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Schwarze Schleier

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Schwarze Schleier

Der Sommer verblasste über den Hügeln von Texas, als Anna an jenem Abend zum Old Tunnel State Park fuhr. Die Sonne verbrannte die Sträucher am Rand der Straße. Auf dem Parkplatz fand sie den letzten freien Platz. Menschen in Shorts, Familien, Paare, mit Kameras und Kindern an der Hand, strömten zum Aussichtspunkt. Anna ging langsam, hielt sich abseits. Der Rucksack lastete auf ihrem Rücken und ihr Herz fühlte sich leicht an. Die Anlage war liebevoll gepflegt, Gräser und Beete strotzten vor Kraft. An einer Stelle war eine Apparatur angebracht, aus der Vögel Wasser saugen konnten. Ein kleiner Vogel mit orangem Gefieder flog wieder und wieder an die Tränke, schwebte in der Luft, vibrierte, stand still, trank und segelte davon. Ein Kolibri, der sich hierher verirrt hatte. Ein Pfad führte durch Gebüsch und Gras, vorbei an kleinwüchsigen Laubbäumen nach unten zu einem verlassenen Eisenbahntunnel. Vor dem Weg und mit Sicht auf das sanfte Tal, befand sich eine Bühne, die fast restlos besetzt war. Jeden Abend zur Dämmerung stürzten sich Hunderttausende Mexican Free-tailed Bats aus dem alten Eisenbahntunnel in den Himmel. Ein Spektakel.


Anna suchte nach etwas anderem, nach den Resten. Erinnerungen, die nie verblassen werden. Erlösung. An diesem Ort. Anna und Tom. Pures Glück. Vor einem Jahr. Letzter Urlaub. Don’t mess with Texas. Rodeo. Pferde. Weites Land. Letztes Lächeln. Bruchstücke des Schreckens, weit entfernt, tief im Herzen versteckt.
Er hatte gesagt: „Wenn wir alt sind, kommen wir hierher zurück. Mit faltiger Haut und klarem Blick.“
Als die Rangerin ihre Ansprache begann, schlich sich Anna den Seitenpfad hinab. Niemand beachtete sie. Im Schatten der Bäume stellte sie Toms Urne neben einen verwitterten Findling und öffnete sie. Nachdem Tom in den Flammen seines Wagens verbrannt war, kehrte erverwandelt zurück. Die Urne hatte eine glatte Oberfläche. Zikaden schrieen. Der Himmel färbte sich violett. Nach und nach verloren die Farben des Himmels ihre Kraft. Aus der Dunkelheit ins Licht. Ewiges Wechselspiel.

Die Stimmen der Menschen verstummten nach und nach. Das Wehen der beginnenden Nacht blieb zurück mitsamt der Erwartung, dass das Schauspiel beginnt. Nach einer Weile setzte ein merkwürdig tiefes, pulsierendes Rauschen ein. Ein Geräusch wie ein heftiger Sommerregen. Gleichzeitig füllte sich der Himmel mit Leben. Die Fledermäuse stiegen auf. Schwarze Schleier brandeten gegen das Licht. Tausende. Zehntausende. In Spiralen, wie Rauch, wie Geister, wie Gedanken, die man nicht loswird.

Anna weinte nicht. Sie lachte leise.
"Siehst du das, Tom? Du wolltest fliegen. Jetzt darfst du dem Himmel entgegen schweben.“

Als der letzte Schatten über den Himmel huschte, ging sie den Pfad zurück, ohne sich umzudrehen. Ein leiser Frieden. Der Schleier war gefallen.

 

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