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Säule
Säule
Einst lebte in Zazamac ein Mensch, der heilig zu werden beschloss.
Als er sich reif genug fühlte zum Heiligen, ergriff der Mensch eine Leiter, lehnte sie an eine Säule und stieg hinauf. Nachdem er sich auf die Säule gehockt, stieß er die Leiter weit von sich und rief den Gaffern zu, die sich eingefunden hatten:
„Jârâjâ, des künd ich iuch:
der mir sol gevolgen von swiu, swannen, swenne, swie,
der sol hân mêrre dann’ ich mac hân!“,
denn zur Güte fehlte ihm der Kopf.
Dass der Körper nicht verunreinigt werde, verzichtete er auf Nahrung und lebte eine kurze Weil’ nur von Luft und Exerzitien. So konnt’ ihn eines Tages der Wind von der Säule weg in einen Schweinekoben tragen, daselbst er besudelt ward, haben doch bis heut’ Schweine wenig Respekt vor allem, was heilig ist.
Mag sein, dass die Schweine ihn aufgefressen, sicher aber ist, dass niemand genau zu sagen weiß, wo die arme Seele ruht: ob im Trog oder im Stuhl, ob in der Sülz’ oder im Schinken.
Zu jener Zeit fand ein andrer, er habe in seinem Leben nur Monologe und Selbstgespräche geführt, hatt’ er doch zu Wänden und für die Katz’ geredet. Und er fasste seine Erkenntnisse in einem einz’gen Satz zusammen, den er tausend oder mehrmals schreiben ließ, dass darüber ein Buch entstand:
„Unmügelich istz,
daz ieman mac reden
waz nieman reden mac.“
Diese tiefe Wahrheit verkaufte sich gut, dass er von den Erlösen einen Tempel kaufte und sich auf einer Säule niederließ. Freilich blieb er den Menschen verbunden und erhalten: einerseits spendeten seine Jünger reichlich und gut Nahrung und Beifall, andererseits ergoss sich seine Notdurft über alle Welt, ohne dass er ein Wort gesagt hätte.
Da sein Ruhm größer wurde, kam von Zazamac ein Weib, das jammerte:
„Meister, meister, erbarm dich mîn!
Der tiuvel der triute der tohter mîn,
das mîn einiges barn ist gelegen in heimlîche,
daz es mir bereit’ vil bittern smerz.“
Aber der Meister sagte kein Wort, dass sie vor der Säule niederfiel und rief:
„Meister, meister, hilf uns,
daz sie sol der sinne gehaben unde
des tiuvels erlâzen!“
Da er aber schwieg, rief sie erbost:
„Hab undanc, daz dû uns hast geswîchen,
nie mêre deheiner gemüetet mich alsô sêre. –
Jâ, dû bist ein boesez bilde,
ein boesez bilde gibestu –
doch waz tougetz?“, mag sie geschlossen haben.
Da erkannten alle, die dabei standen, dass ihr Glaube groß gewesen, denn von Stund an war sie von ihrem Glauben geheilt, so dass die Legende entstehen konnt’, der Säulenheilige heile und vollbringe Wunder, denn er habe des Teufels Schwiegermutter von der Schwatzhaftigkeit befreit.
Also mehrten sich Ruhm und Gemeinde des Heiligen.
Es wird erzählt, vordem sei er ein lebenslustiger Kerl gewesen, den schweigende Wände eines Besseren belehrten, dass er sein Leben lang das Schweigen lehrte und vorlebte.
Nun ist’s mehr als ein Menschenalter her und die gelehrte Literatur über den heiligen Saulus ist gewaltig angewachsen zu einem Berg theologischer, philosophischer, legendärer und auch märchenhafter Werke, dass es unmöglich geworden, all das zu kennen und zu wissen, was über den Mann und seine Lehre gedacht, gesagt und niedergeschrieben ist.
Aber bei der Säule steht eine Mutter, die lange Zeit zu dem Mann hinaufgeschaut haben soll. Und da sich ihre Augen treffen, spricht sie und fragt, ob er noch ihr Sohn sei. Er aber bleibt stumm und schweigt, dass sie schier verzweifeln will. Da naht sich der vielgerühmte Paulus, den die Frau erkennt und fragt: „Enist der nimmer der sun mîn?“, und Paul spendet Trost und spricht: „Sweic, wîp!
Der man ist niemannens sun, nû în al die werlde besitzet. Aber ieder der will belîben sîner iemer mêre inneclîche unde will entsagen der werlde unt enthalten des wortes unde truwet an îm, der ist ûf der saelden strâzen und mac gewinnen gar daz himelrîch“, und schließt: „Alsus vermîde der rede unde gevolge dem. –
Deist alwâr!“

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