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Lucimar
Lucimar
Die Sehnsucht und das Heimweh nach Deutschland trieb uns in den ersten Monaten an den Wochenenden ans Meer. Der sanfte aber konstante Wind an den Ufern, so dachten wir, würden unsere Gedanken reiner und sicherer zum Ziel bringen.
An solch einem Wochenende in der vorösterlichen Zeit, ging ich nach dem gemeinsamen Abendessen nochmals ans Meer, um auch den Sonnenuntergang zu geniessen, der dann auch wirklich, wie schon des öfteren, zum Erlebnis wurde. Wolken und Meeresoberfläche verzauberten im Abendlicht das Blickfeld. Überliess man der Fantasie freien Lauf, konnte man fast jede Minute am Himmel eine neue Gestalt erkennen mit wechselnd farbigem Gewand. Die Meeresoberfläche zeigte sich erst silbrig, dann begann sie sich langsam zu vergolden. Am Ende dieses Schauspiels kam ein alter Mann auf mich zu und sagte: “Herrlich, nicht war?”
“Ja, ein Geschenk Gottes” antwortete ich.
“Ich bleibe noch ein bisschen, denn ich warte auf Lucimar.”
“Auf wen?”
“Auf Lucimar”, wiederholte er.
“Kennst du die Geschichte nicht?”
“Nein!”
“Soll ich sie dir erzählen?”
Und ohne meine Antwort abzuwarten, setzte er sich zu mir in den Sand. Jetzt erst sah ich sein Gesicht, das seine indianische Abstammung verriet.
“Mein Vater erzählte sie mir ein paar mal, jeweils in der Osterwoche, denn zu dieser bestimmten Zeit soll sich die Geschichte zugetragen haben:
Im ‘Canto do Indaiá’, dort wo heute die kleine Kirche und die Ausbildungsstätte für Jugendliche ‘Senai’ stehen, wohnten in einfachen Bambushütten arme Familien, die ausschlieslich vom Fischfang lebten. Die älteren Familienangehörigen waren noch Indios vom Stamme Tupi-Guarani. Ihre Boote waren einfache schmale Ruderboote die nicht gerade sehr geeignet waren für bewegtes weites offenes Meer.
Der siebenjährige Sohn des Fischers der vordersten Hütte wünschte sich seit langem eine grössere Bootsfahrt mit seinem Vater. Auf Grund seiner guten Fischfangergebnisse der vergangenen Woche war er gut gelaunt und versprach des Sohnes Wunsch zu erfüllen. Das Wetter war gut einen Tag vor dem Osterfest.
Obwohl die Mutter dem Sohn diese langersehnte Reise mit dem Vater von Herzen gönnte und das Wetter gutzubleiben schien, überfiel die Mutter eine seltsame Unruhe, doch schweigend half sie ihrem Mann das Boot nach dem schlichten Mittagessen ans Meer zu ziehen. Sie blieb am Ufer und schaute den Beiden nach bis sie an der bewaldeten Landzunge abbogen und ihrem Blick entschwanden. Der Vater hatte keine Mühe das Boot zu führen und freute sich über das Glücklichsein seines Kindes. Bald auch hing ein dicker Fisch am Haken. Er hatte seiner Mutter mindestens drei zum Osterfest versprochen. Sein Vater half ihm den ersten vom Haken zu lösen und warf ihn in einen Wassereimer. Mit den nächsten musste er selbst fertig werden. Der Eimer füllte sich und Sohn und Vater jubelten vor Freude und der Sohn fragte ob er nun seinen Freund zum Mitessen einladen dürfte. “Es ist schön das Glück zu teilen,” antwortete der Vater.
Die Mutter beobachtete fortwährend von ihrer Hütte aus Himmel und Meer. Sie bemerkte wohl als erste in ihrer besorgten Stimmung, das Brechen der Wellen. Sie ging ans Ufer und fühlte den steifer gewordenen Wind.
In der Tat bemerkte der Vater in seiner Mitfreude wesentlich später die Veränderung des Windes und spürte ihn erst richtig als er ihn auf der Rückreise zum Gegenwind hatte. Lange liess er sich nichts anmerken. Doch dann musste er erkennen, dass die Distanz zur anfixierten Waldspitze nicht kleiner wurde. Schweigend kämpfte er mit aller Kraft. Die Zeit verging und die Dunkelheit schluckte bald den Blick zum Ufer und das Boot. Er überschätzte sich, seine Kraft war am Ende, setzte sich auf den Bootsboden, hielt seinen Sohn fest umschlungen und überliess das Boot dem Wind und den Wellen. Trotz der ihm fremden Situation fühlte sich das Kind beim Vater geborgen und drückte sein Köpchen fest an seine Brust.
“Halte dich fest” war die Antwort des Vaters auf diese innige Berührung. Das Boot verlor die Richtung zum Ufer und schaukelte mit den Wellen. Die Wellenkämme brachen im Wind und beide waren bald triefend nass.
Die Mutter erahnte die Not der Beiden im Boot in der Dunkelheit, lief rasch in die Hütte, zog ihr schneeweisses Kleid an, das sie von ihrer Mutter zur Hochzeit geschenkt bekam, rannte zum Ufer und schrie so laut sie vermag die Namen ihres Sohnes und Mannes in die Nacht hinaus aufs Meer, dorthin wo sie ihre Lieben vermutete. Sie streckte die Arme zum Himmel und bat Gott um seine Hilfe. Nach einer Weile begann sie zu weinen, kniete sich nieder in den Sand und betete.
Der Vater im Boot bemerkte ein Nachlassen des Windes bis zur absoluten Windstille. Kein Lüftchen, kein Rauschen streifte sein Ohr. Er kam sich vor wie in einem Vakuum, richtete sich auf und schaute in die Nacht, seine Augen brannten.
In diesem Moment erschien unweit vom Boot unter Zischen und Brausen eine Gestalt aus Licht und Wasser aus dem Meer und überstrahlte das Boot von allen Seiten. Er starrte auf die Gestalt und erblickte einen Augenblick ein Gesicht, deutlich und klar und rief aufgeregt:
“Du bist es, Lucimar?”
Er setzte sich und begann zu rudern, der Gestalt aus Licht und Meer folgend. Das Boot lief leicht ohne Gegendwind bis zum Ufer. Während der Sohn mit den Fischen im Eimer zur wartenden Mutter rannte, blickte der Vater zurück auf’s Meer und bannte den Augenblick als die Gestalt, weit draussen, ins Meer eintauchte und verschwand. Leise sagte er “Luz e Mar” (Licht und Meer). Mit diesem Erlebnis erkannte er die Bedeutung des wohlklingenden Namens seiner jungen Frau Lucimar. Er stieg vom Boot und ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu. Lucimar, noch weinend zitterte am ganzen Körper. Er sah sie tief an und sprach:
“Deine Liebe, Lucimar, ist stärker als das Meer.”
Die klein Familie zog, glücklich vereint, das Boot zur Hütte.
Nach seiner Geschichte sah mich der alte Mann an und fragte mich, ob ich die Geschichte glauben könnte.
“Was die Stärke der Liebe betrifft, ja.” antwortete ich.
Er stand auf, reichte mir die Hand und verabschiedete sich mit den Worten:
“Lucimar war meine Urgrossmutter.”
KH
Januar, 2006