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Stille Verbundenheit
Bereits im Februar hat sich mit konstanten zwanzig Grad ein Gefühl von Frühling ausgebreitet. Vor drei Tagen öffnete das Eiscafé, nur ein paar Straßen entfernt, geführt von der freundlichen, italienischen Familie. Jeden Tag sind sie im Einsatz, von zehn bis zwanzig Uhr, bis sie Ende Oktober wieder in ihre Heimat fahren und die Gäste traurig zurücklassen.
Ich schließe die Präsentation, an der ich im Homeoffice arbeite und sperre den Laptop. Nachdem ich den Rest Kaffee getrunken habe, verlasse ich mein Arbeitszimmer, nehme Schlüssel und Brieftasche von der Kommode im Flur und verlasse die Wohnung. Das Smartphone lasse ich liegen, es wird während meiner Mittagspause auch ohne mich auskommen.
Von den Tischen, die vor dem Eiscafé in der Fußgängerzone stehen, sind nur noch zwei frei. Kurz nachdem ich mich an einen davon gesetzt habe, kommt Giulia lächelnd zu mir. Sie hat das Café vor einigen Jahren mit ihrem Mann eröffnet und bedient die Gäste alleine, bis ihre beiden Kinder nach der Schule mithelfen.
„Hi Giulia! War's gut in Italien?“, frage ich, wie jedes Jahr, wenn ich nach der Winterpause wieder hier bin.
„Ma si! Aber als wir vom guten Wetter hier hörten, haben wir uns wieder auf den Weg gemacht!“, antwortet sie und wartet mit hochgezogenen Augenbrauen auf meine Bestellung.
Bereits kurz nach der Eröffnung war ich das erste Mal hier, dennoch haben wir uns seitdem kaum mal über etwas unterhalten. Aber es ist auch so eine Verbundenheit entstanden, eine Art stiller Freundschaft zu ihr und ihrer Familie. Nun ist mit ihnen ein Teil meiner Welt wieder da. „Ein Cappuccino, bitte.“
„Bene!“ Nach einem kurzen Nicken geht sie zurück ins Café.
Während ich warte, blicke ich mich um. Drei Tische weiter entdecke ich die ältere Dame, die auch gerne mittags draußen sitzt und immer ein Halstuch trägt, selbst im Hochsommer. Meistens ist es blau, manchmal, so wie heute, lila. Wie schon letztes Jahr überlege ich, was dazu geführt hat, wenn jemand immer wieder hierhin kommt und alleine an einem Tisch sitzt. Wann hat ihr Leben diese Richtung genommen und wann kam der Punkt, an dem sie gemerkt hat, dass sie immer isolierter lebt? Dass sie sich nur noch gelegentlich mit Menschen umgibt und froh ist, nicht vollständig übersehen zu werden? Die kurzweilige Illusion, genauso am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen wie andere.
Bin ich mittlerweile genauso?, frage ich mich, als Giulia den Cappuccino bringt. „Danke!“, sage ich, schon ist sie wieder weg. Ich bin Single, arbeite die meiste Zeit im Homeoffice, verbringe die Mittagspausen oft alleine ... Gehöre ich bereits zu den Isolierten und möchte es nur nicht wahrhaben? Machen sich die Menschen selbst dazu, oder ist es einfach der Lauf der Dinge, wenn man keine Partnerin hat, keine eigene Familie gegründet? Als würde man aus dem lebhaften Zentrum der Gesellschaft immer mehr an den Rand gedrängt.
Die ältere Frau bemerkt mich, rückt ihr Halstuch zurecht und isst dann weiter aus ihrem großen Eisbecher. Ich möchte sie nicht mit meinem Blick stören, nun weiß sie ja, dass auch ich wieder hier bin und fühlt sich vielleicht etwas weniger allein. Nachdem ich einen Schluck getrunken und die Tasse wieder abgestellt habe, sehe ich mich weiter um.
Nahe dem Eingang zum Café sitzen fünf Gäste, drei Männer und zwei Frauen, eng zusammengerückt um den kleinen Tisch. Eine Fahrradgruppe, die Helme liegen neben ihren Füßen. Während sie sich unterhalten, essen sie Eis und trinken von dem Wasser, das sie dazu bestellt haben. Durch den regelmäßigen Sport sehen sie noch nicht so aus, als wären sie bereits in Rente, aber wahrscheinlich sind sie es. Die grauen Haare und die Tageszeit an einem Wochentag lassen es mich vermuten. Ich hatte sie letztes Jahr das erste Mal hier gesehen und überlegt, zu fragen, ob ich mich dazusetzen darf. Ein wenig erzählen, vielleicht mal hören, ob ich eine Tour mitzufahren kann. Dann hätte ich auch einen Grund, mein Rennrad mal wieder aus dem Keller zu holen und sportlich wieder in die Gänge zu kommen.
Aber würde dieser Ort hier dadurch für mich zu etwas anderem, wenn ich aus meiner Anonymität herauskomme und nicht mehr zu den Einzelgängern gehöre? Verliere ich dann die stille Verbundenheit zu denjenigen um mich herum und verschwinde in der Gesprächswelt der Fahrradgruppe?
Es wird etwas heller, als die Schleierwolke über mir weiterzieht. Giulia kommt erneut vorbei, ich trinke den Cappuccino aus und bestelle ein Spaghetti-Eis. Mein eigenes kleines Ritual: Erst Koffein, dann etwas Süßes.
„Bene!“, antwortet sie auch diesmal. Eine unermüdliche Arbeiterin, die es schafft, den ganzen Tag zu lächeln und auch bei Gästen mit kreativen Sonderwünschen freundlich bleibt.
Der Tisch gegenüber wird frei, kurz danach nähert sich eine junge Frau mit Kinderwagen. Ich schätze sie auf etwa fünfundzwanzig. Sie fixiert den Wagen und setzt sich. Nachdem Giulia mir das Eis gebracht hat, bestellt die Frau einen Latte Maccchiato und streichelt dann vorsichtig ihrem schlafenden Sprössling mit der Rückseite des Zeigefingers über die Wange.
Ich beginne zu essen und frage mich, ob ihr Mann gerade arbeitet? Oder gehört sie bereits in jungen Jahren zu den allein erziehenden Müttern, die sich mit dem Ex-Partner um Unterhaltszahlungen streiten? Wenn ja, wäre die Zukunft ihres Kindes dadurch bereits vorgeprägt? Vielleicht ist sie aus ähnlichen Gründen hier wie ich und umgibt sich mit fremden Menschen, um sie für eine kurze Zeit als Schutz gegen das Alleinsein zu haben. Immer wieder macht sie die Augen zu, hält es aber nie lange durch, sich ein wenig auszuruhen, und sieht nach ihrem Kind, gefolgt von einem Blick auf das Smartphone, das sie vor sich auf den Tisch gelegt hat. Auch nachdem ihr das Getränk gebracht wurde, setzt sie dieses Verhalten fort.
Für einen Moment schließe ich ebenfalls die Lider und versuche die Atmosphäre dieses Ortes zu spüren. Durch die Geräusche um mich herum, den Geruch von Eis und Café. Ein leichter Wind weht an mir vorbei, an meinen Ohren, wie ein Hintergrundrauschen zu den Gesprächen, die von manchen Tischen zu mir dringen. Genauso zu den Schritten, wenn Giulia vorbeieilt, wenn Gäste kommen und gehen. Etwas weiter entfernt die knisternden Tüten der Passanten, die von Geschäft zu Geschäft eilen.
Während ich immer tiefer in dieser kleinen Welt versinke, breitet sich ein Gefühl von Geborgenheit in mir aus. Die Klänge der Umgebung vereinen sich mit dem Wind zu einem stetigen Rhythmus, der zufällig klingt, aber dennoch wie eine harmonische Einheit. Erzeugt von den Menschen um mich herum, auch von denjenigen, die alleine sind, die Kaffee trinken und Eis essen und froh sind, ein Teil davon zu sein. Ich genieße den Moment und lächele, denke an einen Strand, an Wellen, die in gleichmäßigen Abständen den noch trockenen Sand erreichen. Deren ruhiges Plätschern ab und zu vom Zetern der Möwen begleitet wird. Bis ich zusammenzucke, als mir jemand auf die Schulter tippt. Blinzelnd öffne ich die Augen und blicke zu Giulia auf.
„Brauchst wohl noch einen Kaffee!“, meint sie und lacht kurz.
„Was? Nein, ich … Heute nicht mehr, muss langsam mal weiter machen. Moment … stimmt so!“
„Grazie! Ciao!“ Sie steckt den Zehn-Euro-Schein ein, den ich ihr gegeben habe und eilt zum nächsten Gast.
Nachdem ich das Spaghetti-Eis aufgegessen habe, stehe ich auf und komme an dem Tisch mit der Fahrradgruppe vorbei. Eine der beiden Frauen sieht kurz zu mir. Ich deute ein Lächeln an, gehe weiter und entschließe, mich nicht irgendwann dazuzusetzen. An diesem Ort, dem Eiscafé von Giulia und ihrem Mann, ist für mich alles so, wie es sein soll. Für einige Zeit werde ich Teil einer Gemeinschaft und bestimme selbst, wann und wie oft. Mehr brauche ich hier nicht, eine kleine Flucht vom Alltag ohne Verpflichtungen.
Nach einigen Schritten fällt mir ein, dass ich etwas vergessen habe, also halte ich an und kehre um. Auch ein Eis für den Heimweg war bisher Teil meines Rituals. Ich grüße an der Verkaufstheke Giulias Mann und entscheide mich für Orange und Zitrone, in der Hoffnung auf einen schönen Frühling.
Wieder zu Haus angekommen prüfe ich mein Smartphone und finde die Nachricht eines Freundes, mit der Frage, wie es am Wochenende mit Fußballgucken aussieht. Kann ich später beantworten, entscheide ich und schmiere mir in der Küche ein belegtes Brot, nehme eine Dose Cola aus dem Kühlschrank und schlendere ins Arbeitszimmer. Nachdem ich meine Mails gesichtet und nichts Dringendes gefunden habe, esse und trinke ich etwas und mache mit der Bearbeitung der Präsentation weiter.
Ab und zu schließe ich die Augen, denke an Strand und Meer, während ich versuche, die Atmosphäre des Eiscafés zu spüren. So richtig gelingt es mir hier in meinem Zuhause noch nicht, aber vielleicht wird es besser, je öfter ich das Café besuche. Die Saison hat gerade erst begonnen und ich freue mich darauf, die anderen Stammgäste zu sehen, die heute nicht da waren. Weitere Momente der Gemeinschaft, deren Wert wahrscheinlich viele in meinem Umfeld nicht verstehen würden.
Bevor ich weiterarbeite, suche ich mir für den Laptop ein neues Hintergrundbild. Nicht lange und ich finde eins mit Stühlen an einer Strandpromenade, im Hintergrund türkisfarbenes Meer. Morgen schaue ich wieder im Eiscafé vorbei. Ganz bestimmt!