Stein um Stein
Der Tag erhebt sich glänzend aus dem kleinen See vor der Haustür und malt seine Sonnenstrahlen an einen leuchtend blauen Himmel. Birkenblätter bedecken die Treppe, ein dichter, grüner Teppich, der die Schritte dämpft und mit Frühlingsduft füllt. Der Sturm ist vorbei.
Deine Brust hebt und senkt sich im ruhigen Atem des tiefen Schlafes, die Hände hast du darauf verschränkt. Wie sehr ich es liebe, dich anzusehen. Dieser weiche Zug um den Mund wird sich verlieren, sobald du erwachst und das Gewicht der Welt schulterst. Ich beobachte dich und setze Stein für Stein in das ewige Mosaik, dieses Bild, das ich tief in mir bewahren werde.
Glück und Liebe hat ebenso einen Platz darin wie Sorge und Angst. Das Motiv ist nicht greifbar, ein buntes Durcheinander von Steinchen hat sich angesammelt. Jeden einzelnen kann ich in die Hand nehmen, von rechts nach links drehen, auf den Kopf stellen und mich erinnern. Ihn wieder aufnehmen und an einen anderen Platz legen.
Keine Leinwand ist diese Erinnerung, kein See mit spiegelnder Oberfläche. Bruchstücke, Augenblicke, die ich teilen durfte, teilen darf, teilen dürfen werde. Unregelmäßige Splitter aus Stunden und Tagen, die ein Leben aneinander legt. Zwei Leben, miteinander verschlungen, wirbelndes Kaleidoskop, das unsere Hände zu neuen Mustern erstarren lässt.
Frühlingsluft weht die weißen Mullvorhänge in den Raum, über deine Lider und holt dich aus dem Schlaf. Sie trägt den Geruch von blühenden Weiden, Haselsträuchern und den ersten Narzissen, scheucht den staubigen Wintermuff mit Bienenflügelgesumm und Vogelzwitschern aus den Zimmern, den Herzen.
Tränen glitzern in deinen Augen, als du sie riechst. Frühling sei nur eine Illusion, sagst du. Die Welt versinke im Winter, es sei so kalt, es fühle sich an wie Dezember. Warum du riechen könntest, was du nicht greifen kannst, fragst du, und denkst an die vielen längst gezählten Tage, an denen du gefehlt hast, an denen ich fehlte. Ich kenne keine Antwort auf deine Angst, kann dich nur immer wieder wortlos in den Arm nehmen. Der Vorhang vor den Spiegeln deiner Seele schiebt sich ein Stück beiseite, weil du meine Wärme gnädig akzeptierst.
Streichelfingerig wandern unsere Hände umeinander, schieben die Sorgen für ein paar wenige Momente noch beiseite. Du malst mich neu, jede Berührung macht mich schöner. Sekunden voller Leidenschaft münden im Gipfel, die Angst liegt seufzerzerfetzt, genussgetötet, von Stöhnen gepfählt am Boden.
Als sie sich erhebt, ist sie größer und dunkler als zuvor.
Morgen und viel zu viele Tage darauf werde ich dich nur hören können. Das dumme schwarze Ding mit den kleinen Zifferntasten darauf wird unsere einzige Verbindung sein. Warum du diesen letzten Tag nicht genießen kannst, frage ich. Und wieder fällt ein Stein auf seinen Platz im Mosaik, als du den traurigen Blick mühsam aus dem Gesicht verbannst und ein glücklich sein wollendes Lächeln auf den Mund malst, das die Augen nicht erreichen kann. Zu viele Schluchten tummeln sich zwischen Lippen und Lidern, zu wenig Brücken.
Schon jetzt hängt gewitterwolkengleich die Sehnsucht zwischen uns, aber du willst ihr keinen Raum geben. Du holst tief Luft für die schwierige Aufgabe, die Schluchten auszubügeln, und es gelingt.
Ich werde in den nächsten Tagen Zeit haben, dein, mein, unser Mosaik zu pflegen. Die matten Steinchen will ich aufpolieren, deine Liebe gibt mir das Werkzeug dazu. Die glitzernden Tränen hingegen schleife ich matter, damit sie das Bild nicht zerstören. Deine Welt werde ich leichter machen, kleiner, wie ein Staubkorn fast, das der Frühlingswind fortwehen kann. Mich selbst als Träger dazustellen. Leere Hände fülle ich mit Freude, das leere Herz mit Liebe, die leeren Augen mit Mut.
Ich fand ein Schneckenhaus. Trug es bei mir wie einen Gewinn bis ich am Meer war und bemerkte, dass du darin wohntest. Ich zerbrach dein Schneckenhaus, um die Fragmente in mein Bild zu setzen. Du ließest es mich zerbrechen, bist nackt und bloß, wenn ich bei dir bin. Verletzlich, verletzt, verletzbar. Wortklingen haben tiefe Narben in dein weiches Seelenfleisch geschnitten, du lässt mich die Gräben füllen, füllst sie selbst, schleifst mit deinen Tränen und dem Sand deines Stolzes die scharfen Kanten rund.
Du bist rot, gelb, grün, blau. Du bist weiß, braun, grau, schwarz. Du schenkst mir deinen Regenbogen, ich schenke dir meinen Farbkasten. Unser Mosaik, so klein noch und doch so groß. Deine Realität bildet eine Schnittmenge mit meiner, deine Gedanken werden Ideen, Formen, Bilder, Bewegungen, Berührungen. Und ich werde zum Traum.
Jedes Wort wird ein neuer Stein sein, der einen alten verdrängt. Jeder liebe Satz, der sich mühsam über Meilen hinweg durch Drähte quält, blechern aus dem Hörer in mein Ohr dringt, dort in langen, gewundenen Gängen in deine Stimme verwandelt wird, wäscht einen Schmutzschleier von dem Bild, bis es wieder in allen Farben der Welt leuchten kann. Du lässt dein Leuchten zu und mich spüren, dass in sumpfigem Boden noch Diamanten ruhen. Und ich beginne zu graben. Eines um das andere Mal grabe ich nach den Schätzen, die du nicht zu kennen glaubst, zeige dir Wege, die ich selbst nie ging.
Es regnet in Strömen, als du in die kleine Motorkutsche steigst, die dich unweigerlich fort trägt. Es regnet auch auf meinem und auf deinem Gesicht, salzige Flüsse bahnen sich ihren Weg, tragen Sorge und Sehnsucht hintereinander her.
Diese Nächte sind dunkel, wie viel Sternlein auch immer stehen mögen an dem weiten Himmelszelt. Der Mond erhellt nur hastig zerrupfte Wolkenränder und ruft den Sturm zurück, der laut um die Kanten unserer Seelenhäuser pfeift. Wir drehen die Musik lauter, um ihn zu übertönen. Wir zerschlagen alle Spiegel, damit wir die traurigen Fetzen ignorieren können.
Wenn wir uns wiedersehen, werde ich die Sonne auf dem Mosaik sein. Und wie das Blütenauge des Löwenzahns, das aller Welt von seiner erfolgreichen Anstrengung kündet, wirst du es genießen, dass meine warmen Strahlen dich streicheln.