr fort. Das erste Mal, als er mir aufgefallen ist, war in Moskau. Dort saßen wir im gleichen Wartebereich, denn wir mussten 11 Stunden auf unseren Anschlussflug nach Petropawlowsk warten. Er ist mir erst dort aufgefallen, ich hätte aber nicht gedacht, dass ein so junger Mann nach Kamtschatka fliegen würde. Er war vielleicht 20 Jahre alt, ein Alter, wo man eher nach Istanbul, Paris oder so fliegt, wo viel Leben ist. Das machte ihn aber interessanter, dass er alleine hierher flog, es war so deplatziert und unpassend. Ich hab mich ab und zu umgesehen nach ihm, als wir da saßen, gemeinsam aber entfernt voneinander. Er saß nur da und hörte Musik, schaute mit leerem Blick vor sich. Ab und zu holte er ein Buch hervor aus seinem Beutel, las kurz, packte es wieder weg, als könne er sich nicht konzentrieren. Es war auch ein kompliziertes Buch, jemand erzählte mir schon mal davon, ich glaube es war irgendwas Philosophisches oder sowas in die Richtung. Mal verschwand er auch, kam dann aber wieder. Er versuchte auch einmal zu schlafen. Als ich dann realisierte, dass er das gleiche Ziel hat wie ich, war meine Aufmerksamkeit vollkommen auf ihn gerichtet und irgendwie wollte ich auf ihn aufpassen.
Die Übersetzerin unterbrach mich mit einer leichten Geste und sagte zart mit Akzent zu mir, dass sie jetzt gerne übersetzen würde. Ich nickte ihr gekünstelt lächelnd zu. Mich verwunderte, dass der Polizist alles nur aufnahm und nicht fragte, aber er notierte Dinge auf seinem Block.
Der Korjake sagte, ich solle bitte nun dazu kommen, wie ich den jungen Mann gefunden hatte.
Ich stand früh auf, so um circa fünf Uhr, um Joggen zu gehen und um den Sonnenaufgang am Eingang der Awatscha-Bucht zu sehen. Ich stellte mir dieses Bild sehr szenisch vor, wie die Sonne aufgeht und dort die „Drei Brüder“ im Wasser stehen, die Felsformation. Unsere Unterkunft ist in der Nähe des Eingangs der Bucht, von mir und meinem Übersetzer. Er half mir bei der Recherche. Jedenfalls machte ich mich auf den Weg, trug entsprechende Kleidung, denn es war sehr kalt. Nach dem ersten halben Kilometer wurde mir etwas wärmer. Ein wenig später war ich am Eingang angekommen, blieb stehen und realisierte, dass ich zu schnell war. Ich musste lange noch auf die Sonne warten. Ich streifte also am Ufer der Bucht entlang, lief mal auf dem Weg oder auf dem schmalen Streifen Kieselstrand. Desto weiter ich lief, fiel mir in der Ferne auf, dass dort etwas am Strand lag. Ich unterbrach mich selbst, so dass die Übersetzerin das tun kann, was eine Übersetzerin tut. Sie beeilte sich. Während sie redete, dachte ich daran, wie ich ihn dort am Strand entdeckte, ganz regungslos. Ich fing wieder an zu sprechen.
Ich nährte mich langsam an. Als ich verstand, dass ein Mensch dort lag, blieb ich wie angewurzelt stehen. Es fühlte sich wie eine halbe Ewigkeit an, ehe ich mich weiter voran traute.

Der Kiesel unter meinen Schuhen machen jeden Schritt unsicherer. Es ist stockduster und furchtbar kalt. Eigentlich hätte ich frieren sollen, aber ich tat es nicht. Die Tränen stehen mir in den Augen, als seien sie das letzte, was aus mir raus kommt. Irgendwann halte ich und setze mich auf den Kiesel. Die drei riesigen dunklen Felsen kann man gerade so in der Ferne sehen, sie verschwimmen mit dem etwas helleren Hintergrund. Es ist doch nicht mehr so dunkel, ich kann ein wenig sehen. Die Musik, die auf meinen Ohren läuft, hörte ich nicht mehr.
Die Kieselsteine tun mir weh. Ich ziehe meine Jacke aus, um mich drauf zu setzen. Ich nehme vorher die Schachtel aus meiner Jackentasche heraus. Ich öffne die Schachtel und nehme eine Palette raus, drücke jede Tablette aus ihrer Kammer und schütte alle in meine Hand. Ich hoffe, dass das reicht. Ich greife nach der Wasserflasche, die aus meinem Beutel ragt.
Mein Mund ist voll. Die Flasche setzt an und die Tabletten schwimmen nun in Wasser. Ich schlucke mehrmals.
Ich beiße mir weinend in den Arm, krümme mich vor Scham.
Ich leg mich auf meine Jacke, genauso wie ich mich ihm gerne zeigte. In mir war nur noch wenig Kraft übrig. Ich werde von Innen heraus zerfressen. Ich hatte einen Akt von mir für ihn gemalt, in genau dieser Pose. Ich hörte die Musik wieder auf meinen Ohren, ein schönes Lied. Ich will es ihm zeigen. Ich will ihm alles von mir zeigen. Jede Stelle meines Körpers, jede Phantasie und jeden Traum. Er tastete immer gerne meinen Rücken ab, jeden Knochenpunkt, meine Beckenkämme. Ich hoffe, er vergisst mich nicht.

Dort lag er auf seiner Jacke, schon fast etwas sinnlich. Er lag dort mit halbausgezogener Hose auf dem Bauch, man konnte seinen Po sehen und sein Rücken lag frei, bis zum unteren Ende seiner Schulterblätter. Sein Kopf war schamvoll unter seinem Arm vergraben. Man sah ein wenig von seinem braunen Haar, was leicht nass war. Der andere Arm führte Weg vom Körper ins Leere. Er hatte Kopfhörer im Ohr. Ich versuchte ihn wach zu rütteln. Ich schaute mich nach einem Handy um, es lag halb versteckt unter der Jacke. Ich tippte drauf und er hatte „Yours To Keep“ von Guided By Voices gehört. Die Übersetzerin begann, ich wartete.
Ich fuhr fort. Neben ihm lagen Schlaftabletten, eine ganze Palette war ausgedrückt, insgesamt 10 Tabletten. Ich versuchte es nochmals ihn wach zu rütteln. Ich richtete ihn auf und schob ihm meine ganze Hand in den Rachen. Er übergab sich, ich schlug ihn und schrie ihn an. In seinem Erbrochenem waren 8 Tabletten, einige schon etwas aufgelöst durch die Magensäure. Während ich dies erzählte, liefen mir die Tränen.
Ich verstummte, schaute nach unten, auf meine Daumen, die sich umeinander drehten. Der gefaltete Zettel, den ich neben ihn fand, verheimlichte ich und auch, dass ich ihn einsteckte. Es war bloß ein kleines Blatt. Auf einmal fühlte ich mich unheimlich niedergeschlagen. Ich starrte in das Leere, was von meinen kreisenden Daumen umrahmt wurde, war völlig in Gedanken. Die Übersetzerin legte ihre Hand auf meinen Arm und bat mich fortzufahren. Ich erschrak etwas durch ihre Berührung.
Ich war vollkommen aufgelöst als ich seinen Körper dort sah, ich wusste nicht, wie mir geschieht. Ich wusste auch nicht, wie man die Polizei ruft, ich kannte die Nummer nicht, und ich kann auch kein Russisch, mein Übersetzer blieb in unserer Unterkunft als ich losging zum Joggen. Nachdem ich versuchte irgendwie zu helfen, rannte ich los. Alles fühlte sich leicht an, das Sprinten fiel mir leicht. Als ich ankam, sprang ich die Treppen hoch, sprengte durch die Tür unseres Zimmers und rüttelte ihn wach. Ich konnte nicht sprechen, ich vergaß, dass ich keine Luft bekam. Meine Lunge brannte und mein Zwerchfell krampfte. Ich versucht mich schnell zu beruhigen, stieß mit jedem Atem ein Wort aus und prustete zu meinem Übersetzer nur die Worte „Polizei“, „Notarzt“, „junger Mann“ und „Schlaftabletten“.
Während sie übersetzte, dachte ich an ihn. Wie er dort lag. Es war so sinnlich, schmerzvoll, schamvoll. Er war wunderschön. Seine Haut sah in dem fast abwesenden Licht sanft und hellblau aus. Es war so, als ob er alles spürte und hörte. Als wollte er unter dem wachenden Blick der Drei Brüder ruhen, während große Wellen gegen sie zerschellten.

Ich lag im Bett, ganz regungslos, äußerlich und innerlich. Ich blickte an die Decke, welche mit billigen Styropor-Stuck-Platten beklebt war. Mein Übersetzer war noch unten bei der Wirtin, erzählte ihr, was vorgefallen war. Ich hörte ihr leises Gespräch nach oben säuseln.
Er hatte einen schönen Po, dachte ich. Er lag dort so, als solle man sich dazulegen und mit den Fingern seine Wirbelsäule entlangfahren, an seinem Leberfleck vorbei, bis zu seinem Po und ihn streicheln. Ich hätte mich gerne neben ihn gelegt.
Ich hatte noch immer meine Joggingklamotten an. Ich richtete mich auf, erblickte seinen Beutel, der auf dem Stuhl lag, der gegenüber von meinem Bett stand. Darin war bloß nur noch ein Buch, den Rest hatte die Polizei mitgenommen. Ich stand auf und nahm das Buch aus der Tasche hervor. Es war ein Buch über Liebe. "Warum Liebe endet - Eine Soziologie negativer Beziehungen"
Als ich wieder im Bett lag, schlug ich das Buch auf. Darin befanden sich mehrere kleine dünne Servietten, die beschrieben waren. Auf ihnen wurde ein Gespräch festgehalten, zwischen ihm und jemand. Unter dem Stapel Servietten war eine Museumskarte, aus Hamburg. Anscheinend waren das Erinnerungsstücke für ihn.
Ich fuhr in meine Hosentasche und fischte alles raus, was drin war und legte es auf meinen Nachttisch zu dem Buch. Zuletzt zog ich den Zettel heraus. Ich traute mich nicht ihn zu entfalten, und das zu lesen, was er hinterließ.
Der Zettel war eng und klein beschrieben. Die Buchstaben waren ganz verschwommen, weil ich Tränen in den Augen hatte. Er schrieb an seine Familie, seine Freunde und über einen Mann, den er sehr gern hatte. Er entschuldigte sich, er bat darum, dass sie ihn nicht vergessen werden, er habe nur so wenig hinterlassen. Wenn sie ihn vergessen würden, dann sterbe er. Er schrieb auch direkt etwas an den Mann, den er sehr gern hatte. Dort stand eine Telefonnummer mit deutscher Vorwahl. Unten war noch eine kleine Anmerkung, dass er bei sich zuhause einen weiteren Brief im Schubkasten seines Schreibtisches hatte. Zuletzt hatte er sich bedankt, bei demjenigen, der ihn fand. Ich lag den Zettel weg, ich konnte nicht mehr lesen, drehte mich weg zur Seite. Irgendwann schlief ich ein, alles fühlte sich schwer an.

Mitten in der Nacht wachte ich auf, ich hatte einen komischen Traum, vergaß aber worum es ging. Ich dachte an die Telefonnummer, die auf dem Zettel stand. Ich nahm mein Handy vom Nachttisch, es war 3 Uhr, und schaute nach, wie spät es in Deutschland war. Ich wurde angerufen von verschiedenen Leuten. Ich glaube, sie vergaßen, dass es hier nachts war. Es war 16 Uhr dort. Mir fiel auf, dass auch eine russische Nummer mich angerufen hatte, vielleicht das Krankenhaus. Ich war dabei, seine Nummer in mein Handy einzutippen, als mir angezeigt wurde, dass die Nummer schon in meinen Kontakten war. Ich kannte diesen Mann.

 
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Hallo @Kleinian,

deine Story hat mir ganz gut gefallen. Ich finde, sie hat super Ansätze und schafft es bereits in der vorliegenden Form eine Szenerie zu schaffen, in die man sich ganz gut hineinversetzen kann.

Ich denke aber, es ist noch einiges an sprachlicher Arbeit nötig, bis aus der Geschichte eine runde Sache wird. Irgendwie wirkt die Sprache des Textes etwas unbeholfen bzw. ungewöhnlich. Insgesamt finde ich das gar nicht so schlecht, es hat zur Atmosphäre beigetragen. Aber stellenweise klang es, als hätte den Text ein Nicht-Muttersprachler geschrieben, der Schriftdeutsch in einem Klassenzimmer gelernt hat. Zum Beispiel hier:

Ich saß in einem heruntergekommenen sowjetischen Plattenbau, in welchem eine Polizeistation war. Das Verhörzimmer war auch heruntergekommen, alt und kalt. Das lag an dem weiß-kühlen Licht, eine lieblose Neonröhre, welche von oben auf die Übersetzerin und mich erbärmlich schien.

Nebensätze mit "welche/r/s" werden meiner Erfahrung nach vor allem von Leuten verwendet, die betont gehoben schreiben wollen, wie beispielsweise Abiturienten in einem Schulaufsatz. Ansonsten findet sich das Wort eher in offiziellen Dokumenten. In einer Short-Story stolpert man hingegen darüber.

Auch die Wiederholung von "heruntergekommen" direkt im nächsten Satz lässt irgendwie aufmerken, denn es klingt hier, als fehlte dem Autor ein Synonym. (Abgesehen davon, gibt es eigentlich gar keine Notwendigkeit, hier alles so deutlich zu machen: Erstens ist wie schon klar, dass ein heruntergekommenes Haus auch heruntergekommene Zimmer hat. Ausserdem wird das Zimmer ja noch näher beschrieben, sodass der Leser ja selbst sieht, dass es "heruntergekommen" ist. Eigentlich hättest du das Adjektiv komplett weglassen können: Bei "sowjetischer Plattenbau" denkt jeder Leser sofort an ein tristes, heruntergekommenes Gebäude, behaupte ich mal. Und durch die Beschreibungen des Zimmers wird das dann wie gesagt eh noch mal deutlich gemacht.)

Ebenfalls ungewöhnlich ist die Wortstellung im letzten Satz: "... ,welche von oben auf die Übersetzerin und mich erbärmlich schien". Das "von oben" ist hier wieder unnötig, weil klar. Also würde man den Satz eigentlich so schreiben: "..., die erbärmlich auf die Übersetzerin und mich hinunterschien." Jedenfalls denke ich, dass die meisten Autoren die Worte so anordnen würden, auch wenn deine Variante grammatikalisch auch in Ordnung ist.

Warum ist es wichtig, wie dein sprachlicher Hintergrund ist? Naja, weil es natürlich den möglichen Rahmen für eine Überarbeitung absteckt. Wenn jemand ein gewisses Sprachniveau noch nicht erreicht hat, dann wird er sich auch nicht hinsetzen und eine Story einfach mal so überarbeiten können. Stattdessen muss er sich vielleicht mit einem Muttersprachler zusammentun und den Text Satz für Satz durchgehen. Oder er muss den Text erst mal liegen lassen, weiterhin viel von anderen Leuten lesen, weitere Texte schreiben usw., bis das Sprachniveau gestiegen ist. Darum will ich nicht einfach sagen: Geh den Text am besten noch einmal durch - ich denke, damit ist es hier nicht getan. Ob nun Muttersprachler oder nicht (vielleicht bist du auch noch jung) - meiner Meinung nach fehlt es hier einfach an genereller Schreiberfahrung, die einfach noch gesammelt werden muss. Darum sind meine Hinweise oben auch keinesfalls als Kritik, sondern einfach als nüchterne Beobachtungen zu verstehen.

Meine andere Anmerkung bezieht sich auf die Handlung selbst. Ich weiss nicht, ob ich einfach unaufmerksam gelesen habe, aber im zweiten Teil wurde die Handlung für mich verworren und ich wusste stellenweise nicht mehr genau, wer wer ist und wie die Figuren miteinander in Zusammenhang stehen. Ich müsste den Text aber noch einmal lesen, um meinen Eindruck zu bestätigen, das ist also nur eine erste Rückmeldung.

Ich hoffe, mein Feedback hilft dir weiter.

VG, HK

 
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Hallo @Kleinian,

ich wurde tatsächlich auch aus dem Stil nicht ganz schlau. Erst habe ich gedacht, das sei alles volle Absicht, so auf der Suche nach der eigenen Stimme mal hier und da übers Ziel hinausgeschossen. Manchmal habe ich auch gedacht, da schreibt ein 14-Jähriger. Und dann ja, kam mir auch der Gedanke, dass Deutsch eventuell nicht die Muttersprache sein könnte. Ich habe mal konkrete Sachen rausgesucht, das hilft dir ja auf jeden Fall - selbst wenn du bei der einen oder anderen sagst, ich lasse das so - und außerdem ist das für mich immer leichter, konkret am Text zu arbeiten.

Sie hat immer verstanden, wenn ich zu ihr sprach und sie antwortete manchmal sogar.
Die Katze hat sie (ihn) verstanden? Woher will sie das so genau wissen?

vielleicht hat jemand mal dagegen geschlagen oder einfach ein Zeichen der Zeit.
… oder es ist einfach ein Zeichen der Zeit. Das ist so eine Stelle. Eventuell meinst du den Zahn der Zeit? Dass der an der Tür genagt hat?

Er stach auch sehr hervor durch seine Klamotten, sehr europäisch-modisch.
Kleidung. Klamotten ist sehr umgangssprachlich. Passt in bestimmten Zusammenhängen, aber hier nicht, das beißt sich mit dem restlichen Stil. Hier habe ich zum Beispiel gedacht, du könntest eventuell noch sehr jung sein, unter zwanzig.

Das erste Mal, als er mir aufgefallen ist, war in Moskau.
Zum ersten Mal ist er mir in Moskau aufgefallen.

konzentrieren. Es war auch ein kompliziertes Buch, jemand erzählte mir schon mal davon
Vorvergangenheit: Hatte erzählt

Als ich dann realisierte
Als mir dann klar wurde … Wir benutzen alle Anglizismen und es ist völlig normal, dass Sprache sich bewegt und Worte eine neue Bedeutung bekommen, und ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet mit diesem hier so auf Kriegsfuß stehe, aber ich werde mich gegen das Realisieren bis zum letzten Atemzug wehren. Vorher stecke ich hier alles in Brand, das schwöre ich euch.

, blieb stehen und realisierte
Abgesehen davon, ob man damit leben kann oder nicht, hier kommt ein recht auffälliges Wort relativ nah beieinander, das gibt eine unschöne Wiederholung.

Die Musik, die auf meinen Ohren läuft, hörte ich nicht mehr.
Die Formulierung „läuft auf den Ohren“ gibt es im Deutschen nicht, da könnte ich mir aber zum Beispiel vorstellen, dass das eine 1:1-Übersetzung aus einer anderen Sprache ist.

Man sah ein wenig von seinem braunen Haar, was leicht nass war.
, das

Der andere Arm führte Weg vom Körper ins Leere.
weg

insgesamt 10 Tabletten.
zehn

schob ihm meine ganze Hand in den Rachen.
Habe ich gerade probiert, geht nicht.

Ich war vollkommen aufgelöst als ich seinen Körper dort sah,
, als

n unserer Unterkunft als ich losging
, als

Nachdem ich versuchte irgendwie zu helfen, rannte ich los.
Versucht hatte, irgendwie zu helfen, …


Ich hatte mehr, hab die Geschichte aber schon vor ein paar Tagen gelesen und wusste an einigen Stellen nicht mehr, was ich sagen wollte. Zum Inhalt ist mir vor allem in Erinnerung geblieben: Das Krimi-Tag, das mich angelockt hat, finde ich schwierig. Polizei und ein Toter allein machen noch keinen Krimi. Da geht es dann auch um die Sachen, die im Mittelpunkt stehen, nämlich die Ermittlungen, die Motivation des Täters. Wer war es und warum? Der Schablone gemäß ist der Protagonist ein in Scheidung lebender Kommissar mit Alkoholproblemen. Oder was total Lustiges, die Tortenbäckerin aus dem Sylter Café löst so nebenbei Mordfälle. Das hier, wenn ich denn die zweite Hälfte richtig verstanden habe, ist ja eher ein Beziehungsdrama. Er begeht Suizid und der Freund (Freundin? Sorry, wie gesagt, ist ein paar Tage her … siehe auch oben die Bemerkung zum Katzensatz) steht unter Verdacht. Gesellschaft passt da am besten, denke ich. Und, zumindest hier im Forum, Alltag.

Viele Grüße
JC

 

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