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Sterne der Wüste - Erster Teil

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22.04.2018
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Sterne der Wüste - Erster Teil

Glänzende Tränen im Licht
Wie Sterne vergehend in der Zeit
Wenn die letzte Flamme erlischt
Ist da nur Dunkelheit die bleibt
Weder Schatten noch Narben
Denn wir haben nie geweint.

Aus der Sammlung 'Tobende Sterne', von Malaika, der Befreierin​


Leitplanken! Jay riss gerade noch rechtzeitig am Lenkrad. Sekundenschlaf … was wäre das für ein jämmerliches Ende gewesen? Das Innere seines Personenimpulstransporters wurde in regelmäßigen Abständen vom Licht roter Warnleuchten erhellt. Die integrierte VI meldete sich über die Lautsprecher: „Achtung! Die Systeme zeigen einen erhöhten Blutdruck und Hirnstromwellen, die nach Paragraph 17 der PIT-Regularien als gefährlich einzustufen sind. Ich empfehle die sofortige Übergabe der Fahrzeugkontrollen. Die nächste medizinische Einrichtung ist etwa neun Minuten und vierunddreißig Sekunden von ihrem derzeitigen Aufenthaltsort entfernt.“
„Fick dich, du Scheißteil“, murmelte Jay und schaltete die Warnungen ab. Es kam überhaupt nicht in Frage, dass er die Kontrolle seines PITs an eine Virtuelle Intelligenz abgab. Nur wenn er Herr über jeden Aspekt dieser Nacht blieb, würde er Erfolg haben können.

Nach einer Weile liefen ihm feine Schweißperlen über die Stirn, woraufhin er die Klimaanlage etwas kühler stellte. Sein dunkles Shirt klebte dennoch unangenehm am Oberkörper. Er musste ruhig und konzentriert bleiben. Es ist nicht mehr weit, dachte er. Nicht mehr lange und es würde vorbei sein.
Die riesigen Sandstürme, die alle Städte hier draußen umgaben, hatte Jay seit geraumer Zeit hinter sich gelassen. Das triste graubraun der äußeren Bezirke war den bunten Lichtern des inneren Rings gewichen. Gebäude ragten so hoch in den Himmel, dass Jay deren Spitzen im wolkenverhangenen Himmel nicht mehr ausmachen konnte. Bauten, die beinahe die Troposphäre hinter sich ließen … sie waren das einzige, das in Sky-City für den Griff nach den Sternen stand.
Jay nahm die nächste Auffahrt zum inneren Ring, der als emporgehobene Plattform über dem Rest dieses Molochs ragte. Er bildete den Kern, das Zentrum des 'modernen' Großstadtlebens – bei dem Gedanken musste Jay unwillkürlich schmunzeln. Zwanzig Millionen Einwohner, die im Schatten riesiger Gebäude um ihr Überleben kämpften. Seht her, wie modern wir uns die Fresse einschlagen können!
Jede gottverdammte Fassade zierte Werbeprojektionen und strahlende Neonröhren. Die Menschen machten sich selbst etwas vor, wenn sie den überall aufblitzenden, leeren Versprechungen über den Weg trauten. Ein schwindend geringer Prozentsatz mochte in dieser Stadt sein Glück finden; der Rest war abseits von Business- und Regierungsvierteln in Armut, Drogen- und Gewaltexzessen gefangen.
Eine Mischung aus Gülle und billigem Eau de Toilette breitete sich - trotz der integrierten Filter - über die Lüftung im Wagen aus. So weit im Inneren der Stadt blieben die Menschen vielleicht vor den riesigen Sandstürmen verschont, dafür hatten sie hier mit dem Staub und Smog der Großstadt zu kämpfen. Jay bevorzugte die Stürme irgendwie. Sie waren ehrlicher, machten dir von Anfang an klar, dass sie es auf dein Leben abgesehen hatten. Hier war der Tod ein schleichender Prozess. Hinterhältiger. Der Sand bahnte sich ohnehin einen Weg – immer.
Aus den Grenzgebieten und äußeren Ringen herangetragen, überzog er die Geschäfte und Stände der Menschen, die sich die Mietpreise der Häuserzeilen nicht leisten konnten. Obdachlose, die inmitten von Gehwegen und Gassen campierten, mussten ihre Unterkünfte regelmäßig vom Dreck befreien. Die halbnackten Körper der Huren, die Jay an jeder Straßenecke zu Gesicht bekam, waren durch die ständigen Winde sichtlich angegriffen. Die feinen Körner gruben sich über die Zeit tief in ihre Haut und hinterließen grässliche Narben; nur die Gesichter waren mit Tüchern, Schleiern oder Staubmasken bedeckt – die Freier mussten ja schließlich erkennen können, worauf sie sich einließen.
Als Jay langsamer wurde, kamen einige der Huren sofort näher. Sie pressten ihre Intimbereiche gegen die Karosserie; ein Mann, der nur mit Staubmaske und rotem Slip bekleidet war, legte nach kurzer Zeit seinen schlaffen Penis auf die Fronthaube des PITs. Jay beachtete ihn gar nicht. Vor ihm lag das Ziel, für das er den weiten Weg aus der Wüste auf sich genommen hatte.

Auf den ersten Blick handelte es sich um eine gewöhnliche Kneipe, wie sie überall in Sky-City zu finden war. Jay wusste jedoch, dass das nicht der Fall war: In Wahrheit gehörte das Gebäude einem der mächtigsten Männer der Stadt. Wenn Jays Informationen stimmten, war der Gesichtslose heute Nacht hier.
Während die Huren sich langsam zurückzogen – sie ahnten mittlerweile, dass hier kein Geld zu holen war -, blickte Jay sich um. Er konnte in der Umgebung keine Scharfschützen ausmachen, was nicht mit Sicherheit bedeutete, dass es sie nicht gab. Die Straßen der Stadt waren aber selbst des Nachts noch so überfüllt, dass sie sowieso machtlos waren. Jay war keiner verfeindeten Organisation zugehörig. Selbst wenn sie über Zone-Tech verfügten, würde er in ihren Datensätzen nicht auftauchen.

Er blickte ein letztes Mal in den Spiegel. Sein Gesicht war von früheren Schlachten gezeichnet; die dunklen Augenringe standen im Kontrast zu seinen hellen, graublauen Augen. Jay fuhr sich mit der Hand über den langen, ungepflegten Bart, dann griff er nach der Schutzweste, die auf dem Beifahrersitz lag und zog sie über. Nach der Überprüfung seiner übrigen Ausrüstung kramte er ein beiges Seidentuch hervor. Er erinnerte sich daran, wie gern seine Frau den Stoff getragen hatte. Wie schön sie gewesen war. Jay verdrängte diesen Gedanken und wickelte das Tuch mehrfach um Hals und Mundpartie, dann stieg er aus dem Wagen.

Die Luft war stickig und schwül. Und es war laut … so laut. Die Stimmen der Werbeprojektionen vermischten sich mit dem Geschwätz der Menschen auf den Straßen. Jay verabscheute die Hektik und den Geruch, der an ihm vorbeidrängenden Passanten, dennoch achtete er darauf, seine Schritte nicht unnatürlich zu beschleunigen.
Als er gerade dabei war, die Straße zu überqueren, vernahm er den Schrei eines Kindes. In einiger Entfernung fiel ihm eine Gruppe auf, die von der Polizei zusammengetrieben wurden. Darunter befand sich ein kleines Mädchen.
„Verdammt, ich ertrag die Scheiße nicht mehr! Kann man nicht wenigstens in der Nacht seine Ruhe haben“, maulte jemand hinter Jay. Wie er erkannte, gehörte die Stimme einem Obdachlosen, der sich an eine Wand gelehnt und in eine graue Plane gemummelt hatte.
„Was ist da drüben los?“, erkundigte sich Jay.
„Das Wesensgesetz, das ist los“, antwortete der Alte und spuckte dabei abfällig auf den Boden.
Jay blickte ihn weiter fragend an.
„Heilige Scheiße, du bist nicht von hier, was?“
„Ich habe von dem Gesetz gehört, ja“, sagte Jay und wendete sich wieder dem Treiben auf der anderen Straßenseite zu. „Das da sind … Doppelgänger?“
„Darauf kannst du einen lassen“, erwiderte der Mann.
Jay beobachtete, wie die Gruppe von den Ordnungshütern in Richtung einer Transitstation getrieben wurde.
„Wo bringen sie die Leute hin?“
„Das weiß niemand so genau“, antwortete der Alte, „aber wenn du mich fragst, kommt der Ort der Hölle ziemlich nahe.“
Nach einer Pause sagte Jay: „Sie werden abgeschaltet …“
„So isses wohl“, stimmte ihm der Alte zu.
Das Mädchen, das zuvor geschrien hatte, wurde von einem der Polizisten mit einem Stock niedergeschlagen und dann durch den Dreck bis zu einem Waggon geschleift, in dem auch die anderen Doppelgänger verfrachtet worden waren.
Der Obdachlose rückte seine Plane ein wenig zurecht und sprach dann mit leiser, kaum verständlicher Stimme weiter: „Das sind nur Werkzeuge, sagen sie immer. Gegenstände. Maschinen, die uns nur besonders gut imitieren … Doch kann man Emotionen bis zu einem solchen Grad wiedergeben, wenn man nicht wirklich fühlt? Können 'Tote' tatsächlich weinen?“
Jay, der in gewisser Weise von den Worten des Mannes überrascht war, nickte langsam. „Gott im Himmel.“
Daraufhin lachte der Alte spöttisch. „Gott hat uns schon lange verlassen, mein Freund.“

Nachdem die Bahn abgefahren war, setzte sich Jay wieder in Bewegung und betrat schließlich die Kneipe.
Das Innere wirkte genauso schäbig wie der Rest dieser Stadt, auch die spärliche Beleuchtung konnte den Dreck nicht verbergen. Überall lagen die Reste vergangener Mahlzeiten auf den Tischen und am Boden. Hier und da fehlten ein paar Dielen. In der Luft lag der Geruch von hochprozentigem und gebratenem Fisch. Dennoch - oder wahrscheinlich deswegen - war der Schuppen recht gut gefüllt. Die Gäste fühlten sich hier Zuhause.
Jay verweilte am Eingang und inspizierte seine Umgebung genauer. Am Tresen saßen zwei Kerle, die sich für einen nüchternen Zuhörer kaum mehr verständlich austauschten. Daneben schüttete sich ein älterer Kerl einen kurzen hinter die Binde. Diese Leute stellten für ihn keine Gefahr dar. Am Ende des Tresens bemerkte Jay den Barkeeper, der in eine Unterhaltung mit einem seiner Stammgäste vertieft war. Er kannte die beiden Männer von früher, mit ihnen war nicht zu spaßen.
In diesem Moment ließ der Barkeeper ein Glas mit einem lauten Scheppern zu Boden fallen - er hatte Jay und seine 44er Magnum endlich bemerkt. Eine solche Pistole war heute nur noch schwer zu beschaffen. Nach dem Jahr der Dunkelheit und den darauffolgenden Koalitionskriegen, hatten sich die Impulswaffen des Militärs auch auf den Straßen durchgesetzt.
Der arme Tölpel am Tresen war zu langsam. Noch ehe er reagieren konnte, riss Jay die Waffe hoch und drückte ab. Ein ohrenbetäubender Knall brach über die Anwesenden herein. Die abgefeuerte Kugel zischte durch den Raum und verteilte das Gesicht des Barkeepers an der Wand. Einige der Gäste schrien erschrocken auf, warfen sich zu Boden oder drängten sich in Richtung des Ausgangs an Jay vorbei. Er ignorierte sie und konzentrierte sich auf den Glatzkopf, der eben noch nichtsahnend geplaudert hatte.
„J-a-Jay? Bist du-u-s? Ich da-dachte, du …“
Ein weiterer Knall und der Mann verstummte. Jays Rückkehr hatte begonnen. Was auch kommen mochte, er war bereit und verspürte eine Aufregung, die er längst vergessen glaubte.
Die übriggebliebenen Säufer ignorierend, trat er durch eine Tür, die als PRIVAT gekennzeichnet war. Die dahinterliegende Treppe führte in den ersten Stock des Gebäudes.
Ein langer, spärlich beleuchteter Korridor tat sich vor ihm auf. Das Licht passte nicht so recht zu der klinisch weißen Umgebung, die sich ihm hier oben offenbarte. Alles war so strukturiert und sauber - das komplette Gegenteil der hinter ihm liegenden Fassade.

Jay blieb keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn diesem Augenblick öffneten sich mehrere Türen am Ende des Flurs. Männer in hellen Anzügen eröffneten das Feuer. Zwei Impulsladungen verfehlten ihn nur knapp. Holz zersplittere und Beton verformte sich. Eine dritte Ladung traf Jay an der Hüfte und schleuderte ihn gegen die Wand. Schmerzen durchzuckten seinen Körper. Ohne die Energiezufuhr seiner Weste, hätte ihn dieser Schuss vermutlich zerfetzt; so aber erwiderte Jay das Feuer.
Einer der Schützen wurde durch die Wucht der Kugeln zurück geschleudert, ein anderer verlor die Hälfte seines Gesichts. Der Dritte schaffte es gerade noch, in Deckung zu gehen.
Jay kniete sich hin und wartete darauf, dass der Kerl erneut feuern würde. Es dauerte nicht lange, bis er sich tatsächlich zu diesem Fehler hinreißen ließ. Zwei Schüsse und der Gangster ging leblos zu Boden.
Eine verzerrte Stimme erklang über Lautsprecher, die Jay nicht sofort lokalisieren konnte.
„Du bist es wirklich … Du bist tatsächlich hier.“
Die Übertragung war nicht gut zu verstehen, vielleicht hatte das Gerät durch den Schusswechsel etwas abbekommen. Jay erkannte die Stimme dennoch sofort. Sie gehörte Charles Ray Monreau - dem Mann, der sein Leben geprägt und schlussendlich in einen Trümmerhaufen verwandelt hatte. Der Gesichtslose.
Jay sagte nichts und überprüfte seine Waffe.
„Nach all den Jahren bist du zurückgekehrt“, fuhr der Mann fort. „Ich würde dir gern so vieles erklären … aber ich weiß auch, dass ich nichts ungeschehen machen kann.“
Die Wut in Jay wurde nur noch größer. Jede Sekunde, die er dem unsäglichen Geschwafel seines alten Mentors lauschen musste, war eine zu viel.
„Ich sehe den Schmerz in deinem Gesicht. Du weißt, dass du scheitern wirst, wenn du nicht zu Sinnen kommst! Rede mit mir! Rede und ich verspreche, dass wir alles klären werden.“
Jay hatte die veraltete Kamera am Ende des Flurs endlich entdeckt. Er starrte einen Moment lang in die kleine Linse, die sich ihm entgegenreckte, dann riss er sie aus der Verankerung. Er musste davon ausgehen, dass in diesem Gebäude noch weitere davon angebracht waren, dass sein Gegner über jeden seiner Züge Bescheid wusste. Es war ihm egal. Er würde es heute Nacht zu Ende bringen, nicht erneut versagen.

Der Fahrstuhl im nächsten Raum war von Charles abgeschaltet worden, was Jay dazu zwang, über das Treppenhaus nach oben zu gelangen.
Als er seinen Aufstieg begann, konnte er bereits zahlreiche Schritte vernehmen, die von oben auf ihn zugestürmt kamen. Jay hatte eine Überraschung für die Bastarde, die sie umhauen würde.
Er griff in eine der Taschen, die an seinem Gürtel befestigt waren, zog einen handgroßen Würfel heraus und betätigte einige Knöpfe. Jay war mit der Beschaffung dieses sogenannten Void-Cubes ein großes Risiko eingegangen, denn es war eine Waffe, deren Besitz in allen Städten unter Todesstrafe stand. Im zweiten Koalitionskrieg waren modifizierte Void-Cubes eingesetzt worden, deren Toxine ganze Landstriche unbewohnbar gemacht und vielen Menschen einen qualvollen Tod gebracht hatten. Der Würfel, den Jay nun in den Händen hielt, war eine Miniversion dieser 'Todbringer'. Er enthielt kein Gift, war deshalb aber nicht weniger tödlich.
Jay warf den Void-Cube nach oben und zog sich aus dem Treppenhaus zurück. Das Gerät analysierte in sekundenbruchteilen seine Umgebung und machte vierunddreißig feindliche Ziele aus. Vom Massekern des Würfels wurde daraufhin die notwendige Materie abgeschnitten, um die erkannten Ziele zu eliminieren.
Die Geschosse flogen auf die heranstürmenden Männer zu. Es gab keine entkommen. Haut und Fleisch wurde zerstückelt, Knochen zermalmt. Nachdem sämtliche Geräusche verklungen waren, machte sich Jay an den Aufstieg. Als er über die dampfenden Eingeweide und Körperteile stieg, zog er das Tuch seiner Frau noch enger übers Gesicht. Der Tod war gekommen und es ward Nacht in Sky-City.

Je weiter Jay vorankam, desto schwerer wurde es für ihn, einen klaren Gedanken zu fassen. Schuld und Hass nagten an ihm. Der Tag an dem er die Überreste seiner Frau in den Armen gehalten hatte und mit ansehen musste, wie seine Tochter von Impulswaffen zerfetzt worden war, drängte sich ihm erneut auf, kratze an seinem Verstand wie ein alptraumhaftes Monster an der Zimmertür eines Kindes. Lenia, sein kleines Mädchen …
Er war dankbar, als er gewaltsam aus den Tiefen dunkler Erinnerungen gerissen wurde und sich ein Hüne mit kahlrasiertem Schädel auf ihn warf.
Es war Ryan, ein Mann, mit dem Jay in einem vergangenen Leben viele Geschäfte abgewickelt und Seite an Seite gekämpft hatte. Aufgrund seiner Erscheinung wurde er schon damals nur der 'Koloss' genannt.
Gemeinsam krachten die Männer durch die gegenüberliegende Tür und schlugen hart auf dem Boden auf. Jay hatte keine Zeit nach seiner verlorenen Waffe zu greifen oder die Menschen zu beachten, die vor Überraschung entsetzt aufschrien. Ryan rammte ihm bereits einen seiner Stiefel in den Oberkörper. Jay konnte spüren, wie mehrere Rippen brachen. Sein Gegenüber holte ein weiteres Mal aus, doch diesmal reagierte er schnell genug. Mit einem lauten Schrei warf er sich gegen den Unterleib des Hünen. Durch die Wucht wurde die angrenzende Tür aus den Angeln gehoben. Gegenstände flogen durch die Luft und Staub wirbelte auf, während Jay nachsetzte und immer wieder auf die Leber Ryans eindrosch. Der Koloss verpasste ihm ebenso einige wuchtige Schläge, die Jay wiederum die Luft aus den Lungen trieben. Nach einer erfolgreichen Trefferserie gelang es ihm, Ryan aus dem Gleichgewicht zu bringen. Jay nutzte die Gelegenheit und warf seinen Gegner zurück in den Raum, aus dem sie gekommen waren. Ryan landete dabei auf einem Glastisch, der durch den Aufprall in tausende Stücke zersprang. Jay war ebenfalls zu Boden gegangen. Sein Kopf dröhnte, alles drehte sich. Du musst es beenden, sonst wirst du hier sterben. Beende es! Er robbte in die Nähe der Glassplitter, griff nach einem besonders langen Exemplar und stach immer wieder auf Ryan ein, bis dieser regungslos liegen blieb.

Jay atmete schwer, während sich unter ihm ein Meer aus Blut bildete. Er hatte Mühe, bei Bewusstsein zu bleiben. Erst jetzt wurde er sich der Männer und Frauen bewusst, die sich ängstlich hinter einer Reihe von Operationstischen versteckten. Jay lehnte sich gegen die nächstgelegene Wand und blickte in das halbe Dutzend verängstigter Gesichter.
„Hat jemand 'ne Zigarette für mich?“, fragte er in die Runde.
Nach einer kurzen Pause stand ein junges Mädchen auf und lief zu einem Tisch, auf dem sich ein Berg von Datensätzen und Mikrochips stapelte.
Sie öffnete eine der Schubladen, holte eine Schachtel hervor und reichte sie ihm.
„Danke“, sagte er und zündete sich eine Zigarette an. Als er dem Mädchen die Packung wieder entgegenstreckte, schüttelte es nur mit dem Kopf.
Jay zuckte mit den Achseln, dann nahm er das Nikotin genüsslich in seine Lungen auf.
„Du wirst mir doch jetzt keinen Vortrag übers Rauchen halten, oder?“
Das Mädchen schüttelte erneut den Kopf, wobei sich ein zaghaftes Lächeln auf ihrem Gesicht abzeichnete. Jay blickte sich um. „Ihr seid Doppelgänger, nicht wahr?“
Das Lächeln des Mädchens verschwand so plötzlich wie es erschienen war, dann nickte es zögerlich.
„Wie lange seid ihr schon hier?“, fragte er.
„Zwei von uns erst seit wenigen Tagen. Die anderen und ich seit 328 Tagen, 9 Stunden und 34 Minuten.“
Jay schluckte. „Wisst ihr, warum ihr hier seid?“
„Sie wollen die Formel finden“, antwortete das Mädchen in einem kühlen, beinahe analytischen Ton, „das Wunder wiederentdecken, es nach Möglichkeit reproduzieren.“
Jay nickte. Charles konnte es nicht gut sein lassen, auch nicht nach allem, was geschehen war.
„Was … haben sie euch angetan?“
„Alles“, rief ein anderer Doppelgänger. „Einfach alles.“
Jay drückte den Rest seiner Zigarette auf dem Boden aus und richtete sich dann langsam auf.
„Das endet heute Nacht“, sagte er und verließ das Zimmer.

Zurück im Flur starrte Jay das letzte Hindernis an, das zwischen ihm und dem Gesichtslosen stand. Eine Frau in einem langen, weinroten Mantel, hatte geduldig auf ihn gewartet. Als er auftauchte, schien sie erleichtert zu sein. Langsam entledigte sie sich des Mantels, der ihr bis zu den Fußknöcheln reichte und knotete dann ihre Haare zu einem strengen Zopf zusammen. Ihr Körper war in einen schwarzen, hautengen Stoff gehüllt. Jay entging nicht, dass sie keine Weste oder andere Schutzkleidung trug.
„Ich dachte schon, du würdest es nach all den Jahren nicht mehr bringen“, sagte Shania mit einem Lächeln. „Ryan ist immer anders als wir gewesen. Er konnte nichts dafür, er war nur ein einfacher Mann. Keine Kunst, so wie wir.“
Jay konnte sich gut an Shania erinnern, ihr Auftreten war schon immer so eindrucksvoll wie tödlich gewesen. Nachdem er der Organisation den Rücken gekehrt hatte, war sie vermutlich an seine Stelle getreten.
Shania betrachtete die 44er Magnum, die Jay noch immer in den Händen hielt. „Eine alte Waffe“, sagte sie beiläufig, während sie die Schnallen ihrer Stiefel überprüfte. „Willst du mich damit abknallen?“
„Was habt ihr aus diesem Ort gemacht?“, fragte Jay, ohne ihre Bewegungen aus den Augen zu lassen.
„Wir haben uns neu aufgestellt, was glaubst du denn? Nach dem Zwischenfall mit dir und deiner Familie ist Charles durchgedreht. Er glaubte, das Wunder der Zukunft verloren zu haben und setzte alles daran, es zu reproduzieren.“
„Deshalb die Experimente …“
„Es war notwendig!“, unterbrach Shania ihn. „Begreifst du es denn immer noch nicht? Mit dir und deiner Tochter hätten wir die Möglichkeit gehabt, diese Welt auf den Kopf zu stellen. Wir sind die Zukunft dieser Zivilisation … unser Potenzial ist unendlich. Nun, da du hier bist, werden wir alles nötige erfahren. Ich muss nur genug von dir übrig lassen.“
„Ihr seid gefährliche Soziopathen“, erwiderte Jay, „nichts weiter.“
Shania lachte laut auf.
Wir sind gefährlich? Schau dich doch an … durchtränkt vom Blut unzähliger Menschen. Wie viele hast du allein heute aus dem Antlitz dieser Welt gefegt?“
„Ich muss nur noch zweimal töten, dann ist es getan.“
Shania sah ihn mit schief gelegtem Kopf an.
„Du glaubst das echt ... du bist wirklich davon überzeugt.“
Sie breitete ihre Arme aus, woraufhin aus jedem ihrer Handgelenke eine lange Klinge zum Vorschein kam.
„Die Zukunft wird dich Lügen strafen“, sagte sie und sprang so schnell nach vorn, dass Jay nicht mehr abdrücken konnte. Als der erste Hieb seinen Bizeps aufschlitzte, flog ihm seine Pistole in hohem Bogen aus der Hand.
„Du bist langsam geworden“, zischte Shania und trat ihm in die Rippen. Neuerlicher Schmerz durchfuhr seinen Oberkörper. Als die zweite Klinge unterhalb seines Schlüsselbeines eindrang, verlagerte seine Widersacherin geschickt das Gewicht und warf ihn zu Boden.
Jay hustete Blut, als er einen heftigen Schmerz im Unterleib verspürte. Die Klinge, die zunächst seinen Oberarm aufgerissen hatte, steckte nun unterhalb seiner Weste im nackten Fleisch. Shania beugte sich so nah über ihn, dass er jede Pore ihrer Haut und die feinen Schweißtropfen auf ihrer Oberlippe erkennen konnte. Er umfasste ihre Arme, um den Druck zu verringern, den sie auf ihn ausübte. Sie erwiderte seine verzweifelten Versuche mit einem Knurren und trieb das Metall bis zum Anschlag in ihn hinein.
Jay heulte auf. Shania grinste, während sie die Klinge quer durch seinen Körper zog. Er spürte, wie Muskeln und Organe zerfetzt wurden.
Die Welt um ihn herum wurde dunkler, alles verschwamm zu einer einzigen, vibrierenden Masse. Shania verharrte unnachgiebig über ihm. Sie war eine Profikillerin, die nicht nachlassen würde, bis das letzte bisschen Leben aus seinem Körper gewichen war. Sein letzter Gedanke galt ihren angespannten, sehnigen Muskeln, die ihn an die Carbon Rohre erinnerten, die er als Jugendlicher so oft auf dem Bau gesehen hatte - dann starb er.

„Papa? Papa, warum tun Menschen anderen so schlimme Dinge an? Warum können sie nicht friedlich zusammenleben?“
Jay, der gerade dabei war Holz zu hacken, verharrte in seiner Ausholbewegung und dachte über die Fragen seiner Tochter nach. Er zögerte. Die Luft war an diesem Nachmittag besonders trocken. Schweiß tropfte von seinem Kinn herab.
Lenia stand im Schatten eines abgestorbenen Baumes und hielt einen Haufen Sand in den Händen.
„Nun, das ist nichts, was sich so einfach beantworten lässt. Ich schätze, die Menschen sind nun mal so. Es ist ihre Natur, es liegt ihnen irgendwie im Blut.“
Das kleine Mädchen starrte weiter auf den Sand.
„Hmmm … aber können sie sich denn gar nicht ändern? Aus ihren Fehlern lernen?“
„Es gibt Leute, die das glauben, ja. Ich würde es gern glauben.“
Jay legte seine Axt nieder und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. „Was glaubst du, Schatz?“
Lenia zögerte. Berechnete.
„Ich weiß, dass der Mensch unvollkommen ist. Wenn ich aber sehe, was für wundervolle Dinge er erschaffen kann - dann habe ich Hoffnung. Wir könnten als gutes Beispiel vorangehen, ihnen so vieles beibringen.“
Jay schenkte ihr ein müdes Lächeln und strich ihr durchs Haar. Lenia grinste, dann öffnete sie ihre Hände.
„Geh in Freiheit“, flüsterte sie, während der Sand vom Wind davongetragen wurde.

Geh.
In diesem Moment spürte Jay, wie die auf ihn einwirkenden Kräfte nachließen. Seine Widersacherin glaubte, ihn über die Schwelle des Todes getrieben zu haben.
Hoffnung.
Seine Augen weiteten sich. Mit allem, was noch in ihm steckte, riss er die Arme der Frau aus seinem Fleisch und stieß sie von sich. Wie ein wildes Monstrum sprang Shania erneut auf Jay, um ihm diesmal endgültig den Gar auszumachen.
Doch diesmal war sie es, die Bekanntschaft mit einer Klinge machte. Jay packte ihren rechten Arm, riss ihn herum und durchstieß ihren Unterkiefer. Das Gewebe gab dem Druck des harten Metalls bereitwillig nach. Shania stöhnte ein letztes Mal auf, dann sackte sie über ihm zusammen.
Jay hustete und spuckte Blut. Er benötigte medizinische Hilfe, doch erst musste er es zu Ende bringen.
Mit dem Tuch seiner Frau stoppte er die Blutung am Bauch so gut er konnte, nahm die Pistole auf, die er zuvor verloren hatte und schleppte sich dann vor die letzte Tür des Flurs. Dahinter verbarg sich der Mann, mit dem alles begonnen hatte – und mit dem alles enden würde.

Der Gesichtslose saß an einem breiten Eichentisch und hielt ein Whiskyglas vor sich.
„Komm, setz dich, du hast einen langen Weg hinter dir.“
Jay tat wie ihm geheißen und nahm einen Schluck vom Whisky. Die Flüssigkeit brannte ihm wohlig auf der Zunge. Nach einer Weile fragte er in einem milden, beinahe flüsternden Ton: „Warum Charles? Warum hast du diesen … Krieg begonnen?“
Der Gesichtslose nahm sich einen Moment Zeit, um über diese Frage nachzudenken.
„Ich hatte keine Wahl“, antwortete er schließlich. „Als wir herausfanden, was du warst und was die Geburt deiner Tochter bedeutete … was sie für unser Selbstverständnis bedeutete …“ Er nahm einen Schluck und sah Jay direkt in die Augen.
„Du hast es ebenso wenig gewusst wie ich, als du uns damals verlassen hast, nicht wahr?“
Jay schüttelte den Kopf, woraufhin Charles etwas Luft ausblies. „Was für ein Unglück. Wie es wohl abgelaufen wäre, wenn du noch bei uns gewesen wärst …“
„Das war damals keine Option“, unterbrach ihn Jay.
„Ich weiß, ich weiß, deine Tochter … In diesem Fall ein Wunder in mehrfacher Hinsicht. Der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Als einige meiner obersten Anführer davon erfuhren … sie warfen mir vor, die Kontrolle verloren zu haben!“
Er nahm einen weiteren Schluck von dem Whisky. „Weißt du, wie viele Männer und Frauen sterben mussten, weil du und deine Tochter irgendwo da draußen existierten?“
„Deshalb hast du deine Handlanger auf uns gehetzt. Du wolltest uns ausschalten, um deine Macht zu erhalten.“
„Um Gottes willen, nein! Niemand sollte sterben!“, brachte Charles lautstark hervor. Sein Gesicht verzog sich zu einer gequälten Miene, die nur noch entfernt an den Mann von einst erinnerte.
„Warum hätte ich dieses Wunder zerstören sollen? Den Sohn, den ich niemals hatte? Ich wollte dich zurückholen, dich analysieren! Der erste Doppelgänger, der altert, einem echten Lebenszyklus folgt! Der keinem der Wesensgesetze unterworfen ist! Der einen vollends freien Willen besitzt und sich dazu entschließt, zu lieben! Aus dessen Liebe ein Kind mit einer Frau - einem echten Menschen - hervorgeht!“
Charles stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Du bist der erste wahre Doppelgänger seiner Schöpfer! Eine vollkommen neue Art, die das Potenzial hat, die Mauern unserer Selbstgefälligkeit einzureißen!“
Er sah Jay jetzt mit glasigen Augen an, seine Stimme zitterte. „Ich wollte euch doch niemals beschädigen! Ich wollte deine Tochter beschützen!
Jay dachte an die Doppelgänger, denen er zuvor im Flur begegnet war. „Dein Mitgefühl ist mir gut in Erinnerung geblieben, Charles. Ich habe es gesehen. Bei dir standen Macht und Profit immer an erster Stelle. Immer. Du willst wissen, wer mich geschaffen hat und warum - aber nicht, um diese Mauern, von denen du da sprichst, einzureißen. Du wolltest mit unserer Hilfe die Politik von Sky-City nur noch stärker beeinflussen, deine Macht auf alle Mitglieder der Koalition erweitern!“
Jay kämpfte nun mit den Tränen. „Stattdessen hat dein 'Spezialkommando' meine Frau und meine Tochter getötet! Ihr habt mir alles genommen!“

Er richtete sich auf und blickte auf die breite Terrasse hinaus. Sky-City erhellte die ansonsten finstere Nacht. Es lag wohl an dem hohen Blutverlust, seiner Trauer und der unbändigen Wut, dass er erst nach einer Weile bemerkte, dass es regnete. Regen. Seit Monaten war kein Regen mehr über sie gekommen.
Zögerlich ergriff Charles abermals das Wort. „Das war ein furchtbares Desaster, Jay“, stammelte er. „Ich habe in meinem Leben viele Fehler gemacht, das weiß ich. Diesen bereue ich am meisten."
Jay drehte sich um und sah seinen einstigen Mentor angewidert an. „Deine Leute hatten recht. Du hast die Kontrolle verloren!“
Die Augen des Mannes weiteten sich, als Jay weitersprach: „Erinnerst du dich noch an das Massaker in Sektor Vier? Damals bin ich blutüberströmt zu dir zurückgekehrt. Stunden später zitterte ich noch immer. Ich weiß noch, wie du zu mir kamst und die Dinge auf deine ganz verrückte Art für mich einordnen wolltest: 'Nichts und niemand kann sich dem Wandel verschließen, kein König herrscht ewig', hast du mir damals ins Ohr geflüstert. Ich dachte dabei immer an die Bosse der Schattenwelt, deine Rivalen.“
Jay hob seine Waffe. „Ich habe mich geirrt. Ich glaube, dass ich jetzt endlich verstanden habe.“
Er drückte ab. Drei Schüsse hallten in dem Raum wider.
Die Mündung seiner Pistole war noch warm, als er hinaus auf die Terrasse hinkte. Der Regen fühlte sich gut an. Jay beobachtete, wie das Blut von seiner Kleidung fortgespült wurde. Mit geschlossenen Augen reckte er sein Gesicht gen Himmel.
Ja, er würde die Mauern schon bald einreißen und die Könige zu Fall bringen.

 
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Hallo @Leonhardt Cohen ,

ich finde deine Geschichte gut geschrieben, die Stimmung dieser Stadt bringst du schon deutlich rüber, ohne dass es übertrieben wirkt.

Insgesamt könntest du m.E. noch mehr Richtung show statt tell gehen.

Bezogen auf den Inhalt ist es für mich eher so, als würde ich aus einem düsteren Actionfilm nur eine Szene sehen, ggf. das Finale. Da ich über den Protatgonisten wenig erfahre und auch nicht viel mit ihm erlebe, lese ich es eher teilnahmslos. Für eine emotionale Wirkung müsstest du es schon ausführlicher aufbauen, aber durch die gut vermittelte Stimmung habe ich es auch so gerne gelesen.

Und auf jeden Fall ein überraschendes Ende!

Details:

Sekundenschlaf… was wäre das für ein jämmerliches Ende gewesen?
Leerzeichen vor die drei Punkte

Verlegen blickte er im Rückspiegel auf die Gesichter seiner Frau und seiner Tochter.
Das zweite "seiner" könntest du streichen

Anton zwang sich wieder auf die Straße zu sehen.
m.E. kommt ein Komma nach "sich"

Der Regen war die letzte Stunde immer stärker geworden und die Scheibenwischer hatten Probleme, die Oberhand gegen die gewaltigen Fluten zu bewahren.
"immer" könnte entfallen ; "die gewaltigen Fluten" finde ich bei Regen auf einer Windschutzscheibe etwas übertrieben ...

Das war beileibe weder die richtige Uhrzeit, noch der richtige Ort für ein siebenjähriges Mädchen. Das war nicht seine Schuld, er hatte sich das nicht ausgesucht.
Hier würde ich beim Satzbeginn variieren.
Wobei du den zweiten Satz auch komplett streichen könntest.

Im nächsten Augenblick griff er nach der kugelsicheren Weste, die auf dem Beifahrersitz lag, zog sie sich über und stieg aus dem Wagen.
"sich" könntest du streichen

Das Innere der Kneipe wirkte genauso schäbig wie der Rest dieser Stadt, auch die spärliche Beleuchtung konnte den Dreck nicht verbergen.
Hier könntest du detaillierter beschreiben, wie es in der Kneipe aussieht, so dass beim Leser ein entsprechendes Bild entsteht (anstatt nur zu schreiben, dass das Innere schäbig aussieht).

Anton erkannte beide Männer sofort, mit ihnen war nicht zu spaßen.
Auch hier: Woran erkennt er, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist?

„Was glotzt du so Mann, setz dich gefälligst auf deine vier Buchstaben!
"Mann" streichen, ansonsten müsste es eher "man" heißen.

... Du machst mich ja ganz nervös“, zischte jemand ganz in der Nähe.
"ja" und das zweite "ganz" streichen

Da saß ein Kerl gleich neben dem Eingang, der Anton im ersten Moment gar nicht aufgefallen war.
"gar" streichen

Nach kurzem Schweigen grinste der Typ und hob sein Whisky Glas in Antons Richtung. „Hab nur Spaß gemacht, alter. Zieh dein Ding durch, aber lass mich da raus.“
Whiskyglas ; Alter

Die abgefeuerte Kugel zischte durch den Raum und verteilte die Reste seines Gesichts über den Tresen und die dahinterliegende Wand.
Das kann ich mir schwer vorstellen: An die Wand dahinter und (vor ihm?) auf den Tresen?

„A-a-anton, bi-ist du-u-s? Verdammt ich dachte du…
Komma nach "Verdammt", ggf. auch nach "dachte" ;
Leerzeichen vor den drei Punkten (gilt auch für alle weiteren Stellen)

Trotz seiner Aufregung waren Antons Gedanken klar. Er war bereit, sein Werk zu vollrichten.
show, don´t tell

Seine Hände durchsuchten daraufhin die Umgebung und fanden eine Zahnbürste, deren Stiel er sogleich in den Hals seines Widersachers rammte.
Stelle ich mir schwierig vor, das eher stumpfe Ende einer Zahnbürste in einen Hals zu rammen.

Die Männer gerieten nun beide ins straucheln, wobei Anton den Schwung nutzte, um seinen Widersacher zurück ins Wohnzimmer zu werfen.
Vorschlag:
"Die Männer gerieten ins Straucheln. Anton nutzte den Schwung, um ..."

Anton nickte und zog abermals kräftig an seiner Zigarette.
der

Ihm kam es beinahe so vor, als wollte die Natur ihn reinigen, als würde der Regen nicht nur das Blut von seiner Kleidung und seinem Körper waschen, sondern ihn auch von Lasten befreien, die tief verwurzelt waren.
Die ergänzende Erklärung ist m.E. nicht unbedingt notwendig.

Soweit meine Eindrücke, viele Grüße,
Rob

 
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Hi @Rob F,

wow, vielen Dank für deine ganzen Korrekturen und Anmerkungen (arbeite ich gleich mal ein)! Ich bin jedes Mal erschüttert, wie viele Fehler ich in die Texte haue (gerade die "einfachen bzw. vermeidbaren") :D
Du hast recht, das "show" muss auch wirklich noch besser werden...
Danke, dass du trotz der ganzen Fehler bis zum Ende durchgehalten hast!

Beste Grüße und auf bald

 
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Hallo @Leonhardt Cohen
ich kann mich grundsätzlich Robs meinung anschließen. Flüßig geschrieben, nicht zu ausufernd.

Leitplanken. Anton riss gerade noch rechtzeitig am Lenkrad.
Schöner einstieg. Da ist jeamnd fertig und fährt.
Vielleicht den Punkt nach den Leitplanken durch einen Bindestrich ersetzen - nur so ein Gedanke. Kein "muss".

Sky-City
Ich hatte gleich "Sin-City" im Kopf :)

Elf Millionen Einwohner lebten hier inmitten riesiger Wolkenkratzer und leerer Versprechungen.
Doch New York?

Er parkte den Kombi seiner Frau gegenüber einer Eckkneipe namens 'Zum hinkenden Heinrich'.
Uff - 'Zum hinkenden Heinrich' klang dann doch eher nach Dorfkneipe. Vielleicht den Namen einfach weglassen - oder hatte der noch eine tiefere Bedeutung?

Ich habe den Eindruck,d ass der Kampf mit Ryan nur funktioniert, weil man solche Kämpfe schon zu oft gesehen hat - was aber auch ok ist. :)

Das war nicht irgendein Typ. Er war überhaupt kein Mensch.
Hat mir gefallen.

Anton richtete seinen Oberkörper auf und nahm die Zigarette an, die ihm Pablo entgegenhielt.
Hier war ich verdutzt, wie der nicht-Mensch dann einfach so zu Pablo wurde, oder ob Pablo dann doch noch jemand ganz anderes ist.

Ansonsten fand ich es ganz schön gemacht, dass Pablo seinen Wahnsinn weiderspiegelt.

Er schloss die Augen, dann drehte er sich um und verschwand in die Nacht.
Das mache ich auch gleich :)

Ich hoffe, Du kannst mit meinem Leseeindruck etwas anfangen.

gern gelesen
pantoholli

 
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Hallo @Leonhardt Cohen

Danke für die kleine Action-Geschichte, habe sie gerne gelesen. Leider versäumt es die Story, den Hauptcharakter adäquat einzuführen, oder zumindest so, dass ich als Leser irgendwas empfinde, wenn ich mit ihm und seiner 44er Magnum auf den Rachefeldzug mitgehe. So lese ich das eher emotionslos runter, ja, die Actionszenen sind nicht schlecht gemacht, aber das kennt man halt schon von woanders. Stattdessen beschreibst Du die Stadt, dieses Sky-City, welche ich mir gut vorstellen kann, jedoch klingt der Name irgendwie nach Zukunft und sie hebt sich dann doch zu wenig von einer gewöhnlichen Grossstadt des 21. Jahrhunderts ab. Da wäre noch Potential vorhanden, zumindest wenn es so ein wenig mehr in Richtung Cyberpunk gehen soll. Aber vielleicht interpretiere ich hier einfach zu viel rein und das war gar nie deine Intention.
Dein Schreibstil ist ziemlich rasant, lässt sich gut lesen, ohne grosse Stocker. Angenehmer Flow. In Kombination mit der Kürze des Textes, ist das Ding runter, bevor es vollends in Fahrt gekommen ist. Ich würde Dir unbedingt vorschlagen, mehr Emotionen in den Text einzubauen. Was fühlt Anton genau, bei dem was er tut? Ist er wirklich nur einfach eine kalte Tötungsmaschine? Oder steckt da noch mehr in ihm, als der Text mir bis hierher verraten wollte? Immerhin hat er Frau und Kind, die tot in seinem Wagen liegen. Was ich sagen will, momentan wirkt Anton sehr austauschbar auf mich, er hat nichts, was ihn von anderen Actionhelden abhebt. Weshalb die gesamte Geschichte leider etwas generisch scheint, da es ihr meiner Meinung nach vor allem an Alleinstellungsmerkmalen fehlt.

Hier noch ein wenig Textliches:

Leitplanken. Anton riss gerade noch rechtzeitig am Lenkrad. Sekundenschlaf … was wäre das für ein jämmerliches Ende gewesen?
Leitplanken! Mit Ausrufezeichen, schliesslich schafft er es ja gerade noch, den Wagen auf der Strasse zu halten.

Nichts durfte ihn ablenken, nichts aufhalten.

Nach einer Weile liefen ihm feine Schweißperlen über die Stirn, woraufhin er den Kragen seines Hemdes öffnete. Er musste ruhig bleiben, die Fassung bewahren. Es ist nicht mehr weit, dachte er. Nicht mehr lange und das alles würde vorbei sein.

In diesem kurzen Abschnitt ist mir der etwas inflationäre Gebrauch des Wortes nicht(s) aufgefallen. Klar, an der Stelle bestimmt ein Stilmittel, gefällt mir aber nicht so wirklich. Wirkt generisch.

Der Regen war die letzte Stunde stärker geworden und die Scheibenwischer hatten Probleme, die Oberhand zu bewahren.
Das Bild zündet nicht so recht, was am ungenauen Nebensatz liegt. Der Regen war die letzte Stunde stärker geworden und die Scheibenwischer kämpften machtlos gegen die Wassermassen an. Auch nicht das Gelbe vom Ei, aber so in die Richtung fände ich es besser.

Elf Millionen Einwohner lebten hier inmitten riesiger Wolkenkratzer und leerer Versprechungen.
Ich hätte geschrieben, leeren Versprechungen.

Unweit davon entfernt warf eine Frau einen Gegenstand an den Hinterkopf eines Passanten und streckte diesem dann beide Mittelfinger entgegen.
Die Beschreibungen zuvor sind stärker als das Bild hier, weshalb es noch weiter abgeschwächt wird. Würde ich rausnehmen, klingt eher komisch als alles andere.

Er parkte den Kombi seiner Frau gegenüber einer Eckkneipe namens 'Zum hinkenden Heinrich'.
Ich glaube, das wurde schon in einem anderen Kommentar erwähnt. Klingt nach Dorfkneipe und nicht nach Sky-City ;)

Ein letzter Blick in den Spiegel offenbarte ihm einen gezeichneten, müden Mann.
Gezeichnet von was? Einfach so bekomme ich kein Bild.

Daneben schüttete sich ein älterer Kerl einen kurzen hinter die Binde. Diese Leute stellten für Anton keine Gefahr dar. Am hinteren Ende des Tresens bemerkte er den Barkeeper, der in eine Unterhaltung mit einem seiner Stammgäste vertieft war.
Wortwiederholung von hinter, die mir aufgefallen ist.

Antons Rückkehr war den anderen sicherlich nicht verborgen geblieben.
Den Satz würde ich rausnehmen. Er hat gerade um sich geballert, da denke ich doch, dass die anderen Bösewichter zur genüge in Alarmbereitschaft sind, oder? ;)

Die Säufer ignorierend, trat er über die Leichen hinweg und öffnete eine Tür, die als PRIVAT gekennzeichnet war.
Welche Säufer ignoriert er hier?, dachte ich mir erst. Aber wahrscheinlich sind nicht alle Gäste des "Hinkenden Heinrichs" erschrocken geflohen, sondern die wahren Säufer haben sich nichts anmerken lassen und sind bei sich und ihrem Alkohol geblieben ... Kurz zuvor ignoriert er schon die fliehenden Leute, das ist mir als unschöne Wiederholung aufgefallen. Dann noch: Er tritt über die Leichen hinweg. Den Barkeeper hat er hinter der Bar erschossen (und der ist sicher auch dort zusammengebrochen) und den Glatzkopf vor dem Tresen. Der Satz liest sich für mich aber so, dass er gleichzeitig oder kurz nacheinander über beide Leichen hinwegtritt, also als lägen da die beiden Erschossenen direkt nebeneinander auf dem Boden. Wieso muss er überhaupt über beide Toten hinwegtreten?

Für Anton bewegte sich alles in Zeitlupe, er war nun wieder auf seiner Bühne angekommen, bereit, dem Publikum das Finale zu bieten, das es verdiente.
Welchem Publikum?

Er schoss dem Mann ohne zu zögern dreimal in die Brust, woraufhin dieser durch die Wucht der Kugeln zurück in das Zimmer geschleudert wurde, aus dem er gekommen war.
Nebensatz streichen, ist meiner Meinung nach überflüssig.

Erst jetzt erkannte Anton, dass es sich um Ryan handelte. Ryan, genannt 'Der Stier', war ein alter Kamerad, mit dem er in der Vergangenheit viele Geschäfte abgewickelt hatte.
Wieso erkennt er Ryan erst jetzt? Ist's da drin irgendwie dunkel? Die vielen geschäftlichen Aktivitäten in der Vergangenheit müssten doch das Aussehen Ryans überklar in Antons Gedächtnis gebrannt haben? Ryan, "den Stier", vergisst man doch nicht!

Das war nicht irgendein Typ. Er war überhaupt kein Mensch.
Anton richtete seinen Oberkörper auf und nahm die Zigarette an, die ihm Pablo entgegenhielt.
Gefällt mir eigentlich, klingt auch wieder etwas nach Cyberpunk. Aber das Bild, dass er kein Mensch ist, schwächst Du gleich darauf wieder ab, weil Du ihm einen Namen wie Pablo gibst. Da habe ich einfach einen hundsgewöhnlichen Hispano-Gangster-Verschnitt vor Augen. Die Stelle zündet mir zu wenig.

Zurück im Flur starrte Anton die letzte Zimmertür an. Er blieb noch einen Moment stehen, dann trat er sie ein. Ein Mann kauerte hinter einem breiten, blank polierten Eichentisch.
„Anton, bitte … du musst das verstehen … das alles sollte so nicht passieren! Ich bin von einer Bande inkompetenter Lackaffen umgeben“, stammelte der alte Mann
Hätte der Typ nicht unterdessen einen Fluchversuch unternehmen können? Gibt's keine Fenster im Raum? Der kauert hinter dem Tisch und wartet auf ihn. Anton hat es halt auch ein wenig einfach, da gibt es keine grossen Konflikte während seiner Aufgabe, er läuft da durch und ballert alle Bösen über den Haufen. Der grösstenteils gut geschriebene Fight mit Ryan kann diesen Eindruck dann leider auch nicht mehr retten.

Diese Hunde! Ich werde sie alle abschlachten lassen! Ich zerhacke ihre Köpfe und lasse sie im Dreck dieser Stadt verrotten!
Das Unterstrichene klingt mir zu wenig böse und verzweifelt, da musste ich eher lachen.

Sieben Schüsse hallten durch die Halle des Königs, dann war er gefallen.
Der Satz passt für mich nicht in die Geschichte. Soll das kunstvoll sein? Klingt so nach Mittelalter und nicht nach Zukunft ... Ja, der König wurde schnell enthront, ohne grosse Mühen auf sich zu nehmen. Die Stelle sollte den Leser ausatmen lassen, puuuh, geschafft, der Bösewicht wurde erledigt, dass ging ja gerade nochmal gut! Aber leider klappt das nicht.

Anton regte sich so lange nicht, bis der letzte Qualm aus der Mündung seiner Waffe entwichen war. Dann warf er sie fort.
Wieso wartet er denn und wieso wirft er die Knarre danach weg? Sein Rachefeldzug ist beendet, da wird er wohl gleich zum Pazifisten.

Ihm kam es beinahe so vor, als wollte die Natur ihn reinigen, als würde der Regen nicht nur das Blut von seiner Kleidung und seinem Körper waschen, sondern ihn auch von Lasten befreien, die tief verwurzelt waren.
Von den tief verwurzelten Lasten habe ich leider nichts mitbekommen, ansonsten hätte ich vielleicht besser mit Anton mitfühlen können.

Nimm's mir nicht übel, vieles von den Anmerkungen ist persönlicher Geschmack. Aber dennoch: Gib dem Anton ein Gesicht, damit die Geschichte nicht so belanglos wirkt. Mache Antons Truimph über die Bösen etwas beschwerlicher für ihn, baue einen Konflikt mehr ein und die bestehenden aus. Zum Beispiel als er mit dem einen Gegner kämpft (glaube, Ryan war's), bricht dieser ihm ein paar Rippen und zertrümmert Antons Nase, das ist aber völlig irrelevant für die Geschichte, weil es keine Konsequenzen hat. Anton wird dadurch in keiner Art und Weise beeinträchtigt. Kurz: So wie es im Moment da steht, geht das alles viel zu einfach, da gibt es keinen ernsthaften Widerstand. Geschrieben finde ich es wie gesagt gut und trotz meiner Kritik hat mich deine Story dennoch unterhalten.

Grüsse aus Night City
DM

 
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Hey @Leonhardt Cohen !

Ich hab deine Geschichte gerne gelesen. Ich kann mich allem, was bisher gesagt wurde, nur anschließen. Als Finale finde ich das Geschriebene durchaus angemessen und unterhaltend. Ich finde es ebenfalls sehr flüssig geschrieben. Für mich fehlt im Wesentlichen die Charakterisierung von Anton und ein echter Konflikt. Momentan begleiten wir lediglich eine fremde Person auf ihrem Rachefeldzug.

Die Idee hinter Pablo als Wahnvorstellung aufgrund des traumatischen Verlustes finde ich super spannend. Da wäre aus meiner Sicht einiges an Potenzial, wenn man die Geschichte mit einem großen Twist am Ende erzählen möchte. Was wäre wenn Anton schon sehr viel früher auf Pablo trifft? Wenn die beiden zusammen eine (Rache-)Aktion planen? Man könnten durch den Austausch zwischen Pablo und Anton über die Familie (Tochter und Mutter) sicherlich viel Charakterisierung erzeugen. Wie geht Pablo mit dem Verlust um vs. Anton? Zwingt Anton ihn mitzumachen, oder ist das freiwillig? Wird dann irgendwann sehr Sixth-Sense mäßig - aber finde die Idee wie gesagt sehr spannend :D

Ich denke du wirst sicherlich eine Menge eigener Vorstellung zu Anton und seiner Geschichte haben und ich würde mich sehr über einer weiterentwickelte Version freuen!

LG

T

 
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Hi @pantoholli @DissoziativesMedium & @tbrak ,

wow, vielen Dank für die ganzen Eindrücke, Korrekturen und das Lesen der kleinen Action-Einlage :bounce:
Damit wurde der Nagel auf den Kopf getroffen: Schreibe ich ansonsten "Slowburner" (mitunter brennt da leider dann auch nichts :silly:), wollte ich mit dieser Geschichte meinen Schreibstil erweitern - neues Terrain erkunden, wenn man so will - und einen eher geradlinigen Rachefeldzug skizzieren. Das scheint halbwegs funktioniert zu haben, doch blieben dabei andere Aspekte, wie Emotionen oder "Worldbuilding", auf der Strecke. Meine Rohfassung kam sogar ganz ohne jeglichen Twist oder imaginäre Schildkröten aus. Ich finde es faszinierend, wie Geschichten beim Überarbeiten wachsen und durch Gedankenspiele zu mehr werden, als ursprünglich beabsichtigt. Nach eurem Input sind mir zahlreiche verpasste Chancen aufgefallen, die der Geschichte so gut getan hätten.

Ich hatte gleich "Sin-City" im Kopf :) (...) Doch New York?
Der faule Autor hat "Einwohnerzahl Großstadt" in die Suchmaschine eingetippt und New Yorks Statistiken ganz oben gefunden - erwischt :lol:. "Sin-City" war leider auch schon vergeben... haha. Unterbewusst wollte ich die Geschichte wohl in der Zukunft spielen lassen; ich hatte diese Idee dann aber nicht weiter verfolgt. Mein Fokus lag zunächst auf blutiger Rache :peitsch:.
Uff - 'Zum hinkenden Heinrich' klang dann doch eher nach Dorfkneipe. Vielleicht den Namen einfach weglassen - oder hatte der noch eine tiefere Bedeutung?
Stimmt, wird gestrichen. Ursprünglich dachte ich daran, Anglizismen zu vermeiden - was darin mündete, dass Anton mal Teil einer Kneipe gewesen war, die von radikalen Deutschen betrieben wurde. Die Idee verwarf ich allerdings schnell wieder, der Name blieb irgendwie.
Stattdessen beschreibst Du die Stadt, dieses Sky-City, welche ich mir gut vorstellen kann, jedoch klingt der Name irgendwie nach Zukunft und sie hebt sich dann doch zu wenig von einer gewöhnlichen Grossstadt des 21. Jahrhunderts ab. Da wäre noch Potential vorhanden, zumindest wenn es so ein wenig mehr in Richtung Cyberpunk gehen soll. Aber vielleicht interpretiere ich hier einfach zu viel rein und das war gar nie deine Intention.
Die Geschichte spielt tatsächlich in der Zukunft, nur hatte ich im Wahn meines Rachefeldzugs jegliche Ideen dazu beiseite geschoben. Ein großer Fehler, deine Überlegungen in Richtung Cyberpunk finde ich klasse!
Wieso erkennt er Ryan erst jetzt? Ist's da drin irgendwie dunkel? Die vielen geschäftlichen Aktivitäten in der Vergangenheit müssten doch das Aussehen Ryans überklar in Antons Gedächtnis gebrannt haben? Ryan, "den Stier", vergisst man doch nicht!
Damit wollte ich verdeutlichen, wie schnell und "überfallartig" die ganze Szene ausgespielt wird. Anton kämpft um sein Leben und hat dabei kaum Gelegenheit, einen klaren Gedanken zu fassen. Aber du hast recht - gerade weil Ryan ja so eine markante Erscheinung ist, macht das wenig Sinn. Wird geändert!
Das Unterstrichene klingt mir zu wenig böse und verzweifelt, da musste ich eher lachen.
Die zerhackten Köpfe, hachja... da musste ich auch lachen. Irgendwie gefällt mir dieser Stimmungsumschwung des Bosses. Ich kann aber verstehen, wenn das seltsam anmutet.
Womit wir auch beim König und seinem Niedergang wären:
Der Satz passt für mich nicht in die Geschichte. Soll das kunstvoll sein? Klingt so nach Mittelalter und nicht nach Zukunft ... Ja, der König wurde schnell enthront, ohne grosse Mühen auf sich zu nehmen. Die Stelle sollte den Leser ausatmen lassen, puuuh, geschafft, der Bösewicht wurde erledigt, dass ging ja gerade nochmal gut! Aber leider klappt das nicht.
In meinen Gedanken war er ein Unterweltboss; ein Strippenzieher, unter dessen Einfluss sich Sky-City zu diesem trostlosen Ort entwickelt hat. Ein König der Nacht eben.
Ich denke, wenn ich u.a. den Zukunftsaspekt deutlicher ausspiele, könnte das in der nächsten Version besser funktionieren.
Von den tief verwurzelten Lasten habe ich leider nichts mitbekommen, ansonsten hätte ich vielleicht besser mit Anton mitfühlen können.
Absolut richtig, wird beim überarbeiten hoffentlich deutlicher!
Mache Antons Truimph über die Bösen etwas beschwerlicher für ihn, baue einen Konflikt mehr ein und die bestehenden aus. Zum Beispiel als er mit dem einen Gegner kämpft (glaube, Ryan war's), bricht dieser ihm ein paar Rippen und zertrümmert Antons Nase, das ist aber völlig irrelevant für die Geschichte, weil es keine Konsequenzen hat. Anton wird dadurch in keiner Art und Weise beeinträchtigt.
Ich denke, dass ich mich bei dieser kleinen Geschichte an Denzel Washington aus dem Film "The Equalizer" orientiert habe. Ich mochte den Kämpfer, dem kein Bösewicht gewachsen war:chaosqueen:. Mehr Spannung wäre der Geschichte aber wirklich zuträglicher!
Die Idee hinter Pablo als Wahnvorstellung aufgrund des traumatischen Verlustes finde ich super spannend. Da wäre aus meiner Sicht einiges an Potenzial, wenn man die Geschichte mit einem großen Twist am Ende erzählen möchte.
Ursprünglich hatte ich Pablo in einer späteren Version eingebaut, um Anton wenigstens "etwas" mehr Fleisch zu geben; damit der Leser einen kurzen Blick in sein Innerstes werfen konnte, ohne die ganze Sache zu sentimental werden zu lassen. Außerdem sollte der Leser einen indirekten Hinweis auf den Zustand seiner Tochter erhalten.
Deine Idee finde ich aber unglaublich spannend. Wer weiß, vielleicht kann ich es adäquat umsetzen!


Ich danke euch nochmals für eure Gedanken und Verbesserungen - hoffentlich sehen wir uns bald in einer verbesserten Version von Sky-City oder anderswo bei den Wortkriegern wieder! Habt noch eine entspannte Woche

 
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Hi @Rob F , @pantoholli , @DissoziativesMedium und @tbrak ,

ich habe die Geschichte 'Blutregen' in den letzten Tagen grundlegend überarbeitet und mich von der ursprünglichen Fassung - wie ich finde - sehr weit entfernt. Eure Anmerkungen und speziell die Gedanken zum Thema Zukunft & Cyberpunk gingen mir dabei immer wieder durch den Kopf.
Am Ende ist da ein kleines Universum entstanden, welches das Rad nicht neu erfindet, aber vielleicht die ein oder andere spaßige Idee bereithält - und an dem ich in Zukunft weiterschreiben möchte.

Es würde mich tierisch freuen zu erfahren, wie euch die neue Version gefällt - ob ihr die Richtung spannend und den Text im Allgemeinen besser findet!

So oder so wünsche ich euch noch eine schöne Woche und viel produktive Lese- und Schreibzeit.

Euer Leo

 
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Hallo nochmal :)

Es würde mich tierisch freuen zu erfahren, wie euch die neue Version gefällt - ob ihr die Richtung spannend und den Text im Allgemeinen besser findet!
Vorab die Kuze Antwort: Jein. :)
Mir hatte die kürze des Textes gefallen, jetzt ist das mit der größeren Background-Welt aufgeblähter geworden - daran muss ich mich erst gewöhnen. Aber das ist ok.
Ungeschickter finde ich, dass dadurch Logik-löcher einzug gehalten haben, die vorher nicht aufgefallen sind (oder nicht da waren) - dazu gleich mehr in den Details :)

Eine Änderung, die mir am allerwenigsten gefallen hat, ist: dass er seine Familie nicht mehr rumfährt. Dies war so schön "Show". So schön skurriel. So passend dunkel. Da brauchte man nichts zu erklären. Jetzt musstest Du einen Erinnerungsblock an den Tod seiner Familie einbauen. Das hatte für mich gleich mehrere Sachen, die dadurch ungeschickter wurden: zum Einen wird eine rasante Actionszene unterbrochen, was den Lesefluß aufhält (man muss sich als Leser mitten in der Action auf eine neue Szenerie einlassen). Zum Anderen ist das "Tell", was vorher schönes "Show" war. Und zu guter Letzt hast Du damit eine schöne Pointe verloren, die vorher den "Charm" des Textes gesteigert hatte.

Oh -da sind wir doch schon mitten in den Dateils, dann fange ich mal vorne an :)

Sekundenschlaf
...
Die integrierte VI meldete sich über die Lautsprecher: „Achtung! Die Systeme zeigen einen erhöhten Blutdruck und Hirnstromwellen, die nach Paragraph 17 der PIT-Regularien als gefährlich einzustufen sind.
Das ist ein Beispiel für "Logik-Löcher" - oder zumindest Dinge, die nicht ganz durchdacht erscheinen: Heutzutage brüllt mich mein Auto schon mit "brauchen Sie eine Pause?" an, wenn ich noch nichtmal daran denke, müde zu werden. Hier pennt er für eine Sekunde ein - dann meldet sich das Auto erst? mhm. Technik wird schlechter aber lauter?

Seht her, wie modern wir uns die Fresse einschlagen können!
Ich will nicht nur meckern. Diesen Satz fand ich großartig!!!
Jede gottverdammte Fassade zierte Werbeprojektionen und strahlende Neonröhren.
Das "gottverdammt" ist eher aus den Gedanken des Protagonisten, also "wertend". Diese Anmerkung nur als Hinweis, ob Du dem Erzähler so eine Persönlichkeit geben magst.
Die Menschen machten sich selbst etwas vor, wenn sie den überall aufblitzenden, leeren Versprechungen über den Weg trauten. Ein schwindend geringer Prozentsatz mochte in dieser Stadt sein Glück finden; der Rest war abseits von Business- und Regierungsvierteln in Armut, Drogen- und Gewaltexzessen gefangen.
Das ist "Tell" und langweilt etwas. Das kann auch kaum aus den Gedanken des Protaginisten kommen, da der mit seinem Hass beschäftigt ist.
Eine Mischung aus Gülle und billigem Eau de Toilette breitete sich - trotz der integrierten Filter - über die Lüftung im Wagen aus.
Den Satz dagegen fand ich wiederum wunderbar. Er "erzählt", verbindet durch die Lüftung das Elend aber direkt mit der Geschichte: toll!
Die feinen Körner gruben sich über die Zeit tief in ihre Haut und hinterließen grässliche Narben; nur die Gesichter waren mit Tüchern, Schleiern oder Staubmasken bedeckt – die Freier mussten ja schließlich erkennen können, worauf sie sich einließen.
Der Nachsatz mit der Erklärung ist so für Vorschulkinder geeignet. Traue dem Leser ruhig zu, diesen Gedanken selbst nach der Beschreibung zu haben.

Daraufhin lachte der Alte spöttisch. „Gott hat uns schon lange verlassen, mein Freund.“
Ich dachte erst der Alte wäre Pablo.
Dabei fällt mir auf: Pablo hat mir gefehlt. Der Alte und die Doppelgänger sind kein adäquater Ersatz für Pablo. Pablo hatte sein Durchdrehen symbolisiert. Es gab dem Protagonisten Charakter. das fehlt.

Nachdem die Bahn abgefahren war, setzte sich Jay wieder in Bewegung und betrat schließlich die Kneipe.
Was für eine Bahn?
In diesem Moment ließ der Barkeeper ein Glas mit einem lauten Scheppern zu Boden fallen - er hatte Jay und seine 44er Magnum endlich bemerkt. Eine solche Pistole war heute nur noch schwer zu beschaffen. Nach dem Jahr der Dunkelheit und den darauffolgenden Koalitionskriegen, hatten sich die Impulswaffen des Militärs auch auf den Straßen durchgesetzt.
Der arme Tölpel am Tresen war zu langsam. Noch ehe er reagieren konnte, riss Jay die Waffe hoch und drückte ab.
Diese zwischengeschobene Erklärung in einer Szene, die 2-3 Sekunden dauert, macht für mich die eigentliche Action-Szene kaputt.

denn diesem Augenblick öffneten sich mehrere Türen am Ende des Flurs. Männer in hellen Anzügen eröffneten das Feuer.
Equilibrium? Ultraviolet? ;)
Im zweiten Koalitionskrieg waren modifizierte Void-Cubes eingesetzt worden, deren Toxine ganze Landstriche unbewohnbar gemacht und vielen Menschen einen qualvollen Tod gebracht hatten. Der Würfel, den Jay nun in den Händen hielt, war eine Miniversion dieser 'Todbringer'. Er enthielt kein Gift, war deshalb aber nicht weniger tödlich.
Auch hier nimmt die technische Beschreibung den Drive aus der Szene.
Je weiter Jay vorankam, desto schwerer wurde es für ihn, einen klaren Gedanken zu fassen.
In dem Rausch, in dem er sein sollte, sollte er gar nicht denken. Ich hab sowas noch nicht gemacht, aber aus Filmen und Texten kann man sich zusammenreimen, dass, wenn jemand in so einer Situation anfängt zu denken, dann ist die Nummer durch - Fehlschlag.
„Zwei von uns erst seit wenigen Tagen. Die anderen und ich seit 328 Tagen, 9 Stunden und 34 Minuten.“
Nee. Also so, wie Du die Doppelgänger beschreibst, sollten sie Immer so korrekt sein. Dann sind das nicht "wenige Tage", sondern "3 Tage 4 Stunden und 21 Minuten".

Shania betrachtete die 44er Magnum, die Jay noch immer in den Händen hielt.
Ähm - die hatte er doch im vorhergehendem Kampf verloren. Also ist das "noch immer" falsch. Ein "wieder" wäre passender.

Er spürte, wie Muskeln und Organe zerfetzt wurden.
...
- dann starb er.
...
Geh.
In diesem Moment spürte Jay, wie die auf ihn einwirkenden Kräfte nachließen. Seine Widersacherin glaubte, ihn über die Schwelle des Todes getrieben zu haben.
Mir gefällt dieser "Gladiator"-hafte Einschub nicht.
Am schlimmsten finde ich, dass der Erzähler für mich unglaubhaft dadurch wird. Wenn der Erzähler sagt, "dann starb er", dann nehme ich das ernst. Und wenn mir der gleiche Erzähler dann einen Absatz weiter - einfach so, ohne auf diese (für mich) Tatsache einzugehen -erzählt, dass er doch noch lebt, dann nehme ich dem ganzen Erzähler gar nix mehr ab. Auch "technisch" hat sie die Klinge "quer durch seinen Körper" gezogen. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie er mit einem halb-durchtrenntem Köper da weitermachen könnte. Das ist mir etwas zu viel. An der Stelle dachte ich, er sei ein Doppelgänger - also eine Maschine, aber das war ja nicht die Erklärung. Für mich passt die Stelle so nicht zusammen.

Ein paar Zitate aus dem Text, bevor ich zum letzten Satz komme:

Dahinter verbarg sich der Mann, mit dem alles begonnen hatte – und mit dem alles enden würde.
...
„Das endet heute Nacht“, sagte er und verließ das Zimmer.
...
„Ich muss nur noch zweimal töten, dann ist es getan.“
Und dann kommt am Ende:
Ja, er würde die Mauern schon bald einreißen und die Könige zu Fall bringen.
Das Wiederspricht sich mit dem Rest vom Text. Bis dahin war alles auf diesen Punkt ausgerichtet - und jetzt soll es mit dem letzten Satz einen Anfang darstellen. Vielleicht ist das auch nur so überdeutlich für mich, weil ich die vorige Version des Textes noch "im Kopf" habe ;)

Fazit: Mein Kommentar klingt (glaube ich) schlimmer als es ist ;) Die Idee so eine Zukunftswelt "zu bauen" kann ich nachvollziehen - und ja, sowas macht total Spaß. Insofern will ich Dich da schon ermutigen: Mach gern weiter! Und es ist gut, wenn Du Dir die Dinge (wie den void-cube) auch so Detailhaft vorstellst. Die Aufgabe ist dann eher zu entscheiden, welche Infos du wo - und wie - einbaust. Je komplexer die Welt wird, desto schwieriger ist es, einem diese Welt näher zu bringen, so dass es als Leser spannend bleibt. Und desto risikoreicher wird es, dass einem Logik-Fehler passieren. Und wenn Du da größeres im Sinn hast, solltest Du solche Infos separat notieren - so einen "Almanach der Welt" für Dich selbst als Autor.

Ich hoffe, Du kannst mit meinem Kommentar etwas anfangen ;)

Gruß
Pantoholli

 

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