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Kies

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28.12.2009
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Kies

Der Staub legte sich langsam über den Schotter.
Sie sahen dem Pritschenwagen hinterher.
Was wollte der?
Rheinkies. Holt der nächste Woche ab.
Wim nickte. Bestimmt für ne Einfahrt, oder?
Drickes leckte sich über die Oberlippe. Schottergarten, Teich, Gabione - mir scheißegal, solange der pünktlich zahlt. Na ja, auch n Bier?
Klar, gerne.
Drickes zeigte auf die Holzbank vor dem Lagergebäude. Setz dich.

Der Geruch von nassem Stein und warmem Diesel wehte von der Grube herüber.
Drickes schloss die Tür mit einem Fußtritt und setzte sich neben seinen Bruder.
Hier, sagte er und drückte ihm eine Flasche in die Hand.
Stella, nobel, nobel … und auch noch eiskalt.
Hab ich aus Liege mitgebracht. Ist übrigens die alte Kühlbox vom Vater.
War ne gute Idee, die auszugraben … ich kann dir noch paar extra Kühlelemente mitbringen, ich kenne wen aus der Ophthalmologie, die kriegen ihre ganzen Sachen ja gekühlt, hier Hornhauttransplantation und so.
Von wo?
Augen, sagte Wim.
Ich dachte, du bist der für die Lauschlappen?
Na ja, die sind direkt gegenüber, deswegen …
Sein Bruder lehnte sich zurück und drückte seinen Daumen auf die Flaschenöffnung. Also, jetzt sag mal, was machst du da eigentlich genau? Ich meine - genau - was tust du da?
Wim lachte. Nicht so einfach zu erklären.
Glaubst du, ich bin zu blöd dafür oder was?
Nein, nein … er winkte ab. Zur Zeit bin ich in der Diagnostik.
Aber was machst du da? Nimmst du irgendwem Blut ab oder untersuchst die irgendwie?
Ich mache gerade Gleichgewichtsprüfungen. Er trank einen Schluck und drehte die Flasche in seiner Hand hin und her. Wenn dir schwindelig wird, dann …
Und, ich meine, wie stelle ich mir das vor? Wenn dir schwindelig wird …
Das nennt man orientierende Gleichgewichtsprüfung.
Aha.
Gibt verschiedene Versuche, die man macht, keine Ahnung, Romberg, Unterberger, Zeigeversuch, das müsste ich dir erstmal alles genau erklären, hat ja jetzt keinen Sinn, oder? Einfach so, mal eben aus der Luft gegriffen, du weißt doch, was ich meine, oder?
Schwindel? Du testest, ob denen wirklich schwindelig ist, oder wie?
Im Grunde gehts ums Gleichgewichtsorgan, genau.
Na, wie dem auch sei …
Mach ich nicht für ewig.
Ist doch egal, wenns dich glücklich macht. Guck mal, Sand, Kies, Erde, den ganzen Rest, Garten und Landschaft, das mach ich schon ewig, und ich wollt auch nie mehr, ich bin glücklich mit dem, was ich hab.
Ja, sagte Wim. Ich verstehe das.
Ja?
Tue ich.
Warum wird einem schwindelig, kannst du das sagen, ich meine …
Da gibt es viele Gründe, schwer einzugrenzen.
Aber es gibt Gründe, oder nicht?
Tja, kann was an den Nerven sein oder eine Entzündung, was am Gleichgewichtsorgan, psychisch, Alkohol, Medikamente, das muss man im Einzelfall sehen, das ist hochindividuell.
Hochindividuell!
Ja, jeder Mensch ist ja verschieden.
Siehst du, sagte Drickes, aber Kies ist eben Kies. Eine Drainage ist eine Drainage, eine Einfahrt eine Einfahrt.
Kann man aber nicht vergleichen, weißt du auch.
Sicher weiß ich das. Ich sag ja nur. Hast du dein Bier schon leer?
Nee, ich hab noch, Hälfte erst.
Mensch, ich würd sagen, beeil dich, aber nachher wird dir noch schwindelig!
Sie lachten und sahen einem Kormoran hinterher, der über das Gelände flog.
Ganz schön warm für Mai, oder?
Ja, und soll noch wärmer werden. Wahnsinn, oder?
Mir soll’s Recht sein, ich hab die Schnauze voll von der Kälte und dem Regen, ist einfach nicht mein Wetter.
Ja, aber mit dem Wetter kannst du nichts machen, das kommt, wie es kommt, oder?
Hast Recht. Petrus macht, was er will.
Sag mal, du bist doch ein schlauer Kopf, sagte Drickes und stellte die leere Flasche auf den Boden neben der Bank.
Schlau, nee, ich weiß nicht.
Na ja, also ich würd schon sagen, du bist schlau. Deswegen hab ich mal ne Frage, und ich will, dass du sie mir ehrlich beantwortest, kannst du das, ja?, sie mir ehrlich beantworten?
Also, ich kann es zumindest versuchen.
Na dann. Drickes lächelte. Stell dir mal vor, jemand kommt zu dir, und sagt: Ich hab da was, was du hier in der Grube verschwinden lassen musst, ja? Und du musst es so verschwinden lassen, dass niemand es findet. Und er sagt dir, wir zahlen dir hundert Riesen, wenn du es tust.
Wim atmete aus. Hat dir das jemand angeboten, also, ich meine …
Nein, darum geht es doch gar nicht, es geht darum, was du machen würdest.
Was ich machen würde?
Rede ich kyrillisch oder was?
Das, ja, das kann so gar nicht beantworten. Was sollst du denn genau verschwinden lassen? Ich meine, das wäre doch das Wichtigste, oder nicht? Ist es was Illegales?
Illegal oder nicht, egal.
Reden wir hier also über das, was ich glaube, über was wir reden?
Über was reden wir denn hier?
Na, also verblödet bin ich nicht.
Das habe ich ja schon gesagt, deswegen frage ich dich.
Einen Toten. Eine Leiche.
Eine Leiche?
Ja, darüber reden wir hier doch, oder nicht?
Das hast du gesagt.
Aber darüber reden wir doch hier, über eine Leiche, dass du eine Leiche verschwinden lassen sollst?
Wir reden darüber, dass ich irgendetwas verschwinden lassen soll, von einer Leiche hat keiner was gesagt.
Gedacht, aber gedacht hat das jeder, oder?
Jeder? Du oder ich?
Man denkt das eben, so wie du es erzählst, das steckt da schon drin … ich würde das auch denken, wenn mich das jemand anders fragt, so ist es nicht, das sind halt so meine ersten Gedanken.
Und Gedanken sind ja frei, hab ich gehört.
Drick, sagte Wim. Jetzt hör auf, sag was Sache ist, so oder so.
So.
Nein, das meinte ich nicht.
Wo wir dabei sind, sagte Drickes und stand auf. Jetzt mal das Bier leer?
Wart noch einen Moment, jetzt. Wim reichte ihm die leere Flasche.
Drickes stellte die Flasche neben seine auf den Boden und öffnete die Kühltruhe.
Was hast du eigentlich in Liege gemacht?
Ne Ladung Kies ausgeliefert.
Kies, nach Liege? Komm, Drick, red keinen Blech.
Was Geschäftliches eben.
Geschäftlich?
Sag mal, hörst du schwer? Mach mal so n Test bei dir selbst, hier, wie heißt das?
Audiogramm.
Genau, Audiogramm.
Nee, ich höre gut, sehr gut sogar.
Ach ja?
Ja, allerdings.
Ist auch egal, geht ja ums Prinzip.
Ums Prinzip?
Genau.
Das klingt aber anders.
Ja, wie klingt das denn?
Als ob du dich in die Scheiße reitest.
Weil ich in Liege war?
Weil du vielleicht irgendeine Scheiße mit Leuten aus Liege vor hast.
Und was, wenn ich nur zum Bier kaufen in Liege war? Im Colruyt direkt hinter der Grenze.
Kriegst du doch alles bei PM in Spich, erzähl mir nix.
Nee, die haben vieles nicht da, weil keine Nachfrage, also …
Und das ist es jetzt? Bier?
Was würdest du tun, das ist die Frage.
Wim schüttelte den Kopf und nahm die Flasche Stella Artois in die Hand. Worüber reden wir hier eigentlich? Das will ich wissen. Ist das hier nur ein Spiel, oder willst du mich wirklich was fragen, nur durch die Blume.
Spielt das eine Rolle?
Das spielt eine verdammt große Rolle, würde ich sagen.
Aber warum?
Hör auf!
Du hast Leiche gesagt, nicht ich.
Ja, ich habe Leiche gesagt, weil -
Denk mal an die hundert Riesen. Denk einfach mal nur an die hundert Riesen.
Nein, Drick, nein. Ich kann nicht einfach nur an die hundert Riesen denken, bist du vollkommen irre? Was ist los mit dir?
Nichts ist los mit dir.
Du weißt schon, dir ist doch klar, worüber wir hier reden, oder?
Worüber reden wir denn?
Wim legte seinen Kopf in den Nacken. Du hast gesagt, lass uns mal wieder treffen, lass uns mal wieder ein Bier zusammen trinken, und jetzt sitzen wir hier und …
Und was?
Und diskutieren über eine Leiche.
Ich habe nichts von einer Leiche gesagt.
Nein, nicht über eine Leiche, wir diskutieren über das Verschwindenlassen einer Leiche!
Drickes öffnete die Flasche mit seinem Feuerzeug und holte eine Schachtel Zigarillos aus seiner Hemdtasche. Glaubst du, die würden hier was finden?
Was? Wer ist die? Und klar würden die was finden.
Unter all dem Kies?
Glaubst du eigentlich, die sind blöde? Das sind doch keine Amateure. Die wissen genau, wo und wie sie nach was suchen. Nullkommanix, haben die was gefunden. Spürhunde, Sonar, das geht so schnell, da kannst du gar nicht gucken.
Spürhunde können nach zwölf Stunden keine Fährte mehr aufnehmen, und in der Sommerhitze funktioniert bei denen auch nicht alles so zuverlässig …
Wim hob die Augenbraue. Hast du alles schon herausgefunden, schon recherchiert oder wie?
Nein, da hab ich irgendwann mal was in der Zeitung drüber gelesen.
In welcher Zeitung liest man denn sowas? Fachblatt für Kriminalistik?
Was weiß ich, das war, als der kleine Junge in Frankreich verschwunden ist, in dem Dorf da. Da haben sie die Knochen nach einem halben Jahr erst gefunden - und auch nur rein zufällig, von ner Frau, die da in der Gegend gewandert ist, die hat das Skelett gefunden, die Spürhunde haben gar nicht angeschlagen …
Woher …
Und du musst eins bedenken, unterbrach ihn Drickes. Niemand wüsste davon. Dass hier etwas versteckt ist. Niemand kennt den Ort, und wenn niemand davon weiß …
Wim schüttelte den Kopf.
Was?
Nichts.
Hundert Riesen.
Das klingt wie aus so nem schlechten Film …
Was für n schlechter Film?
Du weißt, welche ich meine … wo irgendein gieriger Typ versucht, das schnelle Geld zu machen und sich dann, sagen wir es mal so, verkalkuliert und total abstürzt.
Und weiter?
Wie, und weiter? Nichts weiter. Meistens gehen die dabei drauf, oder? Eigentlich immer.
Ja, weil die keinen Plan haben, daran liegt’s, weil die sich das vorher nicht richtig überlegt haben, weil die nervös werden und dann dumme Fehler machen.
Aber du würdest keinen dummen Fehler machen oder wie?
Nee, sagte Drickes. Nicht wenn es um hundert Riesen geht.
Nein, du machst natürlich keine Fehler, selbstverständlich nicht, du bist eiskalt, klar. Und dann, was ganz anderes, ich weiß ja nicht, aber lohnt sich das überhaupt? Sind hundert Riesen so viel Kohle?
Hattest du schon mal hundert Riesen auf dem Konto?
Nicht, dass ich wüsste.
Siehste.
Aber deswegen gleich was Illegales tun, ich meine, wie lange halten Hundert Riesen? Nicht lang, oder?
Geht doch gar nicht darum, wie lange das hält. Du musst das mal so sehen: Ich tue dafür ja nix. Ich mach mir selbst nicht die Hände schmutzig, ich muss kein schlechtes Gewissen haben, nichts. Das ist wie ne Dienstleistung im Grunde, das Gleiche wie ne Tonne Rheinkies ausliefern.
Nein, das is was anderes … da machste dich mitschuldig. Kannst nicht einfach eine Leiche in der Grube verschwinden lassen.
Nochmal: Ich hab nichts über eine Leiche gesagt, das hab ich nie.
Trotzdem würdest du dich mitschuldig machen.
Mitschuldig … Drickes lachte. Weiß doch keiner was von.
Außerdem … dir gehts doch gut. Glaubst du, die hundert Riesen würden dein Leben so viel besser machen.
Ich wüsste jedenfalls, was ich mit so viel Kohle anstelle.
Ja? Was denn?
Nicht, was du denkst.
Kannst es nicht anlegen, nicht auf die Bank bringen, dir nichts Großes dafür kaufen …
Und woher willst du eigentlich wissen, ob’s mir gut geht, sag mal?
Das sehe ich.
Ah ja?
Klar.
Woran siehst du das denn?
Ich kenn dich doch …
Wer sagt dir denn, dass ich nicht ne Haufen Miese auf dem Konto habe? Dass ich gezockt habe und jetzt ner Menge Schulden hinterherlaufe?
Du zockst nicht.
Woher weißt du das?
Weil ich dich noch nie zocken gesehen habe. Du bist doch geizig wie ein Schotte, du schmeißt ja noch nicht mal einen mickrigen Euro in irgendeinen von diesen beschissenen Automaten.
Das ist was anderes.
Was soll da anders sein?
Vergiss es …
Sie saßen schweigend nebeneinander und tranken das Bier.
Ich meine, wie laufen denn deine Geschäfte, fragte Wim nach einer Weile.
Nein, schon gut … Drickes winkte ab. Ich hab keine Schulden, mach dir mal keine Sorgen, läuft alles gut, läuft super.
Ist sicher auch nicht einfach …
Na, was ist schon einfach? Aber lass mal, der Alte hat das schon gut gemacht, wenn es was gab, wovon er Ahnung hatte, dann davon. Sind ja nur Stammkunden, die Leute kommen alle wieder, und die fragen immer noch nach dem Alten. Ist ja auch schon fast wieder fünf Jahre her.
Ja, stimmt, diesen Sommer sinds fünf Jahre. Er hielt die Flasche in beiden Händen und wartete. Dann fragte er: Und, fehlt er dir?
Ich weiß nicht … fehlen? Fehlt mir, wenn ich angeln geh, seine Geschichten, die waren immer gut.
Ach komm, doch nicht nur deswegen, oder?
Na ja, am Ende ist er schon ganz schön wunderlich geworden …
Krank, er war krank. Dann werden Menschen so.
Mag sein, aber davon hast du ja nicht so viel mitbekommen …
Ich dachte, das hätten wir geklärt?
Haben wir.
Das Gefühl hab ich aber nicht.
Bist keinem was schuldig, mir schon mal gar nicht.
Das weiß ich doch.
Na also. Du machst deins, ich mach meins.
Ja, schon richtig … aber manchmal denk ich …
Musst dich nicht rechtfertigen. Kann ja auch nicht jeder, das mit den Schwindeltest.
Arschloch …
Du weißt, wie ich das meine …
Wim stellte die Flasche auf den Boden vor sich.
Willste noch eins?
Ich glaub, ich hab schon einen in der Krone.
Ach was, bist nichts mehr gewöhnt.
Hör mal, was ich noch sagen wollte … tut mir ehrlich leid, dass ich damals nicht dagewesen bin, als das …
Ist gut, unterbrach ihn Drickes. Ist schon gut. Lass nicht wieder davon anfangen, das hat doch keinen Sinn. Ist, wie es ist. Zeit können wir nicht zurückdrehen, und wollen wir auch nicht. Der Alte hat immer gesagt: Kopf hoch und guck nach vorne. Und das machen wir jetzt auch. Und deswegen hol ich uns noch ein Bier.
Wim lachte. Weißt du noch, wie wir mit der alten 80er durch die Grube sind?
Klar weiß ich das noch. Die gibts sogar noch, die Maschine.
Was, echt?
Sicher.
Fährt die noch …
Die fährt noch, aber du fährst die garantiert nich mehr, jedenfalls heute nich mehr, sonst kann ich dich nachher noch irgendwo abkratzen.
Warum?
Drickes zeigte auf das Bier der Hand seines Bruders.
Ich mein, bist doch du, du drückst mir doch ein Bier nach dem anderen in die Hand!
Ja, von nix kütt nix …
Wim nickte und nahm einen Schluck. Na dann, Prost!
Sie sahen auf die Grube hinter der Einfahrt, sahen die Dämmerung kommen.
Für Hundert Riesen würd sich’s einfach nicht lohnen, sagte Wim dann. Das ist zu wenig. Zu viel Risiko. Wenn, dann einmal richtig absahnen. So viel Kohle, dass du nie wieder was machen musst. Und dann ab, in irgendein Land, was nicht ausliefert, keine Ahnung, Paraguay, Brasilien, so was.
Copacabana?
Scheint jedenfalls immer die Sonne, und‘s Leben kostet fast nichts. Was willste mehr?
Drickes lächelte. Man müsste es halt nur machen.
Ja, müsste man. Aber ich weiß nicht …
Ich auch nicht …
Vielleicht besser so.
Aber zutrauen würdest du’s mir schon, oder?

Der Abend kam. Die Nacht kam. Sie tranken das Bier. Sie würden am nächsten Morgen in ihr Leben zurückkehren und nichts wäre passiert.

 

Guten Abend @jimmysalaryman,

Texte in diesem Stil zu schreiben, fördert die Konzentration bei der Leserschaft; was nur sinnvoll sein kann. Allgemein (nicht unbedingt hier) habe ich den Eindruck, lesen und verstehen können, sind auf dem Rückzug. Den beiden Namen nach würde ich spontan auf zwei im Rheinland hängen gebliebene Niederländer oder Flamen tippen. Immerhin bringt der eine den Rheinkies nach Lüttich. Aber egal, die beiden sitzen zusammen und ahnen vielleicht, dass zwischen ihnen keine Verbindung mehr besteht; höchstens Erinnerungen. Der Vater, als Kettenglied, ist seit fünf Jahren tot - und selbst davor sind beide wie Eisschollen auseinandergedriftet, schätze ich. Zwei unterschiedliche Welten. Das Thema könnte auch ein anderes sein. An ihm kondensieren die Entfernungen zwischen den Brüdern.

Passiert ja nix, könnte man sagen. Wo ist die Spannung? Dabei ist da vordergründig ja Spannung. Leiche oder nicht? Oder nur ein Scherz? Aus der Reserve locken? Wie weit würde er gehen. Kann durchaus sein, dass Drickes das schon früher mit Bruder und Vater getan hat. Reizen. Kontra, Re, Bock ...

Ich lese den Dialog und sehe die Welt dahinter. Jahrzehnte. Schattenwelten mit Lichtanteil. Ob nun der Stil oder jener, das Entscheidende ist, die Flasche zu öffnen und hineinzusehen. Dein Stil unterstützt es.

Hat mir tief gefallen.

Grüße
Morphin

 
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Hi @jimmysalaryman,

(mal wieder) ein sehr schöner Text! Die Authentizität der Sprache und der Charaktere hat mich direkt in den Bann gezogen. Ich habe mich beim Lesen gefühlt, als säße ich zwischen den beiden.
Durch das Dialogformat und den Rahmen (Gespräch zwischen zwei Brüdern) musste ich an die Geschichte "Snorri & Frosty" von Benjamin Myers denken, die mir ebenfalls sehr gut gefallen hat.

Ich habe nur eine größere technische Anmerkung, bei der ich hoffe, dass sie aus dem Mund eines blutigen Anfängers nicht anmaßend klingt: Ich habe mich nämlich gefragt, ob die Geschichte im Präsens stärker wirken könnte. Denn immer dann, wenn etwas vom Erzähler geschildert wird ("Sein Bruder lehnte sich zurück" etc.), hat mich das ganz leicht daran erinnert, dass ich einen erzählten und keinen realen Dialog vor mir habe.
Für mich hat die Präsenz der Erzählstimme oft etwas vom Rahmen eines Gemäldes. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit und zeigt auf, dass es sich beim Gezeigten um etwas Betrachtenswertes handelt (ein gutes Beispiel hierfür ist meiner Meinung nach das "Es war einmal" in Märchen). Durch das Präteritum schwingt bei mir immer mit, dass etwas Erzählenswertes passiert ist und die meisten Texte profitieren wahrscheinlich von genau diesem Hervorheben.
In meiner subjektiven Wahrnehmung besticht Dein Text allerdings so stark durch seinen Realismus, dass dessen Wirkung eventuell durch die künstliche Abgrenzung etwas gemindert wird, weil diese aufzeigt, dass wir es mit Fiktion und nicht mit Realität zu tun haben. Deshalb die Überlegung, ob ein möglichst unauffälliger Rahmen in Form einer weniger "literarischen" Erzählstimme die Authentizität noch stärker betonen würde.

Korrigiere mich bitte unbedingt, wenn der Diskurs über Erzähltechniken meiner subjektiven Wahrnehmung widerspricht. Auch ist es mir noch wichtig zu betonen, dass der Text für mich auch so absolut funktioniert!

Kleinkram:

Ja, sagte Wim. Ich verstehe das.
Ja?
Tue ich.
Toll! Gefällt mir sehr gut!
Siehst du, sagte Drickes, aber Kies ist eben Kies. Eine Drainage ist eine Drainage, eine Einfahrt eine Einfahrt.
Das ist für mich der einzige Punkt in der Geschichte, den ich etwas zu verkünstelt finde. Vielleicht weil das Vorziehen der vermeintlichen Simplizität der Materie über die menschliche Komplexität etwas ist, das man schon mal in anderen Kontexten gelesen hat (zum Beispiel der Naturwissenschaftler, der die Eindeutigkeit von mathematischen Gesetzen gegenüber der Interaktion mit Menschen präferiert).
Das, ja, das kann so gar nicht beantworten.
Fehlt hier ein "ich" oder "man"?
Wart noch einen Moment, jetzt.
Vielleicht kommt durch ein "Moment ..., jetzt" o.ä. das Austrinken noch stärker rüber.
Glaubst du, die würden hier was finden?
Was? Wer ist die? Und klar würden die was finden.
Wieder eine Deiner feinen Beobachtungen: diese im Reflex formulierte Rückfrage, die es - wie die im nächsten Satz formulierte Antwort zeigt - gar nicht bräuchte.
Aber deswegen gleich was Illegales tun, ich meine, wie lange halten Hundert Riesen?
hundert
Ja, stimmt, diesen Sommer sinds fünf Jahre. Er hielt die Flasche in beiden Händen und wartete. Dann fragte er: Und, fehlt er dir?
Sehr schön, wie man hier die Spannung spürt und sieht, dass ihm eine so emotionale Kommunikation schwerfällt.
Mag sein, aber davon hast du ja nicht so viel mitbekommen …
Ich dachte, das hätten wir geklärt?
Haben wir.
Aus meiner Sicht der Kern der Geschichte, da schwingt sehr viel mit.

Sehr gerne gelesen - vielen Dank für's Teilen! :)

Liebe Grüße,
Takinios

 

Passiert ja nix, könnte man sagen. Wo ist die Spannung? Dabei ist da vordergründig ja Spannung. Leiche oder nicht? Oder nur ein Scherz? Aus der Reserve locken? Wie weit würde er gehen. Kann durchaus sein, dass Drickes das schon früher mit Bruder und Vater getan hat. Reizen. Kontra, Re, Bock ..

Moin @Morphin,

danke dir sehr für Zeit und Kommentar.

Ja, das ist so der Glutkern, denke ich. Ist das was passiert? Warum nicht? Ich denke, besteht die Möglichkeit, würde jeder drüber nachdenken. Nicht im praktischen Sinn, aber schon theoretisch. Ich habe früher Kippen und Geld geklaut, ich dachte, die Gelegenheit ist günstig, mach ich. Schäme ich mich heute dafür? Vielleicht. Wichtig ist, zu wissen, jeder Mensch kann der Versuchung erliegen. Wir wissen es einfach nicht.

Texte in diesem Stil zu schreiben, fördert die Konzentration bei der Leserschaft; was nur sinnvoll sein kann. Allgemein (nicht unbedingt hier) habe ich den Eindruck, lesen und verstehen können, sind auf dem Rückzug.
Ich verstehe das. Der eigentliche Grund dafür ist, auch ohne Anführungszeichen zu schreiben, ist echt simpel, bei meinem damals neuen Chromebook ging das nicht, also musste ich so schreiben. Faule Sau, die ich bin, dachte ich, machste nachher, was dann nie passierte. Jetzt ist Cormac McCarthy meine Ausrede! Ich denke, so entsteht ein Sog, ein Ping-Pong, ich denke immer an Alan Bennett und seine Talking Heads, wie man aus einem einzigen Monolog Drama erzeugen kann: kein Peng Peng, Bumm, Leichen, Laserguns, sondern einfach und nahbar, naturalistisch, realistisch, wie man es auch nennen will.
Ich lese den Dialog und sehe die Welt dahinter. Jahrzehnte. Schattenwelten mit Lichtanteil. Ob nun der Stil oder jener, das Entscheidende ist, die Flasche zu öffnen und hineinzusehen. Dein Stil unterstützt es. Hat mir tief gefallen.
Danke dir sehr, das bedeutet mir etwas.

Moin, @Takinios

danke auch dir für Zeit und Kommentar.

Du scheinst ein sehr genauer, intellektueller Typ (oder Frau?, egal) zu sein, das merkt man an deiner Analyse. (Die ich sehr schätze!)

Ich habe mich nämlich gefragt, ob die Geschichte im Präsens stärker wirken könnte.
Ja, das ist eine gute Frage. Ich habe auch über deine Ausführungen zur Erzählhaltung nachgedacht. Mir erscheint das plausibel. Das Erzählt bekommen ist etwas anderes als in der Erzählung sein, das ist unmittelbarer. Beides ist denkbar, bezüglich dieses Textes, denke ich. Nun ist es so, nach ein paar Rollenprosatexten, die alle mehr oder weniger im Präsens, in einer oralen Erzähltradition standen, wollte ich mich etwas zurückbesinnen; sich als Erzähler, oder viel mehr als Autor, zurückstellen hinter seine Figuren.
In meiner subjektiven Wahrnehmung besticht Dein Text allerdings so stark durch seinen Realismus, dass dessen Wirkung eventuell durch die künstliche Abgrenzung etwas gemindert wird, weil diese aufzeigt, dass wir es mit Fiktion und nicht mit Realität zu tun haben.
Das ist interessant. Ich bin ein großer Fan des italienischen Neo-Realismus, der sich aber selbst als erledigt ansah, als man begriff, man kann die Realität nicht mit den zur Verfügung stehenden Mitteln abbilden. Wäre es hier ein ähnliches Dilemma? Ich bin sofort dabei, etwas näher, realistischer zu machen. Ich persönlich empfinde diese aktuelle Zeitform nicht als künstlich, aber ich teste das und lasse mich eines Besseren belehren. Ein Freund, der Dramaturg am Theater ist, meinte, du schreibst keine Stories, das sind alles Ein-Akter. Ich weiß nicht, ob das so ist, aber ich versuche, den Erzähler zu verkargen, so weit es mir möglich ist, weil ich denke, es sollte nicht der Autor in Erinnerung bleiben, sondern vielmehr die Figuren, die Geschichte.
Das ist für mich der einzige Punkt in der Geschichte, den ich etwas zu verkünstelt finde.
Gekauft.
Aus meiner Sicht der Kern der Geschichte, da schwingt sehr viel mit.
Siehst du mal, wie unterschiedlich die Lesarten sind. Man kann sich ja vortrefflich streiten, worum es in einem Film/Story/Buch eigentlich geht, ich denke, es gibt da nichts Monokausales. Letztens las ich dieses großartig Zitat, wo ein Autor sagte, die Story an sich ist schon das Ereignis, es muss nicht mehr passieren, sie ist ihr eigenes Leben. Und irgendwie stimmt das, deswegen ist es so spannend, zu sehen, wie und was jeder Leser daraus zieht.

Ja, Takinios, ein sehr feiner, guter, tiefgründiger Kommentar. Ich hoffe, alsbald mal etwas von dir lesen zu dürfen. Ich bin sehr gespannt.

Gruss, Jimmy

 

Hallo jimmysalaryman,

ich habe eine Weile überlegt ob ich mich als 0815 Haudrauf Neuling an so eine Story wagen soll. Knapp 2400 posts. Keine Ahnung wer du bist, aber "unerfahren" schließe ich mal aus.

Erster Eindruck: Ohne Anführungszeichen oder Guillemets? Pfff, kann nichts werden.
Eine Handvoll Zeilen später: Unter Umständen könnte es möglicherweise vielleicht partiell ein wenig halbwegs eventuell klappen. Nein, ich war sehr überrascht wie gut das trotzdem zu lesen war. Nach den ersten 50 Zeilen fällt es kaum noch auf.

Ok, worum geht es also.
Um Kies.
Was ist Kies?
Eine Menge kleiner Steinchen?
Vielleicht ein klein wenig.
Was ist Kies noch?
Eine Menge kleiner Scheinchen? (umgangssprachlich)
Eher.
Ich liebe doppeldeutige Titel!

zum Text:

Der Geruch von nassem Stein und warmem Diesel wehte von der Grube herüber.
Ich habe keine Ahnung wie nasser Stein riecht (vermutlich gar nicht), aber verflixt nochmal! Schöner hättest du mich kaum in ein Kieswerk / eine Kiesgrube ziehen können!

Na ja, also ich würd schon sagen, du bist schlau. Deswegen hab ich mal ne Frage, und ich will, dass du sie mir ehrlich beantwortest, kannst du das, ja?, sie mir ehrlich beantworten?
Entweder ich verpasse hier ein Stilmittel oder aber " ?, sie " ist irgendwie seltsam.

Rede ich kyrillisch oder was?
:lol:
Nein, Drick, nein. Ich kann nicht einfach nur an die hundert Riesen denken, bist du vollkommen irre? Was ist los mit dir?
Nichts ist los mit dir.
Ok, jetzt wären Anführungszeichen nett. Ich wäre hier eher bei: Nichts ist los mit mir.
Der Alte hat immer gesagt: Kopf hoch und guck nach vorne. Und das machen wir jetzt auch. Und deswegen hol ich uns noch ein Bier.
Wer will dem Mann hier widersprechen?

Beim zweiten Mal lesen kam die Geschichte besser durch als beim ersten Mal. Beim ersten Mal lesen hättest du mich nach grob zwei Dritteln fast verloren als es "schon wieder um die Leiche ging".
Ist ein sehr schöner Text von zwei Brüdern, die sich - nein, misstrauen wäre übertrieben - aber in der Gegenwart des Anderen vorsichtig sind. Der unterschwelllige Konflikt ist spürbar. Ich vermute, weil einer der beiden den kranken Vater bis zum Tod versorgte und der andere ... eben nicht.

Handwerklich habe ich nichts zu bemängeln. In der Liga habe ich aber auch nichts zu suchen.

Schöne Grüße
Tsunami

 

Guten Morgen @Tsunami und @jimmysalaryman,

der Satz von @Tsunami

Ich habe keine Ahnung wie nasser Stein riecht (vermutlich gar nicht)
verdeutlicht etwas, was mir vor paar Jahren bis dahin nie in den Sinn gekommen kam und in diesem Text besonders hervorgehoben ist: Die Sinne von Autor/Autorin und die der Leserinnen/Leser.

Rein olfaktorisch: Wenn etwas nass wird, verdampft die Flüssigkeit auf der Oberfläche und transportiert dort vorhandene Moleküle mit sich in die Welt hinein. So weit, so gut. Stein riecht. Ein Kiesel anders als Granit und der anders als Sandstein. Ebenso wie Boden riecht. Guter, schlechter Boden, mineralisch überladen oder sauer-karg.

Was das mit diesem Text und Tsunamis Satz und dem Problem zu tun hat? Vertrauen. Vertrauen Leserinnen/Leser dem/der Schreibenden, wenn sie von Sinneseindrücken berichten oder über geschilderte Sinneseindrücke ein Umfeld beschreiben?

In diesem Text von Jimmy finde ich viele dieser Sinneseindrücke. Und ich vertraue ihnen. Mir scheint, dass dieses Vertrauen in das literarische Erzählen (oder auch in wissenschaftliche Fakten) gelitten hat (ohne Vorwurf an @Tsunami).

Genug off-topic. Der Dialog hier, das Erzählen, ist unmittelbar, direkt und sinnlich. Sinnlich. Das ist von Bedeutung. Es ergibt Sinn. Weil es wahr ist. Weil er genau so irgendwo stattfand und stattfindet. Um die Sinnlichkeit zu unterstützen, darf es an Sinneseindrücken nicht fehlen. So muss Literatur sein. Im besten Sinne.

Grüße
Morphin

 

Für „grobkörnigen“ Sand ist die Etymologie des „Kies‘“ ungewiss und seine vermeintliche Verniedlichung im „Kiesel“ ist wesentlich früher belegt (im ahd. als „kisil“ [8. Jh.]) Ein sattes Jahrtausend später, im 18. Jh., wandelt sich seine Bedeutung übers jiddische „kis“ (= „Beutel, Säckel) mittels der Gaunersprache zum „Geld“ und nur um diesen „Kies“ geht es hierorts in der kleinen Erzählung, die mir sehr auf Theater/Schauspiel abgestimmt zu sein scheint, deshalb wird auch kein Wort zur fehlenden Apostrohierung wie hier

Bestimmt für ne Einfahrt, oder?
verloren, wo die ausgelassene Silbe „ei“ nicht mal ansatzweise zu hören ist -
wobei hier
Na ja, auch n Bier?
das Fehlen lautschriftlich „aʊ̯ç[ə]n“ aufzeigt, selbst wenn die Halbwertszeit des [ə] bei dem langsam oder behutsam Sprechenden um Bruchteile länger dauert als beim Plappermaul vllt. doch aufzuzeichnen ist im Apostroph ...
Klingt pingelig, aber ich will den hören, der das mitten im Satz ohne anklingendes [ən] hinkriegt.

Bei einer Frage wie „Kommstu[, bitte]“ wird i. d. R. das entsprechende Zeichen gesetzt – warum aber nicht hier

Setz dich.
ein „!“, und das zu einer Zeit, da jedes dritte/in jedem dritten Gespräch gebellt wird ...

Stella, nobel, nobel … und auch noch eiskalt.
Ja, keine Gourmets, denn da schreckt der Geschmackssinn auf der Zunge zurück und der Genuss ist dahin …
Allein der Suff ist wichtig.

Ich mache gerade Gleichgewichtsprüfungen.
Ja,
muss ich auch in Eigenregie. Zu allem per Pedes oder Pedal bisher gekommen, und Corona wirkt immer noch nach und die Pedale bleiben ungenutzt.

..., das müsste ich dir erst[...]mal alles genau erklären, hat ja jetzt keinen Sinn, oder?
Korrekt „erst mal“, da an sich ein verkürztes erst einmal

Aber es gibt Gründe, oder nicht?
Komma weg, Pausenzeichen Gedankenstrich oder einen beliebigen anderen aus der reichhaltigen germanistischen Strichliste

Ja, jeder Mensch ist ja verschieden.
Verschieden ist zuletzt jeder, mag er drei Generationen gelebt haben."Anders" ist vllt. besser … als „verschieden“

Das, ja, das kann so gar nicht beantworten.
Vom Papst bis hinunter zur Klofrau und einem niemand, dear und mir -
ja wer denn nu’!

Eine Leiche?
Ja, darüber reden wir hier doch, oder nicht?
Gallerie der Striche, nicht das Komma nutzen.
Heinrich von Kleist (und auch heutige Theaterleute) nutzen Kommas zur Regieanweisungen, dabei gibts eine ganze Gallerie von Strichen, von denen mir allein der Halbgeviertstrich der schönen wortkonstruktionshalber in Erinnerung geblieben ist

In welcher Zeitung liest man denn so[...]was?
Verkürztes so etwas

Aber deswegen gleich was Illegales tun, ich meine, wie lange halten Hundert Riesen? Nicht lang, oder?
hundert

Noch[...]mal: Ich hab nichts über eine Leiche gesagt, das hab ich nie.
...
Wer sagt dir denn, dass ich nicht ne Haufen Miese auf dem Konto habe?
Verdrehtes „en“ vor Haufen vermute ich … wahrscheinlich der Menge hier
Dass ich gezockt habe und jetzt ner Menge Schulden hinterherlaufe?
geschuldet

Klar[,] weiß ich das noch.

Drickes zeigte auf das Bier der Hand seines Bruders.
Da fehlt was – mutmaßlich ein „in“

Für Hundert Riesen würd sich’s einfach nicht lohnen, sagte Wim dann.
Zu viel Ehre für die Riesen: hundert

Sie würden am nächsten Morgen in ihr Leben zurückkehren und nichts wäre passiert.
Warum Konjunktiv II?
Hat der Autor Zweifel, dass sie nicht in „ihr“ Leben zurückfinden?

Wie dem auch wird, gern gelesen vom

Friedel,

der noch’n schönes Wochenende und'n schönes Spiel wünscht!

 

ich habe eine Weile überlegt ob ich mich als 0815 Haudrauf Neuling an so eine Story wagen soll. Knapp 2400 posts. Keine Ahnung wer du bist, aber "unerfahren" schließe ich mal aus.

Moin,

meh, das ist ja das Geile am Forum, dass es keine Säulenheiligen gibt. Was taugt, taugt, was nicht, wird kritisiert. Deswegen sind wir hier. Also, sehr gut!

Ich habe keine Ahnung wie nasser Stein riecht (vermutlich gar nicht), aber verflixt nochmal! Schöner hättest du mich kaum in ein Kieswerk / eine Kiesgrube ziehen können!
Ja, nasser Stein riecht. Das ist seltsam, ich notiere mir das in ein Heft, was ich mit mir führe, wie etwas riecht oder ob etwas riecht. Kennst du den Geruch nach Regen, der auf Asphalt trifft, oder überhaupt nach Regen? Gibt es ein eigenes Wort für. Ich denke, ein gutes Detail zieht dich in die Szene hinein, und dann bist du da. Oft wird zu viel beschrieben, ich nehme mich da nicht aus, man muss das sacken lassen und in cold blood sich selbst lektorieren. Was ist wirklich wichtig?

Ok, jetzt wären Anführungszeichen nett. Ich wäre hier eher bei: Nichts ist los mit mir.
Fehler, gekauft.
Ist ein sehr schöner Text von zwei Brüdern, die sich - nein, misstrauen wäre übertrieben - aber in der Gegenwart des Anderen vorsichtig sind. Der unterschwelllige Konflikt ist spürbar. Ich vermute, weil einer der beiden den kranken Vater bis zum Tod versorgte und der andere ... eben nicht.
Ja, ist schön zusammengefasst. Man kann sagen, ja, es geht um die Leiche und ob man das dem anderen zutrauen würde. Es ist auch so die Frage, welche Perspektive man einnehmen möchte, eher ja oder eher nein? Was wäre man bereit zu riskieren? Die backstory ist eingeflochten, um die beiden Brüder auf dieser kurzen Strecke auseinanderzuhalten, um ihnen einen Charakter zu geben, etwas, was differiert.
Handwerklich habe ich nichts zu bemängeln. In der Liga habe ich aber auch nichts zu suchen.
Ach ja, nee. Eine Meinung zu einem Text ist einem Autoren viel wert. Danke dafür!

Gruss, Jimmy

wird fortgesetzt

 

Rein olfaktorisch: Wenn etwas nass wird, verdampft die Flüssigkeit auf der Oberfläche und transportiert dort vorhandene Moleküle mit sich in die Welt hinein. So weit, so gut. Stein riecht. Ein Kiesel anders als Granit und der anders als Sandstein. Ebenso wie Boden riecht. Guter, schlechter Boden, mineralisch überladen oder sauer-karg.
Ganz wichtiger Punkt, @Morphin.

Ist immer die Frage, ob das einem wichtig ist, als Leser wie als Autor. Bei vielen lese ich in den Texten sehr viel Beschreibung, die aber nur reine Oberfläche bleibt, da geht nie was tiefer, das wird nie echt, sondern immer nur rein deskriptiv. Mir sind ja ein paar gute Details wichtiger, oder ein gutes Detail, was alles sagt, wo ich etwas vermittelt bekomme, ein Geruch, ein Bild, und dann setzt sich das in meinem Kopf zusammen.

Was das mit diesem Text und Tsunamis Satz und dem Problem zu tun hat? Vertrauen. Vertrauen Leserinnen/Leser dem/der Schreibenden, wenn sie von Sinneseindrücken berichten oder über geschilderte Sinneseindrücke ein Umfeld beschreiben?
Man muss das glauben wollen. Das habe ich selbst bei Texten oft, ein grundsätzliches Mißtrauen, ich stelle dann Fragen, wie, warum, weshalb, warum gerade jetzt, und dann will ich wissen, wie authentisch ist denn die Erzählstimme, kann derjenige das wissen, und warum sucht er sich als Autor genau dieses Detail, dieses Objekt aus? Gibt es wenige, denen ich vertraue.
So muss Literatur sein. Im besten Sinne.
Thanks you very much!

Gruss, Jimmy

wird fortgesetzt

 

Moin @jimmysalaryman

Praktisch eine reine Dialoggeschichte. Hat sich für mich sehr gut gelesen, obwohl ich normalerweise andere Erzählformen bevorzuge. Mehr braucht es gar nicht, um hier die Handlung (wenn man ein Gespräch als Handlung bezeichnen mag) voranzutreiben und die Figuren plastisch zu machen, ja, dem Leser sozusagen 'einen Blick hinter die Kulissen' einer eigenen kleinen Welt zu ermöglichen. Das ist Dir gut gelungen. Wie Wim und Drickes zueinander stehen, kommt sehr gut durch die Zeilen.

Ich schreib mal bisschen was zu Details, ist wahrscheinlich alles eine Frage des persönlichen Geschmacks auch, teilweise einfach Gedanken, die ich mir während des Lesens gemacht habe. Kurz zum Titel: Ich bin aufgrund Tsunamis Kommentar darauf aufmerksam geworden: Die Doppeldeutigkeit von 'Kies' im Kontext der Story ... Gefällt mir echt gut! Die anderen Kommentare habe ich nur überflogen, hoffe, ich wiederhole nicht Dinge, die Schnee von gestern sind.

Drickes zeigte auf die Holzbank vor dem Lagergebäude.
Drickes schloss die Tür mit einem Fußtritt und setzte sich neben seinen Bruder.
Hier gab es bei mir eine kleine Verwirrung. Ich habe es erst so gelesen, als säßen die Beiden jetzt drinnen, im Lagergebäude, weil Drickes die Tür schließt. Aber wahrscheinlich hat er das Bier von drinnen geholt? Andererseits: Später steht die Kühltruhe ja neben der Bank. Wahrscheinlich habe ich etwas verpasst, aber für mich geht hier etwas nicht ganz auf ... Ah, er hat die Kühlbox von drinnen geholt, richtig? Vielleicht könntest Du das klarer machen.

Gibt verschiedene Versuche, die man macht, keine Ahnung, Romberg, Unterberger, Zeigeversuch, das müsste ich dir erstmal alles genau erklären, hat ja jetzt keinen Sinn, oder? Einfach so, mal eben aus der Luft gegriffen, du weißt doch, was ich meine, oder?
Das mit 'keine Ahnung' würde ich streichen. Also ich verstehe es schon, er sucht eben nach Worten, das verständlich auszudrücken für seinen Bruder, aber ich lese es im ersten Moment schon so, dass er eben (noch?) nicht viel Ahnung davon hat, diesbezüglich vielleicht unsicher ist oder keinen Bock hat, darüber zu quatschen. Aber es ist ja schon sein täglich Brot, wenn auch vielleicht noch nicht sehr lange. Will er da nicht sattelfest wirken (selbst wenn er's noch nicht ist)? Ist nur meine Einschätzung seines Charakters.

Ist doch egal, wenns dich glücklich macht. Guck mal, Sand, Kies, Erde, den ganzen Rest, Garten und Landschaft, das mach ich schon ewig, und ich wollt auch nie mehr, ich bin glücklich mit dem, was ich hab.
Würde ich kürzen. 'Das mach ich schon ewig' empfinde ich als Info für den Leser, Wim dürfte das wissen, auch wenn sich die beiden auseinandergelebt und vielleicht nicht mehr allzu oft Kontakt haben, oder? Das Drickes nie mehr wollte, als das, was er hat, soweit zufrieden ist, nehme ich auch ohne die direkte Erwähnung aus dem Text wahr, weil er beschwert sich nicht, er lenkt das Gespräch nicht in Bahnen von: Ach, Mensch, wäre doch viel toller wenn ich stattdessen das und das gemacht hätte. Zudem sagt er: Ich bin glücklich mit dem, was ich hab. (er könnte auch sagen: Ich bin zufrieden mit dem, was ich hab -> dann wiederholt sich das mit dem 'glücklich' nicht)

Das, ja, das kann so gar nicht beantworten.
Entweder fehlt ein 'man' oder ein 'ich'.

Wir reden darüber, dass ich irgendetwas verschwinden lassen soll, von einer Leiche hat keiner was gesagt.
Diese Aussage Drickes interpretiere ich beinahe so, dass ihn wirklich jemand danach gefragt hat, etwas unter dem Kies verschwinden zu lassen. Ist aber nice gemacht, weil man eben trotzdem nicht weiss, ob er tatsächlich gefragt worden ist :-)

Man denkt das eben, so wie du es erzählst, das steckt da schon drin … ich würde das auch denken, wenn mich das jemand anders fragt, so ist es nicht, das sind halt so meine ersten Gedanken.
Kann man gut auch stehen lassen, auf mich wirkt es jedoch beinahe schon zu analytisch. Würde man das sagen? Und, nimm's mir nicht krumm: 'Das steckt da schon drin' ist so ein typischer Jimmy-Satz, also hier aus dem Forum jetzt, das könnte direkt aus einer Kritik von Dir stammen :D

Weil du vielleicht irgendeine Scheiße mit Leuten aus Liege vor hast.
Etwas vorhaben, oder? Also würde ich sagen zusammenschreiben: vorhast.

Nichts ist los mit dir.
Nichts ist los mit mir.

Wie, und weiter? Nichts weiter. Meistens gehen die dabei drauf, oder? Eigentlich immer.
Ziemlich drastisch. Also vorher war ja die Rede davon, ob die Bullen die Leiche mit ihren Spürhunden nicht eventuell finden, hier ist es dann so, als würde Drickes von der Mafia um die Ecke gebracht werden können. Vielleicht: Meistens werden die erwischt, oder? Aber verstehe schon, sie reden hier über Filme, da ist das mit der Mafia nicht abwegig.

Mag sein, aber davon hast du ja nicht so viel mitbekommen
Ich finde es sehr gut, was da alles im Text, in diesem Gespräch zwischen den beiden Brüdern mitschwingt: Sie haben sich für unterschiedliche (Lebens-)Wege entschieden, haben sich wohl auseinandergelebt, haben nicht mehr viel miteinander zu tun, der Vater als zentrale Figur, ihre Verbindung, ist seit fünf Jahren tot, Drickes hat sich um ihn gekümmert, während Wim sich wohl in die Arbeit gestürzt hat, es ist auch Drickes, der das Kiesunternehmen vom Vater übernommen hat, aber sie sind eben immer noch Brüder, auch wenn da Vorwürfe kommen, du hast dich nicht um Vater gekümmert etc., das ist eher das untergeordnete Thema, für mich geht es hauptsächlich darum, was man eben bereit ist für hundert Riesen zu machen oder nicht zu machen. Aber dieses Unterschwellige verleiht dem Text eine Tiefe, die er ohne das nicht erreichen würde. Also, fein gemacht, die Zwischentöne gut getroffen.

Ach was, bist nichts mehr gewöhnt.
Funzt so, aber ist nicht eher gemeint: Ach was, bists nicht mehr gewöhnt? Also dass er das Bier, den Alkohol nicht mehr gewöhnt ist, sonst könnte es auch so gemeint sein, dass er irgendwie 'das Leben der einfachen Leute' nicht mehr gewöhnt ist, nix mehr damit zu tun hat, also irgendwie bisschen abgehoben ist. Ok, vielleicht ein freudscher Versprecher :-)

Ich finde, das hier

Drickes lächelte. Man müsste es halt nur machen.
Ja, müsste man. Aber ich weiß nicht …
Ich auch nicht …
Vielleicht besser so.
würde sich auch gut als Schluss der Geschichte machen. Was danach kommt
Aber zutrauen würdest du’s mir schon, oder?

Der Abend kam. Die Nacht kam. Sie tranken das Bier. Sie würden am nächsten Morgen in ihr Leben zurückkehren und nichts wäre passiert.

gibt mir persönlich nicht mehr allzu viel. Gerade der Absatz mit 'Der Abend kam' zoomt dann doch eher raus, weg von den Figuren, denen ich vorher so nah war, es wirkt wie so ein Blick von oben auf das grosse Ganze, vor allem der letzte Satz, aber ich weiss nicht, ob dies dem Text gut tut bzw. ihm gut zu Gesicht steht, der Erzähler schafft für mich da am Ende eine Art Distanz. Ist das gewollt? Wieso nicht bei den Figuren bleiben und dann direkt rausgehen? Dass sie nach dem Gespräch zurück in ihre Leben gehen, so weitermachen wie bisher, vielleicht weiterhin eine Distanz zueinander wahren, dass mit der Leiche nicht mehr ansprechen, vielleicht sogar vergessen, dass schwingt da auch schon irgendwo mit, ohne dass es direkt ausformuliert werden müsste. Man könnte sich das auch selbst denken und es könnte offen(er) gelassen werden. Aber ist nur meine Meinung und dein Text :-)

Naja, hoffe, mein Kommentar bringt Dir was und war jetzt nicht zu kleinteilig/spitzfindig. Habe die Story sehr gerne gelesen.

Beste Grüsse,
d-m

 

Für „grobkörnigen“ Sand ist die Etymologie des „Kies‘“ ungewiss und seine vermeintliche Verniedlichung im „Kiesel“ ist wesentlich früher belegt (im ahd. als „kisil“ [8. Jh.]) Ein sattes Jahrtausend später, im 18. Jh., wandelt sich seine Bedeutung übers jiddische „kis“ (= „Beutel, Säckel) mittels der Gaunersprache zum „Geld“ und nur um diesen „Kies“ geht es hierorts in der kleinen Erzählung, die mir sehr auf Theater/Schauspiel abgestimmt zu sein scheint, deshalb wird auch kein Wort zur fehlenden Apostrohierung wie hier

Hallo Friedel,

sehr interessant! Wusste ich nicht. Ja, ist ein bisschen sehr szenisch, ich mag das, auch mal an die Grenzen gehen von dem, was man kennt und vielleicht auch erwartet. Na ja, vielleicht auch übertrieben, aber eben mal nicht eine vollkommen auserzählte Geschichte, sondern ein Dialog, wo auch zwischen den Zeilen etwas passiert. Nichts vollkommen Neues, aber ich glaube sowieso nicht, dass das geht.

Hat der Autor Zweifel, dass sie nicht in „ihr“ Leben zurückfinden?
Ihre Leben? Keine Ahnung.

Das mit dem Apostroph ist interessant. Du plädierst dafür, es zu benutzen, aus rein phonetischen Gründen? Klingt logisch erstmal. Ich mag es aber nicht im Text sehen, aus ästhetischen Gründen, das sieht so zerhauen und getackert aus. Ich denke drüber nach.

Grammatik wird umgehend eingepflegt! Danke dir für Zeit und Kommentar!

Gruss, Jimmy

 

Mehr braucht es gar nicht, um hier die Handlung (wenn man ein Gespräch als Handlung bezeichnen mag) voranzutreiben und die Figuren plastisch zu machen, ja, dem Leser sozusagen 'einen Blick hinter die Kulissen' einer eigenen kleinen Welt zu ermöglichen. Das ist Dir gut gelungen. Wie Wim und Drickes zueinander stehen, kommt sehr gut durch die Zeilen.

Moin und danke dir!

Ja, ich mag solche Sachen ja sehr gerne, Texte, die nicht direkt einem Format entsprechen, sich etwas anders verhalten. Ich habe so einen Ordner auf dem Rechner, wo ich Texte dieser Art reinpacke, den habe ich Duette genannt. Das sind all die Texte, in denen im Grunde zwei Menschen miteinander sprechen. Menschen in einem Raum, das kann auch die Natur sein, ein schwelender Konflikt oder ein Thema, an dem sich etwas entzündet, das kann schon die Grundlage sein für eine gute Geschichte. Oder so.

Hier ziemlich ähnliche Anlage. Ich denke, man könnte den auch gut als kurzes Hörspiel produzieren, das würde sich wahrscheinlich auch passend anhören. Ich habe gehört, viele Menschen können sich keine Stimmen vorstellen, ich habe ja beim Schreiben immer ein paar Stimmen im Kopf (also, NICHT so!), Stimmen, die passen könnten, und dann sehe ich diese Charaktere direkt vor mir, so entwickelt sich das einfach.

Ah, er hat die Kühlbox von drinnen geholt, richtig? Vielleicht könntest Du das klarer machen.
Gekauft.
Das mit 'keine Ahnung' würde ich streichen.
Auch das.
Würde ich kürzen. 'Das mach ich schon ewig' empfinde ich als Info für den Leser, Wim dürfte das wissen, auch wenn sich die beiden auseinandergelebt und vielleicht nicht mehr allzu oft Kontakt haben, oder?
Vollkommen richtig, kommt raus.
Diese Aussage Drickes interpretiere ich beinahe so, dass ihn wirklich jemand danach gefragt hat, etwas unter dem Kies verschwinden zu lassen. Ist aber nice gemacht, weil man eben trotzdem nicht weiss, ob er tatsächlich gefragt worden ist :-)
Sehr aufmerksam gelesen!

'Das steckt da schon drin' ist so ein typischer Jimmy-Satz, also hier aus dem Forum jetzt, das könnte direkt aus einer Kritik von Dir stammen
Hahahaha, ja! Stimmt. Kommt raus.

das ist eher das untergeordnete Thema, für mich geht es hauptsächlich darum, was man eben bereit ist für hundert Riesen zu machen oder nicht zu machen. Aber dieses Unterschwellige verleiht dem Text eine Tiefe, die er ohne das nicht erreichen würde. Also, fein gemacht, die Zwischentöne gut getroffen.
Ja, das ist natürlich auch ein red herring, eine Art Blendgranate. Aber schön, wenn das Handwerkliche doch wahrgenommen wird in seiner beabsichtigten Wirkung.

Wieso nicht bei den Figuren bleiben und dann direkt rausgehen?
Du hast Recht, kommt raus. Gordon Lish mässiger Kürzungsvorschlag! Sehr gut! :-D

Danke dir für deinen Kommentar und deine Zeit, hat mich sehr gefreut.

Gruss, Jimmy

 

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