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Kanes Rückkehr
Kanes Rückkehr
Sein Herz schlug schneller, als sich die Glastür mühelos öffnen ließ und ihm den Weg in den Eingangsbereich der Turnhalle freigab. Kühle Luft schlug ihm entgegen. Er hielt den Blumenstrauß mit jedem Schritt fester und für einen Augenblick konnte er sich das vorfreudige Grinsen nicht mehr verkneifen.
Es war ihm immer so wichtig, souverän und abgebrüht aufzutreten, aber hier, kurz bevor er Julia endlich wieder sehen würde, hielt er es beinahe nicht mehr aus, seine Gefühle zu verstecken.
Eine letzte Tür, die ihm den Weg versperrte. Für einen Moment blieb er stehen, zupfte sein Hemd gerade, begutachtete noch einmal den Blumenstrauß und fuhr sich mit der Zunge über die Schneidezähne. Sein Umriss, der sich in der Glastür spiegelt, ließ ihn zögern. Hatte er sich sehr verändert? Bilder schossen ihm durch den Kopf. Waffen und Uniformen. Deckungen und Schützengräben. Leichen, von Feinden und Freunden. Was in einem Jahr alles passieren konnte. Das alles musste er hinter sich lassen. Hier war er ein anderer Mensch. Hier war er kein billiger Kugelfang. Hier hatte er einen Namen. Und vor allem war hier seine Frau.
Er zog an der Tür und sofort verstärkte sich das dröhnende Stimmengewirr. Doch Kanes Fokus galt einzig und allein dem, was seine Augen wahrnahmen.
Sein Blick raste durch die Menge. Er scannte die Gesichter der Menschen seiner Heimatstadt. Junge, wie alte Leute drängten sich an Stehtische, die in der Turnhalle verteilt waren. Sich hier einen Weg zu bahnen fühlte sich beinahe so an, wie sich auf dem Dancefloor bis zur Bar durchzuschieben. Schritt für Schritt drängte er sich zwischen den Menschen hindurch, ohne auch nur eine der Personen anzusehen, die er vorsichtig bei Seite schob.
Endlich erkannte er Julias Hinterkopf. Sie stand mittig vor der Wand gegenüber der Eingangstür und unterhielt sich mit zwei anderen Frauen, die Kane nur vom Sehen kannte. Kane legte einen Schritt zu. Nur noch acht Meter.
Die zwei Frauen, mit denen Julia sprach, erkannten ihn schon aus einiger Entfernung. Doch anstatt Julia darauf hinzuweisen, gefror ihr Lächeln. Kane runzelte die Stirn. Was war da los? Würde Julia sich nicht freuen, ihn wiederzusehen?
Drei Meter, bevor er Julia erreicht hatte und seiner Frau endlich wieder in den Arm nehmen konnte, tauschten die zwei Freundinnen kurz einen Blick aus und verschwanden dann ohne Vorwarnung in der Menge.
In dem Moment drehte sich Julia in Kanes Richtung und noch bevor sie ihn ausgemacht hatte, sah Kane schon die blau-lila Färbung, die sich um ihr Auge zog und ihr komplettes linkes Augenlied umschloss. Kane biss sich auf die Zähne. Was war passiert? Wurde sie geschlagen, oder hatte sie sich nur gestoßen? Augenblicklich schossen ihm tausend Szenarien durch den Kopf, was mit dem Auge seiner Frau passiert sein konnte. Doch im nächsten Moment stand er schon vor ihr und Julia umarmte ihn. Es fühlte sich gut an seiner Frau nach so langer Zeit wieder nahe sein zu können. Doch der Wunsch sie nie wieder loszulassen und das Verlangen, zu erfahren, was mit ihrem Auge geschehen war, rangen um die Oberhand.
„Ich bitte dich.“ Nachdem die beiden sich voneinander gelöst hatten, blickte Julia vorsichtig zu ihm auf. „Ich weiß, dass ich dir nicht verheimlichen kann, was passiert ist. Und ich weiß, dass du tun musst, was auch immer du tun musst. Aber ich bitte dich. Sei nicht zu hart zu ihm.“
Sie hatte ihm die Wahl abgenommen, ob er das Auge ansprechen sollte, oder nicht. Die Hoffnung, dass es nur ein Unfall war, war zerplatzt. Kane schloss für einen Moment die Augen und ballte seine Fäuste. Irgendjemand hatte seine Frau geschlagen. Seine Frau!
„Was ist passiert?“, knurrte er.
„Ich habe einen Schüler in der Oberstufe, der immer wieder aus der Reihe tanzt.“ Julias Blick wanderte zu Boden. „Am Mittwoch hat er einen Klassenkameraden beleidigt und verprügelt. Ich bin dazwischen gegangen und dann hat er zugeschlagen. Es war aus dem Affekt, ich glaube nicht, dass er das tun wollte.“
„Aus dem Affekt?“ Kanes Augenbrauen schossen hoch. „Hat er den anderen Schüler auch aus Affekt verprügelt?“
Julia schwieg.
„Ist der Scheißer hier?“
Nicken.
„Wo?“
Ihr Blick wanderte von ihm auf einen Jugendlichen, der vielleicht 17 Jahre alt war und sich an einem Stehtisch in der Mitte der Halle mit fünf anderen Jungs in seinem Alter unterhielt. „Der mit der Goldkette.“
„Der mit der Goldkette und dem schwarzen T-Shirt?“
„Ja. Aber ich bitte dich. Sei nicht zu hart zu ihm. Er ist noch ein Kind.“
Kane wandte sich von ihr ab. Zielstrebig steuerte er durch die Menge auf den Jugendlichen zu.
„Hey!“, rief ihm ein Mann hinterher, den er mit der Schulter zur Seite gestoßen hatte.
„Psst! Das ist Kane!“
Noch fünf Meter. Schließlich bemerkten auch die Jungs, dass Kane direkt auf sie zu lief.
Noch drei Meter. Der Junge, der seine Frau geschlagen hatte, fixierte seine Augen auf Kane. Interessiert musterte er den Mann, der direkt auf ihn zusteuerte.
Noch zwei Meter. Breitbeinig wartete der Schläger auf Kane, während er seine Hände hinter dem Rücken verschränkte, seine Schultern nach vorne drückte und so seine Nackenmuskeln präsentierte. Die platte Nase, das erhobene Kinn und das überhebliche Grinsen ließen Kane darauf wetten, dass der Junge boxte. Doch Kane hatte zu viel gesehen, zu viel erlebt und zu viele Kämpfe geschlagen, als dass ihn das beeindruckt hätte. Nach und nach richteten auch die anderen Jungs ihre Augen auf Kane, musterten ihn von oben bis unten und wechselten ihren lässigen Stand in eine Pose, die so etwas wie Dominanz ausstrahlen sollte.
Selbstsicher stand der Schläger da und in dem Moment, als er vor dem Jungen zum Stehen kam, wurde Kane klar, dass er viel zu lange weg gewesen war. Dieser Junge hatte überhaupt keine Ahnung, wer er war.
„Weißt du, was du getan hast?“, drangen Kanes Worte durch den Lärm der Menschenmenge hindurch.
Schweigend schüttelte der Junge den Kopf und zuckte mit den Schultern, ohne sein erwartungsvolles Grinsen vom Gesicht zu wischen.
„Dann werde ich es dir erklären.“, begann Kane und machte einen Schritt zur Seite, so dass er den Blick auf die Schneise freigab, die er in die Menschenmenge geschlagen hatte.
Langsam beugte er sich zu dem Jungen vor und zeigte auf Julia. „Siehst du diese blonde Frau da hinten?“
Der Junge schmunzelte. „Du meinst die Hure, von einer Lehrerin, die gemeint hat, sich mir in den Weg zu stellen?“
Ruckartig spannten sich Kanes Kiefermuskeln und er musste sich zurückhalten, um den Schläger nicht vor den Augen aller Anwesenden in den Boden des Saals zu stampfen. Für eine Sekunde schloss er die Augen und atmete durch, bevor er den Mund wieder öffnete: „Diese Frau hast du geschlagen. Weißt du, was das Problem an der Sache ist? Das ist meine Frau. Das ist die Liebe meines Lebens und nichts auf dieser Welt bedeutet mir so viel, wie diese Frau. Und jetzt komme ich heute hier her, nachdem ich sie ein Jahr lang nicht mehr gesehen habe und muss feststellen, dass du meine Frau geschlagen hast.“
„Dann wärst du besser nicht so lange weg gewesen!“, warf der Junge ein.
Kane biss sich auf die Wange und ließ erneut einen Atemzug verstreichen.
„Aus diesem Grund werden wir zwei jetzt diesen Saal verlassen“, entschied Kane und auf dem Gesicht des Jungen wurde dieses überhebliche Grinsen noch breiter. „Willst du das wirklich, alter Mann?“
Kane packte den Jungen am Arm und stieß ihn in Richtung des Notausgangs.
„Du willst es also wirklich.“ Er lachte, zog den Ärmel seines T-Shirts gerade und stolzierte, gefolgt von seinen Freunden, zu der grauen Tür.
Im Vorbeigehen bemerkte Kane einige Blicke, die ihn musterten. Manche nickten ihm zu, andere wendeten sich von ihm ab, als er in ihre Richtung sah. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er keinen halben Tag zurück war und sofort wieder der Mensch war, den er im Krieg hatte zurücklassen wollen. Doch das änderte nichts. Egal, wer er war, niemals würde jemand ungestraft seine Faust gegen Julia erheben dürfen.
„Du hältst dich wohl für sehr gut“, stellte Kane fest, als er den sechs Jungs auf dem ehemaligen Parkplatz gegenüber stand und der Schläger ihn immer noch anlächelte, während er langsam seine Schultern kreisen ließ.
„Schon.“ Der Junge tänzelte ein paar Schritte hin und her, nur um im nächsten Moment seinen Kopf von Seite zu Seite zu bewegen.
„Du hast wirklich keine Ahnung, wer ich bin, oder?“, brummte Kane in die drückende, schwüle Sommerluft hinein.
„Mir doch egal, alter Mann. Du wirst deinen Namen eh gleich nicht mehr aussprechen können. Mit dir werde ich nicht so zaghaft umgehen, wie mit deiner Frau.“
„Ich hätte nicht gedacht, dass man innerhalb von einem Jahr so viel vergessen kann“, überlegte Kane laut, ohne auf die Drohung seines Gegenübers einzugehen.
Er stand still neben dem immer noch tänzelnden Jungen und blickte in die Büsche, die den Parkplatz überwucherten. „Aber wahrscheinlich warst du letztes Jahr noch zu jung und zu brav, um mich zu kennen. Aber ich will es dir erklären: Vor einem Jahr, da gab es einen Namen, der etwas bedeutet hat. Ein Name dem Respekt gezollt wurde. Der in mancher Munde sogar gefürchtet wurde.“
„Meinst du Kane?“ Der Schläger lachte, blieb jedoch ein wenig überrascht von dieser Erwähnung stehen.
„Ja.“, bestätigte Kane und blickte ihm zum ersten Mal, seit die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, direkt in die Augen. „Ich meine meinen Namen!“
Augenblicklich ließ der Junge seine Fäuste sinken und seine Mundwinkel sackten nach unten. Dann tauchte wieder ein Funke von Belustigung in seinen Augen auf, bevor eine Augenbraue nach oben schoss. Schließlich gab er den Kampf zwischen Belustigung und Angst auf und drehte sich mit gerunzelter Stirn zu seinen Freunden.
„Ich glaube, er ist es wirklich“, behauptete einer von ihnen. „Ich habe mal ein Video gesehen, wie er ein paar Typen verprügelt hat.“
„Also kennt ihr mich doch“, stellte Kane fest, während er dem Jungen dabei zusah, wie das Blut aus seinem Gesicht wich.
„Du hast jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder erfährst du am eigenen Körper, wozu ich in der Lage bin, oder du verziehst dich und überdenkst gründlich deine Lebensentscheidungen.“ Kane ging einen Schritt auf den Jungen zu. Einen Schritt, den dieser zurückwich. Einen Schritt, der Kane alles über die nächsten Sekunden verriet.
Kane sah, wie die Unterlippe des Jungen zu beben begann. Er sah, dass sein Kopf krampfhaft nach einer Antwort suchte. Nach irgendetwas, das er erwidern konnte. Doch der Junge blieb still.
„Offensichtlich sind wir uns einig, dass du hier nichts mehr verloren hast.“ Kane legte ein Pause ein und beobachtete die erste Träne, die an der Goldkette des Junge zerbarst und in das T-Shirt einsickerte.
„Worüber wir uns mit Sicherheit auch einig sind, ist dass ich wieder da bin. Und wenn du auf die Idee kommst noch einmal jemanden zu schlagen, dann denk ganz kurz an diesen Moment. An die Angst, mir noch einmal zu begegnen und überlege dir sehr gut, was du tun wirst. Denn ich werde davon hören und ich werde dich finden. Und wenn ich dir das nächste Mal gegenüberstehe, wird es nichts mehr geben, was ich dir noch zu sagen habe.“
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