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Kein einziger Ton

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06.08.2021
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Kein einziger Ton

Ich schnupperte: Ein unbestimmter Duft lag in der Luft, irgendwie muffig. Der Geruch drückte auf mich nieder und verklebte mir die Nasenflügel. Er hielt mich zäh fest und ich wusste nicht, ob ich ihn absonderte oder meine Umgebung. Das war das Erste, was ich wahrnahm.

Ein Rascheln drang an meine Ohren. Dazu kam ein Klimpern und Klirren. Gläser, die gegeneinander gestoßen wurden. Da war ich mir ziemlich sicher. Ich wusste nicht warum, aber das war mir in diesem Moment nicht so wichtig. Ich fühlte mich benommen und meine Glieder hingen schwer an mir herunter. Das konnte ich fühlen. Sie waren steif, als hätte ich sie seit geraumer Zeit nicht mehr benutzt. Beinahe so, als hätte ich sie noch nie benutzt.

Ich konzentrierte mich auf meine Augen. An meinen Augenbrauen spürte ich eine feine Bewegung. Ein Berührung, die mir Gänsehaut bereitete. Ein Kribbeln. Ich wollte mich jucken, aber konnte meinen Hand nicht bewegen. Sie war wie festgefroren. Paralysiert. Jedoch konnte ich unter großer Anstrengung meine Augen öffnen. Meine Wimpern zogen meine Augenlider nach unten, aber ich kämpfe dagegen an. Mit aller Kraft stemmte ich sie auf.

Zuerst sah ich nur verschwommen. Ein paar Farbkleckse. Lichtreflexionen, die sich noch nicht entschieden hatten, woher sie kamen und wohin sie wollten.

Also schloss ich meine Augen wieder und öffnete sie erneut. Diesmal wehrten sie sich nicht dagegen. Meine Lider schossen voller Energie nach oben, um dem Licht die Chance zu geben, meine Netzhaut zu berühren. Scharfe Konturen tauchten in meinem Geist auf und verdrängten die wilden Spiegelungen.

Ich zuckte zusammen. Eigentlich zuckte ich nicht wirklich zusammen, denn ich konnte meinen Körper immer noch nicht bewegen. Aber mein Innerstes verkrampfte sich. Es zog an meinem Magen und riss ihn in alle Richtungen.

Keine dreißig Zentimeter vor mir schwebte ein Kopf. Dunkle, zottelige Haare, die dringend gewaschen werden mussten. Darin klebten farbige und völlig verschmierte Fetzen aus einem nicht näher identifizierbaren Stoff. Es war ein männlich Kopf, der leicht schräg auf einem dürren Körper saß, wobei ich diesen nicht richtig sehen konnte. Die blauen Augen in seinem Kopf waren kalt und analysierend. Sie starrten durch mich hindurch. Sein Mund war fest zusammen gepresst.

Er drehte sich um. Keine Sekunde später stierte er wieder nach mir und ohne zu zögern, stach er mir etwas Spitzes ins Auge.

Ich konnte mehrere Sekunden lang nichts sehen. Alles war weiß. Ich würde gerne sagen, dass es weh getan hätte, aber das tat es nicht. Ich spürte rein gar nichts. Es war einfach nur eine völlige Reizüberflutung.

Dann sah ich wieder sein Gesicht vor mir. Er trat einige Schritte zurück und endlich konnte ich ihn ganz erblicken. Der Mann trug schwarze Kleidung. Allerdings war von dem Schwarz nicht mehr viel zu erkennen, denn über seinen kompletten Körper war Farbe verschmiert. Auf seiner Kleidung, auf seinen Armen, im Gesicht, sogar auf den Schuhen. In einer Hand hielt er ein braunes Tablett, in der anderen einen scharfkantigen, grauen Gegenstand.

„Ja, so ist es besser. Die Augen sind immer das Schwierigste“

Das reichte! Ich wollte ihn anschreien, wissen, warum er mir das antat. Was für ein krankhaftes, perverses Schwein er sei. Warum er mich hier festhielt. Ich wollte ihn einfach anbrüllen. Aber ich konnte nicht. Aus meinem Mund kam kein einziger Ton, nein, ich konnte meinen Mund nicht einmal öffnen. Er war wie zugeklebt.

„So, das war’s“

Wie, das war’s?

Er drehte sich um und lief zu einer siffigen Spüle, die in der Ecke eines kleinen Raumes stand. Dort schmiss er seine Utensilien hinein.

„Den Rest räume ich morgen auf“

Mit diesen letzten Worten lief er auf eine braune Tür zu. Kurz bevor er raus ging, schaltete er noch das grelle Neonlicht aus.

Dann war es dunkel.


Ich weiß nicht, wie lange er weg war. Ich weiß nicht, wie lange ich dort in dem dunklen Raum war. Aber ich weiß, dass ich kein einziges Auge zu bekam. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis die Sonne draußen aufging und durch ein kleines Fenster in meinem Blickrand schien. Ich weiß auch nicht, wie lange es dauerte, bis ich erkannte, dass ich in einem Atelier gefangen gehalten wurde. Aber ich weiß, dass ich gerne geweint hätte; es aber nicht konnte.

Irgendwann kam er wieder und räumte den Rest auf. Mich würdigte er keines weiteren Blickes mehr. Es war, als existierte ich für ihn nicht mehr. Dabei hatte er mich erschaffen! Er hatte mich in diese Welt gesetzt.

Dann kam er eine ganze Weile nicht mehr wieder. Um mich herum veränderte sich nichts. Nur die sich drehenden Schatten im Atelier, die durch die einfallende Sonne geworfen wurden, rotierten um mich herum. Im Augenwinkel sah ich das Fenster, aber ich konnte nicht heraus schauen. Beinahe, als wäre ich extra so gestellt worden. Feine Staubfusel sanken neben mir auf den Boden und verzierten ihn. Sonst geschah nichts. Gar nichts.

In dieser Zeit dachte ich viel nach. Darüber, warum ich auf dieser Welt war. Warum er sich mich ausgesucht hatte. Warum ich zu seinem Versuchsobjekt geworden war. Viel wichtiger war aber, ob er sich überhaupt darüber im Klaren war, was er mir antat. Ob er überhaupt wusste, dass ich Gefühle hatte, dass ich denken konnte. Denn ich konnte es ihm nicht mitteilen. Das hatte er verhindert. Aber wenn er wusste, was er da tat, wie konnte er dann so an mir herumspielen. Wie konnte er mich in diese Welt setzten und dann zuschauen, wie ich verrottete. Mich nicht einmal mehr anschauen. Anschauen, was er erschaffen hatte.

Er hatte sich einfach abgewendet.

Ich war alleine. Die Tage verschmierten und zogen ihre Fäden ineinander. Der Staub legte sich langsam auch auf meinen Augen nieder und vernebelte mir die Sicht. Das war es also, was man Schlafen nannte. Nur träumen konnte ich nicht.


Dann kamen drei Männer ins Atelier. Sie trugen ebenfalls schwarze Kleidung. Diese aber war nicht mit Farbe beschmiert. Es wirkte beinahe so als würden sie jeglichem, bunten Farbklecks ausweichen, was sich allerdings in der gegebenen Umgebung als recht schwierig erwies. Sie wischten mich ab und...Halt wartet! Ein stummer Schrei meinerseits...zogen mir eine Haube über.

Wieder war alles dunkel.


Einen undefinierbaren Zeitraum später wurde mir die Haube wieder abgezogen und ich befand mich in einem großen Saal voller Gleichgesinnter. Mir gegenüber hing ein kleines Mädchen an der Wand. Sie trug ein weißes Kleid, es wirkte wie ein Hochzeitskleid, und hielt in der einen Hand ein Messer. In der anderen umklammerte sie einen abgeschnittenen Finger, an dem ein Ring steckte.

Das alleine war verstörend genug. Aber um mich herum, verteilt im ganzen Raum, hingen noch viele weitere der gemarterten Seelen. Eine verkümmerter als die Nächste. Ich wollte gar nicht wissen, wie ich auf sie wirken musste.

Jedoch war das Grausamste, das sich unsere Schöpfer ausgedacht hatten, dass wir alle alleine waren. Denn auch wenn ich den Schmerz der anderen sehen konnte, und sie sicherlich auch meinen, konnte ich meinen Mund nicht öffnen. Konnte keinen Laut von mir geben. Hing ganz einsam an der Wand und spürte die Blicke der Anderen auf mir.


In den nächsten Tagen, Monaten und Jahren tauschte man uns immer wieder aus, hing uns auf und wieder ab, verkaufte uns an das nächste Museum. Die Menschen strömten nur so herbei und begafften uns, als wären wir ihr Lebenselixier. Bei den unzähligen Gesprächen, die sie unter mir führten, bekam ich mit, dass mein Schöpfer wohl ein Märtyrer der Kunst geworden sei. Im Klartext: Er hatte sich in seinem Wahn eine Kugel verpasst.

Das einzig bedauerliche daran war, dass er mich nicht vorher zerstört hatte. Manchmal wollte ich zu ihnen herunter schreien: Tötet mich! Verbrennt mich! Macht irgendwas, aber macht, dass es aufhört!

Aber ich konnte nicht. Aus meinem Mund kam kein einziger Ton, nein, ich konnte meinen Mund nicht einmal öffnen. Er war wie zugeklebt.​

 
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Hallo Lukas,

deine Story bzw. deine Idee ist sehr interessant. Ein scheinbar unsterbliches Wesen, von dem man gar nicht so richtig weiß, was es eigentlich ist (und es selbst auch nicht), welches von seinem Schöpfer gefangen gehalten und gequält bzw. für Experimente missbraucht wird und das versucht, seine qualvollen Eindrücke und verstörenden Wahrnehmungen dem Leser näherzubringen. Wenn man jedoch etwas nachdenkt, kommt man darauf, dass es sich wohl bei diesem Wesen um ein Gemälde handeln muss, das lebt. Ein guter Twist! :thumbsup:

Kommen wir aber nun zum Negativen:

Was mir in der Geschichte fehlt, ist eine Kulisse. Alles ist ziemlich abstrakt und es dauert lange, bis man sich so einigermaßen orientieren kann. Zwar geht es dem Wesen ähnlich und man soll sich mehr auf dessen Empfindungen und Wahrnehmungen konzentrieren, aber diese sind größtenteils leider ungünstig und widersprüchlich beschrieben.
Das fängt schon damit an, dass das Wesen ja scheinbar nicht wirklich menschlich ist und nicht weiß, wie sich z. B. Schlaf anfühlt. Gleichzeitig benutzt es aber Ausdrücke wie: "Aber ich weiß, dass ich kein einziges Auge zubekam."
Es schildert die Dinge wie ein normaler Mensch, will aber gleichzeitig ein Wesen sein, das bis dahin noch nicht existiert hat und gerade erst erschaffen wurde. Dadurch wird das ganze Konstrukt unglaubwürdig, was wirklich schade ist.
Es ist auch widersprüchlich, dass es von seiner Erschaffung weiß. Eigentlich müsste es ja dann denken, es sei ein ganz normaler Mensch mit Erinnerungslücken.
Es scheint auch moralische Vorstellungen zu haben, was eigentlich nur sein kann, wenn es schon mal in einem sozialen Umfeld gelebt hätte.

Ich wüsste aber auf Anhieb auch nicht, wie ich das Problem lösen könnte.
Da hast du dir echt eine schwierige Aufgabe auferlegt. :D

Aber ansonsten eine super Idee! Vielleicht hat ja ein anderes Mitglied noch eine Idee, wie man das lösen könnte.

Viele Grüße

Krolloks

 
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Hallo @Lukas Nue,

bei meinem ersten Lesedurchgang war ich noch völlig ratlos und hatte keine Ahnung, worum es überhaupt ging. Beim zweiten Durchlesen war mir dann klar, wer (oder besser gesagt was) der Ich-Erzähler ist. Die vielen Anhaltspunkte, die hier verstreut sind, finde ich rückblickend sogar offensichtlich. Schon die ersten Absätze beschreiben ganz klar, dass erst die Nase, dann die Ohren, dann die Augen gemalt werden.
Bis ich das verstanden habe, hat es allerdings etwas gedauert. Es ist ja etwas weit hergeholt, dass ein Gemälde lebendig ist und auch noch sehr menschliche Gedanken hat. Daran denkt man nicht sofort. Vielleicht könntest du daran arbeiten, das Bild mehr wie ein Gemälde agieren zu lassen. Ein Gemälde ist zum Beispiel flach und besteht aus Ölfarben. Diese Unterschiede zu einer normalen Person könntest du in den Text einfließen lassen. Dann könntest du andere Anhaltspunkte entfernen und nur das Nötigste behalten.

Ich gehe mal genauer ins Detail:

Ich schnupperte: Ein unbestimmter Duft lag in der Luft, irgendwie muffig.
Interessant, dass du hier einen Doppelpunkt platzierst. So wirkt der nächste Satz wichtiger.
Er hielt mich zäh fest und ich wusste nicht, ob ich ihn absonderte oder meine Umgebung.
Dieser Satz klingt irgendwie seltsam. Ich würde stattdessen einen anderen Satz probieren, z.B.:
Ich konnte ihn nicht ignorieren und wusste nicht, woher er stammte.
Ein Rascheln drang an meine Ohren. Dazu kam ein Klimpern und Klirren. Gläser, die gegeneinander gestoßen wurden.
Das Rascheln kann ich noch nachvollziehen, das ist wohl ein Pinsel. Das Klimpern kommt wahrscheinlich von einer Malspachtel. Aber die Gläser kann ich nicht zuordnen.
Ich fühlte mich benommen und meine Glieder hingen schwer an mir herunter.
Du meinst Gliedmaßen, oder?
Ich konzentrierte mich auf meine Augen. An meinen[den] Augenbrauen spürte ich eine feine Bewegung.
Es ist klar, wessen Augenbrauen gemeint sind.
Ich wollte mich jucken[kratzen], aber konnte meinen Hand nicht bewegen.
Es war ein männlich[er] Kopf, der leicht schräg auf einem dürren Körper saß, wobei ich diesen nicht richtig sehen konnte.
„Ja, so ist es besser. Die Augen sind immer das Schwierigste[.]
Punkt am Ende der direkten Rede, wenn kein Begleitsatz folgt. Das gilt für den ganzen Text.
Wie konnte er mich in diese Welt setzten und dann zuschauen, wie ich verrottete.
setzen
Ich weiß auch nicht, wie lange es dauerte, bis ich erkannte, dass ich in einem Atelier gefangen gehalten wurde.
Woher weiß er, dass es ein Atelier ist? Bei dieser Gelegenheit könntest du den Raum etwas mehr beschreiben.
Sie wischten mich ab und...Halt wartet! Ein stummer Schrei meinerseits...zogen mir eine Haube über.
Vorschlag:
Sie wischten mich ab und … Halt, wartet! Ein stummer Schrei meinerseits … Sie zogen mir eine Haube über.
Aber um mich herum, verteilt im ganzen Raum, hingen noch viele weitere der gemarterten Seelen. Eine verkümmerter als die [n]Nächste.
Kleinschreibung, weil sich nächste auf die Seelen bezieht
Jedoch war das Grausamste, das sich unsere Schöpfer ausgedacht hatten, dass wir alle alleine waren.
Woher weiß er das? Stecken da wirklich die Schöpfer dahinter? Und alle können ja nicht allein sein, das schließt sich doch gegenseitig aus, oder? Vielleicht: dass wir die einzigen hier waren.
Hing ganz einsam an der Wand und spürte die Blicke der [a]Anderen auf mir.
Vorschlag: anderen

Viele Grüße
Michael

 

Moin @Krolloks

und erstmal danke für deinen Kommentar und deine Meinung.

Also ich verstehe deinen Punkt.

Das fängt schon damit an, dass das Wesen ja scheinbar nicht wirklich menschlich ist und nicht weiß, wie sich z. B. Schlaf anfühlt. Gleichzeitig benutzt es aber Ausdrücke wie: "Aber ich weiß, dass ich kein einziges Auge zubekam."
Das unertschreibe ich zu 100%. Es ergibt relativ wenig Sinn und ist widersprüchlich, das werde ich auf jeden Fall abändern.

Es schildert die Dinge wie ein normaler Mensch, will aber gleichzeitig ein Wesen sein, das bis dahin noch nicht existiert hat und gerade erst erschaffen wurde. Dadurch wird das ganze Konstrukt unglaubwürdig, was wirklich schade ist.
Es ist auch widersprüchlich, dass es von seiner Erschaffung weiß. Eigentlich müsste es ja dann denken, es sei ein ganz normaler Mensch mit Erinnerungslücken.
Es scheint auch moralische Vorstellungen zu haben, was eigentlich nur sein kann, wenn es schon mal in einem sozialen Umfeld gelebt hätte.
Tja, also das ist irgendwie schwierig. Ich hatte mir das eher so gedacht, dass das Gemaälde natürlich gerade erst "erschaffen" wurde, aber trotzdem schon ein eigenes Ich hat. Weil wenn man deinen Grundgedanken weiterführt, dann wäre es ja so, dass das Gemälde auch nicht wirklich denken könnte, besonders nicht in einer sprachlichen Ausführung, weil es noch überhaupt nicht Sprechen gelernt hat. Es kann auch keinen Kopf erkennen, weil das ein frisch geborenes Baby ja auch nicht könnte. Dann kann ich die Geschichte sozusagen in die Tonnen kloppen xD Ich hatte mir das eher so gedacht, dass das Gemälde und damit auch das Ich, mit moralischen Vorstellung und allem drum und dran von einem Künstler erschaffen wird. Denn, wenn man ein Gemälde anschaut, dann sieht man ja nicht nur eine charakterlose Hülle, naja, auf jeden Fall bei stilvollen Gemälden, sondern man sieht einen Auszug aus einem Leben. Sieht man beispielsweise eine Frau in einem Kleid vor einem idylischen See, mit spielenden Kindern im Hintergrund, dann fragt man sich doch sofort, wie die Personen in Verbindung stehen, was sie in diesem Moment fühlen und was sie vielleicht vor diesem "Moment" gemacht haben. Dreht die Frau sich gleich um und rügt die Kinder, weil sie so laut sind, zieht sie sich aus und geht baden, oder setzt sie sich hin, liest Kant und philosophiert über Gott und die Welt xD Da wird ja ein Leben dargestellt und der Geist des Gemäldes wird von dem Künstler mit geschaffen. Ich habe extra nicht erwähnt, was das für ein Gemälde ist, wer da eigentlich das Ich ist, damit man Freiraum für eigene Ausführungen hat, und damit auch der Ich-Protagonist diese Freiheit hat.
Hoffe mal, das ergibt in deinen Augen irgendeinen Sinn xS

Aber vielleicht fällt mir da noch was ein, wie ich das Ganze besser herausarbeiten kann.

LG


Hallo @Michael Weikerstorfer

und auch die zuerst einmal danke für den detailreichen Kommentar.

Der Effekt, dass man eben nicht genau weiß, um wen/was es sich da handelt, war auf jeden Fall gewollt, und auch dass die Lesenden erst einmal verwirrt sind. Kann allerdings gut sein, dass ich es damit etwas übertrieben habe. Die einzelnen Anspielungen werden wahrscheinlich erst klar, wenn man weiß, dass es ein Gemälde ist, oder man das mit dem Museum und so liest. Ich versuche mal, da noch stärkere Hinweise zu beschreiben.

Ich gehe mal nacheinander auf alles ein.

Dieser Satz klingt irgendwie seltsam. Ich würde stattdessen einen anderen Satz probieren, z.B.:
Ich konnte ihn nicht ignorieren und wusste nicht, woher er stammte.
Ich wollte mit diesem Satz eben darauf hinaus, dass der Geruch nach muffigen Ölfarben sowohl aus der Umgebung kommt, es ist schließlich in einem Atelier, aber eben auch von dem Prota selber, denn er besteht ja aus eben diesen Ölfarben. Das wird aber wahrscheinlich erst klar, wenn man es schon weiß xD Und du hast recht, die Formulierung meines Satzes tut ein bisschen weh, das ändere ich auf jeden Fall.

Das Rascheln kann ich noch nachvollziehen, das ist wohl ein Pinsel. Das Klimpern kommt wahrscheinlich von einer Malspachtel. Aber die Gläser kann ich nicht zuordnen.
Ja, also die Geräusche kommen von allem, was so in einem Atelier ist. Und da gibts ja auch Gläser. Es gibt ja beispielsweise Flüssigkeiten um die Ölfarbe dünnflüssiger zu machen, aber vielleicht ändere ich das auch ab in andere Geräusche. Verstricke mich da ein bisschen.

Du meinst Gliedmaßen, oder?
Jap, ändere ich, danke

Punkt am Ende der direkten Rede, wenn kein Begleitsatz folgt. Das gilt für den ganzen Text.
Jup, hab ich selbst gar nicht bermerkt. Auch die Rechtschreibfehler und so ändere ich.

Woher weiß er, dass es ein Atelier ist? Bei dieser Gelegenheit könntest du den Raum etwas mehr beschreiben.
Absolut. Da schreibe ich noch ein paar Sätze zu.

Vorschlag:
Sie wischten mich ab und … Halt, wartet! Ein stummer Schrei meinerseits … Sie zogen mir eine Haube über.
Auch das wirkt besser.

Woher weiß er das? Stecken da wirklich die Schöpfer dahinter? Und alle können ja nicht allein sein, das schließt sich doch gegenseitig aus, oder? Vielleicht: dass wir die einzigen hier waren.
Wollte schon darauf hinaus, dass sie alleine sind (zumindest sich alleine fühlen). Denn die Gemälde können ja nicht miteinander reden, sie sehen nur die anderen, fühlen mit ihnen mit, weil sie sich genauso fühlen. Aber sich können sich nicht aussprechen, sie können nicht laut ihren Schmerz herausschreien, und deshalb sind sie schon alleine, obwohl sie so viele sind. Und die Schöpfer/Künstler stecken ja schon dahinter, denn sie haben sie in diesem "Moment" gemalt und sie stumm gemacht. Auf jeden Fall aus Sicht des Gemäldes.

LG

Vielen Dank auf jeden Fall für die Anregungen und ich meine aus beidem Kommentaren rauszuhören, dass die Idee an sich interessant ist, nur die Umsetzung noch ausbaufähig ist xD

 

Hallo @Lukas Nue ,

ja das ist eine knifflige Sache und ich verstehe auch, was du meinst.

Im Film "Hexen Hexen" von 1990 erzählt die Großmutter des Protagonisten eine Gruselgeschichte, die gewisse Parallelen mit deiner Geschichte aufweist. Da wurde ein kleines Mädchen von einer Hexe in einem Bild gefangen gehalten. Sie schien darin weiterzuleben und wechselte ihre Position. Mal schaute sie traurig aus dem Fenster der Hütte, mal fütterte sie die Gänse. Mit der Zeit wurde sie immer älter und älter, bis sie irgendwann völlig aus dem Bild verschwand.

Hier ist der Unterschied, dass es um Hexerei geht, und dass das gefangene Mädchen in dem Bild ein normaler Mensch war. Auch hat man das Gefühl, dass es in dem Bild selbst ein eigenes Universum gibt, wo die Dinge für das Mädchen normal ablaufen.
Vielleicht wäre es eine Idee, wenn dein Protagonist erst "aufwacht" und die Dinge wahrnimmt, wenn er komplett fertiggestellt wurde und beschreibt, wie eine Art Gott die Dinge um ihn herum erschafft. Er nimmt dann auch die Persönlichkeit an, die der Maler vorgesehen hat. Z.B. könnte er ein Farmer sein, der seine Kühe vermisst, bis sie plötzlich eines Tages auf dem Feld entstehen. Geht dann nur in eine ganz andere Richtung. :D
Der Unterschied wäre, dass deine Figur sich dann nicht um die "Außenwelt" kümmert, sondern um das, was im Universum des Bildes vor sich geht.
Ein böser Twist wäre, wenn der Maler am Ende, wenn der Farmer vollends Glücklich mit der Vollendung der Welt ist, selbst jedoch unzufrieden mit seinem Werk, alles wieder zerstört und übermalt. Eine Art Apokalypse.

Das wäre zumindest eine Lösung. Aber vielleicht kannst du ja trotzdem bei deiner Variante eine andere Lösung finden. Ich drücke dir die Daumen. :thumbsup:

Viele Grüße
Krolloks

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Lukas Nue ,

klasse, dass du dich hier schon so mit Komms einbringst, das ist ja gar nicht selbstverständlich. :gelb:

Ich hatte den Text begonnen und irgendwann überflogen und dann - glaub ich - auch abgebrochen, dabei finde ich das Thema sehr reizvoll und finde auch, dass du gut Beobachtungen reinbringst und eine Perspektive, die noch nicht so ausgenudelt ist. Das hat super Potenzial.

Dieser Dreh mit der Erzählposition hat sich mir aber relativ früh erschlossen, das ist ja in großem Detail ausgebreitet und wird über weite Strecken des Textes so im Vagen / absichtlich Verschleierten gehalten. Für mein Leseempfinden nimmt das aber einen zu großen Raum ein und verdrängt so den Plot. Es gibt Handlung: mehr innere als äußere, und das ist nicht das Problem - das Problem imA ist der Bogen der Erzählung (ich will das gar nicht Spannungsbogen nennen, weil es dann aussieht, als fordere ich dauernd Action).

Gedacht als: Form Follows Function, das Prinzip des Bauhauses lässt sich auch super auf Texte anwenden. Folgt die Form (das ist auch die quasi-verschleierte, lange unausgesprochene Perspektive / Identität der Prota) hier der geplanten Function? Oder stellst du vielmehr die Form über die Funktion? Falls das so wäre: Wie sähe der Text aus, wenn sich das umkehrte? Mal als Anregung.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Text intensiver würde und auch besser fließen, wenn du die sensorischen Passagen auf das Wesentliche kürzen würdest und dann einen sich entwickelnden, damit verbundenen, Plot einbauen würdest. Kürzen vllt. um 20% oder sogar 30% des gesamten Textkörpers - nicht brutal ganze Absätze raushauen, sondern journalistisch kürzen: Satz für Satz, Wort für Wort.
In dieser Breite fühlte ich mich - selbst bevor ich merkte, um was es geht - vom Autor manipuliert, letztlich fast veräppelt. Ätsch, ich mache hier was, findest du's raus? Das verhindert, dass ich mich auf die Prota und das Geschehen in der Geschichte einlassen kann, da eintauche. Denn bei vielem davon wird hübsch kleinteilig etwas beschrieben, das aber imA zumindest letztlich gar nicht so viel dazu beiträgt, die Figur zu charakterisieren, das Setting / Worldbuildung zu schaffen, den Plot / die Geschichte zu entwickeln und voranzubringen.

Aber vielleicht kannst du ja trotzdem bei deiner Variante eine andere Lösung finden.
Nur ne wilde Idee: Dario Argento hat für seinen Film Das Stendhal Syndrom eine möglicherweise semi-fiktive psychische Störung verwendet, die bei der Prota (gespielt von Asia Argento) durch das Betrachten von Kunstwerken, speziell Malerei, ausgelöst wird. Das können Ölgemälde des Barock oder Spray Art auf einer Mauer sein. Im ersten Moment klingt das wie das Gegenteil zu deinem Text, weil es eine lebende Person außerhalb des Bildes ist.
Die Störung lässt sie aber halluzinieren, sie sei im Bild - und zwar quasi auf Ebene der Pigmente und Malschichten; und dort erst entfaltet sich die imaginierte Welt, die sie nicht von der Realität unterscheiden kann.
Das ist eine ganz großartige Idee, die im Film für meinen Geschmack sogar unter-verwendet wurde (wenn ich mich recht erinnere: im Intro und in nur einer weiteren Szene später).

Was dort aber Spannung bringt (nicht nur auf die Action bezogen, sondern auch als psychologische Wirkung, die einen emotional und intellektuell engagiert), ist eben das Wechselspiel zwischen den Welten bzw. ihren Zuständen. Auch das eher unter-genutzt im Film, v.a. hat das leider recht platte Ende dann gar nix mehr damit zu tun. Aber vielleicht nutzt dir der Film dabei, dieses Wechselspiel - nur eben bei dir weniger in der Außenwelt und stärker auf der Ebene des Gemäldes - dynamischer zu gestalten und außer dem Geheimnis, warum das alles so beschrieben wird, noch mehr Geschichte zu erzählen, der man auch gern folgt, nachdem man die Konstruktion des Autors durchschaut hat.
Ähnliches Problem haben übrigens Pointengschichten - auch, wenn du sicher sehr viel mehr Arbeit, Ideen und wirklich innovative Eindrücke verarbeitet hast, als die allermeisten Pointengeschichten aufweisen können.

Jedenfalls bin ich sehr gespannt, was du noch schreiben wirst, und auch, ob und wie sich dieser Text noch entwickeln könnte. (Tag mich gern, falls du irgendwann was gefrickelt hast.)

P.S.

Das alleine war verstörend genug.
Der Fehler ist inzw. so verbreitet, dass ich meine Hand dafür ins Feuer lege, die Schreibweise würde bald vom Duden als erlaubte Variante gelistet. Bis dahin aber: allein existiert (außerhalb von wörtlicher Rede, wo es eine Figur falsch verwenden kann) nur ohne -e.

Herzlichst, mit sonnigen Grüßen aus dem Norden,
Katla

 

Hallo Lukas Nue,

interessante Story, auch gut geschrieben ... anfangs ein wenig verwirrend und unbeholfen, aber Du kommst zunehmend in Schwung und dann flutscht es auch.
Da gibt es auch diese Aussage, dass sich Naturvölker mit wenig "zivilisiertem" Kontakt nicht fotografieren lassen wollen, weil sie Angst haben, dass ein Teil ihres Ichs gefangen wird in dem Bild. Ich selbst habe es erlebt, als ich in Marokko einen jungen Mann fotografieren wollte. Er erklärte mir, dass der Glaube (spirituell) etwas Ganzes ist, wie ein Gewebe und dass Teile dieses Gewebes in das Bild wandern und von ihm abgezogen werden.

Weiter gibt es diesen Mere-Exposure-Effekt, der besagt, dass Dinge, oder Menschen, die in unserem Wahrnehmungsbereich auftauchen, erst fremd und mit der Zeit (positiv) vertrauter werden. z.B. wenn Du einen Menschen triffst und der dir erst "hässlich" erscheint, dann aber zunehmend sympathischer wird. Das trojanische Pferd soll so ein Effekt gewesen sein.

Es ist keine leichte Aufgabe, die Du Dir da gestellt hast, aber ich würde auch - wie die anderen schon erwähnt haben - die Wahrnehmung über die menschlichen Organe reduzieren oder ganz fallen lassen. Unsere Organe leiten ja über Nerven die Wahrnehmung ins Gehirn und erst dort wird ein Bild geschaffen - aber dieses Bild ist ja nur eine Illusion und wir glauben, dass die Wirklichkeit erschaffen wurde. Es gibt Menschen, die sehen Schrift, aber die Schriftzeichen werden in ihrem Gehirn nicht mit der Bedeutung des Wortes verbunden. Sie lesen "Stuttgart", aber hinter den Buchstaben erkennen sie nicht den Begriff, die Stadt. Oder noch besser: Hast Du schon mal Pristrotis gegessen? Nein? Aber Honig sicherlich schon. Liest Du Honig, erinnerst Du Dich an den Geschmack, an die Konsistenz usw. Jemand, der noch nie Honig gelesen, geschweige denn probiert hat, tappt völlig im Dunkeln. So ist das mit Pristrotis auch. Ich kenne es auch nicht, tut mir leid, denn es gibt es ja nicht. Aber allein das Wort versucht unser Gehirn zu erfassen. Leider vergeblich :-) ... oder ganz hart. Der Traum. Bilder (z.B. eine Waffe) werden als Illusion erschaffen, sind also nicht feststofflich, aber Dein Körper reagiert auf diese Bilder mit feststofflichen Reaktionen, obwohl ja keine Bedrohung stattfindet. So, jetzt hast Du zu knabbern ... nochmal zurück zur Story. Allein der Phantasie zuliebe war es wert, die Geschichte zu lesen.
Grüße
Detlev

 

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